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Christoph Eibl


Alles, was Sie über Gold wissen müssen

Hintergründe, Fakten und Anlagetipps für den wichtigsten Rohstoff der Zukunft

Christoph Eibl


Alles, was Sie über Gold wissen müssen


Hintergründe, Fakten und Anlagetipps für den wichtigsten Rohstoff der Zukunft









FinanzBuch Verlag

Geleitwort


Gold hat die Menschen seit jeher fasziniert. Der König der Metalle und das Metall der Könige sah Imperien aufgehen und zerfallen, durchstand Kriege und Finanzkrisen und ist bis heute das einzige Geld, das seine Kaufkraft über Jahrtausende weltweit erhalten konnte. In einer Zeit, in der viele Menschen Zweifel über die Nach-haltigkeit unseres heutigen Währungssystems verspüren, hat die Goldpreisentwicklung erneut große Aufmerksamkeit gefunden. Doch nur wenige Eingeweihte wissen, wie dieser Preis überhaupt zustande kommt. Wo schlägt das Herz des Goldmarktes und welche Goldpreise werden veröffentlicht? Wie findet das in den Goldminen abgebaute Erz seinen Weg bis zum fertigen Barren? Wo liegen die Zentren der Schmuckindustrie und wie wird Gold dorthin physisch distributiert? Welche Akteure prägen den Goldmarkt und welche Handelsusancen haben sich entwickelt? Wie entwickeln sich die asiatischen und arabischen Goldmärkte?


Es ist das große Verdienst von Christoph Eibl, diese wichtigen Fragen mit dem vorliegenden Buch zu beantworten. Es schließt damit eine wichtige Wissenslücke in der Literatur über Gold. Privatanleger und Vermögensverwalter finden einen leichten Einstieg in die facettenreiche Welt des internationalen Goldhandels. Aber auch Analysten und Finanzprofis werden dieses Buch als Nachschlagewerk über den Goldmarkt schätzen. Aus dem Blickwinkel eines professionellen Goldhändlers bietet der Autor eine gelungene Übersicht über die verschiedenen Goldprodukte – vom Barren über die Goldleihe bis hin zu den Gold-Terminmärkten. Der Leser erfährt, welche Summen am Goldmarkt bewegt werden und inwiefern das gelbe Edelmetall auch sehr große Wertpapierportfeuilles zu diversifizieren mag. Angesichts der großen wirtschaftlichen Ungleichgewichte auf dieser Welt, dürfte der Trend zu Gold und Rohstoffen anhalten. Höchste Zeit also, mit dem Lesen zu beginnen.


Stuttgart, den 21.2.2005 Markus Mezger
Senior Economist
Baden-Württembergische
Bank AG


Vorwort zur zweiten Auflage


Mein Interesse für Gold wurde Anfang der 90er-Jahre geweckt, als ich von meinem Vater zum Geburtstag meinen ersten Krügerrand geschenkt bekam. Gold war damals für mich etwas Abstraktes, wenn auch mit Emotionen behaftet: Die hohe Dichte des Metalls lässt eine kleine Münze sehr schwer erscheinen, der Glanz ist betörend, und vor allem ist Gold aus der Menschheitsgeschichte nicht wegzudenken, da es in jeder Epoche von zentraler Bedeutung war und ist. Damals war der Goldpreis noch in einem Bärenmarkt, der sein Tief erst im Jahre 1999 bei knapp über 250 US-Dollar pro Unze fand.


