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Titel Seite

Christopher Ross

Wilde Pferde
in Gefahr

UEBERREUTER

1

Peggy Corbett beugte sich im Sattel nach vorn und tätschelte ihrem Wallach den Hals. »Lass mich nicht im Stich, Dusty!«, feuerte sie ihn an. »Ich weiß, dass Dixie kaum noch zu schlagen ist, aber wir müssen es wenigstens versuchen. Zeig den Leuten, dass du schneller bist als ihr weißes Angeberpferd!«

Ein verhaltenes Schnauben zeigte ihr an, dass Dusty wusste, was sie wollte. Sie lenkte ihn mit einem leichten Schenkeldruck zur Ziellinie und blieb vor der Markierung stehen, die Zügel in der linken Hand, die rechte erhoben, um sie beim Startsignal sofort auf die Hinterhand des Pferdes sausen zu lassen.

Sie spürte die erwartungsvolle Spannung, die über den Fairgrounds von Reno lag. Obwohl sie ihren Stetson in die Stirn gezogen hatte und alle ihre Sinne auf den Start konzentriert waren, fühlte sie, wie gebannt die Zuschauer auf den Tribünen saßen. Die Stimme eines kleinen Mädchens, ein nervöses Husten, das Schnauben eines Pferdes in der Koppel hinter der Anzeigetafel, ansonsten herrschte atemlose Stille. Alle warteten auf das Signal des Starters und den letzten Ritt an diesem Nachmittag.

»Ladies and Gentlemen!«, tönte es aus den Lautsprechern. »Zum letzten Ritt beim diesjährigen Barrel Racing stehen Miss Peggy Corbett aus Billings, Montana, und ihr Wallach Dusty bereit. Peggy ist neunzehn Jahre jung und hat in dieser Saison bereits drei zweite Plätze aufzuweisen. Nur sie hat noch die Chance, die führende Dixie Malone vom ersten Platz zu verdrängen.«

Peggy hörte die Worte kaum. Ihr Blick war auf die erste Tonne gerichtet, ihre Ohren warteten auf das Startsignal. Insgesamt drei Tonnen waren wie die Blätter eines Kleeblatts in der Arena angeordnet. Wer sie am schnellsten umrundete und in der besten Zeit über die Ziellinie ritt, hatte gewonnen.

16,4 Sekunden hatte Dixie vorgelegt, eine unglaubliche Zeit. Wer die unterbieten wollte, musste eine erstklassige Reiterin sein und ein schnelles Pferd haben. Und musste einen guten Tag erwischen, einen sehr guten Tag.

»Go!«, rief der Starter.

Peggy ließ die rechte Hand auf das Hinterteil des Wallachs klatschen, presste ihm gleichzeitig die Hacken in die Seite und schoss in die Arena. Weit über den Rücken ihres Pferdes gebeugt und die Zügel locker in der Hand galoppierte sie auf die erste Tonne zu. So eng, dass sie mit den Stiefeln beinahe die Tonne berührte, lenkte sie ihr Pferd um das Hindernis herum. Dusty ging mit der Hinterhand weit nach unten, als sie herum waren, und stürmte nach vorn, preschte unter Peggys wilden Anfeuerungsrufen auf die zweite Tonne zu. Aber er war nicht so flink auf den Beinen wie Bluebonnet, die weiße Stute ihrer Rivalin. Zum Umrunden einer Tonne brauchte er länger. Was er dort verlor, machte er zwar durch Kraft und Entschlossenheit wett, doch bei der letzten Tonne geriet er ins Rutschen und verlor wertvolle Zeit, bevor Peggy ihn im gestreckten Galopp über die Ziellinie jagte.

»16,8 Sekunden, eine erstklassige Zeit«, folgte ihr die Stimme des Moderators, »und damit steht unsere Siegerin fest: Dixie Malone aus Fort Worth in Texas hat gewonnen! Herzlichen Glückwunsch, Dixie!«

Außerhalb der Arena, auf dem sandigen Platz, der den Teilnehmern des Rodeos vorbehalten war, stieg Peggy aus dem Sattel und belohnte Dusty mit einer Mohrrübe. »Das hast du gut gemacht«, lobte sie ihn. »Wir lagen nur vier Zehntel hinter ihr. Das nächste Mal packen wir sie, ganz bestimmt!«

Sie führte ihren Wallach zur Tränke und ließ ihn saufen. Zur Siegerehrung würde sie noch einmal in die Arena reiten und wie bei den letzten Rodeos mit einem kleinen Geldpreis für den zweiten Platz vorliebnehmen müssen. Von den Preisgeldern allein konnte sie nicht leben und musste zwischen den Rodeos als Bedienung in einem Coffeeshop arbeiten. Das große Geld gab es nur in Texas. Bei den Rodeos in Fort Worth und Amarillo kamen auch die Cowgirls auf ihre Kosten.

