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Weitere Informationen zu Lucinda Riley

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Lucinda Riley

Der

Engelsbaum

Roman

Deutsch

von Sonja Hauser

und Ursula Wulfekamp

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Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel

»Not Quite an Angel« bei Simon & Schuster, London.

Die vorliegende Ausgabe folgt einer von der Autorin

überarbeiteten Fassung.

Bis Ende Kapitel 16 übersetzt von Sonja Hauser

Ab Kapitel 17 übersetzt von Ursula Wulfekamp

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8. Auflage

Taschenbuchausgabe Dezember 2014

Copyright © der Originalausgabe Lucinda Edmonds 1995

Copyright © der überarbeiteten Ausgabe Lucinda Riley 2014

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Getty Images / Gentl and Hyers, Travelpix Ltd;

Yolande de Kort / Trevillion Images; Jill Battaglia /

Arcangel Images; FinePic®, München

Redaktion: Irmgard Perkounigg

CN · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-14510-1
V002

www.goldmann-verlag.de

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Piktogramme.tif

Für meine Schwester Georgia

Heiligabend 1985

Marchmont Hall, Monmouthshire, Wales

Kapitel 1

David Marchmont, der den Wagen bei heftigem Schneefall die schmale vereiste Straße entlangsteuerte, blickte zu seiner Beifahrerin hinüber.

»Es ist nicht mehr weit, Greta. Sieht so aus, als würden wir’s gerade noch rechtzeitig schaffen. Morgen früh ist diese Straße wahrscheinlich unpassierbar. Kommt dir irgendetwas bekannt vor?«, fragte er vorsichtig.

Greta wandte sich ihm zu. Ihre elfenbeinfarbene Haut hatte trotz ihrer achtundfünfzig Jahre keine Falten, und aus ihrem Gesicht leuchteten riesige blaue Augen, in denen weder Erregung noch Wut zu erkennen war. Das Feuer in ihnen war lange erloschen; sie wirkten so ausdruckslos und unschuldig wie die einer Porzellanpuppe.

»Mir ist klar, dass ich einmal hier gelebt habe, aber ich erinnere mich nicht daran. Tut mir leid, David.«

»Kein Problem«, tröstete er sie und wünschte sich gleichzeitig, den ersten grässlichen Anblick seines Elternhauses nach dem Brand – er hatte immer noch den beißenden Geruch von verkohltem Holz und Rauch in der Nase – aus seinem Gedächtnis löschen zu können. »Marchmont ist fast vollständig renoviert.«

»Ja, David, ich weiß. Das hast du mir letzte Woche, als du zum Abendessen bei mir warst, erzählt. Es gab Lammkoteletts, und wir haben eine Flasche Sancerre getrunken. Du hast gesagt, dass wir im Haupthaus schlafen würden.«

»Genau«, bestätigte David, der verstehen konnte, dass Greta sich an Details der Gegenwart klammerte, weil die Vergangenheit vor ihrem Unfall für sie nicht zugänglich war. Während er den Wagen über die glatte, leicht ansteigende Straße lenkte, auf der die Reifen kaum Halt fanden, überlegte er, ob es eine gute Idee gewesen war, Greta zu Weihnachten herzubringen. Es hatte ihn überrascht, dass sie nach jahrelangen erfolglosen Bemühungen seinerseits, sie aus ihrer Wohnung in Mayfair zu locken, seine Einladung nun angenommen hatte.

Nach drei Jahren umfassender Renovierungsarbeiten hatte er das Gefühl gehabt, dass es der richtige Moment sei, sie mitzunehmen. Und zu seiner Verwunderung schien sie dieses Gefühl zu teilen. Immerhin konnte er ihr ein warmes, gemütliches Haus bieten. Ob Wärme angesichts der Umstände auch auf der emotionalen Ebene möglich war, wusste er nicht …

»Es wird schon dunkel«, bemerkte Greta. »Und dabei ist es erst kurz nach drei.«

»Ja, hoffentlich ist es, wenn wir ankommen, noch hell genug, um Marchmont zu sehen.«

