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TÖDLICHER AUFTRAG

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Joe Haldeman

TÖDLICHER AUFTRAG

AUS DEM ENGLISCHEN VON MICHAEL K. IWOLEIT

Titel der englischen Originalausgabe:
WORK DONE FOR HIRE

Deutsche Erstausgabe

2. überarbeitete Auflage
Veröffentlicht durch den MANTIKORE-VERLAG
NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2014
www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text © Joe Haldeman 2013

Titelbild: Helge Balzer
Deutschsprachige Übersetzung: Michael K. Iwoleit
Lektorat: Niels Breidenstein
Satz: Matthias Lück
Bildbearbeitung: Thomas Michalski

ISBN: 978-3-939212-89-8

Inhalt

Sand in der Kiste

Kapitel 1.

Erstes Kapitel

Kapitel 2.

Zweites Kapitel

Kapitel 3.

Drittes Kapitel

Kapitel 4.

Viertes Kapitel

Katze in der Kiste

Kapitel 5.

Fünftes Kapitel

Kapitel 6.

Sechstes Kapitel

Kapitel 7.

Siebtes Kapitel

Kapitel 8.

Achtes Kapitel

Kapitel 9.

Neuntes Kapitel

Kapitel 10.

Gewehr im Karton

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Mann in der Kiste

Springteufel im Kofferraum

Zehntes Kapitel

Fahrräder in einer Kiste

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Elftes Kapitel

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Zwölftes Kapitel

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Dreizehntes Kapitel

Epilog

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Epilog

Sand in der Kiste

1.

Heute Morgen hat mich ein Freund angerufen und gefragt, ob ich zum Schießen mitkommen könnte, und ich sagte nein, könne ich nicht. Ich habe mich mit der Arbeit rausgeredet, aber Tatsache ist, ich konnte wirklich nicht.

Ich war ein Scharfschütze in der Wüste, in diesem Krieg, den offenbar niemand beenden kann. Ich habe mich nicht freiwillig dafür gemeldet, anfangs jedenfalls nicht, aber ich war nicht schlau genug, um in der Grundausbildung die Ziele zu verfehlen. Und ein Job als Scharfschütze hörte sich cool an, also habe ich mich zur Ausbildung verpflichtet, als sie mir angeboten wurde.

Ich zählte an allen Fingern zurück, es war jetzt neun Jahre her. Manchmal kam es mir so vor, als sei es gestern gewesen, buchstäblich. Ich wache auf, liege in körnigem Dreck, rieche Scheiße und spüre die glitschige Kälte des verdammten Plastikanzugs. Jedenfalls ist es so lang kalt, bis die Sonne aufgeht und einen umzubringen versucht. Das hört sich zu dramatisch an, aber ich lasse es mal so stehen. Die Sonne backt dich und grillt dich und nimmt Dir die Orientierung, sie macht dich zudem zu einem leichten Ziel. Die anderen haben auch Gewehre. Wenn auch nicht so viele Scharfschützen.

In sechzehn Monaten habe ich vielleicht zwanzig Leute umgebracht, sechzehn davon bestätigt. Was für ein Arsch muss das sein, der eine Liste führt? Außerdem kann man es gar nicht so genau sagen. Der Rückstoß unterbricht gewöhnlich den Sichtkontakt, und wenn der Sucher auf maximale Vergrößerung gestellt ist, dauert es ein paar Sekunden, bis man das Ziel wieder im Blick hat. „Guter Schuss“, sagt einem der Schussbeobachter, aber was soll er auch sonst sagen? Man schießt meist auf jemanden, der aus einem Fenster guckt oder um eine Mauerecke lugt, und wenn demjenigen anderthalb Unzen Blei mit Schallgeschwindigkeit um die Ohren fliegen, lässt er sich instinktiv fallen und steht sicher nicht gleich wieder auf um zu signalisieren: „Daneben!“ Deshalb weiß ich nicht, ob ich sechzehn Mal oder dreißig oder vierzig Mal in der Hölle schmoren werde oder ob man mich vielleicht nur deshalb ins Höllenfeuer werfen wird, weil ich zu blöd war, die dämlichen Ziele in der Grundausbildung zu verfehlen. Ich nehme an, ich werde da landen, wo die Leute sind, die ich umgebracht habe. Aber ich rechne nicht wirklich damit, ihnen über den Weg zu laufen.

In den ganzen sechzehn Monaten hatte ich eine Freundin, und sie schickte mir jeden Nachmittag – zu ihrer Zeit morgens – eine E-Mail, und ich schrieb zurück, wann immer ich in der Nähe eines Hotspots war. Wir wollten sogar heiraten.

Aber ich weiß, dass ich im persönlichen Umgang nicht so nett bin, wie an der Tastatur. Das passiert dauernd.

Sie hat es noch drei oder vier Monate mit mir ausgehalten, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ich glaube, die Hälfte der Zeit hat sie mich noch geliebt. Aber wie lang kann man jemanden lieben, der in Kneipen geht, nur um Leute zusammenzuschlagen? Um sich zu besaufen, bis er Streit anfängt. Und dann weint, wenn er sich einen Film anschaut. Man kann um Bambi oder Maryl Streep weinen, aber wenn jemand bei einem Zombie-Film weint, spricht einiges dafür, dass er eine Schraube locker hat.

Aber ich will‘s mal nicht übertreiben. So schlecht hat es mich nicht erwischt, von ein paar Verwundungen abgesehen. Die Kugel, die mir den linken kleinen Finger abgerissen hat, zerschmetterte mir auch eine Rippe und ist von dort in den linken Lungenflügel abgeprallt, was mir immerhin sechs Wochen in Bethesda und eine frühzeitige, ehrenhafte Entlassung eingebracht hat. Eine achtzigprozentige Behinderung brachte genug ein, um die Miete, Lebensmittel und einen Teil des Biers zu bezahlen.

Das restliche Bier habe ich ein paar Jahre lang mit der GI Bill bezahlt, während ich das College beendete und mühelos meinen Masterabschluss machte. Als diese Quelle versiegte, habe ich alles Mögliche gemacht, Gelegenheitsjobs, wie Tippen oder Telefondienst. Aber ich ließ mir nicht mehr gern etwas befehlen und neigte dazu, laut zu werden. Deshalb hatte ich viele Jobs, keinen davon allzu lang.

Ich habe immer schon Gedichte geschrieben, nicht unbedingt der schnelle Weg zu Ruhm und Reichtum, und habe angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, als ich im Krankenhaus lag. Ich habe sogar eine Story für 150$ verkauft, bevor ich aus der Reha entlassen wurde. Daher war es schließlich naheliegend, meinen Lebensunterhalb mit dem Schreiben zu bestreiten. Wie weit kann der Weg schon sein von Ellery Queen‘s Mystery Magazine bis auf die Bestseller-Listen?

Ich weiß es immer noch nicht, und ich bin schon seit neun Jahren dabei.

