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001

Inhaltsverzeichnis
 
DIE AUTORIN
Widmung
Atlantis – Legende und Wirklichkeit
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
 
Copyright

DIE AUTORIN
001
Federica de Cesco, geboren in der Nähe von Venedig, wuchs mehrsprachig in verschiedenen Ländern auf und studierte in Belgien Kunstgeschichte und Psychologie. Nachdem sie bereits über 50 erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher verfasst hat, begeistert sie seit ihrem Bestseller »Silbermuschel« auch zahllose erwachsene Leser, zuletzt mit »Die Augen des Schmetterlings«. Federica de Cesco lebt mit ihrem Mann, dem japanischen Fotografen Kazuyuki Kitamura, in der Schweiz.
 
Bei cbj sind ebenfalls erschienen:
Im Zeichen der roten Sonne (30398)
Im Zeichen des himmlischen Bären (30399)
Im Zeichen der blauen Flamme (30400)

Für Zeinab und Achmed

Atlantis – Legende und Wirklichkeit
Die Geschichte, die Federica de Cesco hier ihren jungen Leserinnen und Lesern vorlegt, ist zwar »in allen Teilen erfunden« – aber dennoch geschichtlich »möglich« und, wie alle echten Erzählungen, in einem tieferen Sinne durchaus »wahr«. Denn in den letzten Jahrzehnten ist aus der Atlantis-Legende – die diesem Buche zu Grunde liegt – eine reale Möglichkeit, eine mögliche Realität geworden.
Wie lautet die Legende? Der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) schrieb um 355 v. Chr., im Alter von 73 Jahren, zwei kleinere Dialoge – »Timaios« und »Kritias« -, in denen er altägyptische Berichte über ein sagenhaftes Reich namens »Atlantis« wiedergibt. Nach diesen Überlieferungen ägyptischer Priester hatte bis etwa zum Jahre 10 000 v. Chr. »jenseits der Säulen des Herkules« (also jenseits von Gibraltar) eine gewaltige Insel im Meere gelegen, deren Bewohner, die Atlantiden, eine großartige Kultur entwickelten und »im Osten und Westen« als Kolonisatoren auftraten. Sie hätten auch versucht das Mittelmeergebiet zu erobern, doch ohne Erfolg. Eine fürchterliche Erdbebenkatastrophe – so zitiert Platon die ägyptischen Quellen – hätte dann die Insel Atlantis, deren Bewohner »gotteslästerliche Dinge« getan hätten, in den Fluten versinken lassen.
Platons Bericht hat Träumer, Dichter und Forscher angeregt: Über 40 000 Bücher und Artikel sind seit der Antike über Atlantis geschrieben worden – darunter etwa 5000 wissenschaftlich ernst zu nehmende Untersuchungen. Dabei wurden die widersprüchlichsten Auffassungen vertreten und Atlantis abwechslungsweise aus dem Atlantischen Ozean ins Mittelmeer, nach Afrika oder in den Norden versetzt.
Doch Forschungen amerikanischer und sowjetischer Geologen und Archäologen haben mehr und mehr die alten Berichte Platons bestätigt: dass nämlich Atlantis im Atlantischen Ozean gelegen habe, wobei die Azoren, die Kanarischen Inseln und die Kapverdischen Inseln letzte Reste des versunkenen Kontinents darstellen. Nicht nur das: Altägyptische Papyri berichten uns über das »Reich im Westen« – und von den Azteken, Mayas und Inkas erfuhren die Spanier von einem »Reich im Osten«. Und alle diese Berichte sprechen von Katastrophen, denen diese Reiche zum Opfer gefallen sind. Zudem: Zwischen den Sprachen der nordafrikanischen Tuareg, der iberischen Basken und gewisser mittel- und südamerikanischer Indianerstämme bestehen verblüffende Übereinstimmungen. Weiter: Unverkennbar sind auch die Parallelen zwischen den Kulturen der Pharaonen, der Azteken und Inkas. Sind sie ein Erbe der Atlantiden?
Geologen und Archäologen vermuten übrigens, dass parallel zu Atlantis ein geheimnisvoller Kontinent auch im Pazifischen Ozean gelegen habe – »Mu« oder »Lemuria« -, der im Zuge derselben planetarischen Katastrophe in den Fluten versunken sei. Auf seine Ausstrahlungen seien die großen altasiatischen Kulturen zurückzuführen.
Die Katastrophe aber, die in historischer Zeit, nämlich um etwa 10 000 v. Chr., jene »Sintflut« auslöste, von der uns die Bibel und die Überlieferungen aller Völker berichten, wird verschieden erklärt: Ein riesenhafter Meteor soll auf unsere Erde gefallen sein (Schklowski); ein Komet soll in unser Sonnensystem eingedrungen sein, aus dem dann »Venus« wurde (Velikowski); mehrere Monde seien auf die Erde geprallt (Hörbiger).
Sicher ist: Die »vorsintflutliche« Geschichte der Menschheit rückt uns auf Grund erstaunlicher Entdeckungen, die fantastische Thesen auslösen – man denke nur an Erich von Däniken! -, immer näher. Was der amerikanische Seher Edgar Cayce in seinen Träumen schaute, scheint Wirklichkeit zu werden: »Atlantis steigt wieder aus den Fluten.«
Und in diesem Sinne ist das Buch von Federica de Cesco mehr als nur »Roman«.
A. Huber

