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Joachim Müller-Jung

Das Ende der Krankheit

Die neuen Versprechen der Medizin

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© 2014 Carl Hanser Verlag München

Internet: http://www.hanser-literaturverlage.de

Herstellung: Thomas Gerhardy

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Datenkonvertierung E-Book: Kösel Media GmbH, Krugzell

ISBN 978-3-446-43682-4

E-Book-ISBN 978-3-446-43645-9

Inhalt

Prolog

1 Regenerative Medizin: die Vision

2 Humanität im biomedizinischen Zeitalter

3 Der Arzt: vom Heiler zum Humaningenieur

4 Regeneration: die Wunderkraft der Natur

5 Der Code des Lebens

6 Der Weg zum Stammzell-Code: die bioethischen Debatten

7 Die Selbstheilung des Menschen

8 Designte Organe: die neuen Versprechen der Medizin

9 Die neue Biomedizin – zwischen Missbrauch und Anti-Aging

10 Wie lange wollen wir leben?

Epilog

Literatur

»No one wants to die. And even people who want to go to heaven don't want to die to get there«

Steve Jobs

Prolog

Mehr als ein Jahrzehnt nach der Verabschiedung des Stammzellgesetzes in unserem Land ist der biopolitische Kampf um die Embryonenforschung entschieden. Embryonen werden immer noch nicht in Farmen gezüchtet. Eizellen und Zygoten sind keine Handelsware geworden. Und zu den von der Ethikkommission befürchteten Dammbrüchen ist es auch in jenen Ländern nicht gekommen, die sich für ein laxeres Gesetz oder auch für gar keine eigenen Regeln zum Umgang mit embryonalen Stammzellen entschieden haben. Die Würde des Menschen ist nicht weniger unangetastet als zuvor. Und diejenigen, die sich den Niedergang der Moral auf dem Labortisch ausgemalt und das Ende des Lebensschutzes heraufbeschworen haben, die unsere Republik wie der Philosoph Jürgen Habermas auf dem »Weg zu einer liberalen Eugenik« gesehen haben, müssen sich die Frage gefallen lassen: War es das wert?

Waren die oft scharfen Vorwürfe, die bis zum »Kannibalismus« reichten, nötig, um etwas zu stoppen, was von den Biomedizinern nie so geplant war? Über der Bühne, die man zum Ort der moralischen Beschwörung erkoren hatte, schwebten unzählige biopolitische Spekulationsblasen. Und sie platzten eine nach der anderen. Der Embryo und dessen Zerstörung zum Zwecke der Forschung waren nie das Ziel, allenfalls die Quelle neuer Einsichten, eine Zwischenstation für den Fortschritt, mehr nicht.

Nicht jeder war so hellsichtig wie der einflussreiche Harvard-Philosoph Michael Sandel, der in seinem 2007 erschienenen Buch »The Case against Perfection« darauf hinwies, dass nicht die Forschung an embryonalen Stammzellen, die er als Beginn eines neuen medizinischen Fortschrittes betrachtet, unsere normativen Fundamente gefährdet, sondern die Natur des Menschen – sein Hang zur Optimierung seiner selbst. Ein Aspekt, den man in der deutschen Würde- und Lebensschutzdebatte weitgehend außer Acht gelassen hat. Bis heute.

Eine Anschlussdebatte fehlt bislang, obwohl sie dringend geboten ist. Denn die »Zukunft der menschlichen Natur«, die Habermas und andere durch die Embryonenexperimente bedroht sahen, wird durch den von der Stammzellforschung ausgelösten Boom plötzlich auf ganz andere Weise infrage gestellt: Der Mensch selbst wird zum biotechnischen Großprojekt und versucht sich dadurch eines großen Teils seiner defizitären Natur zu entledigen. Dabei geht es nicht um den perfekten, ewig jungen Athletenkörper. Mit den immer spektakuläreren Erfindungen der Zellforschung, die das Züchten von eigenen Geweben und Organen nach Belieben möglich machen, wird die Medizin revolutioniert. Es findet eine Industrialisierung der Körperkultur statt, die weit über Anti-Aging hinausgeht. Digitalisierung, Genomforschung und Nanotechnik treiben das Projekt voran. Alzheimer, Parkinson, Aids, Krebs – kein Leiden, das nicht zum Ziel dieser beispiellosen biomedizinischen Offensive wird. Zwischen dem willkommenen Wunsch, das Leben erträglicher zu machen, das Ende der Krankheit herbeizuführen, und dem Ziel, es möglichst lange gesund zu erhalten, verschwimmen die Grenzen zusehends. Klar ist, dass in jeder Zelle buchstäblich ein Tropfen Unsterblichkeit steckt, wie im Verlauf der Lektüre klarwerden wird.