Ich habe sogar einen Roman geschrieben, der so gut wie die meisten Erstlingsromane lief. Soll heißen, meine Mutter kaufte zehn Exemplare sowie ein paar tausend andere Leute, die mich vermutlich für einen Verwandten hielten. Es gab zwei, drei positive Rezensionen und ein paar Verrisse, nicht zuletzt einen in der Times. Es gefiel mir nicht, dass ich wahrscheinlich nur deshalb an die Graduiertenschule gekommen bin, weil ich in der Times rezensiert wurde. Der Rezensent verabscheute das Buch, hielt es aber offenbar für wichtig genug, um potentielle Leser davor zu warnen.

Ich nahm an, dass jeder Schriftsteller, der Soldat gewesen ist, seinen eigenen Kriegsroman schreiben musste. Ich konnte es mittlerweile selbst nicht mehr ertragen, das verdammte Ding zu lesen. Obwohl mir auch nicht wohl bei dem Gedanken war, dass die Times vielleicht Recht hatte.

Zweite Romane waren schwer zu verkaufen, besonders, wenn man für den ersten keine begeisterten Klappentexte vorweisen konnte. „Unreif“, rief die New York Times. „Ein akzeptables Gesellenstück“, brummelte Publisher‘s Weekly. Die Zeitung meiner Heimatstadt nannte das Buch „lesenswert“, allerdings war ich mit dem Rezensenten auf der Highschool. Und so hat mein zweiter Roman bei einigen der besten Adressen in New York vorgesprochen, aber laut meiner Agentin durfte er nicht bleiben.

Barb Goldman, die Agentin, hatte sich wahrscheinlich deshalb meiner angenommen, weil sie auch eine Veteranin war. Sie war doppelt so alt wie ich und hatte am Hundert-Stunden-Krieg teilgenommen, mit dem die ganze Sache angefangen hat. Vor dem 11. September und Gehenna. Wenn ich in New York war, betranken wir uns zusammen und erinnerten uns an die Wüste. Und an alte Unteroffiziere, von denen wir aufrichtig hofften, dass sie inzwischen tot waren.

Wenn ich mit ihr einen trinken ging, verspürte ich nie den absurden Drang, mich zu prügeln. Vielleicht weil sie älter als meine Mutter war und es ihr sterbenspeinlich gewesen wäre. Vielleicht auch weil die Bars, die wir besuchten, etwas angenehmer waren als die, die ich in Florida frequentiere. Wenn ich mich im Four Seasons prügelte, verletzte ich vielleicht jemanden, der mein Buch kaufen konnte.

Sie rief mich also an und fragte, ob ich gern etwas leicht verdientes Geld mit einer Auftragsarbeit machen würde und natürlich sagte ich: „Was glaubst du, wer ich bin?“ Sie wusste genau, wer ich war, und sagte, ich könnte 50.000 Kröten mit einer Art „Romanfassung“ eines Films von Ron Duquest machen. Ich sagte, es höre sich nach einer spaßigen Art an, die nächsten 2.000 Kästen Bier zu bezahlen, und sie sagte prima, sie habe nämlich bereits zugesagt. Sie wusste, dass ich Fantasy und Horror mochte, und es sollte ein Horror-Film werden.

Und das war noch nicht alles, noch lange nicht. Duquest hatte sich ausdrücklich nach mir erkundigt. Sie zeigte mir die Notiz, die der Anfrage beigelegen hatte:

ronald duquest
hollywood
wenn Sie dies bekommen, kennen Sie meine Nummer

Mir hat High Kill Ihres Klienten Jack Daley wirklich gut gefallen. Ein gutes, natürliches Talent zum Geschichtenerzählen. Könnte er vielleicht ein kurzes Buch für mich schreiben? Wir haben eine Idee, die genau seine Kragenweite sein könnte – ein Science-Fiction-Monster und ein heimgekehrter Veteran. Ich kann ein bisschen vorschießen: Zehn Riesen für das Buch, und er kann alle Buchrechte behalten. Wir schicken einen weiteren Vertrag, wenn wir aus dem Buch einen Film machen wollen: mindestens 50.000$ für eine Option von 18 Monaten Laufzeit, und 500.000$, falls der Film gemacht wird. Soll heißen, „mit Beginn der Dreharbeiten“. Ich will nicht groß feilschen und habe den Scheck schon hier, falls er‘s machen will.

(Unterschrift) Duke D.

Ich wusste nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Aber ich hatte einige Spielfilme von Ron Duquest gesehen, und ich mochte seine leichte Hand. Ich fragte meine Agentin, was er mit einem „kurzen Buch“ meinte, und sie sagte, es handele sich um eine Novelle, zwischen einhundert und zweihundert Druckseiten.

Also ungefähr das Gegenteil von dem, was ich normalerweise als „Romanfassung“ ansah, die auf einem vorliegenden Drehbuch beruht, das zum Roman ausgesponnen wird. Aber auf diese Weise war es vielleicht sogar einfacher. Ich konnte hundert Seiten annehmbarer Prosa wahrscheinlich in ein paar Wochen schreiben. Und würde damit doppelt so viel verdienen wie mit meinem letzten Roman.

Es war insofern eine „Auftragsarbeit“, als Duquest das Urheberrecht erhalten würde. Aber weil ich die Buchrechte erhielt, konnte ich ein kleines Vermögen machen, falls der Film in die Kinos kam, also was sollte es.

Sie schickte mir den zweiseitigen Entwurf rüber. Eine ziemlich gute Story: Die Hauptfigur war in meinem Alter und hatte im selben Krieg gekämpft. Er war Anwalt und Privatdetektiv, aber erfolglos. Das gefiel mir bei einem Anwalt.

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Ich schrieb den ganzen Morgen nicht. Ich hatte noch nie etwas in der Art gemacht, rein kommerzielles Zeug, aber ich hatte an der Graduiertenschule einen Kurs in Drehbuchschreiben belegt, und das hier war quasi das Gegenteil. Also dachte ich mir, dass ich zuerst eine Skizze anfertigen und den geplanten Film in Akte und Szenen zerlegen sollte, die ich wieder zu einer Erzählung in Buchform zusammensetzen könnte.

Während ich damit beschäftigt war klingelte das Telefon und am Apparat war meine aktuelle Bettgefährtin Kit Majors, die sich erkundigte, ob ich unsere Verabredung zum Mittagessen vergessen hatte. Ich sagte ihr, ich sei schon auf dem Weg zur Tür, was kurz darauf auch wirklich zutraf.

Ich sollte mir wirklich Notizen machen. Normalerweise brauchte ich mit dem Fahrrad zehn Minuten bis zu dem irischen Restaurant, aber diesmal schaffte ich es in fünf und schwitzte nur ein bisschen.

Als ich eintrat, gab sie dem Barkeeper ein Zeichen, und er zapfte mir ein Guinness. Ich wollte uns eigentlich zur Feier des Tages eine schöne Flasche Wein bestellen, aber das konnte warten. Kit bestellte gern, womit ich normalerweise kein Problem hatte.

