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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

WIDMUNG
Dieses Buch ist all jenen positiv gestimmten Menschen gewidmet, die mit der alltäglichen Krise leben wollen – und deswegen als unverbesserliche Optimisten davon überzeugt sind, dass heute auf jeden Fall ein besserer Tag ist als morgen.
 
Und meiner Frau Gerti, die das Pech hat, mit dem Glück ihres Lebens verheiratet zu sein.

Zum Geleit
Erst ging was in die Grütze, dann hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Shit happens, und meistens gilt dann Murphy’s Law.
 
Der zweite Chefredakteur von ARD aktuell, Thomas Hinrichs, nachdem die ARD bei der Fußballeuropameisterschaft 2008 in der Hauptnachrichtensendung dank einer elektronischen Bildbearbeitung die Deutschlandflagge rot-schwarz-gold zeigte.
Das Glück und das Pech sind in der Welt völlig transparent verteilt. Die Lottogewinne und den Traumjob haben andere. Vögeln wie Ihnen oder mir bleibt nur das Pech übrig. Ich möchte in diesem Buch deswegen beispielhaft einige wenige – dafür aber ganz besonders garstige – Bereiche hervorheben, in denen es bevorzugt zuschlägt. Da sind zum einen die Reisen, die belegen, dass das Pech uns treu bleibt – ganz egal, wohin es uns verschlägt, und ganz unabhängig davon, ob wir zu sonnigen Urlaubszielen oder öden beruflichen Terminen unterwegs sind. Dann die Arbeitswelt mit all ihren schwierigen Kunden und nervigen Kollegen (ganz besonders gut zu beobachten in den Bereichen rund um Vertrieb und Marketing) und natürlich das Gebiet mit dem allergrößten Verdrusspotenzial – die digitale Welt.
Sie werden sehen, Menschen wie Sie und ich können gar nichts für ihr Pech. Aber wenigstens befinden wir uns dabei in bester Gesellschaft. Das hilft zwar nicht, mag aber trösten, bevor wir mit der einzigen Waffe zurückschlagen, die uns bleibt: der Resignation.

Gegen den Glücksterror: Die Antwort der Realität auf Hirschhausens Märchen
Der Mensch ist von Haus aus ein Pechvogel. Das Einzige, was dabei herauskommt, wenn man sich bemüht, seines eigenen Glückes Schmied zu sein: Der Hammer fällt einem auf den linken Fuß, während man versucht, sein Gleichgewicht zu halten, nachdem man sich den großen rechten Zeh am Amboss gestoßen hat und auf einem Bein durch die Schmiede hüpft. (Nicht zu vergessen, dass man sich wahrscheinlich spätestens dann die fuchtelnde Hand am Schmiedefeuer verbrennt. Aber ich will ja nicht unken.)
»Du hast kein Pech«, wollen uns die Glücksterroristen auf dem Fernsehbildschirm weismachen. »In Wahrheit hast du eigentlich sogar Glück. Du bist lediglich zu dumm, zu ignorant, zu eingebildet, um es zu erkennen!« Das bedeutet also: Normale Pechvögel wie Sie und ich sind selbst schuld, wenn sie nicht glücklich sind. Glücksbücher sind so etwas Ähnliches wie Gehirnwäsche für Fortgeschrittene: Man schiebt eine nicht unerhebliche Summe über den Ladentisch, nur um zu lernen, dass schwarz eigentlich weiß ist und nass eigentlich trocken.
