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BENJAMIN PERCY

Jemand wird dafür
bezahlen müssen

Stories

Aus dem Amerikanischen
von Klaus Berr

Luchterhand

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel
Refresh, Refresh bei Graywolf Press, Minneapolis.

1. Auflage
© 2007 by Benjamin Percy
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe
by Luchterhand Literaturverlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-641-15851-4

www.luchterhand-literaturverlag.de

Für Lisa

INHALT

ABHOLEN, ABHOLEN

DIE HÖHLEN IN OREGON

DER WALD

TÖTEN

KERNSCHMELZE

GEFLÜSTER

DER SCHLAMPIGE BAUMEISTER

JEMAND WIRD DAFÜR BEZAHLEN MÜSSEN

DER UNFALL

ALS DER BÄR KAM

DANKSAGUNGEN

ABHOLEN, ABHOLEN

Wenn die Schule aus war, gingen wir beide in meinen Hinterhof, um zu kämpfen. Wir versuchten, uns gegenseitig härter zu machen. Also warfen Gordon und ich im Schatten der Kiefern und Lärchen unsere Rucksäcke aufs Gras und legten einen hellgrünen Gartenschlauch Ende an Ende so zusammen, dass er einen Ring bildete. Dann zogen wir unsere Hemden aus, streiften unsere goldfarbenen Boxhandschuhe über und kämpften.

Jede Runde dauerte zwei Minuten. Wenn man aus dem Ring trat, hatte man verloren. Wenn man weinte, hatte man verloren. Wenn man k.o. geschlagen wurde oder »Stopp« rief, hatte man verloren. Danach tranken wir Coca-Cola und rauchten Marlboros, obwohl der Brustkorb bebte und das Gesicht alle Schattierungen von Schwarz, Rot und Gelb zeigte.

Wir fingen an zu kämpfen, nachdem Seth Johnson – ein halsloser Football-Schrank mit Zähnen wie Maiskörnern und Händen wie T-Bone-Steaks – Gordon verprügelt hatte, bis sein Gesicht anschwoll und aufplatzte und sich an den Rändern violett verfärbte. Nach einer Weile wurde er wieder, und als die groben Schorfe abplatzten, zeigte sich darunter ein Gesicht, das anders war, als ich es in Erinnerung hatte, älter, kantiger, grimmiger, mit einer gummiartigen weißen Narbe, die seine linke Augenbraue teilte. Es war seine Idee, dass wir gegeneinander kämpfen sollten. Er wollte bereit sein. Er wollte denjenigen wehtun, die ihm wehtaten. Und wenn er unterging, dann würde er es mit fliegenden Fahnen tun, so, wie sein Vater es gewollt hätte. Das war alles, was wir wollten, unsere Väter zufriedenzustellen, sie stolz zu machen, auch wenn sie uns verlassen hatten.

Das war in Tumalo, Oregon, einer hochgelegenen Wüstenstadt in den Ausläufern der Cascade Mountains. In Tumalo haben wir fünfzehnhundert Einwohner, eine Dairy Queen für regionale Milchprodukte, eine BP-Tankstelle, einen Food-4-Less Supermarkt, ein sattgrünes, von einem Kanal bewässertes Football-Stadion und die übliche Ansammlung von Kneipen und Kirchen. Nichts unterscheidet uns von Bend oder Redmond der La Pine oder jeder anderen der belanglosen Städte am Rand der Route 97 bis auf eines: Wir sind die Heimat des Zweiten Bataillons der 34th Marines. Die knappe zwanzig Hektar große, in den 80ern errichtete Basis ist eine Ansammlung von einstöckigen Schlackesteinbauten, aufgelockert von Beifuß und Trespengras. Anscheinend ähneln die Bedingungen in Oregons Weideland denen im Mittleren Osten, vor allem denen im gebirgigen Terrain Afghanistans und im Nordirak, und meine ganze Kindheit lang konnte ich, wenn ich mir die Hand ans Ohr legte, das Muhen von Stieren, das Blöken von Schafen und das Knallen von Sturmgewehren hören, das von den Hügeln herunterbellte.

Unsere Väter – Gordons und meiner – waren wie die anderen Väter in Tumalo. So ziemlich alle hatten sich als Teilzeitsoldaten anwerben lassen, als Reservisten gegen die dafür übliche Bezahlung: einige Tausend pro Jahr für einen gewöhnlichen Soldaten, einige Tausend mehr für einen Sergeanten. Biergeld nannten sie es, und zwei Wochen pro Jahr und ein Wochenende pro Monat trainierten sie. Sie legten ihre Kampfanzüge an und packten ihre Rucksäcke und küssten uns zum Abschied. Dann schlossen sich die Tore des Zweiten Bataillons hinter ihnen.

Unsere Väter verschwanden dann in den kiefernbewachsenen Hügeln und kehrten am Sonntagabend mit vom Wetter geröteten Gesichtern, vor Erschöpfung zitternden Bizepsen und nach Waffenöl riechenden Händen zu uns zurück. Sie benutzten Kürzel wie ECP und RRP und MEU und WMD und machten mitten im Wohnzimmer Liegestütze und nannten sechs Uhr abends achtzehnhundert und klatschten sich gegenseitig ab wie Basketballer und riefen »Semper Fi!«. So vergingen ein paar Tage, und dann waren sie wieder genauso wie immer, wie die Männer, die wir kannten: Coors trinkende, Baseball werfende, sackkratzende, nach Aqua Velva riechende Väter.

