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Dieses Buch ist meiner Frau Birgit gewidmet,
durch sie ist der Inhalt dieses Buches
in unserem alltäglichen Leben
ganz persönlich lebendig geworden.

DANKE

Es gibt erfüllte Momente im Leben eines Autors, in denen er innehält und er seine eigenen Gedanken zu der Frage hinführt: Wem will ich für meine Bucherfolge (die insgesamt 12 nationalen und internationalen Auflagen dieses Werkes) danken? All den interessierten Lesern dieser eigenwilligen und doch tief menschlichen Thematik, denn nur durch sie ist letztendlich diese neu überarbeitete Auflage möglich geworden.

Auch bei dieser erweiterten Auflage wirkten wieder engagiert mit: Dr. Thomas Conrad mit seinen „nächtlichen“ Inspirationen und Annette Scheidacker mit ihrer „taghellen“ Verkörperung der Ideen.

WIDMUNG

Dieses Buch ist meiner Frau Birgit gewidmet, durch sie ist der Inhalt dieses Buches in unserem alltäglichen Leben ganz persönlich lebendig geworden.

EINLEITUNG

Körpersprache und Charakterkunde oder Warum Sie dieses Buch lesen und durcharbeiten sollten

„Man kann einen Menschen nichts lehren. Man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

(Galileo Galilei)

Diese Grunderfahrung hat wohl jeder von uns irgendwann in seinem bisherigen Leben gemacht: Es verläuft vielerorts anders, als der Einzelne es erwartet hat, sei es in der Partnerschaft, im Berufsalltag oder im persönlichen Bereich. Und das sowohl im positiven, erfreulichen als auch im negativen, schmerzlichen Sinne. Unser Leben kann sich urplötzlich problemlos gestalten, obwohl wir eigentlich mit Konflikten fest gerechnet haben. Unerwartete Schwierigkeiten zeigen sich genau da, wo wir sie am wenigsten vermutet hätten. Hoffnungen zerschlagen sich, für unwahrscheinlich gehaltene Wendungen zum Guten in einer schier ausweglosen Situation treten auf einmal ein. Jeder hat das schon erlebt und auf den ersten Blick scheint es, als wäre das ganz normal und man brauchte sich bei diesen Feststellungen nicht lange aufzuhalten: Unser Leben ist eben so!

Das sieht dann schon etwas anders aus, wenn wir uns fragen, woran es denn liegt, dass „unser Leben eben so ist“, dass sich Erfolg und Misserfolg die Hand reichen, dass auf erfüllte Erwartungen Enttäuschungen folgen, dass womöglich nach Jahren einer glücklichen Partnerschaft der eine wortlos geht? Anders gesagt: In unserem Leben gibt es Momente, in denen wir spüren, wie plötzlich alles, was uns sicher erschien, zu wanken und zu schwanken beginnt und Lebenssituationen, die wir fest im Griff hatten, zerbröckeln.

Hier angekommen, neigen wir schnell dazu, die äußeren Umstände, unsere Mitmenschen oder ein unbegreifliches Schicksal für das Auf und Ab in unserem Leben verantwortlich zu machen. Es gibt Situationen, in denen wir manchmal sogar unfähig sind, unser Glück zu begreifen, und es lediglich als Geschenk betrachten.

Bestimmt erinnern Sie sich: Auf seiner einsamen Insel bekam Robinson Crusoe von dem Zeitpunkt an, als Freitag auftauchte, eigentlich erst seine wirklichen Probleme. Sicher wissen Sie auch noch, dass Robinson mit Schuldzuweisungen rasch bei der Hand war und die Schwierigkeiten im Zusammenleben mit Freitag ausschließlich bei diesem suchte! Damit tat unser Schiffbrüchiger nichts anderes als wir oft heute: An vielen Orten unseres Lebens betrachten wir uns nicht als „Spieler“, sondern als „Spielball“ in einem „Spiel“, das hauptsächlich durch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt wird. In der geschilderten Situation können wir jede Verantwortung für die Gestaltung dieser Beziehungen von uns weisen oder uns zumindest mit der Überlegung beruhigen, dass es ja schließlich immer die anderen sind, die …

Wirklich???

Sind es immer die anderen, denen ich Erfolg oder Misserfolg anlasten kann? Sind es tatsächlich nur die anderen, die für eigene Enttäuschungen in die Pflicht zu nehmen sind? Lag es wirklich nur am anderen, dass Gefühle verstummen?

Wir alle kennen die Situation, in der wir uns darüber beschweren, dass andere nicht hinhören, wenn wir etwas sagen. Vielleicht haben Sie es auch schon einmal im Berufsalltag erlebt, dass Sie der Meinung waren, mit diesem Kollegen einfach „nicht zu können“, weil Sie beim besten Willen „den Draht“ zu ihm nicht finden konnten. Jedenfalls war das Ihre Meinung. Und so oder so hat vielleicht der eine oder andere die folgende Geschichte schon selber erlebt: Die bisherigen Nachbarn sind plötzlich ausgezogen. Sie haben sich gut mit ihnen verstanden. Waren sie im Urlaub, gossen Sie ihre Blumen, waren Sie für längere Zeit abwesend, haben sie Ihre Katze gefüttert.

In der leer stehenden Wohnung gegenüber tat sich zunächst nichts, bis plötzlich ein neues Namensschild an der Tür hing. Hier musste also jemand in aller Stille eingezogen sein, jedenfalls haben Sie nichts bemerkt und begannen, neugierig zu werden. Endlich begegnen Sie einem jungen Mann und irgendwie wirkt er auf Sie verschlossen und wenig mitteilsam. Ihre Gespräche beschränken sich aufs Wetter oder den Austausch unverbindlicher Höflichkeiten. Mit der Zeit gibt Ihnen das Rätsel auf und Sie beginnen ihm womöglich Unnahbarkeit, ein ungeselliges Wesen oder Kontaktschwierigkeiten zu unterstellen. Es wird nicht mehr lange dauern und Sie kommen zu der Überzeugung:

„Der“

ist aber komisch. Damit haben Sie eigentlich alles getan, um den Aufbau einer vernünftigen zwischenmenschlichen Beziehungen von vornherein abzublocken. Von nun an werden Sie mit Ihrem Nachbarn nicht so umgehen, wie er wirklich ist, sondern schieben zwischen sich und ihn immer das Bild, das Sie sich von ihm im Laufe der Zeit gemacht haben.