Wir küssten uns. „Ich habe einen Job.“

„Machst du Witze? Das sollten wir uns rot im Kalender anstreichen.“

„Du wirst mir das vielleicht nicht glauben, aber es ist ein richtiger Job und ich kriege richtiges Geld dafür. Ich werde für fünfzig Riesen eine literarische Prostituierte sein. Und vielleicht ist noch eine halbe Millionen mehr drin.“

„Wow. Kann ich noch mit einsteigen?“ Kit war ebenso Dichterin wie Mathematikerin.

„Es würde dir keinen Spaß machen. Es geht um die Romanfassung eines Horror-Films.“

„Ach, Gott. Leute, die sich solche Filme anschauen, lesen auch Bücher?“

„Von vorn bis hinten. Der Film ist von Ron Duquest.“

„Ist das jemand, den ich kennen sollte?“

„Er hat das Bradbury-Remake gedreht, das dir so gefallen hat, Löwenzahnwein.“

„Das war kein Horror-Film.“

„Hängt davon ab, was einem Angst macht.“ Der Barkeeper brachte das Bier und nahm unsere Bestellung fürs Essen auf, ein Steak für sie und ein gemischter Salat für mich.

„Du fällst noch vom Fleisch.“

„So schnell geht das nicht.“ Ich hatte immer einen, wie man so schön sagt, „starken Knochenbau“, aber ich musste nie auf mein Gewicht achten, bis vor einem Jahr jedenfalls. Ich musste zugeben, dass ich eine Wampe bekam.

„Deine Mutter hat angerufen.“

„Wie, sie hat dich angerufen?“

Sie warf mir einen Blick zu. „Nein, sie hat den Barkeeper angerufen. Ich hab‘s zufällig gehört.“

„Schon gut. Sie ruft mich immer auf dem Handy an. Aber ich schalte es ab, wenn ich arbeite.“

„Sie sagt, du hättest ihr versprochen, die Veranda zu reparieren, sobald es nicht mehr regnet.“

„Oh, Scheiße. Natürlich werde ich die verdammte Veranda reparieren. Ich habe ja im Moment überhaupt nichts zu tun.“

„Ich könnte mitkommen und dir helfen.“

„Es ist nur eine Kleinigkeit. Eine Stufe austauschen und beizen. Aber ja, ich könnte eine Begleitung gebrauchen. Sprich mit Mutter, lenke sie ab.“

„Soll ich ihr von unserem Sexleben erzählen?“

„Nein. Fährst du rüber?“

„Wie, willst du mit dem Fahrrad fahren?“

„Zweihundert Kalorien. Außerdem fährt der Typ in dem Drehbuch auch mit dem Fahrrad. Wir könnten bei Hawkeye‘s vorbeischauen und ein Brett und etwas Beize mitnehmen. Dann überraschen wir die alte Dame.“

„Bezahlst du fürs Mittagessen?“

„Ich bin jetzt eine große Nummer in Hollywood. Wir zahlen immer fürs Mittagessen.“

„Ja, aber dafür kriegst du auch einen geblasen.“

Ich sah sie mit rollenden Augen an. „Alles hat seinen Preis in dieser elenden Welt.“

DAS MONSTER

von

Christian Daley

Erstes Kapitel

Er war so groß, dass die Leute nicht anders konnten, als ihn anzustarren. Wer sein Gewicht schätzen sollte, tippte auf etwa 200 Kilo, aber es waren wohl eher 250. Ein relativ großer Kopf mit einem kleinen, verkniffenen Gesicht in der Mitte. Strähniges langes Haar und keine Augenbrauen. Hässlich wie die Nacht. Wäre er in einer Fernsehshow aufgetreten, hätte er liebenswerte Charakterzüge gezeigt. Im wahren Leben war es ganz anders.

In Wachbüchern der Polizei in vier Staaten wurde er der Jäger genannt. Er war ein Monstrum, bislang nicht gefasst und nie gesehen.

Er versteckte seinen fensterlosen Lieferwagen in einer Sackgaste und schleppte sich einen Hügel zu einem Ort hinauf, den er vorher ausgekundschaftet hatte. Eine Jogging-strecke, der entlang dichtes Gebüsch eine Deckung bot. Dennoch konnte er, wenn er ein paar Schritte nach rechts und links ging, hundert Meter oder mehr in beide Richtungen sehen.

Er konnte anderthalb Kilometer weit hören. Niemand näherte sich.

Er band ein Stück Monofil-Angelschnur an ein Bäumchen und legte es über den Weg. Die Schnur war fast unsichtbar.

Er versteckte sich im Gebüsch und trug eilig militärische Tarnschminke auf sein Gesicht und seine Hände auf, passend zu dem grünen Tarnanzug, den er aus Zeltstoff gefertigt hatte. Ein paar Mal riss er probeweise die Schnur hoch. Es würde funktionieren und den Jogger zwischen Knöcheln und Knie erwischen.

Die erste Joggerin war ein schöner Teenager mit hinter ihr wehendem blondem Haar, weich hüpfenden Brüsten und einem scharlachroten Seiden-Outfit, das feucht von Schweiß an ihr klebte. Angesichts ihrer Schönheit lief ihm das Wasser im Mund zusammen, aber er ließ sie vorbei. Er nahm sich abwechselnd Jungen und Mädchen vor und wollte die Analytiker der Polizei nicht verwirren. Noch nicht.

Als nächstes kam ein Junge, aber der Abstand war zu kurz. Er versuchte vermutlich, zu dem Mädchen aufzuschließen. Wenn er einen Laut von sich gab, würde sie es vielleicht hören. Wenn sie den Dicken bei der Arbeit sah, würde sie die Polizei anrufen. Das würde die Dinge verkomplizieren.

Sie waren aber beide außer Sicht, als der Nächste kam, offensichtlich erschöpft, schlurfend fast, ein Mann um die Vierzig. Den konnte er nehmen. Er zog an der Monofil-Schnur, und der Mann fiel platt aufs Gesicht.

Er hatte sich auf Knie und Hände aufgerappelt, als der Jäger aus dem Gebüsch hervor stampfte. Er schlug dem Mann einmal mit einer Faust von der Größe einer Bowling-Kugel auf den Hinterkopf und streckte ihn nieder. Er hob ihn hoch wie ein schlafendes Kind und trug ihn zum Lieferwagen.

Die Heckklappe stand offen. Er legte den Mann hinein und wischte ihm das Blut von Mund, dann klebte er ihm den Mund mit Klebeband zu. Danach klebte er ihm Hände und Füße zusammen, erstaunlich flink für einen so dicken Mann, und fesselte ihn mit Handschellen an eine Öse an der Wagenseite, bevor er die Tür zustieß. Das Ganze dauerte weniger als eine Minute. Er nahm eine fünf Liter Kanne Wasser vom Beifahrersitz und wusch sich die Tarnschminke ab. Dann zog er den Tarnanzug aus; darunter trug er normale Shorts und ein T-Shirt. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand kam, trug er das Wasser den Weg hinauf und spülte die Blutflecken weg, die der Mann beim Sturz auf sein Gesicht hinterlassen hatte. Mit dem Daumen öffnete er das große Klappmesser, das er immer bei sich hatte, durchtrennte die Monofil-Schnur und wickelte sie um das Bäumchen, bevor er zum Lieferwagen zurückging.