»Howdy, Peggy. Kein schlechter Ritt.«

Peggy drehte sich um und sah Dixie auf ihrer Schimmelstute sitzen. Mit ihrem Püppchengesicht und den blonden Locken sah sie beinahe so gut aus wie Marylin Monroe, nur drahtiger, wie ein Cowgirl eben. Als einzige Reiterin hatte sie sich geschminkt, Lippenstift, pfirsichfarbenes Rouge und reichlich Eyeliner, der ihre braunen Augen noch glutvoller aussehen ließ. Der Traum aller Männer, wie die sehnsuchtsvollen Blicke der wartenden Cowboys und Bullrenreiter bewiesen.

»Danke«, sagte Peggy.

»Nur vier Zehntel langsamer als ich, so gut war noch keine dieses Jahr.« In ihrer Stimme schwang eine gehörige Portion Arroganz mit. Ihr Pferd hatten ihre Eltern von einem Züchter in Kentucky gekauft, eine Prachtstute, die arabisches Blut in den Adern haben musste, so elegant bewegte sie sich. Obwohl Dixie schon als Kind geritten war, hatte die Familie im vorletzten Winter einen der besten Rodeoreiter des Landes als Trainer verpflichtet, um sie noch schneller zu machen.

»Du kannst nicht immer gewinnen«, sagte Peggy.

Dixie lächelte spöttisch. »Bis jetzt schon. Aber mach dir nichts draus, nicht mal in Texas gibt’s eine, die schneller ist als ich. Sogar die Männer, die gegen mich angetreten sind, waren langsamer.« Sie lächelte und zeigte ihre perlweißen Zähne. »Wir sehen uns später, Peggy.«

Peggy blickte ihr nach und bewunderte ihre lässige und zugleich sehr vornehme Art, im Sattel zu sitzen. An ihr war nichts Derbes oder Burschikoses. Wie eine Prinzessin ritt sie dahin, den Rücken gerade, das Kinn stolz erhoben, ein herablassendes Lächeln in den dunklen Augen. Ihre rot-weiße, mit silbernen Pailletten besetzte Bluse und der weiße Gürtel mit bunten Strasssteinen funkelten im Sonnenlicht. Die Blicke aller Männer folgten ihr.

»Blöde Angeberin«, flüsterte Peggy ihrem Wallach zu. »Was meinst du, was die für Augen machen würde, wenn wir sie wirklich mal schlagen?« Sie stieg in den Sattel und folgte der Texanerin. Ihr war klar, dass sie lange keinen so imposanten Eindruck machte wie ihre Rivalin, dazu war ihr Wallach nicht edel genug und der Sattel viel zu schäbig. Auch ihre weiße Bluse mit den blauen Fransen und ihr einfacher Stetson verblassten gegenüber der edlen Kleidung der Texanerin. Von dem silbernen Stern an Dixies Bluse, den sie von den Texas Rangers geschenkt bekommen hatte, ganz zu schweigen.

Immerhin jubelten die Zuschauer auch Peggy begeistert zu, als sie zur Siegerehrung in die Arena ritt. Eigentlich konnte sie mit ihren dunklen Haaren, die sie wie immer während des Reitens zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und ihren leuchtenden blauen Augen jeder Rodeo-Queen das Wasser reichen.



Mit ihrer Urkunde und dem Scheck ritt sie eine Ehrenrunde, natürlich hinter Dixie, aber vor der Drittplatzierten, einem Mädchen aus Wyoming. Obwohl sie wusste, dass der meiste Beifall der Gewinnerin gehörte und die Augen aller Männer auf Dixie gerichtet waren, genoss sie den Jubel. Irgendwann würde sie als Erste durch die Arena reiten, den großen goldenen Pokal in beiden Händen. Sie träumte noch immer davon, eines Tages genug Preisgeld zu gewinnen, um davon leben zu können und die Reiterei zu ihrem Beruf zu machen.

Sie nahm den Stetson ab und winkte dem Publikum ein letztes Mal zu, dann ritt sie zu ihrem angerosteten Pick-up und dem Pferdeanhänger zurück, die hinter der Absperrung am Koppelzaun standen. Anders als Dixie, die ihre Stute von einem Angestellten abreiben ließ und gleich in ihrem vornehmen Wohnwagen verschwand, kümmerte Peggy sich selbst um ihr Pferd. Sie nahm ihm den Sattel ab, wuchtete ihn auf den Koppelzaun und griff dankbar nach dem Wasserschlauch, den ihr eines der anderen Mädchen reichte. Sie nahm einen kräftigen Schluck von dem kühlen Nass, bevor sie Dusty abspritzte.

Nachdem sie den Wallach abgerieben hatte, führte sie ihn in den Anhänger und schloss die Klappe. Sie verabschiedete sich von den anderen Mädchen, winkte einem Cowboy zu, der Pretty, pretty Peggy Sue vor sich hin pfiff, als sie an ihm vorbeiging, und stieg in den Wagen. Sie musste lachen, als sie den Motor anließ. Wenn ihre Eltern gewusst hätten, dass Buddy Holly einmal diesen Song schreiben würde, hätten sie sich bestimmt einen anderen Namen ausgedacht. Seit der Song im Radio lief, stimmte ihn fast jeder an, der sie kannte. Wenn die wüssten, dass mein zweiter Name tatsächlich Susan ist, dachte sie. Aber das blieb ihr Geheimnis.