»Wo ich früher gewohnt habe.«

»Ja.«

»Mit Owen, meinem Mann, deinem Onkel.«

»Ja.«

David war klar, dass Greta die Details der Vergangenheit, an die sie sich nicht mehr erinnerte, einfach auswendig gelernt hatte wie für eine Prüfung. Und er war ihr Lehrer gewesen, dem die Ärzte geraten hatten, die traumatischen Ereignisse unerwähnt zu lassen, jedoch Namen, Daten und Orte zu nennen, die ihr möglicherweise den Schlüssel liefern konnten. Wenn sie sich bei seinen Besuchen unterhielten, glaubte er manchmal, ein kurzes Flackern in ihren Augen zu sehen, aber er war sich nicht sicher, ob das etwas mit seinen Schilderungen zu tun hatte oder tatsächlich mit ihrem Gedächtnis. Nach all den Jahren sprachen die Ärzte – die einmal prognostiziert hatten, dass Gretas Erinnerung allmählich wiederkehren würde, weil auf den zahlreichen CT-Aufnahmen ihres Gehirns seit dem Unfall nichts Auffälliges zu erkennen war – nun von »selektiver Amnesie«, verursacht durch traumatische Ereignisse. Ihrer Ansicht nach sträubte Greta sich gegen die Erinnerung.

David lenkte den Wagen vorsichtig um eine gefährliche Kurve. Wenig später würden die Tore von Marchmont in Sicht kommen. Obwohl er juristisch der Eigentümer war und ein Vermögen für die Instandsetzung des Hauses ausgegeben hatte, fungierte er letztlich nur als eine Art Verwalter. Nach dem fast vollständigen Abschluss der Renovierungsarbeiten waren Gretas Enkelin Ava und ihr Mann Simon, auf die das Anwesen bei seinem Tod übergehen würde, vom Gate Lodge ins Haupthaus Marchmont Hall gezogen. Einen günstigeren Zeitpunkt hätte es kaum geben können, weil sie in ein paar Wochen ihr erstes Kind erwarteten. Vielleicht, dachte David, ließen sich die Jahre einer Familiengeschichte mit so vielen tragischen Wendungen durch ein neues, unschuldiges Leben endlich auslöschen.

Noch komplizierter wurde alles dadurch, dass sich auch nach Gretas Gedächtnisverlust noch Dinge ereignet hatten … Dinge, vor denen er sie aus Angst vor der möglichen Wirkung auf sie geschützt hatte. Wie sollte sie mit dem Ende der Geschichte fertigwerden, wenn sie sich nicht an die Anfänge erinnerte …?

Was bedeutete, dass er, Ava und Simon bei Gesprächen mit Greta einen Eiertanz aufführten. Obwohl sie ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen wollten, mussten sie gleichzeitig immer aufpassen, was sie in ihrer Gegenwart sagten.

»Siehst du’s schon, Greta?«, fragte David, als er den Wagen durch das Tor steuerte und Marchmont in Sicht kam.

Das Haus, dessen Grundstein bereits in elisabethanischer Zeit gelegt worden war, erhob sich vor Hügeln, die sanft zu den Black Mountains anstiegen. Darunter mäanderte der River Usk durch das breite Tal, zu dessen beiden Seiten die Felder von frisch gefallenem Schnee glitzerten. Die rötlichen Ziegel des alten Gemäuers wurden an der Front von Dreifachgiebeln gekrönt, und in den längs unterteilten Fenstern spiegelten sich die letzten rosigen Strahlen der Wintersonne.

Das alte knochentrockene Holz im Innern und der Dachstuhl waren schnell den gierigen Flammen zum Opfer gefallen, doch die Außenmauern hatten dem Feuer getrotzt. Das lag, wie die Leute von der Feuerwehr ihm erklärten, zum Teil an dem glücklichen Umstand, dass etwa eine Stunde nach Ausbruch des Brandes ein heftiger Regenschauer niedergegangen war. Die Natur hatte Marchmont Hall vor der völligen Zerstörung bewahrt, so war immerhin etwas übrig geblieben, das man wieder aufbauen konnte.

»David, es ist noch viel schöner als auf den Fotos, die du mir gezeigt hast«, flüsterte Greta. »Verschneit sieht es aus wie auf einer Weihnachtskarte.«

Als David den Wagen direkt vor der Eingangstür abstellte, nahm er durch ein Fenster den Schein der eingeschalteten Lampen sowie die glitzernden Lichter eines Weihnachtsbaums wahr. Die Atmosphäre unterschied sich so sehr von seiner Erinnerung an sein kaltes, strenges Elternhaus, dass ihn plötzlich ein Gefühl der Euphorie überkam. Vielleicht hatten die Flammen tatsächlich die Vergangenheit weggebrannt, im übertragenen wie im eigentlichen Sinn. Wäre nur seine Mutter noch am Leben gewesen, um diese bemerkenswerte Verwandlung zu sehen!

