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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Lara und Nina

Wo meine Sonne scheint …
Das Kabarettprogramm zur Heimat
Ich grüß’ meine Insel im Sonnenlicht,
Das sich silbern und hell im Morgen bricht.
Ich grüß’ der Heimat flimmernden Sand,
Die braune Hütte am Meeresstrand.
 
Refrain:
Wo meine Sonne scheint
Und wo meine Sterne steh’n,
Da kann man der Hoffnung Glanz
Und der Freiheit Licht in der Ferne seh’n.
Ich denk’ an Last und Pein und Not,
An den Ruf der Trommel im Abendrot.
Ich denk’ an dich und dein Schattenbild,
Das sich in goldene Träume hüllt.
 
Ich seh’ sie knien im hohen Rohr
Und hör’ von fern der Freiheit Chor.
Ich seh’ die Hand, die zum Himmel weist,
Und fühl’ den Schmerz, der Heimweh heißt.
 
Ich hoffe, dass bald die Stunde schlägt,
Da mich ein Schiff zu der Insel trägt.
Warten auch Last und Not und Pein,
Dort will ich still und zufrieden sein.
 
(Büro. Im Dunklen läuft der ganze Titel, Caterina Valente: »Wo meine Sonne scheint«. Dann, Licht an, der Erzähler kommt langsam auf die Bühne.)
 
War nur schnell eine rauchen. Hab ja nie geraucht, aber jetzt, wo es so gesund ist für Herz und Kreislauf, durch die weiten Wege zum Fumarium, habe ich angefangen. Ha,ha, Pointe! Ich sag’s gern dazu.
(Setzt sich gemütlich an den Schreibtisch.)
...
So, jetzt pressiert’s.
(Macht seelenruhig einige Verrichtungen.)
Also, das ist bayerisch und bedeutet nichts anderes, als dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sein dürfte, an dem höchste Eile geboten sein könnte.
Ich habe nämlich heut noch einen wichtigen Termin!
(Betont bayerisch, mit der unfreiwilligen Witzigkeit von Andy Borg.)
Und da hoaßts bei uns, kurz und bündig:
»Pack mas!«
Wissen Sie aber, was in einem solchen Fall ein typischer Meister Schnellinger, also so ein Sir Quickly, sagt?
»Solang mir oiwei bloß sagn pack mas und mir packens ned, wermas nie packn« – also pack mas!
Ja, die Heimat ist da, wo’s Gfui is, also da, wo’s Herztröpferl hängt, wo’s Herz wehtut. Die Liab zua da Heimat – Die modernen bayerischen Dichter sagen dazu einfach: »Dahoam is dahoam!«
(Ins Publikum) Was …? Freili pressiert’s. Pressieren duats immer. Allerdings, wia sogt ma auf der andern Seitn? Genau, wir sind nicht auf der Flucht, aber hallo!
Mal abgesehen davon, dass wir immer auf der Flucht sind. Schließlich will der Mensch zurück zur Natur, das steckt in ihm drinnen wie ein Birkenstock. Seit der Sippe ist es ihm in die Hirnrinde gestanzt, du bist Jäger und Sammler. Ja, das sind wir nach wie vor. Sesshaft sind wir nur, weil wir bis vor ein paar Jahren noch kein Navi hatten.
Der Mensch ist mobil, seit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Na ja, was heißt Vertreibung, das Paradies muss man sich sowieso ein bisschen fad vorstellen. Unter uns gesagt, ein bisschen wie die neuen Bundesländer – da hauen auch alle ab. Das ist ja schlimmer als zu DDR-Zeiten. Denen sagt wahrscheinlich jemand »geht doch rüber«, nur dass im Gegensatz zum Wessi von früher der Ossi von heute auch wirklich rübergeht. Also, was heißt da Vertreibung? Adam und Eva waren junge Leute. Um rauszufinden, dass in Eden der Hund begraben ist, hätte es keine Schlange gebraucht. Ich bitte Sie, das Reizvolle reduziert auf eine einzige Frucht, da von Lustprinzip zu sprechen, ist ungefähr so, wie wenn man eine Bauernwirtschaft mit zwei Glitzerkugeln und einem Zehnplattenspieler als Discolandschaft bezeichnet.
Allerdings war im Paradies nicht alles schlecht. Als Frau, so heißt es, konnte man immerhin nachts allein auf die Straße gehen. Die Psychopathologen kennen solche Verklärung der verlorenen Heimat bereits: Sie nennen es Eva-Prinzip.
Der Fall Paradies, der erste Heimatverlust der Menschheit und zwar ein lehrbuchmäßiger Zweikomponentenheimatver lust:Vertreibung und Flucht – wenn wir Flucht per definitionem als Abweichen von der Präsenz bezeichnen.
Wäre ich auch nur ansatzweise jenem Breisgauer Philosophen ähnlich, dann spräche ich so: Adam und Eva unterliegen einer Geworfenheit ins Vertriebensein, wenn auch freilich aus einem starken Getriebensein heraus.
Ursachen für derartige philosophische Prozesse des Unausweichlichen im Heidegger’schen Sinne finden sich oft in der erweiterten Ich-AG, also in der Zweierbeziehung. Da kämpfen selbst Götter oft vergebens. Fazit: Der aufgepfropfte Lebensentwurf – und ist er noch so göttlich – scheitert!
 
