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›Unterwerfung‹ handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Goncourt-Preisträger Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit – und zugleich mit virtuoser Ironie – ausdeutet.
Er erzählt in ›Unterwerfung‹ die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.
 
 
Michel Houellebecq wurde 1958 geboren. Er gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart, seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Auf Deutsch ist nahezu sein gesamtes Werk bei DuMont verlegt. Für den Roman ›Karte und Gebiet‹ (2011) erhielt Michel Houellebecq den renommiertesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt.

MICHEL HOUELLEBECQ

UNTERWERFUNG

ROMAN

Aus dem Französischen
von Norma Cassau und Bernd Wilczek

I

 

»Stimmengewirr brachte ihn nach Saint-Sulpice zurück; der Chor ging hinaus; die Kirche würde gleich schließen. Ich hätte doch versuchen sollen zu beten, sagte sich Durtal; das wäre besser gewesen, als auf einem Stuhl vor mich hin zu träumen; aber beten? Ich habe nicht das Verlangen danach; der Katholizismus lässt mir keine Ruhe, benebelt von seinen Weihrauchschwaden und seinem Kerzenduft, schleiche ich um ihn herum, zu Tränen gerührt von seinen Gebeten, bis ins Mark erschüttert von seinen Psalmodien und Gesängen. Mein Leben ekelt mich an, ich bin meiner überdrüssig, aber deswegen ein neues Leben zu führen ist doch ein großer Schritt! Außerdem … außerdem … so verstört ich in den Kapellen auch bin, sobald ich sie verlasse, werde ich wieder gleichgültig und gefühllos. Im Grunde, dachte er, während er sich erhob und den wenigen Personen folgte, die sich, getrieben von dem Schweizer, zu einer Tür im hinteren Teil begaben, ist mein Herz durch das lockere Leben verhärtet und vertrocknet, ich bin zu nichts nutze.«

(J.-K. Huysmans, ›Unterwegs‹)

 

In all den Jahren meiner traurigen Jugend war Huysmans mein Gefährte, mein treuer Freund. Nie überkamen mich Zweifel, nie war ich versucht, ihn aufzugeben, mich einem anderen Thema zuzuwenden. Dann, an einem Nachmittag im Juni 2007, nachdem ich lange abgewartet, mich so lange davor gedrückt hatte, wie es zulässig war, ja sogar etwas über diesen Punkt hinaus, verteidigte ich vor dem Prüfungsausschuss der Universität Paris IV – Sorbonne meine Dissertation: Joris-Karl Huysmans oder Das Ende des Tunnels. Am darauffolgenden Morgen (oder vielleicht schon am Abend selbst, ich kann es nicht genau sagen, der Abend meiner Disputation war einsam und alkoholgetränkt) begriff ich, dass ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen war und dass es vermutlich der beste gewesen war.

So geht es in unseren noch westlichen und sozialdemokratischen Gesellschaften allen, die ihr Studium beenden, nur ist es den meisten nicht oder nicht sofort bewusst, denn sie sind hypnotisiert vom Geld oder vom Konsum wie die Primitivsten, die die heftigste Sucht nach gewissen Dingen entwickelt haben (doch sie sind in der Minderzahl; die ernsthaftere und gemäßigtere Mehrheit entwickelt schlicht eine Faszination für Geld, diesen »unermüdlichen Proteus«). Noch willenloser sind sie ihrem Drang ausgeliefert, sich zu beweisen, sich einen beneidenswerten Platz in einer Gesellschaft des – wie sie denken und hoffen – Wettbewerbs zu erkämpfen, elektrisiert von der Anbetung austauschbarer Ikonen: Sportler, Modedesigner, Internetkreative, Schauspieler, Models.

Aus verschiedenen psychologischen Gründen, die zu analysieren ich weder die Fähigkeit noch die Lust habe, entfernte ich mich deutlich von diesem Schema. Am 1. April 1866, im Alter von achtzehn Jahren, begann Joris-Karl Huysmans seine Laufbahn als Beamter des mittleren Dienstes im Ministerium für Inneres und religiöse Angelegenheiten. 1874 publizierte er auf eigene Kosten einen ersten Band mit Prosagedichten, Das Gewürzschälchen, der abgesehen von einer freundschaftlichen Besprechung aus der Feder Théodore de Banvilles wenig Beachtung fand. Seine ersten Schritte waren also alles andere als sensationell.

