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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Heinrich Pachl, Jahrgang 1943, ist Autor, Kabarettist und Filmemacher. Nach seinem Durchbruch als Kabarettist mit »Der wahre Anton« einige Gemeinschaftsprogramme – unter anderem mit Richard Rogler, Matthias Beltz und Arnulf Rating -, seit 1994 Soloauftritte, darunter »Nicht zu fassen« (1994), »Geld und gute Worte« (1996), »Chaos und Spiele« (2001) und »Vertrauensstörende Maßnahmen« (2006). Zahlreiche Auszeichnungen, darunter Deutscher Kleinkunstpreis, Adolf-Grimme-Preis und Deutscher Kabarettpreis.
Zur Zeit auf Tournee mit dem Solo-Programm »Die Spur der Scheine«. Heinrich Pachl lebt in Köln.

Krisen
Denn wir haben wahrlich keinen Rechts-
anspruch auf Demokratie und soziale
Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.
ANGELA MERKEL
 
Krise? Welche Krise, bitte? Ich höre immer Krise! Die Finanzkrise? Gab’s die eigentlich? Gibt’s die etwa immer noch? Oder fängt die erst so richtig an?
Tut mir leid, ich persönlich kann das Wort »Krise« nicht mehr hören. Und, entschuldigen Sie bitte, aber so wie diese Krise benimmt sich eine anständige Krise einfach nicht! In einer anständigen Krise bleibt der Mittelstand stabil – hier geht er den Bach runter. In einer anständigen Krise rettet uns der Export, und der Binnenmarkt geht in die Binsen – hier bricht der Export zusammen, der Binnenmarkt aber soll’s bringen und wird dazu mit Abwrackprämien, Konsumreizen und anderen Aufputschmitteln gedopt. In einer anständigen Krise taucht das Klein- und Kleinstwagensegment ab – hier bleiben die obere Mittelklasse und die Edelkarossen auf der Halde.
Aber der Hammer kommt noch! In einer anständigen Krise werden die Armen unterstützt – hier gehen Hunderte Milliarden Euro als Schutzschirme, Deckungsfonds, Treuhandbürgschaften, Halteprämien (auch Boni genannt) ausnahmslos und immer an die Besser- und Bestverdienenden. Unerhört und unanständig! So hat sich eine Krise einfach nicht zu benehmen. Und weit und breit keine Supernanny in Sicht, die für Anstand sorgt und Regeln setzt.
Das kann es doch nicht gewesen sein!

Finanz-Krise

Also überall Krisen, unüberschaubar viele Krisen! Vor allem die sogenannte Finanzmarkt- oder auch Finanzkrise.
Eine Krise schockt, aber eigentlich sollte man sie genießen. Das geht. Ja, auch eine Krise kann man genießen. In beschränktem Maße jedenfalls. Auch die jetzige Finanzkrise, warum denn nicht! Zum Beispiel der Kölner – der macht das mit großem Können vor. Ich, der ich schon seit Jahren in Köln wohne, kann das einigermaßen beurteilen. Wo sich Bewohner anderer Städte aufregen, wenn sie betrogen und belogen werden, genießt der Kölner bei vollem Bewusstsein geradezu, wie mit ihm Schlitten gefahren wird – ein Vergnügen, das hier eine relativ hohe Kulturstufe erklommen hat. Man nennt es in Köln auch Spaß an der Freud, oder, um mit Tünnes und Schäl zu sprechen: Gestern hat mich eine Dampfwalze überfahren – was war ich platt!
Man muss, um eine Krise genießen zu können, natürlich ein bisschen was von dem miesen Krisenspiel verstehen, das da getrieben wird, also zumindest einige der Spielregeln kennen. Wie beim Fußball, wo man sich auch nur so richtig vehement über einen nicht gegebenen Strafstoß aufregen kann, wenn man eine gewisse Ahnung davon hat, nach welchen Regeln gepfiffen wird.
Wie jede Krise hat auch die jetzige gigantische Finanzkrise ihr schlichtes Grundrezept, das im Mischungsverhältnis von »gefühlt« und »echt« verborgen liegt. Diesen Unterschied kennen Sie im Alltag von der Kälte, bei der man ebenfalls zwischen der echten und der gefühlten unterscheidet.
Gegen echte Kälte kann man sich wappnen, auch wenn das Thermometer auf vierzig Grad unter null fällt – man geht halt nicht raus. Aber gegen gefühlte Kälte sind Sie machtlos, auch wenn Sie Ihr Rheumakissen auf 280 Grad schrauben, bis es Flammen wirft. Sie bibbern trotzdem durch alle Ritzen. Manchmal treffen »gefühlt« und »echt« auch zusammen, etwa wenn man in der richtigen Situation im richtigen Etablissement aus dem richtigen Automaten mit dem richtigen Kleingeld das Richtige zieht – dann hat man’s gefühlsecht … Aber das ist eine andere Baustelle.
Zurück zur großen Finanzkrise. Je gefühlter, desto dramatischer wirkt sie, je echter, desto gefährlicher scheint sie. Die Mischung macht’s. Gegenüber der echten ist die gefühlte Krise deutlich im Vorteil: Man kann an ihr fummeln, man kann sie manipulieren, das Gefühl für sie hochdrehen oder abdimmen, die Stimmung anheizen, flach halten oder abkippen lassen. Während an der echten Krise echt was getan werden muss. Müsste...