Ein modernes, konsumkritisches niederbayerisches Ehepaar wittert alltagsdialektisch einen Vorteil.
These: »Unsere niederbayerischen Autoverkäufer san alle Grattler!«
Antithese: »Mir lassen uns nimmer länger bescheißen!«
Synthese: »Mir schaun im Internet.«
Fündig geworden, wurde das »Schnäppchen«, wie’s auf Niederbayerisch heißt, abgeholt aus Hamburg. Und kaum im neuen Auto, schon sprach die Frau:
»Wenn ich schon da heroben bin, dann möcht i aa was sehen!«
Und so steuerten sie einen norddeutschen Safaripark an. Trotz strengstem Hinweis, die Fenster immer geschlossen zu halten, saß die Frau auf dem Beifahrersitz mit geöffnetem Fenster. Sie fuhren an der Attraktion des Parks, am einzigen freilaufenden Elefanten der Waterkant vorbei, der auch prompt mit seinem Rüssel ins offene Fenster hineinlangte. Das beängstigte die Frau so sehr, dass sie panisch reagierte am neuen elektrischen Fensterheber und dem Dickhäuter mit der Scheibe den Rüssel einzwickte. Der begann, seinerseits in Panik geratend, mit dem vorderen Bein die rechte Autoseite zu demolieren. Der Wagen blieb gerade noch fahrtüchtig. Die Laune des Gemahls war ab da eher durchwachsen und gipfelte zunächst im Ansteuern einer Raststätte, zum Behufe der Einnahme eines Beruhigungsbieres. Bei München gerieten sie, unverschuldet, in einen Unfall. Sie wurden von einem auffahrenden Fahrzeug in das vordere so hineingeschoben, dass man es auch Totalschaden nennen konnte.
Verkehrspolizist: »Vorn und hinten ist klar, aber war da auf der Seite noch ein weiterer Verkehrsteilnehmer beteiligt?«
Autokäufer: »Na, des war da Elefant.«
Polizist: »Verstehe schon, der Elefant. Hier, blasen Sie mal«,
und schon war der Führerschein auch noch weg.
Schnitt.
Drei Wochen später flatterte den beiden eine Anzeige ins Haus wegen Hehlerei – das Fahrzeug war nämlich ein polnischer Reimport.
Ein halbes Jahr später wurden sie noch Beteiligte eines Ermittlungsverfahrens wegen Bankraubs. Das so überaus günstige Internetschnäppchen unterlag der Mittäterschaft – als Fluchtauto.
Spätestens jetzt geraten wir in einen globalisierungsaffinen Fluchtbereich, den selbst die Niedertracht eines niederbayerischen Autoverkäufers nicht mehr toppen könnte.
 