Sein Verwaltungsleben plätscherte, wie sein Leben im Allgemeinen, dahin. Am 3. September 1893 zeichnete ihn die Ehrenlegion für seine Meriten im Staatsdienst aus. Als 1898 – nach Abzug seiner aus persönlichen Gründen erfolgten Freistellungszeiten – seine dreißig Jahre regulärer Dienstzeit erfüllt waren, wurde er pensioniert. Zwischenzeitlich hatte er Gelegenheit gehabt, mehrere Bücher zu schreiben, die ihn mir über mehr als ein Jahrhundert hinweg als Freund erscheinen ließen. Über die Literatur ist vieles, vielleicht zu vieles geschrieben worden (als Literaturwissenschaftler steht mir dieses Urteil mehr als jedem anderen zu), dabei ist die spezifische Besonderheit der Literatur, der hohen Kunst der westlichen, vor unseren Augen untergehenden Welt nicht schwierig zu bestimmen. Die Musik kann im selben Maße wie die Literatur erschüttern, eine gefühlsmäßige Umkehr, Traurigkeit oder absolute Ekstase bewirken; die Malerei kann im selben Maße wie die Literatur verzücken, einen neuen Blick auf die Welt eröffnen. Aber allein die Literatur vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen Schwächen und seiner Größe, seinen Grenzen, seinen Engstirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen; mit allem, was ihn berührt, interessiert, erregt oder abstößt. Allein die Literatur erlaubt uns, mit dem Geist eines Toten in Verbindung zu treten, auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre – denn so tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet. Natürlich sind, wenn es um Literatur geht, die Schönheit des Stils, die Musikalität der Sätze von Wichtigkeit. Die Tiefe und Originalität der Gedanken des Autors sind nicht unwesentlich; aber ein Autor ist zuvorderst ein Mensch, der in seinen Büchern gegenwärtig ist; ob er gut schreibt oder schlecht, ist dabei zweitrangig, die Hauptsache ist, dass er schreibt und wirklich in seinen Büchern gegenwärtig ist. (Es ist seltsam, dass ein scheinbar so geringfügiger Umstand in Wahrheit so tiefgreifend ist und dass diese offenkundige, leicht festzustellende Tatsache von den Philosophen der verschiedenen Richtungen kaum erschlossen wurde: Weil Menschen aufgrund ihrer Natur grundsätzlich die gleiche Quantität von Sein besitzen, sind sie alle mehr oder weniger gleich gegenwärtig. Und doch ist das nicht der Eindruck, den sie über einige Jahrhunderte hinweg vermitteln; zu oft kann man beobachten, wie ein schemenhaftes Wesen in den mehr vom Zeitgeist als von der eigenen Persönlichkeit diktierten Seiten zunehmend zerfasert, immer geisterhafter und ungekannter wird.) Ein Buch, das man mag, ist zudem vor allem ein Buch, dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gern seine Tage verbringt. In den sieben Jahren, die ich für die Niederschrift meiner Dissertation gebraucht habe, war Huysmans mein Gefährte gewesen, quasi mein ständiger Begleiter. Huysmans wurde in der Rue Suger geboren, er wohnte in der Rue de Sèvres und der Rue Monsieur, starb in der Rue Saint-Placide und wurde auf dem Friedhof Montparnasse bestattet. Im Grunde spielte sich beinahe sein gesamtes Leben im sechsten Arrondissement von Paris ab, so wie sein Berufsleben sich mehr als dreißig Jahre lang in den Büroräumen des Ministeriums für Inneres und religiöse Angelegenheiten abgespielt hat. Auch ich lebte damals im sechsten Arrondissement von Paris, in einem feuchtkalten und vor allem extrem dunklen Zimmer – die Fenster gingen auf einen winzigen Hof, wenig mehr als ein Brunnenschacht, hinaus, und man musste schon am frühen Morgen Licht machen. Ich litt unter Armut, und wenn ich bei einer dieser Umfragen, die in regelmäßigen Abständen den »Puls der Jugend« erfassen wollen, befragt worden wäre, hätte ich meine Lebensbedingungen wohl mit »eher schwierig« benannt. Dennoch war mein erster Gedanke am Morgen nach der Verteidigung meiner Dissertation (oder sogar noch am Abend selbst), dass ich soeben etwas Unschätzbares verloren hatte, etwas, das ich nie wiederfinden würde: meine Freiheit. Über mehrere Jahre hinweg hatten die allerletzten Überbleibsel einer agonisierenden Sozialdemokratie mir erlaubt (durch ein Forschungsstipendium, ein System von Vergünstigungen und vielfältigen sozialen Vorteilen, schlechte, aber billige Mahlzeiten in der Mensa), die Gesamtheit meiner Tage einer Beschäftigung zu widmen, die ich mir selbst ausgesucht hatte: dem freien geistigen Umgang mit einem Freund. Wie André Breton richtig festhält, ist Huysmans' Humor einzigartig: Er ist selbstlos, er lässt dem Leser einen Vorsprung, lädt ihn ein, sich schon im Voraus über den Autor zu mokieren, über die Exzesse seiner greinenden, grauenhaften oder komischen Beschreibungen. Von dieser Selbstlosigkeit hatte ich mehr als jeder andere profitiert, wenn ich meine Portion Sellerie mit Remoulade oder Kabeljaupüree in den Fächern der metallenen Krankenhaustabletts empfing, die die Bullier-Mensa ihren unglücklichen Nutzern zur Verfügung stellte (jenen, die offensichtlich sonst nicht wussten, wohin sie gehen sollten, die wahrscheinlich aus allen annehmbaren Mensen verdrängt worden waren, aber immer noch ihren Studentenausweis hatten, denn den konnte man ihnen nicht nehmen), während ich über Huysmans' Eigenschaftswörter sinnierte, über den »trostlosen« Käse, die »furchteinflößende« Seezunge, und mir vorstellte, was Huysmans, der sie nicht gekannt hatte, aus diesen karzerhaften Metallfächern gemacht hätte; dann fühlte ich mich etwas weniger unglücklich, etwas weniger allein in der Bullier-Mensa.

Aber all das war vorbei, allgemeiner gesagt: Meine Jugend war vorbei. Bald würde ich mich (und vermutlich recht zügig) um meine berufliche Eingliederung kümmern müssen. Was mich ganz und gar nicht freute.

 

Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier im Grunde mit einem recht ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf. Nun schaden solche Studien aber auch nicht und können sogar einen geringfügigen Nutzen abwerfen. Ein junges Mädchen, das sich als Verkäuferin bei Céline oder Hermès bewirbt, muss selbstverständlich und in allererster Linie gepflegt auftreten; ein Abschluss in Literaturwissenschaften kann ein zusätzlicher Pluspunkt sein, dem Arbeitgeber wird eine gewisse mentale Beweglichkeit garantiert, die die Möglichkeit weiterer Karriereschritte nicht ausschließt, wo ansonsten keine brauchbaren Kompetenzen vorhanden sind – außerdem ist die Literatur in der Industrie der Luxusgüter seit jeher positiv konnotiert.