Selbstverständlich wissen auch die fortschrittsbegeisterten Ärzte und Wissenschaftler, dass ewiges Leben ein Trugschluss ist, weil menschliches Leben, bis heute, untrennbar mit Untergang verbunden ist. Die Hoffnung, alle Krankheiten zu besiegen, wird durch die biomedizinische Revolution jedoch genährt. Jeder weitere, mittlerweile fast wöchentlich verkündete Fortschritt in den Labors vergrößert sie.

Die ethischen Fragen, die sich aus der Beschleunigung des Fortschritts ergeben, sind ganz andere als die nach der Schutzwürdigkeit des Embryos. Es wird Zeit, dass sie aufgezeigt und debattiert werden. Wie viel Menschlichkeit etwa ist in einem Medizinbetrieb noch möglich, wenn die Optimierung an erster Stelle steht? Welche Schwächen werden noch geduldet? Wo liegen die Grenzen, wenn potentiell jeder Körper von Grund auf erneuerbar sein wird? Werden sich die neue »regenerative« Medizin, die den Menschen schlichtweg repariert, nur Reiche leisten können? Wird unser kapitalistisches System nicht auch die Medizin der Zukunft dem ökonomischen Diktat unterwerfen und eine verschärfte globale Zweiklassenmedizin entstehen lassen?

In diesem Buch geht es vor allem darum, die unfassbare Vehemenz zu verdeutlichen, mit der die biomedizinische Welle auf die Gesellschaften zurollt. Der Leser soll in die Lage versetzt werden, die wissenschaftlichen Grundlagen zu verstehen. Es wird auch erklärt, wieso die Stammzelle als die Elementareinheit der neuen Ingenieursmedizin so begehrt ist – bei Medizinforschern und Pharmakologen ebenso wie bei Anti-Aging-Gurus und Patientengruppen. Es ist elementar, dass die Dimension der Veränderungen, die sich längst abzeichnen, aus dem Verborgenen geholt und ohne Rücksicht auf die vielfältigen Interessen ans Licht gezerrt wird.

»Wer nicht älter werden will, soll halt früher sterben!«

Hannelore Elsner

1 Regenerative Medizin: die Vision

»Leben und Tod liegen in der Zelle.« Dieser wegweisende Satz ist weit mehr als hundert Jahre alt. Damals war er weniger vom Wissen über die Zelle geleitet als von der Einsicht, dass die wahren Geheimnisse der Lebensprozesse für uns erst wirklich sichtbar werden, wenn wir den Körper quasi unters Mikroskop legen. Er wurde von einem der Medizin-Revolutionäre der Neuzeit geprägt, dem Berliner Zellularpathologen Rudolf Virchow. 1 Mit ihm beginnt unsere Reise zum »Ende der Krankheit« und dem, was wir vereinfachend als Jungbrunnen bezeichnen wollen – und was als Vision der regenerativen Medizin zugrunde liegt. Dieses Bild davon, wie man sich die Quelle der ewigen Jugend vorstellen könnte, hat 1546 der reformatorische Hofmaler und Freund Martin Luthers, Lukas Cranach der Ältere, mit seinem »Jungbrunnen« geliefert. Das Bild zeigt ältere Frauen, die in das Becken eines Brunnens steigen und es auf der anderen Seite mit jugendlichem Körper wieder verlassen. Die Wurzeln dieser Wunschvorstellung reichen weit zurück in die griechische Antike mit ihrer reichen Mythologie und ihrem Körperkult. Und sie ist in den Köpfen der Menschen auch in der mit Virchow endgültig vorherrschenden naturwissenschaftlich-empirischen Epoche der Heilkunde lebendig geblieben.

Spätestens mit dem Beginn von Virchows Zellularpathologie und der modernen Medizin setzte die Phase ein, in der die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den Ländern des Westens kontinuierlich anstieg – nahezu ohne Unterbrechungen von weniger als 50 Jahren Mitte des 19. Jahrhunderts auf heute 83 Jahre für Frauen und 78 Jahre für Männer. Ein entscheidender Schnitt, möglicherweise sogar ein deutlicher Sprung kündigt sich hingegen eben erst an. Deshalb sollten wir unsere Geschichte zwar mit Virchows Ansicht über die Zelle, aber in der Gegenwart beginnen lassen und uns sogleich ins Epizentrum des neuen medizinischen Umbruchs bewegen. Dieses liegt in Fernost, in der japanischen Kaiserstadt Kyoto.