Beruflich kam ich Ende der 90er-Jahre mit dem Goldmarkt in Berührung. Mein erster Job führte mich eher durch Zufall an die Edelmetallmärkte heran. Ich begann an einem »Eigenhandelstisch« einer Bank als Händler mit dem Ziel, Aktien und Renten-Futures zu handeln. Doch mein damaliger Chef und heutiger Mentor verpflichtete mich, eine Studie über Soft Commodities (im Jahr 2001!!!) zu erstellen, die Eigenarten des Edelmetallhandels zu erarbeiten und für die Bank Geschäftsmodelle zu eruieren. Das Interessante daran war, dass zu dem damaligen Zeitpunkt das Thema Gold und Rohstoffe in Banken inhaltlich und produkttechnisch kaum behandelt wurde – es gab zwar noch den einen oder anderen »angestaubten Goldmünzenhändler«, aber professioneller und institutioneller Handel auf Bankenebene (zumindest in Deutschland) fand de facto nicht statt. Dies spornte mein Interesse an, mehr über diesen Markt zu erfahren, und interessanterweise fand man Informationen zu den Edelmetallmärkten – Literatur und Ansprechpartner – fast ausschließlich im angloamerikanischen Ausland. Meine ersten Reisen führten mich nach England, um in der British Library in London im dortigen weltweiten Archiv nach Literatur zu suchen. Darüber hinaus war England auch der richtige Ausgangspunkt der Suche, sind dort doch die London Bullion Market Association (mehr hierzu im Buch) und das World Gold Council beheimatet. Ebenso war und ist London der Handelsplatz mit dem weltweit bedeutendsten Gold-Fixing. Weitere Reisen brachten mich nach Südafrika und Südamerika zu den Minen und Raffinerien mit dem Ziel, den gesamten »up-stream« besser zu verstehen, sowie nach Indien, dem Land, das weltweit die größte Nachfrage nach Gold stellt. Besuche im Mittleren Osten stehen auch noch heute regelmäßig auf meiner Agenda, da diese Region der wohl mit Abstand am stärksten wachsende Goldmarkt ist. Gerade die Tatsache, dass Gold, verglichen mit anderen traditionellen Anlageklassen wie beispielsweise Obligationen, so viele weiteren Facetten im Hinblick auf Produktion, Verarbeitung und Nachfrage hat, hat die Leidenschaft in mir geweckt.


Glücklicherweise endete der Wissensaufbau nicht nutzlos, denn mit dem Crash an den Aktienmärkten im Jahre 2000 stieg urplötzlich das Interesse an sicheren Anlagen, zu denen Gold heutzutage – vermeintlich als Safe-Haven-Investment – zählt. Nicht nur der Krügerrand oder der Ein-Kilo-Barren standen im Zentrum der Investmentmöglichkeiten, sondern es wurden auch neue Anlage-formen wie etwa Zertifikate, Goldanleihen oder Exchange Traded Funds entwickelt. Der Goldmarkt, das kann man sicherlich sagen, stand vor einem großen Wendepunkt.


Heute, rund zehn Jahre später, notiert der Goldpreis mit knapp 1000 US-Dollar pro Unze (im März 2008 wurde bislang der höchste Preis mit 991,90 Dollar pro Unze festgestellt) auf noch nie gesehenen Preisniveaus. Und auch die Nachfrageseite, so muss man feststellen, hat sich deutlich verändert. Vor allem infolge der Einführung der Exchange Traded Funds, die physisches Gold in Wertpapierform als Sondervermögen verbriefen, wurde einer ganz neuen Gruppe von Investoren der Zugang zum Goldmarkt ermöglicht. Bereits heute sind in diesen Produkten weit mehr als 200 Tonnen Gold investiert. Addiert man hierzu noch die Investments in Form von Futures und ähnlichen Produkten, kommt man auf ein kumuliertes Volumen, das knapp 500 Tonnen Gold ausmacht. Zum Vergleich: Die jährliche Minenproduktion beläuft sich auf knapp 2.500 Tonnen.


Diese Tatsache sollte, was potentielle Investments betrifft, nicht vernachlässigt werden, denn man kann sicherlich behaupten, dass die jüngste Goldpreissteigerung auch auf diese »neue« Nachfrage zurückzuführen ist – die Hausse nährt ja bekanntlich die Hausse. Und interessanterweise sind mit dem steigenden Goldpreis auch die »Gold-Gurus«aus dem Boden geschossen; hier kann man schon fast von einer »Gold-Guru-Inflation« sprechen. Deshalb empfehle ich Ihnen, Studienberichte und Bücher aus der Zeit vor dem Goldboom zu lesen, beispielsweise das Standardwerk schlechthin: Gold – ein neuer Megatrend? aus dem Jahre 2000, das unter Federführung von Markus Mezger entstanden ist. Der Goldpreis notierte damals unter 300 US-Dollar. Die Einblicke, die Sie mithilfe dieses Werkes erhalten, sind buchstäblich Gold wert.