Ich war mir meinerseits bewusst, der winzigen Randgruppe der »begabtesten Studenten« anzugehören. Ich hatte, wie ich wusste, eine gute Dissertation vorgelegt und rechnete mit einer ordentlichen Note. Dennoch überraschte mich das summa cum laude angenehm und vor allem das Dissertationsgutachten, das ausgesprochen positiv, beinahe überschwänglich war. Ich hätte demzufolge gute Aussichten gehabt, Hochschullehrer zu werden, wenn ich es gewollt hätte. Mein Leben ähnelte in seiner Eintönigkeit und vorhersehbaren Farblosigkeit weiterhin dem von Huysmans eineinhalb Jahrhunderte früher. Die ersten Jahre meines Erwachsenenlebens hatte ich an einer Universität verbracht, vermutlich würde ich auch die letzten dort verbringen – und womöglich an derselben (ganz so war es in Wirklichkeit nicht: Meinen Abschluss hatte ich in Paris IV an der Sorbonne gemacht, berufen wurde ich an die Universität Paris III, die zwar weniger angesehen war, sich dafür aber nur wenige hundert Meter entfernt im fünften Arrondissement, befand).

Ich hatte nie die geringste Begabung für die Lehre gehabt, und fünfzehn Jahre später hatte meine Karriere die anfängliche Abwesenheit der Begabung nur bestätigt. Ein paar Privatstunden, die ich gegeben hatte, um meinen Lebensstandard zu verbessern, überzeugten mich sehr schnell davon, dass die Weitergabe von Wissen die meiste Zeit so unmöglich war wie die Verschiedenheit der Intelligenzen extrem und dass nichts diese grundsätzliche Ungleichheit beseitigen oder auch nur abschwächen konnte. Vielleicht noch schlimmer: Ich mochte keine jungen Leute, ich hatte sie nie gemocht, selbst als man mich als einen der ihren hätte bezeichnen können. Die Vorstellung von Jugend implizierte, wie mir schien, einen gewissen Enthusiasmus gegenüber dem Leben oder vielleicht eine Art des Aufstands, begleitet von einem mindestens vagen Gefühl der Überlegenheit hinsichtlich der Generation, die zu ersetzen man bestimmt war. Niemals hatte ich etwas Derartiges empfunden. Dabei hatte ich in meiner Jugend sehr wohl Freunde gehabt – genauer gesagt waren da einige Kameraden gewesen, bei denen ich mir ohne Widerwillen vorstellen konnte, zwischen den Seminaren gemeinsam einen Kaffee oder ein Bier trinken zu gehen. Vor allem aber hatte ich Frauen gehabt, oder, wie man damals sagte (und wie man es vielleicht auch jetzt noch sagt), Freundinnen – ungefähr eine pro Jahr. Diese Liebesbeziehungen liefen nach einem relativ starren Muster ab. Sie begannen am Anfang des Studienjahres während einer Übung, bei einem Austausch von Notizen aus dem Seminar, kurzum, bei einer der zahlreichen Gelegenheiten, sich zu sozialisieren, die sich im Leben eines Studenten häufig ergeben und deren Verschwinden mit dem Eintritt in das Berufsleben einen Großteil der Leute in eine ebenso verblüffende wie radikale Einsamkeit stürzt. Die jeweilige Freundin besuchte das ganze Jahr über ihre Kurse, die Nächte verbrachten wir mal bei ihr, mal bei mir (also vor allem bei ihr, die düstere, ja ungesunde Atmosphäre meines Zimmers war galanten Rendezvous nur wenig zuträglich), es fand Geschlechtsverkehr statt (den ich mir gern als für beide Seiten befriedigend vorstelle). Zum Ende der Sommerferien, also zu Beginn des neuen Studienjahres, ging die Beziehung zu Ende, eigentlich immer auf Initiative der Mädchen. Im Sommer war etwas gewesen, so lautete die Erklärung, die ich, selten mit genaueren Details versehen, bekam; andere, die weniger besorgt um mich waren, ergänzten, dass sie jemanden getroffen hätten. Ja, und? Ich war doch auch jemand. Mit Abstand betrachtet kommen mir diese nüchternen Erklärungen unzulänglich vor. Richtig, sie hatten, das streite ich nicht ab, jemanden getroffen. Doch was diese Begegnung so schwerwiegend machte, dass sie der Beziehung zu mir ein Ende setzen und eine neue eingehen mussten, war allein die Anwendung eines wirkmächtigen, aber unausgesprochenen Verhaltensmodells für Liebesbeziehungen, das umso wirkmächtiger war, je unausgesprochener es blieb.

Gemäß dem in meinen Jugendjahren vorherrschenden Beziehungsmodell (und nichts deutete darauf hin, dass die Dinge sich grundlegend geändert hatten) waren die jungen Leute nach einer kurzen Phase des sexuellen Vagabundierens, wie es der Vorpubertät entsprach, dazu angehalten, exklusive Beziehungen einzugehen, die sich durch strikte Monogamie sowie durch Aktivitäten nicht rein sexueller, sondern auch sozialer Art (Ausgehen am Abend, gemeinsam verbrachte Wochenenden und Ferien) auszeichneten. Dennoch hatten diese Beziehungen nichts Verbindliches, sondern wurden als Ausbildung in Sachen Liebe verstanden, sie waren gewissermaßen Praktika (die sich auch im beruflichen Rahmen zu etablieren begannen, sozusagen als Bedingung für die erste Stelle). Liebesbeziehungen von schwankender Dauer (die Dauer eines Jahres, die ich bei mir beobachtet hatte, galt als akzeptabel) und in schwankender Anzahl (zehn bis zwanzig schienen ein vernünftiger Durchschnitt zu sein) sollten aufeinander folgen, bevor sie zum krönenden Abschluss in die allerletzte Beziehung mündeten, die dieses Mal einen eheähnlichen und endgültigen Charakter haben würde und durch die Zeugung von Kindern zur Gründung einer Familie führen sollte.