Der 53er Pick-up, den sie vor einem Jahr von einem Farmer gekauft hatte, zitterte in allen Fugen, als sie mit dem Pferdeanhänger vom Gelände fuhr. Staub drang durch die geöffneten Fenster, und die rhythmischen Klänge der Kapelle folgten ihr bis zur Hauptstraße. »Hey, Peggy, kommst du noch auf einen Drink ins Outlaw Café?«, rief ihr ein Cowboy zu, und sie antwortete: »Nein, Bill! Keine Zeit. Wir sehen uns in Virginia City auf der Fair!«

Der wahre Grund war, dass es Tage wie heute gab, an denen sie einfach keine Lust hatte, mit den anderen Cowgirls und Cowboys zu feiern. Sie war viel zu müde, um die ganze Nacht zu Country & Western Music oder diesem neuen Rock ’n’ Roll zu tanzen. Die Cowboys würden genug andere Mädchen finden, die mit ihnen zu den Klängen aus der Jukebox rockten. Sie brauchte etwas Zeit für sich allein, einen einsamen Ritt unter dem Sternenhimmel. Seitdem ihre Eltern geschieden waren und sie allein wohnte, zweifelte sie manchmal an sich. Nach einem Ritt durch die Wildnis ging es ihr meist besser.

Nachdem Walter Corbett aus dem Koreakrieg heimgekehrt war, hatte er nicht mehr in seinem alten Beruf als Automechaniker arbeiten können und die ganze Welt dafür verantwortlich gemacht. Die Armee, die Regierung, einfach alle. Einen Job als Türsteher hatte er schon nach drei Tagen wieder geschmissen. Es war immer öfter zum Streit gekommen, und einmal, während einer heftigen Auseinandersetzung in der Küche, hatte er ihre Mutter sogar geschlagen. Peggy war weinend aus dem Haus gerannt und erst zwei Tage später wieder zurückgekehrt. »Es geht nicht mehr, es geht einfach nicht mehr«, waren die letzten Worte ihrer Mutter gewesen, bevor sie das Haus verlassen hatte.

Sie fuhr auf dem Highway 40 nach Osten. Die Sonne neigte sich bereits den Bergen im Westen zu und überzog die zerklüfteten Hügel zu beiden Seiten der Straße mit sanftem Licht. Die Felsen warfen lange Schatten. Es gab hier kaum noch Bäume, nur Greasewood und verfilzte Salbeisträucher, die sich als dunkle Flecken von dem steinigen Boden abhoben. Außer ihr war kaum jemand unterwegs. Einem Station Wagon, einem Greyhound-Bus und einem Lastwagen, mehr Fahrzeugen begegnete sie nicht. Durch die Fenster, die sie immer noch geöffnet hatte, wehte der heiße Wüstenwind in den Wagen.

Nach einer weiten Kurve parkte sie in einer sandigen Ausbuchtung und stieg aus. Auch am späten Nachmittag glühte die Luft noch vor Hitze. Einige Insekten summten über ihrem Pick-up-Truck. Aus dem Anhänger meldete sich Dusty mit unruhigen Huftritten und leichtem Schnauben. »Wie wär’s mit einem kleinen Ausritt, Dusty?«, rief sie. »Du hast doch sicher nichts dagegen.«

Sie setzte ihren Stetson auf und ließ Dusty aus dem Wagen. Er tänzelte erwartungsvoll und schnaubte zufrieden, als sie den Sattel von der Ladefläche nahm und auf seinen Rücken wuchtete. Sie zog den Gurt fest und schwang sich hinauf. Im lockeren Trab folgte sie der Schotterstraße, die vom Highway in ein Labyrinth aus schroffen Canyons und Felstälern führte.

Erst nach einer Weile wurde sie auf die tiefen Reifenspuren aufmerksam, die sich über die Schotterstraße zogen. Breite Abdrücke, wahrscheinlich von einem Lastwagen. Sie konnten nicht älter als zwei, drei Stunden sein. Was hatte ein Truck in dieser verlassenen Gegend zu suchen? Die Armee, nahm sie an, die trieb sich gern in Nevada herum, oder ein Rancher, der Bauholz zu seinem Haus transportierte. Aber es gab in dieser Gegend weder ein Sperrgebiet, noch hatte sie den Wegweiser zu einer Ranch gesehen.

Sie bekämpfte ihre innere Unruhe und verließ die Schotterstraße. Querfeldein hielt sie auf die felsigen Berge zu. Warum sollte sie wegen Reifenspuren auf einer abgelegenen Straße nervös werden? Sie setzte sich im Sattel zurecht, als könnte sie auf diese Weise ihre Gedanken abschütteln, und trieb Dusty in einen leichten Galopp. Ihr Wallach freute sich über die schnellere Gangart, wirkte befreit und gab ihr durch ein Schnauben zu verstehen, dass sie das ruhig öfter machen könnten. Auch sie genoss den Ritt, den frischen Wind, der ihr ins Gesicht blies, und den würzigen Duft des Salbeis, der abseits der Straße noch intensiver war. Die Felsen leuchteten in allen Farben und wirkten im Licht der tief stehenden Sonne noch unwirklicher, wie in einem der Science-Fiction-Filme, die seit einiger Zeit in den Kinos liefen.