Wer verstehen will, was die regenerative Medizin antreibt, wird hier einen seiner wichtigsten Kronzeugen finden. Kyoto, eine der bezauberndsten Städte Japans und traditionsverliebt wie kaum eine andere im Land, ist nicht nur reich an Schreinen, sondern vor allem auch an ambitionierten Wissenschaftlern. Tausende sind es, die auch in den schwierigen wirtschaftlichen Jahren der jüngeren Vergangenheit nicht nachgelassen haben, sich mit den milliardenschweren Forschungshochburgen an der amerikanischen Ostküste oder den Forschern der kalifornischen Innovationszentren zu messen. Kyotos Symbolfigur in dieser Hinsicht ist Shinya Yamanaka. Ein Nationalheld, wie man ohne Übertreibung sagen kann.

Shinya Yamanaka und die iPS-Zellen

Ich habe Yamanaka im November 2007 zum ersten Mal getroffen, als ihm am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg der Meyenburg-Preis verliehen wurde. Damals, er war fünfundvierzig und sah noch aus wie ein schüchterner Wirtschaftsstudent, war sein Name eine Art Geheimtipp in der Gemeinde der Biomediziner. Dass dieser junge Mann mit der holprigen Englischaussprache einmal die Medizin umkrempeln könnte, ahnte noch niemand. Jedenfalls äußerten sich alle seine Kollegen extrem vorsichtig. Auffallend war nur sein Hang zur Ironie; das ausgesprochen sympathische, fast unasiatische Bemühen, seinen Vortrag mit – fast immer treffsicheren – Pointen aufzulockern.

Seine erste bahnbrechende Studie hatte er kaum ein Jahr zuvor veröffentlicht – die erste »Bombe«, wie es einer der Pioniere der Genforschung, Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology, später bezeichnete. Yamanaka hatte mit seinem Mitarbeiter Takahashi Kazutoshi in der Zeitschrift Cell seinen bahnbrechenden Aufsatz über die künstliche Erzeugung von extrem wandlungsfähigen Stammzellen aus der Haut von Mäusen (»Induction of Pluripotent Stem Cells from Mouse embryonic and adult Fibroblast Cultures by defined Factors«) veröffentlicht. Es war der Urknall gewesen für die neue Medizin. Nur, wie gesagt, so recht daran glauben mochte damals nach den ersten Tierexperimenten nicht jeder.

Ein paar Monate vor Yamanakas Visite in Heidelberg war sein Name schon einmal gefallen, und zwar in Berlin. Es war auf einer Anhörung des Forschungsausschusses im Bundestag. Seinerzeit war es um die Novellierung des Stammzellgesetzes gegangen. Stammzellen sind die ungewöhnlichsten Körperzellen, die man sich vorstellen kann, und es sind die Zellen, um die es in diesem Buch gehen wird. Aus gutem Grund. Das Besondere einer Stammzelle ist ihr Reifezustand: Sie ist für den Körper, was das weiße Blatt für den Origami-Künstler ist. Aus ihr kann vieles entstehen. Die Stammzellen sind, wenn man so will, die aus der befruchteten Eizelle hervorgegangen Frischzellen-Reserven des Körpers – wobei es durchaus unterschiedliche Frischezustände geben kann. Entwicklungsbiologisch am frischesten sind die embryonalen Stammzellen. Sie wurden einige Jahre vor Yamanakas Arbeit erstmals mit Hilfe von Reproduktionskliniken und der Zustimmung von Paaren, die sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen hatten, aus dem Inneren von übrig gebliebenen, wenige Tage alten, etwa hundert Zellen umfassenden Keimbläschen (Blastozysten) gewonnen – wobei die frühen Embryonen zerstört wurden.

Das deutsche Stammzellgesetz sollte die Herstellung von solchen speziellen embryonalen Stammzellen verhindern. Yamanaka war in Berlin zum wichtigsten Zeugen für die Gegner der Embryonenforschung geworden. Als er 2006 seinen Aufsatz publizierte, gab es immer noch über die Parteigrenzen hinweg vehemente biopolitische Debatten darüber, ob es moralisch gerechtfertigt sei, die Millimeter kleinen, im Reagenzglas gezeugten Keimbläschen, die alles enthalten, was einen Embryo ausmacht, für die Entnahme von Stammzellen zu gebrauchen.