Die völlige Sinnlosigkeit dieses Modells sollte mir erst sehr viel später aufgehen, eigentlich erst vor Kurzem, als ich zufällig mit einigen Wochen Abstand zunächst wieder auf Aurélie und dann auf Sandra traf (wobei ich davon überzeugt bin, dass auch ein Zusammentreffen mit Chloé oder Violaine an meinen Schlussfolgerungen im Wesentlichen nichts geändert hätte). Kaum betrat ich das baskische Restaurant, in das ich Aurélie zum Abendessen eingeladen hatte, begriff ich, dass ein trostloser Abend vor mir lag. Trotz der beiden Flaschen weißen Irouléguys, den ich mehr oder weniger allein trank, hatte ich zunehmend unüberwindbare Schwierigkeiten, ein warmherziges Gespräch auf anständigem Niveau zu führen. Ohne dass ich es mir recht erklären konnte, erschien es mir als taktlos und ganz unmöglich, in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen. Und was die Gegenwart betraf, so lag auf der Hand, dass Aurélie es keineswegs geschafft hatte, eine eheliche Beziehung aufzubauen, dass die Gelegenheitsabenteuer sie zunehmend ekelten, dass ihr Gefühlsleben kurz gesagt auf ein unumkehrbares und vollkommenes Desaster zusteuerte. Dabei hatte sie es mindestens ein Mal versucht, wie ich an verschiedenen Anzeichen erkennen konnte, und sie hatte sich von ihrem Scheitern nicht erholt. So bissig und verbittert, wie sie von ihren männlichen Kollegen sprach (mangels anderer Themen waren wir auf ihren Job zu sprechen gekommen – sie war verantwortlich für die Kommunikation beim Verband der Bordeaux-Weine, weswegen sie viel reiste, vor allem durch Asien, um die französischen Lagen zu bewerben), war es offensichtlich, dass sie ganz schön was eingesteckt hatte. Ich war überrascht, als sie mich trotzdem zu einem »Absacker« einlud, kurz bevor wir aus dem Taxi stiegen. Die ist wirklich fertig, sagte ich mir, und schon als die Türen des Fahrstuhls sich hinter uns schlossen, wusste ich, dass nichts geschehen würde, ich hatte nicht einmal Lust, sie nackt zu sehen, hätte es gern vermieden, trotzdem passierte es und bestätigte mir nur, was ich schon geahnt hatte. Sie hatte nicht nur gefühlsmäßig eingesteckt, ihr Körper hatte irreparable Schäden erlitten, der Hintern und die Brüste waren nur mehr dünne, schrumpelige, schlaff herabhängende Hautlappen, sie war am Ende, würde nie wieder ein Objekt der Begierde sein.

Mein Essen mit Sandra lief in etwa nach dem gleichen, nur situationsbedingt variierten Muster ab (Meeresfrüchte-Restaurant, ihr Job als Chefsekretärin in einem multinationalen Pharmaunternehmen) und endete im Großen und Ganzen gleich, mit dem Unterschied, dass Sandra draller und jovialer war als Aurélie und ihre emotionale Einsamkeit mir weniger schlimm vorkam. Ihre Trauer war groß und unaufhaltsam, und ich wusste, dass sie bald alles überdecken würde. Wie Aurélie war sie im Grunde nur ein ölverschmutzter Vogel, aber sie hatte sich, wenn ich das so sagen kann, die Fähigkeit, mit den Flügeln zu schlagen, in höherem Maße erhalten. In ein oder zwei Jahren würde sie alle Ehebestrebungen aufgegeben haben, ihre nicht gänzlich erloschene Sinnlichkeit würde sie in die Nähe junger Männer treiben, sie mutierte, wie man in meiner Jugend sagte, zu einer Cougar, eine Existenz, die sicherlich einige Jahre, bestenfalls ein Jahrzehnt andauern würde, bevor die substanzielle Erschlaffung ihrer Haut der Beginn einer endgültigen Einsamkeit wäre.

In meinen Zwanzigern, als ich wegen allem Möglichen und manchmal ohne jeden Grund Erektionen bekam, als meine Erektionen gewissermaßen ins Leere gingen, hätte eine Beziehung dieser Art reizvoll sein können, sie wäre befriedigender und zugleich lukrativer gewesen als meine Nachhilfestunden, und ich denke, ich hätte meinen Mann gestanden, aber jetzt konnte davon selbstverständlich keine Rede mehr sein, meine selteneren und unberechenbareren Erektionen verlangten nach straffen, geschmeidigen Körpern ohne Makel.

Mein eigenes Sexualleben erfuhr in den ersten Jahren nach meiner Berufung zum Hochschullehrer der Universität Paris III – Sorbonne keine nennenswerte Entwicklung. Jahr um Jahr schlief ich weiter mit Studentinnen meiner Fakultät, die Tatsache, dass ich ihr Dozent war, änderte daran nichts. Die Altersdifferenz zwischen mir und diesen Studentinnen war anfangs recht klein, erst nach und nach schlich sich eine Dimension des Verbotenen ein, die mehr mit meinem universitären Status zusammenhing als mit meinem wirklichen oder erkennbar fortschreitenden Alter. Ich profitierte letztlich voll und ganz von jener grundlegenden Ungleichheit, die zur Folge hat, dass sich der Alterungsprozess eines Mannes nur langsam auf sein erotisches Potenzial auswirkt, während sich der Verfall der Frau mit verblüffender Härte in wenigen Jahren, manchmal Monaten vollzieht. Der einzige echte Unterschied zu meiner Studentenzeit bestand darin, dass meistens ich derjenige war, der die Beziehung zu Beginn des neuen Studienjahres beendete. Ich tat dies nicht aus Donjuanismus oder aus dem Wunsch nach gesteigerter Zügellosigkeit heraus. Anders als mein Kollege Steve, der mit mir zusammen die ersten beiden Jahrgänge in der Literatur des 19. Jahrhunderts unterrichtete (mit seinen Sweatshirts, den Converse-Sneakern und dem leicht kalifornischen Look erinnerte er mich jedes Mal an Thierry Lhermitte, wie er in Die Strandflitzer bei der wöchentlichen Ankunft der neuen Sommerurlauberinnen aus seiner Hütte kommt), stürzte ich nicht am ersten Tag des neuen Semesters hin, um die »neue Ware«, die Erstsemesterinnen, zu begutachten. Wenn ich den Beziehungen mit diesen jungen Mädchen ein Ende setzte, so geschah dies eher in Folge von Mutlosigkeit und Ermattung: Ich fühlte mich nicht mehr in der Lage, eine Liebesbeziehung zu gestalten, und hoffte, jede Art von Enttäuschung und Desillusionierung vermeiden zu können. Im Laufe des Studienjahres änderte ich dann meine Meinung unter dem Einfluss externer und sehr anekdotischer Faktoren – meist war das ein kurzer Rock.