Aus der sarggroßen Kühlbox auf der Ladefläche nahm er zwei Viertelliter-Flaschen Budweiser. Dann setzte er sich auf den Fahrersitz, und trotz der sonderangefertigten Federn neigte sich der Wagen zur Linken.

In Alabama tranken viele Leute Bier, während sie fuhren. Er beschloss, es aber dennoch nicht darauf ankommen zu lassen. Er blieb daher stehen und trank erst die beiden Flaschen aus, dann aß er zwei Tüten geröstete Erdnüsse und eine Tüte Speckkrusten. Das Leben war schön.

Er stopfte die leeren Flaschen und Verpackungen in eine Plastiktüte und wusch sich Hände und Gesicht. Er ignorierte die schwachen Laute von hinten und machte sich auf den Weg zur Fernstraße.

2.

Nachdem ich dieses kleine Kapitel beendet hatte, schaute ich nach meiner E-Mail und siehe da, von meiner Agentin waren über PayPal 8.500 $ für mich eingegangen, Duquests Vorschuss abzüglich ihrer 15% Provision. Ich klatschte tatsächlich in die Hände.

Duquest hatte auch eine E-Mail geschickt, ganz in Kleinbuchstaben: „alles gut bisher“.

Natürlich konnte Duquest an der Novelle, wenn er sie einmal in den Händen hatte, beliebig herum pfuschen. Aber zum Teufel, für dieses Privileg bezahlte er ordentlich. Ich gebe nicht gern die Kontrolle ab, selbst wenn es um eine Auftragsarbeit geht. Ich schrieb deshalb EINE HALBE MILLIONEN KRÖTEN auf eine Karteikarte und klebte sie über den Computer, für den Fall, dass ich Depressionen bekam.

Ich beschloss, mir ein schönes Fahrrad zu kaufen, wie der Privatdetektiv in der Geschichte eines hatte. Vielleicht würde ich mir auch eine Pistole kaufen: einfach um zu erfahren, wie sich eine 9 mm anfühlt. Aber wenn jemand anrufen sollte, um mich anzuheuern, einen fetten Typen zu finden, der Jogger umlegte, wäre ich sofort hier raus.

Ich druckte das erste Kapitel aus und beendete die Arbeit, um das Haus zu reinigen. Kit hatte mir gesagt, dass ihre Eltern mich kennenlernen wollten, und ich hatte die innere Stimme ignoriert, die ständig “Ah-ooga! Ah-ooga! Dive! Dive!” schrie, und sie zum Essen eingeladen. Und so musste ich die Möglichkeiten abwägen, die ich hatte: einen guten Eindruck hinterlassen oder zur Selbstverteidigung das Essen vergiften. Ich entschied mich für das Erstere, nahm aber das Huhn eine Spur zu früh aus dem Kühlschrank. Mögen die Götter entscheiden.

Es war schon ein wenig seltsam, dass ich sie noch nicht kennengelernt hatte, denn sie wohnten nur 15 km entfernt, und ich traf mich schon seit fast einem Jahr mit Kit. Die ersten paar Monate hätte mich keine Frau gern ihrer Mutter vorgestellt; irgendein Arsch hatte mich mit einer Jack-Daniels-Flasche niedergeschlagen, mir dabei die Nase gebrochen und einen Zahn unter einer aufgeplatzten Lippe ausgeschlagen. Der Arzt flickte mich wieder zusammen, aber es dauerte eine Weile, bis alles verheilt war.

Es war eine gute Bar, aber ich ging nicht mehr hin. Der Barkeeper stellte sich auch als der Besitzer heraus. Er maulte über den Schaden, und deshalb klaubte ich die zerbrochene Flasche zusammen und bot ihm eine Darmspiegelung an. Er griff nach dem Telefon, und ich beschloss, anderswo bluten zu gehen.

Ich lernte Kit dann eine Woche später in einer Zweigstelle einer Bibliothek kennen, wo ich aus meinem zweiten Roman las, dessen Titel ich vielleicht in Der fickende Albatros ändern wollte. Es war wahrscheinlich die schlimmste Lesung in der Geschichte unanständiger literarischer Zurschaustellungen. Ich hörte mich genauso an, wie sich ein Bursche mit Baumwolle in der Nase eben anhört, und weil ich nur eine vorläufige Krone auf dem Vorderzahn hatte, pfiff ich jedes Mal, wenn ich „s“ oder „th“ auszusprechen versuchte. Wir tranken hinterher ein Bier, und sie nahm mich mit zu ihr nach Hause, für einen mitleidigen Fick, der sich zu einer Tändelei von einem Jahr auswuchs, vielleicht noch länger. So kam es, dass ich jetzt ihre Eltern kennenlernen sollte. Rasieren, ein sauberes Hemd anziehen, Socken suchen. Die Pornos verstecken. Ich beließ das Chaos auf meinem Schreibtisch – wahrscheinlich hätte ich nichts wiedergefunden, wenn ich aufräumte - schloss aber die Bürotür.

Kit hatte mich einmal gefragt, warum männliche Autoren Büros haben, weibliche dagegen Studios oder Schreibzimmer. Vielleicht machen wir das, damit es so aussieht, als ob wir arbeiten.

Auf dem iPod im Wohnzimmer klickte ich auf „Klassik, Zufallswiedergabe“, machte einen Salat und stellte ihn in den Kühlschrank. Ich schüttete außerdem ein paar Kohlen in den Grill, tränkte sie mit Anzünder und wartete. Normalerweise mache ich mir um fünf einen Drink, aber das wäre jetzt keine gute Idee gewesen. Lieber abwarten und zunächst meinen Gästen einen anbieten. Ich verspürte den heftigen Drang, mir einen Joint zu drehen. Kits Eltern waren immerhin fast alt genug, um Hippies zu sein. Nein, das war in den Sechzigern und Siebzigern. Da waren sie wahrscheinlich gerade erst auf der Welt gewesen. Außerdem rauchte Kit nicht, also rauchten ihre Eltern vermutlich auch nicht. Eine Familie, die zusammen raucht, kratzt auch zusammen ab.

Sie kamen ganz pünktlich und waren natürlich leger angezogen, wie für ein Picknick. Kits Vater Morrie trug ein T-Shirt, das halb seinen muskulösen Oberarm mit einem Ankertattoo vom Marine Corps enthüllte. Aber es war ein Mannschafts-Shirt von Princeton, was nicht ganz zusammen passte. Ihre Mutter Trish war zart gebaut und ruhig. Ruhig und aufmerksam. Kit hatte die Zutaten für Sangria mitgebracht und nahm die Küche in Beschlag, um einen Krug davon zu machen. Also leerte ich eine Tüte Kartoffelchips in eine Schüssel und führte ihre Eltern auf die Terrasse. Ohne eine vermittelnde Instanz ging es dabei ein wenig steif zu. Ich machte mich auf den üblichen qualvollen Smalltalk unter dem Motto „Sie sind also Schriftsteller“ gefasst.