Über einen schmalen Pfad ritt sie in einen der Canyons, eine lang gezogene Schlucht mit steilen Felswänden, die kaum noch Sonnenlicht einließen. Einige Antilopen rannten erschrocken davon, als sie den Hufschlag hörten. In dem engen Canyon hallte der Hufschlag als vielfaches Echo nach, und selbst das Knarren des Zaumzeugs und das Klappern der Metallteile kamen ihr in dieser Abgeschiedenheit unnatürlich laut vor. Sie folgte dem ausgetrockneten Bachbett durch die Schlucht und erreichte den Ausgang und eine buckelige Hügellandschaft, die in der Nachmittagssonne zu brennen schien.

Ein seltsames Geräusch ließ sie in die Zügel greifen. Dusty wurde langsamer und schüttelte unwirsch den Kopf, als ein lautes Brummen über ihren Köpfen ertönte, das Peggy an den Flying Circus erinnerte, den sie mit ihren Eltern kurz nach dem Weltkrieg besucht hatte. Und wie damals raste auch jetzt ein Flugzeug über sie hinweg, eine kleine Maschine, die so tief flog, dass Peggy befürchtete, sie würde an einem der Hügel zerschellen. Doch der Pilot verstand sein Handwerk, zog rechtzeitig nach oben und ging in eine steile Rechtskurve. Peggy blieb atemlos im Sattel sitzen und blickte dem Flugzeug nach, bis es hinter den felsigen Hügeln verschwand.

»Schon gut«, beruhigte sie ihren Wallach, »der tut dir nichts. Der gehört bestimmt zu einem Flying Circus, der hier irgendwo in der Nähe gastiert.«

Doch ganz überzeugte sie diese Antwort selbst nicht. Zur selben Zeit wie das Rodeo fand bestimmt keine zweite Großveranstaltung in der Umgebung von Reno statt. Und wenn doch, hätten auf den Fairgrounds einige Plakate hängen müssen. Vielleicht ein Pilot, der trainierte, oder einer dieser waghalsigen Flieger, die über die Felder flogen und Gift gegen Schädlinge versprühten. Unsinn, sagte sie sich, hier ist weit und breit kein Feld zu sehen.

Das Brummen verstummte nicht, im Gegenteil, es wurde wieder lauter. Sie duckte sich unwillkürlich, als die Maschine erneut über den Hügeln auftauchte, sich stark zur Seite neigte und in die Senke hinter den Felsen hinabstieß.

Und noch ein anderes Geräusch war jetzt zu hören: der Hufschlag zahlreicher Pferde. Als hätte der Pilot eine Herde wilder Mustangs aufgescheucht.

Neugierig lenkte Peggy den Wallach auf einen der Hügel.

2

Was sie dort sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Wie eine wütende Hornisse trieb die Maschine eine Herde wilder Pferde vor sich her. Ungefähr zwölf verängstigte Tiere, darunter auch ein Fohlen, das kaum Schritt halten konnte mit den anderen. Die Maschine flog so dicht über die Herde hinweg, dass sie die Tiere mit den Rädern zu berühren schien. Tatsächlich stolperte eines der Tiere und stürzte, kam aber gleich wieder hoch und galoppierte weiter. Obwohl Peggy mindestens eine halbe Meile entfernt war, glaubte sie die Verzweiflung und Todesangst in seinen Augen zu sehen.

Peggy war viel zu entsetzt, um sich zu bewegen oder etwas zu tun. Mit geweiteten Augen beobachtete sie, wie der Pilot seine Maschine nach oben zog, noch einmal über die Hügel flog und erneut auf die Herde zuhielt. Es machte ihm Spaß, die Pferde zu jagen. Wie ein Cowboy trieb er sie vor sich her, nur viel schneller und erbarmungsloser. Anscheinend war es ihm egal, was mit den Pferden geschah, ob sie sich verletzten oder erschöpft zusammenbrachen.

Als der schwarze Hengst, der die Herde anführte, nach rechts ausbrechen wollte, peitschte ein Schuss durch das Tal. Der Knall war so laut, dass er das Motorengeräusch übertönte. Die Kugel traf den Hengst in die Schulter und trieb ihn zur Herde zurück. Er war schwer verwundet und blutete, doch er galoppierte weiter. Die Wunde ließ ihn immer langsamer werden und er hielt sich nur noch mühsam auf den Beinen.

Ihre Hände umkrampften die Zügel. Dusty spürte, dass etwas nicht stimmte, und schüttelte schnaubend den Kopf. Peggy merkte gar nicht, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen und sich mit dem feinen roten Staub auf ihrem Gesicht vermischten. Durch einen Tränenschleier nahm sie wahr, wie der Pilot abdrehte, zweimal mit den Tragflächen schaukelte, als würde er sich von irgendjemand verabschieden, und über die Hügel in der Ferne verschwand.