1
Ein Albatros schwebte über dem Schiff. Mit weit ausgebreiteten weißen Schwingen zog er seine Kreise am türkisblauen Himmel, der am Horizont mit dem Meer verschmolz. Je mehr die Galeere sich der Insel näherte, umso mehr erschwerten Sandbänke die Steuerung. Der Aufseher über die Sklaven ließ seine Peitsche knallen, während der Taktmeister mit dem schweißglänzenden Oberkörper den Rhythmus seines Hammers verlangsamte. Die Ruder, leicht gedreht, wühlten das Wasser auf, wobei sich die Arme der Sklaven auf und ab bewegten. Es waren dunkelhäutige Männer, die von den Gestaden des Großen Landes herübergebracht worden waren, »Beinah-Menschen«, wie die Bewohner von Atlantis sie verachtungsvoll nannten. Die Arbeit an der Ruderbank hatte die Muskulatur ihres Rückens und ihrer Arme so übertrieben entwickelt, dass sie zum übrigen Körper im krassen Missverhältnis stand.
Ein unbestimmbarer Duft wurde vom Wind herangetragen und schwebte durch die Luft. Die Abhänge des Gebirges im Mittelpunkt der Insel standen zu jener Zeit, trotz der Trockenheit, die seit dem Auftauchen des zweiten Gestirns herrschte, in voller Blüte. Dennoch war Usir von der Stärke des Duftes überrascht, der sich schon wahrnehmen ließ, als die Insel eben erst wie ein schmaler, heller Streifen am Horizont zu erkennen war.
In einiger Entfernung von den am Bug versammelten Offizieren stehend, atmete Usir den merkwürdigen Algen- und Blütengeruch tief ein. Er trug eine silberne Schuppenrüstung, die mit Stahlplatten belegt war, enge Beinkleider und bestickte lederne Sandalen. Sein Umhang aus fein gewebter, türkisblauer Wolle wurde auf den breiten Schultern mit Jadespangen zusammengehalten. Usirs tiefschwarzes Haar fiel in glatten Wellen über seinen Rücken. Er war achtzehn Jahre alt und, wie die meisten Bewohner von Atlantis, hoch gewachsen. Seine helle Haut war sonnenverbrannt. Sein eckiger Kiefer drückte Willenskraft aus und stand im Gegensatz zu den noch kindlichen Gesichtszügen. Der hohe Bogen der Wangenknochen gab den dunkel schimmernden, mandelförmigen Augen eine leichte Schrägneigung nach oben. Sie waren für gewöhnlich aufmerksam und scharf blickend, vermochten sich manchmal jedoch seltsam zu verklären; ihr Ausdruck schien dann Usir völlig zu verwandeln. Der tiefe, unergründliche Blick verlieh ihm etwas Erhabenes, das weder zu seinem Alter noch zu seiner üblichen Wesensart passte. Einzig Torr, der »Herr der Schiffe«, vermochte die Eigenart dieses Blickes zu deuten. Doch er hatte Usir gegenüber nie ein Wort darüber verloren …
Ein Befehl schallte über Deck. Das dumpfe, machtvolle Vibrieren des Hammers wechselte den Takt. Langsam und schwerfällig wendete die Galeere nach Steuerbord. Der Wind blähte die purpurnen Segel. Ein riesiger Mammutschädel, dessen gewaltige Stoßzähne mit Gold eingefasst waren, schmückte den Bug des Schiffes. Die Augenhöhlen waren mit lapislazulifarbener Emaille ausgefüllt und spiegelten das dunkle Blau des Meeres wider. Usir hörte das Flattern der Segel, das Knirschen der Taue. Er wandte den Kopf. Die beiden anderen Galeeren hatten die Fahrt verlangsamt und bildeten jetzt mit dem Mammutschädel-Schiff ein spitz zulaufendes Dreieck. Das eine der beiden Begleitschiffe wies als Galionsfigur den Kopf eines Stieres mit vergoldeten Hörnern auf, das andere das Abbild einer geflügelten Schlange. Ihrem Emblem entsprechend hießen die Schiffe »Stier« und »Schlange«. Die Galeere mit dem Mammutschädel war das Kommandoschiff und trug den Namen »Riese«. Die drei Schiffe