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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Einleitung

I.

Ein Junge oder ein junger Mann, eine schwere Waffe in der Hand, behängt mit Munition. Meist in Schwarz gekleidet, der Farbe der Desillusionierten, der Trauernden und der Rächer. Bereit zu schießen, um zu töten; treffsicher, denn er hat viel geübt. Heute Abend wird alles vorbei sein, es wird Tote gegeben haben, vielleicht viele Tote, Schreie des Schreckens und Blicke der Angst, und er, der Mörder, wird sich in einer letzten Illusion von Größe selbst das Leben genommen haben. Dann hängt das Entsetzen über der Stadt, meist einer kleineren Stadt, über der Schule, dem Altenheim, dem Kindergarten. Und durch das Entsetzen hindurch wird man immer wieder die eine Frage hören: Warum?
Ja, warum? So kurz die Frage ist, so lang wird man ausholen müssen, damit die Antwort auch nur einigermaßen befriedigend ausfällt. Denn die knappen und gut gemeinten Erklärungsansätze – ein frustrierter Schüler oder ein Schulabgänger, Außenseiter und natürlich Computerfreak – erklären im Grunde nichts oder kaum etwas. Mit dem Hinweis, er sei ein schlechter Schüler, Außenseiter und Computerfreak gewesen, könnte man nämlich ebenso einen Gutteil der gegenwärtig erfolgreichen Regisseure und Werbeleute, Rocksänger und Mediendesigner erfassen. Und wenn diese Merkmale schon zu einer krankhaften Entwicklung führen sollen, warum dann ausgerechnet zu einem geplanten Massaker und nicht – sagen wir – zu unkontrolliertem Kiffen, Panikattacken oder zur Mitgliedschaft in einer satanistischen Sekte?

II.

Ein Amokläufer ist ein Gewalttäter, ein Mörder. Der Tod, den er bringt, dringt wie ein stumpfes Geschoss auch in unser Erleben ein. Denn so vollkommen sinnentleert wie der Tod, den der Amoklauf bringt, mutet uns selbst der Tod im Krieg, ja, der Tod infolge von »normaler« krimineller Gewalt, die wir ja meist auf simple primitive Antriebskräfte zurückführen können, kaum an. Der Tod, den der moderne Amokläufer streut, führt dagegen anscheinend zu nichts, er erstreitet nichts, er rundet nichts ab. Und wenn man sagen kann, dass ein normaler Mörder sich nach seiner Tat womöglich besser fühlen mag, indem er sich bereichert hat oder Rache übte, spontane Wut entlud oder sich im Dienst einer Sache wusste, so trifft nichts von alledem auf den modernen Amokläufer zu. Er kann sich nicht besser fühlen, denn für gewöhnlich schließt sein eigener Tod das Massaker ab. Und auch dies geschieht mit eigentümlicher Stumpfheit, so, als bedeute dem Täter weder sein Leben etwas noch das von irgendwem sonst.
Wer die Mechanismen des Amoklaufs untersucht, kommt nicht umhin, sich mit Mechanismen von Gewalt und Aggression auseinanderzusetzen. Doch da jede Zeit und jede Kultur ihre Spielarten von Gewalt hervorbringt, so müssen wir erst die Mechanismen von Gewalt grundsätzlich und danach die zeitgebundenen Variationen der Gewalt betrachten. Aus dieser Auseinandersetzung lässt sich dann vielleicht verstehen, warum der Amoklauf in seiner modernen Form so erschreckend an Raum gewinnen konnte.
Sicher scheint mir zu sein, dass wir, wenn wir den Amoklauf untersuchen, ihn nicht allein als individuelles Phänomen, sondern als eine gesellschaftliche Erkrankung ansehen müssen. Daher werde ich in diesem Buch nur wenig von den Tätern selbst sprechen, viel aber von den Umständen und von den Faktoren, die ihre Taten begünstigen. Dies entspricht auch der später im Buch ausgeführten Idee, dass die Täter sich keiner gesteigerten Aufmerksamkeit gewiss sein dürfen, selbst nach ihrem Tod nicht, da Aufmerksamkeit immer einen sozialen Verstärker darstellt, auf den der Täter rechnet – und zwar in seiner Fantasie auch noch über den Tod hinaus.
Dies Buch wurde geschrieben, um hilfreich zu sein. Denn so viele Analysen zum Thema es auch gibt, ich habe nicht den Eindruck, dass eine davon das Gefühl der Sicherheit und der Kompetenz für uns alle erhöht hat. Das liegt keineswegs an der mangelnden Kompetenz der Forscher und Therapeuten, ganz gewiss nicht. Es ist nur einfach so, dass es wirkliches Expertentum, das auch kompetentes Handeln ermöglichte, hier nur in begrenztem Maß geben kann. Denn in unseren Breiten ist der Amoklauf etwas verhältnismäßig Neues – etwas Neues, das uns, wie manche andere soziale Störung auch, mit Amerika verbindet.

III.