Schon im nächsten Augenblick sah Peggy, wem das Schaukeln der Tragflächen gegolten hatte. Zwischen den Felsen raste ein Pick-up-Truck hervor und folgte der Herde mit röhrendem Motor. Auf der Ladefläche standen drei Männer, jeder mit einem wurfbereiten Lasso in der Hand. Sie lehnten mit dem Rücken an der Fahrerkabine und stützten sich mit den Füßen an den Seitenklappen ab, gingen bei jedem Holpern in die Knie, um die Erschütterung auszugleichen. Auf der Ladefläche lagen etliche Autoreifen und weitere Lassos.

Peggy wischte sich die Tränen vom Gesicht und blickte genauer hin. Wenn sie sich nicht täuschte, waren die Lassos an den schweren Reifen befestigt. Aber warum? Was hatten diese Männer vor? Ohne darüber nachzudenken, in welche Gefahr sie sich begab, folgte sie ihnen. Steif im Sattel sitzend lenkte sie den Wallach ins Tal hinab. Der Schock saß ihr tief in den Gliedern. Der Schuss hallte in ihren Ohren nach, und der Anblick des blutenden Hengstes, der verzweifelt gegen den Tod kämpfte, traf sie tief.

Peggy griff ihrem Wallach so heftig in die Zügel, dass sie beinahe aus dem Sattel geflogen wäre, so entsetzt war sie, als einer der Männer sein Lasso schwang, die Schlinge sich um den Hals einer Stute legte und das Ende des Seils einen der Autoreifen über die offene Heckklappe zerrte. Augenblicklich zog sich die Schlinge um den Hals des Pferdes zusammen. In ihrer Panik brach die Stute nach links aus, den schweren Autoreifen im Schlepptau.

Eine zweite und eine dritte Schlinge flogen, und das widerwärtige Schauspiel wiederholte sich. Diesmal erwischte es die Mutter des Fohlens. Sie wurde durch die Wucht des Reifens zu Boden gerissen und blieb mit gebrochenem Vorderlauf liegen. Aus ihren Nüstern floss Blut. Sie versuchte aufzustehen, knickte sofort wieder ein und blieb seltsam verrenkt liegen. Verzweifelt blickte sie sich nach ihrem Fohlen um, das auf zitternden Beinen stehen blieb und nicht fassen konnte, was seiner Mutter passiert war.

»Hört auf! Hört sofort damit auf!«, schrie Peggy verzweifelt, aber sie war noch zu weit von den Männern entfernt, und in der aufwallenden Staubwolke konnte man sie nicht sehen.

Peggy war unfähig weiterzureiten. Wie versteinert saß sie im Sattel, beide Hände um die Zügel gekrampft und vor lauter Entsetzen nicht in der Lage, sich zu bewegen. Durch die Tränen, die unablässig über ihre Wangen rannen, musste sie hilflos mit ansehen, wie sich noch vier weitere Pferde in den Lassos verfingen und durch die Flucht vor dem Flugzeug und den schweren Autoreifen so erschöpft waren, dass sie schon nach wenigen Schritten aufgaben und sich hilflos und mit gesenkten Köpfen in ihr ungewisses Schicksal ergaben.

Der Truck blieb zwischen den gefangenen Pferden stehen. Fassungslos beobachtete Peggy, wie die drei Männer von der Ladefläche sprangen und zu den erschöpften Tieren rannten. Sie fesselten ihnen die Hinterbeine. Die Mustangs, die meisten aus mehreren Wunden blutend, waren zu schwach, um sich dagegen zu wehren. Nur der schwarze Hengst, der als einer der letzten in die Schlinge gelaufen war, schlug mit den Hufen aus, obwohl das Blut unablässig aus seiner Wunde sickerte. Einer der Männer zog einen Revolver und schoss eine weitere Kugel in das heftig atmende Pferd, erst dann gelang es den Männern, eine Schlinge um seine Hinterbeine zu legen.

Peggy ballte ihre Hände zu Fäusten, drückte so fest zu, dass sich ihre Fingernägel in die Haut bohrten und blutige Spuren hinterließen. Zu dem Schmerz, der in ihrem Herzen tobte, kam jetzt mörderische Wut, und sie verspürte den glühenden Wunsch, ebenfalls nach einem Revolver zu greifen und die Männer für ihre grausame und feige Tat zu bestrafen. Stattdessen verharrte sie weiterhin im Sattel und bemerkte erstaunt, wie sich ein großer Lastwagen über die Schotterstraße näherte und neben dem Pick-up parkte.

Zwei junge Männer mit Cowboyhüten sprangen heraus, winkten den anderen Männern zu und ließen die Heckklappe des offenen Trucks herunter. Mit vereinten Kräften zogen sie eine Rampe von der Ladefläche. Von einer stabilen Winde spulten sie ein Seil, banden es um die Vorderläufe des Hengstes und zogen ihn auf die Ladefläche. Willenlos und benommen vom starken Schmerz ließ das Tier es geschehen. Oben angekommen zwangen die Männer den Hengst mit Peitschen, sich zu erheben, und drängten ihn gegen die Seitenklappe. Mit zitternden Flanken blieb der Hengst stehen, die Schultern voller Blut, das rechte Vorderbein abgeknickt, die Augen leer.