Jetzt nicht mehr. Im Januar wurde das Bataillon aktiviert, und im März brachen sie auf in den Irak. Unsere Väter – unsere Trainer, unsere Lehrer, unsere Friseure, unsere Köche, unsere Tankwarte und UPS-Lieferfahrer und Deputies und Feuerwehrmänner und Mechaniker – unsere Väter, so viele von ihnen, stiegen in die olivefarbenen Schulbusse und drückten ihre Handflächen an die Scheiben und schenkten uns das tapferste, hoffnungsfroheste Lächeln, das man sich vorstellen kann, und verschwanden. Einfach so.

Nachts stieg ich manchmal auf meine Honda Enduro und fuhr durch die Hügel und Täler des Deschutes County. Unter mir fauchte und vibrierte der Motor, und der Wind um mich herum sprang mich an wie etwas Lebendiges, versuchte, mich von meiner Maschine zu zerren. Eine dunkle Welt glitt vorbei, als ich herunterschaltete, mich in eine Kurve legte und auf einer Geraden wieder beschleunigte – das Tempo kletterte auf hundert, hundertzwanzig –, meine ganze Konzentration nur auf die zwanzig Meter Straße gerichtet, die vor mir aufleuchteten. Auf diesem Motorrad konnte ich fahren und fahren und fahren, weg von hier, die Cascades hoch und über sie hinweg, durch das Willamette Valley, bis ich den Ozean erreichte, wo die breiten schwarzen Rücken der Wale regelmäßig durch die Wasseroberfläche brachen und dann noch weiter – noch sehr viel weiter –, bis hin zum Horizont, wo mein Vater auf mich wartete. Unweigerlich landete ich dann am Hole in the Ground, dem riesigen Loch in der Erde.

Vor vielen Jahren kam ein Meteor aus dem All heruntergesaust und hinterließ einen Krater von über fünfzehnhundert Metern Durchmesser und hundert Metern Tiefe. Das Hole in the Ground wird im Winter von den waghalsigsten Rodlern unter uns frequentiert und im Sommer von bärtigen Geologen der Oregon State University, die sich für die am Grund verstreut liegenden Metallfragmente interessieren. Ich ließ die Füße über den Kraterrand baumeln, lehnte mich zurück und stützte mich auf die Ellbogen und schaute in den Himmel – kein Mond, nur Sterne –, kaum weniger schwarz als eine Krähe. Alle paar Minuten schien sich ein Stern zu lösen, der in einem hellen Aufblitzen durch den Himmel sauste und im Nichts verglühte. In geringer Entfernung beleuchtete der grünlich graue Schein von Tumalo den Himmel – eine Mahnung daran, wie knapp vor der Auslöschung wir vor fünfzig Jahren gestanden hatten. Ein Brocken Weltraumeis oder ein Solarwind im richtigen Augenblick hätte den Meteor ein klein wenig aus der Bahn bringen können, so dass er nicht hier, sondern genau auf der Kreuzung Main und Farwell gelandet wäre. Keine Dairy Queen, keine Tumalo Highschool, kein Zweites Bataillon. Man brauchte nicht viel Phantasie, um zu erkennen, wie etwas, das vom Himmel fällt, alles verändern kann.

Es war im Oktober, als Gordon und ich uns nach der Schule im Hinterhof umkreisten. Wir trugen unsere goldfarbenen Boxhandschuhe, die rissig waren vom Alter und von denen Farbschuppen absprangen, wenn wir sie gegeneinanderschlugen. Braunes Gras knisterte unter unseren Turnschuhen, und Staub stieg in kleinen Wölkchen auf, die Notsignalen ähnelten.

Gordon war so dürr, dass er schon fast klapperig wirkte. Sein Schlüsselbein drückte gegen die Haut, als hätte er einen Kleiderhaken verschluckt. Sein Kopf war viel zu groß für seinen Körper und seine Augen waren zu groß für seinen Kopf, und die Footballspieler – darunter auch Seth Johnson – schubsten ihn regelmäßig in Müllcontainer und nannten ihn E.T. Er hatte einen schlechten Tag gehabt. Und an seinem Gesichtsausdruck – die wässrigen Augen, die zitternden Lippen, die in schnellem Aufblitzen immer wieder seine vorstehenden Zähne entblößten –, merkte ich, dass er mich schlagen wollte, mich schlagen musste. Also ließ ich ihn. Ich hielt die behandschuhten Fäuste vors Gesicht, drückte mir die Ellbogen an die Rippen, und Gordon sprang mich an und seine Arme schnellten vor und zurück wie Gummibänder. Ich stand bewegungslos da, ließ seine Fäuste meinen Körper bearbeiten, ließ ihn die ganze Wucht seines Zorns auf mich schleudern, bis er schließlich zu müde zum Schlagen war und ich aufmachte und ihn mit einem rechten Haken gegen die Schläfe zu Boden schickte. Dann lag er lang hingestreckt auf dem Rasen, mit einem kleinen Lächeln auf seinem E.T.-Gesicht. »Verdammt«, sagte er mit schläfriger Stimme. Ein Blutstropfen sammelte sich an seinem Augenwinkel und lief dann die Schläfe entlang in seine Haare.

