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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Grundlagen und einfache Regeln unserer komplexen Wirtschaftswelt beleuchtet der Kabarettist Hans Gerzlich komisch ökonomisch anhand von anschaulichen Alltagsbeispielen. Das Ticket fürs Tokio-Hotel-Konzert wird da zum Wertpapier und die Arbeitsteilung beim Ausräumen der Spülmaschine zur Globalisierung im Haushalt. Außerdem erfahren Sie, was die Partnerwahl vom Gebrauchtwagenkauf unterscheidet, was eine Bad Bank mit Bad Nauheim zu tun hat und warum Massenarbeitslosigkeit ein aktiver Beitrag zum Umweltschutz ist. Das Buch zum Programm: Mehr Durchblick und Unterhaltung für alle!

Autor
Hans Gerzlich ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, DiplomÖkonom und ehemaliger Marketing-Referent. Im Jahr 2000 wechselte er ins Kabarettfach, um unter anderem komplexe ökonomische Zusammenhänge mit Humor zu würzen und einem breiten Publikum auf der Bühne fröhliche Aha- und Oho-Momente zu bescheren. »Geld für alle!« ist sein erstes Buch. Mehr Info unter:

Wirtschaft als Comedythema?
fragt Dieter Nuhr
Wirtschaft als Comedythema? Warum nicht! Wer einmal im Taxi nicht bezahlt hat, weiß: Ökonomisch denken hilft! Neue Zähne sind teurer als das gesparte Fahrgeld. Von einem studierten Ökonomen kann man natürlich noch viel mehr zum Thema lernen! Zum Beispiel: Wenn die Bevölkerung schrumpft, die Übriggebliebenen aber immer fetter werden, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der Volksverbrauch von Remoulade gleich bleibt. Das klingt interessant – für Hersteller von Remoulade, sollte uns aber alle interessieren. Denn wenn die systemrelevante Remouladenindustrie schrumpft, kommt der Dominoeffekt ins Spiel, und am Ende brechen die Banken zusammen! Schlaue Menschen sagen: »Na, und! Ich habe mein Geld in Remoulade angelegt!« Ich nicht, ich bin Remoulade-Allergiker. Egal. Was ich sagen will: Wenn Sie wissen wollen, wie Remoulade, Volkswirtschaft und Mensch zusammenhängen, sollten Sie in dieses Buch einmal reinschauen. Wenn nicht, auch! Das ist eine Frage der Ökonomie. Vor allem für den Autor! Sie können das Buch übrigens auch mehrfach lesen! Mit dem Kauf erhalten Sie freien Zugriff. Ohne Kopierschutz! Ein Leben lang! Flatrate ohne Abo! Ein großartiges Angebot. Ökonomischer geht’s gar nicht. Greifen Sie zu.

Wirtschaft als Comedythema!
sagt Hans Gerzlich
Na, haben Sie schon zugegriffen und es sich daheim mit meinem Schmöker bereits gemütlich gemacht? Oder stehen Sie noch beim Buchhändler Ihres Vertrauens und drehen das Buch, blättern in ihm, und fragen sich »Ein lustiges Wirtschaftsbuch«? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? So wie »eckiger Kreis« oder »seriöser Anlageberater«. Nö, denn Wirtschaft ist witzig. Sozusagen komisch ökonomisch.
Und als tollen Nebeneffekt erweitern Sie Ihren Horizont! Wenn beim nächsten Zahnarztbesuch, im Fußballstadion oder auf einer Beerdigung wieder angeregt über Schuldenbremse, Reichensteuer oder Bruttoinlandsprodukt philosophiert wird, brauchen Sie nicht mehr abseits zu stehen und verzweifelt versuchen, das Gesprächsthema aufs Wetter, Beziehungskisten oder altersbedingten Harndrang zu lenken.
Wenn Sie reich sind, werden Sie nach der Lektüre wissen, woher Ihr Geld kommt. Wenn Sie nicht reich sind, werden Sie erfahren, warum Sie es auch nicht mehr werden. Und beides hängt zusammen. Unmittelbar. So wie alles auf der Welt. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt vorne Ihr Auge. Wie gesagt: Alles hängt mit allem zusammen!