Bislang freuten Sie sich auf morgendliche Begegnungen und tolerierten es, wenn die Arbeiten gemäß der Hausordnung erst drei Tage später gemacht wurde. Man sprach über das Tagesgeschehen, die Wichtigtuerei des Hausmeisters und lachte ihn gemeinsam heimlich aus. Sie fühlten sich wohl in Ihrem Haus. Und jetzt: Sie lauschen auf jedes Geräusch aus der Wohnung gegenüber, lassen Ihre Schuhe nicht mehr wie gewohnt vor der Wohnungstür stehen und haben angesichts Ihres bevorstehenden Urlaubs ein Problem mit der Katze. Sie hören sich oft selber sagen, dass früher alles anders war, fühlen sich aber keinesfalls „schuldig“ und suchen die Ursachen für Ihr Unwohlsein beim Nachbarn. Sie glauben, ihn beurteilen zu können, schließlich haben Sie ja Menschenkenntnis.

Mit dieser Behauptung stehen Sie nicht allein. Menschenkenntnis – wer behauptet wohl nicht, sie zu haben. Schließlich ist das eine einfache Kunst, das haben Sie vielleicht schon mal bei dem berühmten Philosophen und Mathematiker Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) gelesen und der musste es wissen. Man sagt ihm nach, mit beiden Beinen im Leben gestanden zu haben.

Nun kann es sein, dass Sie dabei einen kleinen Nebensatz überlesen haben. Lichtenberg sagt sinngemäß nämlich auch, dass Selbsterkenntnis die Voraussetzung von Menschenkenntnis sei. Für den berühmten Zeitgenossen und Berufskollegen Lichtenbergs Immanuel Kant (1724–1804) ist wahre Philosophie übrigens nichts anderes als praktische Menschenkenntnis.

Die Frage nach dem eigenen Ich ist eine der ältesten Fragen der Menschheit und sie wurde in den unterschiedlichsten Versionen gestellt. Heute lautet sie: „Wer bin ich wirklich?“ Sie ist die vielleicht zentralste aller Fragen. Von ihrer Beantwortung hängt es für mich ab, ob ich mich im Spannungsfeld der zwischenmenschlichen Beziehungen als „Spieler“ oder „Ball“ bewege.

Wenn Sie sich bemühen, den manchmal verborgenen Sinn und Nutzen Ihres eigenen Verhaltens, die Symbolik Ihres Körpers, die Mimik und Gestik Ihrer Bewegungen, Ihre Sprache und Ihre seelische Befindlichkeit zu verstehen, wenn Sie erkannt haben, wer Sie selber sind, und das für sich anerkennen, werden Sie dieses Verständnis auch zum Maßstab im Umgang mit Ihren Mitmenschen machen und sie akzeptieren.

Wenn Sie wissen, wie andere ihre Welt erleben, wie sie von dieser Welt wahrgenommen werden und sich in ihr einrichten, werden Sie andere besser verstehen und mit ihnen umgehen können. Voraussetzung hierfür ist, dass Sie mit sich selbst besser auskommen.

Dahinter verbirgt sich wieder die Frage: „Wer bin ich wirklich?“ Niemand kann diese Frage für Sie beantworten, das müssen Sie selber TUN! Kein Arzt der Welt wird es schaffen, Ihnen von heute auf morgen z. B. das Rauchen abzugewöhnen. Den notwendigen Willen hierfür müssen Sie selber aufbringen, ein Mediziner oder Therapeut kann Ihnen dabei nur hilfreich zur Seite stehen. So versteht sich auch das vorliegende Buch, das Sie gerade in Händen halten und zu lesen begonnen haben:

Sie

sind sein eigentliches Thema und es will Ihr lebenslanger Begleiter immer dann sein, wenn Sie Antworten auf diese Fragen suchen. Wenn Sie an sich erkannt haben, dass Sie rasch für neue Herausforderungen zu begeistern sind, weil Sie ein sanguinischer Typ sind und sich bislang über einen Mitmenschen wunderten, der diese Begeisterung mit Ihnen nicht teilen konnte und Problemen mit Grübeleien und Pessimismus begegnete, werden Sie das in Zukunft vielleicht anders sehen. Ihrer Verwunderung oder gar Ablehnung steht nun die Einsicht gegenüber, dass die Welt nicht nur aus Sanguinikern, sondern auch aus Melancholikern besteht.

Diese Einteilung – sie kennt neben diesen zwei Typen noch den Choleriker und Phlegmatiker – stellt keine willkürliche Erfindung dar. Sie ist über 2400 Jahre alt und geht auf den griechischen Arzt Hippokrates (um 460 – um 377 v. Chr.) zurück. Seine Lehre von den vier Temperamenten stellt den vier Grundelementen Luft, Wasser, Feuer und Erde vier menschliche Temperamente gegenüber, die in Folge unterschiedlicher Mischung verschiedener Körpersäfte zustande kommen sollen.

Aristoteles (384–322 v. Chr.) übernahm diese Auffassung, meinte aber, dass der Beschaffenheit des Blutes eine besondere Bedeutung bei der Ausbildung des menschlichen Charakters zukommt. So beschrieb er dann den Sanguiniker als Leichtblütigen, den Choleriker als Heißblütigen, den Phlegmatiker als Kaltblütigen und den Melancholiker als Schwerblütigen. In der Antike wird später diese Lehre nochmals bei Galen (129–199 n. Chr.) eine Rolle spielen.

Sicherlich wird heute die Behauptung des kausalen Zusammenhangs zwischen bestimmten „Körpersäften“ und jeweiligen menschlichen Charakteren niemand mehr teilen wollen. Geblieben ist aber die dieser Auffassung zugrunde liegende Idee, wonach das Temperament, der Charakter eines Menschen und seine Körperlichkeit in einem Zusammenhang stehen.

Die Lehre von den Körpersäften der Griechen unterliegt einer Analogie, einer Entsprechung. Blut z. B. stand als Symbol des Lebens und der Lebenskraft. Sanguinisch bedeutet „aus Blut bestehend, lebensvoll“. Diese Lebensfülle beinhaltet Heiterkeit, Optimismus, ein gesundes Selbstwertgefühl sowie eine unkomplizierte Lebensphilosophie. Was steht dem entgegen, auch heute noch Menschen, an denen man vorwiegend diese Eigenschaften bemerkt und deren Auswirkungen auf ihr Denken und Handeln erfahren kann, als Sanguiniker zu bezeichnen?

Wichtige Anregungen verdanke ich der Typenlehre des Tübinger Psychiaters Ernst Kretschmer (1888–1964). Ich teile seine Grundauffassung, dass das äußere Erscheinungsbild eines Menschen mit seinen individuellen Eigenschaften zusammenhängt bzw. dass sich der Charakter eines Menschen durchaus auch in seinem äußeren Erscheinungsbild widerspiegelt. Ich habe immer versucht, diese Erkenntnis in meinem Verständnis von Menschenkenntnis anzuwenden.