Erst jetzt drückte Peggy ihrem Wallach die Hacken in die Seite. Im vollen Galopp ritt sie auf die Männer zu, hielt dicht vor ihnen und rief zitternd vor Wut und Entsetzen: »Hört damit auf, ihr gemeinen Mörder! Hört sofort auf!«

Die Männer ließen von dem Pferd ab, dem sie gerade die Vorderläufe fesselten, und blickten sie überrascht an. Einer der Männer, die auf dem Pick-up gewesen waren, ein derber Bursche mit dunklen Augen und jeder Menge Frisiercreme in den Haaren, die unter seiner Hutkrempe hervorlugten, grinste frech. »He, wen haben wir denn da?«

»Die gehört bestimmt zu Annie«, sagte einer der beiden Männer, die mit ihm auf der Ladefläche gewesen waren. Er war etwas kleiner und stämmiger und trug eine schmutzige Baseballmütze. Seine Lippen waren schmal und farblos. »Der Lady, die uns verbieten will, die verdammten Klepper einzufangen.«

Peggy hörte gar nicht hin. »Wie kann man nur so brutal sein! Warum behandelt ihr die Pferde so grausam? Lassen Sie die armen Tiere frei!«

»Wie stellen Sie sich das vor?«, erwiderte der Mann mit der Mütze. »Wissen Sie, was die im Schlachthaus in Fallon bringen? Sechs Cent das Pfund! Und jetzt hauen Sie endlich ab! Sie behindern uns bei der Arbeit!«

Peggy erstarrte. »Sie … Sie bringen die Pferde ins Schlachthaus?«

»Wohin denn sonst? Die machen Hunde- und Katzenfutter draus.«

»Aber … aber das sind … Pferde! Edle Wildpferde!«

Der Mann mit der Mütze wurde langsam ungeduldig, sprach aber dennoch weiter mit ihr. »Das sind keine edlen Wildpferde …« Er betonte die letzten beiden Worte, als hätte sie etwas vollkommen Abwegiges gesagt. »Das sind Mustangs. Abschaum auf vier Beinen. Die haben unreines Blut in den Adern.«

»Das ist nicht wahr!«, widersprach sie. »Mustangs sind eine edle Rasse! Die kommen aus Spanien! Das lernt doch heute jedes Kind in der Schule!«

»Und wann waren die Spanier hier? Im 16. Jahrhundert, das hat man mir in der Schule erzählt. Was meinen Sie, was in der Zwischenzeit mit diesen Mustangs passiert ist? Sie sind wie verwahrloste Köter über die Prärie gezogen und haben sich mit Eseln und Ziegenböcken gepaart. Ganz zu schweigen von den Indianern. Glauben Sie, die haben viel Wert auf die Züchtung gelegt?«

»Das ist noch lange kein Grund, sie wie den letzten Dreck zu behandeln! Die armen Tiere mit Flugzeugen zu jagen und sie anzuschießen und schwere Autoreifen an die Lassos zu binden … das ist eine Schweinerei!« Sie hatte Mühe, Dusty unter Kontrolle zu halten, anscheinend witterte er die Gefahr, die seinen Artgenossen drohte. Sie drehte sich einmal mit ihm im Kreis und zog die Zügel an. »Wenn sie die Tiere nicht freilassen, hole ich die Polizei!«

»Tun Sie das, Lady. Und jetzt lassen Sie uns in Ruhe!«

Peggy wollte erneut aufbrausen, aber ein dritter Mann, ein Bursche mit breiten Schultern und einem hellen Strohhut auf den lockigen Haaren, ging dazwischen. Seine Haut war etwas dunkler als die der anderen. »Seien Sie vernünftig, schöne Frau!«, sagte er mit leichtem Akzent. »Wir handeln streng nach dem Gesetz. Alles, was wir tun, ist völlig legal.«

»Santiago hat recht«, stimmte ihm der Mann zu, der als Erster gesprochen hatte. Er schien der vernünftigste der Männer und außerdem ihr Anführer zu sein. »Wir sind hier auf Regierungsland, und niemand kann uns verbieten, diese Mustangs einzufangen. Die Regierung will es sogar. Die Mustangs sind zur Landplage geworden, wie Wölfe und Kojoten, und es wird höchste Zeit, dass wir sie ausrotten, bevor sie den Rindern das ganze Gras wegfressen.«

»Das ist noch lange kein Grund, die Tiere so zu quälen!« Sie drehte sich im Sattel und deutete auf das Fohlen, das hilflos bei seiner gefesselten Mutter stand. Es schien nicht zu verstehen, was mit ihr geschehen war. »Sehen Sie sich das Fohlen an. Sie haben ihm die Mutter genommen. Warum tun sie so etwas? Warum sind Sie so grausam? Haben Sie denn kein Herz im Leib?«