Daher können Sie dieses Buch nach Altvätersitte von vorne nach hinten lesen oder aber auch von der Mitte quer nach links, schräg von oben rechts oder von hinten nach unten. Als Orientierungshilfe habe ich querverweisende Fußnoten eingefügt. Folgen Sie diesen von Kapitel zu Kapitel, landen Sie in einer Endlosschleife, die Sie immer aufs Neue durchs Buch führt. Dies hat den riesigen Vorteil, dass Sie nie wieder ein anderes Buch brauchen werden, und macht den von Ihnen berappten Kaufpreis zu einer Investition fürs Leben. Und Sie haben immer was zu lesen!
Darüber hinaus ersetzt es teure Wochenendseminare wie »Sicheres Auftreten trotz völliger Inkompetenz«, »Wie mache ich mich interessanter, als ich bin?« oder »1000 Anmachsprüche, die selbst bei Quasimodo wirken«. Und außerdem werden Sie einfach viel Spaß damit haben.
Den wünsche ich Ihnen, denn nun geht es los!
Ganz herzlich
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Vorab

Bunt ist alle Theorie: Klärung wichtiger Begriffe

Keine Angst, hier werden Ihnen keine drögen Begriffsdefinitionen präsentiert, bei denen selbst der geneigteste Leser trotz zweier Kannen Kaffee und einem Sixpack Red Bull auf ex nach einer halben Seite eingepennt ist. Aber ein paar Begriffe sollte man mal gehört haben, wenn man mitreden will. Nämlich die hier.
◆ Die Wissenschaft, die Wissen schafft: Wirtschaftswissenschaft
◆ Die Partnerwahl als Gebrauchtwagenkauf: Homo oeconomicus
◆ Die Rente ist sicher: Demografischer Wandel
◆ »In the long run we are all dead!«: Keynesianismus
◆ Konkurrenz belebt das Geschäft: Lieferantendiversifikation
◆ Geteilte Arbeit ist halbe Arbeit: Arbeitsproduktivität
◆ Von der Entwicklungs- zur Sättigungsphase: Produktlebenszyklus
◆ Wer schreibt, der bleibt: Abschreibung
◆ Drum prüfe, wer sich länger bindet: Fusion
◆ Big (Mac) in Japan: Preisdifferenzierung
◆ Putziger Waldbewohner mit drei Buchstaben: DAX

Ich krieg’ die Krise: Wechseljahre einer Weltwirtschaft

Gerade eben hatten wir noch Aufschwung, die Wirtschaft brummte und freute sich ihres Lebens, der Deutsche kaufte und freute sich seines Lebens, der Finanzminister träumte von einem ausgeglichenen Haushalt und freute sich seines Lebens. Plötzlich hatten wir Finanzkrise. Eigentlich ja die da drüben in Amerika. Aber einen alten Kameraden lässt man in der Not nicht allein. Wie sähe denn das aus? Viele Begriffe mussten wir neu lernen, die uns seitdem täglich in Tageschau und -zeitungen um die Ohren gehauen werden. Hier werden die wichtigsten vorgestellt.
• Jeder ist mit seinem Verstand zufrieden, aber keiner mit seinem: Geld
• Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen: Finanzkrise
• Komm ich heut’ nicht, komm ich morgen: Leerverkäufe
• Rien ne va plus: Kasinokapitalismus
• Bad Nauheim, Bad Salzdetfurth, Bad Kissingen: Bad Bank
• Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: Wirtschaftsfonds Deutschland
• Der Schuldenberg ruft: Schuldenbremse

Arbeit macht das Leben süß: Arbeitsmarktpolitik

Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist in der Politik immer ein Thema. Schon lange. Ist ja auch wichtig. Wer bei Wahlen die meisten Arbeitsplätze verspricht, hat beste Chancen, ans Ruder zu kommen. Dann wird auch gerudert – hilflos mit den Armen. Und damit der Beweis angetreten, dass gut gemeint und gut gemacht unüberbrückbare Gegensätze sind.
• Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe: Arbeitslosenquote
• Die Arbeitsmarktpolitik der Ära Schmidt (1974-82): Lieber fünf Prozent mehr Inflation als fünf Prozent mehr Arbeitslosigkeit
• Die Arbeitsmarktpolitik der Ära Kohl (1982-98): Frührente
• Die Arbeitsmarktpolitik der Ära Schröder (1998-2005): Hartz IV
• Die Arbeitsmarktpolitik der Ära Merkel: Keine Angaben
• Arbeit macht Spaß – Spaß beiseite: Vollbeschäftigung

Politische Ökonomie: Die Wahl der Qual

Politiker haben ein Problem: sich selbst. Bevor sie nämlich an uns – die Bürger – denken, denken sie an sich. Das ist zwar ganz normal, schließlich ist sich jeder selbst der Nächste, aber bei denen kommt danach dummerweise erstmal die Fraktion, die Partei, der Dienstwagen, das geile Gefühl, tagtäglich 20 Mikros vor die Nase gehalten zu kriegen und echt ganz doll wichtig zu sein, und dann erstmal lange nix. Wohin das führt? Lesen Sie hier!