Yamanakas Arbeit wies für die Gegner den Weg aus dem ethischen Dilemma der Embryonenforschung. Er hatte im Mäuseexperiment gezeigt, dass es prinzipiell möglich war, durch die Kontrolle von lediglich vier Genen aus ganz gewöhnlichen Hautzellen zumindest embryonenähnliche Zellen herzustellen, aus denen dann in der Petrischale praktisch unbegrenzt jede Körperzelle gezielt herstellbar ist. Aus alt mach neu. Goethes Zauberlehrling verwandelte den Besen in einen Knecht. Yamanakas Verfahren war technisch zwar noch keinewegs so elegant und ausgereift, wie man es sich bei moderner Jungbrunnen-Alchemie vorstellt. Aber die Ergebnisse waren so beachtlich wie die Vision dahinter.

Und auf die Vision kommt es an, gerade dem Japaner Yamanaka. Er hat wie alle in der Stammzellbranche nicht ein einzelnes fernes Ziel, sondern gleich eine ganze Liste voller hochfliegender Träume: Alzheimer besiegen, Parkinson beseitigen, Herzkranke heilen, Blinde sehend und Gelähmte wieder gehend machen. Allen Mahnungen zum Trotz, die Schraube nicht zu überdrehen und keine Enttäuschungen zu provozieren, wird die Hoffnungsspirale immer höher geschraubt. Auch von Yamanaka selbst. Im Jahr 2012, als er zusammen mit dem britischen »Vater des Klonens«, Sir John Gurdon, den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam, hat er die inneren Kräfte beschrieben, die ihn antreiben. Nur sechs Jahre hatte es für ihn, den leidenschaftlichen Experimentator, von der ersten Veröffentlichung bis zur höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung gedauert. Eine historische Ausnahme. Der britische Klonpionier hatte fünf Dekaden warten müssen, bis einer wie Yamanaka kam, der das, was Gurdon selbst zaghaft an Fröschen ausprobiert und gezeigt hatte, nämlich die Reprogrammierbarkeit des Erbmaterials, in einen visionären medizinischen Kontext zu stellen vermochte.

Möglich geworden ist dies dadurch, dass sich in kürzester Zeit die digitale Revolution von der Computerindustrie auf die Lebenswissenschaften übertragen hat und schließlich von dieser selbst und ihren Protagonisten, den Bioingenieuren, in den Schatten gestellt wurde. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms war sicher ein entscheidender Schritt. Den digitalen Code des Bauplans technisch verfügbar zu machen, war aber nur der Einstieg. Denn inzwischen ist der »Kern jedes Lebewesens«, wie der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins schon 1986 schrieb, als Information identifiziert: »Kein Feuer, kein warmer Atem und kein Lebensfunke sind es, sondern Informationen, Worte, Instruktionen.«2

Leben ist Information

Das Leben, Krankheiten und die Frage unserer Gesundheit hängen, wie in späteren Kapiteln beschrieben wird, von einem adäquaten Informationsfluss ab: den Signalen, welche die Gene in der Erbsubstanz DNA steuern, den Signalen zwischen den Zellen und – ganz entscheidend für die Kontrolle von außen – den Signalen, welche von der Umwelt in die Regulationsmechanismen des Genoms eingreifen. Das genetische Programm in den Zellen selbst wird durch ein Netzwerk von Informationen überlagert, das über ein »epigenetisches« Programm die Lebensprozesse in den Zellen steuert. Wenn also von Reprogrammierung der Zellen die Rede ist, dann geht es um die konkrete Möglichkeit, denjenigen Entwicklungsplan, der auf Basis der DNA von den ersten Zellen im Embryo bis zum Erwachsenen über eine Informationskaskade abläuft, durch gezielte Manipulation wiederherzustellen. Es wird gewissermaßen die Reset-Taste der Zelle gedrückt.