Mein Vater trug Stiefel mit Stahlkappen, Carhartt Jeans, ein T-Shirt mit dem Logo irgendeines Ortes, den er schon mal besucht hatte, vielleicht Yellowstone oder Seattle. Er sah aus wie jemand, der im Bi-Mart Motorenöl kaufte. Um seinen hohen Haaransatz zu verstecken, trug er eine John-Deere-Kappe, die einen Schatten über sein Gesicht warf. Seine braunen Augen blitzten über einer gewaltigen Nase, die noch betont wurde durch einen grauen Schnurrbart. Wie ich war auch mein Vater klein und gedrungen, eine Bulldogge. Sein Bauch war eine pralle Kugel und seine Schultern breit und bestens geeignet, um mich bei Paraden und auf Jahrmärkten zu tragen, als ich noch jünger war. Er lachte viel. Er trank zu viel Bier und rauchte zu viele Zigaretten und verbrachte zu viel Zeit mit seinen Kumpels beim Fischen, Jagen und Herumalbern, und das dürfte einer der Gründe gewesen sein, warum meine Mutter sich von ihm hatte scheiden lassen und mit einem Friseur und Triathleten namens Chuck nach Boise gezogen war.

In der ersten Zeit nach seinem Weggang e-mailte mein Vater mir, wie alle anderen Väter, sooft er konnte. Er berichtete von der Hitze, den Hektolitern Wasser, die er jeden Tag trank, dem Sand, der überall eindrang, den Katzenwäschen, mit denen sie sich begnügen mussten. Er erzählte mir, wie sicher er sei, wie ausgesprochen sicher. Das war allerdings, als er noch in der Türkei stationiert war. Dann wurde das Zweite Bataillon nach Kirkuk verlegt, wo fast täglich Aufständische und Sandstürme angriffen. Die E-Mails wurden immer und immer seltener, mit wochenlangen Pausen dazwischen.

Manchmal saß ich am Computer, klickte im E-Mail-Programm immer wieder Abholen, Abholen, Abholen und hoffte. Im Oktober erhielt ich eine Mail, in der stand: »Hi Josh. Ich bin okay. Mach dir keine Sorgen. Mach deine Hausaufgaben. Alles Liebe, Dad.« Ich druckte sie aus und klebte sie mit Tesa an meine Tür.

Zwanzig Jahre lang arbeitete mein Vater bei Noseler, Inc. – dem Munitionsproduzenten vor den Toren von Bend – und die Marines bildeten ihn zum Munitionstechniker aus. Gordon sagte gern, sein Vater sei Artilleriesergeant, und das war er auch, aber wir alle wussten, dass er auch Kantinenleiter des Bataillons war, ein Koch, und so verdiente er auch in Tumalo seinen Lebensunterhalt, er stand im Hamburger Patty’s am Grill. Wir kannten ihre Titel, aber wir wussten nicht so recht, was ihre Titel bedeuteten, was unsere Väter dort drüben wirklich taten. Wir stellten uns vor, dass sie Heldentaten vollbrachten. Dass sie irakische Babys aus brennenden Hütten retteten. Selbstmordattentäter erschossen, bevor sie sich auf einer bevölkerten Straße selber in die Luft jagen konnten. Wir griffen zurück auf Bilder von Hollywood und CNN, um bildersatte Szenarios zu entwickeln, in denen, vielleicht während einer Fahrt durch die Berge des Nordirak bei Zwielicht, unsere Väter von bärtigen Aufständischen mit Raketenwerfern angegriffen wurden. Wir stellten sie uns vor als Silhouetten vor feurigen Explosionen. Wir stellten uns vor, dass sie sich in den Sand gruben wie Eidechsen und mit ihren M16 feuerten, dass ihre Kugeln durch die Dunkelheit sausten wie die Meteoriten, die ich in schlaflosen Nächten beobachtete.

Wenn Gordon und ich kämpften, bemalten wir unsere Gesichter – schwarz und grün und braun – mit der Tarnfarbe, die unsere Väter zurückgelassen hatten. Das Zeug ließ unsere Zähne und Augen erschreckend weiß aussehen. Und es blieb haften an unseren Handschuhen, wie das Gras an den Sohlen unserer Turnschuhe haften blieb, so dass aus unserem Ring ein Kreis aus Erde wurde, von einer rötlichen Farbe, die aussah wie schorfiges Fleisch. Einmal hämmerte Gordon so kräftig auf meine Schulter ein, dass ich eine Woche lang den Arm nicht heben konnte. Ein anderes Mal rammte ich ihm den Ellbogen in die Nieren, und er pinkelte Blut. Wir schlugen einander so heftig und so häufig, dass die goldenen Handschuhe zerbröselten und unsere Knöchel in dem schweißgetränkten, blutgetränkten Schaumstoff sichtbar wurden wie Zähne hinter einer aufgeplatzten Lippe. Also kauften wir uns neue Boxhandschuhe, und als die Luft immer kälter wurde, kämpften wir mit Dampfwolken vor den Mündern.

Unsere Väter hatten uns verlassen, aber es blieben noch Männer in Tumalo. Da waren alte Männer wie mein Großvater, bei dem ich lebte – Männer, die ihre Pflicht erfüllt, ihre Arbeit getan und ihre Kriege gekämpft hatten und jetzt ihre Tage an der Tankstelle zubrachten, wo sie schlechten Kaffee aus Styroporbechern tranken, über das Wetter klagten und über die besten Monate für die Alfalfa-Ernte diskutierten. Und dann gab es unfähige Männer. Männer, die sich selten rasierten und tagsüber in ihren früher mal weißen Unterhosen fernsahen. Männer, die in Wohnanhängern lebten und ihre Einkaufswagen mit Busch Light, Dosenwürstchen und Oreo-Plätzchen füllten.

