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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Es gibt so viele Fragen in der wilden Welt über den Wolken: Warum legen zum Beispiel alle Reisenden ihr schweres Handgepäck genau in dem Moment in die Fächer über dem Sitz, in dem die Stewardess das Gegenteil verlangt? Warum steht man so lange in einem Bus auf dem Boden herum, obwohl man doch eigentlich fliegen will? Warum steckt ein gutbetuchter Business-Class-Flieger oft schnell und hektisch viele Umsonst-Erfrischungstücher ein und freut sich darüber? Und warum trinken so viele Menschen im Flugzeug Tomatensaft, die sonst nie Tomatensaft trinken?
In Stand-up-Comedy-Manier erzählt Thomas Hermanns von seinen Erlebnissen beim Fliegen, vom Ticketkauf bis zum verlorenen Koffer, vom Einchecken mit Übergepäck bis zur Landung auf einem Miniflughafen. Und er gibt Tipps, wie man im oft hektischen Flugverkehr die Ruhe behält, damit man in der Luft nicht in die Luft geht!

Autor
Thomas Hermanns ist Showmacher und Experte für Popkultur. Er erfand den Quatsch Comedy Club, moderiert die gleichnamige TV-Show und zahlreiche große TV- und Live-Events. Er ist unter anderem Gewinner der Goldenen Kamera und bekam bisher dreimal den Deutschen Comedy Preis verliehen. 2009 erschien sein erstes Buch »für immer d.i.s.c.o.« und das gleichnamige Hörbuch.

WELCOME ON BOARD!
Nur Fliegen ist schöner – hieß es früher. Heutzutage ist ein einfacher Flug von A nach B, ob Urlaubs- oder Berufsflug, jedoch eher ein Hindernislauf als ein luxuriöses Dahintreibenlassen. Der Aufforderung der Stewardess, »Sit back and relax!«, ist schwierig nachzukommen, denn wenn man zum Beispiel versucht, den Sitz zurückzuklappen, und zwar die ganzen 0,5 Zentimeter, die überhaupt möglich sind, entspannt das erstens gar nicht und führt zweitens auch oft dazu, dass dem Hintermann der Tomatensaft von seinem Klapptisch über die Hose kippt und hinter einem wütendes und unentspannendes Geschrei ausbricht. Und damit sind wir beim größten Mysterium der Lüfte: dem Tomatensaft! Warum trinken so viele Menschen im Flugzeug Tomatensaft, die sonst nie Tomatensaft trinken? Warum nicht Apfel- oder Orangensaft? Was bedeutet das? Es gibt so viele Fragen in der wilden Welt über den Wolken: Warum legen zum Beispiel alle Reisenden ihr schweres Handgepäck genau in dem Moment in die Fächer über dem Sitz, in dem die Stewardess das Gegenteil verlangt? Und warum denken diese Menschen, dass die Stewardess das nicht bemerkt, wenn sie sie in diesem Moment nicht anschauen? Warum steht man so lange in einem Bus auf dem Boden herum, wenn man doch eigentlich fliegen will? Warum steckt ein gutbetuchter Business-Class-Flieger oft schnell und hektisch viele Umsonst-Erfrischungstücher ein und freut sich darüber? Und warum steht an jeder Flugzeugeingangstür auf Englisch, dass die Türen bei Start und Landung geschlossen sein müssen? Wissen die Flugbegleiter das etwa nicht? Müssen sie wirklich durch einen kleinen Aufkleber jedes Mal daran erinnert werden? Sollten sie dann überhaupt Tomatensaft ausschenken dürfen?
Dieses Buch eines Vielfliegers möchte das Reisen mit dem Flugzeug erleichtern und vergnüglicher machen. Für alle Seiten. Denn auch die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter sind oft sehr müde, wenn sie zum 300 000. Mal die Security Show vorführen müssen. Und kaum einer hinguckt. Es ist ein Buch für gegenseitiges Verständnis im Flieger, für den Spaß an der Reise und für das Kichern zwischendurch. Mein persönliches Smiles & More-Programm. Now sit back – and really relax!

Kapitel 1
BERLIN – HAWAII: NEUNZEHN EURO
(Die Buchung)
 
 
Es kann ja gar nicht sein. Es ist völlig unmöglich. Es gibt ja auch kein Cartier Diamantenkollier für 5 Euro 50. Oder eine Yacht für 120 Euro. Und trotzdem jubilieren uns seit einigen Jahren plötzlich in ganz Deutschland Plakate Preise für Flüge zu, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Früher gab es überhaupt keine Plakate mit Flugpreisen drauf. Wenn eine Airline mit Plakat warb, dann mit einer freundlich lächelnden Stewardess oder breiten Sitzen, aber nicht mit Preisen. Flüge hatten einen Preis und das war es. Aber nun leben wir ja im Zeitalter der sogenannten Billigflieger, der Schnäppchen-Shuttles, den auf Englisch so nett benannten »No Frills Airlines«-Luftlinien ohne Extras. Und das kann man wörtlich nehmen. Aber dazu später mehr.