◆ Neid macht erfinderisch: Reichensteuer
◆ Wachstum, Wachstum, Wachstum: Wirtschaftswachstum
◆ Glaskugel oder Kaffeesatz? Wirtschaftsweise
◆ Rette mich, wer kann: Subventionen
◆ Augen auf beim Watussirindkauf! Mehrwertsteuererhöhung
◆ Das Wandern ist des Arbeitsplatzes Lust: Globalisierung
◆ Lieber reich und gesund als arm und krank: Gesundheitsreform
◆ Drei, zwei, eins … deins! Privatisierung

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Die Wissenschaft, die Wissen schafft:
Wirtschaftswissenschaft
Wissenschaftler beschäftigen sich seit jeher mit den Rätseln der Menschheit. So ist es beispielsweise ein Naturgesetz, dass man immer dann vergisst, sich zu vergewissern, ob genug Papier auf der Klorolle ist, wenn man alleine im Hause ist. Ein Geheimnis, das bis heute nicht enträtselt ist und uns immer wieder hilflos wie ein kleines Baby auf dem Abort sitzen, das letzte Papier in der Hand halten und ausrufen lässt, wie schon weiland Martin Luther so oder ähnlich ausrief: »Hier sitze ich, ich kann nicht anders!« Niemand wird meine Hilferufe hören.
»Das einzige Mittel gegen den Aberglauben ist die Wissenschaft«
Henry Thomas Buckle, Geschichts- und Schachexperte
Ebenso ungeklärt ist, wie das Leben entstand. Wie kann man Gold herstellen? Warum juckt einem immer genau dann die Nase, wenn man gerade beide Hände im Spülwasser hat?
Während letztgenanntem Problem heute mittels Einsatz von Spülmaschinen begegnet wird, klagt der Wissenschaftszweig der Alchemie, und damit die Suche nach dem Stein der Weisen, in den letzten Jahrhunderten über Nachwuchssorgen. Während er von der modernen Chemie sowie der Pharmakologie abgelöst wurde, ist man der Frage nach unserem Entstehen weiter auf der Spur. Dabei werfen Meilensteine der Erkenntnis, wie zum Beispiel die Entschlüsselung unseres genetischen Codes im Jahre 2003, jedoch immer neue Fragen auf. So ist es beispielsweise bis heute nicht gelungen, das Tarifsystem der Deutschen Bahn zu entschlüsseln. Eine vertrackte Angelegenheit, die die Wissenschaft noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in Atem halten wird. Gut, dagegen war die Erforschung des menschlichen Genoms auch ein Klacks.
Andere Rätsel, die man seit Menschengedenken für unlösbar gehalten hat, werden plötzlich durch Zufall entdeckt. Von ganz normalen Leuten. So hat zum Beispiel unser ehemaliger Rodelkönig und späterer Wok-Weltmeister Georg Hackl, der Hackl Schorsch, die Welt der Forschung aus den Angeln gehoben, als er nach einem Trip in die Neue Welt feststellte, amerikanisches Bier sei der erste gelungene Versuch, Wasser zu verdünnen. Immerhin scheint die Wissenschaft diesbezüglich den Stein der Weisen gefunden zu haben.
Die Wirtschaftswissenschaft ist verglichen mit den Naturwissenschaften, der Medizin, Mathematik usw. eine recht junge Disziplin. Auch wenn sich die Denker der Antike bereits über ökonomische Fragestellungen den Kopf zerbrochen haben, liegt ihre eigentliche Geburtsstunde als eigenständige Forschungsdisziplin mit Theorien, Model-len und wissenschaftlichen Diskussionen gerade mal im 18. Jahrhundert. Dafür hat sie jedoch nach ihrer Entstehung den Lauf der Dinge erheblich beeinflusst. Sei doch in diesem Zusammenhang nur an die von Karl Marx und Friedrich Engels im 19. Jahrhundert entwickelte Marxistische Wirtschaftstheorie und deren Auswirkungen auf Abermillionen Menschen im Nachkriegseuropa und in Teilen Asiens erinnert.