Aber auch das ging zu Ende. Im September hatte ich Myriam Lebwohl gesagt, nun war Mitte April, das Studienjahr neigte sich dem Ende zu, und ich hatte sie noch immer nicht ersetzt. Ich war zum Professor ernannt worden, meine akademische Karriere hatte eine Art Höhepunkt erreicht, aber ich glaubte nicht an einen wirklichen Zusammenhang. Doch dann traf ich kurz nach meiner Trennung von Myriam erst Aurélie und dann Sandra, und da gab es eine beunruhigende, unangenehme und missliche Verbindung. Es muss mir wohl gedämmert haben, als ich im Laufe der Tage darüber nachdachte: Meine Exfreundinnen und ich waren uns sehr viel näher, als wir es uns vorstellten; der außerhalb der Perspektive einer dauerhaften Beziehung stattfindende sporadische Sex erfüllte uns mit einem vergleichbaren Gefühl der Enttäuschung. Im Gegensatz zu ihnen konnte ich mich aber niemandem mitteilen, denn Gespräche über das Privatleben gehören nicht zu den Themen, die in männlicher Gesellschaft als akzeptabel gelten. Männer sprechen von Politik, Literatur, Finanzmärkten oder Sport, wie es eben ihrer Natur entspricht; kein Wort über ihr Liebesleben, und das bis zum letzten Atemzug.

Fiel ich mit dem Altern der Andropause zum Opfer? Der Gedanke war nicht abwegig; um zu wissen, woran ich war, begann ich meine Abende auf YouPorn zu verbringen, das im Laufe der Jahre als Pornoseite Maßstäbe gesetzt hatte. Das Ergebnis war von Anfang an außerordentlich ermutigend. YouPorn erfüllte die Fantasievorstellungen normaler Männer überall auf dem Planeten, und ich war, wie sich in den ersten Minuten herausstellte, ein stinknormaler Mann. Das war durchaus nicht selbstverständlich, hatte ich doch einen Großteil meines Lebens dem Studium eines Autors gewidmet, der weithin als décadent galt und dessen Sexualität daher eine irgendwie undurchsichtige Sache war. Nun, ich ging gänzlich erleichtert aus diesem Selbstversuch hervor. Die teils wunderbaren (in Los Angeles von einem Team gedreht, zu dem ein Beleuchter, mehrere Bühnentechniker und richtige Kameraleute gehörten), teils erbärmlich produzierten, aber dafür klassischen (deutsche Amateure) Videos beruhten auf wenigen identischen und ansprechenden Szenarien. In einem der am weitesten verbreiteten ließ ein Mann (jung? alt? Es gab beide Versionen) seinen Schwanz tatenlos in einer kurzen Hose oder Unterhose ruhen. Zwei Frauen von variabler Rasse verständigten sich über diese Unschicklichkeit und gaben nicht eher Ruhe, als bis sie das Organ aus seinem zeitweiligen Quartier befreit hatten. Sie übertrafen sich gegenseitig darin, den Mann zu betören, ihn zu necken, bis er beinahe den Verstand verlor, was sich in freundschaftlicher Stimmung und im Geiste geheimen weiblichen Einverständnisses vollzog. Der Schwanz ging von Mund zu Mund, die Zungen kreuzten sich, wie die Schwalben sich in leichter Unruhe im dunklen Südhimmel des Département Seine-et-Marne kreuzen, kurz bevor sie Europa verlassen, um dem Winter zu entfliehen. Dem schicksalsergebenen Mann kam nur Kümmerliches über die Lippen: entsetzlich Kümmerliches bei den Franzosen (»O verdammt!«, »O verdammt, ich komme!«, das entsprach ungefähr dem, was man von einem Volk der Königsmörder erwarten konnte), Schöneres und Ausdrucksvolleres bei den Amerikanern (»Oh my God!«, »Oh Jesus Christ!«), anspruchsvollen Zeugen, deren Einlassungen sich anhörten wie Weisungen, Gottes Gaben (Fellatio, Brathähnchen) zu achten. Wie dem auch sei, hinter meinem 27-Zoll-iMac hatte auch ich einen Ständer, alles bestens also.

 

Seit ich Professor war, erlaubte mir mein reduzierter Lehrplan, meine universitären Verpflichtungen sämtlich auf den Mittwoch zu legen. Der Tag begann mit einer Vorlesung über die Literatur des 19. Jahrhunderts von acht bis zehn Uhr, für Studenten im zweiten Studienjahr. In derselben Zeit hielt Steve in einem benachbarten Hörsaal eine entsprechende Vorlesung für das erste Studienjahr. Von elf bis dreizehn Uhr leitete ich den Masterkurs 2 über die décadents und die Symbolisten. Zuletzt hatte ich von fünfzehn bis achtzehn Uhr ein Seminar, in dem ich die Fragen der Doktoranden beantwortete.