Diese Ratgeber arbeiten mit rhetorischen Fragen, bei denen sie Ihnen als Opfer jede Menge Schuldgefühle einbläuen wollen. Zum Beispiel mit einer Frage wie dieser: »Stellen Sie sich vor, Sie selbst wären das Glück. Würden Sie dann gerne bei sich vorbeikommen?«
»Natürlich nicht«, antworte ich prompt darauf. »Denn wenn ich das Glück wäre (was ich nicht bin) und mich besuchen würde (was ich in diesem Fall auf gar keinen Fall täte), würde ich (das Glück) spätestens im Flur über die dort stehenden Schuhe von mir (dem Ich-Ich) stolpern, beim Ausweichen dem dort schlafenden Hund auf den Schwanz treten und unter Schreien und mit einem Hundegebiss im Hinterteil fluchtartig die Wohnung wieder verlassen. Vermutlich würde ich in der Klinik meine Tetanusspritze von Eckart von Hirschhausen bekommen, der mir – bevor ich mit Allergieschock ins Koma falle – Vorträge darüber zu halten versucht, weshalb ich jetzt aus dialektischen Gründen den gesamten Vorfall lustig finden muss.«
Nein, ich würde auf keinen Fall bei mir vorbeikommen, wenn ich das Glück wäre. (Was auch besser ist. Dann spare ich mir den Tierpsychologen für den neurotisch gewordenen Hund und muss auch den Hausflur nicht neu streichen. Blutspritzer sind bekanntlich schwer zu entfernen.)
Ich als Glück ginge – ist ja klar – zu irgendjemand ganz anderem als zu mir. Zum Beispiel würde ich als Glück zu einem Arzt gehen, der als Komödiant unterwegs ist, und sagen: »Hey, ich bringe alle 56 Bücher von dir in die Top Ten der Bestsellerliste. Und dann mache ich aus den Hör-CDs zu jedem Bestseller einen Verkaufsschlager. Und damit sich deine Veranstaltungen ordentlich verkaufen, kriegst du auch noch jede Menge Fernsehauftritte.«
Zu mir (also zu mir-mir, nicht zu Glück-mir) kommt in der Zwischenzeit der schwarze klebrige Bruder des Glücks. Und der sagt: »Hey, du hast gerade ein Buch geschrieben. Klasse, das stecke ich am besten mal dem Finanzamt, damit sie bei dir eine unangemeldete Steuerprüfung machen können. Ach, es ist vom Autorenhonorar noch etwas übrig? Dann stelle ich deinem Jüngsten auf der U-Bahn-Rolltreppe ein Bein, damit er sich einen Zahn ausschlagen kann. Dass die Krankenkasse nur einen Teil der Rechnung erstattet, ist ja klar.«
Beim Hinausgehen wird sich dann das Pech noch einmal zu mir umdrehen, mir zuzwinkern und sagen: »Aber nicht vergessen: Immer schön glücklich bleiben.«
Und kurz bevor die Tür endgültig ins Schloss fällt, höre ich es aus dem Treppenhaus noch rufen: »Bis zum nächsten Mal! Also dann bis morgen oder so.«
Glück ist nicht selbstverständlich. Pech hingegen schon. Wohl kein Forschungsergebnis, keine philosophische Betrachtung und auch keine Marktanalyse hat mehr zum Verständnis unserer modernen Industrie- und Informationsgesellschaft, der Welt und ihrem Verhältnis zum Einzelnen beigetragen als das Gesetz von Murphy. Wer sich vor Augen führt, dass alles, was schiefgehen kann, auch wirklich schiefgehen wird, der wird durchdrungen von einem tiefen Verständnis für die Welt, das Leben an sich und dem ganzen Rest.
Murphys Gesetz ist die Präzisierung und logische Weiterentwicklung der allgemeinen Entropielehre, nach der alle Teilchen des Universums bestrebt sind, sich in größtmöglicher Unordnung anzuordnen. Die Erkenntnis, dass besagte Teilchen einem auf dem Weg dorthin mindestens einmal auf die Zehen fallen, führt zu Murphys Gesetz, das sagt:
1. Wenn etwas schiefgehen kann, dann wird es auch schiefgehen.
2. Es wird Ihnen widerfahren und nicht Ihrem dummen Nachbarn.
3. Es wird zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt passieren.
4. Sie werden neben dem Schaden auch noch den Spott haben.
Punkt vier bringt mich dabei auf besagtes Buch besagten Autors, an dem man zurzeit einfach nicht vorbeikommt. Selbst als ich meiner Kollegin Andrea einen Besuch abgestattet habe, die die Weihnachtsfeiertage von ihren Kindern getrennt im Krankenhaus verbrachte, weil der Arzt ihr Knie zum dritten Mal aufschneiden musste, lag dort ein »Glück«-Buch auf ihrem Nachttisch. Und zwischen ihren Schmerzwellen säuselte sie mich unablässig an, wie sich dank dieses Buches ihr Leben verändert hätte. Weil sie nun die wahren Ursachen des Glückes erkannt hätte: »Das Buch ist sooo toll. Das musst du un-bedingt lesen.«
»Nö. Muss ich nicht!« (Das habe ich aber nicht laut gesagt.)
Denn erstens führe ich Andreas Glücksausbruch auf eine medikamentöse Ursache zurück. Und zweitens werde ich mir meine Vorurteile über das Buch und seinen Autor nicht dadurch kaputt machen lassen, dass ich es wirklich lese.
Hinzu kommt, dass man Kranke bekanntlich nicht aufregen sollte. Und meine Kollegin Andrea erst recht nicht, schließlich leidet sie unter angeborenem Bluthochdruck – und ein Herzinfarkt würde wohl selbst ihr Glücksgefühl beeinträchtigen. Ich bin ohnehin der festen Überzeugung, dass Glück vor allem eine Sache der Chemie ist und nicht des Verstandes. Aus dem Volksmund stammt schließlich der Satz: »Ich bin besoffen vor lauter Glück.« Und nicht: »Ich bin besoffen vor Pech.« Auch enthalten die chemischen Cocktailbars von Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken und Drogendealern jede Menge Glückspillen – aber keine einzige Pechpille.
Apropos »hirnloses Grinsen«: Schließlich gibt es zwar körpereigene Glückshormone – die Endorphine -, aber keine körpereigenen Pechhormone – die dann vermutlich Exorphine heißen müssten. Das körpereigene Pech ist schließlich mit jedem einzelnen Molekül unseres Körpers fest verbunden, so dass es keine separaten körpereigenen Chemiefabriken zu dessen Produktion benötigt.
Um Glück zu haben, reicht Chemie. Pech hingegen benötigt Verstand.
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Ich, das Universum und der ganze Rest: Warum Pech mathematisch nicht nur wahrscheinlich, sondern unausweichlich ist
Der erste Mensch, dem aufgefallen ist, dass irgendetwas an dem Universum, dem Leben und dem ganzen Rest seltsam ist, war ein Science-Fiction-Autor. Wie immer im Leben braucht es offensichtlich einen Spinner, um die Wahrheit zu entdecken.
Würde man meine allerliebste Ehefrau jetzt fragen, so würde sie erklären, dass genau dies der Grund sei, weshalb ich Bücher schreibe. (Zum Glück fragt sie keiner.)
Der Science-Fiction-Autor John W. Campbell Jr. postulierte »Finagles Gesetz des dynamischen Negativen«. Es leitet wissenschaftlich her, dass es einen mathematischen Grund gibt, weswegen das Pech einem an den Schuhen klebt wie – nun, sagen wir: wie Pech. Kaum hatte er dieses Gesetz formuliert, erlebte er die Wirksamkeit von Finagles Gesetz am eigenen Leib. Er wurde nämlich durch einen dummen Zufall um die Frucht seiner Entdeckung gebracht, die als »Murphys Gesetz« ihren Weg um die Welt nahm:
Im Jahr 1949 nahm der Ingenieur Captain Murphy auf einem kalifornischen Testgelände am Raketenschlitten-Programm der US Air Force teil. Ziel dieses überaus kostspieligen Experiments war es herauszufinden, welche Beschleunigungen der menschliche Körper aushalten kann. Dazu mussten am Körper der Testperson 16 Messsensoren befestigt werden. Diese Sensoren konnten auf zweierlei Arten befestigt werden: auf die richtige Art – und so, wie sämtliche Sensoren schließlich angeschlossen waren.