Schließlich gab es noch die Geier unter den Männern, wie Dave Lightener, Männer, die sich über das hermachten, was unsere Väter zurückgelassen hatten. Dave Lightener arbeitete als Rekrutierungsoffizier. Ich schätze, er war der einzige Rekrutierungsoffizier in der Weltgeschichte, der einen Vespa-Roller mit einem Unterstützt Unsere Truppen-Aufkleber auf dem hinteren Schutzblech hatte. Wir sahen ihn manchmal vor den Häusern junger Frauen stehen, deren Männer in den Krieg gezogen waren. Dave hatte große Ohren und kleine Augen und trug seine Haare militärisch kurz und über den Ohren ausrasiert. Oft redete er mit zu lauter Stimme über die Aufständischen, die er in Falludscha mit seiner Patrouillen-Einheit niedergemäht hatte. Er wohnte bei seiner Mutter in Tumalo, verbrachte seine Tage aber in Bend und Redmond, wo er die Parkplätze von Best Buy, ShopKo, Kmart, Wal-Mart und der Mountain View Mall abklapperte. Er suchte nach Leuten wie uns, Leute, die wütend und unzufrieden und arm waren.

Aber Dave Lightener war schlau genug, uns nicht zu belästigen. Im Dienst machte er einen Bogen um Tumalo. Hier zu rekrutieren wäre zu sehr so, als würde man in abgebrannten Teilen des Walds wildern, wo abgemagertes Wild auf wackeligen Beinen in der Asche stöberte, auf der verzweifelten Suche nach etwas Grünem.

Die Gründe, warum unsere Väter kämpften, begriffen wir nicht so recht. Wir begriffen nur, dass sie kämpfen mussten. Die Notwendigkeit machte die Gründe irrelevant. »Das gehört alles zum Spiel«, sagte mein Großvater. »So ist es einfach.« Wir konnten nur die Daumen drücken und zu den Sternen beten und Abholen, Abholen klicken und hoffen, dass sie zu uns zurückkehren würden, und beten, dass Dave Lightener nie auf unserer Schwelle stehen und sagen würde: »Zu meinem großen Bedauern muss ich Ihnen mitteilen …«

Einmal fuhr mein Großvater Gordon und mich zur Mountain View Mall, und dort stand vor den gläsernen Eingangstüren Dave Lightener. Er trug seine zerknitterte Khaki-Uniform und redete mit einer Gruppe mexikanischer Teenager. Sie lachten, schüttelten die Köpfe und gingen von ihm weg, als wir uns näherten. Wir hatten unsere Kappen tief in die Stirn gezogen, und er erkannte uns nicht.

»Ein Frage für Sie, Gentlemen«, sagte er mit der Stimme von TV-Marktschreiern und von Tür zu Tür tingelnden Zeugen Jehovas. »Was haben Sie vor, aus Ihrem Leben zu machen?«

Gordon nahm seine Kappe mit großer Geste ab, als wäre es ein Zauberkunststück und sein Gesicht der Trick. »Ich habe vor, ein paar verrückte Moslems zu killen«, sagte er mit einem gekünstelten Lächeln. »Was ist mit dir, Josh?«

»Ja«, sagte ich. »Ein paar Leute killen und mich dann selber killen lassen.« Ich schnitt eine Grimasse. »Klingt nach einem guten Plan.«

Dave Lighteners Lippen verkniffen sich zu einem dünnen Lächeln, er straffte die Schultern und fragte uns, was unserer Meinung nach unsere Väter denken würden, wenn sie uns so reden hörten. »Die sind jetzt da draußen und riskieren ihr Leben, um unsere Freiheit zu verteidigen, und ihr reißt perverse Witze«, sagte er. »Also, ich halte das für pervers.«

Wir hassten ihn wegen seiner weichen Hände und der sauberen Uniform. Wir hassten ihn, weil er Typen wie uns in den Tod schickte. Weil er mit dreiundzwanzig bereits einen höheren Rang hatte als unsere Väter. Weil er mit den einsamen Frauen von Soldaten schlief. Und wir hassten ihn noch mehr, weil er uns dazu brachte, dass wir uns schämten. Ich wollte etwas Sarkastisches sagen, aber Gordon war schneller. Er streckte die Hand aus und griff nach einer imaginären Flasche. »Hier ist Ihr Ahornsirup«, sagte er. Als Dave fragte: »Und wozu ist das?«, antwortete Gordon: »Um meinen Arsch damit zu essen.«

In diesem Augenblick kam ein Skateboarder mit grünen Haaren und einem Nasenring aus dem Einkaufszentrum. Von seiner Faust baumelte eine Tüte DVDs, und Dave Lightener vergaß uns: »Hey, Freund«, sagte er. »Ich will dich was fragen. Magst du eigentlich Kriegsfilme?«

Im November fuhren wir auf unseren Enduros tief in den Wald, um zu jagen. Sonnenlicht fiel durch die hohen Kiefern und Birkengruppen und lag in Pfützen am Rand der Holzfällerwege, die sich vorbeischlängelten an Hügeln voller Heidelbeeren und Moränen, über die Kojoten sausten und auf der Flucht vor uns ausrutschten, was kleine Lawinen lockeren Gesteins auslöste. Es hatte seit fast einem Monat nicht geregnet, und Fingergras und Trespengras und Kiefernnadeln hatte ihre Farbe verloren, waren jetzt trocken und blond wie Maishülsen und knisterten unter meinen Stiefeln, als der Weg, dem wir gefolgt waren, plötzlich aufhörte und ich von meinem Motorrad stieg. In dieser wasserlosen Stille konnte man jedes Eichhörnchen im weiten Umkreis hören, das nach Kiefernzapfen suchte, und als aus der Brise ein kalter Wind wurde, wurde aus dem Wald ein gigantisches Flüstern.