Ich stieg gern um kurz nach sieben Uhr in die Métro und gab mich der flüchtigen Illusion hin, dem Frankreich der Frühaufsteher anzugehören, dem der Arbeiter und Handwerker; allerdings musste ich damit so ziemlich alleine sein, denn mein Acht-Uhr-Seminar fand vor fast leeren Reihen statt, bis auf eine kompakte Gruppe Chinesinnen, die eine ernste Unnahbarkeit ausstrahlten, nicht untereinander sprachen und auch sonst mit niemandem. Sobald sie den Raum betraten, schalteten sie ihre Smartphones ein, um die ganze Vorlesung aufzunehmen, was sie nicht davon abhielt, sich in 21 x 29,7 Zentimeter großen Spiralblöcken Notizen zu machen. Nie unterbrachen sie mich, nie stellten sie Fragen, und die zwei Stunden vergingen, ohne dass ich das Gefühl hatte, wirklich begonnen zu haben. Nach der Vorlesung traf ich auf Steve, dessen Auditorium ähnlich besetzt war wie meines – mit dem kleinen Unterschied, dass die Chinesinnen gegen verschleierte Nordafrikanerinnen ausgetauscht wurden, die aber ebenso ernsthaft und undurchdringlich waren. Fast immer schlug er mir vor, etwas trinken zu gehen – meistens einen Pfefferminztee in der Großen Pariser Moschee, die nicht weit weg von der Uni war. Ich mochte weder Pfefferminztee noch die Große Pariser Moschee, ich mochte auch Steve nicht sonderlich gern, dennoch begleitete ich ihn. Ich denke, er war mir dankbar dafür, er wurde insgesamt von den Kollegen nicht sehr geschätzt. Man konnte sich tatsächlich fragen, wie er es bis zum Hochschullehrer gebracht hatte, ohne etwas zu veröffentlichen, weder in einer wichtigen Fachzeitschrift noch in einer unwichtigen; er war lediglich Verfasser einer nebulösen Dissertation über Rimbaud, einer totalen »Mogelpackung«, wie mir Marie-Françoise Tanneur erklärte, eine meiner anderen Kolleginnen und anerkannte Balzac-Spezialistin. Über Rimbaud wurden Tausende Dissertationen geschrieben, an allen Universitäten Frankreichs, der frankofonen Länder und darüber hinaus, Rimbaud ist das am häufigsten durchgekaute Dissertationsthema der Welt, mit Ausnahme vielleicht von Flaubert. Man muss sich nur zwei, drei alte Arbeiten heraussuchen, die an Provinzuniversitäten eingereicht wurden, und sie grob interpolieren, niemand verfügt über die materiellen Mittel, das zu überprüfen, niemand hat die Zeit und die Lust, sich in Hunderttausende Seiten unverdrossener Ergüsse charakterloser Studenten über die »Seher-Briefe« zu stürzen. Die mehr als achtbare Universitätskarriere von Steve war, noch immer nach Marie-Françoises Meinung, einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass er »Mama Delouze die Muschi leckte«. Das war möglich, wenngleich es auch verwunderlich gewesen wäre. Mit ihren quadratischen Schultern, dem ergrauten Igelschnitt und ihren erbarmungslosen gender studies war Chantal Delouze, die Präsidentin der Universität Paris III – Sorbonne, für mich immer eine hundertprozentige Kampflesbe gewesen, aber ich konnte mich täuschen, womöglich hegte sie gegenüber Männern Rachegelüste, die sich in Domina-Fantasien äußerten, vielleicht versetzte es sie in Ekstasen ungekannter Art, den netten Steve mit seinem hübschen, harmlosen Gesicht, dem halblangen, gelockten feinen Haar dazu zu zwingen, zwischen ihren stämmigen Schenkeln niederzuknien. Ob es stimmte oder nicht, das Bild drängte sich mir an jenem Morgen auf, als ich ihm im Patio des Teesalons der großen Moschee dabei zusah, wie er an seiner widerlichen Shisha mit Apfelgeschmack nuckelte.

Er sprach wie gewöhnlich von Berufungen und Karrieren in der Welt der Universitätshierarchie – ich glaube nicht, dass er von sich aus jemals ein anderes Thema angeschnitten hatte. An jenem Morgen beschäftigte ihn die Berufung eines fünfundzwanzigjährigen Typen, Verfassers einer Dissertation über Léon Bloy, der nach dessen Meinung »Verbindungen zur identitären Bewegung« gehabt habe. Ich fragte mich, was ihn das wohl kümmere; um Zeit zu gewinnen, zündete ich mir eine Zigarette an. Mir kam kurzzeitig die Idee, dass der Linke in ihm aufgewacht war, aber dann dachte ich wieder: Der Linke in Steve schlief tief und fest, nur ein Ereignis vom Rang eines politischen Rucks in den Führungsgremien der französischen Universität hätte ihn aus seinem Schlummer reißen können. Vielleicht sei das ein Zeichen, so Steve weiter, immerhin sei Amar Rezki, der für seine Forschung über antisemitische Autoren zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt war, gerade zum Professor berufen worden. Außerdem, betonte er, habe die Hochschulrektorenkonferenz sich soeben einer Boykott-Aktion gegen den Austausch mit israelischen Forschern angeschlossen, die ursprünglich von einer Gruppe britischer Akademiker ausgegangen war.