Sämtliche Informationen, die innerhalb und außerhalb der Zelle ausgetauscht werden, lassen sich wie jede Software digital beschreiben und am Computer-Reißbrett planen. Damit hat sich auch das »Zielgebiet« für Eingriffe in diese Informationsnetze enorm vergrößert. Die Hardware-Einheit, auf die die Informatiker des Lebens einwirken, ist nicht mehr das Genom, sondern die gesamte Zelle. Auf diese Weise ist es Yamanaka mit einem gentechnischen Kunstgriff gelungen, die entscheidenden Schlüssel zu identifizieren, die den embryonalen Status einer Zelle zumindest näherungsweise wiederherstellen. Die radikale gezielte Verjüngung hatte vor ihm keiner geschafft. Und es war für viele auch undenkbar, dass das am Ende so einfach möglich sein könnte.

Nach Yamanakas Veröffentlichung waren in kürzester Zeit Dutzende, schließlich Hunderte von Labors weltweit in das neue Forschungsgebiet rund um die »induzierten pluripotenten Stammzellen« (iPS) eingestiegen. Ein beispielloser Boom setzte ein, der die Entscheidung des Nobel-Komitees zugunsten Yamanakas sicher beförderte. Zugleich ist dieser Hype ein untrügliches Zeichen für die »Erfahrungsexplosion«, die der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald, in seinem Essay über die »Zweite Evolution« als schwere kulturelle Bürde der Menschheit beschrieben hat: »Die Beschleunigung des Erfahrungswandels, aber nicht nur des Erfahrungswandels, sondern inzwischen der Lebensvorgänge selbst, ist das zentrale Kriterium der Moderne.«3

Natürlich hat Yamanaka den Stein nicht allein ins Rollen gebracht. Wie immer, wenn ein wissenschaftlicher Durchbruch gelingt, liegen Hunderte, ja Tausende von Publikationen zwischen den Anfängen und dem eigenen Gelingen. Doch der Japaner verfügte zusätzlich über etwas Entscheidendes, das man neben dem Glück unbedingt braucht in einem wettbewerbsintensiven Umfeld: das Gespür für den rechten Moment. Dieser Moment war für Yamanaka Ende der neunziger Jahre gekommen. Man muss diesen Moment erwähnen, weil er zeigt, welche gewaltigen Mächte aus einer großen Idee erwachsen können, wenn junge Talente, die von solchen Ideen besessen sind, trotz Rückschlägen hartnäckig an ihren Zielen festhalten. Die Biotechnikbranche zieht solche faustischen Talente buchstäblich an.

Der Faust der Biomedizin

Yamanaka war an jenem Tag in der Fertilitätsklinik eines Freundes in Osaka zu Gast. Er war in einer Lebensphase, die er später scherzhaft als PAD – »Post America Depression« – bezeichnet hat. Ein Karriereknick drohte. Er hatte, angetrieben von seinen eigenen Verletzungserfahrungen als junger Sportler, Chirurg werden wollen, studierte auch tatsächlich Medizin, entschloss sich dann aber doch, auf Pharmakologie umzusteigen. »Ich habe mir gesagt, wenn du jeden Tag operierst, hast du keine Zeit mehr, Freunde zu finden«, später verwies er auch gerne auf seine geringen handwerklichen Talente im OP, weswegen er sich mit potentiellen Blutdruckmitteln in Hundeexperimenten angeblich nicht unwohl fühlte, doch das Helfersyndrom hatte ihn nicht losgelassen. »Ich hatte gemerkt, dass ich selbst als talentierter Chirurg vielen Patienten mit unheilbaren Krankheiten nicht hätte helfen können«, sagte er in seiner Nobelpreisrede.

Allerdings war auch sein Weg in die Grundlagenforschung kein ganz leichter. Am Gladstone Institute in San Francisco hatte er sich die ersten pharmakologischen und molekularbiologischen Sporen verdient. Als er bei Mäusen das mutmaßliche Leberkrebs-Gen Nat1 untersuchen sollte, stellte sich heraus, dass er sein Thema verfehlen würde. Nat1 war nicht das Tumorsuppressor-Gen, das sich sein Mentor erhofft hatte. Stattdessen war Yamanaka erstmals mit der damals noch eher unbedeutenden Stammzellforschung auf Tuchfühlung gegangen. Nat1 entpuppte sich als Gen zur Aufrechterhaltung von Pluripotenz – jene Eigenschaft, welche die 1981 von Martin Evans aus Mäuseembryonen gewonnenen Stammzellen auszeichnet. Pluripotente Zellen sind Alleskönner. Ihr Markenzeichen ist es, sich in alle drei Keimblätter und damit alle Zellen des Körpers umwandeln zu können. Eine Fähigkeit also, die natürlicherweise in den Zellansammlungen früher Embryonen vorkommt, dann aber im Laufe des natürlichen Entwicklungsprozesses und der weiteren Ausreifung des Organismus verschwindet.