Gefühltes Geld

Es geht, worum sonst, ums Geld. Also um Kies, Schotter, Mammon, Moos, Marie, Penunzen. Normalerweise muss Geld arbeiten und darf nicht auf der faulen Haut liegen. Aber Geld ist bekanntlich scheu, – wie ein Reh hüpft es nachts über die Grenze nach Luxemburg oder Liechtenstein. Dann rast der deutsche Steuerfahnder auf seinem rostigen Moped hinterher. Dem hat man, irgendwo muss der Staat schließlich sparen, vorne die Karbidlampe weggespart, und so knallt er gegen die letzte unbeleuchtete Fichte neben der deutschen Autobahn. Oder das Geld wandert gleich ganz aus, dahin, wo so gut wie immer die Sonne scheint und es endlich auch herzlich aufgenommen wird.
Doch unser Geld, dieses scheue Reh, dieses Bambi, könnte man sagen, das Helmut Kohl früher mit dem Billigausdruck »Bimbes« belegte und beleidigte, was unserem Geld gegenüber nicht besonders sensibel war – dieses scheue Reh also schien auf einmal hysterisch geworden zu sein. Unser Bambi lief geradezu Amok. Aus Geldscheinen, die jahrelang unter der Matratze zins- und freudlos in einem alten Strumpf gefoltert worden waren, aus herrenlosen Guthaben, die auf öden Postsparbüchern herumgegammelt hatten, in enger Käfighaltung in Bausparverträgen und Rentenkassen dahinvegetierten und in kleinlichen Zinserzielungsanstalten gefangen gehalten worden waren – aus all diesen Schläfern waren, passend zum Raubtierkapitalismus, urplötzlich Bestien geworden. Unser Bambi mutierte quasi zum Killer-Kitz! Zum Kannibalen, der sich selbst auffraß – beziehungsweise bereits aufgefressen haben musste. Denn das Geld war ja einfach nicht mehr da! Hunderte von Milliarden Euro, Yen, Dollar vor allem – futsch! Gekidnappt! Verschwunden! Wie in einem Banken-Bermuda-Dreieck verschollen, aufgelöst und weg!
Doch dann diese wahnsinnige Leistung der deutschen Regierung, auf einmal Hunderte von Milliarden Euro hervorzuzaubern und aufzutischen. Wie viel davon nun wieder echt und wie viel gefühlt war? Egal! Nur, wie hat man das auf einmal hingekriegt?
Im Grunde nicht anders als beim stinknormalen Zaubertrick im Zirkus, im Varieté oder im Tingeltangel: Man lässt sich was vormachen und zahlt dafür. Jeder Zaubertrick, also auch dieser funktioniert nach dem bekannten Grundmuster, dass der Magier, der Hexer oder Illusionist hier etwas hervorzaubert, was er gerade eben noch dort hat verschwinden lassen, ganz egal ob es sich dabei um Elefanten handelt oder um Taschentücher oder um Ihr Portemonnaie. In jedem Fall wird uns was vorgemacht. Wichtig ist die Illusion. Wenn die Illusion, also die Täuschung, nicht funktioniert oder zerstört wird, ist der Zauber futsch. Wie neulich bei Siegfried und Roy, als der Albino-Tiger wie sonst immer verschwinden sollte und sich gesagt haben muss, allein wird mir das zu blöd, Siegfried, du kommst mit! Da war der Trick dahin, die Illusion futsch, der Zauber weg, anstatt Staunen herrschte Entsetzen im Publikum und, jetzt kommt das Schlimmste, das Vertrauen in den Zauberer war zerstört.
Denn Vertrauen in den Zauberer gibt’s nur, wenn die Täuschung, von der man zwar weiß, dass es sie gibt, aber höchstens ahnt wie sie funktioniert, trotzdem so gut klappt, dass man an sie glaubt, wenn das Gefühlte also als wirklich echt daherkommt. Solche Täuschungen sind ihr Geld wert, und dafür zahlt man doch gerne.