Der Mann mit der Mütze winkte ab. »Kommen Sie uns nicht auf die Mitleidstour, Lady! Die Gäule kommen sofort unters Messer. Sobald wir sie in Fallon abliefern, schneiden sie ihnen die Gurgel durch und machen Hackfleisch aus ihnen. Sehen Sie’s von der Seite: Würden wir keine Mustangs abliefern, hätten die armen Hündchen und Kätzchen nichts mehr zu fressen.«

»Sie sind so was von zynisch, Mister!«

»Halt die Klappe, Buddy!«, wies ihn auch der Anführer zurecht. Er schob seinen speckigen Hut in den Nacken und wandte sich an Peggy: »Wir tun hier nur unsere Arbeit, Miss. Es hat Sie niemand gebeten, uns dabei zuzusehen, also verschwinden Sie bitte und sagen Sie Annie, dass ihre Proteste umsonst sind. Das Gericht hat den Wildpferdfang auf dem Staatsgebiet von Nevada verboten, nicht aber auf dem Land, das der Regierung in Washington gehört. Und wie ich schon sagte, wir sind hier auf Regierungsland. Und wenn Sie uns weiterhin belästigen, bin ich leider gezwungen die Polizei zu rufen, die ist nämlich auf unserer Seite.«

»Das ist doch Haarspalterei, Mister!«, rief Peggy wütend. Sie wusste leider zu wenig über das Thema, um ihm etwas entgegnen zu können, hatte nur flüchtig über das Gesetz gelesen. »Hier ist fast überall Regierungsland.«

»Reiten Sie, Miss. Es ist besser so«, ertönte eine weitere Stimme. Sie gehörte dem jungen Mann, der den Pick-up gefahren hatte, ein ansehnlicher Bursche in ihrem Alter, der gar nicht so aussah, als würde er zu diesen Schurken gehören. Eher wie ein Wildpferdreiter beim Rodeo. Ihm fehlte dieser harte Ausdruck in den Augen, den sie bei den anderen Männern bemerkt hatte. Er hatte seinen Cowboyhut in den Nacken geschoben, sodass sie eine widerspenstige sandblonde Haarlocke und sein Gesicht sehen konnte, die blauen Augen, die gerade Nase und das energische Kinn, das im krassen Gegensatz zu seinem weichen Mund stand. Als einziger der Männer hatte er sich an den Hut getippt, als sie aufgetaucht war, ein Zeichen des Respekts.

»Ich denke nicht daran«, stieß sie trotzig hervor.

Er kam ein paar Schritte näher. »Sind Sie nicht Peggy Corbett?«

»Sie kennen mich?«

»Ich habe Ihr Foto im Rodeo-Programm gesehen«, erwiderte er. »Ich bin Marty Rockwell. Mein Vater unterstützt die Veranstalter des Rodeos mit Helfern und etwas Geld. Sie waren heute dran, stimmt’s? Haben Sie gewonnen?«

»Das geht Sie gar nichts an. Warum … warum machen Sie so was?«

»Jetzt reicht’s mir aber!«, mischte sich Buddy, der Mann mit der Mütze ein. »Sind wir hier auf einem Kaffeekränzchen oder fangen wir Mustangs? Wenn ihr mit der Lady plaudern wollt, meinetwegen. Ich bin hier, um Geld zu verdienen. Also geht mir gefälligst aus dem Weg und lasst mich arbeiten!«

Er ging zu der Mutter des Fohlens, band ihr den Strick um die Vorderhufe und wies einen der anderen Männer an, die Winde zu bedienen. Quietschend drehte sich die Trommel mit dem mehrfach geknüpften Seil und zog die schwer verletzte Stute auf die Ladefläche. Das junge Fohlen folgte ihr und blieb hilflos am Fuß der Rampe stehen, blickte seiner leidenden Mutter nach.

Der Anblick des verzweifelten Fohlens war zu viel für Peggy. Sie sprang aus dem Sattel und rannte zu dem Mann, den sie Buddy nannten, trommelte mit beiden Fäusten gegen seine Brust und griff nach dem Revolver, den er im dem Gürtel stecken hatte. »Dafür werde ich Sie erschießen, Mister!«, rief sie mit tränenerstickter Stimme und richtete die Waffe auf den Mann.

Der Junge aus dem Pick-up reagierte am schnellsten und schob sich vor Buddy. »Geben Sie die Waffe her, Peggy!«, redete er auf sie ein. »Das bringt doch nichts. Unser Job ist blutig, das gebe ich ja zu, aber das ist doch noch lange kein Grund, einen Menschen zu erschießen! Seien Sie vernünftig!«

Peggy sank weinend auf die Knie und ließ die Waffe fallen. Sie merkte gar nicht, wie Marty sie an den Armen packte und zu ihrem Wallach führte. »Reiten Sie nach Hause und vergessen Sie die ganze Sache, Peggy!«

Sie hielt sich am Sattelhorn fest und lehnte ihren Kopf gegen das Fell des Wallachs. Er schien ihren Schmerz zu spüren und schnaubte leise. »Sie sind … Sie sind unmenschlich!«, sagte sie unter Tränen. »Sie sind grausam, jawohl!«

Wie aus weiter Ferne hörte sie das Quietschen der Winde und die Rufe der Männer, die sie jetzt ignorierten und sich beeilten, die letzten Pferde auf die Ladefläche des Lastwagens zu ziehen. Sie wollte nicht mehr hinsehen, hatte längst verstanden, dass die Männer im Recht waren und nicht einmal der Sheriff etwas gegen diese grausamen Fangmethoden unternehmen würde.