»Ja, ich finde es auch hübsch«, pflichtete er ihr bei, während er die Autotür öffnete, worauf sich eine kleine Schneelawine vom Dach löste. »Lass uns reingehen. Koffer und Geschenke hole ich später.«

David lief um den Wagen herum und machte die Beifahrertür auf. Beim Aussteigen versanken Gretas Füße mitsamt Slippern knöcheltief im Schnee. Als sie zuerst den Blick zum Haus hob und dann auf ihre Füße im Schnee senkte, regte sich plötzlich eine Erinnerung in ihr.

Hier war ich schon mal …

Sie blieb, erschrocken darüber, dass tatsächlich etwas mit ihrem Gedächtnis passierte, stehen und versuchte verzweifelt, diesen Erinnerungssplitter festzuhalten. Ohne Erfolg.

»Komm, Greta, hier draußen holst du dir den Tod«, sagte David und streckte ihr den Arm hin.

Nach einer herzlichen Begrüßung durch die Haushälterin Mary, die seit über vierzig Jahren in Marchmont arbeitete, brachte David Greta in ihr Zimmer, wo sie sich ein wenig hinlegte. Er konnte sich vorstellen, dass der Stress der Entscheidung, zum ersten Mal seit Jahren ihr Zuhause zu verlassen, sowie die lange Fahrt von London sie körperlich wie geistig erschöpft hatten.

Dann ging er zu Mary, die gerade den Teig für Mince Pies ausrollte, in die völlig neu eingerichtete Küche. David ließ den Blick stolz über die glänzenden Granitarbeitsflächen und die modernen Einbauschränke wandern. Die Küche war Davids einziges Zugeständnis an die Moderne. Bei allen anderen Räumen hatte sich die Renovierung an den ursprünglichen Plänen orientiert, eine Herkulesaufgabe, zu deren Lösung wochenlange Recherchen in Bibliotheksarchiven und eigene Fotos nötig gewesen waren. David hatte Heerscharen örtlicher Handwerker angeheuert, die alles, von den Fliesenböden bis zu den Möbeln, dem Marchmont von früher so ähnlich wie möglich gestalteten.

»Hallo, Master David«, begrüßte Mary ihn mit einem Lächeln. »Jack hat vor zehn Minuten angerufen. Wegen des Schnees hat der Zug Verspätung. In einer Stunde müsste Jack mit Tor da sein. Er hat den Land Rover genommen, also dürften sie kein Problem mit dem Herkommen haben.«

»Gut. Na, wie gefällt dir dein neues Reich?«, erkundigte er sich.

»Toll. Alles ist noch so schön und frisch«, antwortete Mary in ihrem weichen walisischen Tonfall. »Kaum zu glauben, dass es ein und dasselbe Haus ist. Ich hab’s jetzt in der Küche so warm, dass ich selten das Feuer im Kamin anzünden muss.«

»Und deine Wohnung ist auch gemütlich?«, fragte David. Nach dem Tod ihres Mannes Huw einige Jahre zuvor hatte sie sich in ihrem Cottage einsam gefühlt, weshalb David vom Architekten im geräumigen Speicher eine Wohnung für Mary hatte einbauen lassen. Nach allem, was passiert war, beruhigte es ihn, jemanden im Haus zu haben, wenn Ava und Simon einmal verreisen mussten.

»Ja, danke. Von da oben hat man einen wunderbaren Blick übers Tal. Wie geht’s Greta? Erstaunlich, dass sie mitgekommen ist. Hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben würde. Wie findet sie’s hier?«

»Sie hat sich noch nicht dazu geäußert«, antwortete David, der nicht wusste, ob Mary Gretas Reaktion auf die Renovierung oder ihre Rückkehr nach all den Jahren meinte. »Im Moment ruht sie sich aus.«

»Ich hab sie in ihrem alten Zimmer untergebracht, um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Obwohl alles jetzt so anders ausschaut, dass ich’s selber kaum glauben kann«, meinte sie schmunzelnd. »Meinen Sie, sie erkennt mich wirklich nicht? Wir haben doch damals in Marchmont viel miteinander erlebt.«

»Das darfst du dir nicht zu sehr zu Herzen nehmen, Mary. Sie ist auch bei uns so.«