Der Mensch ist aber nicht nur Fluchttier. Deutlich wird das bei einer niederbayerischen Wirtshausschlägerei, wenn der machtlos unten Liegende den oberen anfaucht:
»Loss mi aus, oder i bring di um!«
Der Mensch entscheidet situativ, wie er sich verhält. Deswegen sind auch Stammhirn und Großhirn nicht fest miteinander verbunden. Den nötigen Kontakt stellen die Synapsen her. Das ist so eine Art »Bluetooth« zwischen den Hirnteilen. Gerät der Mensch plötzlich in Stress, ob er weglaufen, sich wehren oder tot stellen soll, weil plötzlich der Säbelzahntiger vor ihm steht, dann schaltet sich sofort diese Bluetoothverbindung ab. Der Mensch fährt nur noch auf Stammhirn. Und das entscheidet instinktiv und blitzschnell, Flucht oder Angriff oder Decke über den Kopf ziehen. Mit Großhirn undenkbar. Nicht zu gebrauchen, wenn’s um Leben und Tod geht. Da verlangt der Säbelzahntiger schon längst nach den Zahnstochern, und das Großhirn sagt immer noch: »Du, das müssen wir diskutieren.«
 
Zur Fluchtvermeidung hat der Mensch sich schon früh in sicheren Höhlen zu Sippen vereinigt. Rund um die Höhle jagte und sammelte er, so weit er Keule und Körbchen eben tragen konnte. Das ist der Beginn von Heimat und war überschaubar und vertraut. Die Fremde aber war schaurig.
Ich persönlich habe ja beruflich viel mit Heimat zu tun, und ich sage es gerne musikalisch: Seit Anbeginn der Zivilisation ist Heimat die Saite im Menschen, die sofort angenehm schauderhaft erklingt, wenn vertraute Düfte, Anblicke oder Klänge sie streifen.
(Singt vor sich hin: »This is my island in the sun …«)
 
Haben Sie eben den Schlager gehört? Caterina Valente, »Wo meine Sonne scheint«, ein Heimatlied aus dem Jahre 1957. 50er-Jahre, das war die Zeit, als einem die Heimat noch so richtig grün war, ohne Grüne, eher grün wie ein Förstergewand aus dem Silberwald, als der Himmel über Mariandl und Piroschka nicht nur blau war, sondern auch noch Technicolor. Und in jedem Film kam der Satz vom jungen Kaiser vor: »Schön is da heroben!«
Derweil versank bei der Insel Capri die rote Sonne im Meer.
Apropos Insel: Sie kennen bestimmt das Original. Es ist von Harry »Calypso« Belafonte und heißt »Island in the Sun«.
Ich grüß’ meine Insel im Sonnenlicht,
das sich silbern und hell im Morgen bricht.
Ich grüß’ der Heimat flimmernden Sand,
die braune Hütte am Meeresstrand.
Klingt politisch! Ja, nun: 1957 rücken bei der neuen Bundeswehr die ersten Wehrpflichtigen ein.
Strauß: »Dem Deutschen, der noch einmal eine Waffe nimmt, dem soll die Hand verdorren.«
Außerdem Bundesverfassungsgerichtsentscheidung, dass der Homosexuellen-Paragraph 175 grundgesetzkonform ist. Da war noch mehr braun als nur die Hütte am Meeresstrand. Dagegen Harry Belafonte im Originaltext singt:
This is my island in the sun
Where my people have toiled since time begun.
Das ist meine Insel im Sonnenlicht, da hatten wir immer nur Schicht!
Also, das Original handelt von der glühenden Sonne, von Frauen auf Knien, die Zuckerrohr schneiden, und der Harry selber muss schwere Lasten schleppen. »Im Schweiße seines Angesichts …« Er singt also von rein unpolitischer, stinknormaler biblischer Maloche, vom Paradiesvertreibungsfolgeschaden Arbeit. Idyllisch! Eben wie der Tourist aus der Ersten Welt sich die Dritte Welt vorstellt. Das macht seit Jahren der LTU die Flieger voll.
Belafontes Betrachtungsweise ist die sinnliche, künstlerische, die dem Musikanten an sich zu Eigen ist. Das Allerwichtigste, noch vor den Menschenrechten, der Sound muss stimmen! So ist er, der Musiker: Da geht die Welt unter, der Musiker kriegt’s nicht mit, weil der i-pod lauter ist.
Aber so ist das in der Karibik. Da sagt der Rastaman erst, wenn ihm der Shit ausgeht:
»Hey, was isn des fiara Scheißmusik.«
Ha, Pointe!
In der deutschen Fassung verdrängt den Belafonte’schen Tropencharme das Pathos:
Wo meine Sonne scheint
Und wo meine Sterne steh’n,
Da kann man der Hoffnung Glanz
Und der Freiheit Licht in der Ferne seh’n.
Die Sonne, weit entfernt von der klagenden Sängerin, als hätte der Autor visionär den Hang der Deutschen zur Weltreise erkannt. Geht aber wohl um Kampf:
Ich denk’ an Last und Pein und Not,
An den Ruf der Trommel im Abendrot.
Ich denk’ an dich und dein Schattenbild,
Das sich in goldene Träume hüllt.
Sie merken es schon, da ist was faul in der Heimat. Es wird mobil gemacht. Der Bedachte plus Schattenbild könnte der geliebte Fremdenlegionär sein. Sind die zwei letzten Zeilen nur Zugeständnis an die Welt des Schlagers, für die einfacheren Gemüter: das persönliche Einzelschicksal als allgemeingültiger Mikrokosmos zum besseren Verständnis der übergeordneten Verhältnisse? Typisch Gedicht, Fragen über Fragen.
1957, drei Jahre nach wiedererlangter Weltgeltung – Herbert Zimmermann: »Deutschland ist Weltmeister!« -, ist unsere Lyrik nicht mehr chauvinistisch, nein, das ist bereits romantischer Nationalismus:
Ich seh’ sie knien im hohen Rohr
Und hör’ von fern der Freiheit Chor.
Ich seh’ die Hand, die zum Himmel weist,
Und fühl’ den Schmerz, der Heimweh heißt.
Wo knien sie im hohen Rohr? Korea, Indochina oder bald schon Vietnam? Wird da die Heimat imperialistisch in der Fremde befreit. Kalter Krieg durch Stellvertreterkrieg, dass wir uns nicht selber die Köpfe einschlagen müssen, lieber die anderen dort in der Ferne, dass für uns der Freiheit Licht scheinen kann.
Hildegard Knef: »Ich hab so’n Heimweh nach Nordvietnam!«
Berlin, die Insel! Das Symbol des Kalten Krieges schlechthin. Die Hand, die zum Himmel weist.
Berliner: »Neien! Berlin is eene Wolke, und det is die Luftbrücke, Rosinenbomber, vastehste!«
Damit ist klar: Der Freiheit Chor muss die US Army sein und das Schattenbild dementsprechend – Verliebt in Berlin – ein abgezogener GI.
Systemvergleich: Harry Belafonte lebt die spielerische Umgangsweise des Schwarzen mit der Heimat.Wahrscheinlich ist das dort, wo der gerne schnaxelt und das auch darf, um mal eine bekannte Regensburger Ethnologin zu strapazieren.
Das Deutsche dagegen atmet die reine schmerzhafte Nostalgie, wenn auch mit einer Prise Bloch:
Ich hoffe, dass bald die Stunde schlägt,
Da mich ein Schiff zu der Insel trägt.
Warten auch Last und Not und Pein,
Dort will ich still und zufrieden sein.
Von wegen still und zufrieden. Jedes Mal, wenn die Deutschen eine Insel finden, werden sofort die Liegen besetzt.
 