Wir legten unser Zelt und unsere Schlafsäcke vor einer Basaltgrotte ab, aus der eine Quelle sprudelte, und Gordon sagte: »Abmarsch, Truppe« und hielt sich sein Gewehr diagonal vor die Brust, wie ein Soldat es tun würde. Er zog sich auch so an, wie ein Soldat es tun würde, und trug den viel zu großen Tarnanzug seines Vaters anstelle der eigentlich vorgeschriebenen orangefarbenen Kluft. Mit knapp zwanzig Metern Abstand voneinander arbeiteten wir uns die Hügelflanke hinunter, durch den Wald, durch ein Heidelbeergestrüpp, durch eine Rodung voller Stümpfe, und achteten darauf, nicht zu viel Geräusch zu machen oder auf den Kiefernnadeln auszurutschen, die den Boden bedeckten. Ein Eichhörnchen, das einen Kiefernzapfen bearbeitete, kreischte erstaunt auf, als ein Wanderfalke herabstürzte, es packte und mit ihm durch die Bäume davonflog zu irgendeinem geheimen Ort. Seine Flügel machten kein Geräusch, und auch der leuchtend orangefarbene Jäger nicht, der einige hundert Meter unter uns plötzlich auftauchte.

Gordon machte irgendeine Spezialeinheitsgeste, die, glaube ich, bedeuten sollte: Unten bleiben, und ich schlich mich vorsichtig an ihn heran. Hinter einem Felsen kauernd, spähten wir durch unsere Ferngläser und verfolgten den Jäger, der in seiner Weste und der Kappe mit Ohrklappen aussah wie ein monströser Kürbis. »Dieses Arschloch«, sagte Gordon in einem rauen Flüstern. Der Jäger war Seth Johnson. Er trug das Gewehr auf den Rücken geschnallt, und sein Mund bewegte sich. Am Rand der Wiese gesellte er sich zu vier Mitgliedern des Universitäts-Footballteams, die auf langen Baumstämmen um ein schwelendes Lagerfeuer saßen und deren Arme sich wie Ölpumpenschwengel bewegten, als sie ihre Biere an die Münder hoben.

Ich senkte das Fernglas und sah, dass Gordon den Finger um den Abzug seiner Dreißiger legte. Ich sagte ihm, er solle den Blödsinn lassen, und er nahm die Hand plötzlich vom Schaft und grinste schuldbewusst und meinte, er wollte einfach mal wissen, wie es sich anfühlte, eine solche Macht über jemanden zu haben. Dann wanderte sein Abzugsfinger in die Höhe und berührte die gummiartige weiße Narbe, die seine Augenbraue teilte. »Ich würde sagen, wir verarschen die ein bisschen.«

Ich schüttelte den Kopf. Nein.

Gordon sagte: »Nur ein bisschen – um ihnen Angst einzujagen.«

»Sie haben Waffen«, sagte ich, und er sagte: »Dann kommen wir eben heute Abend zurück.«

Später, nach einem frühen Abendessen aus getrocknetem Rindfleisch und Studentenfutter und Gatorade stieß ich zufällig auf einen Vierender-Hirsch, und ich stützte mein Gewehr auf einen Baumstumpf und erschoss ihn, und er taumelte nach hinten und stürzte zu Boden, und eine Rose erblühte hinter seiner Schulter, wo das Herz versteckt war. Gordon kam gelaufen, und dann standen wir vor dem Hirsch, rauchten ein paar Zigaretten und schauten zu, wie ihm das dicke arterielle Blut aus dem Maul lief. Dann holten wir unsere Messer heraus und machten uns an die Arbeit. Ich schnitt um den Anus herum, entfernte Penis und Hoden, und dann öffnete ich die Decke am Bauch, so dass das hellrosa Fleisch mit den grünlichen Gefäßen sichtbar wurde, in dem unsere Hände verschwanden. In der kalten Bergluft dampfte das Blut, und als wir fertig waren – als wir den Hirsch gehäutet und an den Gelenken zerteilt, den Rücken ausgelöst und Schultern und Hüften, Hals und Rippen entbeint hatten, so dass Koteletts, Bratenstücke und Steaks daraus wurden, und die Fleischstücke in vier Teile geteilt hatten, dass sie in unsere isolierten Satteltaschen passten, packte Gordon den Hirschkopf beim Geweih und hielt ihn vor seinen. Blut aus dem Hals plätscherte auf den Boden, und im Dämmerlicht des frühen Abends setzte Gordon zu einem kleinen Tanz an, ging in die Knie und stampfte mit den Füßen auf.

»Ich glaube, ich habe eine Idee«, sagte er und tat so, als wollte er mich mit den Geweihstangen stechen. Ich stieß ihn weg, und er sagte: »Jetzt zieh doch nicht den Schwanz ein, Josh.« Ich war erschöpft und roch nach Blut, aber ich konnte durchaus verstehen, dass er sich rächen musste. »Nur um ihnen ein bisschen Angst einzujagen, okay, Gordo?«, sagte ich.

»Okay.«

Wir schleppten das Fleisch zu unserem Lager, und Gordon brachte auch die Decke mit. Er schnitt ein Loch in die Mitte und steckte den Kopf durch, so dass die Decke locker an ihm hing, ein haariger Sack, und ich half ihm, Schlamm und Blut auf sein Gesicht zu schmieren. Dann sägte er mit seinem Leatherman das Geweih vom Kopf und hielt die beiden Seiten dann in beiden Händen und schlug damit durch die Luft, als wären sie Klauen.