Ich will zwar nicht behaupten, dass z. B. die „Stupsnase“ zwangsläufig einen gesunden Menschenverstand nach sich ziehen muss. Vielmehr machte ich in meinem bisherigen Leben und hier insbesondere über meine Tätigkeit als Trainer die Erfahrung, dass ich für Menschen mit einer Vielzahl gemeinsamer Eigenschaften auch grundlegende gemeinsame Merkmale in ihrem äußeren Erscheinungsbild konstatieren konnte. Von hier aus unternahm ich dann den Schritt, vom Erscheinungsbild auf den Charakter zu schließen, um dann feststellen zu können, dass in der Tat Charakterzüge dem äußeren Bild eines Menschen entsprechen. Diese Beobachtung machte ich an Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen: neben Variationen in ihrem charakterlichen Verhalten konnte ich immer eine Reihe wiederkehrender, beständiger oder überwiegender Eigenschaften feststellen.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf den Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung (1875–1961) aufmerksam machen. Die im heutigen Sprachgebrauch und auch in meinem Buch häufig anzutreffenden Formulierungen vom Introvertierten und Extrovertierten gehen auf seine Forschungen zurück, in deren Ergebnis er diese beiden gegensätzlichen Menschentypen herausstellte. Nun war Jung weit davon entfernt zu behaupten, dass Menschen entweder ausschließlich extrovertiert oder introvertiert seien. Jeder Mensch hat Elemente von beidem in sich. Erst das Überwiegen des einen „Mechanismus“ über den anderen macht den jeweiligen Typ aus.

Diesem Gedanken unterliegt die Anerkennung des Gesetzes der Polarität, welches in meinem Buch mehrfach herausgestellt und angewandt wird. Aus diesem Blickwinkel heraus gilt für mich hinsichtlich der Feststellung einer menschlichen Charaktereigenschaft immer das gleichzeitige Mitdenken ihres Gegenteils. Angesichts unterschiedlicher Lebenssituationen kann ich für einen Menschen nicht behaupten, dass er ausschließlich ehrlich und offen ist. Auch der vermeintlich offenherzigste Charakter kann einmal verschlossen sein. Das will ich nie aus den Augen verlieren, wenn ich von jemandem behaupte, er habe einen aufrichtigen Charakter. Auch hier überwiegt eine Eigenschaft eine andere und bedingt so einen Grundcharakter.

Die Anregungen, Hinweise und Mitteilungen zum Thema Menschenkenntnis, die ich bisher erfahren und annehmen konnte, sind so vielfältig, dass ich sie hier im Einzelnen nicht nennen kann. Im Zusammenhang mit meinen Ausführungen zur Grafologie will ich jedoch darauf verweisen, dass deren Feststellungen nicht von ungefähr kommen. Grafologie ist eine Methode der angewandten Psychologie und als solche habe ich sie in meinem Buch unter Berücksichtigung eigener Erfahrungen zum Tragen kommen lassen. Hierbei galt für mich immer bindend, was bereits vor über 200 Jahren sinngemäß Johann Kaspar Lavater (1741–1801) meinte, als er schrieb, dass sich nicht der ganze Charakter und nicht alle Charaktere, aber von manchen Charakteren viel und von einigen wenig aus der bloßen Handschrift erkennen lässt.

Das Thema Körpersprache hat heute einen großen Stellenwert und verfügt demgemäß über eine Vielzahl von Literatur, die zum Teil im Quellenverzeichnis zu diesem Buch wiederzufinden ist. Dass ich das gesamte Instrumentarium der Möglichkeiten körpersprachlicher Äußerungen nicht erfassen konnte, versteht sich von selbst. Vielmehr war ich bemüht, Ihnen Grundarten menschlicher Gestik und Mimik vorzustellen, deren analoge Deutung ich zum großen Teil einer Vielzahl von Begegnungen mit anderen Menschen verdanke. Dabei war es für mich wichtig, Körpersprache nicht nur als Ausdruck momentaner Situationsbewältigung darzustellen, sondern nonverbale Signale auch als Widerspiegelung grundlegender menschlicher Eigenschaften zu verstehen.

KAPITEL 1
Unser Gehirn und unser
Denken

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Assoziation und Dissoziation

Die Wörter Assoziation wie Dissoziation haben ihren Ursprung im Lateinischen. Hier bedeutet „associare“ beigesellen, vereinigen und verbinden. „Dissociatio“ hingegen steht für Trennung.

Heute tritt uns das Wort Assoziation auf den unterschiedlichsten Wissensgebieten entgegen: In der Biologie z. B. bezeichnet man mit Assoziation eine Gruppe von Pflanzen, die sich aus verschiedenen, charakteristischen Arten zusammensetzt.

Die Chemie spricht von Assoziation, wenn sie die Vereinigung mehrerer gleichartiger Moleküle zu einem Molekülkomplex betrachtet.

Die moderne Psychologie gebraucht dieses Wort, um zu verdeutlichen, dass eine gedankliche Vorstellung mit etwas verknüpft wird. Das klingt sehr sachlich und will zum Ausdruck bringen, wie ich etwas sehe, etwas wahrnehme.

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Anders formuliert: Wenn Sie Erlebnisse aus der Vergangenheit vor Ihr „geistiges Auge“ führen, mit allen Ihren Sinnen „nacherleben“ oder Ereignisse der Gegenwart auf sich einwirken lassen, als wären Sie mit ihnen „verschmolzen“, dann sind Sie assoziiert. Zwischen Ihnen und dem Ereignis besteht dann eine unmittelbare gefühlsmäßige Beziehung.

Erfahren Sie ein Ereignis aus der Vergangenheit – Ihren ersten Schultag, Ihren Eintritt ins Berufsleben, Ihre Hochzeit, die Geburt Ihres Kindes, Ihr erster Sprung vom Sprungbrett – nochmals so, als wären Sie „voll dabei“, freuen sich nochmals auf die Süßigkeiten in der Zuckertüte, spüren wieder den Schweiß auf der Stirn, als Sie sich in einer sehr angespannten Situation befanden, oder Ihre innere Erregung, als Sie das Sprungbrett betraten, dann sind Sie assoziiert.

Sehe ich die Gegenwart nicht als objektiver Betrachter, sondern begebe mich sozusagen mit allen meinen Sinnen in eine gegenwärtige Situation hinein, beteilige mich mit meinen Gefühlen und Emotionen an dieser Gegenwart und ergreife Partei, was bei einem Streit mit einem Mitmenschen schnell der Fall sein kann, bin ich assoziiert.

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Nun besteht auch die Möglichkeit, Ereignisse aus Vergangenheit und Gegenwart auf „neutralem Boden“ wahrzunehmen. Was heißt das? Wir nehmen ein Beispiel: Sie erzählen, dass Sie damals weiche Knie bekommen haben, als Sie auf dem Sprungbrett gestanden haben. Können Sie das so berichten, ohne das dazugehörige Körperempfinden zu verspüren, sind Sie dissoziiert.