Ein Gegenteil von Heimat ist nicht Fremde, sondern Flucht. So wie man den Wert einer Mutter Herzen erst dann erkennt, wenn es nicht mehr schlägt, so erschließt sich einem das Wesen von Heimat erst auf der Flucht. Flüchtling ist, laut UNHCR:
»Wer aus begründeter Furcht vor Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung, sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder aus Angst nicht in Anspruch nehmen will.« Zum Beispiel weil er sich auf der CD befindet »Who’s who in Liechtenstein«.
 
Nicht abgedeckt von dieser Definition, der virtuelle Informationseskapismus, die Flucht ins Internet: Wikipedia. Wahlheimat für Ignoranten, die hoch hinauswollen. Ein Mann ist nur stark, wenn er weiß, was er nicht weiß, deswegen Wikipedia und die starken Männer! Ha, Pointe!
Demokratisierung des Wissens. Fortschrittlich demokratisches Wissen.
Sprecher: »Enzyklopädisches Zentralkomitee derWikipediainformationsbereitstellungssektion der 1. kognitiven Internationale. Enzyklopädisches Plenum: Das ist die Mehrheit. Also, rein damit ins Netz: 2 mal 2 ist 4 – in seltenen Fällen 22!
So läuft’s im Zeitalter der fixierten Beliebigkeit. Pisa, wir haben ein Problem! Bildungsprekariat: »Nicht was wissen ist Macht – Nichtwissen macht nichts«, denn für die meisten ist schon der Tellerrand ein Hochgebirge. Wikipediawissen entsteht, wie sich beim Pferderennen die Quote errechnet. Was wahr ist, entscheidet nicht die Wahrheit, sondern der Durchschnitt. Es lebe die Ära der Durchschnittswahrheit.
Allerdings, der Hochbegabungsbereich rückt näher. Inzwischen spricht man von durchschnittlicher Intelligenz, wenn einer in der Lage ist, bei sechs aus 39 die richtige Anzahl der Ziffern anzukreuzen.
 