Zunächst einmal hat sich aber durch das neue Preisbewusstsein der Anfang jeder Reise, der Buchungsvorgang eines Fluges, grundlegend verändert. Verändert von dem Anruf bei oder dem Besuch in einem Reisebüro hin zum mehrtägigen Internet-Marathon mit erheblichen Gefahren für Gesundheit, Partnerschaft und Haustiere. Da wir nun selber auf jeden Fall den günstigsten Preis für einen Flug »schnappen« wollen, müssen wir jetzt auch selber arbeiten. Und deshalb gibt uns heute schon der Erwerb eines Flugtickets den Vorgeschmack auf die grundsätzliche Umschiftung von unserer alten Position des »Kunden« zur neuen Position des »Mitarbeiters«. Oder um es anders zu sagen: Wenn ich mein Ticket selber finde, buche und ausdrucke, die Koffer beim Einchecken selber beklebe und aufs Band setze, mir mein Essen und Trinken für das Flugzeug selber mitbringe und dann selber meine Musik in meine Ohren stöpsele, damit ich nicht zum 1000. Mal »I believe I can fly« von R. Kelly hören muss – darf ich dann vielleicht auch irgendwann alleine das Flugzeug fliegen? Oder muss ich das dann sogar? Sollte ich deshalb eventuell jetzt schon einen Pilotenschein machen?
Die Ticketsuche im Internet: Zuerst ist ja alles ganz schick und modern. Ich sitze zu Hause, voll Vorfreude auf meine Reise und vor mir die vielen bunten Seiten mit Angeboten. Ich atme durch – und fange an zu arbeiten. Denn jetzt kommt das erste Problem: Es gibt zu viele Seiten. Mit zu vielen verschiedenen Anbietern von verschiedenen Tickets von verschiedenen Airlines. Und auch übergeordnete Serviceseiten mit mehreren Airlines im Programm haben nicht ALLE Airlines im Programm. Und dann bald die erschreckende Wahrheit: Keine Seite hat ALLE Airlines im Programm. Das heißt für eine beliebte Strecke wie Frankfurt – New York gibt es schon grundsätzlich zehn Multi Airlines-Seiten plus natürlich die ganzen einzelnen Seiten der einzelnen Fluglinien. Und was, wenn Pakistan Air auf dieser Strecke in Frankfurt einen Zwischenstopp macht und einzelne Gäste noch für die Strecke Dehli – New York dazulädt? Wo finde ich das denn?
Mein Tipp schon an dieser Stelle: Wenn Sie nicht Millionär oder arbeitslos sind, also grundsätzlich über viel Zeit verfügen, oder wenn Sie das Internet nicht per se lieben und gerne viel Zeit darin verbringen, weil Ihnen die reale Welt heute sowieso schon zu kalt und bedrohlich ist, oder wenn Sie grundsätzlich noch eine Art von Privatleben besitzen – SCHALTEN SIE AN DIESER STELLE DEN COMPUTER AUS! JETZT! Rufen Sie ein Reisebüro Ihrer Wahl an, am besten das kleine niedliche um die Ecke, wo freundliche Menschen den ganzen Tag unter Postern von Angkor Wat oder den Seychellen sitzen müssen, ohne je da gewesen zu sein. Und dann sagen Sie: »Einmal Frankfurt – New York bitte, die billigste Möglichkeit!« Und legen auf. Und gehen dann mit dem Hund raus, kochen Lasagne oder rufen Ihre Mutter mal wieder an. Leben Sie!