In Deutschland wird die Wirtschaftswissenschaft gern unterteilt in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Wer nichts wird, wird Wirt. Wer gar nichts wird, wird Betriebswirt!
Jahr für Jahr, Semester für Semester schreiben sich hoffnungsfrohe Schulabgänger, denen das Leben so viel zu bieten hätte, an den Universitäten für Wirtschaftswissenschaft ein – denn sie wissen nicht, was sie tun!
Ihre Perspektiven sind alles andere als rosig. Die Hörsäle sind mit Studierenden – vor allem der Betriebswirtschaft – überfüllt, die Bundesarbeitsagentur mit den Absolventen. Wenn schon arbeitslos, dann aber wenigstens in einem Beruf, der auch Spaß macht.
Eine besondere Qualifikation für das Studium der Wirtschaftswissenschaft benötigt man nicht, von der formalen Voraussetzung der vorangegangenen Erlangung der allgemeinen Hochschulreife, im Volksmund auch »Abi« genannt, einmal abgesehen. Eigeninitiative, Reflexionsvermögen und kritisches Mitdenken sind eher hinderlich und führen zu ernsthaften Schwierigkeiten auf dem Weg zum Diplom. Wirtschaftsprofessoren pflegen nämlich zwar stets zu betonen, dass man als Antwort in Klausuren jede Meinung zu Papier bringen könne, wenn man imstande sei, diese stichhaltig zu begründen. Jedoch verfahren sie in der Regel nach der Devise, dass der Prüfling jede Meinung schreiben dürfe, es müsse halt nur die des Professors sein.
Daraus folgt unmittelbar, dass man, um einen wenigstens halbwegs brauchbaren Abschluss hinzulegen, nicht besonders helle sein muss, sondern lediglich sehr, sehr fleißig, da es absolut ausreichend ist, sich die von den Professoren in der Regel selbst verfassten Lehrbücher ins Hirn zu bimsen. Ein Studiengang wie geschaffen für Leute, deren Eltern auf den Elternsprechtagen gerne von der Lehrerschaft zu hören gekriegt haben: »Ihr Kind ist nicht faul, Ihr Kind ist dumm!«
Da passt es ganz gut, dass man aus einer Vorlesung in der Regel blöder herauskommt, als man hineingegangen ist. »Studium ist in erster Linie Literaturstudium«, kriegt man allenthalben seitens der Dozenten in den Vorlesungen eingebläut. Jeder Professor hat schließlich so drei bis zehn Lehrbücher vom Stapel gelassen. Und deren Erwerb ist für die erfolgreiche Teilnahme der entsprechenden Vorlesung unerlässlich. Das treibt die Auflage in die Höhe und kann daher auch gleichzeitig als Paradebeispiel eigennutzenmaximierenden Verhaltens des lehrstuhlinnehabenden Homo oeconomicus gelten. Viel Auflage, viel Ehr’.
Am Ende des Studiums hat ein Ökonomiestudent daher mehr Bücher über Wirtschaft im Regal stehen als Stephen Hawking über moderne Physik, Jogi Löw über modernen Fußball und Wladimir Putin über moderne Foltermethoden.
Schlimmer hätte es eigentlich nur im Rahmen eines Orientalistikstudiums bei Peter Scholl-Latour kommen können. Um dessen sämtliche Ergüsse aus seinem langen Leben auf den Spuren von Kara Ben Nemsi zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, musste man allein den halben Amazonasurwald abholzen. Statt Brandrodungen der dortigen Bauern zu bekämpfen, hätte man Scholl-Latours Bücher verbieten sollen. Auch wenn es vielleicht in einem Land mit unserer Geschichte nicht ganz schicklich ist, derlei zu fordern: Dem Regenwald würde es heute besser gehen – und wir müssten ihn heute nicht mühsam durch den Verzehr unzähliger Kisten Bier einer namhaften Gerstensaftbrauerei aus dem Siegerland wieder aufforsten.
Na ja, wenn Günther Jauch dafür Werbung macht, wird das schon seine Richtigkeit haben. Schließlich würden ihn laut repräsentativer Umfrage fast fünfzig Prozent der Erstwähler bei einer Direktwahl zum Bundeskanzler wählen – wahrscheinlich vorausgesetzt, Thomas Gottschalk tritt nicht an, Horst Schlämmer hat keine Zeit, und Franz Beckenbauer würde sich mit dem Amt des Bundespräsidenten zufriedengeben. Das sind aber wahrscheinlich dieselben fünfzig Prozent, die auch glauben, mit der Erststimme wähle man die Regierung, mit der Zweitstimme die Opposition und von Andreas Baader komme zweimal im Jahr der Katalog ins Haus.