Ziel des vorliegenden Buches ist es nicht, Aussagen über die künftige Preisbildung zu machen oder über irgendwelche Verschwörungstheorien zu reflektieren. Vielmehr geht es darum, den globalen Goldmarkt in seinen Eigenarten und Strukturen vorzustellen und zu erläutern. Mein Ziel ist es, Ihnen einen Markt näher zu bringen, der mich seit Jahren fasziniert und sicherlich auch Sie in den Bann ziehen wird.


In diesem Sinne freue ich mich, dass zusätzlich zur bereits erschienenen englischsprachigen Ausgabe dieses Buch nun in die zweite Auflage geht, und ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern eine spannende Reise in die faszinierende Welt des Goldes.


Zug, Schweiz, im März 2008 Christoph Eibl


Vorwort


Jedes Buch braucht eine Berechtigung, geschrieben worden zu sein. Auch das Ihnen vorliegende Werk hat eine solche. Ich möchte Ihnen deshalb die folgende Frage beantworten:


Warum ein Buch über den Goldhandel?


Der Goldmarkt ist einer der ältesten Finanzmärkte überhaupt, und in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts galt er als »heißes Pflaster«: Ein Preisanstieg von 35 US-Dollar pro Unze auf 850 US-Dollar zeigt, wie aktiv und interessant dieser Markt zu dieser Zeit war. Angekommen im 21. Jahrhundert, so schien es zunächst, war der Goldmarkt eine alte Nummer, und er fand auch kaum Erwähnung in den Medien. Das Know-how des professionellen Handels war über die achtziger und neunziger Jahre stark zurückgegangen. Die Folge war ein Markt mit älteren Herren als Händlern und wenig Dynamik. Eine Art Lethargie hatte sich breit gemacht.


Doch das ist die Vergangenheit. Heute stellt sich die Situation ganz anders dar: Gold ist heiß. Gold ist volatiler denn je (nicht ganz wie in den siebziger Jahren, aber mit ähnlich großer Dynamik). Und Gold ist interessanter denn je: Produktionserweiterungen, ein potenzieller Bond-Crash und weltweite Haushaltsdefizite stehen vor der Tür. Das Interesse, das diesen Markt früher ausgezeichnet hatte, ist wieder vorhanden. Es lohnt sich also, sich mit dem Thema Gold näher zu beschäftigen. Doch wo soll man Informationen dazu finden?


Der Weg, sich Wissen über Literatur anzueignen, scheint zunächst der nahe liegende. Doch die Suche endet schnell: Fachliteratur in deutscher Sprache ist so gut wie nicht vorhanden, und wenn man dann doch auf Einzelwerke stößt, dann stammen diese aus den siebziger oder achtziger Jahren. Dehnt man die Suche auf den englischsprachigen Raum aus, so sollte man meinen, dass zumindest im Ursprungsland der Gold-Fixings und angesichts der Tatsache, dass auch heute noch das internationale physische Goldhandelszentrum in London angesiedelt ist, dort mehr zu finden ist. Doch auch hier: Fehlanzeige. Die dort aufzufindende Literatur ist mittlerweile mindestens zehn Jahre alt und bis auf einzelne erwähnenswerte Werke, beispielsweise T. Green (1993), eher dürftig. Es besteht also eine große Lücke, was das Schrifttum zum Thema Gold betrifft, und diese Lücke soll das vorliegende Buch füllen.


Nun zunächst einige allgemeine Bemerkungen zum Thema dieses Buchs. Der Goldmarkt setzt sich von den klassischen, bankenbetriebenen Finanzmärkten durch mehrere Besonderheiten ab. Eine der wichtigsten ist die ausgeprägte Intransparenz des Marktes, die ihn manchmal geheimnisvoll und schwer verständlich macht. Gold-Fixing, Spot-Transaktionen und Zentralbankverkäufe werden bilateral, ohne Börsenumsätze durchgeführt – und ohne dass darüber berichtet wird. Dies führt dazu, dass Handelsvolumen wie auch Marktteilnehmer sehr schwierig zu identifizieren sind.


Wenn man beruflich mit diesem Sektor zu tun hat, dann wächst man langsam in die Strukturen hinein. Man lernt die zentralen Figuren der London Bullion Market Association kennen, man erfährt, wer die größten Umsätze am Markt generiert, und man bekommt Einblick, wie manche Geschäfte überhaupt funktionieren. Das Lernfeld ist, so scheint es mir, unendlich groß, und ich frage mich manchmal, ob es mir jemals gelingen wird, die enorme Tiefe des Marktes eines Tages bis ins Detail zu verstehen. Hierzu sind sicherlich Jahrzehnte des intensiven Goldhandels nötig.