Versuchen Sie NICHT UND UNTER KEINEN UMSTÄNDEN selbst das günstigste Angebot herauszufinden! Versuchen Sie NICHT, den Unterschied zwischen den New Yorker Flughäfen JFK, La Guardia und Newark zu begreifen inklusive Fahrtzeiten nach Manhattan! Versuchen Sie NICHT sich vorzustellen, Sie würden die zehn Stunden Flug auch mit einem Mindestabstand zwischen Sitz und Vordersitz überstehen und Ihr Essen selbst mitbringen, und drücken Sie UNTER KEINEN UMSTÄNDEN auf diesen blinkenden Button »Jetzt Upgrade zur First???«! Sie werden 24 Stunden später schweißgebadet und mit zitternder Hand in Ihr Bett sinken mit Worten wie »Special Last Minute Rate«, »Special Last Minute Special Rate« und »Special Special Rate« im Kopf. Vor allem: Sie werden an Ihrer potentiellen Ersparnis selber mindestens zwölf Stunden real gearbeitet haben. Hätten Sie in Ihrem Job einen Minimalstundenlohn von 7 Euro 50, hätten Sie also schon circa 100 Euro verballert! Studienräte und Immobilienmakler haben in der gleichen Zeit quasi schon das Geld für den ganzen Flug investiert! Und Sie haben nicht nur Zeit und Geld verbraucht, sondern vor allem wertvolle Nerven durch so besondere und besonders unschöne Internet-Booking-Phänomene wie dem berühmten »dreifachen Abbruch«.
»Der dreifache Abbruch« ist so etwas wie der misslungene dreifache Rittberger bei einer Buchung im Netz. Es ist immer dieser bestimmte Moment, in dem Sie DENKEN, dass Sie alles geleistet haben: Sie haben den perfekten Flug für Ihre Bedürfnisse gefunden, Sie haben ALLE Ihre Daten eingegeben – inklusive der letzten Pockenimpfung und der Schuhgröße Ihres ehemaligen Mathematiklehrers – und Sie haben sogar ganz hinten im Ordner diese eine Meilensammelkarte von Air India gefunden, auf die Sie vor zwölf Jahren schon mal ein kostenloses Startguthaben von 50 Meilen eingetragen bekommen haben und auf der ja dann gleich so richtig viele frische Meilen dazukommen – und dann blinkt es auf einmal! Es blinkt und sagt Sachen wie »Ungültige Eingabe!« oder »Überprüfen Sie Ihre Daten!« Und Sie gehen auf den Seiten zurück, und kleine Sternchen oder Häkchen leuchten da auf, wo NOCH ETWAS FEHLT oder ETWAS NICHT STIMMT, und Sie werden nervös. Denn oft läuft neben diesem blinkenden Vorwurf auch noch ein Countdown ab. »Sie haben noch zehn Minuten, um Ihre Buchung zu vervollständigen«. Oder Sie sehen sogar ein kleine Uhr mit kleinen Ziffern, die Sie antreibt: »Buchung inkorrekt!« … »Buchung noch nicht erfolgt.« Schön wäre die ehrliche Meldung: »Die letzten zwei Stunden Ihres Lebens waren völlig für den Arsch!« Aber nein, jetzt geht der Wettlauf los, Mensch gegen Maschine, Erfinder gegen Erfundenes, Norbert gegen das Netz. Wo fehlt noch was? Ach ja, die Schuhgröße des Mathelehrers musste in englischer Größe angegeben werden, da wird jetzt die Zahl 44 nicht akzeptiert, sondern nur 11 ½. Und bei der Impfung fehlen noch Name und Körbchengröße der damals impfenden Krankenschwester. Und dann ist man sich nicht mehr ganz sicher, soll man sie jetzt persönlich anrufen oder rät man einfach? O Gott, die Meilensammelnummern bei Air India haben jetzt alle eine Null vorne dran, kann man diese Null selbstständig setzen, oder wird man dann beim nächsten Zwischenstopp in Mumbai verhaftet? Und WARUM
BLINKT DAS IMMER NOCH, OBWOHL KEINE STERNCHEN MEHR DA SIND? Und warum tut sich jetzt gar nichts mehr? Und warum steht jetzt auf einmal da: EINGABEZEIT-RAUM ABGELAUFEN. BITTE BEGINNEN SIE DEN BUCHUNGSVORGANG ERNEUT. Gefolgt von der größten denkbaren Beleidigung in diesem Moment: WIR DANKEN IHNEN FÜR IHREN BESUCH!!! SO möchte ich niemanden besuchen! Wenn ich jemanden besuche, muss ich nicht zuerst etwas ausfüllen! Wenn ich jemand besuche, bekomme ich einen Kaffee! Und wenn ich bei einem echten Besuch Sternchen sehe, dann nur aus Spaß und Trunksucht!