Und diese Wahnsinnsmasse an Bimbes, die neulich bei uns herbeigegaunert wurde – wo hat man die vorher verschwinden lassen? Zaubertricks enthüllen und verraten? Gehört sich nicht und ist dem Ehrenkodex der Zauberer zufolge strengstens untersagt! Denn wenn der Zauber dann wieder mal vorgeführt werden soll, ist er im Eimer, und der Zauberer erntet statt Bewunderung nur noch Gelächter.
Aber diesen Monetentrick, jede Wette, gab es bisher noch auf keiner Bühne, und er ist an Wagemut und unverschämter Gerissenheit kaum zu überbieten. Also, was soll der Geiz, machen wir eben mal eine Ausnahme. Wobei die Masche so neu nun auch wieder nicht ist, eigentlich ist sie sogar reichlich ausgelaugt und abgestanden. Die Hunderte von Milliarden Euro, die da hergezaubert wurden, hat man wo weggezaubert? Halten Sie sich fest, bei unseren Ururenkeln! Wenn die in siebzig oder achtzig Jahren, oder wann auch immer, hienieden das Licht der Welt erblicken müssen und den Kopf aus dem Wüstensand strecken, der unseren ehemals deutschen Wald dereinst bedecken wird und den Wölfen und Bären ausweichen, die durch unsere verödeten Karstädte streunen, werden sie ihr blaues Wunder erleben. Denn was erleben sie? Unser längst aufgefressenes und verausgabtes Futurum III als ihr eigenes bankrottes Plusquamperplex. Supi! Oder?!
Dieser Trick mit dem Geld, so kriminell er gegenüber den Ungeborenen sein mag, war bitter nötig, damit wieder Vertrauen entsteht. Vertrauen zwischen uns und unter uns und über uns hinweg, um damit eine gigantische Katastrophe abzuwenden – nämlich die, dass wir nicht mehr an den Trick mit dem Geld glauben. Und wenn dieser Glaube nicht mehr funktioniert, können wir den Globus sofort dichtmachen.
Auch bei dieser frisch an die Wand gemalten Katastrophe wusste und weiß keiner, wieweit sie gefühlt oder echt war oder geworden wäre. Oder sein wird, wenn sie dann doch noch kommt. Also weiß keiner, wieweit wir getäuscht, also nach Strich und Faden über den Tisch gezogen, oder gerettet wurden und werden.
Umso wichtiger ist das Vertrauen, das in den sogenannten »vertrauensbildenden Maßnahmen« fabriziert wird. Von allen solchen Vertrauensarten ist aber dasjenige in den Zirkus-Zauberer dabei das raffinierteste überhaupt, weil man weiß, dass einen der Zauberer täuscht, und man gerade deswegen von seiner Illusion betrogen werden will. An dieser Stelle kommt – wie bei jedem Zaubertrick – der Trick im Trick zum Zuge, der – Achtung! – wirklich einen Sonderapplaus verdient: Die Verantwortung für die Illusion, also für den Betrug, geht vom Zauberer, also dem Betrüger, auf den Zuschauer über, also auf den Betrogenen. Aber klar doch, denn der will’s ja so und nicht anders und bezahlt auch noch dafür. Und applaudiert auch noch kräftig, wenn’s klappt. So wird aus Betrug ganz locker Selbstbetrug – und zwar, das ist die Delikatesse dabei, in Eigenverantwortung des Betrogenen.
Auch bei der amerikanischen Immobilien-Kreditkrise wurde dieses Argument von den Betrügern und ihren Anwälten ins Feld geführt: Die, die sich jetzt beklagen, wollten es ja nicht anders. Was für ein Uralttrick. Die allseits bekannte Verteidigung der Wölfe gegen die Schafe.
Betrogen werden in Eigenverantwortung – das ist der qualitative Sprung von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung, der beim Finanz-Zauber gefühlsecht und auf unterstem Niveau funktioniert – als Übergang von der Fremdverarschung zur Selbstverarschung. Bravissimo! Und: Reklamation ausgeschlossen.