Zurück in Japan an der Osaka City University entwickelte er das PAD-Syndrom, und zwar genau bis zu ebenjenem Tag, als er in der Fruchtbarkeitsklinik eines Freundes durch ein Mikroskop blickte und einen frühen, im Reagenzglas gezeugten menschlichen Embryo sah. Yamanaka, damals Ende dreißig, ging die Diskussion um eine Veröffentlichung des amerikanischen Stammzellpioniers James Thompson durch den Kopf. Dem Amerikaner war es kurz vorher im Jahr 1998 gelungen, nach vielen erfolglosen Versuchen aus menschlichen Embryonen, die von Fruchtbarkeitsbehandlungen übrig geblieben und der Forschung überlassen worden waren, pluripotente Stammzellen zu gewinnen und zu kultivieren. Yamanaka war elektrisiert von der Nutzung der Stammzellen für die Medizin. Doch klar war auch: Die Embryonen wurden bei dem Herstellungsprozess zerstört. Er sah also in das Mikroskop, stundenlang, und konnte an nichts anderes denken als: »Es muss doch einen anderen Weg geben, als menschliche Embryonen dafür zu zerstören.«

Sechs Jahre hat es von diesem Moment an gedauert, bis Yamanaka – mittlerweile an das Nara Institute of Science and Technology gewechselt und schließlich 2004 zur Kyoto University – die direkte Reprogrammierung von gewöhnlichen Hautzellen zu pluripotenten Stammzellen ohne den Umweg über die Embryonenforschung geschafft hat. Wie das möglich war, wird in einem späteren Kapitel des Buches noch ausführlicher zu beleuchten sein. Mittlerweile ist Yamanaka Chef von 250 Mitarbeitern am Center for iPS Cell Research and Application (CiRA) in Kyoto und Leiter einer Biofabrik, die vom japanischen Staat als nationales Leuchtturmprojekt mit Hunderten Millionen Euro finanziert wird. In ihr werden Stammzellzellkulturen von Patienten mit Robotern rund um die Uhr für die Medikamententestung erneuert. Die Züchtung von Geweben, die eines nicht zu fernen Tages die Funktion krankhafter Organe ersetzen sollen, verläuft parallel dazu.

So weit sind wir: Die industrielle Dimension der Biomedizin zeichnet sich schon bei der Skizzierung des Lebenslaufs nur eines, wenn auch ihres wichtigsten, Protagonisten ab. Von der kulturellen und gesellschaftlichen Dimension dieser Veränderung noch gar nicht zu reden. Frühwald muss man Recht geben, wenn er diese Beschleunigung mit den Worten beklagt: »Nicht die Geheimnisse der Welt, sondern deren rasche Entzauberung übersteigt das Fassungsvermögen der Menschen.«4 Der Japaner hat aus den achtbarsten Motiven und auf eine denkbar elegante technische Weise die Frage beantwortet, wie man aus dem schlichtesten Rohmaterial des eigenen Körpers Ersatzgewebe und -organe in der Petrischale erzeugen kann. Eine Entwicklung, die in einer älter und zunehmend morbide werdenden Bevölkerung nicht willkommener sein könnte.

Das gewaltige Potential dieser zellulären Ressourcen liegt auf der Hand. Doch mit der aufkeimenden Hoffnung drängen sich zusehends auch quälende Fragen auf: Die Frage etwa, wie diese neuen Zelltherapien zum einen sicher und zum anderen bezahlbar für die Patienten nutzbar gemacht werden.

Auf dem Weg zum »Übermenschen«?

Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio hat das Dilemma der neuen Medizin treffend beschrieben: »Die Medizin behandelt damit Krankheiten, aber sie hilft damit nicht immer dem Menschen.«5 Wie groß wird wohl das Erschrecken sein, wenn wir feststellen, dass der Arzt für jede Organstörung eine Katalognummer zur Hand hat, wenn ihm auf der anderen Seite aber die Worte und das Verständnis fehlen, sobald der »austherapierte« Patient aus ganz verständlichen Gründen das Unmögliche fordert: Ihr habt die Schöpfung in die Hand genommen und könnt jedes Organ schaffen, warum also bitte soll ich sterben müssen? Und was ist mit denen, die sich die teuren Dienste der Bioindustrie erkaufen möchten, weil sie den Jugendkult als eine legitime Lebensform betrachten?