Ob Literatur oder Vorlesung, ziemlich schnell wird dem Erstsemester deutlich, dass Ökonomen gerne ökonomische Prozesse und Strukturen, also das Leben, durch Funktionen beschreiben, in Formeln packen und in Modellen abbilden wollen. Daher schadet es nichts, wenn man vor dem Wirtschaftsstudium seinen Doktor in höherer Mathematik gemacht hat.
Bei der Entwicklung eines Modells, also einer abstrakten Abbildung eines realen Zusammenhangs, müssen, damit das Modell nicht zu unübersichtlich wird, Prämissen gesetzt, relevante Variablen ausgesucht und andere aus der Betrachtung ausgeschlossen werden. Da nimmt man in der Regel praktischerweise die, die man sich sowieso nicht erklären kann, und nennt sie Externe Effekte. Mit dem Rest kann Ihnen ein Ökonom dann ganz genau und auf den Punkt erklären, warum die Investitionen steigen, wenn die Zinsen nach unten gehen, oder die Arbeitslosigkeit abnimmt, wenn die Löhne sinken. Und darauf können Sie sich genauso hundertprozentig verlassen, als wenn der Kachelmann beim Wetterbericht sagt: »Morgen gibt’s strahlenden Sonnenschein – aber nur unter der Prämisse, dass es nicht anfängt zu regnen.«
Eine unter Ökonomen sehr beliebte und daher gern gesetzte Prämisse ist die sogenannte Ceteris-Paribus-Klausel. Unter dieser Annahme betrachtet man, was passieren würde, wenn alle Variablen unverändert blieben, außer der betrachteten. Wie hoch wird der Krankenkassenbeitragssatz in zwanzig Jahren sein, wenn die Gier der Pharmakonzerne konstant und das Abrechnungssystem weiter intransparent bleibt? Wie viele Schnorchel würden noch verkauft werden, wenn die Menschheit evolutionär auf Kiemenatmung umstellen würde? Wie ändert sich der Geschmack eines Butterbrotes, wenn Brot- und Wurstanteil gleichbleiben, aber der Butteranteil um 1.500 Prozent gesteigert wird? Wie entwickelt sich der Preis für Schweinefleisch, wenn alle Deutschen zum Islam übertreten, aber so doof sind, trotzdem nicht mehr Schafe, Rinder oder Hühner zu züchten? Man versucht also quasi herauszufinden, ob einem schwindeliger wird, wenn man sich rechts oder links herumdreht, während die Erde stillstehen bleibt.
Hört sich ziemlich absurd an. Ist es auch. Trotzdem kann man für solche (oder zumindest ähnlich angelegte) wissenschaftliche Arbeiten einen Nobelpreis kriegen. Den gibt es alljährlich bei den Schweden. Und gelegentlich hegt man den Verdacht, dass nicht nur bei deren Möbeln zum Selberbasteln hin und wieder eine Schraube locker ist.
»Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben«
Kurt Tucholsky, Schlossherr
Das Drei-Kronen-Land ist ansonsten bekannt für Knäckebrot und Königin Silvia, eine ehemalige Hostess aus dem Kurpfälzischen. Und wenn die Gute gerade mal nicht auf ihrem Thron sitzt, steht sie vermutlich in der Küche und bereitet ihrem Männe Carl Gustaf Folke Hubertus Bernadotte leckere Köttbullar zu. Die heißen in Silvias ehemaliger deutscher Heimat Königsberger Klopse. Und weil Silvia jetzt in Schweden wohnt und Königsberg schon länger nicht mehr unmittelbar dem deutschen Hoheitsgebiet zuzurechnen ist, verzichtet sie auf Kapern in der Sauce.
Am 10. Dezember eines jeden Jahres, wenn sich der Tag jährt, an dem der verblichene Namensgeber des Nobelpreises 1896 von uns gegangen ist, bleibt jedoch Silvias Kochschürze am Haken und bei Bernadottes die Küche kalt. Da gibt es nämlich das leckere Nobelbankett nach der Verleihung der gleichnamigen Preise in Stockholm. Und da die Bernadottes um die Ecke wohnen, wäre es ja weggeschmissenes Geld, wenn man nicht mal reinschauen und sich für lau durchmampfen würde. Das ist nicht nur kulinarisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.