Geld und Erfahrung

Wir wollen, sagt der Banker zum Bankkunden, doch nur Ihr Bestes, Ihr Geld. Da können Sie sich, wenn Sie was auf dem Konto haben, vor Anrufen nicht retten. Wollen Sie nicht mal in der Filiale vorbeikommen, wir hätten da eine interessante Anlagemöglichkeit für Sie? Oder ist es Ihnen lieber, wenn wir bei Ihnen vorbeikommen, wann hätten Sie denn Zeit? Nach vielen Anrufen sind Sie endlich weichgeklopft, die Verabredung mit dem Vermögensberater bei Ihnen zu Hause steht, Sie bereiten alles vor und haben dazu, wie empfohlen, alle Konten und Sparbücher hervorgekramt und aufgeblättert, so dass Sie nun ein gewisses Gefühl der Entblößung empfinden, wie in Erwartung eines Hausbesuchs vom Urologen. Der Vermögensberater klingelt, tritt ein, legt ab, nimmt Platz und schaut hinein in Ihre finanziellen Innereien. Sie sind angespannt und nervös. Doch er lobt: Das sieht doch sehr gut aus. Sie sind erleichtert. Da hat sich ja was gebildet, fährt er fort, nämlich ein Guthaben. Wirklich? Ja ja! Und das ist gut, dass Sie das haben. Daher ja auch der Name: Gut-Haben. Damit können wir doch was Sinnvolles anfangen, also sollten Sie es auf keinen Fall versauern und auf der faulen Haut liegen lassen. Schauen Sie mal, schlägt er vor, Sie haben das Geld, und wir haben die Erfahrung, und wenn wir zwei beides zusammentun, könnte dies der Beginn einer wunderbaren finanziellen Freundschaft sein.
Das leuchtet Ihnen ein, Sie schlagen ein und stecken Ihr Guthaben auf Anraten des Vermögensberaters in einen geschlossenen Immobilienfonds. Der ist dermaßen geschlossen, dass kein Schwein erkennen kann, was sich eigentlich darin abspielt, bald aber zugleich so transparent, dass nach einem halben Jahr gar nichts mehr zu sehen ist. Panik ergreift Sie, Sie greifen zum Telefon, erreichen den Vermögensberater auch, nachdem der Klingelton dreimal Melodie und Rhythmus geändert hat und mittlerweile wie ein Cocktail aus Salsa und Samba klingt. Alles klar, sagen Sie sich, Karibik, Bahamas. Ihr Berater meldet sich lallend. Aha, all inclusive, Happy Hour, dritter bis vierter Cuba Libre. Das Geld, beschweren Sie sich, es ist nicht mehr da! Das kann nicht sein, meint er. Doch, es ist weg, rufen Sie störrisch. Nein, sagt er, weg ist es nicht. Natürlich, unterbrechen Sie ihn, es ist ja nicht mehr da. Aber, tröstet er Sie, deswegen ist es noch lange nicht weg! Wieso das denn nicht? Ja, weil es hier ist. Ein Glück, sagen Sie erleichtert. Eben, sagt er, es hat sich im Wesentlichen auch nicht viel geändert, es ist jetzt alles nur ein bisschen anders. Jetzt haben wir das Geld und Sie die Erfahrung. Schönen Tag noch, Weihnachtsgans! Und hat aufgelegt.