steuerten der Insel entgegen. Das tiefe Blau der offenen See wurde heller und durchsichtiger. An gewissen Stellen ließen die Sonnenstrahlen Felszacken und weiße Sandbänke durch das Wasser schimmern. Einstmals – so erzählte man sich – war die Insel viel größer gewesen. Doch vor langer Zeit waren durch eine Erderschütterung weite Teile im Meer versunken, nur der dicht bewaldete Gipfel in der Mitte ragte noch über dem Wasser empor. Der felsige, unebene Meeresboden machte jede Landung zu einem gefährlichen Abenteuer. Das musste einer der Gründe sein, weshalb die kriegerischen Frauen, die dort lebten, diese Insel seit vielen Generationen als Zufluchtsort gewählt hatten. Ihre schmalen, aus Baumstämmen gefertigten Pirogen glitten wie Schlangen zwischen Klippen und Sandbänken hindurch. Torr jedoch, der Admiral der königlichen Flotte, der »Herr der Schiffe«, besaß ein unfehlbares Feingefühl und spürte die nahenden Hindernisse rechtzeitig voraus. Es scheint – dachte Usir -, als habe er eine Reliefkarte des Meeresbodens in sein Gedächtnis eingezeichnet. Selbst bei Nacht irrte er sich nie.
Ein Schatten fiel vor Usirs Füße. Der »Herr der Schiffe« trat zu seinen Offizieren und blieb neben seinem Neffen stehen. Er trug einen Helm aus schwarzem Metall, der die obere Hälfte seines Gesichts bedeckte und durch zwei Schlitze nur den Glanz seiner Augen durchschimmern ließ. Ein blauer, sehr weiter, faltenreicher Mantel lag auf seinen Schultern. Er war ein hoch gewachsener Mann mit kupferner Gesichtsfarbe. Ein dichter, gelockter, sorgfältig gepflegter und parfümierter Bart fiel ihm auf die Brust. Das schwarze Metall seiner Rüstung schloss sich eng um die mächtige Muskulatur seines Oberkörpers.
»Nun, mein Neffe«, sagte er mit seiner tiefen Stimme, »da sind wir also am Ziel unserer Reise angelangt. Was hältst du von der Insel der Frauen?«
»Ich hatte sie mir größer vorgestellt«, sagte Usir enttäuscht.
Ein nachsichtiges Lächeln glitt über Torrs Lippen. »Lass dich nicht täuschen, mein Neffe. Die kriegerischen Frauen bilden einen mächtigen Staat. Die Bewohner der Inseln fürchten und achten sie.«
»Die Bewohner der Inseln, das kann schon möglich sein«, entgegnete Usir geringschätzig. »Doch wir Atlantiden erfreuen uns der Gunst der Götter. Die Amazonen unterließen es, uns ihren Tribut zu entrichten wie jedes andere Volk. Wenn sie sich weigern diesen Tribut zu zahlen, dann sollen sie dafür bestraft werden.« Torrs schwarze Augen ließen nicht von ihm ab. »Ist das deine eigene Ansicht«, fragte er sanft, »oder schwatzt du nach, was sich die Leute erzählen?«
Usir spürte verärgert, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Jedermann wusste, dass Zena, die Inselkönigin, den jährlichen Tribut von Salz, Erz, Purpurschnecken und Halbedelsteinen dem atlantischen Fürstenhaus verweigert hatte. Ihre Anmaßung hatte den Priester-König derart erzürnt, dass er einen Vergeltungsschlag angeordnet hatte. Die Strafexpedition, die Torr jetzt leitete, sollte die Amazonin an ihre Vasallenpflicht erinnern. »Zena ist eine Närrin«, stieß Usir trotzig hervor.
»Sie hat Mut«, entgegnete Torr, immer noch lächelnd. »Sie scheut nicht davor zurück, uns ihre Verachtung spüren zu lassen.«
Usir starrte ihn mit ungläubigem Staunen an. Die Worte seines Onkels brachten ihn aus der Fassung. Sollte das heißen, dass Torr Zenas Auflehnung billigte? Torr schien seine Gedanken zu erraten. Sein Lächeln erlosch. Der Helm, der Teile seines Gesichts wie eine Maske bedeckte, ließ die Veränderung seiner Züge kaum erkennen, doch Usir spürte die Schwermut in seiner Stimme.