Der »Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel« wird zwar im allgemeinen Sprachgebrauch »Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft« geschimpft, ist aber keiner. Im Gegensatz zu den »echten« Nobelpreisen wurde er nämlich nicht von Alfred Nobel daselbst gestiftet und wird auch erst seit 1969 vergeben – dem Jahr der ersten Mondlandung. Und während Natur- und Ingenieurswissenschaftler es bis heute gerade mal hinbekommen haben, auf dem Erdtrabanten ein paar Leutchen ein paar ganz goldig anzuschauende Hüpfer vollführen zu lassen, sind die Ökonomen ihnen um Lichtjahre voraus, leben sie doch genauso lange und weit dahinter.
Wie die Wirtschaft funktioniert, können sie nämlich bis heute nicht erklären. Und wie man sie sinnvoll steuert schon gar nicht. Na und? Die Psychologen sollen erstmal erklären, warum die Klorolle immer genau dann leer ist, wenn man alleine im Haus ist. Es gibt schließlich Wichtigeres als Geldmarktpolitik, Bruttonationaleinkommen oder Rezessionsgefahren – zumindest für den, der gerade das letzte Blatt von der Rolle gezupft hat!

004
Die Partnerwahl als Gebrauchtwagenkauf:
Homo oeconomicus
»Die meisten Egoisten sind ehemalige Altruisten«
George Bernhard Shaw, Oscar- und Nobelpreisträger
Sind Sie immer nur an der Maximierung Ihres eigenen Nutzens interessiert? Dann sind Sie wahrscheinlich Spitzenmanager, Politiker oder – Homo oeconomicus. Eigentlich sind wir das alle. Also nicht Spitzenmanager oder Politiker, sondern Homi oeconomicusse. Zumindest werden Menschen so innerhalb eines etwas abstrakten Modells der Ökonomie charakterisiert. Um das Verhalten von Wirtschaftssubjekten beschreiben zu können, haben die Wirtschaftswissenschaftler nämlich der Evolution ein wenig ins Handwerk gepfuscht und auf den Homo erectus und den Homo sapiens ihrer paläoanthropologischen Kollegen den Homo oeconomicus folgen lassen. Der ist auch Allesfresser, benutzt Werkzeuge und geht ebenfalls aufrecht. Meistens zumindest. Wenn es ihm nutzt, katzbuckelt er auch schon mal. Statt wie einer der ehrenwerten Vorfahren schon mal blindlings den Faustkeil zu erheben, sind ihm nämlich keinerlei hinderliche Emotionen dabei im Wege, immer und überall völlig nüchtern handelnd sein Eigeninteresse zu maximieren. Er handelt völlig rational.
»So ist der Mensch doch gar nicht« – sagen Sie? »Der Mensch ist ein soziales Wesen« – sagen Sie? »Den Menschen so abstrakt zu betrachten bringt doch gar nichts« – sagen Sie?
»Stimmt« – sagen die Ökonomen. Dieser Muster-Mensch dient im ökonomischen Modell auch nicht dazu, individuelles Verhalten, sondern vielmehr gesellschaftliche Phänomene zu erklären. Er stellt also ein Abbild einer ganzen Gruppe dar, zum Beispiel die Käufer oder die Verkäufer.
»Eigensinn macht Spaß«
Hermann Hesse, Steppenwolf
»Stimmt nicht« – sage ich. Der Mensch ist so! Mit allem, was er tut, strebt er danach, seinen persönlichen Nutzen zu maximieren. Der Egoist genauso wie der Altruist. Denn Letztgenanntem ist es ein Quell der Freude, anderen zu helfen. Die scheinbar selbstlose Tat verschafft ihm persönliche Befriedigung, etwas Gutes getan zu haben. Eine klassische Win-win-Situation – wenn die Oma, die man gerade über die Kreuzung geschoben hat, die Straßenseite auch wirklich wechseln wollte oder der beste Kumpel Ihre gutgemeinten Ratschläge nicht schon längst satthat.
Jedoch ich höre bereits Ihren Einwand: Aber bei Gefühlen, Zuneigung, Liebe spielt doch ökonomisches Kalkül keine Rolle. Wirklich nicht?