Murphy formulierte Finagles Gesetz, das dann als Murphys Gesetz weltberühmt wurde. Weswegen John W. Campbell keinen Literatur-Nobelpreis bekam (Captain Murphy übrigens auch nicht): »Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonst wie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.«
Ich kann Murphys Gesetz übrigens mathematisch beweisen (und bekomme, so wie ich die Sache einschätze, dafür ebenfalls keinen Nobelpreis. Weder den für Literatur noch den für Mathematik). Um nämlich festzustellen, wann ein für uns übler Vorgang – beispielsweise der Programmabsturz am PC ohne vorherige Sicherung der Arbeit – tatsächlich eintritt, muss man seine Wahrscheinlichkeit berechnen.
Die Wahrscheinlichkeit eines beliebigen Ereignisses wiederum wird von jedem durchschnittlich begabten Statistiker wie folgt definiert:
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Rechnen wir also aus, wann wir Pech haben, indem wir in diese Formel den für uns negativen Fall einsetzen:
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Die Zahl der möglichen Missgeschicke ist groß, die Zahl der möglichen Ereignisse ebenfalls. Allerdings: Durch die verstreichende Zeit sinkt die Zahl der möglichen Ereignisse, während natürlich die Zahl möglicher Missgeschicke unverändert hoch bleibt. Der Zähler des Bruchs ist also eine große Zahl, sein Nenner eine kleiner werdende Zahl. Irgendwann wird dieser Bruch infolge den Wert »1« erreicht haben. Eine Wahrscheinlichkeit von »1« ist für den Mathematiker der Zeitpunkt, an dem ein Fall garantiert eintritt.
Das bedeutet im Klartext: »Wenn man nur lange genug wartet, ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern zu 100 Prozent sicher, dass man Pech hat.« Was einem natürlich schon der gesunde Menschenverstand sagt.
Sie misstrauen dem gesunden Menschenverstand? Oder Sie gehören zu den sieben von fünf Menschen, die mit Mathematik ihre Schwierigkeiten haben? Dann lassen Sie mich auf eine andere mathematische Art beweisen, warum das Glück um Menschen wie Sie und mich einen großen Bogen macht – während das Pech umgekehrt auf Sie und mich genau so reagiert, wie eine Büroklammer auf einen Büroklammermagneten.
Ich postuliere dazu zunächst einmal, dass das Pech größer ist als das Glück (was ja zwar eigentlich eine Erkenntnis ist, die jeder normale Mensch sofort unterschreiben wird, aber es geht hier ja um den mathematischen Beweis; Ausnahme sind natürlich die Glücksritter, also Lottogewinner und Autoren von Glücks-Büchern. Aber die laufen ja sowieso außer Konkurrenz):
Pech > Glück
Wir setzen in diese (Un-)Gleichung unsere Wahrscheinlichkeitsformel ein. Pech tritt also ein:
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Die Zahl der möglichen Ereignisse steht auf beiden Seiten unserer Ungleichung, wir können also durch Kürzen die Ungleichung vereinfachen:
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Was logisch ist: Es gibt tausend Arten, weswegen etwas schiefgehen kann. Aber es muss schon sehr viel zusammenkommen, damit etwas funktioniert und ein Erfolg wird.
Wer also (wie Sie und ich) mehr Pech als Glück im Leben hat, der braucht nicht zu verzweifeln (auch wenn das natürlich hilft). Denn er weiß ab heute: Es liegt an der Mathematik. Und gegen die ist bekanntlich kein Kraut gewachsen.

Reisen: Warum es anderswo auch nicht besser ist

Hotels: Die snobistische Fortsetzung von Barbarei und Plünderung

»Liebling?!«, flötet meine Frau. Alarmiert richte ich mich in meinem Sessel auf. Meine Augen öffnen sich zu ihrer vollen, wohlgeformten Rundung, Blut schießt in meine Ohren. Das passiert ganz automatisch, wenn mein Körper in den Alarmmodus schaltet.