Ich kenne Fälle, bei denen Menschen in solchen Momenten ihren Laptop an die Wand geworfen haben. Aber das macht den Flug auch nicht billiger. Apropos billiger – selbst wenn Sie zu den glücklichen und Internet-geschulten Menschen gehören, denen der »dreifache Abbruch« noch nie passiert ist (das sind zum Beispiel alle Menschen unter 16 Jahren), kommen Sie beim Online-Booking auf alle Fälle in den Genuss des Spieles »Finde die Extragebühr!«. Auch dieses Spiel ist etwas für absolute Könner! So geht es: Im Verlauf Ihrer Buchung kommen immer wieder kleine Kästchen auf Sie zu, die Sie ankreuzen müssen à la »Habe akzeptiert, dass« oder »Mir ist jenes bewusst«. Und nach dem Ankreuzen gibt es dann Extragebühren, von denen Sie bis dahin noch nie gehört haben! Kreditkarten-Nutzunggebühren (man könnte ja auch zu Hause an seinem Küchentisch cash bezahlen …), Flughafengebühren (man könnte ja auch zu Hause abfliegen …) oder mein absoluter Favourite: Online-Booking-Gebühren! Man zahlt dafür, dass man alles selber macht! Ich nenne diese Gebühr die »Maso-Gebühr« – man ist selber schuld, und das findet man ganz toll!
HIER EIN PAAR VORSCHLÄGE FÜR GEBÜHREN, DIE MAN BEI EINER ONLINE-FLUGBUCHUNG NOCH EINFÜHREN KÖNNTE:
1. Die Server-Nutzungsgebühr – man belegt ja gerade den Server der Fluglinie, und das kostet.
2. Die Travel-Center-No-Job-Soli-Gebühr – man nimmt ja gerade einem Reisebüromitarbeiter den Job weg, und das kostet.
3. Die »Ich bin zwar eine Maschine, aber ich habe auch Gefühle«-Gebühr – man macht alles falsch, der Computer ist gestresst, und das kostet.
4. Die Airport-Verschmutzungs-Gebühr – Ihre Anwesenheit am Flughafen verunreinigt das ganze schöne Gebäude, und das kostet.
5. Die Piktogramm-Gebühr – Grafiken im Netz wie Belegungspläne in Flugzeugen oder Lagepläne von Newark sind aufwendiger in der Gestaltung, und das kostet.
6. Die Print-out-Gebühr – viele kleine Menschen in Ihrem Drucker zu Hause müssen schwarzen Kohlestaub auf Druckwalzen schippen, und das kostet.
7. Die Gebühr-Gebühr – von nichts kommt nichts, und das kostet.
8. Die Verdummungs-Gebühr – glauben Sie wirklich, Sie kommen für 19 Euro von Berlin nach Hawaii? Das kostet.
9. Die »Wir wissen noch nicht warum«-Gebühr – die Zukunft ist voll von unvorhersehbarer Gebühren, und das kostet.
10. Die Cancellation-Blues-Gebühr – wenn Sie auf die Reise verzichten, sind wir bei der Airline ganz traurig, und das kostet.
Die ideenreichste Fluglinie der Welt beim Thema Gebühren dürfte der irische Billigflieger Ryanair sein. Laut Presseberichten überlegte die Airline ernsthaft, eine FAT TAX für übergewichtige Passagiere einzuführen und kam gleich darauf auf die Idee, eine Extragebühr für die Klobenutzung im Flugzeug zu verlangen – eine Art PIPI TAX. Beides wurde noch nicht umgesetzt, aber die kreativen Köpfe bei Ryanair denken weiter – wenn sie nicht gerade den alljährlichen Pin-up-Kalender ihrer Stewardessen in Bikinis herausbringen (natürlich für Charityzwecke …) – zurzeit denkt man über Stehplätze (!) im Flugzeug nach …
Zurück zum Buchungsspaß: Den allergrößten Fun beim Buchen kann man heute haben, wenn man auf die Idee kommt, seine wohlverdienten Meilen gegen einen Freiflug einzutauschen. Dafür hat man sie ja gesammelt. Und gerade die zwölfstellige Nummer eingetippt. Und die Brieftasche mit diversen Karten ausgebeult. Aber jetzt wird es ganz schwierig, denn wir begegnen hier einem der wichtigsten Wörter beim Booking und auch schon gleich einem der mysteriösesten: dem KONTINGENT. Oh, das Kontingent! Das Kontingent, um es mal ganz klar zu sagen, ist einfach nur eine Menge, die sich sprachlich wichtig macht. Quasi die Zicke, die Paris Hilton der Mengenlehre. Denn ein KONTINGENT ist natürlich nicht nur eine normale Menge, nein, es ist eine quasi von oben (Gott?) definierte Menge, die auf ewig schwanken kann, verschwinden, auftauchen oder sich sonst wie wichtig machen. »Ich habe da kein Kontingent!« ist das telefonische Mantra jeder Sachbeabeiterin, bei der man seine Meilen einlösen möchte, die damit eigentlich ausdrücken will: »Dafür gebe ich Ihnen kein Ticket!« Aber anstatt zu sagen: »Dafür gebe ich Ihnen kein Ticket«, bemüht sie »La Kontingenta«, eine launische und verspielte Göttin, mit der wirklich nicht zu spaßen und selten zu rechnen ist. Ich habe einmal den Scherz versucht »Dann sind Sie ja jetzt quasi inkontingent!«, was leider trotz Wortspielhumor auch nicht zum verdienten Upgrade von Economy zur Business Class führte.