Dennoch will ich versuchen, meinen Lesern aufzuzeigen, wie der Goldmarkt lebt und pulsiert – mit meiner bisherigen Berufserfahrung, meinen Minenbesuchen in Südafrika und Südamerika, den Kongressbesuchen in London, Nordamerika und Russland, den zahllosen langen Stunden auf dem Trading Floor und den interessanten und aufschlussreichen Geschäftsreisen, in die Schweiz oder den Mittleren Osten. Ob Sie als privater Investor, als institutioneller Anleger, als angehender Händler, als Schmuckverarbeiter oder als Wissenschaftler dieses Buch zur Hand nehmen – ich bin überzeugt, dass Sie viel Neues, Interessantes und Hilfreiches erfahren werden.

Kapitel 1
Einleitung


Um den Goldmarkt in seinen gewachsenen Strukturen verstehen zu können, ist es nötig, sich seiner Geschichte, zumindest in den Grundzügen, zu widmen. Es bietet sich an, beim Gold der Skythen, der Ägypter und der Römer zu beginnen. Deren Münzprägekunst und Fertigkeit in der Schmuckherstellung ist selbst für heutige Verhältnisse beeindruckend. Die erste historisch erwähnte Goldmünze stammt aus dem lydischen Königreich. Die erste Goldeinheitsmünze des Römischen Kaiserreichs, die der Namensgebung des chemischen Zeichens für Gold »Au« diente, war der Aureus. Aurora war die griechische Göttin für die Morgenröte, und so wurde Aurum das lateinische Wort für das glänzende Gold. Die Geschichte des Goldes mit all den Kriegen und Eroberungen dieser Zeit ist interessant und spannend. Doch die eigentliche Zeitrechnung des Goldes im Hinblick auf die heutigen Handelsstrukturen beginnt erst viel später: am 15. März 1968.


An diesem Tage endete das jahrzehntelang gültige Festpreisverhältnis für Gold. In den Jahren vor 1968 wurde Gold unter Zentralbanken und auf dem Interbankmarkt mit einem Fixpreis von 35 US-Dollar pro Unze gehandelt. Die Freiheit ist bei einem fixen Handelspreis natürlich insofern eingeschränkt, als fundamentale Angebots- oder Nachfrageüberhänge nicht dementsprechend gepreist werden können. Der Preis reflektierte somit in den Jahren bis 1968 ein nicht reales Bild. Ab diesem Jahr begann die variable Goldpreisnotierung, der Two-Tier-Goldmarkt. Der Interbankmarkt wie auch Zentralbanken handelten Gold zwar noch immer mit einem Fixpreis von 35 US-Dollar, doch der restliche Markt handelte Gold auf einer freien Preisbasis.


Im Jahre 1971 gaben die USA ihren Goldstandard auf, und das Bretton Woods Agreement war hinfällig geworden. Von diesem Zeitpunkt an war der Markt nicht mehr wie früher: Er entwickelte seine eigenen Strukturen und seine eigene Dynamik. Ein internationaler, globaler Markt war in kürzester Zeit entstanden, mit Gold zu handeln war nun 24 Stunden an bis zu sechs Tagen die Woche (in Hong Kong ist eine Sechs-Tage-Woche üblich, in der auch samstags Gold gehandelt wird) möglich. Die Bedeutung dieser Entscheidung, den Markt seiner eigenen Dynamik zu überlassen (einige Persönlichkeiten der Hochfinanz bezeichneten diese Entscheidung als Befreiungsschlag für den Goldpreis), lässt sich anhand der Preisentwicklung feststellen. Der neue Goldpreis war durch eine gestiegene Volatilität bestimmt. Im Januar 1980 wurde der bisher höchste Preis für eine Feinunze Gold mit 850 US-Dollar pro Unze erreicht. Doch dann begann ein lang anhaltender Abwärtstrend bis zum Jahr 1999 mit einem Tief von 250 US-Dollar pro Unze.