Die Nacht war hereingebrochen, der Mond hing über den Cascades und beleuchtete grau unseren Weg, als wir durch den Wald schlichen und uns vorstellten, wir wären in feindlichem Gebiet, mit Stolperdrähten und Wachtürmen und knurrenden Hunden hinter jeder Ecke. Wir kauerten hinter dem Felsbrocken, der ihren Lagerplatz überragte und beobachteten, wie sie sich gegenseitig Jägerlatein erzählten und Witze rissen über Jessica Robertsons verdammt große Titten und eine Flasche Whiskey herumgehen ließen und tranken bis zum Umfallen und schließlich auf das Feuer pissten, um es zu löschen. Als sie dann in ihre Zelte krochen, warteten wir noch eine Stunde, bis wir uns so vorsichtig einen Weg hinunterbahnten, dass wir eine weitere Stunde brauchten, bis wir unten in ihrem Lager waren. Irgendwo schrie eine Eule, doch das war durch den Chor des Schnarchens, das aus den Zelten drang, kaum zu hören. Seths Bronco stand in der Nähe – auf dem Kennzeichen stand SMAN –, und all ihre Gewehre lagen im Führerhaus. Ich nahm sie an mich, hängte sie mir über die Schulter und jagte dann mein Messer in jeden von Seths Reifen.

Ich hatte das Messer noch immer in der Hand, als wir vor Seths Zelt standen, und als ein Wolke vor den Mond kroch und die Wiese völlig verdunkelte, stach ich in das Nylon und schlitzte es mit einer schnellen Bewegung auf. Gordon stürzte hinein und schlug mit seinen Geweih-Klauen um sich. Ich konnte nur Schatten sehen, aber ich konnte Seths Kleinmädchenschreie hören, als Gordon ihn mit den Geweihstangen bedrohte und fauchte und knurrte wie eine Höhlenkreatur, die gierig war nach Menschenfleisch. Als in den Zelten um uns herum verwirrte Stimmen laut wurden, kam Gordon mit einem grässlichen Grinsen auf dem Gesicht wieder aus dem Zelt, und ich folgte ihm die Hügelflanke hoch. Wir stürmten durch das Unterholz und überließen es Seth, sich einen Reim auf den Alptraum zu machen, der ohne Vorwarnung über ihn hereingebrochen war.

Der Winter kam. Es schneite, und wir zogen unsere Overalls an, montierten die Stollenreifen und fuhren mit unseren Enduros zum Hole in the Ground, unsere Rodel hinter den Maschinen im Schlepptau. Der Lärm unserer Motoren erfüllte die weiße Stille des Nachmittags. Unsere Hinterreifen wirbelten Fahnen aus Pulverschnee auf und in scharfen Kurven rutschten sie unter uns weg, und dann lagen wir mitten auf der Straße, blutend, lachend, ohne jede Angst.

Zuvor hatten wir uns zum Mittagessen ein Pfund Speck mit einem Stückchen Butter gebraten. Das Fett, das zu einem weißen wächsernen Spiegel erstarrt war, benutzten wir als Wachs, mit dem wir die Laufflächen unserer Rodel polierten. Tempo war das, was wir am Hole in the Ground wollten. Hintereinander sausten wir die steilste Flanke des Kraters hinab in sein Herz, das dreihundert Meter unter uns lag. Wir folgten dem anderen in derselben Spur, bügelten so den Schnee glatt und schufen eine blau schimmernde, reibungsfrei Rinne. Unsere Augen wurden glasig vor Frost, in unseren Ohren röhrte der Wind, und der Magen stieg uns in die Kehle, als wir nach unten schossen und uns vorkamen wie fünf – und dann machten wir uns an den langsamen, beschwerlichen Anstieg und kamen uns vor wie fünfzig.

Wir trugen Steigeisen und stiegen im Zickzack nach oben. Es dauerte fast eine Stunde. Es dämmerte bereits, die Luft wurde purpurn, als wir dann wieder oben am Kraterrand standen und, schwitzend in unseren Overalls, durch den Dunst unseres Atems hindurch in die Weite schauten. Gordon formte einen Schneeball. Ich sagte: »Den wirfst du besser nicht auf mich.« Er holte drohend aus und grinste, ließ sich dann auf die Knie fallen und rollte den Schneeball zu etwas Größerem. Er rollte ihn, bis er so groß war wie ein kräftiger Mann in Fötalposition. Aus der Satteltasche seiner Maschine holte er das Stück Gartenschlauch, mit dem er oft Benzin aus teuren, ausländischen Autos abzapfte, und er steckte ihn in seinen Tank und saugte am anderen Ende, bis das Benzin floss. Er goss den riesigen Schneeball, als wollte er ihn zum Sprießen bringen. Er schmolz nicht – er hatte ihn fest genug zusammengepresst –, aber er bekam winzige Krater und wirkte plötzlich bleiern. Als Gordon sein Zippo aus der Tasche zog, es anriss und an den Schneeball hielt, fingen die Dämpfe Feuer und das ganze Dinge entzündete sich mit einem keuchenden Knall, der mich ein paar Schritte zurücktaumeln ließ.

Gordon stürzte vor und trat gegen den Schneeball, bis er anfing zu rollen, über den Kraterrand kippte und wie ein Meteor unsere Fahrrinne hinunterraste. Der Schnee unter ihm schmolz sofort, gefror aber einen Augenblick später wieder, so dass ein glattes blaues Band entstand. Als wir uns dann die Rinne hinunterstürzten, wurden wir so schnell, dass unsere Köpfe völlig leer wurden und wir uns fühlten, als würden wir zugleich fliegen und fallen.