Es wurde noch schlimmer. „Kitty sagt, Sie sind Scharfschütze im Krieg gewesen“, sagte Morrie. „In der Armee, ja?“

„In der Wacheinheit, um genau zu sein.“

„Gehopst wie gesprungen.“ Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Zivilist Militärjargon benutzt. „Wie lang hat man Sie drüben festgehalten?“

„Sechzehn Monate.“

„Das ist nicht fair.“ Er schüttelte den Kopf. „Das Leben ist ungerecht, wie wir damals immer gesagt haben.“ Er warf seiner Frau einen Blick zu, und sie nickte knapp. „Es wären weniger geworden, wenn Sie als regulärer Soldat rübergegangen wären.“

„Das stand öfter zur Diskussion.“

Er lächelte auf die Art, wie es in Princeton üblich war. „Ich kann‘s mir gut vorstellen.“

„Morrie war bei den Marines“, sagte Trish, irgendwie unangebracht.

„Nur ein Naserümpfen“, sagte er. „Wir sind mit den Scharfschützen nicht besonders gut ausgekommen.“

„Wir haben davon gehört. Die Marines hatten eine hohe Meinung von sich. Sie sind aber auch durch eine viel härtere Schule gegangen als wir.“

„Ja. Es war zweifellos ein schwieriger Job. Man musste viel rumliegen und warten. Wie ein Alligator“, sagte ich.

„Alligator?“

„Ich habe unten in Florida viel Zeit damit verbracht, sie zu beobachten. Sie liegen stundenlang reglos da, bis die anderen Tiere sie als einen Teil der Landschaft akzeptiert haben. Wenn dann eines zu nahe kommt, schlagen sie zu, schnell wie eine Klapperschlange.“

„Haben Sie das gesehen?“, fragte Trish.

„Einmal. Es war ein großer, blauer Reiher.“

„Ich mag Alligatoren“, sagte sie. Warum war er nicht überrascht?“

„Haben Sie ihn stundenlang beobachtet?“, fragte er.

„Ja, habe ich. Mit einer Kamera. Aber es ging einfach zu schnell. Ich habe nur seinen Schwanz ins Bild gekriegt, der aus dem Wasser ragte.“

„Er hat den Vogel ertränkt?“

„So machen sie das.“

„Redet ihr über den Krieg?“ Kit brachte ein Tablett mit dem Kübel Sangria nach draußen. Drei Gläser mit dem Weinpunsch und eins mit Eiswasser. Letzteres nahm ihr Vater. „Wenn man zwei Veteranen zusammenbringt…“

„Nicht über den Krieg“, sagte ich. „Über Alligatoren.“

Sie gab mir ein Glas. „Das ist gut. Einige der Leute, die ich am meisten schätze, sind kaltblütige Tiere.“

„Ab und zu gibst du einem sogar deine Stimme“, sagte ihr Vater.

„Morrie…“

„Entschuldigung. Keine Politik…“

„Ich werde mal den Grill anzünden.“ Ich verdrückte mich auf den Rasen, verspritzte noch etwas Anzünder über die Holzkohle und zündete den Haufen an mehreren Stellen an.

Niemand sagte etwas, bis ich zurückkam. Ich nahm den Drink und nippte daran: extra Brandy. „Danke, Liebling.“

„Kitty sagt, Sie schreiben Bücher, Jack“, sagte ihre Mutter.

„Ich habe zweieinhalb geschrieben. Im Moment habe ich eine Pause eingelegt, um etwas rein Kommerzielles zu schreiben, eine Art Romanfassung.“

Auf den leeren Blick ihrer Eltern hin sagte Kit: „So nennt man das normalerweise, wenn man aus einem Film ein Buch macht. In diesem Fall schreibt Jack das Buch zuerst.“

Ihr Vater neigte den Kopf. „Ich hätte gedacht, das sei so üblich.“

„Normalerweise schon. Offenbar ist niemand sonderlich daran interessiert, eines meiner Bücher zu verfilmen. Aber es ist noch kein richtiger Film, nur ein Entwurf.“

Ihre Mutter schüttelte leicht den Kopf, mit einem ausdruckslosen Blick. „Einen Entwurf braucht man, um das Ding zu verkaufen“, erklärte Kits Vater.

„Meine Literaturagentin hat mir den Auftrag verschafft“, sagte ich. „Sie hat mit dem Produzenten und Regisseur Duke Duquest gesprochen, und dabei wurde mein Name genannt. Er hatte eine vage Idee für einen Horrorfilm, der seine Wurzeln im heutigen Krieg hat. Mein Kriegsroman war gerade erschienen und hat gute Kritiken bekommen.“

„Er hatte gewisse Horror-Aspekte“, sagte Kit.

„Nun ja, ich würde ihn als Fantasy bezeichnen. Diese Geschichte ist aber echter Horror. Es geht um ein Monster, das Menschen jagt.“

„So wie Sie“, sagte ihre Mutter.

„Was?“

„War das nicht Ihre Arbeit?“ Sie wirkte offen und ehrlich und nicht anklagend. „Wie ein Jäger, der Wild schießt? Mit einem Gewehr?“

„Könnte man so sagen.“

„Wenn das Wild Gewehre hätte“, sagte ihr Vater.

„Es ist gutes Geld“, sagte Kit. „Nicht weniger als tausend Dollar pro Seite.“

„Sehe ich auch so. Wie viele Seiten können Sie pro Tag schreiben?“

„Vier oder fünf an einem guten Tag. Sonst eher zwei oder drei.“

„Trotzdem eine verdammt gute Bezahlung“, sagte ihr Vater.

„Ich hatte Glück, den Auftrag zu bekommen.“ Ich entschied, nicht zu erwähnen, dass es nur fünfzig Seiten sein würden. Kit sagte auch nichts, was ihnen die Illusion geraubt hätte, und so brachten wir den Rest des Abends gemütlich über die Runden, während die Majors irrtümlich annahmen, dass ihre Tochter mit einem angehenden Millionär statt einem hungernden Künstler ausging. Nachdem sie gegangen waren, verwöhnte Kit mich mit einer Nacht voll ungewöhnlich einfallsreichem Sex. Ich schlief nicht besonders gut. Ich träumte von der Jagd.

Zweites Kapitel

Der Jäger überquerte zwei Staatsgrenzen und landete schließlich in einer abgelegenen Gegend Georgias. Dann fuhr er noch eine Stunde, damit er sich nicht zu nah an seinem Wohnort an die Arbeit machte. Nachdem er eine verschmutzte, bekritzelte Karte konsultiert hatte, fuhr er von der Fernstraße herunter, folgte einige Kilometer einer mit Schlaglöchern übersäten Asphaltstraße, bog dann auf eine Kalksteinstraße ab und fuhr von dort schließlich einige hundert Meter durch knackendes, niedriges Gebüsch in ein sonnenbeschienenes Gehölz, umgeben von dichtem Wald. Er manövrierte den Wagen in eine Position, von der aus er problemlos wieder hinausfahren konnte. Dann zog er sich Chirurgenhandschuhe an.