Vor diesem Hintergrund entstand ein Markt, der sich von anderen stark unterscheidet. Es wurden Börsen für die verschiedensten Goldprodukte eröffnet: Gold wurde in Kilogramm, Tael, Tola, Unzen und in den Feinheiten .9999, .9950 – London Good Delivery Status – gehandelt, ebenso Optionen und Futures auf Gold. Jeder Markt war an seine lokalen Teilnehmer angepasst – und dennoch war ein Rund-um-die-Uhr-Handel gewährleistet. Dies war insofern bedeutend, als nunmehr Goldhandelsbücher global weitergereicht werden konnten: Händler in Hong Kong konnten spätnachmittags die Bücher an London weitergeben und London wiederum am Nachmittag nach New York. Doch obwohl der Goldmarkt keinem fixen Wechselkurs mehr unterlag, war der Markt nicht gänzlich von rechtlichen Auflagen befreit: Manche Länder verboten den privaten Besitz von Goldbarren (in Südafrika ist dies noch heute so), der kommerzielle Handel war den Nichtbanken verboten, oder der Erwerb von Gold war mit einer Steuer behaftet, wie etwa in Deutschland bis 1993. Das Resultat war ein blühender Goldschmuggel, der den Golderwerb fast weltweit ermöglichte. Timothy Green beschreibt hierzu in seinem Buch »The World Of Gold« (1993) sehr eindrucksvoll, wie allein in Indien Gold zwischen einzelnen Staatsbezirken aufgrund der verschiedenen Abgaben hin- und hergeschmuggelt wurde.


Wenn man vom Markt des Goldhandels spricht, so ist damit primär der physische oder derivative Handel unter Institutionen wie Banken, Hedge Funds oder Minen gemeint. Deshalb soll in diesem Buch der Fokus auf den Interbankhandel und den Bank-Kunden-Handel gelegt werden. Um das Verständnis für die Zusammenhänge zu schärfen, wird der Prozessablauf der Goldverarbeitung vorgestellt: vom Erz der Mine über die Formung von Barren bis hin zur Schmuckmanufaktur.


Versucht man, den Weg vom Golderz in den Finanzmarkt zu finden, so sieht man sich einem dichten Beziehungsgeflecht von Banken und Minengesellschaften gegenüber, das aus unterschiedlichen Ebenen besteht: So genannte Bullion Banken, die meist von London, Zürich oder Sydney aus ihre Geschäfte betreiben, finanzieren Bohrungen, Explorationen und Expansionsprojekte von Minengesellschaften. Im Gegenzug wickeln die finanzierten Gesellschaften ihre Absicherungs- und Handelsgeschäfte über die Banken ab. So entsteht auf Bankenseite ein doppelter Ertrag, der dem eingegangenen Kreditrisiko gegenübersteht. Die Geschäfte beinhalten in der Regel Hedge-Strategien wie Forward-, Futures- und Optionstransaktionen.


Der eigentliche Prozessablauf beginnt in den Minen. Sie produzieren zunächst so genannte Doré Bars, die neben Gold weitere Erzbe-standteile wie etwa Silber und Kupfer aufweisen. Diese werden aus dem direkt geförderten Erz produziert, teilweise bei der Mine direkt, wenn die Operation groß genug, dass sich ein solch großer Arbeitsschritt lohnt. Für die Erstellung solcher Doré-Barren wird vor Ort keine Raffinerie höchster Qualität – eine Scheideanstalt, wie im sie Edelmetallgeschäft heißt – benötigt. In der Regel wird die »Rohware« an international anerkannte Scheideanstalten, etwa W C Heraeus in Hanau, Deutschland, oder Johnson Matthey in London, England, weiterverfrachtet, die vor Ort die Doré-Barren scheiden und qualitativ hochwertige Barren (24 Karat oder .9999) gießen.


Schon bevor die Doré-Barren die Mine verlassen, sollte sich die Minengesellschaft entscheiden, in welchem Markt das zukünftige Material verkauft wird, sofern sie sich selbst um die Distribution des Goldes kümmert. Denn für die jeweiligen Handelsplätze werden lokal unterschiedliche Produkte, Qualitäten und Referenzen benötigt. Das heißt: Barrengröße, Gewichtseinheit, Qualität und vor allem der Status der jeweiligen Scheideanstalt müssen berücksichtigt werden. In manchen Ländern sind Barren nur von akkreditierten Scheideanstalten handelbar. So werden in Deutschland vornehmlich Barren von deutschen Raffinerien akzeptiert, und andere Marken werden oft mit einem Abschlag gehandelt. Im Kreise der Mitglieder der London Bullion Market Association (LBMA) hingegen sind nur solche Barrenqualitäten akzeptiert, die den offiziellen Good-Delivery-Status haben.