»Was ist mit dem Fohlen?«, hörte sie die heisere Stimme eines Mannes, der bisher noch gar nichts gesagt hatte. »Das Kleine stirbt ohne seine Mutter.«

»Wir lassen es zurück.«

»Es wäre vielleicht besser, wir …«

»Wir lassen es zurück, hab ich gesagt!«, fuhr ihm der Anführer über den Mund. »Im Schlachthaus mögen sie keine Fohlen. Keine Ahnung, warum.«

Peggy hörte die Stimmen, hatte aber keine Kraft mehr, sich gegen die Männer aufzulehnen. Das Gesicht in der Mähne ihres Wallachs vergraben blieb sie stehen, bis die Motoren ansprangen und die Männer davonfuhren. Erst als der Lärm verklungen, und nur noch das Rauschen des Windes zu hören war, drehte sie sich um.

Auf der Schotterstraße, die Hufe im Blut der Stuten, stand das Fohlen. Es blickte nach Norden, die Richtung, in der seine Mutter verschwunden war.

»Diese Unmenschen!«, flüsterte Peggy.

3

In der Ferne erklang Motorenlärm. Für einen Augenblick befürchtete Peggy, die Mustangjäger würden zurückkommen und das Fohlen doch noch mitnehmen, aber es war ein anderer Wagen.

Ein Mann und eine Frau stiegen aus.

»Howdy, Miss«, grüßte der Mann. Er war groß und muskulös und wie ein Cowboy gekleidet. Hinter seinem ledernen Hutband steckte eine Eulenfeder. Seine etwas dunklere Hautfarbe, das pechschwarze Haar und die leicht erhöhten Backenknochen verrieten, dass indianisches Blut in seinen Adern floss.

»Howdy«, erwiderte Peggy den Cowboygruß.

»Wir kommen zu spät, nicht wahr?«, sagte die Frau. In ihrem geblümten Kleid sah sie wie eine Städterin aus. Ihr Körper war seltsam verwachsen, das Gesicht etwas schief, doch sie faszinierte mit ausdrucksvollen Augen und einer sanften Stimme. »Wären wir doch früher losgefahren!«

Der Mann ging auf Peggy zu und streckte die Hand aus. »Sorry, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Charlie Johnston, und das ist meine Frau Annie. Uns gehört die Double-Lazy-Heart-Ranch unten am Fluss.«

»Peggy Corbett«, erwiderte sie. »Ich bin auf der Durchreise.«

»Peggy Corbett …«, überlegte er. »Waren Sie nicht beim Rodeo dabei? Beim Barrel Racing? Natürlich, deshalb kamen Sie mir so bekannt vor. Sie waren Zweite, nicht wahr? Ein großartiger Ritt! Sie können wirklich reiten.«

»Vielen Dank, Sir. Sie waren dabei?«

»Charlie«, verbesserte er lächelnd. »Annie und ich verpassen kaum ein Rodeo. Als junger Mann hab ich auch mitgemacht, wissen Sie? Ist schon eine Weile her. Aber gewonnen hab ich leider nie.«

»Ich hab ihm wenig Zeit zum Üben gelassen«, sagte Annie.

Peggy erwiderte deren Lächeln. Sie mochte die Frau, die offensichtlich an einer ernsthaften Krankheit litt und ihren Humor dennoch nicht verloren zu haben schien. Trotz ihrer Behinderung strahlte sie eine große Anmut aus.

»Sind Sie die Annie … die Annie, von der die Männer …?«

»Wild Horse Annie«, erklärte sie, immer noch lächelnd. »So nennen mich inzwischen alle, obwohl ich eigentlich Velma heiße. Dan Solari hat mir den Namen gegeben, ein hohes Tier beim Bureau of Land Management. Ausgerechnet der Mann, der mich am wenigsten mag. Er wollte mich lächerlich machen, aber ich hab den Namen immer als Auszeichnung empfunden. Ich bestehe sogar darauf. Die meisten Leute kennen meinen richtigen Namen gar nicht.«

Sie ging auf das Fohlen zu, das immer noch auf der Schotterstraße stand und sich vor Angst und Entsetzen kaum zu bewegen wagte. Ein paar Schritte vor dem Tier blieb sie stehen. »Sie haben seine Mutter weggebracht?«

Peggy nickte. »Sie haben ihr einen Vorderlauf gebrochen und sie auf einen Lastwagen gezogen … oh, es war schrecklich! Einer der Männer wollte sogar das Fohlen töten. Sie bringen die Tiere in ein Schlachthaus. Ich hab versucht sie zurückzuhalten. Ich wollte, dass sie die Pferde wieder freilassen. Ich hab geschrien und