Er öffnete die Seitentür des Lieferwagens und hob mit einem Grunzen die riesige Kühlbox heraus. Sie enthielt einen 25-kg-Block Eis. Er lehnte sie mit leichter Schräge an einen Felsen und öffnete einen Ablasshahn, damit überschüssiges Wasser ablaufen konnte. Dann stellte er die Box aufrecht vor einen großen Baum.

Er zog den gefesselten und geknebelten Mann durch die Hecktür heraus und ließ ihn neben die Kühlbox fallen. Dann holte er aus dem Wagen einen großen Haken an einer Kette. Er stieg auf die Kühlbox und befestigte den Haken an einem kräftigen Ast. Er zog mit aller Kraft daran und der Ast knirschte etwas, hielt aber.

Der Mann versuchte zu schreien, aber wegen des Klebebands konnte er nur ein nasales Wimmern von sich geben. Der Jäger vergewisserte sich, dass das Klebeband um seine Fußgelenke fest saß, dann hob er ihn mühelos an den Füßen hoch und hängte ihn mit dem Kopf nach unten an den Ast, den Haken zwischen den Fußgelenken, so dass er an dem Klebeband hing. Der Jäger zog ein rasiermesserscharfes Klappmesser aus seiner Tasche und schnitt dem Mann das T-Shirt und die Jogging-Hose vom Leib. Darunter trug er einen Tiefschutz. Der Jäger ließ spielerisch das Gummiband zuschnappen, durchtrennte das Hüftband sowie beide Beinriemen und warf das Ding weg. Der Mann hatte sich eingenässt, was verständlich und nicht ungewöhnlich war. Der Jäger steckte das Messer weg, hob vorsichtig den Hodensack des Mannes an und schaute darunter. Der Penis hatte sich soweit zurückgezogen, dass er in dem Nest aus Schamhaar fast unsichtbar war. Auch das war nicht ungewöhnlich.

Der Jäger ging noch einmal zum Wagen und kam mit einer Kaliber-12-Pumpgun zurück. Zum ersten Mal sagte er etwas, und seine Stimme klang überraschend hoch und melodisch. „Keine Sorge, die ist nicht für dich.“ Er hielt sie nur für den Fall bereit, dass er unterbrochen wurde. Er hatte sie noch nie benutzen müssen. Er holte eine Viertelliter-Flasche Bier aus der Kühlbox, schraubte den Deckel ab und setzte sich, die Pumpgun im Schoß, auf die Box. Er trank das Bier langsam und in kleinen Schlucken und betrachtete den Mann.

Als er das Bier ausgetrunken hatte, sprach er wieder. „Es ist hier keine Menschenseele im Umkreis von mehreren Kilometern. Wenn du schreist, machst du mich höchstens wütend.“ Er beugte sich vor und zog vorsichtig zwei Zentimeter Klebeband vom Mund des Mannes. „Was bist du von Beruf?“

„Ich bin Priester. Aber mein Vater ist Millionär! Er könnte…“

Der Jäger drückte das Band wieder fest.

„Ein Mann Gottes. Ich respektiere das. Ich werde behutsam sein.“ Er klappte das Messer auf und schnitt dem Priester mit einer schwungvollen Bewegung die Kehle durch, wobei er beide Halsschlagadern durchtrennte. Der Mann war wahrscheinlich schon tot, bevor der Schwall Blut ihn blenden konnte.

Der Jäger machte es nicht immer so. Es war nicht notwendig, die Leichen ausbluten zu lassen; das Fleisch kam direkt in die Kühlbox. Es war vermutlich gnädiger, die Leute schnell umzubringen, aber es spielte keine besondere Rolle. Manchmal spielte er mit ihnen, um zu sehen, wie sie auf seine Fürsorge reagierten. Manchmal erzählte er ihnen sogar seine Lebensgeschichte, schließlich würden sie niemals in der Lage sein, sie weiterzuerzählen, und ihre Reaktion darauf war auch interessant.

Ein Spielchen, das er mit der Polizei spielte, bestand darin, ihre Körper genauso auszunehmen wie bei einem Stück Wild, daher sein Spitzname „der Jäger“. Aber er hatte noch nie ein Stück Wild oder irgendein anderes Tier getötet, und er vermied es sogar, Insekten zu töten. Er hatte die Instruktionen aus einem Buch in einer Bibliothek abgeschrieben, weil er keine Spuren im Internet hinterlassen wollte und an Tieren geübt, die auf der Straße überfahren worden waren, bis er sich ein gewisses Geschick dabei erworben hatte. Die Überreste hatte er immer vergraben, um keinen Verdacht zu erregen.

Er holte seine Kiste mit Werkzeugen und Vorräten. Er tastete nach dem Schambein und setze von dort einen langen Bauchschnitt an, wobei er ein einfaches, stabiles Jagdmesser von Sears verwendete. Er führte es mit den Fingern und achtete darauf, nicht den Bauch oder die Innereien einzuschneiden. Er durchtrennte den Beckenknochen mit einer Eisensäge von Craftsman und schnitt das Zwerchfell weg, damit er die Leber und das Herz entnehmen konnte, die er in getrennte, verschließbare Plastikbeutel packte und in die Kühlbox legte. Dann fiel ihm die Thymusdrüse wieder ein, die er schließlich ebenfalls in eine kleine Tüte packte, um sie nach Hause mitzunehmen und den elf anderen hinzuzufügen, die bereits in seinem Kühlschrank lagen. Fast schon genug für eine nette kleine Bries-Vorspeise.

Er schnitt um den Anus herum, durchtrennte die Luftröhre und die Innereien rutschten als dampfender Haufen aus dem Körper und fielen an den Stamm des Baums. Er achtete darauf, nicht hineinzutreten, während er seine Arbeit beendete und den Mann von Kopf bis Fuß enthäutete. Den Kopf ließ er intakt für seine Sammlung. Er drapierte die Haut kunstvoll um den Baum und band sie stellenweise fest, damit ein Tier sie nicht so einfach wegziehen konnte. Dann stülpte er einen großen Sack über den blutverschmierten Körper und schnitt ihn herunter. Er wollte die Arbeit am besten zuhause beenden, wo er die passenden Werkzeuge und viel Zeit hatte. Er legte die Leiche in die Kühlbox auf das Eis und trug sie zurück in den Lieferwagen, bevor er auch den Haken und die Kette holte. Er war müde. Magere Leute waren schwer zu häuten.