Banken

Was ist das überhaupt, eine Bank? Normalerweise hat eine Bank die Funktion, das Geld von denen, die es haben und deswegen gar nicht mehr brauchen, an die zu vermitteln, die es brauchen, weil sie es noch nicht haben und nun mit dem Geld arbeiten wollen, damit mehr aus ihm wird, wovon sie aber kaum was haben, weil nun die Bank das Geld ihnen, die es nur brauchten, weil sie es eben nicht hatten, wegnimmt und wieder an die zurückbringt, die es schon haben und eigentlich gar nicht brauchten und jetzt noch mehr davon haben, was sie noch weniger brauchen, so dass die, die es nun im Überfluss haben und überhaupt nicht mehr brauchen, sich ziemlich langweilen und sich irgendwann fragen, ob sie eigentlich die, die es immer noch nicht haben und dafür immer wieder brauchen, überhaupt noch brauchen, denn das dauert doch immer ziemlich lange und ist reichlich umständlich, und stattdessen kann man das Geld doch schneller und besser mit den Zinsen verzinsen, die es noch gar nicht erzinst hat.
Wie wenn Sie zum Pferderennen gehen und dort auf Alpenveilchen setzen, obwohl Tannenzapfen gar nicht an den Start geht. Das habe ich auch nicht ganz verstanden, trotzdem wird so verfahren, darauf werden Wettscheine ausgegeben, die wiederum versichert sind, und auf die Versicherungsaktien gibt’s Optionen mit rückversicherten Calls, Puts, Ausfallwagnis, Derivaten und so weiter.
Was im Privatleben als Kettenbrief und in Spelunken als Glücksspiel verboten wurde, wurde hier gesetzlich zugelassen. Und zwar vor kurzem erst, von der rot-grünen Regierung – wozu die anderen Parteien sie gedrängt hatten. In trauter Eintracht stimmten alle zusammen Ende 2003 dem sogenannten Investmentmodernisierungsgesetz im Finanzausschuss des Bundestages zu.

Vertrauen auf Kredit

Das alles ist zum Überdruss und bis zu den Ohren hinaus bekannt und klappt trotzdem, solange es klappt, weil noch Vertrauen da ist.
Vertrauen ist gerade beim Geldhandel unabdingbar. Stellen Sie sich vor, Sie hätten mir vor sieben Jahren hundert Euro geliehen, die ich Ihnen seither trotz Bitten und Mahnen nicht zurückgezahlt habe, noch keine einzige Rate. Können Sie da noch darauf vertrauen, dass ich jemals mit der Rückzahlung beginnen werde?
Eben nicht. Verständlich, aber mit katastrophalen Auswirkungen für mich als Schuldner. Sie sollten sich auch mal in die Gemütslage eines anderen, in diesem Fall Ihres Geschäftspartners hineinversetzen! Durch Ihren Vertrauensentzug rauscht meine Stimmung in den Keller. Und in der Wirtschaft ist Stimmung sehr wichtig, gerade und vor allem in der Finanzwirtschaft. Das müssten Sie doch wissen! Wenn ich also bisher, als Sie noch Vertrauen zu mir hatten, die seelische Kraft nicht aufbringen konnte, mit der Rückzahlung zu beginnen, wie soll mir das gelingen, wenn Sie mir zusätzlich zu meinem stressigen Schuldnerdasein auch noch Ihr Vertrauen entziehen? Ich weiß nicht, ob Sie sich damit einen Gefallen tun. Denn jetzt sieht es mit der Rückzahlung noch schlechter als schlecht aus. Aber halt, nicht die Flinte voreilig ins Korn werfen – ich habe da einen konstruktiven Vorschlag, der dazu angetan sein könnte, dass Sie wieder bei sich Vertrauen in mich aufbauen und mir damit eine reelle Chance auf Schuldenabbau bei Ihnen geben. Sie leihen mir jetzt direkt noch einmal hundert Euro, die ich Ihnen sofort als die ersten hundert Euro von vor sieben Jahren zurückgebe. Wäre das ein Denkmodell? Verzinsung? Wo die bleibt? Berechtigte Frage. Stimmt, die Zinsen fehlen noch. Aber auch da hätte ich einen verbindlichen Vorschlag zur Güte. Sie leihen mir nochmal fünfzig Euro, von denen ich Ihnen, großes Ehrenwort, sofort fünfundzwanzig zurückgebe, die Sie dann als Zinsen für diejenigen hundert Euro verbuchen, die ich Ihnen jetzt noch zusätzlich schuldig bin. Damit haben Sie einen Eingang von 25-prozentiger Verzinsung und spielen dadurch in einer Liga mit Ackermann. Bitte nicht gleich ablehnen, erst mal drüber nachdenken.