Auf den Flügen, für die Sie Ihre Meilen einlösen wollen, gibt es meistens einfach keinen Platz. Aber es gibt ja andere Möglichkeiten: Sie könnten statt nach New York ja nach Bremen fliegen! Oder – und das ist mein Lieblingsangebot der telefonischen Kontingent-Sklavinnen – statt Flugvergünstigungen einen schicken Gegenstand bekommen. Eine Reisetasche zum Beispiel. Oder ein Flugzeugmodell. Nun denke ich immer, dass die meisten Leute, die durch ihre Meilen einen Freiflug oder ein Upgrade erreichen möchten, schon eine Reisetasche besitzen. Und ein Flugzeugmodell nicht brauchen, sie wollten ja fliegen und nicht spielen. Mein traurigstes inneres Bild dazu ist ein nervlich zerrütteter Online-Bucher, der an seinem Küchentisch sitzt und statt in New York zu sein mit zitternden Händen mit einem Flugzeugmodell Boeing 707 »Fliegen nach New York« spielt. Und dabei murmelt: »Gib mir Kontingent!«
MEINE FÜNF LIEBSTEN NAMEN VON MEILEN-SAMMELSYSTEMEN:
1. Reward$ – Air Namibia (ehrliches Wortspiel)
2. Flying Blue – KLM (etwas traurig)
3. Enrich – Malaysia Airlines (etwas gierig)
4. Victoria – TAP Portugal (oh, siegreicher Meilensammlerheld!)
5. Miles & Smiles – Turkish Airlines (man kann auch Lächeln sammeln, die braucht man auch bei TA, die lächeln nämlich nie)
Manchmal gibt es natürlich auch einen ganz einfachen Grund für den Auftritt der Göttin La Kontingenta – denn wenn alle Meilensammler einer Airline auf einmal ihre Meilen einlösen würden, wäre die Airline pleite. Man schätzt, dass weltweit Bonusmeilen im Gesamtwert von 700 Milliarden US Dollar angespart sind.
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DESHALB HIER ZWEI KONKRETE VORSCHLÄGE:
1. Wie wäre es, wenn wir alle gleichzeitig unsere angesparten Bonusmeilen spenden und zum Beispiel 700 Milliarden in Afrika investieren würden?
2. Wie wäre es, wenn wir alle wieder in ein Reisebüro gingen?
Erinnern Sie sich doch mal an Ihren letzten Gang ins Reisebüro. War es nicht ein liebenswertes, leicht angestaubtes Biotop voller deutscher Gemütlichkeit? Der Farn in der Ecke, die vergilbten Plakate, der abgestandene Kaffee, die IKEA-Klappstühle, die Stapel von dicken, schweren Broschüren aus der Zeit vor dem Internet, die vier Ansichtskarten von Kunden aus fernen Ländern, die in Guatemala nichts Besseres zu tun hatten, als ihrem Reisebüro zu schreiben, das Poster mit der fast nackten brasilianischen Sambatänzerin direkt hinter dem Kopf der unattraktivsten Mitarbeiterin: Ist das alles denn nichts wert? Ich bin für die Erhaltung dieses Biotops! Es schützt unsere Nerven, es schützt Arbeitsplätze und – die IKEA-Klappstühle haben inzwischen in den Reisebüros oft Kontingente frei! Und jetzt kommt der Clou – Sie zahlen im Reisebüro nicht mehr als online, denn auch online wird ja der Service mitberechnet. Obwohl Sie SELBER das meiste des Services abarbeiten! Deshalb meine Forderung:
Support your local travel agent!
HIER MEINE FÜNF LIEBSTEN DEUTSCHEN REISEBÜRONAMEN:
1. Faszinatour – Achtung, Wortspiel!
2. Croliday-Reisen – Achtung Wortspiel 2: Urlaub in Kroatien!
3. 5vorflug – apokalyptisch!