Sie erzählen distanziert von Ihren Gefühlen angesichts dieses oder jenes Ereignisses, ohne sofort Schweißperlen oder das bekannte Kribbeln unter der Haut zu bekommen. Wenn Sie im Zustand der Dissoziation ein Gefühl haben, dann in der Regel das, „daneben zu stehen, ohne dabei zu sein“.

Der assoziierte und dissoziierte Wahrnehmungszustand haben, gewollt oder ungewollt, Einzug in unsere Alltagssprache gefunden.

assoziiert: „Herr Meyer ist ein tüchtiger Mitarbeiter.“

dissoziiert: „Man hat mir berichtet, dass Herr Meyer ein tüchtiger Mitarbeiter ist.“

assoziiert: „Du gehst mir mit Deiner Fragerei auf die Nerven!“

dissoziiert: „Manche Mitmenschen können einem gewaltig auf die Nerven gehen.“

assoziiert: „Ich war ein guter Schüler.“

dissoziiert: „Aus meinen Beurteilungen ging immer hervor, dass ich ein guter Schüler gewesen bin.“

assoziiert: „Ich kann an meinem Verhalten nichts Schlechtes finden.“

dissoziiert: „Andere fanden mein Verhalten gut.“

assoziiert: „Ich kann meine damaligen Gefühle nicht aussprechen!“

dissoziiert: „Ich kann heute über das, was damals in mir vorgegangen ist, sprechen, ohne gleich rot zu werden.“

assoziiert: „Sie sind Melancholiker und Sie Choleriker!“

dissoziiert: „Es gibt Melancholiker und Choleriker!“

Melancholiker und Choleriker sind unterschiedliche Charaktertypen. Sie werden sie im Laufe dieses Buches noch näher kennenlernen.

Spätestens hier wird Ihnen noch einmal deutlich, warum für mich diese Unterscheidung von Assoziation und Dissoziation so wichtig ist. Durch meine über 20-jährige Trainertätigkeit festigte sich in mir die Überzeugung, dass Menschenkenntnis, Charakterkunde und Körpersprache sowohl dissoziiert als auch assoziiert vermittelt und aufgenommen werden müssen. Deshalb werde ich in manchen Kapiteln eine dissoziierte, in anderen eine assoziierte Herangehensweise benutzen. Nur so kann der Leser mit der nötigen Aufrichtigkeit seinen wahren Charakter erkennen.

Aus dem Puzzle von Körpertypen und -formen und ihrer jeweiligen Bedeutung ergibt sich die Individualität des einzelnen Menschen. Schubladendenken ist hier nicht gefragt.

Die Selbst-erfüllende-Prophezeiungs-Person

Wir alle kennen den oft daher gesagten Satz „Ich stelle mir vor, dass ich ein … bin oder etwas … ist“.

Sie stellen sich vor, Millionär zu sein, und doch ist der damit verbundene Reichtum nur in Ihrer Vorstellung und nicht wirklich vorhanden. Man nennt das eine Imagination. Sie kennen sie auch als Fantasie. Wenn Sie fantasieren, stellen Sie sich etwas vor, bildlich, anschaulich. Sie denken sich etwas aus. Das gilt auch für die Selbst-erfüllende-Prophezeiungs-Person, kurz: SEPP.

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Stellen Sie sich bitte den SEPP als kleines Männchen in unserem Gehirn vor. Diese Vorstellung wird sich als hilfreich erweisen, die komplizierten und vielschichtigen Prozesse, die in unserem Gehirn ablaufen, besser zu verstehen. Führen Sie sich vor Augen, dass unser SEPP im Gehirn bestimmte und wichtige Aufgaben zu erledigen hat.

Der amerikanische Psychologe P. G. Zimbardo schrieb einmal in seiner „Psychologie“:

„Die Wahrnehmung ist der Schlüssel, der uns die Türen zu der Welt um uns herum öffnet.“

Damit wird die Bedeutung unseres SEPP nur unterstrichen. Er nimmt alle Sinneswahrnehmungen auf und ordnet sie sozusagen als Bilder im Gehirn ein. In einem meiner früheren Bücher habe ich das immer mit jenen Bildern verglichen, die wir selbst in Fotoalben einkleben. Diese werden dann in Regalen abgelegt und tragen die unterschiedlichsten Überschriften, damit sie vom SEPP leichter wiedergefunden werden: „Hochzeit“, „Unser Kind“ oder „Urlaub Griechenland, 1995“.

Mit jeder neuen Wahrnehmung erhält unser SEPP Arbeit. Zum einen sortiert er neue Bilder ein, zum anderen greift er auf bereits vorhandene und abgelegte Bilder zurück. Beides ist ungemein wichtig, damit Sie Ihre Bilder denken und aussprechen können. Wie Sie Ihre Bilder denken und was und wie Sie kommunizieren, hängt auch von den „Eigenarten“ Ihres SEPP ab.

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So ist er z. B. glücklich (Happy-SEPP), wenn er es mit der Verwaltung Ihrer Bilder, deren Ein- und Aussortieren einmal nicht ganz so genau nehmen muss oder auf bekannte Bilder zurückgreifen kann.

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Unglücklich, traurig hingegen (Sad-SEPP) tritt er Ihnen dann entgegen, wenn Sie ihn mit Befehlen wie „100%“, „exakt“ oder „vollkommen“ traktieren. Superlative jedweder Art sind ihm ein Gräuel.

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Bei Sinneswahrnehmungen, zu denen Ihr SEPP eine Vielzahl von Bildern aus seinen Lieblingsalben holen kann, läuft er zu Höchstform auf (Hyperaktiv-SEPP) und Sie können diese Bilder gar nicht so schnell denken und sprechen, wie er sie hervorholt.

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Häufig ist eine geniale Idee nur eine richtige Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Verantwortlich hierfür ist Ihr Super-SEPP.

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Hervorgeholt werden können aber auch Bilder, mit denen Sie gerade jetzt am wenigsten anfangen können oder die Sie in die falsche Richtung lenken. Die Folge sind Missverständnisse im Umgang mit anderen. Sie können sich sicher sein: Hier hat sich Ihr SEPP als Super-DEPP eingebracht.

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Sinneswahrnehmungen, die Neues und Unbekanntes mit sich bringen, lösen bei Ihrem SEPP eine Aktivität der besonderen Art aus: einen durchaus aktiven Eigensinn. SEPP wird zum Stur-SEPP.

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Ganz offensichtlich hat unser SEPP einen ganztägigen Full-Time-Job. Zum Schlafen (Schlaf-SEPP) kommt er kaum, auch nachts nicht. Sie träumen und ohne zu träumen kann kein Mensch überleben.

Im Verlauf unseres Lebens also legt unser SEPP alle Erfahrungen und Wahrnehmungen in Form von Bildern in unserem Gehirn ab. Mit diesen Bildern können sich die unterschiedlichsten Sinnes- und Gefühlseindrücke verbinden.