Steinbrück – Held der Klamotte

Wenn zum Krisengenießen die Kenntnis der entsprechenden Regeln gehört, muss man auch die dramaturgischen Tricks des Theaters kennen, das uns hier vorgespielt wird – also wie Spannung aufgebaut wird, falsche Spuren gelegt werden und so weiter. Wobei uns das Geld trotz der Unsummen von Geld, die da herumschwirren, leider kein anständiges Drama vorspielt, sondern eine Schmierenkomödie. Aber auch Klamotten, so lächerlich sie sein und so blutig sie enden mögen, brauchen Helden und Schurken. In der Schmierenkomödie besetzt man beide Rollenfächer am besten mit guten Komikern, sofern welche zur Verfügung stehen. Denen sollte man ihre Lustigkeit aber nicht direkt ansehen, sonst wird es selten richtig komisch.
Komiker als Helden also? Die haben wir. Einer heißt Peer Steinbrück. Ein Fischkopp aus Schläfrig-Holstein, früher Finanzminister unter Wolfgang Clement und danach dessen Nachfolger als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, als der er 2005 abgewählt wurde. Aber genau das hat ihn erst qualifiziert, Finanzminister zu werden. Denn die SPD schickt immer nur solche Genossen als Finanzminister auf die Bundesbühne, die schon mal abgewirtschaftet haben, dadurch über einen intensiv tragischen Blick verfügen und gleichzeitig ausreichend schmerzunempfindlich sind und damit tragfähig für unlösbare Aufgaben.
Erinnern wir uns an Hans Eichel und seine Anmutung eines genetisch erzeugten Watschenmannes, der mit seiner schiefen Kopfhaltung die linke Wange immer schon hinzuhalten schien, bevor man die rechte überhaupt getroffen haben wollte. Kaum hatte er die Hessen-Wahl verloren und war dort als Regierungschef abgedankt, wurde er schon Schröders Finanzminister. Loser, muss die SPD sich seit Kanzler Schröder gesagt haben, die es schon hinter sich haben, sind prädestiniert für diesen Job, denn sie tragen das Politiker-Prüfsiegel AEG – Aus Erfahrung Gut.
Steinbrück hat allerdings eine ganz andere Anmutung als Eichel, er wirkt knallhart und zupackend, wie eine charismatische Kombination von Frettchen und Kampfkaninchen. Eichel verteidigte sich eher kläglich kläffend, Steinbrück dagegen kommt als Schnapphahn rüber, als Wadenbeißer – nur setzt er höher an, mehr am Hals des Gegners. Seine Härte drückt sich bereits in seinem Sprechen aus – eine Aussprache mit dem sägenden Klang einer Eisenfeile, womit er ein scharfes »s« auch in solchen Worten zum Klingen bringt, die noch nie mit einem »s« zu tun hatten. Wenn Steinbrück redet, höre ich im Geiste Möhrchen knacken. Nicht schlecht gecastet: als wäre Robert De Niro als Finanzbeamter zur Welt gekommen. Und hat Steinbrück als Tragikomiker nicht damals unter Minister Clement und Kanzler Schröder an den Missständen mitgebastelt, deren missliche Folgen er heute ausmisten muss? Hier weht also, um bei der Komödie zu bleiben, auch ein Hauch vom Dorfrichter Adam aus dem Zerbrochnen Krug, der ebenfalls eine Untat aufdecken musste, bei der er selbst der Täter war. Aber sogar im Kampf gegen die Leistungen seiner eigenen politischen Vergangenheit zeigt sich Steinbrück bei aller Verbissenheit durchaus humorvoll und juxig komisch, etwa wenn er auf die Frage, wie es denn weitergehe und wie schlimm es noch werden könne, mutig, sicher und unentschlossen antwortet: »Ich weiß nicht.«