Denn wenn meine Frau »Liebling« sagt, dann will sie mir in aller Regel etwas Dramatisches, etwas Katastrophales oder etwas lebensverändernd Wichtiges mitteilen. Zum Beispiel, dass die Twin Towers eingestürzt sind, der Iran Israel mit Atombomben angegriffen hat, meine Tochter zum dritten Mal heiraten will (zum Glück habe ich keine Tochter) oder ich den Müll schon wieder nicht runtergebracht habe.
Der flötende Unterton ist allerdings das akustische Signal für einen Wunsch. Wenn meine emanzipierte Frau sich auf Flöten verlegt, dann ist ihr Wunsch unangenehm (für mich). Oder teuer (dito). In der Regel beides.
Ein geflötetes »Liebling« signalisiert also: »Ich hätte gerne etwas von dir, was du auf den Tod nicht ausstehen kannst, aber wage es nicht, dich in irgendeiner Weise dagegen aufzulehnen, sonst passiert etwas Dramatischkatastrophales wie beispielsweise ein mehrstündiges Beziehungsgespräch.« Mein Stolz auf meine Fähigkeiten als Frauenversteher wird nur von meinem Grauen übertroffen. Denn sie setzt hinzu: »Ich würde gerne mal wieder mit dir ein Wochenende in einem kleinen Hotel verbringen.«
Nun habe ich grundsätzlich nichts dagegen, mich mit meiner Frau für längere Zeit ungestört in einem Raum aufzuhalten, dessen wesentlicher Einrichtungsgegenstand ein großes Bett ist. Allerdings hat sie das »H«-Wort ausgesprochen, was mich für gewöhnlich frösteln lässt. Für meine Frau ist ein Hotel ein Ort, in dem auf geheimnisvolle Weise das Bett stets frisch gemacht ist, drei warme Mahlzeiten auf den Tisch kommen, die Handtücher gewaschen sowie Bad und Klo geputzt werden. Kurz: Für sie ist ein Hotel das, was für mich unsere gemeinsame Wohnung ist.
Für mich wiederum ist ein Hotel ein Ort, wie er im Kino gezeigt wird – meist mit Titeln, die auf »… des Grauens« oder »… des Entsetzens« enden. Dort (im Kino, nicht im Hotel) werden zwar auf pädagogisch ausgesprochen befriedigende Weise für gewöhnlich nervige US-Teenager ihrer gerechten Bestrafung zugeführt. Allerdings sind am Schluss die Überlebenden (wenn es denn welche gibt) zutiefst verstört, traumatisiert und geschockt. Kurz: Sie sind genau das, was ich bin, wenn ich ein reales Hotel endlich wieder verlassen darf – nur bekommen die Schauspieler Geld dafür, während ich nach Ende eines Hotelbesuchs geplündert bin wie Rom nach dem Abzug der Barbaren.
Was kein Wunder ist. Denn wenn ein durchschnittlich begabter Barbar am Projektende, also nach all dem Plündern und Vergewaltigen, seinen Beutel voll mit geraubtem Geschmeide und schmutzigen Socken geschultert hatte, dann wusste er für gewöhnlich, was er wollte: nämlich seinem erwählten Beruf nachgehen.
Deswegen ging ein aufstiegsorientierter Barbar, wenn er etwas auf sich hielt, zum einzigen noch brutaleren Barbaren, den er kannte – zum Immobilienmakler in der Region -, erstand von dem Erraubten einen Gasthof und vererbte diesen irgendwann seinen Nachkommen.
Diese üben, viele Generationen später, noch immer dasselbe Gewerbe wie ihr Urahn aus – teilweise zumindest (über das mit dem Vergewaltigen möchte ich kein Urteil abgeben, nur bei der Sache mit der Plünderung bin ich mir ganz sicher). Der Barbar von heute also wird nicht nur vom Gesetz gedeckt, sondern trägt auch statt verflohtem Fell oder unbequemer Rüstung maßgeschneiderte Anzüge mit Schlips und bei Bedarf zweireihige rote Jäckchen.