4. McPfennig – eine Figur aus Asterix
5. Troll-Tours – hoffentlich das Ziel, also Island, und nicht die Mitarbeiter
Auch wenn Sie eine ganz spezielle Flugreise buchen möchten, wie zum Beispiel vegetarische Wochenend-Trips mit Landschaftsmalkurs im nördlichen Patagonien, haben Sie in Ihrem Reisebüro einen echten Menschen, den Sie dazu nerven und live befragen können. Und der, ohne mit der Wimper zu zucken, für Sie zu suchen anfängt! Ohne Absturz! Und Sie haben sehr viel Nerven gespart – und die brauchen Sie ja spätestens beim Einchecken.

Kapitel 2
JA, DAS IST NOCH HANDGEPÄCK!
(Der Check-in)
 
 
Wenn man sich fragt, wo das Mysteriöse bei einer Flugreise beginnt, in welchem Moment man wirklich das Gefühl hat, den Bereich des Rationalen zu verlassen und den des Irrationalen zu betreten, an welchem Punkt also der Bereich »Mutti hat alles dabei« übergeht in den Bereich »Die sieben dunklen Tore der dritten Ebene öffnen sich«, dann ist es für mich der Moment, in dem man beim Check-in-Schalter ankommt. Eben noch war man aufgeregt und reiselustig, also ein normaler Mensch – Kinder quengelten, U-Bahnen hatten Verspätung, Teenager hatten ihr Lieblingssweatshirt vergessen, Vielflieger ihre Kofferanhänger beschriftet – aber in dem Moment, in dem man den Flughafen erreicht und suchend durchschritten hat und schließlich vor dem Check-in-Schalter landet, wird alles ganz anders. Hier beginnt ein sakraler Bereich, das merkt man ganz deutlich. Hier thront an einem Ende eine Gralshüterin oder ein Gralshüter in Uniform, und vorne stehen normale Sterbliche, die Einlass begehren ins Wunderland des Fliegens. Und wir merken auch gleich: Das wird nicht einfach werden! Es wird vielleicht sogar nicht allen hier gelingen, einige werden eventuell zurückbleiben, wie in einem schlechten Western, und mit einem gehauchten »Fliegt nur ohne mich! Ich halte euch doch nur auf!« über ihrem mühsam gepackten Koffer zusammenbrechen. Denn es ist ein äußerst kompliziertes System, das sich da vor einem aufbaut. Es gibt überall Schilder und Anweisungen, die einem das Gefühl geben, dass man jetzt den Status als mündiger Bürger verliert und in den Luftverkehr-Status als menschliches Gepäck übergeht.
Da gibt es zum Beispiel das Mysterium »Quick Check-in«-Automaten. Wie im Internet heißt hier »Quick« nichts anderes, als dass man alles selber machen muss: eintippen, Gepäckzettel ausdrucken lassen, ankleben – und dann muss man das Gepäckstück doch noch zum Schalter tragen und abgeben. Quick? Nein – Mystery! In London-Gatwick gibt es neben dem Check-in-Schalter »Baggage Drop-Off« einen Schalter mit dem Schild »Unaccompanied Children Drop-Off« – wo ich immer kleine Kinder vor mir sehe, die auf dem Gepäcklaufband weinend ins Nichts fahren … Mystery!
Oder die von mir so benannte Mäander-Schlange. Das ist dieses amerikanische Wartesystem mit einer einzigen Schlange statt verschiedener, die die Menschen mäanderförmig durch einen Absperrungsparcours schickt, um sie dann am Ende wieder auf die einzelnen Schalter aufzuteilen. Dieses System hat sich in Deutschland in vielen Bereichen durchgesetzt, auch bei diversen Banken und Postämtern, weil es grundsätzlich schneller ist. Und trotzdem widerstrebt es dem Menschen, Muster zu laufen. Der Mensch an und für sich läuft gerne geradeaus zum Ziel, besonders, wenn sich hinter dem symbolischen Erstziel »Schalter« eigentlich das wahre und hart verdiente Ziel »Mallorca« oder »New York« verbirgt. Dann will man los! Dann hat man es eilig! Aber durch die Flughafensportart »Mäandern« muss man nun erstmal rechte Winkel laufen wie eine Testratte bei einem besonders doofen Test. Wenn alle im Mäander stehen, geht das noch. Dann hat man schön Zeit, Gepäck und Optik der Mitreisenden zu studieren und sich auf den gemeinsamen Flug einzustimmen. Man durchläuft die ganze Skala der Gefühle von »Hoffentlich sitze ich NICHT neben DEM!« bis »Wie setze ich mich GESCHICKT neben DIE?«, und man kann auch gegebenenfalls eine aggressive Entwicklung im modernen Handgepäck beobachten oder sogar selber schmerzlich erleben – den Trolley als Waffe!