Der Amoklauf in seiner heutigen Form ist ein Phänomen der Kultur. Alle Versuche, dies Phänomen an ein paar irregeleiteten Einzelnen festzumachen, müssen daher notwendig scheitern. Denn sie begreifen den Aspekt nicht, der das Phänomen überhaupt erst hervorbringt. Dieser Aspekt aber liegt in der kulturellen Bewusstseinslage, bzw. konkret in dem, was man das kulturelle Unbewusste nennen könnte. Dies, das kulturelle Unbewusste, gibt sich in der modernen Welt vor allem in Bildern zu erkennen. Hier liegt ein wichtiger Grund dafür, dass die Rolle der Medien im Zusammenhang mit der Gewalt so heftig diskutiert wird. Denn das Imitationsphänomen allein kann der Grund dafür nicht sein. Seit der Selbstmordwelle nach dem Erscheinen von Goethes »Die Leiden des jungen Werther« ist klar, dass ein Modell nur dann in größerem Maßstab wirksam wird, wenn es eine Befindlichkeit vorfindet, zu der es passt. Diese Befindlichkeit aber ist es, die weitaus interessanter und erheblich wichtiger zu erfassen ist als die möglichen Killer-Modelle, bei denen wir wohl davon ausgehen müssen, dass es immer und überall welche geben wird.
Die in den letzten Jahren zum Thema publizierten Studien waren zumeist Rekonstruktionen und Analysen der Hergänge einzelner Massaker, wobei der Hintergrund der Einzeltäter näher betrachtet wurde. Oder aber sie versuchten, anhand der Auswertungen größeren statistischen Materials kriminologisch zu ergründen, worin das Typische der Tat und der Täter besteht. Diese Ansätze sind wertvoll, aber sie genügen nicht. Daher ist die Vorgehensweise in diesem Buch eine andere. Die Biografie des Einzeltäters betrachtet es nur am Rand, da der Täter weniger als individuelle Gestalt, als vielmehr als Typus zum Amokläufer wird. Und der statistische Datenbefund ermöglicht zwar die Bestimmung möglicher Täterkreise, bleibt hierbei jedoch so vage, dass mir seine stärkste Rolle in der Ausräumung von Fehl- und Vorurteilen zu bestehen scheint.
Der vorliegende Ansatz, den modernen Amoklauf zu untersuchen, geht von zwei Seiten her an das Thema heran. Zunächst wird das Bild des Amokläufers als einer speziellen Form des Gewaltverbrechers mithilfe von medialen Analysen untersucht, die helfen, die spezielle Art von Gewalt, für die er steht, besser zu begreifen. Wir werden dabei finden, dass die Art der Gewalt, die den modernen Amokläufer kennzeichnet, tatsächlich sehr speziell und medial gut vorbereitet ist. Darüber hinaus werden wir den Zustand, in dem er sich befindet, als eine Art destruktiver Selbsthypnose beschreiben. Sodann werden wir den modernen Amoklauf als eine Zeit- und Kultursymptomatik beleuchten; eine Symptomatik, die nicht zufällig entstanden ist und die nur vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Betrachtung wirklich fassbar wird.
Aus beiden Analysen zusammen wird dann eine Serie praktischer Hinweise zur Intervention bei Amokläufen und zur potenziellen Prävention weiterer Massaker entwickelt.
Ein besonderes Augenmerk verdient die Frage, wie eine neue Qualität von Gewalt nahezu unbemerkt in unsere Kultur einwuchs. Denn während wir einerseits bemüht waren, schon im Kindergarten präventiv zu sein und für angemessenes, gewaltfreies Konfliktverhalten zu sorgen, rüsteten sich anderenorts düstere Kräfte und übernahmen Zonen unserer mentalen Verfassung, ohne dass irgendwer sich dagegen auflehnte. Platt wäre es, hier nur »die Medien« zu nennen. Denn Medien sind, ganz wie der Name sagt, Mittler. Und was sie vermitteln ist das, was an latenter Bereitschaft in unserer Kultur schlummert. Eine wesentliche Aufgabe des vorliegenden Buchs wird es sein, diese latent begünstigenden Faktoren medial herzuleiten und damit das Klima zu bestimmen, das den modernen Amoklauf in seinem Wachstum begünstigte. Und das wir verändern müssen, wenn wir diesen verhindern wollen.

IV.

Wie der Tigerpython, ursprünglich in Birma beheimatet, nach den USA eingeschleppt wurde und dort in Florida, in den Everglades, ideale Bedingungen vorfand, um sich ungehemmt zu verbreiten, gerade so gelangte der Amoklauf in unsere Kultur und konnte sich dort, da er keinen nennenswerten Widerstand hatte, ausbreiten. Das soll nun nicht heißen, dass es hierzulande niemals einen Amoklauf gegeben hätte. Doch die Qualität und die Häufung dessen, was wir den »modernen Amoklauf« nennen können (und was mit dem spontanen Ausrasten derer, denen dieser Begriff ursprünglich gewidmet ist, nichts mehr zu tun hat), setzt sich von dem, was in Europa bekannt ist, doch so sehr ab, dass das Störungsbild Amerika zugeordnet werden darf.
Warum nun fand der Amoklauf als Merkmal einer anderen Kultur hier keinen Widerstand? Wie vermochte dies Virus in den Organismus unserer Kultur einzudringen? Und warum konnte es dort so schauerliche Dinge anrichten? Die Antwort liegt in der Schwächung unserer eigenen Gesellschaft. Wir werden im Verlauf dieser Untersuchung erkennen, dass der Hintergrund des modernen Amoklaufs in den Leitbildern der amerikanischen Kultur zu suchen ist; Leitbildern, die mit dem kämpfenden Einzelnen zu tun haben und deren Zerrbild der isolierte Mörder darstellt, wie er uns im modernen Amokläufer begegnet. Dieser noch näher auszuführenden Zusammenhänge wegen macht es auch keinen Sinn, den modernen Amoklauf an ein paar einzelnen Fehlgeleiteten festzumachen. Es ist ja auch nicht der Tigerpython allein, der für die Probleme in den Everglades sorgt, sondern eben auch der Umstand, dass ihm dort kein nennenswerter Widerstand begegnete.