Der Japaner Yamanaka hat die existentielle Unerschöpflichkeit jeder menschlichen Zelle zu einer realen Option gemacht. Er hat einen Tropfen aus dem Wasser der Unsterblichkeit genommen, und jetzt füllt sich der Jungbrunnen allmählich bis – ja, bis wohin eigentlich? Wie werden die Gesellschaften mit diesen atemberaubenden neuen Möglichkeiten umgehen? Als Individuen können wir vielleicht noch die Chancen sehen, unsere Gesundheit und das eigene Wohlbefinden mit ihrer Hilfe zu optimieren. Mancher jedoch wird sich schaudernd an Friedrich Nietzsches Zarathustra erinnern, der fast prophetische Worte für die biologistisch-evolutionären Möglichkeiten zur Schaffung seines »Übermenschen« gefunden hatte. In Zarathustras Vorrede schrieb der Philosoph im ausgehenden 19. Jahrhundert: »Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?«6

Der Mensch als ein höherer biologischer Typus – ist das denkbar mit den neuen Biotechniken? Wie steht es um die Gefahren des Missbrauchs, wenn Experimente der biotechnischen Selbstoptimierung Schule machen – wie steht es dann um den sozialen Zusammenhalt? Vielleicht ist es zu weit gegriffen, wenn wir uns die Frage stellen, ob mit den neuen Werkzeugen der Biomedizin der biologische Evolutionsprozess selbst immer stärker zu einem Herstellungsprozess werden könnte. Literaten wie Durs Grünbein und Hans Magnus Enzensberger, Künstler wie der Brasilianer Eduardo Kac und der Amerikaner Joe Davis sowie Filmemacher wie Andrew Niccol (Gattaca und Deine Zeit läuft ab) haben solche Visionen und die sozialen Konfliktstoffe, die sich daraus ergeben können, schon ausführlich behandelt. Wir dürfen uns nichts vormachen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Phantasie und Fiktion die Wirklichkeit treffen, mit Jules Vernes Reise um den Mond kam es so – mit Mary Shelleys Frankenstein auch?

Entscheidend ist, dass nicht nur die biotechnischen Fertigkeiten zugenommen und nun auch die entscheidenden Hürden genommen haben, um die Visionen zu verwirklichen. Es ist auch der entscheidende humane Impuls vorhanden: Gesundheit ist vielen heute schon extrem wichtig. Und morgen, mit dem zusätzlichen Ballast des demographischen Wandels, kann sie leicht zu einem Fetisch im großen Stil werden. Entlastung vom Altsein ist ein gewaltiger Antrieb für die Massen. Spätestens, wenn es irgendwann üblich sein wird, die Beschaffenheit des eigenen Körpers in der Klinik mit derselben Selbstverständlichkeit wie Avatare im Computer zu steuern, dürften unsere alten Begriffe davon, was dem Menschen gemäß ist, zum großen Teil veraltet sein. Der Übermensch wird jedenfalls kein Außerirdischer sein.

Ja, es kann einem schon schaudern bei dem Gedanken, dass die Medizin mit all ihren guten Vorsätzen gleichzeitig die Möglichkeiten schafft, die biologische Architektur des Menschen grundsätzlich in andere Bahnen zu lenken.

In dem lesenswerten Band Über die Verborgenheit der Gesundheit, in dem Anfang der neunziger Jahre die Vorträge und die eigenen Patientenerfahrungen des Heidelberger Philospophen Hans-Georg Gadamer veröffentlicht wurden, kann man noch lesen: »Was aus der ärztlichen Kunst hervorgehen soll, ist die Gesundheit, das heißt: das Natürliche selber. Sie ist nicht Erfindung und Planung von etwas Neuem, das es so nicht gibt, und dessen zweckmäßige Herstellung einer vermag, sondern sie ist von vorne herein eine Art Machen und Bewirken, das nichts Eigenes und nichts aus Eigenem macht.«7 Die Festschrift für Paul Vogler verfasste Gadamer im Jahr 1965. Ein halbes Jahrhundert später sind die Grundbedingungen der Heilkunst auf den Kopf gestellt. Dennoch behauptete auch Yamanaka in seiner Nobelpreisrede: »Mein Mentor war die Natur selbst.« Was also kann der Patient von der neuen Hightech-Medizin erwarten?