In den Nachrichten schossen irakische Aufständische mit ihren Sturmgewehren. In den Nachrichten explodierte in Bagdad eine Autobombe an einem Verkehrskontrollpunkt und tötete sieben amerikanische Soldaten. In den Nachrichten sagte der Präsident, er halte es nicht für klug, einen Zeitrahmen für den Truppenrückzug zu erstellen. Vor dem Frühstück kontrollierte ich meine E-Mails und fand nichts als Spam – Versprechungen von erstklassigen Hypothekenkonditionen, billigen Schmerzmitteln, enormen Potenzverbesserungen.

Gordon und ich zogen unsere Schneestiefel an und kämpften im Schnee. Wir kämpften so viel, dass unsere Wunden nie auch nur die Chance hatten zu verheilen und unsere Gesichter aussahen, als wäre ihr Verfall ein Dauerzustand. Unsere Handgelenke fühlten sich geschwollen an, unsere Knie schmerzten und unsere sämtlichen Gelenke fühlten sich an, als wären sie voller vertrockneter Wespen. Wir kämpften, bis das Kämpfen einfach zu schmerzhaft wurde, und dann verlegten wir uns stattdessen aufs Trinken. An den Wochenenden fuhren wir auf unseren Enduros nach Bend, das zwanzig Meilen entfernt lag, und kauften Bier und fuhren damit zum Hole in the Ground und tranken, bis ein heller Streifen Sonnenlicht am Horizont auftauchte und die schneebedeckte Wüste erleuchtete. Niemand fragte nach unseren Ausweisen, und wenn wir unsere leeren Flaschen hochhielten und unsere verzerrten, geisterhaften Spiegelbilder betrachteten, wussten wir warum. Und wir waren nicht allein. Schwarze Säcke wuchsen unter den Augen der Söhne und Töchter und Ehefrauen von Tumalo, die Schultern erschlafften und Falten umschlossen die Münder wie Klammern.

Unsere Väter verfolgten uns. Sie waren überall. Im Lebensmittelladen, wo wir einen Dreißigerkarton Coors im Sonderangebot für zehn Dollar entdeckten. Auf dem Highway, wenn wir an einem aufgemotzten Dodge mit einem Dutzend Heuballen auf der Ladefläche vorbeifuhren. Im Himmel, wenn ein Jet vorbeizog und uns an fremde Orte erinnerte. Und jetzt, da unsere Körper Muskelmasse ansetzten, da wir das Rasieren sein und dafür dünne Bärte stehen ließen, sahen wir unsere Väter sogar im Spiegel. Wir fingen an, so auszusehen wie sie. Unsere Väter, die man uns genommen hatte, waren überall, hinter jeder Biegung, und sie hielten uns gefangen.

Seth Johnsons Vater war Stabsfeldwebel. Wie sein Sohn war er ein großer, kräftiger Mann, aber nicht groß und kräftig genug. Kurz vor Weihnachten trat er auf eine Streubombe. Ein amerikanisches Kampfflugzeug hatte sie abgeworfen und der Sand bedeckte sie und er trat darauf und wurde in viele fleischige Stücke zerrissen. Als Dave Lightener mit schwarzer Armbinde und feierlicher Miene das Vordertreppchen hochstieg, brach Mrs Johnson, die zu dieser Zeit gerade Honigschinken briet, auf dem Küchenboden zusammen. Seth stürmte zur Tür hinaus, schlug Dave ins Gesicht und brach ihm die Nase, bevor der auch nur sagen konnte: »Zu meinem großen Bedauern muss ich Ihnen mitteilen …«

Als wir davon hörten, ging es uns ungefähr zehn Sekunden schlecht. Dann ging es uns gut, weil es sich um seinen Vater handelte, nicht um einen von unseren. Und dann ging es uns wieder schlecht, und am Heiligen Abend fuhren wir zu Seths Haus und legten die Gewehre, die wir gestohlen hatten, zusammen mit einem Sechserpack Coors auf seine Veranda. Wir wollten schon wieder gehen, als Gordon plötzlich seinen Geldbeutel aus der hinteren Jeanstasche zog und alles Geld, was er hatte, unter den Sechserpack legte, zwei, drei Fünfer und ein paar Einer. »Scheiß Weihnachten«, sagte er.

Wir wurden wagemutiger und gingen in Bars – The Golden Nugget, The Weary Traveller, The Pine Tavern –, wo wir Squaredance übten mit älteren Frauen mit lila Lidschatten und glitzernden Traumfänger-Ohrringen und Push-up-BHs und klappernden High Heels. Wir sagten ihnen, wir seien Marines und eben von einem sechsmonatigen Auslandseinsatz zurückgekehrt, und sie fragten: »Echt?«, und wir antworteten: »Ja, Ma’am«, und als sie uns nach unseren Namen fragten, nannten wir ihnen die Namen unserer Väter. Dann spendierten wir ihnen Drinks, und sie kippten sie in großen Schlucken und atmeten heiß in unsere Gesichter, und wir drückten unsere Lippen auf ihre und sie schmeckten nach Mentholzigaretten, wie verbrannte WC-Steine. Und dann fuhren wir mit ihnen nach Hause, zu ihren Wohnanhängern, ihren Wasserbetten, wo wir sie inmitten von Plüschtieren fickten.

Erst Mitte des Nachmittags, und schon völlig dunkel. Wir waren unterwegs zum Weary Traveller und hielten kurz bei mir, um meinem Großvater etwas Geld abzuschwatzen, doch da sahen wir Dave Lightener, der auf uns wartete. Er war schon halb das Vordertreppchen hoch, als unsere Scheinwerfer ihn in ein anämisches Licht tauchten, und er drehte sich mit verkniffenem Gesicht um, als versuchte er herauszufinden, wer wir waren. Er trug am Arm die schwarze Binde und auf seiner Nase eine weiß bandagierte Schiene.