»Vielleicht ist es das Beste, wenn sie sich nicht an alles erinnert.«

»Ja«, pflichtete David ihr seufzend bei. »So oder so: Es wird ein ziemlich merkwürdiges Weihnachten werden.«

»Das können Sie laut sagen. Ich denk die ganze Zeit, gleich kommt irgendwo Ihre Mutter ums Eck, bis mir einfällt, dass sie nicht mehr bei uns ist.« Mary schluckte. »Aber für Sie als ihren Sohn muss es ja noch viel schlimmer sein, Master David.«

»Wir werden wohl alle Zeit brauchen, um uns an die neue Situation zu gewöhnen. Wenigstens haben wir Ava und Simon und bald auch ihren Nachwuchs, die uns über unseren Kummer hinweghelfen können.« David legte tröstend den Arm um Marys Schulter. »Darf ich jetzt einen von deinen köstlichen Mince Pies probieren?«

Zwanzig Minuten später gesellten sich Ava und Simon im Salon, der nach frischer Wandfarbe und Rauch aus dem riesigen Steinkamin roch, zu David.

»Ava, du siehst wunderschön aus. So gesund und rosig.« David umarmte sie lächelnd und schüttelte Simon die Hand.

»Im letzten Monat ist mein Bauch ganz schön gewachsen. Wahrscheinlich wird’s ein Rugby-Spieler«, sagte Ava mit einem liebevollen Blick auf Simon.

»Mary hat mir vor zwanzig Minuten Tee gebracht. Soll ich sie bitten, noch eine Kanne zu kochen?«, fragte David.

»Ich gehe schon«, erbot sich Simon. »Ava, Schatz, setz du dich zu deinem Onkel und leg die Füße hoch. Sie ist mitten in der Nacht zu einer kalbenden Kuh gerufen worden«, erklärte er David mit einem resignierten Achselzucken, bevor er den Raum verließ.

»Hoffentlich wird auch jemand für mich da sein, wenn’s so weit ist«, meinte Ava schmunzelnd und sank in einen der frisch gepolsterten Sessel. »Simon redet die ganze Zeit auf mich ein, dass ich kürzertreten soll, aber ich bin Tierärztin. Ich kann meine Patienten nicht im Stich lassen. Meine Ärztin würde das mit mir doch auch nicht machen, oder?«

»Nein, Ava, aber der Geburtstermin ist in sechs Wochen, und Simon hat Angst, dass du dir zu viel zumutest.«

»Wenn nach Weihnachten die Vertretung für mich da ist, wird alles einfacher. Bei dem Wetter kann’s immer sein, dass ich rausgerufen werde, ein unterkühltes Schaf versorgen. Zum Glück haben’s die Farmer geschafft, ihre Tiere vor dem Kälteeinbruch von den Hügeln runterzubringen, doch das eine oder andere bleibt immer zurück. Aber Onkel David: Wie geht’s dir?« Ava nannte ihn »Onkel«, obwohl sie eigentlich Cousins zweiten Grades waren.

»Sehr gut, danke. Meine Weihnachtssendung wurde im Oktober aufgezeichnet, und seitdem …« Plötzlich wurde David verlegen. »Seitdem arbeite ich an meiner Autobiografie.«

»Ach«, meinte Ava schmunzelnd. »Deine Vita bietet sicher interessanten Lesestoff.«

»Eigentlich schon, aber das ist auch das Problem, weil ich über Teile meines Lebens schweigen muss.«

Avas Miene wurde ernst. »Offen gestanden wundert es mich, dass du die Biografie überhaupt schreibst. Dir ist doch deine Privatsphäre so wichtig.«

»Leider hat ein Boulevardjournalist vor, eine nicht autorisierte Version rauszubringen, und dem will ich zuvorkommen. Soweit ich das unter den gegebenen Umständen kann.«

»Verständlich. Mir haben meine Filmstarmutter und mein berühmter Komikercousin sämtliche Lust auf das Rampenlicht verdorben. Du wirst doch nichts von dem erwähnen, was … mit mir passiert ist, oder, Onkel David? Das wäre mir nach dem Foto von mir und Cheska damals auf der Titelseite der Daily Mail überhaupt nicht recht.«