An dieser Stelle muss sich der Verfasser gleich bei dem einen oder der anderen frisch Verliebten entschuldigen, aber die Tatsache als solche ist unumstößlich: Auch die Partnerwahl ist nichts anderes als angewandte Ökonomie. Vielleicht ist auch ein Hauch Chemie und eine Winzigkeit Biologie mit im Spiel, bei den Männern vielleicht noch etwas Mechanik, im Vordergrund aber steht ohne jeden Zweifel eine ökonomische Kosten-Nutzen-Entscheidung.
Zunächst stellt sich das Problem der Informationsbeschaffungskosten. Alle Informationen zu sammeln, derer man theoretisch habhaft werden könnte, um die optimale Partnerauswahl zu treffen, käme bei knapp sieben Milliarden Erdlingen, von denen rein rechnerisch ungefähr die Hälfte zur Disposition stünde, einer Sisyphus-Arbeit gleich. Beiderlei Geschlechtern zugewandte Zeitgenossen und -innen müssten sogar jeden auf Herz und Nieren prüfen. Der Zeitaufwand wäre in einem menschlichen Leben, womöglich noch innerhalb der fortpflanzungsfähigen Jahre, nicht zu stemmen. Und wenn, wären die Informationsbeschaffungskosten unermesslich hoch.
Durch einen Kunstgriff können wir allerdings dieses Optimierungsproblem verkleinern, indem wir uns vor Augen halten, dass natürlich nicht alle der 3,5 Milliarden andersgeschlechtlicher Personen als potenzielle Fortpflanzungspartner /innen infrage kommen. Eine Beispielrechnung soll dies verdeutlichen: »Männlich, ledig, fortpflanzungswillig, deutsch, mittleren Alters mit einem Jahreseinkommen um die 50.000 Euro sucht …«
Von der Ausgangsgröße von circa 3,5 Milliarden fallen 1,5 Milliarden weg, da sie ihre persönliche Familienplanung abgeschlossen haben (Menopause) oder zu jung sind, will man nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten oder sich lächerlich machen (Letzteres gilt nicht für Lothar Matthäus). Rest: Zwo Milliarden. Von denen sind statistisch circa zehn Prozent der gleichgeschlechtlichen Liebe zugetan, womit weitere 200 Millionen gestrichen werden müssen. Rest: 1,8 Milliarden. Unüberwindliche religiöse Differenzen: minus 700 Millionen. Rest: 1,1 Milliarden. Davon bereits an jemanden mit deutlich höherem Gehalt gebunden: 400 Millionen. Rest: 700 Millionen. Davon deutschfeindlich aufgrund der beiden Weltkriege: 630 Millionen. Rest: 70 Millionen. Davon deutschfeindlich aufgrund der beiden Weltkriege und darüber hinaus, weil die zwar die Weltkriege zu gewinnen pflegen, dafür aber im Fußball immer gegen uns verlieren (England): 25 Millionen. Rest: 45 Millionen. Aufgrund mangelnder Bereitschaft, der Liebe wegen in Gegenden umzuziehen, in der sich Eisbären, Walrösser und Polarfüchse »Gute Nacht!« sagen (Sibirien, Alaska, Grönland), fallen weitere 19.365.000 durch den Rost. Rest: 25.635.000. Davon Holländer, denen sich schon der Magen umdreht, wenn ihre Königinnen mal wieder einen Deutschen heiraten und sie außerdem in ihrer Nationalhymne »ben ik van Duitsen bloed« singen müssen: 8,25 Millionen. Rest: 17.385.000. Unüberwindliche Sprachbarrieren, die eine Annährung unmöglich machen (Bayern, Sachsen): 8,35 Millionen. Rest: 9.035.000. Davon aufstrebende Jungakademikerinnen, die sich Ehe, Kinder und das ganze Brimborium vielleicht, aber nur ganz vielleicht mal irgendwann ab Mitte vierzig vorstellen können: 4.093.541. Rest: 4.941.459. Von denen sind 4.941.457 mal sehr verletzt worden und wollen mit Männern im Leben nichts mehr zu tun haben. Rest: 2. Von der einen haben Sie leider vor 20 Jahren den Zettel mit deren Telefonnummer verloren, die andere wohnt bei Ihnen und träumt von Leonardo DiCaprio.
Und selbst wenn wir in der Lage wären, all das objektive Wissen auf uns zu vereinen, das uns zur optimalen Partnerwahl befähigen würde, würden unsere Hormone dafür sorgen, dass wir die bekannten Informationen völlig falsch bewerten. Wie man es dreht und wendet: Der eigene Partner ist immer nur eine Second-Best-Lösung.