EXKURS: DER TROLLEY ALS WAFFE
Ja, Handgepäck mit Rollen drunter ist praktisch. Ja, niemand möchte sein Handgepäck mehr selber schleppen beim Zustand der modernen Bandscheibe. Und ja: Manchmal sieht so ein Köfferchen mit Rädern unten dran auch schick aus, besonders bei attraktiven Flugbegleiterinnen, die das Ding elegant durch den Terminal schieben wie die Models neben Leonardo di Caprio in dem Film »Catch me if you can«. Aber, liebe Trolley-Fans, nein, NEIN und DREIFACH NEIN – ein solcher Koffer dient nicht dazu, seinen persönlichen Bereich nach vorne und hinten auszudehnen und so zu tun, als merke man es nicht! Oder, um es weniger tanzpädagogisch zu formulieren: Rammt die Dinger bitte nicht in unsere Fersen oder Zehen wie Einkaufswagen-Panzer an verkaufsoffenen Sonntagen! Bleibt nicht plötzlich stehen und lasst uns auflaufen! Schiebt das Ding nicht unvermittelt von der Seite in unseren Weg, sodass wir nur stolpern können! Und bitte: Schwenkt das Ding nicht um euch herum, als müsstet ihr Land markieren, weil anscheinend plötzlich Teile des Flughafens verkauft werden! Wir sehen euch, wir sehen, das Teil und IHR GEHÖRT ZUSAMMEN! Ein Mensch, ein Arm, ein Koffer mit Rädern! Wäre vielleicht ein schönes Lied für Xavier Naidoo, jedenfalls …
Der Mensch steht wirklich komplett ratlos vor so einem oben beschriebenen Mäander-Absperrlabyrinth, wenn dieses LEER ist. Denn jetzt kommt er in einen genetischen Konflikt: Er möchte geradeaus aufs Ziel, aber der Flughafengott ruft ihm von oben zu: LAUF MUSTER! Mach mir die Freude! Quadrille, s’il vous plaît! Und so läuft man los, mit oder ohne Trolley, links rum, rechts rum, links rum unter dem freundlich lächelnden Blick der Person vorne am Schalter, den man in dem Fall nur als hämisch deuten kann. »Kommen Sie ruhig näher! (inneres Kichern)«, scheinen sie uns zuzurufen, »wenn Sie können …« Links rum, rechts rum, links rum. Ich denke immer an den Film »Der Elefantenmann«: »Ich bin kein Tier, ich bin ein menschliches Wesen!« Links rum, rechts rum. Das ist Squaredance, obwohl man gar nicht in die USA fliegt! Aber es geht ja so viel schneller …
Tut es nicht! Schneller ginge es, wenn ich geradeaus gehen dürfte! Aber dafür gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich tauche unter den Bändern durch, dann bin ich erstens Anarchist, und zweitens sieht es sehr albern aus, wie eine verbotene Figur beim Butterfly-Schwimmen – der berüchtigte »Delphin mit Koffer«. Oder ich wage es – und hier erkennt man Helden und/oder Vielflieger – und ÖFFNE SO EIN ABSPERRBAND! Ich sage aber gleich: Das ist nur etwas für Todesmutige! Ich habe schon vielfliegende Lufthansa-Senatoren, die ganze Konzerne leiten, zaudern sehen bei dem Gedanken »DARF ICH EVENTUELL DAS BAND ÖFFNEN?« Denn wenn man genau hinsieht – und die Zeit hat man ja oft, wenn man in der Mäanderschlange steht -, weiß man, dass man nur am Ende des Bandes so einen Nupsi zusammendrücken muss, und dann kann man das elastische Band aus dem Ständer nehmen und sogar elegant hinter sich wieder reindrücken. Wenn man das jetzt aber bei acht Bändern tut, sieht man auch wieder aus wie eine Ballerina bei »Spiel ohne Grenzen« – elegant, ja, mutig, ja, aber auch leicht irrsinnig. Und dann noch mehr Fragen: Lässt man jetzt die anderen Mäandertaler hinter sich mit durch? Schließt man sich vielleicht sogar zu einer Volksbegehren »NMDM – Nieder mit dem Mäander« zusammen? Hat die französische Revolution vielleicht so an einem Flughafen angefangen? Es ist ein Spiel, das man fast nicht gewinnen kann.