»Natürlich versuche ich mein Möglichstes, die Familie rauszuhalten, Ava. Allerdings bleibt dann nicht mehr viel zu erzählen. Ich habe nie Drogen genommen, hatte keine Nervenzusammenbrüche, Alkoholprobleme oder Frauengeschichten, was bedeutet, dass das Ding sich bis jetzt ziemlich langweilig liest«, seufzte er mit einem schiefen Grinsen. »Apropos Frauen: Tor müsste eigentlich bald da sein.«

»Es freut mich, dass sie kommt, Onkel David. Ich mag sie sehr. Und je mehr wir zu Weihnachten sind, desto besser.«

»Jedenfalls haben wir endlich deine Oma überredet, mit uns zu feiern.«

»Wo ist sie überhaupt?«

»Oben. Sie ruht sich aus.«

»Wie fühlt sie sich?«

»Wie immer. Ich bin sehr stolz auf sie, dass sie den Mut aufgebracht hat herzukommen.« Da drang Scheinwerferlicht durchs Fenster. »Das wird Tor sein. Ich geh raus, sie begrüßen.«

Als David den Salon verließ, dachte Ava über seine treue Ergebenheit ihrer Großmutter Greta gegenüber nach. Sie wusste, dass die beiden einander seit ewigen Zeiten kannten, und fragte sich, was er an ihr fand. Avas Großtante – und Davids Mutter – LJ, die wenige Monate zuvor gestorben war, hatte behauptet, ihr Sohn liebe Greta. Greta wirkte nach wie vor sehr jugendlich, als hätte ihr Gedächtnisverlust auch alle körperlichen Spuren ausgelöscht, die sich üblicherweise auf einem Gesicht von achtundfünfzig Jahren abzeichneten.

Ava gestand sich nur ungern ein, dass sie ihre Großmutter langweilig und kindlich fand. Die wenigen Male, die sie mit Greta in den vergangenen Jahren zusammen gewesen war, hatte sie immer das Gefühl gehabt, sie unterhalte sich mit einem hübsch geformten, aber hohlen Fabergé-Ei. Vielleicht war ja die vielschichtige Persönlichkeit, die sie früher möglicherweise besessen hatte, durch den Unfall zusammen mit ihrem Gedächtnis ausgelöscht worden. Greta, die wie eine Einsiedlerin lebte, wagte sich nur selten aus ihrer Wohnung. Dies war das erste Mal, dass sie sich länger als ein paar Stunden davon entfernte.

Ava durfte sich kein Urteil über ihre Großmutter erlauben, weil sie keine Ahnung hatte, wie sie vor dem Unfall gewesen war, das wusste sie; trotzdem verglich sie Greta insgeheim stets mit LJ, deren unerschütterliche Lebensfreude Greta schwach und farblos erscheinen ließ. Und jetzt, dachte Ava, ist Greta zu Weihnachten hier und LJ nicht. Ava schnürte es die Kehle zu.

»Schau immer nach vorn«, hatte LJ gern gesagt, wenn etwas Schlimmes passiert war.

Ava hätte sich von ganzem Herzen gewünscht, dass LJ die Geburt ihres Kindes noch miterlebt hätte. Wenigstens war sie bei ihrer Hochzeit mit Simon dabei gewesen und hatte bei ihrem Tod gewusst, dass sich Marchmont – und Ava – in sicheren Händen befanden.

David betrat den Salon mit Tor.

»Hallo, Ava. Frohe Weihnachten. Gott, ist das kalt. Was für eine Fahrt!«, begrüßte Tor sie, trat ans prasselnde Kaminfeuer und wärmte sich die Hände.

»Du hast es gerade noch rechtzeitig geschafft. Jack sagt, dass heute Abend alle weiteren Züge nach Abergavenny gestrichen sind«, erzählte David.

»Wär nicht eben der Traum meiner schlaflosen Nächte gewesen, Weihnachten in einer Pension in Newport zu verbringen«, erklärte Tor trocken. »Das Haus ist toll, Ava. Du und Simon, ihr seid bestimmt begeistert.«

»Ja«, gab Ava zu. »Es ist wunderschön geworden. Wir sind dir sehr dankbar, Onkel David. Simon und ich hätten uns die Renovierung nicht leisten können.«

»Wie du weißt, wird Marchmont dir eines Tages sowieso gehören. Ach, Simon …« David hob den Blick, als dieser den Raum betrat. »Frischer Tee. Das ist jetzt genau das Richtige.«

Greta erwachte desorientiert aus dem Schlaf. Voller Panik tastete sie in der Dunkelheit nach einer Lampe und schaltete sie an. Der starke Geruch nach frischer Farbe half ihrem Gedächtnis auf die Sprünge, als sie sich in dem bequemen Bett aufsetzte und sich in dem frisch renovierten Zimmer umsah.