Als Steve sich einen Moment lang auf seine Shisha konzentrierte, die schlecht zog, nutzte ich die Gelegenheit, um einen heimlichen Blick auf meine Uhr zu werfen. Es war erst halb elf, ich konnte ihm schlecht damit kommen, dass ich zur Vorlesung müsse, um mich zurückzuziehen. Da hatte ich eine Idee, die mir erlaubte, die Unterhaltung ohne Risiko erneut in Gang zu bringen: Seit einigen Wochen sprach man wieder von einem bereits vier oder fünf Jahre alten Projekt, das sich mit der Errichtung einer Zweigstelle der Sorbonne in Dubai (oder war es Bahrain oder Katar? Ich konnte sie nie auseinanderhalten) befasste. Ein ähnliches Projekt wurde gerade in Oxford geprüft, das ehrwürdige Alter der beiden Universitäten musste es der einen oder anderen Ölmonarchie angetan haben. Für einen jungen Hochschullehrer wäre das eine vielversprechende Möglichkeit, seine Finanzen aufzubessern; würde sie ihn dazu verleiten, sich dadurch anzubieten, dass er antizionistische Positionen vertrat? Und glaubte er, dass ich gut beraten wäre, es ihm gleichzutun?

Ich sah Steve unverhohlen forschend an – der Typ war nicht übermäßig intelligent und daher leicht aus der Fassung zu bringen, mein Blick zeigte schnell Wirkung. »Als Bloy-Spezialist«, stammelte er, »weißt du sicher einiges über diese antisemitischen Identitären …« Ich seufzte matt: Bloy war kein Antisemit, und ich war nicht im Mindesten ein Bloy-Kenner. Natürlich war ich im Rahmen meiner Forschungen zu Huysmans an Bloy nicht vorbeigekommen, ein Vergleich ihres Sprachgebrauchs war Teil meiner Schrift Schwindel der Neologismen gewesen, meiner einzigen Veröffentlichung und wahrscheinlich dem Gipfels meiner irdischen geistigen Anstrengung, die jedenfalls exzellente Kritiken in Poétique und Romantisme bekommen hatte und der ich vermutlich meine Berufung zum Professor verdankte. Tatsächlich aber handelte es sich bei einem Großteil der seltsamen Wörter, die man bei Huysmans fand, nicht um Neologismen, sondern um seltene Wörter, die der Fachsprache handwerklicher Berufe oder bestimmten Dialekten entnommen waren. Huysmans, so meine These, war durch und durch Naturalist geblieben, er wollte in seinem Werk die Sprache des Volkes abbilden, er war auf gewisse Art vielleicht sogar der Sozialist geblieben, der als junger Mann an Zolas Abenden in Médan teilgenommen hatte, seine wachsende Verachtung für die Linke war niemals so groß gewesen wie seine anfängliche Aversion gegen den Kapitalismus, das Geld und alles, was mit bürgerlichen Werten gleichzusetzen war – im Grunde war er eine einzigartige Figur, ein christlicher Naturalist. Bloy hingegen, der immerzu nach kommerziellem oder gesellschaftlichem Erfolg gierte, der sich seiner andauernden Neologismen bediente, um aufzufallen, um sich als erleuchteter, verfolgter, geheimnisvoller Spiritueller in Stellung zu bringen, Bloy also hatte sich für eine mystisch-elitistische Position in der literarischen Welt seiner Epoche entschieden und hörte später nicht auf, sich über seinen Misserfolg und die durchaus gerechtfertigte Gleichgültigkeit zu wundern, die seine Verwünschungen hervorriefen. Er war, schrieb Huysmans, »ein Unglücklicher, dessen Hochmut teuflisch und dessen Hass maßlos ist.« Tatsächlich war Bloy mir von Beginn an wie der Prototyp des schlechten Katholiken vorgekommen, dessen Glaube und Begeisterung erst in Wallung geraten, wenn seine Gesprächspartner Verdammte sind. Zwar war ich damals, als ich an meiner Dissertation schrieb, auch mit verschiedenen katholisch-royalistischen linken Kreisen in Kontakt gekommen, die Bloy und Bernanos wie Götter verehrten und mich mit diesem oder jenem handschriftlichen Brief locken wollten, bis ich feststellte, dass sie mir nichts, aber auch gar nichts zu bieten hatten – kein Dokument, das ich nicht leicht selbst in den Archiven, die einem akademischen Publikum für gewöhnlich zugänglich waren, hätte finden können.

»Du bist da sicher auf etwas gestoßen … Lies doch noch einmal Drumont«, sagte ich jedoch zu Steve, mehr, um ihm zu schmeicheln, und er sah mich folgsam und naiv wie ein opportunistisches Kind an.

Vor der Tür meines Vorlesungsraums – ich wollte an jenem Tag von Jean Lorrain sprechen – versperrten drei Typen von rund zwanzig Jahren, zwei Araber und ein Schwarzer, den Weg. Heute waren sie nicht bewaffnet und wirkten eher ruhig, in ihrer Haltung lag eigentlich nichts Bedrohliches, aber man war gezwungen, zwischen ihnen hindurchzugehen, um in den Raum zu kommen – ich musste eingreifen. Ich blieb bei ihnen stehen: Sicher waren sie angewiesen worden, niemanden zu provozieren und die Lehrenden der Universität mit Respekt zu behandeln, so hoffte ich jedenfalls.