Der professionelle Markt handelt und stellt Preise auf Basis der 400-Unzen (12,5 Kilogramm)-London-Good-Delivery-Barren. Die LBMA stellt hohe Ansprüche an Barrenproduzenten, die solche Barren produzieren wollen. Hierzu hat die Vereinigung Statuten entworfen, die Bedingungen an die Produzenten und an die Barren stellen. Banken, Zentralbanken und Vermögensverwalter halten deshalb ihre Bestände oft in Good-Delivery-Barren, um so die Fungibilität international zu gewährleisten. Sieht man vom Investmentgold ab, so wird man feststellen, dass im Industriegeschäft häufig Granulat benötigt wird. Granulat oder Granalien sind kleine Goldkügelchen, die auf einfach Weise in die verschiedensten Formen verarbeitet werden können. An klassischen Goldindustrie-standorten wie Pforzheim, Arezzo oder Hanoi sind Granalien die Form, die der Standardnachfrage entspricht.


Bei der Betrachtung des Prozesses fällt auf, dass über den gesamten Ablauf Banken eine zentrale Rolle spielen. Hierzu mehr in Kapitel 4.

Kapitel 2
Goldene Eigenschaften


Das Wort Gold stammt aus dem Indogermanischen; es ist eine Ableitung des Wortes ghel, was übersetzt so viel wie glänzend, schimmernd und blank heißt. Als Element hat es das chemische Zeichen »Au« und reiht sich in die Edelmetalle als das am schwersten lösliche Metall ein; nur Königswasser (ein Gemisch aus Salz- und Salpetersäure) vermag diesem Ein-Isotop Schaden zuzufügen. Gold hat mit 19,3 Gramm pro Kubikzentimeter eine sehr hohe Dichte und mit 1337 Grad Celsius einen recht hohen Schmelzpunkt.


Gold gibt es fast überall auf der Welt. Doch die bekanntesten Abbau-gebiete, die in etwa 50 Prozent des bergmännisch geförderten Gold-erzes fördern, liegen in Nordamerika, Südafrika und Australien. Bisher wurden etwa zwei Drittel der bekannten Goldvorräte ausgebeutet – dies entspricht rechnerisch einem Würfel mit etwa 18 Metern Seitenlänge. Die jährliche Förderung beträgt heute rund 2400 Tonnen, was in etwa hundertmal mehr ist als noch vor 120 Jahren. Gründe hierfür sind die Verbesserung der Fördertechnik, was beispielsweise den Untertageabbau auf über drei Kilometer unter der Erdoberfläche betrifft, und neue Techniken des Abbaus mit chemischen Substanzen.


Goldadern, wie wir sie aus Filmen kennen, bei denen pures Gold in längeren Strecken sichtbar ist, sind reine Phantasie – so etwas gibt es nicht. Wenn man als Minenbetreiber sehr viel Glück hat, dann findet man untertage ab und zu einen Abschnitt, der 15 Gramm oder mehr Gold pro Tonne Erzgestein enthält. Doch der durchschnittliche Minenbetreiber muss sich mit weitaus weniger begnügen. Darauf wurden auch die Abbautechniken ausgerichtet: Mit modernen Heap-Leaching (Haufenlaugung)-Prozessen können Goldgehalte von weniger als zwei Gramm pro Tonne Erzgestein ausgebeutet werden.


Gold wird sehr häufig in der Industrie verwendet. Der Grund ist seine hohe Korrosionsbeständigkeit. Gerade diese Eigenschaft und auch die leichte Verformbarkeit machen Gold nach wie vor zum zentralen Arbeitsmaterial in der Zahnmedizin, wo es als Füll- oder Ersatzmaterial für beschädigte Zähne eingesetzt wird. Auch die Elektronikindustrie setzt Gold wegen der Korrosionsbeständigkeit und der guten Verarbeitungsmöglichkeiten ein. So werden die Drähtchen zwischen Computer-Chips und ihren Verbindungskomponenten aus hochraffiniertem Feingold gefertigt, wobei sich ein Gramm des Edelmetalls problemlos zu einem Drähtchen von mehreren Kilometern Länge ausziehen lässt.