Ihre Intensität sowie positive als auch negative Färbung stehen in Abhängigkeit von den Umständen, Situationen und Zusammenhängen, unter denen sie entstanden und von Ihnen aufgenommen worden sind.

Die beiden Hirnhälften – Ratio und Irratio

Das menschliche Gehirn ist das komplexeste Gebilde im Universum, das wir derzeit kennen. Es ist die Steuerzentrale für unsere Vitalfunktionen – Hunger, Durst, Schlaf und Sexualität –, hier werden die vielen, vielen Signale buchstabiert und entziffert, die vom Körper und von der Außenwelt kommen.

Wir könnten weder ein- noch ausatmen, gäbe es das Gehirn nicht. Hier kommunizieren ca. 100 Milliarden Nervenzellen miteinander, ununterbrochen tauschen sie biochemische Signale aus. Miteinander verbunden sind sie durch die kaum vorstellbare Anzahl von 100 Billionen sogenannten Synapsen (Umschaltstellen zwischen Nervenfortsätzen, an denen Reize weitergeleitet werden). Die rein rechnerische Möglichkeit von „Umschaltungen“ übersteigt die Gesamtzahl aller Atome im uns derzeit bekannten Universum!

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Über das Blut wird das Gehirn mit Sauerstoff und Glukose versorgt, um seinen beachtlichen Energieverbrauch zu garantieren. Dieses elfenbeinfarbene Gebilde wiegt ca. 1300 Gramm, besteht hauptsächlich aus Eiweiß und hat auf Grund seiner Fülle an Geheimnissen den Menschen schon vor langen Zeiten in seinen Bann gezogen.

Dem derzeitigen Stand der Dinge nach zu urteilen, waren es die alten Ägypter, die als Erste das Gehirn mit einem eigenen Wort bedachten.

Es ist einem Zufall zu verdanken, dass ein Amerikaner am Ende des 19. Jahrhunderts eine Papyrusrolle erstand, die sich dann bei späterer Übersetzung als medizinisches Schriftstück erwies. Inzwischen vermutet man, dass das Original dieses Textes 3000 Jahre v. Chr. niedergeschrieben wurde. Neben einer Vielzahl von Erläuterungen zu Kopf- und Halsverletzungen enthält dieses Dokument u. a. äußerst anschauliche Beschreibungen von anatomischen Einzelheiten, die uns heute als Gehirnfurchen und -windungen geläufig sind.

Trotz ihrer hervorragenden medizinischen Kenntnisse räumten die Ägypter in ihrer Gesamtschau auf den menschlichen Körper dem Gehirn nur einen geringen Stellenwert ein. Aus heutiger Sicht ist das nur allzu verständlich: Medizin trat noch im Verbund mit religiösen, philosophischen und mystischen Überlegungen auf und das Herz stand im Mittelpunkt der Überlegungen.

Ähnlich dachte wohl auch der Grieche Homer. Wenngleich seine historische Existenz nicht belegt ist, wird die Entstehung der Epen „Ilias“ und „Odyssee“ auf das 8. Jahrhundert v. Chr. datiert. Hier wird erzählt, dass das Herz der Sitz von Intelligenz und Gefühl ist.

Anderer Auffassung waren die Schüler des Pythagoras (um 570 – 496 v. Chr.). Für sie stand fest, dass das Gehirn Sitz der menschlichen Seele und ein Werkzeug des Verstandes sei.

Der wohl bekannteste Arzt der Antike war Hippokrates von Kos (um 460 bis um 377 v. Chr.). Seine Schriften wurden im Jahre 1525 in Rom unter dem Titel „Corpus Hippocraticum“ (hippokratische Schriften) veröffentlicht. Es ist schon erstaunlich, hier lesen zu können, dass rechtsseitige Hirnverletzungen zu motorischen Störungen in der linken Körperhälfte und umgekehrt führen. Weiterhin überliefern uns diese Schriften erste Kenntnisse über den Zusammenhang von „Hirntätigkeit“ und einer Krankheit, die zu schweren Verkrampfungen des Körpers führt und heute als Epilepsie bekannt ist.

Der große Aristoteles (384–322 v. Chr.) wiederum verlieh erneut dem Herzen eine Vorrangstellung im menschlichen Körper. In seinem Verständnis war es der Sitz der Empfindungen, Leidenschaften und des Verstandes. Solange man sich dem Hirn nur über die Betrachtung näherte, war Aristoteles nicht zu widerlegen.

Erst der römische Arzt Galenos (Galen; um 131–201) führte Experimente durch und kam schließlich zu der Einsicht, dass die geistige Tätigkeit ihren Ursprung in der Gehirnsubstanz selbst hat. Von Interesse sind die von Galenos unternommenen Versuche, die unterschiedlichsten Hirnfunktionen zu lokalisieren.

Das menschliche Gehirn wurde nun nicht mehr als unterschiedslose, einheitliche Masse verstanden, obwohl Galen bestimmte Gehirnhälften noch nicht unterschied.

Genauere Konturen nehmen diese Überlegungen dann bei Nemesius an (um 400; Bischof von Emesa und einer unserer Kirchenväter).

In seinem Werk „Über die Natur des Menschen“ werden speziellen Gehirnregionen spezielle Funktionen zugewiesen. Nemesius kannte drei Gehirnkammern. Das Vorstellungsvermögen siedelte er in der vorderen, die Vernunft in der mittleren und das Gedächtnis in der hinteren an.

An dieser Stelle machen wir in der Geschichte einen großen Schritt nach vorn, um in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu gelangen, genauer, in das Jahr 1836.

In Montpellier in Frankreich fand eine Ärztetagung statt, auf der der unbekannte Landarzt Marc Dax einen Vortrag zu einem Thema hielt, das so neu eigentlich nicht war. Monsieur Dax sprach über den Zusammenhang zwischen Hirnschädigungen und dem Verlust oder der Beeinträchtigung des Sprachvermögens. Allerdings fiel unserem Landarzt auf, dass ganz offensichtlich ein Zusammenhang zwischen dem Verlust der Sprache und Schädigungen der linken Hälfte (Hemisphäre) des Gehirns besteht. Er schlussfolgerte, dass jede Gehirnhälfte unterschiedliche psychische Funktionen beherbergt und kontrolliert. Wir gehen inzwischen davon aus, dass die linke Hirnhälfte die rechte Körperseite und die rechte Hirnhälfte die linke Körperseite steuert. Das gilt gleichermaßen für Rechts- wie für Linkshänder.

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Logisches Denken

Sachinformationen

Zahlen

Daten

Fakten

Vernunft

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Emotionen

Bilder

Empfindungen

Instinkt

Ahnungen

Innere Stimme Man schenkte seinen Ausführungen nur wenig Interesse. Marc Dax geriet in Vergessenheit. Heute sind Untersuchungen zu den Funktionen der linken und rechten Gehirnhälfte wieder brandaktuell.