V.

Wirkliche Fachleute für moderne Amokläufe kann es noch nicht geben. Das hat vor allem zwei Gründe. Der erste ist der, dass die Anzahl der Amokläufer – zum Glück – klein ist, und statistische Befunde sich daher in Größenordnungen bewegen, die nur bedingt verlässlich sind. Immerhin lassen sich daraus Profile erstellen, die zum Beispiel der Früherkennung dienen. Wobei hier eine gewaltige Fehlerquote in Kauf genommen werden muss, was konkret bedeutet, dass man eine größere Anzahl Jugendlicher befragen, konfrontieren und untersuchen wird, von denen dann vielleicht nicht einmal einer wirklich Pläne für ein Massaker hatte. Immerhin mag hier der Effekt den Aufwand rechtfertigen. Und doch erinnert dies Vorgehen an die Terroristenfahndungen, bei denen immer viele, allzu viele Unschuldige Schikanen ausgesetzt wurden.
Der zweite Grund, dass es keine wirklichen Fachleute für Amokläufer gibt, besteht in dem Umstand, dass man diese für gewöhnlich nicht behandelt. Denn die mit Abstand meisten Amokschützen sterben, richten sich selbst oder werden getötet. Und so weiß hinterher niemand wirklich, was der Täter vielleicht gebraucht hätte oder wie ihm frühzeitig hätte eine Grenze gesetzt werden können. Klinische Empfehlungen sind daher ebenso wie die Modelle der profiler höchst unsicher und verheißen etwas, was dann im konkreten Fall nicht mehr stimmt.
Wenn es nun also keine wirklichen Fachleute für Amokläufer gibt, was gibt es dann? Es gibt gegenwärtig vor allem Forscher, die aus den Daten, die wir über Amokläufer haben, ein Bild vom Amokläufer entworfen haben, das, wie gesagt, zur vagen Früherkennung möglicherweise taugt. Sodann, eher im Verborgenen, gibt es Wissenschaftler mit kulturübergreifendem Blickwinkel, die das Phänomen kulturell zuordnen können. Polizisten versuchen, vorbeugend tätig zu werden. Und endlich gibt es jene Psychologen und Psychiater, die mit klinischem Besteck Diagnosen stellen und die aus ihrer klinischen Arbeit gewalttätige Menschen kennen.
Zur letzten Berufsgruppe gehöre ich auch, denn ich bin Psychologe und Psychotherapeut. Die Arbeit mit psychischen Ausnahmezuständen und hierbei insbesondere mit Aggression und Gewaltneigung gehört zu den Schwerpunkten meiner Arbeit. Die Spannweite ist dabei groß, denn Gewalt beginnt früh und endet spät. Wenn ich die Klienten betrachte, die in den vergangenen zwanzig Jahren meine Sprechstunden aufsuchten, dann kann ich einige wenige ausmachen, die zu Amokläufern hätten werden können, da ihre soziale Situation, ihre emotionale Verfassung und vor allem ihre zielgerichteten Fantasien sie hierfür hätten prädestinieren können. Bei zweien meiner Patienten und Analysanden glaube ich, dass ein Amoklauf, der sich innerlich bereits abzeichnete, verhindert werden konnte. Dass sie keine Amokläufer wurden, woran liegt das aber? Daran, dass sie sich in meiner Therapie befanden? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Was nämlich einen jungen Mann (Mädchen sind extrem selten, in den USA liegt die Quote bei ungefähr fünf Prozent; in Deutschland sind Amokläuferinnen bislang unbekannt, obwohl in einem Fall Pläne dazu nur knapp verhindert wurden) dazu treibt, Massaker unter Menschen anzurichten, die ihm und seiner Waffe ausgeliefert sind, das ist nicht an einem einzelnen Faktor festzumachen. Vieles muss zusammenkommen – aber ist das nicht auch bei anderen Störungsbildern so? Mir scheint, dass wir, um besser handeln zu können, den Blick nicht allein beim Amokläufer lassen dürfen, sondern uns mit den im Amoklauf wirkenden Mythen und Mechanismen der Gewalt grundsätzlich befassen müssen, um daraus dann Ableitungen zu treffen, die der besonderen Situation des Amoklaufs angemessen sind. Dabei ist zu beachten, dass wir es beim Amoklauf auch mit einer Art sozialer Symptombildung zu tun haben, deren Träger die Täter mit den von ihnen angerichteten Blutbädern sind. Mit dieser Diagnose möchte ich keineswegs den einzelnen Täter entlasten. Ich möchte aber herausheben, dass es Bedingungen gibt, die ermöglicht haben, dass Amokläufe in unserer Lebensform ein Thema werden konnten. Diese Bedingungen und ihre Wirkzusammenhänge zu erkennen stellt die Basis für mögliche Veränderungen dar.

VI.