Wir schalteten unsere Maschinen nicht ab. Stattdessen standen wir in unserer Einfahrt, die Motoren surrten im Leerlauf, Rauch aus unseren Auspuffen und die Wolken unseres Atems vernebelten die Luft. Über uns zischte ein Stern über den Mondhimmel, nur mäßig hell, wie eine Lampe, die man in einem taghellen Raum anschaltet. Dave kam die Stufen wieder herunter, und wir stiegen von unseren Maschinen und liefen ihm entgegen. Bevor er etwas sagen konnte, jagte ich ihm die Faust ins Zwerchfell, dass ihm die Luft wegblieb. In diesem Augenblick sah er aus wie ein Schauspieler in einem Western, beide Hände auf den Bauch gepresst stand er zusammengekrümmt da, so dass sein Gesicht ein gutes Ziel für Gordons Knie abgab. Ein lautes Knacken war zu hören, Dave fiel auf den Rücken und Blut quoll aus seiner bereits gebrochenen Nase.

Er hob die Hände, doch wir schlugen an ihnen vorbei. Ich jagte ihm ein, zwei Hiebe auf die Rippen, während Gordon ihn in den Rücken und den Bauch trat, und dann standen wir keuchend da und ließen ihn sich hochrappeln. Als er sich aufrichtete, wischte er sich mit der Hand übers Gesicht, und Blut tropfte ihm von den Fingern. Ich sprang auf ihn zu und versetzte ihm einen rechten, dann einen linken Schwinger, und unter meinen Fäusten wackelte sein Kopf wie aus den Gelenken gerissen. Wieder ging er zu Boden, ein blutiger Sack von einem Mann. Seine Augen wurden glasig und kippten nach oben, als wollte er die Tierkörper sehen, die drohend über ihm aufragten. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ich deutete mit dem Finger auf ihn und sagte, mit genug Hass in der Stimme, um ein Genick zu brechen: »Sag keinen Ton. Untersteh dich. Keinen einzigen Ton.«

Er schloss den Mund wieder und versuchte wegzukrabbeln, und ich stellte einen Fuß auf seinen Hinterkopf und behielt ihn einen Augenblick dort, drückte sein Gesicht in den Boden, so dass, als er den Kopf wieder hob, im Schnee ein blutiger Abdruck seines Gesichts zu sehen war. Gordon ging ins Haus und kam einen Augenblick später mit einer Rolle Klebeband zurück, und wir drückten Dave zu Boden und fesselten ihn an Händen und Füßen und warfen ihn auf einen Rodel und klebten ihn darauf fest und banden den Schlitten hinten an Gordons Enduro und fuhr in halsbrecherischem Tempo zum Hole in the Ground.

Der Mond schien und der Schnee leuchtete in einem blassen Blau, als wir, Zigaretten rauchend und mit Dave zu unseren Füßen, in den Krater hinabschauten. Es hatte etwas Kindisches, wie uns der Atem in kleinen Wölkchen aus dem Mund quoll. Und für einen Augenblick, nur für einen Augenblick, waren wir wieder Kinder. Nur zwei dumme Jungs. Anscheinend hatte das Gordon ebenso empfunden, denn er sagte: »Als ich noch klein war, ließ meine Mom mich nicht einmal mit Spielzeugpistolen spielen.« Und dann seufzte er schwer, als könnte er nicht verstehen, wie er, wie wir hier gelandet waren.

Dann fing Dave mit einem plötzlichen Ruck an, sich gegen die Fesseln zu wehren und uns mit verwaschener Stimme anzuschreien. Mein Gesicht wurde hart vor Wut, ich legte meine Hände auf ihn und schob ihn langsam zum Kraterrand, und er wurde ganz still. Einen kurzen Augenblick lang vergaß ich mich und starrte nur in die dunkle Leere. Sie war wunderschön und entsetzlich. »Ich könnte dich jetzt schubsen«, sagte ich. »Und wenn ich es täte, wärst du tot.«

»Bitte tu’s nicht«, sagte er mit brechender Stimme. Er fing an zu weinen. »O Scheiße. Nicht. Bitte.« Sein lautes, bebendes Schluchzen brachte mir nicht die Befriedigung, auf die ich gehofft hatte. Wenn überhaupt, dann fühlte ich mich so wie an diesem längst vergangenen Tag, als wir ihn auf dem Parkplatz der Mountain View Mall verhöhnt hatten: beschämt und falsch.

»Fertig?«, sagte ich. »Eins.« Ich schob ihn wenige Zentimeter näher an den Rand. »Zwei.« Ich schob ihn noch ein Stückchen und kam mir dabei schwerfällig vor, zugleich wild und erschöpft, als würde mein Körper plötzlich zwanzig, dreißig Jahre altern. Als ich schließlich »Drei« sagte, war meine Stimme kaum noch ein Flüstern.

Wir ließen Dave, wo er war, schluchzend am Kraterrand. Wir stiegen auf unsere Maschinen und fuhren nach Bend, und wir fuhren so schnell, dass ich mir vorstellte, Feuer zu fangen wie ein Meteor, der in einem Aufblitzen verglühte, aufheulend, während die Hitze mich verzehrte, und wir fuhren direkt zum Rekrutierungsbüro der Armee, wo wir nun schließlich dem schrillen Kriegsruf folgen und die Papiere unterzeichnen und unsere Väter stolz machen würden.