Marchmont Hall … das Haus, über das sie von David im Verlauf der Jahre so viel gehört hatte. Die Haushälterin Mary hatte ihr einige Stunden zuvor erklärt, dass dies früher ihr Zimmer gewesen sei, in dem sie Cheska zur Welt gebracht habe.

Greta stand auf und trat ans Fenster. Draußen schneite es noch immer. Sie versuchte, den Erinnerungssplitter von zuvor einzufangen, und seufzte verzweifelt, als ihr Gehirn sich beharrlich weigerte, seine Geheimnisse preiszugeben.

Nachdem sie sich in dem modernen, zu ihrem Zimmer gehörenden Bad frisch gemacht hatte, schlüpfte sie in eine nagelneue cremefarbene Bluse, schminkte sich die Lippen und betrachtete sich im Spiegel. Plötzlich spürte sie Angst in sich aufsteigen.

Der Entschluss, das Weihnachtsfest mit ihrer Familie in Marchmont zu verbringen, hatte ihren ganzen Mut erfordert. Er war ihr so schwergefallen, dass sie, nachdem sie zugesagt – und Davids erstauntes Gesicht gesehen – hatte, von schlimmen Panikattacken heimgesucht worden war, die ihr schlaflose Nächte, Schweißausbrüche und heftiges Zittern bescherten. Am Ende hatte der Arzt ihr Betablocker und Beruhigungsmittel verschreiben müssen. Seine aufmunternden Worte und der Gedanke an ein neuerliches Weihnachten allein hatten ihr geholfen, mit dem Packen anzufangen, in Davids Wagen zu steigen und nach Marchmont zu kommen.

Bestimmt würden die Ärzte ihr erklären, dass ihr Unbewusstes sie endlich für stark genug halte, mit dieser Rückkehr fertigzuwerden. Und tatsächlich hatte sie nach ihrem Beschluss das erste Mal seit Langem lebhaft geträumt. Natürlich ergab keiner ihrer Träume einen Sinn, doch der Schock, beim Aussteigen aus dem Wagen und beim Anblick von Marchmont Hall etwas zu erleben, was die Ärzte mit Sicherheit »Flashback« nannten, bestätigte die Einschätzung der Mediziner.

Ihr war klar, dass sie sich noch mit vielem auseinandersetzen musste. Zum Beispiel mit der Gesellschaft anderer Menschen, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg. Unter den Leuten, die sich über die Feiertage trafen, befand sich eine Person, vor deren Anwesenheit sie besonders große Angst hatte: Davids Freundin Tor.

Abgesehen von ein paar Stunden beim Tee in ihrer Wohnung in Mayfair hatte Greta kaum Zeit mit ihr verbracht. Und obwohl Tor freundlich, höflich und an dem Wenigen interessiert wirkte, was Greta zu erzählen wusste, fühlte Greta sich von ihr gönnerhaft behandelt, als hielte Tor sie für eine senile alte Frau.

Greta betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Sie mochte vieles sein, aber senil war sie auf keinen Fall.

Tor war Dozentin in Oxford, intellektuell, unabhängig und auf bodenständige Weise attraktiv, fand Greta. Kurzum, das genaue Gegenteil von Greta, aber sie machte David glücklich, und darüber musste Greta sich freuen, das wusste sie.

Immerhin hatte David gesagt, dass Ava mit ihrem Mann Simon da sein würde. Ihre Enkelin Ava …

Das Schlimmste an dem Gedächtnisverlust war, dass sie sich nicht an Ava erinnerte. An ihr eigenes Fleisch und Blut, das Kind ihres Kindes … Greta hatte Schuldgefühle, weil sie sich, obwohl sie Ava in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren regelmäßig gesehen hatte und sie sehr mochte, nicht imstande fühlte, eine für eine Enkelin angemessene Beziehung zu ihr aufzubauen. Auch wenn sie sich nicht an die Einzelheiten von Avas Geburt erinnern konnte, sollte es doch eine tiefere emotionale Verbindung zu ihr geben, die sie spüren musste?