Wie gestaltet man ein Buch, das mit dem Schrecken, seiner Analyse und mit den Ansätzen seiner möglichen Überwindung zu tun hat? Wohl am besten, indem man in einem Dreischritt vorgeht und zunächst das Thema in seiner Gestalt untersucht, dann in die Tiefe taucht und endlich aus der Erkenntnis der Motive und ihrer Verflechtungen am Ende Aussichten ableitet. Denn ein erschreckendes Phänomen, bei dem sich die Einzelfälle häufen, verlangt geradezu, nach tieferen Ursachen zu graben. Diese Ursachen werden wohl kaum nur in den Einzelnen liegen – denn das würde ja die Häufung nicht erklären. Unsere analytische Kunst besteht also darin, das Phänomen auf seine vielschichtigen Hintergründe zurückzuführen, um danach auf die übergeordnete Ebene möglicher Konsequenzen zu kommen.
Ich schreibe dies Buch nicht für ein klinisches Fachpublikum. Denn da es hier auch um die Bedeutung unserer Lebensform für den Amoklauf geht, so scheint mir, sollte das Buch bei einer minimalen Anstrengung prinzipiell von jedem Interessierten gelesen werden können. Daher habe ich auf wissenschaftliche Gepflogenheiten wie das ständige Aufführen von Zitaten weitgehend verzichtet – was im Übrigen nicht schwer war, da es über den Amoklauf noch keine größeren Studienberge gibt. Außerdem habe ich meine Ausführungen so knapp gehalten, wie mir das möglich war, und den Lesern und mir um der Prägnanz der Thesen willen ausufernde Anmerkungen erspart.
Das erste Kapitel führt in das Thema »Amoklauf« und in seine heutige Variante, das geplante Massaker, ein. Das Phänomen selbst und seine Varianten werden betrachtet und die unterschiedlichen Ebenen, die darin wirksam sind, werden nachvollziehbar gemacht. Das zweite Kapitel bestimmt den Amoklauf als eine Erkrankung, die versuchsweise individuell erklärt werden kann und zeigt auf, dass die aktuellen Erklärungsmodelle in keiner Weise genügen. Kapitel drei bestimmt die im Amoklauf wirkenden Faktoren anhand einer Matrix der Gewalt. Im anschließenden Kapitel unternehmen wir den Versuch, aus den gewonnenen Erkenntnissen eine vorläufige Typologie des modernen Amokläufers zu entwickeln. Wir vergleichen moderne Amokläufer mit Selbstmordattentätern, untersuchen ihren verengten seelischen Innenraum und die spezielle Form von Hass, die in ihnen wirkt.
Mit diesem Rüstzeug versehen, erläutern Kapitel fünf, sechs und sieben die gesellschaftliche Bedingtheit des Amoklaufs. Die strukturellen Faktoren, die den Amoklauf begünstigen, werden in Kapitel fünf offengelegt. Wir erkennen den Bezug zwischen wirtschaftlicher Leitkultur und gestörtem Einzeltäter. Darauf betrachten wir im sechsten Kapitel die Rolle des kulturellen Unbewussten und seiner Bilder u.a. mithilfe des Western-Films, der ja wie ein Logo über der Präsidentschaft George W. Bushs hing und der die wirksame Selbststilisierung der Täter als einsame Rächer zusätzliche Unterstützung verschaffte. Das siebte Kapitel weitet dann wieder den Blick und analysiert die schillernde Rolle der Medien, vor allem die des Films und der Computerspiele.
Nach diesen Analysen widmen sich die Kapitel acht bis zehn den möglichen zu treffenden Maßnahmen. Dabei nimmt jedes Kapitel auf einen speziellen Wirkungskreis Bezug. Das achte Kapitel entwirft Wege und Chancen der Kommunikation und Intervention, auf denen Trainings für Lehrer und sozialberuflich Tätige aufbauen. Die hier entwickelten Ideen fußen zu einem großen Teil auf Workshops, die ich zum Thema »Kommunikation und Aggression« gegeben habe, sowie auf neu entwickelten kommunikativen Strategien, die auf Prinzipien der sozialen Inszenierung gründen. Nach diesen individuell ausgerichteten Einflussmöglichkeiten zeigt Kapitel neun Notwehrstrategien und Möglichkeiten der institutionellen Prophylaxe auf, steckt also den Rahmen weiter. Im Schlusskapitel wird dann abermals eine Blickerweiterung vorgenommen und wir betrachten die Maßnahmen, die auf gesellschaftlicher Ebene zur Überwindung des Phänomens »Amoklauf« notwendig sind.
Ich werde im Buch keinen der Mörder, die seinen Anlass bilden, namentlich nennen. Dies hat seinen Grund darin, dass mir die öffentliche Aufmerksamkeit für die Täter bereits empfindlich übersteigert zu sein scheint. Auch können individualpsychologische Studien, wie sich im Verlauf des Buchs zeigen wird, viel zu wenig von dem erhellen, was den modernen Amoklauf kennzeichnet. Daher werden, wo überhaupt auf Einzelne verwiesen wird, versachlichende Formulierungen wie »die Mörder von Columbine« Verwendung finden. Auch wird immer wieder betont werden, dass die Einzeltäterschaft der meisten Amokmörder nur vordergründig ist und wir auf einen Irrweg geraten, wenn wir annehmen, dass es sich mit ihnen bloß um ein paar versprengte Verrückte handelt. Vielmehr stoßen wir mit zunehmendem Weiterschreiten in unserer Analyse auf gesellschaftliche Faktoren, die den Amokläufer leiten, ohne dass er sich selbst darüber im Klaren ist. Wenn unsere Gesellschaft sich aber hinsichtlich dieser Faktoren nicht verändert, dann werden die Krankheitssymptome dieser Gesellschaft, zu denen der Amoklauf gehört, auch nicht verschwinden.
 