Er holte ein weiteres Bier aus der Kühlbox, stellte es sogleich aber doch wieder ungeöffnet zurück. Besser erst ein paar Kilometer fahren. Es kreisten bereits zwei Truthahnbussarde über ihm, und weitere würden kommen. Er stopfte die Handschuhe und seine blutige Kleidung in einen Wäschesack und wusch sich, wobei er den Rückspiegel des Lieferwagens und einen Handspiegel benutzte, um sich zu vergewissern, dass keine verräterischen Flecken zurückblieben. Er bekam eine kleine Erektion, ignorierte sie aber, zog sich andere Sachen an und fuhr ruhig davon.

3.

Ich erwachte aus einem schrecklichen Alptraum und streckte die Hand nach Kit aus, die aber nicht da war. Sie war wegen einer Familienangelegenheit früh nach Chicago aufgebrochen. In dem Alptraum war es allerdings nicht um das Monster aus meinem Filmskript gegangen, sondern um einen Schrecken, den ich im Krieg erlebt hatte.

Die Artillerie-Verstärkung hatte die neuen „Schock“-Geschosse für die 175er bekommen, und das erste, das sie abfeuerten, kam früher herunter als erwartet und ging über einer Art muslimischer Kindertagesstätte oder einem Waisenhaus hoch. Unser Lager befand sich gleich am Rande der Stadt, an einem Ort namens Honigtopf, deshalb wurden wir hinüber beordert, um Erste Hilfe zu leisten. Bis auf vier Frauen waren die Opfer ausschließlich Kinder. Alle bis auf eins waren tot oder nicht mehr zu retten. Das Schock-Geschoss hatte ihnen alle Kleidung und den Großteil der Haut heruntergerissen. Die meisten Opfer waren wohl auf der Stelle an einem Herzstillstand gestorben, aber ein Kind ging noch aufrecht, ein zehnoder zwölfjähriges Mädchen, das wie eine Illustration aus einem anatomischen Lehrbuch aussah: von der Hüfte an aufwärts gehäutet, nichts als blutige Muskeln, und über dem Gesäß hing ein heller, blutiger Hautlappen herunter, den sie wie eine grausige Brautschleppe hinter sich herzog. Sie kippte um und starb, bevor die Sanitäter etwas tun konnten, aber was hätten sie hier auch schon tun können? Eine Ganzkörper-Hauttransplantation? Kein Problem Kleine, beiß einfach mal die Zähne zusammen.

Es war jetzt zwei Uhr morgens. Ich stand auf, ohne mir etwas überzuziehen, schaltete alle Lampen in der Küche an und setze mich, um ganz schnell ein Bier zu trinken. Dann ließ ich einige Eiswürfel in ein Glas fallen und goss mir ein paar Fingerbreit von Kits Wodka ein. Das beruhigte mich so weit, dass ich mich wieder hinlegen und weiterschlafen konnte, ohne zu träumen – jedenfalls erinnerte ich mich hinterher an keine Träume. Als ich später aufwachte, war ich wacklig auf den Beinen, und machte einen Spaziergang. Ich nahm den nächsten Abschnitt des Skripts und ein Notizbuch mit, damit ich wenigstens so tun konnte, als ob ich arbeitete. Ich ging zu einem Fahrradgeschäft, das aber erst um zehn öffnete. Deshalb setzte ich mich in einen Billardsalon, der rund um die Uhr geöffnet hatte, und genehmigte mir ein anständiges Frühstück aus Slim Jims und Bier. Danach las ich eine Zeitlang Zeitung, dann ging ich zum Fahrradladen zurück.

Der Steve in meiner Geschichte bekam ein richtig schönes Tourenrad, aber ich brauchte nichts so Extravagantes und Teures. Einfach nur einen Ersatz für die alte Rostlaube, die ich einem Zimmergenossen auf dem College abgekauft hatte. Der Laden war ziemlich exklusiv, und die meisten Räder waren fast schwerelos und kosteten so viel wie ein Gebrauchtwagen. Aber es gab auch eine Abteilung mit billigen, sogenannten Mountain Bikes für Kinder – als ob es in Iowa Berge gäbe – und „Pendler“-Fahrrädern für Erwachsene. Ich konnte zwar in zehn Sekunden barfuß zu meinem Arbeitsplatz pendeln, aber ich kaufte mir trotzdem eins dieser Räder, ein hellblaues Cambridge. Mit allerlei Zubehör wie Lampen, Schloss und Satteltaschen kostete es knapp unter 500 $. Ein Prozent meines in Aussicht gestellten Monsterhonorars.

Es war wunderbar leicht zu fahren, verglichen mit meiner Rostlaube. Es hatte eine automatische Gangschaltung, Federn und einen angenehm geformten Lenker, so dass man aufrecht sitzen und im Vorbeifahren die Welt betrachten konnte. Das Alte verfügte über abgesenkte Lenkstangen, so dass man nach vorn gebeugt fuhr, und war so steif, dass man mit dem Hintern jeden Kieselstein auf der Straße spürte.

Es war das perfekte Wetter zum Radfahren, sonnig und etwas kühl, daher strampelte ich anderthalb Stunden durch die Gegend und landete schließlich am anderen Ende der Stadt. Ich fand ein neues italienisches Restaurant mit Tischen auf der Straße, wo ich mich setzte und das Skript und das Notizbuch hervor holte. Ich bestellte mir eine halbe Karaffe Weißwein und machte mich an die Arbeit.

Drittes Kapitel

Stephen Spenser glaubte, dass er die Welt im Griff hatte, als er die New Yorker Anwaltskanzlei seines Vaters verließ und sich einer kleinen Kanzlei in Florida als Juniorpartner anschloss. Er mochte die Kleinstadt Flagler Beach, in der sich die Kanzlei befand, und verbrachte meist nur die Hälfte des Tages im Büro, half bei der Vorbereitung von Mandaten oder ging mit Arlene, der hinreißenden Verwaltungsassistentin der Firma, alte Akten durch. Die restliche Zeit verbrachte er draußen, im meist schönen Küstenwetter, sprach mit Klienten und Beklagten und kümmerte sich gelegentlich auch um Rückforderungen, einer profitablen Nebeneinkunft für die Firma.

Es ging nicht bloß darum, unbezahlte Autos und Boote zu beschlagnahmen und zurückzubringen, sondern manchmal auch um Kinder, die zu dem Elternteil zurückgebracht werden sollten, dem das Sorgerecht zugesprochen worden war. Manchmal wurde es dabei hässlich, und obwohl Steve ein großer Mann war und sich nicht leicht herumstoßen ließ, hielt die Firma es für angebracht, ihm eine Lizenz als Privatdetektiv zu beschaffen sowie eine Genehmigung, eine versteckte Waffe zu tragen. Die Hälfte der Männer in Florida besaß Schusswaffen, sagte sein Chef, und mehr als die Hälfte der Männer, die gegen das Gesetz verstießen. Steve war nicht unerfahren im Umgang mit Schusswaffen. Wie die meisten Infanteristen mit Kampferfahrung hatte er dauernd eine mit sich herumgetragen; selbst beim Essen und Schlafen war sie nie mehr als eine Armlänge entfernt gewesen. Die Waffe hatte ihn beruhigt, obwohl er nie auf jemanden gefeuert hatte und sie ihn letztlich auch nicht vor dem Feind schützte. An seinem, wie sich herausstellte, letzten Tag in der Armee, hatte ihm ein IS – ein Improvisierter Sprengsatz – die Beine mit Granatsplittern in Form rostiger, mit menschlichen Fäkalien beschmierter Nägel und Schrauben gespickt. Nach einiger Zeit war er so weit genesen, dass er das juristische Vor- und Hauptstudium beenden und sich der Anwaltskanzlei seines Vaters anschließen konnte, wo er bald des Gehabes der anderen Angestellten überdrüssig wurde und nach Florida umzog.