Merkel – Mutter der Klamotte

Und eine Heldin braucht das Possenspiel. Wer anders und besser als Angela Merkel käme da als Besetzung für die weibliche Hauptrolle in Frage? In diesem Schauerstück ist sie die unangefochtene Mutter der Klamotte. Aber man wird hier, dazu ist die Lage dann doch zu ernst, keine Merkel-Witze lesen, denn Merkel-Witze sind sehr oft ganz schnell frauenfeindlich, was keineswegs nur an den Witzen liegt.
Eine beliebte Komikermasche besteht darin, aus wenig Inhalt viel Text zu produzieren. Der Possenprofi, nehmen wir als Beispiel Hans Moser, ergeht sich dann in dauerndem Versprechen, Stottern, Sich-Wiederholen. Und der Zuschauer lacht über den mühevollen Aufwand, den der Komiker an den Tag legen muss, um sich verbal aus der Affäre zu ziehen.
Auch Frau Merkel arbeitet so, allerdings mit einer sehr leisen und unscheinbaren Komik, so dass einem die Pointen leicht entgehen können. Was substanzielle Inhalte anbelangt, hat auch sie zu dieser Krise nicht viel zu sagen – aber das sagt sie dann auch, und zwar so, dass jeder merkelt, dass sie nicht viel zu sagen hat. Dafür bekommt sie tosenden Applaus und Standing Ovations, zumindest wenn es sich beim Publikum um Kenner und gewiefte Genießer solcher subtilen Komik handelt. Wie neulich zu Beginn des Krisenjahres 2009, als sie in Davos in der Schweiz, da wo’s so schön ist und sich die Bosse und Banker versammelt hatten, eine Rede hielt, welche die Anwesenden, darunter auch der Schurke Ackermann, begeistert quittierten, vor allem als Merkel sagte: »Diese Finanzkrise, meine Herren, darf nicht umsonst gewesen sein!«
Angela Merkel wird uns ja noch einige Zeit als Spitzenkomikerin in der Kanzlerinnenrolle erhalten bleiben, mindestens doch noch acht Jahre, wenn nicht zwölf, aber ich, der ich sechzehn Jahre Helmut-Kohl-Komik durchgehalten habe, und das müssen Sie mir erst mal nachmachen, das schaffen andere abendländische Kulturvölker nur unter fiesesten Folterdiktaturen, was ich freiwillig hinbekommen habe, ich werde im Zweifelsfall sogar sechzehn Jahre Merkel durchhalten. Sie selbst, da bin ich mir ziemlich sicher, schafft das auch, schließlich verströmt sie jetzt schon, wenn sie sich so richtig konzentriert, die Ausstrahlung der jungen Inge Meysel.

Merkels Karriere

Weil Merkel uns also noch länger polit-atmosphärisch begleiten wird, muss hier etwas weiter ausgeholt werden, um ihrer singulären Erscheinung zumindest ansatzweise gerecht zu werden und daraufhin ihre Rolle und Leistung in dieser Krise wenigstens annähernd adäquat würdigen zu können.
Merkel? War das nicht »Kohls Mädchen«? Im ersten gesamtdeutschen Kabinett war sie Helmut Kohls Fachfrau für politische Magermilch, zuerst zuständig für »Famillje«, dann für Umwelt. Davon hatte sie zwar keine Ahnung, aber das sei, wie sie meinte, nur positiv, weil sie sich dadurch gegenüber den vielschichtigen ökologischen Problemen neutral, objektiv und ökonomisch verhalten könne.
Klang schon damals merkwürdig, aber irgendwie einleuchtend, und wie sie als Umweltministerin mit kritischen Einwänden Schlitten fuhr, ließ bereits ihr komisches Talent aufblitzen. Mir fiel es jedenfalls direkt ins Auge, als ich sie seinerzeit fragte, was sie gegen das wachsende Ozonloch zu unternehmen gedächte. Flink, patent und abgebrüht reagierte sie mit Trick eins der komischen Praxis: nicht verstehen, weghören, nachfragen lassen. Das Ozonloch, Frau Merkel, durch das wir Hautkrebs bekommen! Wie? Das Ozonloch, Frau Merkel, das Arschloch der Atmosphäre, durch das wir mit malignen Melanomen zugeschissen werden! Was machen Sie dagegen?
Da lief sie zu früher Höchstform auf. Nur keine Panik, war ihre Antwort, Löcher könne man stopfen, das wisse sie noch von den roten Socken.