Georg Milzner
Edinburgh, im Sommer 2010

I.
Herkunft und Entwicklung des Amoklaufs

1. Ein Schrei des Krieges

Es beginnt mit den Namen: Littletown und Emsdetten, Dunblane, Erfurt, Binghanton und Winnenden sind Synonyme für einen neuen Schrecken unserer Kultur: den Amoklauf. Diese einerseits archaische und andererseits hochmoderne Variante von Gewalt beginnt zusammen mit dem Terrorismus unser Bild von Bedrohung zu prägen, ja, für viele ist sie gegenwärtig wohl die Bedrohung schlechthin, denn sie liegt näher als die immer etwas abstrakt anmutenden Szenarien der Kriege und der Seuchen, die sich anderswo ereignen.
Es hat gute Gründe, dass wir die Orte des Geschehens erinnern, die Namen der Täter aber nicht. Denn Amokläufe erzeugen in uns einen Schrecken, wie das sonst Großbrände oder einstürzende Gebäude tun, unter denen Verschüttete sterben. Der Eindruck ist eher der einer Katastrophe als der eines gewöhnlichen Verbrechens. Meist ist die Zahl der Opfer noch nicht klar, wenn die Berichterstattung bereits beginnt. Und übrig bleibt immer die Frage: Wie konnte das passieren?
Es handelt sich bei dem, was heute als Amoklauf bezeichnet wird, eigentlich keineswegs um echte Amokläufe, sondern um geplante Massaker. Denn wenn wir davon ausgehen, dass ein Amoklauf mit einem spontanen Ausbruch von Zorn und Zerstörungsbereitschaft zu tun hat, dann passen zum Beispiel die Notizen des Mörders von Emsdetten nicht ins Bild, aus denen die umsichtige Planung hervorgeht, mit der er vorgegangen ist. Dennoch hat sich der Begriff »Amoklauf« für eine Massentötung mit anschließendem gewaltsamem Ende eingebürgert und wird sowohl von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), als auch in den geltenden psychiatrischen Glossaren DSM-IV und ICD-10 verwendet. Wie es aber mit psychiatrischen Glossaren zu gehen pflegt – die Zuordnung hilft nicht wirklich weiter, wenn wir nicht den Blick dehnen und historische, kulturelle und individualpsychologische Daten hinzunehmen.
Der Amoklauf ist ursprünglich ein kulturelles Phänomen. In Malaysia angesiedelt, heißt er eigentlich »Amuk«. Jemand, der »Amuk« läuft, hat etwas erfahren, was wir wohl als eine narzisstische Kränkung beschreiben würden. Infolgedessen bricht seine Selbstkontrolle zusammen und er beginnt einen blindwütigen Lauf des Tötens und der Zerstörung. Am Ende dieses Laufs steht allerdings, anders als in unserer modernen Version, keine Selbsttötung. Vielmehr wird der Amuk-Laufende üblicherweise umgebracht.
Es ist für unsere Untersuchung wichtig zu wissen, dass das »Amuk«-Laufen sich aus kriegerischen Handlungen entwickelt und sich von diesen allerdings gelöst hat. »Amuk!« ist ursprünglich so etwas wie ein Schlachtruf, der Kriegshandlungen beginnt. »Amuk« bedeutet in etwa »rasen«. »Amuk« zu rufen ist also eine Aufforderung zur Raserei, zum Wüten, zur blinden Aggression. Wenn nun dieser Ausdruck aus dem Kriegsbereich herausgelöst und in das normale Zusammenleben hineingetragen wird, dann heißt dies, Kriegerisches findet da statt, wo üblicherweise keine Kriege geführt werden. Wer »Amuk« läuft, ist ein Krieger, der nicht mehr für sein Volk und seine Gemeinschaft kämpft. Sondern gegen sie.

2. Seit wann?

Auch in unseren Breiten ist der Amoklauf nicht neu – aber er hat sich verändert. Eine genaue zeitliche Zuordnung des Beginns moderner Amokläufe fällt daher schwer. Üblicherweise wird die Zeitrechnung des Amoklaufs in eine Zeit vor 1999 und eine Zeit nach 1999 aufgespaltet. 1999, das war das Jahr des Amoklaufs an der Columbine-Schule in Littleton, der als Prototyp moderner Schulmassaker eine seltsam irritierende Position innehat. Dabei wird freilich vergessen, dass mit Columbine keineswegs etwas begann. Vielmehr waren in den zwei Jahren zuvor, 1997 und 1998, in den Vereinigten Staaten in sechs Amokläufen insgesamt 65 Menschen zu Tode gekommen oder verletzt worden. Wieso also Columbine? Was begann hier, oder besser, was wurde anders?
Zwei Dinge sind es, die uns hier beschäftigen müssen. Zum einen: die Inszenierung des Massakers. Denn die Täter von Columbine gingen ihren grausamen Auftritt mit einer stylishness an, so als würden sie dabei gefilmt. Die langen schwarzen Mäntel, die sie trugen, hatten sie dabei jenem angelehnt, den Leonardo DiCaprio in einer Traumsequenz in dem Film »The basketball diaries« trägt, in der er sich anschickt, seine Schulkameraden und den verhassten Priester niederzuschießen. Besondere Bedeutung kommt auch dem Datum bei: Der 20. April ist Hitlers Geburtstag.
Zum anderen ist da der finale Suizid. Denn indem sie sich selbst töteten, machten die Mörder von Columbine etwas anders als ihre Vortäter, die zumeist in psychiatrische Anstalten oder in Gefängnisse wanderten. Kaum jemand weiß heute, dass zwei der Massenmörder von 1998 damals noch unters Jugendstrafrecht fielen und deswegen heute auf freiem Fuß leben. Und es ist gänzlich aus dem modernen Bewusstsein verschwunden, dass der Selbstmord ursprünglich keineswegs ein Merkmal von Schulmassakern ist. Zu diesem Merkmal wurde er erst mit Columbine.