Flucht, so Wikipedia unter anderem, ist das ungeordnete, teilweise panische Zurückweichen vor einem Feind oder vor einer Gefahr.
Das erklärt unsere beiden niederbayerischen Autokäufer. Das war eine Art Flucht auf den virtuellen Automarkt aus Angst, zu kurz zu kommen. Flucht als Zurückweichen vor drohendem Vorteilsverlust. Der Angriff aufs Vermögen durch professionelle Autoverkäufer sollte abgewehrt werden. Manchmal ist es nur ein Zeichen, das Flucht von Fluch unterscheidet.
Circa 200 Millionen Menschen sind weltweit zurzeit auf der Flucht, und da sind die Holländer jeden Sommer noch gar nicht mitgerechnet. Mit der Caravan-Karawane üben sie, als potenzielle Umwelt- und Klimaflüchtlinge, das Fliehen vorm großen Polkappenschmelzen. Die allsommerliche Zivilschutz übung: Der fliehende Holländer.
Den Fall idealtypischer Flucht mit plebiszitärem Charakter kennen wir vom Fluchtauto des letzten Jahrtausends, vom Trabbi – die rollende Wahlurne der Freizügigkeit.
 
Wenn auch von der UNHCR nicht anerkannt, zu den 200 Millionen gehören auch die Wirtschaftsflüchtlinge. Ich meine damit nicht die, die wegen des Rauchverbotes das Gasthaus meiden. Wirtschaftsflüchtlinge im globalen Sinne wollen doch tatsächlich, dass es ihnen gut geht. Ist doch abartig. Sind nicht einmal verfolgt, haben lediglich kein Auskommen. Stellen Sie sich mal vor, bei uns hätten nach dem Krieg alle Trümmerfrauen sich in die Schlauchboote gelegt und gesonnt, in unseren Städten sähe es heut noch aus wie bei Hempels unterm Sofa. Also, die Ärmel hochkrempeln, und zwar daheim! Außerdem kann laut Art. 11 GG die Freizügigkeit eingeschränkt werden, zum Beispiel wenn eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist. Und vietnamesische Restaurants haben wir, weiß Gott, inzwischen genug.
Exilasiaten haben eben auch nicht begriffen, dass sie erst dann ernst genommen werden, wenn es ihnen gelungen ist, Landsmannschaften zu gründen.Wenn sie dann auf dem Heimatvertriebenentag vom Gau Nordvietnam auch noch eine Rednerliste vorweisen können, die zu mindestens zwei Dritteln aus Flüchtlingsexperten der CSU besteht, dann haben sie für Generationen ausgesorgt.
 
Ich hab übrigens auch einen flüchtigen Bekannten – Steuer! Flüchtiger Bekannter. Ha, Pointe! Ist wirklich Wirtschaftsflüchtling. War Wirt und hat seine Wirtschaft zurückgelassen. Ist aber mit Boatpeople nicht vergleichbar, weil er mit seiner Wirtschaft ein Auskommen immer gehabt hat, sogar eher zu viel Einkommen – und er ist, auf gut bayerisch gesagt, dem Fiskus aus’kommen. Und zwar dahin, die alte Bratwurst, wo der Flüchtling eher herkommt – nach Asien. Zwar vermisst er jetzt schmerzlich eine frische Maß Augustiner Edelstoff, aber für sein Geld ist es gut.Wer weiß, was der Staat damit wieder angestellt hätte.
Das Wort Steuerhinterziehung ist ja beinahe so negativ besetzt wie Landesbank. Noch! Da gibt es jetzt schon eine Selbsthilfevereinigung von steuerpflichtigen Bürgern, die das Steuergeld durch Hinterziehen vor missbräuchlicher Nutzung durch den Staat schützen und es den Armen spenden wollen – nennen sich tax-force.
Übrigens, die TV-Sender sollen ja bei der Liechtensteiner Steuer-Stasi auch kräftig mitgeboten haben, weil sie auch die Adressen brauchen, dass nicht am Ende, bei der Festnahme des Steuersünders, die Kamera ungünstig steht. Die Sender wollen da nicht immer auf Indiskretionen durch die Polizei angewiesen sein.
Gilt natürlich auch für ihre Dokusoaps: »Good bye Fiskus Deutschland« auf VOX, im Ersten »Das Schwarzgeldhaus« und bei Kabel 1 »Dr. Bimbes auf der Flucht«.
 