Sie verstehen also, dass ich eine tiefe Abneigung habe, mich freiwillig dem Akt der Plünderung zu überlassen. Aber es geschieht, was immer passiert, wenn männliche Logik und weibliche Intuition aufeinandertreffen: Ich verliere.
Und so stehen wir drei Wochen später mit unserem Gepäck vor dem Eingang von etwas, was das Online-Reisebüro folgendermaßen beschrieben hatte: »Entzückendes Chalet« (übersetzt: »teuer«) »in zauberhafter Umgebung« (»besonders teuer und am Arsch der Welt«), »mit exklusivem Ambiente« (»teuerteuerteuer«) und »verfügt über einen großen Sport- und Wellnessbereich« (»teuer für alle, die diesen Bereich nutzen – insbesondere für diejenigen, die mit einer Frau wie meiner dort anreisen«) »und eine ausgezeichnete Küche« (»extrem teuer, fragwürdige exotische Zutaten, winzige Portionen«).
Während ich mit dem für unseren Wochenendaufenthalt ausreichenden Kleingepäck angereist bin, hat meine Frau mit Zähnen und Klauen um jedes Einzelteil gekämpft, das sie in die Armada ihrer Schrankkoffer versenken wollte. Am einfachsten war es noch gewesen, sie bei der Zahl der mitgenommenen Paar Schuhe zu bremsen. »Mehr als 33 Paar«, habe ich in meiner männlich-dominanten Art von Anfang an beharrt, »nimmst du nicht mit.«
Mein schwaches Weib hat mit gesenktem Kopf meiner Anordnung Folge geleistet. Nachdem kein einziger Schuh mehr als die von mir genehmigte Anzahl in den Tiefen des Schrankkoffers verschwunden war, verzichtete sie leichten Herzens auf den verbliebenen Inhalt ihres Schuhschranks. Nicht zuletzt deswegen, weil der dort einzig noch stehende rote Pelzstiefel etwa Schuhgröße 62 hat und von der Familie ausschließlich am 6. Dezember für die Bestückung mit Schokolade, Nüssen und Lebkuchen verwendet wird.
Bei der einzupackenden Bekleidung mischte ich mich dann nicht mehr ein, als mein Einwand, dass sie doch lediglich ein paar Spitzennegligés mitnehmen müsse, weil ich sie darin am liebsten sähe, mit einem geschnaubten »Männer!« vom Tisch gefegt wurde.
Ich musste lernen, dass eine Frau von Welt nur dann für ein Wellness-Wochenende in einem Hotel einchecken kann, wenn sie für jeden sich eventuell ergebenden Anlass auch das richtige Outfit dabeihat. Unter »sich eventuell ergebende Anlässe« fallen für meine Frau eine Einladung zum Tee, ein informelles Abendessen, ein formelles Abendessen, der Opernbesuch, ein Junggesellenabschied, eine Hochzeit, eine Scheidung, eine Beerdigung, die Teilnahme an einem Mordgerichtsprozess, ein Zirkusbesuch, eine morgendliche Ausfahrt in der Kutsche, ein Ausritt hoch zu Pferde, eine Fuchstreibjagd, eine Tigertreibjagd im indischen Dschungel mit anschließendem Ausritt auf dem Elefanten, ein Besuch der Internationalen Raumstation sowie die Krönung des nächsten englischen Königs.
Immerhin konnte ich mich beim Thema Papstwahl durchsetzen, als ich einwarf, dass weder ich noch meine Frau katholisch geschweige denn einer von uns Kardinal sei. Schweren Herzens (und nicht, ohne mir vernichtende Blicke zuzuwerfen) hatte sie daraufhin Talar und scharlachrotes Birett wieder ausgepackt. (Die Soutane entdeckte ich erst später. Sie hatte sie zwischen ihren Unterröcken versteckt.)
Handtücher packt meine Frau immer ein, völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass seit Mitte des letzten Jahrhunderts kein einziges Hotelzimmer mehr ohne frische Handtücher gesichtet wurde.