3. Vom Einzelfall zum Schrecken der Gesellschaft

Der früheste bekannte Amoklauf in der deutschen Geschichte ist der des Hauptlehrers Ernst Wagner, dessen Schicksal und Verbrechen der Tübinger Psychiater Gaupp einst aufzeichnete. Diese Geschichte ist einer jener Beispielfälle der Psychopathologie, die als Vorlesungsstoff durch die Jahrzehnte gehen – so lange, bis neue Phänomene die alten in den Schatten stellen.
Bei dem Hauptlehrer Wagner handelte es sich um einen Mann, der sonst nicht weiter aufgefallen war. Als er im Jahr 1913 zunächst seine Familie und dann zwölf weitere Menschen tötete, da stellte er einen bizarren Einzelfall dar. Das Bizarre lag nicht allein im Umfang seiner grausamen Tat – vier Kinder, die Ehefrau und jene zwölf Weiteren -, sondern auch in der Vorgehensweise, denn die zwölf starben, als sie vor Feuern flohen, die der Hauptlehrer in Vaihingen und umliegenden Ortschaften gelegt hatte. Und endlich war der Hintergrund der Tat einigermaßen bizarr. Wagner glaubte nämlich, dass man über ihn verbreite, er sei im Stall mit Tieren intim gewesen. Zutiefst in seiner Ehre gekränkt, griff er zu dem Mittel, das ihm als einziger Ausweg erschienen sein muss. Und wurde zum Amokläufer.
Der Hauptlehrer Wagner stellt auch dadurch einen Einzelfall dar, dass wir seinen Namen erinnern. Denn wie schon gesagt, erinnern wir heute die Namen der Täter nicht oder nur kaum, wohl aber die der Orte. Eine etwas unheimliche Spur führt dabei aber doch von damals in unsere Tage, denn der Hauptlehrer Wagner verstarb in Winnenden; also dort, wo sich einer der größten Amokläufe der letzten Jahre ereignete. Spuren wie diese betonen das Provinzielle, einen Faktor, auf den nur selten hingewiesen wird, obgleich er vielleicht wesentlich ist.
Großstädte sind tatsächlich kein Amok-Schauplatz, es sind vielmehr die mittleren und kleinen Städte, die von modernen Amokläufen betroffen sind. Vielleicht ist dies der Grund, aus dem sich die Namen so sehr einprägen, denn üblicherweise verbindet man mit den betreffenden Orten nichts, außer eben dem Massaker (Erfurt war die Ausnahme). Und dann wird durch das Kleine, das anscheinend Behütete der Schauplätze auch der Eindruck erhöht, Amokläufe könnten sich jetzt und gleich hier ereignen und brächen gewissermaßen ins Allerbürgerlichste ein, während doch für gewöhnlich die Krisengebiete klar erkennbar und vor allem anderswo sind.
Tatsächlich macht der potenzielle Amoklauf aus jeder Idylle ein Krisengebiet. Der Ort des nächsten Amoklaufs kann die benachbarte Schule oder das örtliche Arbeitsamt sein. Schulen, die von Amokläufern heimgesucht werden, stehen gegenwärtig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, doch sind auch Ämter und Wohnheime, Krankenhäuser und Kindertagesstätten schon betroffen gewesen. Allerdings mag der Umstand, dass Ernst Wagner Lehrer war, heute wie ein Omen erscheinen, das bereits auf die Schulmassaker verweist, mit denen wir es nun zu tun haben.
Vielleicht ist es angesichts dieser Tatsache wichtig zu erkennen, dass andere, weniger spektakuläre Störungsbilder den Schulalltag bereits seit Jahren prägen. So ist die Anzahl der Kinder, die unter Kopfschmerz leiden, in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Kopfschmerz ist bei Kindern eigentlich immer ein seltenes Phänomen gewesen, der typische Kinderschmerz ist der Bauchschmerz. Doch dies hat sich gewandelt. Besonders nach dem Wechsel auf die höhere Schule leidet ein ansehnlicher Prozentsatz von Kindern zeitweise unter Kopfschmerzen, von denen sich wiederum ein nicht unwesentlicher Anteil chronifiziert. Werden hier Druckmechanismen wirksam, die gewissermaßen under cover das Leben von Schülerinnen und Schülern längst mehr prägen, als dies offiziell wird? Oder äußert sich jene Erwartungsangst, die bei Eltern so häufig anzutreffen ist und den oft hektischen Apparat der Frühförderung prägt – Wird mein Kind es schaffen? Kommt mein Kind da noch mit? – hier in den Symptomen der Kinder?
Gleichviel. Ein Ort der lauschigen Selbstentwicklung ist die Schule ganz sicher nicht. Auch wenn sie liberal geführt, freundlich, ja herzlich ist vonseiten des Direktoriums und der Lehrerschaft, so kommt sie doch aus ihrer Rolle nur schwer heraus, und diese Rolle ist mit der Gesellschaft, in der wir leben, untrennbar verknüpft. Dabei ist ganz selbstverständlich, dass gesellschaftliche Wandlungen sich ebenso wie kulturelle Ängste in ihr spiegeln. Und wie wir noch sehen werden, spiegeln sich diese gleichermaßen im modernen Amoklauf.
Die Analyse des Psychiater Gaupp, der den bizarren Einzelfall in seinen Verästelungen analytisch aufzeichnete, verhinderte seinerzeit, dass der Hauptlehrer Ernst Wagner der Todesstrafe verfiel. Doch wurde dies dadurch möglich, dass es sich eben um einen bizarren Einzelfall handelte. Heute scheint es, als hätten wir unterschwellig begriffen, dass die Einzelfallanalyse uns im Fall des Amoklaufs nicht mehr voranbringt. Vielmehr wird an Computerprogrammen gefeilt, die Täterprofile in Gefahrenprofile überführen und dabei helfen sollen, im Vorfeld potenzielle Amokläufer auszumachen. Dies wird gewiss hilfreich sein. Aber reichen wird es nicht.
Denn alles profiling gibt uns keine Handhabe, den Täter zu begreifen. Und ohne zu begreifen, was in ihm wirkt, werden wir kaum Möglichkeiten haben, ihn zu hindern – auch wenn wir die Risikogruppe ermitteln können, der er vielleicht angehört. Was aber wirkt im Täter, und warum hilft die Einzelfallanalyse kaum weiter? Und was haben heutige klinische Zugänge uns mitzueilen; welche Thesen über das, was im Amokläufer wirkt, können sie uns bieten?