Abseitsfalle Vertrauen

Frau Merkel brachte dann, was zu selten gewürdigt und allzu oft übersehen wird, weswegen man sie lange Zeit unterschätzt hat, eine neue Kategorie in die echte und gefühlte Politik ein.
Bis dato war es doch so, dass man einem Politiker vertrauen sollte. Hier kommen die sogenannten »vertrauensbildenden Maßnahmen« zum Zuge, nicht zu verwechseln mit den »vermögensbildenden Maßnahmen«, eher schon mit den »verblödungsbildenden Maßnahmen«.
Vertrauen zu Politikern? Vorsicht! Sehr gefährlich! Vertrauen zu Politikern ist die Abseitsfalle der Demokratie. Wer einem Politiker vertraut, unterschreibt damit quasi, dass er glaubt, der Politiker könne davon ausgehen, dass er, der Bürger, meint, der Politiker würde annehmen dürfen, der Bürger würde ihm unterstellen, dass er, der Politiker, die Wahrheit sagt. Darin steckt der Keim unserer epidemisch sich ausbreitenden Politikermüdigkeit und lähmenden Politikverdrossenheit. Denn wie, bitte schön, kann man von einem Politiker ernsthaft erwarten, dass er die Wahrheit sagt über Dinge, die es noch überhaupt nicht gibt, die er erst mit zu gestalten und mit zu entscheiden hat? Wie, bitte, soll ein Politiker da die Wahrheit sagen – er kennt sie doch in den meisten Fällen selbst gar nicht? Kann sie auch gar nicht kennen. Doch sagen muss er trotzdem was, denn wenn er nichts sagt, hat er den Beruf des Politikers verfehlt. Eine Basiskomik dieses Berufsstandes.
Das erleben wir im umgekehrten, also positiven Fall beim neuen Bundesminister für Wirtschaft, Herrn zu Guttenberg, der, wie er selbst sagte, von Wirtschaft wenig Ahnung hat, aber trotzdem der Richtige für diesen Posten sei, weil er gelernt habe, gut zu reden, und wenn er sich äußert, merkt man auch sofort, dass er eigentlich nichts zu sagen hat, aber er sagt wenigstens was, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Glos, der nicht nur keine Ahnung hatte, sondern das noch nicht einmal auszudrücken wusste.
Welcher Politiker will denn, um gleich ein ganz heißes Eisen bei den Hörnern zu packen, die Wahrheit über die Endlagerung von Kernbrennstäben sagen? Der Salzstock der Asse in Niedersachsen beispielsweise – der sei, sagten damals die Politiker, Millionen von Jahre sicher. »Und wenn nicht?«, fragte damals schon der skeptische Bürger. »Dann stehe ich dafür gerade«, kam die Politiker-Antwort, »dann kommen Sie zu mir und reklamieren.« Und läuft der besagte Salzstock bereits nach knapp dreißig Jahren leck mit Lauge und lässt die radioaktiven Fässer im Salzwasser rosten. Nur die Politiker, die damals das Sagen hatten und denen man vertrauen sollte – die sind tatsächlich entsorgt und endgelagert.
Wie schon Otto von Bismarck, der Eiserne Kanzler, wusste: Wer es einmal mitgekriegt hat und daher weiß, wie Gesetze und Würste gemacht werden, kann nicht mehr ruhig schlafen.

Enttäuschung und ihre Folgen

Aus Vertrauen zu Politikern entsteht mit logischer Notwendigkeit schnell Enttäuschung. Enttäuschung aber ist unschön. Man kennt das von der Entehrung. Eine Ehrung ist schön, eine Ent-Ehrung nicht wirklich. Oder von der Enteignung. Man besitzt eine gewisse Eignung, vielleicht sogar ein kleines Eignungstum, aber eine Ent-Eignung ist unangenehm. Genauso verhält es sich mit der Täuschung … eine Ent-Täuschung jedenfalls ist wirklich nicht schön.
Wem das seltsam erscheint, der erinnere sich an die Revolution in Ungarn. Nicht an die von 1956, sondern die von 2006, als der damalige ungarische Ministerpräsident in einem Anfall von Wahrheitswut vor den Wählern bekannte, er habe sie drei Jahre lang nach Strich und Faden belogen. Das wollte man nicht hören. Es kam zu Krawallen, Straßenschlachten mit Barrikaden, fast zum Bürgerkrieg. »Lüg uns nicht an«, schrien die Ungarn, »und täusche auf einmal eine Wahrheit vor, indem du zugibst, dass du uns belogen hast, und behauptest, das sei jetzt ehrlich! Wir glauben dir kein Wort! Du lügst ja sogar, wenn du lügst!«
In kritischen Fällen vermeldet der Politiker also nicht die Wahrheit, sondern hofft, dass das, was er sagt, nicht als Unwahrheit enttarnt wird, solange er Immunität genießt. Und dass die Sache, um die es geht, verjährt ist, wenn die Immunität ausgelaufen ist.

Zutrauen statt Vertrauen

Die bessere Alternative zum Vertrauen wurde dem interessierten Publikum vor einiger Zeit klar, als zwei Menschen öffentlich bekannten, sie hätten die Öffentlichkeit belogen – aber aus Verantwortung! Der eine war Politiker, der andere Sportler. Mit den beiden wurde sehr unterschiedlich umgesprungen.