Sitzen Sie jetzt gerade bei einem gemütlichen Leseabend mit der Partnerin oder dem Partner Ihrer Wahl im Wohnzimmer auf der Couch, stecken gemeinsam die Riechorgane ins Buch oder lesen sich gar mit verteilten Rollen aus dem von mir hier vorgelegten Machwerk vor? Dann habe ich an dieser Stelle einen brandheißen Tipp für Sie: Lassen Sie sich nichts anmerken, entspannen Sie sich. Atmen Sie in tiefen, ruhigen Zügen und blicken Sie ganz interessiert GENAU HIERHIN – und keinesfalls zur Seite!
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Alles andere gibt nur Ärger – mit der B-Ware neben Ihnen.
Man kann sich also nur einen begrenzten Überblick über die infrage kommenden potenziellen Partner verschaffen. Was ja gar nicht ausschließen muss, dass man den Rest seiner Tage glücklich und zufrieden verbringt. Auf jeden Fall aber ist es ökonomisch effizienter, als jeden der fünf Kontinente abzugrasen.
Hat man den/die Auserwählte(n) einmal gefunden, steht die Investition der sogenannten Balz- und Werbungskosten ins Haus, die von etwaigen Erträgen in Abzug zu bringen sind. Beispielhaft seien hier Kinokarten, Kosten für Mitbringsel der floralen Art oder die Rechnung im Restaurant genannt. Selbstverständlich fließen in dieses Kalkül ebenso immaterielle Kosten ein wie die Überwindung, dem Wunsche der Angebeteten zu entsprechen, »doch mal Minigolf spielen zu gehen«.
Eine derartige Investition sollte jedoch nicht unterschätzt werden, denn ein alter Kaufmannsgrundsatz lautet: Keine Buchung ohne Gegenbuchung. Die Auserwählte kann nämlich auf der Ertragsseite im Gegenzug ein Informationsgut verbuchen. Seine Bereitwillig- oder sollte man besser sagen Folgsamkeit signalisiert ihr: Du bist mein Augenstern. Mein Ein und Alles. Das Liebste, das ich fand.
Ein stärkerer Liebesbeweis wäre höchstens und wenn überhaupt durch das Entreißen der Liebsten aus den Fängen einer schrecklichen Räuberbande oder die Bezwingung eines Drachen möglich. Da Passwort-Phishing im Internet und Aktiengeschäfte mit Insiderwissen sich mittlerweile als einträglicher und risikoloser als Jungfrauenraub herausgestellt haben, hat sich das Gros der zeitgenössischen professionellen Räuberbanden mittlerweile auf erstgenannte Geschäftsfelder verlegt. Deshalb, und in Ermangelung eines leibhaftigen Drachen, hat sich das Minigolfen als Liebesbeweis ersatzweise eingebürgert.
Umgekehrt bucht sie es beispielsweise nach einem romantischen Essen mit anschließendem ausgelassenem Kneipenbummel auf der Kosten-Seite ab, ihrem lallenden und schwankenden Begleiter den Weg zum Taxi zu weisen, wenn er sich im Laufe des Abends etwas zu viel Mut angetrunken hat. Kosten und Nutzen!
Das Max-Planck-Institut hat gar im Rahmen einer Studie herausgearbeitet, dass die Partnerwahl entscheidungstheoretisch die gleiche Situation ist wie beim Gebrauchtwagenkauf. Man erstellt ein Wunschprofil und schätzt auf Basis seiner individuellen Marktkenntnisse die Kosten für dessen Erfüllung ab: »Was hätte ich gern? Und was muss ich dafür investieren?« BMW, nicht mehr als 30.000 Kilometer gelaufen, gepflegter Zustand. Hier ist allerdings auf einige Unterschiede im Detail hinzuweisen. So ist bei einem gebrauchten Automobil zum Beispiel anhand der Eintragungen im Kraftfahrzeugbrief ersichtlich, wer das gute Stück in der Vergangenheit zu chauffieren beliebte. Hier sollte man im Zusammenhang mit der Partnerwahl besser erst gar keine Auskünfte erfragen oder umgekehrt nur unvollständige erteilen. Versteckte Mängel erkennt die Käuferseite sowieso noch früh genug.
»Egoismus ist die Zärtlichkeit der Ellenbogen«
Norman Mailer, Briefund Bücherschreiber