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Führend im Umfeld dieser Forschungen war der am California Institute of Technology tätige Arzt Roger Sperry (Nobelpreis für Medizin 1981). Eigentlich beschäftigte sich Sperry mit Problemen der Epilepsie. In schweren Fällen der auch als Fallsucht bekannten Krankheit entschied man sich in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer radikalen Methode. Man durchtrennte die Hauptverbindung zwischen linker und rechter Hirnhälfte, den Balken (Corpus callosum), operativ. Spezielle medizinische Schlussfolgerungen beschäftigen uns hier weniger.

Aufschlussreich sind jedoch einige Gedanken Sperrys, die Bedeutung für unseren Gegenstand haben:

„Jede Gehirnhälfte … besitzt ihre … eigenen Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken und Vorstellungen, die alle von den entsprechenden Erfahrungen in der gegenüberliegenden Hemisphäre abgeschnitten sind … Jede getrennte Gehirnhälfte scheint in vieler Hinsicht einen ‚eigenen Geist‘ zu haben.“

Wie sind diese Gedanken zu deuten? Es handelt sich ganz offensichtlich darum, dass die jeweiligen Gehirnhälften für verschiedene Denkvorgänge zuständig sind. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Experimenten bestätigte diese Ansicht.

links

Digitales Denken:
Sprechen,
Wissenschaft, Mathematik,
Schreiben, Lesen,
logisches Denken,
Organisation,
Details, Analyse,
Gedächtnis für Wörter
und Sprachen

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rechts

Analoges Denken:
Denken in Bildern,
Wahrnehmung,
ganzheitliche Erfahrung,
Kunst, Musik, Tanz,
Kreativität, Fantasie,
Gedächtnis für Personen,
Erlebnisse und Dinge

Die linke Hemisphäre ist zuständig für das rationale, die rechte für das irrationale Denken. „Rational“ leitet sich von „Ratio“ (lat.: Vernunft, Verstand) ab und lässt sich mit vernünftig, aus der Vernunft stammend oder von der Vernunft bestimmt übersetzen.

Anders ausgedrückt: Dieses Denken bemüht sich, unsere Welt, unser eigenes Ich und das unserer Mitmenschen sachlich-logisch zu erfassen und zu entziffern. Diesem Denken schreiben wir unsere Fähigkeit zu, sprechen, lesen und schreiben zu können. Es bemüht sich um kausale Zusammenhänge und kommt so gesehen eigentlich nie zur Ruhe.

Hat rationales Denken einen Sachverhalt als Ursache-Wirkung-Zusammenhang erfasst, wird es sich sofort darüber im Klaren sein, dass auch die erkannte Ursache nichts anderes ist als die Wirkung einer „dahinter stehenden“, weiteren Ursache ad infinitum (lat.: bis ins Unendliche).

Dieser „Ruhelosigkeit“ verdanken wir die großen Fortschritte in der Wissenschaft, die sie in Jahrtausenden errungen hat. Diese Entwicklung führte schließlich zu einer „Wissenschaftsgläubigkeit“, die für ein Denken jenseits rationaler, sachlichlogischer Bahnen nur noch ein mitleidiges Lächeln aufbrachte.

In diesem Zusammenhang taucht vielerorts der Name des französischen Mathematikers und Philosophen René Descartes (1596–1650) auf. Er soll den Beginn einer Epoche verkörpern, die man als „Aufklärung“ oder „Zeitalter der Vernunft“ bezeichnet und deren Auswirkungen wir bis in unsere Gegenwart hinein verspüren.

Nach Descartes und damit vielerorts in der Philosophie und seit Isaak Newton (1643–1727) in der Naturwissenschaft ist man der Meinung, dass alles, was „vor dem Richterstuhl der Vernunft“ (Kant, I.; 1724–1804) keinen Bestand hat, also kausal nicht zu erfassen und logisch darzustellen ist, von nun an, wenn überhaupt, eine zweitrangige Bedeutung hat. Mit dieser Sichtweise wird man Descartes, Newton und übrigens auch Kant wohl nicht ganz gerecht.

Sehen Sie, Newton gilt noch heute als einer der Geburtshelfer der modernen Naturwissenschaft. Das ist durchaus richtig, aber es sollte lange dauern, bis man wieder auf einen „anderen“ Newton aufmerksam wurde: den Philosophen, den Theologen, den Alchemisten und den Künstler Isaak Newton, der darüber hinaus ein sehr gläubiger Mensch war.

In der Literatur stieß ich auf einige Gedanken des englischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883–1946), die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

„Newton war nicht der erste Vertreter des Zeitalters der Vernunft. Er war der letzte Magier … Warum ich ihn einen Magier nenne? Weil er das ganze Universum und alles, was darin existiert, als ein Rätsel betrachtet, als ein Geheimnis …“

Oder nehmen wir Descartes. Vielleicht kennen Sie sein berühmtes „cogito ergo sum“ oder „Ich denke, also bin ich“. Für viele seiner Nachfolger war das die Geburtsstunde moderner Philosophie und Wissenschaft, weil Descartes den Versuch unternommen hat, die Welt und den Menschen mathematisch und damit rational zu entschlüsseln. Damit tat sich ein Problem auf, das in der Folge gern übersehen wurde. Für Descartes reduzierte sich die menschliche Vernunft ausschließlich auf die Ratio. Vernunft aber ist nun einmal mit ausschließlich mathematischen Mitteln nicht zu beschreiben. Sie bleibt nach wie vor in der „Schwebe“. Und so kam es, dass eine eigenartige Situation entstand. Das eigentliche Zeitalter der Vernunft war das Zeitalter eines fanatischen Vernunftglaubens. Die Rationalität „begründete“ sich also hier auf Irrationalität. Sie werden keine Definition der Vernunft finden. Die Ratio wird selbst in den brillantesten Abhandlungen dieser Zeit einfach vorausgesetzt, man war von ihrer Existenz überzeugt, man glaubte an sie.

Das, was menschlicher Vernunft zugänglich war, etablierte sich als Wissen und feierte Triumphe. Dass Wissen allein aber nicht alles sein kann, ahnte schon Kant, und das bei aller Hochachtung vor dem kausal-mechanischen Weltbild des Isaak Newton.

Dieses Weltbild erschloss bis dahin ungeahnte Möglichkeiten zur Erklärung der Entstehung des Weltalls. Und dennoch meinte der berühmte Philosoph:

„ … dass eher die Bildung aller Himmelskörper, die Ursache ihrer Bewegungen, kurz, der Ursprung der ganzen gegenwärtigen Verfassung des Weltbaues werde können eingesehen werden, ehe die Erzeugung eines einziges Krauts oder einer Raupe aus mechanischen Gründen deutlich und vollständig kund werden wird.“

In unsere heutige Sprache übersetzt meint dieser Gedanke nichts anderes als die Überzeugung, dass kausales oder, wie wir heute sagen, „linkshirniges Denken“, an Grenzen stößt.