Aber wenn einer wirklich flüchten muss, dann ist er eine arme Sau. So wie seinerzeit die Heilige Familie. Hals über Kopf nach Ägypten. Andernfalls hätte uns vielleicht der Herodes durch Eliminieren eines Religionsstifters die heilige Inquisition und den Kardinal Meisner erspart.Wer weiß, was da in den 200 Millionen Flüchtlingen noch schlummert. Die Katholiken beten vorsichtshalber schon. Am 2. Sonntag im katholischen Jahreskreis ist Weltmigrantentag.
 
Das hat er mir der andere da, so ein Kirchenfunkredakteur vom Bayerischen Rundfunk, erzählt, als wir mal übers Fliehen diskutiert haben. Und dann hat er noch gemeint, der edelste Flüchtling sei der, der flieht, um sich selber treu zu bleiben. Beispiel: Che Guevara.
Der hätte eigentlich in Ruhe auf Kuba die Früchte seiner wohlverdienten Revolution genießen können. Doch er, der Idealist, stellte sich wieder in den aufreibenden Dienst der Revolution, weil ihm klar war:
»A veces hay que huir para no tener que huir de uno mismo.«
»Manchmal muss man fliehen, um nicht vor sich selbst fliehen zu müssen!«
 
Weil die Flüchtlingsströme zunehmen. Da soll jetzt, so munkelt man, das UNHCR die UNO aufgefordert haben, ein »Jahr der Heimat« auszurufen. Weltweit, so heißt es, soll ein Bewusstsein für die Heimatlosen geschaffen werden.
Angeblich – keiner weiß Genaues – will jetzt die UNO beschließen: Fünf Jahre Vorbereitungszeit, dann gibt’s das UNO-Jahr der Heimat.
Davon hat die EU Wind bekommen – man vermutet durch einen Maulwurf des Secret Service. Der hat die Diplomarbeit eines Lehramtsstudenten für Heimatkunde an Primary-Schools fälschlich als Geheimdokument eingestuft. Daraufhin hat die EU die Gesetzeslage in Sachen Heimat als grundsätzlich defizitär bewertet und sofort angeordnet, dass die Mitgliedstaaten vorsichtshalber einschlägige Gesetze erlassen müssen.
Geht deshalb so schnell, weil es in Europa im operativen Geschäft keine Demokratie mehr gibt. Das alles bestimmt eine Art Räterepublik, die Kommission, die der EU-Rat eingesetzt hat: die Diktatur des Kommissariats.
 