Greta vermutete, dass Ava – wie LJ – sie im Verdacht hatte, sich an mehr zu erinnern, als sie zu erkennen gab. Doch auch nach jahrelangen Sitzungen bei Psychologen, Hypnotiseuren und anderen Spezialisten regte sich nichts. Greta hatte das Gefühl, in einem Vakuum zu leben, als würde sie die anderen Menschen, denen es allen keine Mühe bereitete, sich zu erinnern, von außen beobachten.

Am verbundensten fühlte sie sich ihrem geliebten David, der da gewesen war, als sie nach neun Monaten im Koma endlich die Augen aufgeschlagen hatte, und der sich in den dreiundzwanzig Jahren seitdem auf jede nur erdenkliche Weise um sie gekümmert hatte. Ohne ihn hätte sie bestimmt schon längst die Flinte ins Korn geworfen.

Von David wusste sie, dass sie sich mehr als vierzig Jahre zuvor, gleich nach dem Krieg, kennengelernt hatten. Damals war sie achtzehn gewesen, hatte in einem Varietétheater mit dem Namen Windmill gearbeitet und ihm offenbar erzählt, ihre Eltern seien bei deutschen Luftangriffen in London umgekommen, aber niemals etwas von anderen Angehörigen erwähnt. David hatte ihr gesagt, sie seien eng befreundet gewesen, und Greta vermutete, dass ihre Beziehung nicht über das Freundschaftliche hinausgegangen war. Außerdem stand fest, dass sie seinen Onkel Owen geheiratet hatte, den früheren Herrn von Marchmont.

Im Lauf der Jahre hatte Greta sich immer wieder gewünscht, dass ihre Beziehung zu David mehr als freundschaftlich gewesen wäre. Sie liebte ihn von ganzem Herzen; nicht wegen der Bedeutung, die er anscheinend vor dem Unfall für sie besessen hatte, sondern wegen der jetzigen. Natürlich wusste sie, dass ihre Gefühle nicht erwidert wurden, und es bestand keinerlei Grund zu der Annahme, dass das jemals so gewesen war. David, ein berühmter, erfolgreicher und obendrein ausgesprochen attraktiver Komiker, war seit sechs Jahren mit Tor zusammen, die ihn zu sämtlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen und Preisverleihungen begleitete.

In ihren tristesten Stunden hatte Greta das Gefühl, ihm zur Last zu fallen. Bestimmt tat David, weil sie durch ihre Ehe mit seinem Onkel mit ihm verwandt war, lediglich seine Pflicht. Als sie nach achtzehn Monaten endlich aus dem Krankenhaus und zurück in ihre Wohnung in Mayfair gedurft hatte, war David der Einzige gewesen, der sie regelmäßig besuchte. Das schlechte Gewissen ob ihrer Abhängigkeit von ihm hatte sich im Lauf der Jahre verstärkt, obwohl er ihr immer wieder sagte, dass er gern mit ihr zusammen sei. Und so hatte sie, wenn er kommen wollte, häufig vorgegeben, beschäftigt zu sein, auch wenn das nicht stimmte.

Greta entfernte sich vom Fenster. Sie würde all ihren Mut zusammennehmen müssen, um nach unten zu ihrer Familie zu gehen. Sie öffnete die Tür und trat ans obere Ende der prächtigen Treppe aus dunklem Eichenholz, deren mit eichelförmigem Schnitzwerk verziertes Geländer im Licht des Kronleuchters schimmerte. Von dem hohen Weihnachtsbaum im Eingangsbereich stieg ihr frischer Tannenduft in die Nase, und wieder regte sich etwas in ihrem Gedächtnis. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, wie die Ärzte es ihr geraten hatten, um dem Keim der Erinnerung beim Wachsen zu helfen.

Als die Bewohner von Marchmont Hall am Weihnachtsmorgen aufwachten, präsentierte sich ihnen draußen ein verschneites Idyll. Mittags verspeisten sie eine Gans mit Gemüse vom eigenen Anwesen, und anschließend versammelten sie sich um den Kamin im Salon, um die Geschenke auszupacken.

»Danke, Oma«, sagte Ava, als sie eine weiche weiße Babydecke auswickelte, »die kann ich gut gebrauchen.«

»Und Tor und ich würden euch gern einen Kinderwagen kaufen, aber weil wir uns beide nicht mit diesen hochmodernen Vehikeln auskennen, die Eltern heutzutage vor sich herschieben, haben wir euch einen Scheck ausgestellt«, erklärte David und reichte ihn Ava.