Er entschied sich für eine 38er-Special-Stubsnase, weder besonders genau, noch mit nennenswerter Durchschlagskraft, aber dafür klein. Er bekam außerdem eine 9mm Baretta, wie er sie in der Armee getragen hatte, aber eine Knarre dieser Größe lies sich nur schwer unter leichter Sommerkleidung verstecken. Er benutzte beide kein einziges Mal, außer in einem überdachten Schießstand im örtlichen Waffenladen. Am Ersten jedes Monats erschien er dort und feuerte mit jeder Waffe ein paar Dutzend Schüsse ab. Nach etwa einem Jahr machte er Arlene einen Antrag und war überglücklich, als sie ja sagte. Seine Mutter schickte ihm einen Scheck über 250.000 $ als „Notgroschen“, und sein Chef beförderte ihn zum gleichberechtigten Partner.

Ein paar Wochen später schickte ihn der Chef in die Juristische-Universitätsbibliothek in Gainesville, um über das Steuerrecht zu recherchieren, und als er zurückkam, hing an der Bürotür ein Schild mit der Aufschrift ZU VERMIETEN. Er ging nach Hause und fand auf dem Küchentisch Annulierungspapiere. Seine neue Frau hatte seinen neuen Wagen mitgenommen und ihr gemeinsames Bankkonto leergeräumt. Alle ihre Kreditkarten waren bis zum Anschlag bar überzogen worden. Die Miete über 2.000 $ war fällig, und er hatte nicht einmal mehr einen Hunderter in der Tasche.

Die beiden Katastrophen hingen miteinander zusammen. Seine Frau war mit dem Chef und dem gesamten flüssigen Kapital der Firma nach Washington gegangen.

Die geheime Telefonnummer seiner Eltern war nicht mehr aktiv. In der Post befand sich eine Notiz seiner Mutter, in der sie erklärte, dass sein Vater außer sich war über das ungenehmigte Geschenk von 250.000 $, aber sich bestimmt wieder beruhigen würde. Unter diesen Umständen vielleicht nicht, Mutter.

Der Mann, der die Möbel zurückholte - ein Kollege, mit dem Steve ein paar Mal zusammengearbeitet hatte - zeigte Mitgefühl und kaufte ihm seinen alten Lieferwagen ab. Er verkaufte auch die teure Baretta und sein Lance-Armstrong-Straßenfahrrad. Nur die 38er Special und das rostige Strandfahrrad, mit dem er im Sand herumfuhr, behielt er. Nach einigem Zögern verkaufte er auch sein hochmodernes iLap, nachdem er die Dateien auf einen USB-Stick kopiert hatte. Durch all dies beschaffte er sich genug Geld, um seine Lizenz als Privatdetektiv zu erneuern und ein Ein-Zimmer-Büro mit einem Klappsofa anzumieten. Er ließ einige Karten drucken, nannte sich selber launisch „Spenser zum Anheuern“ und setzte eine Annonce ins wöchentliche Anzeigenblatt.

Er war täglich gut eine Stunde vor der Arbeit Rad gefahren, sowohl als Therapie für seine Beine wie auch, um das Rauchen einzuschränken. Wenn er auf dem Rad saß, verspürte er keine Lust auf Tabak, deshalb fuhr er jetzt, da er kein Geld für Zigaretten, aber reichlich Zeit hatte, ständig mit dem Rad. Wenn er diese gefährliche Angewohnheit aufgab, hatte das ganze Debakel wenigstens etwas Gutes gehabt.

Nein, mehr als nur das. Er war, wohl oder übel, endlich frei von seinem Vater.

Es wurde zu seinem täglichen Ritual: Er stand auf, wenn es hell wurde, stieg aufs Rad und fuhr eine große Schleife durch den Süden von Daytona Beach und überprüfte mit seinem Handy etwa einmal pro Stunde, ob im Büro Anrufe eingegangen waren. Es kamen nie wirklich interessante Anrufe, höchstens eine Rückholaktion pro Woche, aber wenigstens hielt ihn das vom Rauchen ab. Wenn er nach einer Runde von neunzig oder hundert Kilometern zurückkam, fiel er aufs Bett, wo er auch nicht rauchte. Nach einer Weile klappte er das Bett nicht einmal mehr zu einem Sofa zusammen.

Einige der Gegenden, durch die er radelte, waren nicht besonders sicher, deshalb hatte er immer seine 38er dabei, nicht im Schulterhalfter, das unter einem T-Shirt ein wenig verdächtig ausgesehen hätte, sondern in einer unauffälligen Tasche mit Reißverschluss im vorderen Korb an seinem Rad. Hinten hingen zwei weitere große Körbe für Lebensmittel, und er machte es sich zur Angewohnheit, sie mit Aluminiumdosen zu füllen, die aus Autos geworfen wurden, pro Stück zwei Cent wert. Es amüsierte ihn, dass er die Gegend verschönerte und dafür als Gegenleistung Geld fürs Mittagessen bekam. Nachdem er dies einen Monat lang getan hatte, fuhr er mit einem Mehrtagebart herum, trug alte, abgenutzte Kleidung, saß auf einer quietschenden, mit Abfällen beladenen Rostlaube, und ein junger Polizist hielt ihn an und fragte, ob er Argumente vorweisen konnte, warum er nicht wegen Landstreicherei verhaftet werden sollte. Ausgerechnet an diesem Tag hatte er seine Brieftasche zuhause liegen gelassen, deshalb hatte er weder Geld, noch konnte er sich ausweisen, aber dummerweise hatte er eine Knarre dabei, und der junge Kerl wollte sich keinen Vortrag über unrechtmäßige Durchsuchung und Festnahme anhören, schon gar nicht von einem Landstreicher, der behauptete, ein Anwalt zu sein.

Auf der Polizeiwache bestätigten Fingerabdrücke und eine Netzhauterkennung schnell, dass er Stephen Spenser war, Anwalt und Inhaber einer Privatdetektiv-Lizenz sowie eines Waffenscheins. Warum fuhr er auf einem Fahrrad herum wie ein abgebrannter Penner? Ein Polizeireporter, der in der Wache herumlungerte, bekam von der Sache Wind und fragte Stephen, ob er gegen ein Steak ein Interview geben würde. Es war eine Geschichte mit interessanten menschlichen Aspekten, und vielleicht würde Spenser damit sogar ein paar neue Kunden anlocken.