Diese Grenzen mögen zu Kants Zeiten anders ausgesehen haben, als das jetzt der Fall ist. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass auch für Kant nicht irgendeine Wissenschaftstheorie im Mittelpunkt der Philosophie stand.

Stellen Sie sich ein Interview mit Kant im Königsberg seiner Zeit vor, in dem er nach den Aufgaben der Philosophie befragt wird. Die Antwort fällt erstaunlich aus: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele. Diese Themen markieren im Verständnis Kants die Grenzen kausalen Denkens.

Wir erleben es doch immer wieder, dass wir über Dinge nachdenken, die sich rationalen Erklärungen entziehen und die vielerorts leider als „irrational“ abgetan werden. „Leider“ deshalb, weil wir zwischen zwei Übersetzungen schwanken. Zum einen bedeutet irrational so viel wie „mit der Vernunft, dem Verstand nicht fassbar“, zum anderen „vernunftwidrig“ oder „unvernünftig“.

Bereits unsere Umgangssprache macht deutlich, dass wir uns häufig alternativ für die zweite Übersetzung entschieden haben. Das Wort „irrational“ tritt uns hier negativ vorbelastet entgegen. Oft verwendet man Formulierungen wie „Das ist ja irrational“ und meint damit abwertend: „Das kann ich jetzt aber nicht nachvollziehen, das verstehe ich nicht.“

Dabei kennen wir alle, wie gesagt, Dinge, die allein kausal nicht zu erklären sind und die sich uns andererseits regelrecht aufdrängen. Wir denken Ursache – Wirkung – Ursache – Wirkung ad infinitum und gelangen schließlich zu einer Endursache, zu den „letzten Dingen“. Sie „verschwinden“ wieder, wenn ich sie „linkshirnig“ zu erfassen versuche, denn dann stehen hinter ihnen sofort wieder andere Dinge usw.

Das mag die Welt erklärbarer machen, uns vielleicht aber ärmer? Dabei haben wir das gar nicht nötig, denn wir besitzen mit der rechten Hirnhälfte ein Vermögen, über das empirisch Messbare hinauszugelangen. Hier „denken“ wir in Bildern und machen ganzheitliche Erfahrungen. Hier sind unsere Fantasie und Kreativität zu Hause, hier denken wir analog.

Digitales Denken ist kausales Denken und spricht damit von allgegenwärtiger Notwendigkeit. Durch diese Brille betrachtet, erscheint uns unsere Welt als Chaos: überall Kampf auf Leben und Tod, Fressen und Gefressenwerden. Selbst die kleinste Pflanze kämpft bis zum Äußersten um Wasser und Licht. Und trotzdem: Die Welt ist kein heilloses Durcheinander. Wir bemerken eine unvorstellbare Ordnung und Zweckmäßigkeit, der wir mitunter fassungslos gegenüberstehen. Diese Wunder an Form und Funktion begegnen uns überall und sind unerschöpflich: sei es das Pantoffeltierchen im abgestandenen Blumenwasser, der Bau eines einfachen Insekts, die Organisation eines Bienenvolks bis hin zum fast beispiellosen Familienleben der Hyänen in der afrikanischen Savanne. Sei es das Wunder der Kristalle, die Faszination eines Sonnenuntergangs bis hin zu den Kreisläufen der Milliarden Sternensysteme oder der „einfachen“ Tatsache, dass jedes Jahr im Frühling das Leben neu erwacht. Gibt es hierfür eine Erklärung, hat das Ganze einen Sinn?

Mit der Frage nach dem Warum kommen wir über die elementarsten Naturgesetze nicht hinaus, die uns unsere Welt hinreichend erklären. Nur lassen sie keinen Sinn in dieser Welt erkennen und können die Großartigkeit dieses Geschehens nicht erfassen. Wir können nur staunen und sind damit doch nicht unvernünftig, nur weil wir an die Grenzen kausalen Denkens gestoßen sind. Das, was sich logischer Erklärung entzieht, muss doch noch lange nicht das Produkt einer krankhaften Fantasie sein. Diesem Vorwurf musste und muss sich irrationales Denken vielerorts stellen.

Wenn wir uns angesichts eines abendlichen Sternenhimmels bemühen, dieses Staunen in Worte zu fassen, es auszudrücken und nachzuempfinden, greifen wir sicherlich auf unsere Kenntnisse aus dem Physikunterricht zurück. Nur reichen sie nicht aus, um das zu erfassen, was dieser Anblick in uns auslöst.

Wir neigen nun aber einmal dazu, diesen Anblick zu „verstehen“, indem wir nach den letzten Ursachen, den sinngebenden Gründen unserer Welt wie auch unseres eigenen Daseins suchen. Interessanterweise, ich will das hier nur einflechten, geschieht das häufig dann, wenn wir uns in einer Lebenskrise befinden.

Diese Sinngebung ist immer eine Wertgebung und vollzieht sich im analogen Denken. Hier findet die Sinngebung des Unfassbaren und Unbegreiflichen statt. Wir nähern uns ihm in Metaphern, Gleichnissen, „denken“ bildlich, anschaulich, sinnbildlich und ganzheitlich. Das vollzieht sich nicht rational, sondern irrational. Irrationalität ist nicht etwas, was sich im Widerspruch zur Vernunft artikuliert. Es ist ein und dieselbe Vernunft, mit der ich die Welt, meine Mitmenschen wie auch mich selbst wahrnehmen kann: sowohl irrational als auch rational.

Sicherlich haben Sie irgendwann in Ihrem Leben schon einmal einen Vortrag über ein für Sie völlig neues Wissensgebiet gehört. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Viele von uns hat vielleicht schon einmal die Frage „Was war am Anfang?“ beschäftigt. Sicherlich hörten oder lasen Sie dann in diesem Zusammenhang vom „Urknall“, jener Theorie also, die behauptet, dass unser Universum in einer gewaltigen Explosion entstanden sei. Hier ist die Rede davon, dass vor etwa 13 Milliarden Jahren bei einer Temperatur von 100 Milliarden Grad Celsius die immer noch andauernde Ausdehnung des Universums begann. Dabei nahmen wir weitere Angaben zu Dichte und Zeitabläufen zur Kenntnis.