»Das ist sehr großzügig, David«, sagte Simon und füllte sein Glas nach.

Greta war gerührt über Avas Geschenk, ein gerahmtes Foto von ihnen beiden, aufgenommen, als Ava noch ein Baby und Greta im Krankenhaus gewesen war.

»Damit du nicht vergisst, was bald geschieht«, erklärte Ava schmunzelnd. »In Kürze wirst du Urgroßmutter!«

»Ja, stimmt.« Bei dem Gedanken trat auch auf Gretas Lippen ein Lächeln.

»Und dabei siehst du keinen Tag älter aus als damals im Windmill«, lautete Davids galanter Kommentar.

Greta beobachtete ihre Familie vom Sofa aus. Vielleicht lag es am Wein, den sie zum Mittagessen getrunken hatte und den sie nicht mehr gewöhnt war, aber ausnahmsweise fühlte sie sich nicht wie das fünfte Rad am Wagen.

Als alle Geschenke ausgewickelt waren, bestand Simon darauf, Ava nach oben zu bringen, damit sie sich ausruhen konnte, und David und Tor brachen zu einem Spaziergang auf. David hatte Greta gefragt, ob sie sie begleiten wolle, doch sie hatte taktvoll abgewinkt. Die beiden brauchten Zeit miteinander, und drei waren immer einer zu viel. Greta döste eine Weile vor dem Kamin vor sich hin. Als sie aufwachte und einen Blick aus dem Fenster warf, sah sie den Schnee noch immer in der Sonne glitzern.

Da sie plötzlich das Gefühl hatte, ebenfalls frische Luft zu brauchen, fragte sie Mary, ob sie sich Stiefel und eine warme Jacke borgen könne.

Fünf Minuten später marschierte Greta mit einem Paar viel zu großer Gummistiefel und einer uralten Barbour-Jacke unbekannter Herkunft hinaus in den jungfräulichen Schnee und atmete die wunderbar klare, kühle Luft ein. Kurz blieb sie stehen, um sich für eine Richtung zu entscheiden, bevor sie sich dem Wald zuwandte. Der tiefblaue Himmel und die Schönheit der Landschaft erfüllten sie mit so ungewohnter Freude, dass sie fast zwischen den Bäumen hindurchgehüpft wäre.

Auf einer Lichtung entdeckte sie eine mächtige Tanne, deren üppig grüne, schneebeladene Äste einen deutlichen Kontrast zu den hohen kahlen Buchen im übrigen Wald bildeten. Als sie näher kam, entdeckte sie darunter einen Grabstein, dessen Inschrift vom Schnee verdeckt wurde. Greta, die vermutete, dass es sich um die letzte Ruhestätte eines Haustiers handelte – das sie vielleicht sogar gekannt hatte –, bückte sich und wischte den Schnee weg.

Darunter kam die Inschrift zum Vorschein.

JONATHAN (JONNY) MARCHMONT

Geliebter Sohn von Owen und Greta

Bruder von Francesca

Geboren am 2. Juni 1946

Gestorben am 6. Juni 1949

Möge Gott seinen kleinen Engel

zum Himmel hinaufgeleiten

Nachdem Greta die Inschrift mehrmals gelesen hatte, sank sie mit wild pochendem Herzen auf die Knie.

Jonny … Die Inschrift auf dem Grabstein besagte, dass ihr Sohn hier ruhte …

Sie kannte ihre Tochter Cheska und hatte sie einmal gesehen, doch von einem Jungen war niemals die Rede gewesen. Laut der Grabinschrift war er im zarten Alter von drei Jahren gestorben …

Als Greta mit Tränen in den Augen den Blick hob, sah sie, dass es bald dunkel werden würde, und hörte in der Ferne einen Hund bellen. Das Echo einer Erinnerung ließ vor ihrem geistigen Auge ein Bild erstehen; sie war schon einmal an diesem Ort gewesen und hatte auch damals einen Hund gehört … Ja, ja …

Sie wandte sich wieder dem Grab zu. »Jonny … mein Sohn … bitte, lieber Gott, gib, dass mir einfällt, was passiert ist …«, schluchzte sie.

Als der Hund zu bellen aufhörte und die Sonne hinter den Bäumen verschwand, schloss sie die Augen, und plötzlich erinnerte sie sich an ein winziges Baby in ihren Armen.

»Jonny, mein geliebter Jonny … mein Kind …«

Greta

London, Oktober 1945