Ich bin jetzt Mitarbeiter am Ausbau vom »Haus Europa«. Kurz bevor ich reingefallen wäre in Hartz IV.
Gibt viel umständliche Arbeit im Haus Europa. Kommt von der zentralistischen Hausordnung. Hausverwaltung und Blockwart sind identisch. Sind mächtiger als die Eigentümerversammlung und heißen EU-Kommission. Wo soll da frischer Wind ins europäische Haus wehen, die lüften nicht mal ihre Büros! In einem Haus möchte doch jeder sein Appartement nach eigenem Geschmack mit eigenem Bad und eigener Küche haben. Aber in der Bude Europa ist es doch so, dass man trotz gemeinsamer Wasserleitung und Heizung zum Duschen immer vom Bett in München zur Nasszelle nach Brüssel muss und zum Rasieren nach Straßburg. Gemeinsamer Garten wäre ja o.k., aber nicht unter Zwangspreisgabe der eigenen Blumentöpfe am Fenster, gemeinsames Waschhaus, ja, aber keine WG nach europäischer Hippiementalität, in der jeder, der gerade nix hat, dem anderen mal eben den Kühlschrank leer frisst, ihn aber niemals wieder auffüllt.
Europahippie: »Wieso soll ich dem nicht seinen Kühlschrank leer fressen, er könnt ja meinen auch leer fressen, aber ich hab halt keinen.«
Und irgendwann reicht es nicht mehr, dass man zum Rauchen vor die Tür gehen muss, nein, dann müssen in Europa auch alle Wohnungen genau gleich aussehen, vom Penthouse bis zum Souterrain – sozialistische Gleichmacherei skandinavischer Prägung:
»Individualismus kotzt Europa an« – IKEA.
Die regionale Sinnlichkeit bleibt auf der Strecke: Ich will keine schwäbischen Eiernudeln in Palermo! Und, vor allem, keinen irischen Eichstrich auf dem Oktoberfest. Europa als offener Vollzug für Politiker, die’s daheim nicht geschafft haben, bitte, von mir aus. Aber keine Brüsseler Bestimmungen über die Krümmung von Gurken und Bananen. NachVerordnung 1774/2002 darf in landwirtschaftlichen Biogasanlagen bloß Mist von Nutztieren verwendet werden. Befindet sich ein Gaul auf dem Hof, darf sein Mist nur dann zur Stromerzeugung hergenommen werden, wenn das Tier zur Schlachtung bestimmt ist – denn nur dann ist die Mähre ein Nutztier. Ist sie dagegen rein zum Reiten da, dann muss sein Luxus-Pferdeapfel getrennt vom Nutz-Mist gelagert und als Abfall entsorgt werden. Oder Richtlinie 2001/45/EG: Leitern sind so aufzustellen, dass sie während der Benutzung standsicher sind. Das hätt’ mir ein Blöder auch gesagt. Jetzt fehlt nur noch der Euro-Penis, weil der Pariser mal ausnahmsweise keinen nationalen Alleingang will.
 
Das weißblaue Homeland im Herzen Europas hat wegen »Jahr der Heimat« vorsorglich auf den heimatlichen Charakter der Bayerischen Verfassung verwiesen, deren Art 141, so viel zum nationalen Alleingang, es schon vor den Römischen Verträgen gab: Beeinflusst von einem Sozialdemokraten – die existierten damals noch in Bayern – heißt es dort in Abs. 3:
 
Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur … ist jedermann gestattet. Staat und Gemeinde sind berechtigt und verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten …
Sollten Sie Angst haben, dass mal jemand die Verfassung beim Wort nimmt, dann würde ich Ihnen abraten, am Starnberger See ein Ufergrundstück zu erwerben.
Bayerische Verfassung allein reicht nicht, deshalb hat Berlin auf Anweisung aus Brüssel eine Kommission eingesetzt.
Seit Hartz und Rürup heißt Politik betreiben nur noch Kommissionen einsetzen. Das geht inzwischen so weit, dass die meisten Abgeordneten ihre Gesetze überhaupt erst nach der Verabschiedung zum ersten Mal selber lesen.
 
Also: Für wen und vor wem muss man die Heimat schützen? Vor den Menschen, vor den Politikern, vor sich selbst, und wie kann ich das effektiv in Gesetze fassen? Das sind die Fragen, die ich noch vier Jahre mit den Kommissionskollegen zusammen beantworten muss.
Wie ich schon gesagt habe, wurde zunächst eine »Kommission zurVorbereitung eines Bundesheimatschutzgesetzes«, kurz »BHSG-Vorbereitungs-Kommission« genannt, eingesetzt, des Weiteren eine notwendige, der »BHSG-Vorbereitungs-Kommission« vorgeschaltete »Verfassungsänderungskommission für ein Grundrecht auf Heimat unter Berücksichtigung einer grundsätzlichen Grundwertedebatte im christlichen Sinne, mit integrierten Gottesbezug«. Diese »BHSG-VorbereitungsKommission« liegt allerdings gerade jetzt mit der Stoiber’ schen Bürokratieverhinderungskommission im Clinch. Die hat dafür sofort 1500 zusätzliche Planstellen geschaffen, um die Voraussetzungen zu regeln für eine »Kommission für Zusammenlegung einer Grundrecht-auf-Heimat-Kommission mit der BHSG-Vorbereitungs-Kommission zur Schaffung einer Gesamt-Vorbereitungskommission einer Grundrecht-auf-Heimat-Kommission in Verbindung mit einer BHSG-Kommission zur Vorbereitung eines Grundrechts auf Heimat sowie gesetzlicher Ausführungsbestimmungen«.