4. Abgrenzungsversuche

Bevor wir uns eingehender mit den klinischen Diagnosen beschäftigen, die auf Amokläufer angewandt werden, werfen wir einen Blick in die Kriminologie und betrachten, wie man Amokläufe dort zuordnet. Die kriminologischen Untersuchungen trennen zwischen verschiedenen Typen von Amokläufen und unterscheiden etwa die »school shootings« von der »workplace violence«, wobei beide gemeinsam haben, dass sie sich an Orten ereignen, die der Täter sehr gut kennt und auf die er seinen Hass und seine Zerstörungswut richtet. Daneben gibt es die Variante des Amoklaufs, bei der der Täter scheinbar wahllos tötet – doch erwies sich in jüngster Zeit, dass die scheinbare Wahllosigkeit nur bedingt wahllos ist, denn rein statistisch betrachtet liegt zum Beispiel die Zahl getöteter Frauen deutlich über der der getöteten Männer. Dies wird uns später in unseren Mutmaßungen über die Rolle des Sexuellen im Amokschützen noch einmal beschäftigen. Endlich wird vor allem in amerikanischen Studien der Begriff »rampage« verwendet, wobei die Absicht des Täters diesen Studien zufolge darin liegt, in kurzer Zeit möglichst viele Menschen zu töten. Der Begriff soll vom Massenmord unterscheiden, bei dem man davon ausgeht, er könne sich auch über einen längeren Zeitraum erstrecken.
Auf den ersten Blick erscheint es durchaus sinnvoll, Kriterien für unterschiedliche Formen des Amoklaufs zu bilden. Doch bei näherem Hinsehen erweist sich dies als wenig hilfreich. Unscharf und damit irreführend ist zum Beispiel die Unterscheidung von »school shootings« und anderen Amokläufen. Denn wo ordnen wir hier zum Beispiel die Universitäts- und Highschool-Massaker zu – die 32 Morde in Blackburg/Virginia 2007 etwa oder den Amoklauf an der Hochschule von Illinois 2008, der sich während einer Vorlesung ereignete? Es mag zwar ein Bedürfnis vorliegen, dem Schrecken moderner Schulmorde einen eigenen Namen zu geben, um seine Neuheit zu spiegeln, doch ein praktischer Nutzen entsteht hierdurch nicht. Eher noch wächst die Verwirrung.
Auch der Versuch, moderne Amokläufer als unauffällige Jugendliche zu bestimmen, schlägt fehl. Im Fall der Schulmorde liegt es natürlich nahe, hier von jungen Tätern auszugehen – so lange jedenfalls, bis kein Lehrer zum Täter wird. Dass Amokläufer aber im Allgemeinen tendenziell jung und durchschnittlich sowie in Sachen Gewalt unauffällig wären, trifft nicht zu. Die Morde von Schwalmtal etwa gehen auf das Konto eines in Gewaltdingen schon vorher auffällig gewordenen 71-Jährigen, der dem Vernehmen nach auch in der eigenen Familie als gewaltbereit bekannt war.
Klarer wird das Bild schon da, wo wir die geschlechtliche Zuordnung betrachten. In den Vereinigten Staaten sind bei einer Vielzahl moderner Amokläufe nur vier auf das Konto von Mädchen und Frauen zu verbuchen, während in Deutschland die versuchten Morde von St. Augustin das erste Mal waren, dass eine Schülerin als potenzielle Täterin in Erscheinung trat. Eindeutiger wird es bei den Opfern. Weibliche Opfer sind deutlich in der Überzahl, manchmal bilden sie das primäre Ziel. Beispiele für Taten, bei denen weibliche Opfer die bevorzugten waren, sind die Morde von Bridgeville im August 2009 (fünf Tote, alle gehörten einem Tanzkurs ausschließlich für Frauen an) sowie der Angriff auf eine Amish-Schule in Pennsylvania 2006, bei der fünf Mädchen den Tod fanden. Wie dies zu bewerten ist, lassen wir vorerst noch offen und kommen später im Zusammenhang mit den Fragen nach einer gestörten Sexualität und nach dem Grundmotiv der Feigheit auf diesen Punkt zurück.