Und während man sich das alles überlegt – oder vielleicht bin es ja auch nur ich -, kommt der eine Mann, der das alles entkrampfen kann. Der coolste Mitarbeiter des Bodenpersonals. Der Terminator des Check-ins: der Mann, der DIE BÄNDER AUFMACHEN DARF! Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Sie stehen vor dem leeren Mäanderlabyrinth und denken gerade »Ich möchte nicht Squaredance tanzen!«, und wie aus dem Nichts erscheint vor Ihnen ein freundlicher Mann in Uniform – und ÖFFNET DAS BAND! Diesem Mann könnte ich immer um den Hals fallen! Er hat so was zwischen Türsteher vom »Studio 54« und Engel, denn er macht es uns allen einfacher, schneller – und menschlicher! Wir bewahren die Würde, wir dürfen geradeaus gehen, wir müssen uns nicht ducken und auch nicht eine Revolution anzetteln – wir gehen einfach auf den Schalter zu. Auch wenn seine job description sich wahrscheinlich etwas simpel liest (erforderliche berufliche Fähigkeiten: Band auf- und zumachen, Stärken: Band auf, Schwächen: Band zu) – dieser Mann oder diese Frau sind meine Helden! Völker, öffnet die Bänder aller Länder! Oder lasst uns einfach wieder normal Schlange stehen.
Denn wir haben am Check-in ja noch so viel Aufregendes vor uns. Wir müssen überlegen, ob wir auch wirklich unser/en Ticket/Ausdruck/Ausweis dabeihaben. Wer von einem Paar hatte denn noch mal die Tickets/Ausdrucke/Ausweise? Und brauchen wir jetzt Tickets/Ausdrucke oder Ausweise? Oder alles drei? Oder nur eine Fingerabdruck? Und eine andere Frage dräut in unserem Hinterkopf, die uns schon am Abend vorher viel Kopfzerbrechen gemacht hat: Ist das noch Handgepäck? Eine zentrale Frage der modernen Flugreise, die früher mal einfach zu beantworten war, deren Antwort jetzt aber ausführlich durchdacht sein will: IST DAS NOCH HANDGEPÄCK? Das Surfbrett, das Fahrrad, die Oma – alles noch Handgepäck? Und wenn nicht – was passiert dann?
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THOMAS‘TIPP: WAS GEHÖRT IMMER INS HANDGEPÄCK?
iPod, Schlafmaske, 100 ml Feuchtigkeitscreme, 100 ml Kontaktlinsenflüssigkeit (wenn benötigt), ein Buch, Tampons (wenn benötigt), Pass, Aspirin, Kamera, Handy, Taschentücher, eine Unterhose zum Wechseln, ein Zettel mit der Aufschrift »Ja, das ist noch Handgepäck!«
Bei dieser Frage schummeln alle Deutschen so gerne wie bei ihrer Steuererklärung. Denn natürlich ist es MEISTENS MEHR ALS HANDGEPÄCK. Aber mit dem Brustton der Überzeugung und mit den größten Augen seit Weihnachten 1989 stehen wir alle da und sagen: Waaaas? Zu groß? Echt? Und damit kommen wir zu diesen schönen Aufstellern, die weltweit inzwischen an den Check-in-Schaltern stehen, um uns bei der Beantwortung dieser schweren Frage zu helfen. Sie kennen sie alle: Diese Displays mit den Mustermaßen des erlaubten Handgepäcks und den mehr oder weniger freundlichen Anweisungen, die Ausmaße des mitgebrachten Handgepäcks doch bitte einer Prüfung zu unterziehen, quasi eine Musterung für Handgepäck. Oder ein Modelcasting: Sind das nun wirklich 90- 60-90? Und jetzt meine Frage: Haben Sie schon jemals jemand gesehen, der das ausprobiert? Der probeweise sein Gepäck da reinstellt, fragend guckt und im Zweifelsfall – ja was? Auspackt? Etwas verschenkt? In den anderen Koffer umpackt?
Nein, alle WISSEN natürlich in diesem Fall, dass ihr Handgepäck zu groß ist, und würden den Teufel tun, dass auch noch vor den Augen der Mitreisenden und des Check-in-Personals in diesem Tester zu demonstrieren unter dem Motto »Seht alle her – es ist zu groß!«. Und so stehen diese mahnenden Aufsteller eher als moderne Skulpturen herum oder im besten Fall als böses Gardemaß, auf das die Check-in-Dame dann mit einer müden Handbewegung hinweisen kann, wenn die Diskussionen losgehen. »Bitte probieren Sie mal, aber bitte ohne Stopfen!« Denn das Handgepäck sollte ja leicht und mühelos in die Vorrichtung gleiten wie Hand in Handschuh und nicht wie Müllsack in Mülltonne am Tag der Abholung. Ich finde, diese Vorrichtungen könnten ab und zu wegen ihrer Nicht-Benutzung wenigstens liebevoll dekoriert werden. Oder bepflanzt! Dann wüsste man wenigstens auch genau, wie viele Geranien in ein Handgepäck passen.