Und vielleicht kam dann der Augenblick, wo Sie dieser physikalischen Erklärung nicht mehr zu folgen vermochten. Ganz einfach deshalb, weil Ihre Fantasie nicht angesprochen wurde, weil Sie für die vermittelten Fakten und Zahlen keine Bilder hatten oder weil für Sie letztlich eine Frage offen blieb: „Und was war vor dem Urknall?“

Einer der bekanntesten Physiker des vergangenen Jahrhunderts, Werner Heisenberg (1901–1976), fordert daher zu Recht eine „metaphorische Bildersprache“, um z. B. diese Frage zu beantworten, eine Sprache,

„ … die eine Verständigung ermöglicht über den hinter den Erscheinungen spürbaren Zusammenhang der Welt, ohne den wir keine Ethik und keine Wertskala gewinnen könnten … Diese Sprache ist der Sprache der Dichtung näher verwandt als jener der auf Präzision ausgerichteten Naturwissenschaft …“

Heisenberg hat hier die biblischen Schöpfungsberichte vor Augen, ein hervorragendes Beispiel für analoges Denken, und fährt fort:

„Daher bedeuten die Wörter in beiden Sprachen oft etwas Verschiedenes. Der Himmel, von dem in der Bibel die Rede ist, hat wenig zu tun mit jenem Himmel, in den wir Flugzeuge oder Raketen aufsteigen lassen …“

Heisenberg sagt u. a., dass die Naturwissenschaft (linke Hirnhälfte, kausales Denken) versucht, ihren Begriffen eine objektive Bedeutung zu geben. Religiöse Sprache (rechte Hirnhälfte, analoges Denken) aber

„ … muss gerade die Spaltung der Welt in ihre objektive und ihre subjektive Seite vermeiden; denn wer könnte behaupten, dass die objektive Seite wirklicher wäre als die subjektive. Wir dürfen die beiden Sprachen also nicht durcheinander bringen, wir müssen subtiler denken, als dies bisher üblich war.“

Jede religiöse Sprache bringt analoges Denken zum Ausdruck. Auf dieses Beispiel habe ich deshalb zurückgegriffen, weil hier vielleicht am deutlichsten wird, was analoges Denken als Fähigkeit der rechten Hirnhälfte meint. Ich möchte an dieser Stelle noch einen weiteren berühmten Physiker des vergangenen Jahrhunderts zu Wort kommen lassen, der für ein vollkommen neues physikalisches Weltbild verantwortlich zeichnet: Albert Einstein (1879–1955).

„Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt keine wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist bereits seelisch tot.“

Heute weiß man, dass die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns viel größer ist, wenn beide Hirnhälften gleichberechtigt benutzt werden. Viele Menschen haben für sich erkannt, dass rationales, logisches und analytisches Denken für sich genommen nicht ausreicht, um jene Frage zu beantworten: „Wer bin ich wirklich?“ Es genügt nicht, dass ich mich nur als Tatsache neben anderen Tatsachen wahrnehme. Der Mensch ist mehr, als Biologie, Chemie, Physik, Anthropologie oder Medizin es erahnen lassen.

Über irrationales Denken finden wir einen Zugang zu uns selbst, zu unseren Gefühlen, unseren Wünschen und Hoffnungen, unserer Befindlichkeit. Nur so finden wir auch einen Zugang zu anderen und unserer Umwelt, einen Zugang, der uns womöglich bislang verschlossen blieb.

Unser ganzes Land spricht derzeit vom „indischen Software-Wunder“. In der Zeitschrift „Der Spiegel“ las ich kürzlich:

„Die Inder haben eine Reihe gewissermaßen natürlicher Vorteile im Geschäft mit der digitalen Welt … seit Jahrhunderten hat in Indien ein Denken Tradition, das für das Programmieren programmiert: ‚Die doppelte Logik von Sanskrit und Mathematik‘ …“

Im Anschluss hieran wird festgestellt, dass sich die hochkomplizierte heilige Sprache des Sanskrit und die alte indische Perfektion in Astrologie und Astronomie als Vorteile im Konkurrenzkampf der Computersysteme erweisen. Geht es hier womöglich um mehr? Man sollte meinen: Ja! Es gibt keine digitale oder analoge Welt. Es gibt nur verschiedene Sichtweisen auf diese Welt. Die rationale Sichtweise erfährt nur dann einen Sinn, wenn sie mit dem Irrationalen vernünftig umgeht.

Wie kommen Erfahrungen und Bilder ins Gehirn?

Tieren sagt man mitunter wahre Höchstleistungen hinsichtlich ihrer „Wahrnehmungsfähigkeit“ bzw. Sinnesleistungen nach: Hunde haben eine sprichwörtlich gute Nase, Katzen können Mäuse laufen hören und wir alle kennen die Redewendung vom „Adlerauge“.

In der Kombination unserer fünf Sinne und im Einklang mit unserem Gehirn sind wir allerdings den Tieren haushoch überlegen. Es ist nicht das Ohr, das hört, die Nase, die riecht, das Auge, das sieht, die Zunge, die schmeckt, und die Haut, die fühlt. Alle diese Informationen werden im menschlichen Gehirn „verarbeitet“.

Ohren, Nase, Augen, Zunge und Haut sind unsere Sinnesorgane, die Informationen über die äußere Welt und den eigenen Körper empfangen und über das Nervensystem an das Gehirn weiterleiten, damit sie hier „gelesen“ werden können. Doch was geschieht sozusagen im Vorfeld? Unser Ohr registriert Schallwellen und damit im Prinzip nichts anderes als Luftdruckveränderungen.

Zunächst treffen die Schallwellen auf das Trommelfell und bringen es zum Vibrieren. Über die Gehörknöchelchen im Mittelohr – Hammer, Amboss und Steigbügel – werden diese Schwingungen auf das sogenannte „ovale Fenster“ übertragen, welches das Mittel- vom Innenohr trennt. Das akustische Eingangssignal wird dabei nochmals verstärkt. Letzteres setzt sich aus Gehörschnecke, Vorhof und drei Botengängen zusammen, die mit einer gallertartigen Flüssigkeit gefüllt sind. Die Schwingungen des ovalen Fensters übertragen sich auf diese Flüssigkeit (Endolymphe) und setzen ihrerseits äußerst kleine, haarähnliche Gebilde (Haarzellen) in der Gehörschnecke in Bewegung. Diese Bewegungen, gleichsam Signale, werden von den Haarzellen direkt an die Gehörnerven (nervus vestibulocochlearis) weitergeleitet, die dann diese Informationen an das Gehirn weitergeben.

So wie das Ohr nicht hört, sieht auch das Auge nicht. Es hat die Aufgabe, Licht und damit elektromagnetische Wellen in Nervenimpulse umzuwandeln, die dann ans Gehirn weitergeleitet werden. Was passiert? Anatomische Feinheiten übergehen wir hier einmal und erinnern an jenen Vergleich, der als klassisches Beispiel in jedem Biologieunterricht vorkommt:

Die Augen ähneln einer einfachen Kamera, in der eine Linse ein Kopf stehendes „Bild“ der äußeren Welt auf unserer Netzhaut erzeugt. Diese Netzhaut ist äußerst kompliziert aufgebaut, in etwa so groß wie ein Fünfmarkstück, dabei nur 1/5 mm stark, und setzt sich im Wesentlichen aus ca. 127 Millionen