5. Der kulturelle Spiegel

Serienkiller, Kinderschänder – der Amokläufer steht nicht allein da. Als eine Facette der Angsterzeugung, als eine Spielart aktuell wirkender, die öffentliche Diskussion bestimmender Grausamkeit gehört er in die Reihe derer, die kulturell Angst erzeugen: Eine Funktion, die für das Selbstverständnis des möglichen Täters bereits wesentlich sein dürfte. Denn da der Amoklauf längst mehr ist als ein Einzelphänomen, vielmehr eine Kette von Ereignissen, so ist seine Analyse nicht mehr individuell zu machen. Vielmehr müssen wir wohl oder übel akzeptieren, dass der Amoklauf eine Erkrankung unserer Kultur darstellt, deren Symptomatik lediglich an einzelnen Personen offen zutage tritt.
Erstaunlich ist, wie eng das Thema gegenwärtig diskutiert wird. Zum Beispiel wird die Frage nach der Rolle von Computerspielen gegenwärtig sehr schnell gestellt, die nach dem Einfluss von Psychopharmaka aber kaum. Dabei spricht einiges dafür, dass diese zumindest keinen kleinen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft der Täter haben. Auch haben wir möglicherweise gar nicht mehr Amokläufe als früher – doch erscheinen sie uns schrecklicher und näher liegend. Die falsche Einschätzung der Häufigkeit im Vergleich zu früheren Jahren teilt der Amoklauf dann am Ende mit dem Schrecken aller Eltern, dem Kindsmissbrauch und der Ermordung missbrauchter Kinder. Hier sprechen die Zahlen eine klare Sprache, es gibt davon gegenwärtig nicht mehr als früher, eher sogar etwas weniger.
Inwieweit heute tatsächlich mehr Amokläufe stattfinden, als dies früher der Fall war, kann nicht klar belegt werden. Denn die Definitionen über das, was ein Amoklauf ist, haben sich mehrfach verändert. Gilt für Amokläufe vor den späten 90er-Jahren noch die Definition des »echten« Amok, der sich spontan ereignet, so ist der »moderne Amoklauf« (ich will ihn im Folgenden so nennen) durch vermehrte und mitunter akribische Planung gekennzeichnet. Was diesen, den modernen Amoklauf angeht, so sind die Befunde allerdings schon klarer, geplante Massaker sind eine eher zeitgenössische Erscheinung, und insbesondere die school shootings sind es ganz und gar. Auch ist die Verwendung von Schusswaffen in den letzten Jahren offenbar häufiger geworden, was mit dem Planungsphänomen zusammen hängt, denn ein spontaner Amoklauf, bei dem sich der Täter des Brotmessers oder seines Autos bedient, wirft nicht die Frage auf, wie und woher die Waffe denn zu besorgen sei, der Täter nimmt einfach das Nächstliegende, was bei der Hand ist. Anders beim geplanten Massaker, dem durchgespielte Szenarien, Variationen der Beschaffung und – wie wir noch finden werden – Training vorausgehen.
Ein noch unzureichend betrachteter Umstand ist der, dass einige der markantesten Amokläufe in den Vereinigten Staaten und in Deutschland sich in der Zeit ereigneten, in der George W. Bush seinen Kreuzzug gegen die »Achse des Bösen« begonnen hatte. Und wenn ich auch weit davon entfernt bin, den Ex-Präsidenten hier als Killervorbild zu zeichnen – was auch unsinnig wäre, denn es gab in den Vereinigten Staaten bereits zuvor schon spektakuläre Amokläufe; das Massaker von Littleton zum Beispiel war 1999, zwei Jahre, ehe die Ära von Bush jr. begann -, so will ich doch die These in den Raum stellen, das mit diesem Kreuzzug – den Bush ja, wie oft vermerkt wurde, als »einsamer Cowboy« antrat – ein geistiges Klima entstand, das dem weiteren Wachstum der Fantasien von Einzeltätern Vorschub leisten konnte. Denn wovon soll ein geistiges Klima mehr geprägt werden als von den führenden Repräsentanten einer Kultur? Ihr Selbstbild und ihr Handeln gehen als Faktoren in das ein, was wir hier als geistige Linie des modernen Amoklaufs erkennen – eine Linie, auf der die einzelnen Punkte in ihrem Zusammenwirken das bilden, was später auf die Massaker verweist. Keiner dieser Punkte hätte allein diese Wirkung, doch in der Gesamtheit ist die Wirkung eine bahnende.
Man kann wohl sagen, dass, wenn der Amoklauf als Phänomen so etwas wie ein Erdbeben für unsere Kultur darstellt, die Regierungszeit George W. Bushs das Epizentrum dieses Bebens war. Was den unbewussten Hintergrund dieses gesellschaftlichen Bebens angeht, so werden wir in unseren späteren Analysen noch finden, dass Bush diesen nicht begründete oder mitbegründete, sondern vielmehr selbst davon motiviert wurde – womit er allerdings Tätern und potenziellen Tätern eine Bestätigung ihres inneren Bildes vom einsamen Westmann gab, der bewaffnet zur Rache schreitet. Auch werden wir darin feststellen, dass es nicht die Person des einsamen Rächers allein ist, die das Problem darstellt, sondern ihre besondere Aufladung.