»Ich bin Professor an dieser Universität, ich muss jetzt meine Vorlesung halten«, sagte ich entschlossen in Richtung der Gruppe. Es war der Schwarze, der mir mit einem breiten Lächeln antwortete. »Kein Problem, Monsieur, wir haben nur unsere Schwestern besucht«, antwortete er und zeigte mit einer beruhigenden Geste in den Hörsaal. Mit »Schwestern« konnte er nur die beiden nordafrikanischen Mädchen meinen, die nebeneinander oben links im Hörsaal saßen. Sie trugen schwarze Burkas, ihre Augen waren von einem Gitter geschützt, sie wirkten also völlig untadelig, schien mir. »Gut, nun haben Sie sie ja gesehen …«, folgerte ich freundlich, um sie dann aufzufordern: »Jetzt können Sie gehen.« – »Kein Problem, Monsieur«, antwortete er, und sein Lächeln wurde noch breiter. Dann machte er auf dem Absatz kehrt, gefolgt von den beiden anderen, die kein Wort gesagt hatten. Nach wenigen Schritten drehte er sich zu mir um. »Friede sei mit Ihnen, Monsieur«, sagte er mit einer leichten Verbeugung. »Das ist doch gut gegangen …«, dachte ich, während ich die Tür des Hörsaals schloss. »Ist gut gegangen diesmal.« Ich wusste nicht recht, was ich erwartet hatte – es kursierten Gerüchte von Angriffen auf Dozenten in Mülhausen, Straßburg, Aix-Marseille und Saint-Denis, aber ich hatte keinen dieser Kollegen getroffen und glaubte im Grunde nicht wirklich daran. Laut Steve hatte es im Übrigen eine Vereinbarung zwischen den Strömungen der jungen Salafisten und den Institutionen der Universität gegeben, Beweis war für ihn die Tatsache, dass Banditen und Dealer schon seit zwei Jahren beinahe völlig aus der unmittelbaren Umgebung der Uni verschwunden waren. Ob die Vereinbarung auch eine Klausel enthielt, die jüdischen Organisationen das Betreten der Uni untersagte? Auch das war nur ein schwer überprüfbares Gerücht, es war aber eine Tatsache, dass der Verband jüdischer Studenten Frankreichs seit dem Beginn des neuen Semesters nicht mehr anzutreffen war, auf keinem Campus in ganz Paris, während der Jugendverband der Bruderschaft der Muslime so ziemlich überall seine Fühler ausgestreckt hatte.

 

Nach meiner Vorlesung (was interessierte die beiden Jungfrauen in Burka wohl an Jean Lorrain, einer widerlichen Schwuchtel, die sich selbst als »Fickanthrop« outete? Kannten ihre Väter die Inhalte ihres Studienfachs? Wofür die Literatur nicht alles herhalten musste!) traf ich Marie-Françoise, die vorschlug, gemeinsam zu essen. Wirklich, ich hatte einen sozialen Tag.

Ich mochte die unterhaltsame und über alle Maßen klatschsüchtige alte Hexe; ihre langjährige Betriebszugehörigkeit, ihre Stellung in diversen beratenden Gremien verlieh ihrem Klatsch mehr Gewicht und Bedeutung, als die Gerüchte hatten, die vom unscheinbaren Steve kamen. Sie entschied sich für ein marokkanisches Restaurant in der Rue Monge – einen Halal-Tag würde ich also außerdem haben.

Mutter Delouze, setzte sie an, als der Ober uns unsere Teller brachte, sitze auf einem Schleudersitz. Der Nationale Hochschulrat, der Anfang Juni tagte, werde aller Voraussicht nach Robert Rediger für den Posten benennen.

Ich warf einen kurzen Blick auf meine Artischocken-Lamm-Tajine, bevor ich für alle Fälle überrascht die Augenbrauen hochzog.

»Ja, ich weiß«, sagte sie, »das ist unglaublich, aber es sind mehr als nur Gerüchte, mir sind schon Details zu Ohren gekommen.«

Ich entschuldigte mich, um zur Toilette zu gehen und dort diskret mein Smartphone zu befragen – man findet ja wirklich den letzten Blödsinn im Netz. Meine Recherche dauerte zwei Minuten und informierte mich darüber, dass Robert Rediger für seine propalästinensische Haltung bekannt und eine der maßgeblichen Schlüsselfiguren des Boykotts israelischer Universitäten war. Ich wusch mir sorgfältig die Hände, bevor ich zu meiner Kollegin zurückging.

Mein Tajine-Gericht war trotzdem kalt geworden, wie schade. »Wird man nicht die Wahlen abwarten, um das zu tun?«, fragte ich nach einem ersten Bissen, es schien mir eine gute Frage zu sein.

»Die Wahlen, die Wahlen, und dann? Was soll das schon ändern?« Offenbar war meine Frage doch nicht so gut gewesen.

»Keine Ahnung, immerhin wird in drei Wochen ein neuer Präsident gewählt …«

»Du weißt doch genau, dass die Sache längst gelaufen ist, das wird wie 2017, der Front National kommt in die zweite Runde, die Linke wird wiedergewählt, ich weiß wirklich nicht, warum sich der Nationale Hochschulrat bis zu den Wahlen die Eier schaukeln sollte.«

»Da wäre noch das Wahlergebnis der Bruderschaft der Muslime, man weiß es nicht, wenn sie über die symbolische 20-Prozent-Hürde kommen, kann sich das auf das Kräfteverhältnis auswirken …« Das war natürlich Schwachsinn, die Wähler der Bruderschaft der Muslime würden ihre Stimmen zu 99 Prozent den Sozialisten geben, das änderte auf keinen Fall etwas am Ergebnis, aber das Wort »Kräfteverhältnis« hatte in jeder Unterhaltung eine imponierende Wirkung, als hätte ich Clausewitz und Sunzi gelesen, die »symbolische Hürde« gefiel mir auch gut. Jedenfalls nickte Marie-Françoise, als hätte ich gerade eine Idee gehabt, sie wägte lange die Konsequenzen ab, die eine Wahl der Bruderschaft der Muslime auf Regierungsebene auf die Zusammensetzung der universitären Leitungsgremien hätte, ihre kombinatorische Intelligenz spielte alles durch. Ich hörte nicht mehr wirklich zu, ich beobachtete, wie die Hypothesen nacheinander über ihr spitzes, altes Gesicht zogen. Für irgendetwas muss man sich ja im Leben interessieren, sagte ich mir, und ich fragte mich, wofür ich mich interessieren könnte, wenn sich das Ende meines Liebeslebens bestätigen sollte – ich könnte Weinbau lernen oder Modellflugzeuge sammeln.

(Chicken Biryani? Chicken Tikka Masala? Chicken Rogan Josh?)