Eva Brislinger

Fröhliche Wintergeschichten

zum Vor- und Selberlesen

Inhalt

Der Nasendieb oder

Die Geschichte vom gar grässlichen Gruselgrunzer

Alte Freunde oder

Die Geschichte von Vigor, dem Wintergeist

Rocky rockt das Weihnachtsessen oder

Die Geschichte vom beleidigten Kater

Vollmond oder

Die Geschichte von Rolf, dem Werwolf

Das kleine Schaf oder

Eine schelmische Krippengeschichte

Blühende Weihnachten oder

Die Geschichte von den Zaubernüssen

Stella macht blau oder

Ein „kuhler“ Adventspaziergang

Hundertzweiundzwanzig oder

Die Geschichte vom Schneemann und seiner Krähe

Die krumme Fichte oder

Die große Sehnsucht nach Lametta

Marie und der Eistroll oder

Als es zu Weihnachten nicht kalt werden wollte

Ein Königreich für ein Sch oder

Die Geschichte von der Schleiereule mit dem Sprachfehler

Zeit zum Spielen oder

Die Geschichte von den zwei Wanderratten

Der Nasendieb oder

Die Geschichte vom gar grässlichen Gruselgrunzer

„Mama! Die Nase ist weg!“, rief der Zwergenjunge Billi atemlos, als er zur Tür hereingestürzt kam, stolperte und der Länge nach hinkrachte. Dicht hinter ihm purzelten auch Hanni und Danni, seine kleinen Geschwister, in die Stube.

Die beiden Zwillingsmädchen waren ganz aus dem Häuschen.

„Meine Güte, Kind! Ist dir etwas passiert?“, rief die Zwergenmutter und half ihrem Ältesten auf die Beine.

Der klopfte sich aber nur den Schnee von der Jacke und erklärte: „Alles in Ordnung. Es ist nur – die Nase ist weg!“

Die Mutter blickte ihre drei pausbäckigen Zwergenkinder der Reihe nach an und meinte schmunzelnd: „Ich kann euch beruhigen, eure Nasen sind alle noch dran.“

„Aber nein! Die Karottennase vom Schneemann ist weg!“, rief Hanni.

„Na so was!“ Eine freundliche, tiefe Stimme meldete sich aus dem hinteren Teil des Zimmers. Dort saß der Zwergenopa auf seinem Schaukelstuhl und rauchte ein Pfeifchen. Sein weißer Rauschebart zuckte und seine blauen Augen leuchteten schelmisch, als er hinzufügte: „Das muss wohl der gar grässliche Gruselgrunzer gewesen sein!“

„Wer?“, fragte Billi.

„Der gar grässliche Gruselgrunzer!“ Geheimnisvoll senkte der Zwergenopa den Kopf und seine Stimme – und sprach ganz langsam weiter: „Er hat dichte Haare am ganzen Körper und ist mindestens so groß wie ich. Er hat furchterregende spitze Zähne und lange Klauen und er grunzt fast so wie ein Wildschwein, nur doppelt so laut.

Des Nachts schleicht er um die Hütte, wenn die braven Zwerglein schlafen. Man sollte die Tür besser gut verschließen, weil man nie weiß, was er anrichten könnte. Ein einziges Mal hab ich ihn beobachtet, als er vom Berg zu uns herunterschlich. Ich glaube, dass er die Nase von eurem Schneemann gefressen hat. Es ist schließlich Winter und er muss Hunger haben.“

Ergriffen und verblüfft blickten die Zwergenkinder ihren Opa an. Von einem gar grässlichen Gruselgrunzer hatten sie noch nie etwas gehört. „Opa, erzähl den Kindern keine Gruselgeschichten!“, sagte die Zwergenmama, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Festtagsbraten zu, den sie gerade in den Ofen schieben wollte. Es war schließlich der erste Weihnachtstag.

Der Zwergenopa setzte seine rote Mütze auf, zog Stiefel und Jacke an, schnappte sich ein paar Karotten und ging mit den Kindern vor die Tür zu ihrem Schneemann. „Zu Weihnachten hat sogar ein gar grässlicher Gruselgrunzer einen Festschmaus verdient, meint ihr nicht auch?“, fragte er. „Weiß nicht …“, gab Billi kleinlaut zurück. „Weiß nicht …“, flüsterten auch Hanni und Danni. Irgendwie war er ihnen unheimlich, der gar grässliche Gruselgrunzer.

„Hanni und Danni, sucht doch mal einen richtig schönen, langen Tannenzapfen“, bat der Großvater die Zwillingszwerglein, die sich gleich aufmachten und zum angrenzenden Waldrand liefen. „Und wir beide“, sagte er zu Billi, „wir richten für unseren gar grässlichen Gruselgrunzer ein gemütliches Plätzchen her.“ Billi holte eine alte Decke aus dem Schuppen und legte sie zögerlich neben den Schneemann. „Zieh die Decke noch ein bisschen weiter nach links, dann können wir den gar grässlichen Gruselgrunzer vom Fenster aus beobachten, wenn er heute Nacht wiederkommt“, sagte der Zwergenopa. Das gefiel Billi. Ein Beobachtungsposten mit einem kleinen Sicherheitsabstand war immer gut.

Sie legten etwas Heu auf die Decke und die Karotten obendrauf. Den Tannenzapfen aber, den Hanni und Danni brachten, bekam der Schneemann als neue Nase. Schön sah er aus. Nach getaner Arbeit wärmten sie sich in der Hütte auf, aßen ihren Festtagsschmaus und verbrachten einen fröhlichen Nachmittag zusammen.

Als es endlich dämmerte, rückten die Zwergenkinder und der Zwergenopa die Bank zum Fenster hin, löschten das Licht und spähten hinaus. Die Sonne war gerade hinter den Bergen untergegangen und es wurde schnell dunkel. Sie warteten. Zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreißig Minuten. Nichts regte sich.

Lachtränen rannen ihm über die roten Backen, als er in die Gesichter der Kinder sah, denen langsam klar wurde, dass er sie die ganze Zeit über zum Narren gehalten hatte. Gemeinsam fielen Billi, Hanni und Danni mit Gejohle über ihren Opa her. Es gab eine herrliche Balgerei und ein großes Gelächter, in das auch die Zwergenmama einstimmte.

Draußen vor dem Fenster aber hockte ganz friedlich ein kleiner Feldhase auf einer karierten roten Decke und knusperte genüsslich an einer saftigen Karotte.