»Einst«, sprach er, »waren wir Atlantiden stolz auf unsere Rechtschaffenheit und unseren Mut. Heute sind wir stolz auf unsere Reichtümer. Unsere Kultur hat ihren Höhepunkt überschritten. Wir vergeuden unsere Fähigkeiten mit dem frevlerischen Versuch, uns die Naturkräfte zu unterwerfen. Doch was ist der Mensch angesichts der Unermesslichkeit des Alls und der Erhabenheit der Gestirne? Die Fortschritte unserer Wissenschaften vermögen nichts gegen die unbekannte Himmelsmacht, die unser Leben und unsere Zukunft bedroht …«
Er seufzte und setzte halblaut hinzu: »Wer weiß, was morgen ist?«
Er hatte den Kopf abgewandt. Usir folgte der Richtung seines Blicks. Torr betrachtete das neue Gestirn, das mit diamantenem Glanz im weißlichen Lichtkreis der Sonne leuchtete. Woher kam sie, diese neue Sonne, die im Frühling bei der Tagundnachtgleiche plötzlich erschienen war und das ganze Land in Schrecken versetzt hatte? Sie war ein bläulich funkelnder Glutball, der selbst in den heißesten Tagesstunden sichtbar blieb. Seit er aufgetaucht war, fiel kein Tropfen Regen mehr. Fürchterliche Trockenheit verwüstete das Land. Immer mehr Tiere starben. Astrologen und Wahrsager verbreiteten mit der Prophezeiung, dass eine Strafe des Himmels drohte, große Panik. Die Priester vervielfachten daher ihre Gebete und Opfer. Über den Palast jedoch schien Schweigen verhängt zu sein. Kein Laut drang über die dicken roten Mauern der heiligen Stadt. Man munkelte, der Priester-König sei von einer geheimnisvollen Krankheit befallen worden, denn seit dem Auftauchen des unheilvollen Gestirns hatte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Alle Audienzen waren abgesagt worden. Selbst die Priester bekamen ihn nicht mehr zu Gesicht.
Usir spürte, dass sein Onkel von düsteren Vorahnungen erfüllt war. Die Sorgen trübten sein Gemüt und gaben seiner Stimme diesen müden, fast tonlosen Klang. Seinen Worten nach zu urteilen schien er den Orakeln, die eine Katastrophe für das ganze Land voraussagten, ernstlichen Glauben zu schenken. Er aber, Usir, war jung und kühn und wehrte sich gegen – wie er meinte – krankhafte Ahnungen und Ängste …
Das Auftreten eines Offiziers in weißem Mantel riss ihn aus seinen Gedanken. Der Mann stand vor ihnen und wartete ehrfürchtig und schweigend.
»Was gibt’s?«, fragte Torr, aus seiner Versunkenheit aufschreckend.
»Herr, wir fahren in die Bucht ein.«
Torr neigte den Kopf. »Lasst die andern Schiffe wissen, dass sie uns auf offener See erwarten sollen.«
Der Offizier hob den Arm und gab ein Zeichen. Am Heck richtete ein Seemann eine spiegelglatte glänzende Metallscheibe gegen die Sonne. Dreimal flammte ein Strahlenbündel auf und erlosch dann wieder. Die Ruder peitschten den Schaum der Wogen und verlangsamten die Fahrt der Biremen, während der »Riese«, wie ein Raubvogel auf dem Kamm der Wogen dahingleitend, in die verlassene Bucht einfuhr.
»Begebt euch zu den Leuten«, sagte Torr zu den um ihn versammelten Offizieren. »Wir werden gleich landen.« Die Offiziere verabschiedeten sich, indem sie die Faust aufs Herz legten. Dann traten sie zu ihren Kriegern, die an der Reling standen und deren Rüstungen wie die geschmeidigen Schuppen eines Reptils in der Sonne glänzten. Halb nackte Matrosen kletterten in die Wanten, um die Segel einzuholen. Geführt von den präzisen Befehlen des Admirals näherten sich die Galeeren mit langsamen, gleichmäßigen Ruderbewegungen dem Strand. Ein kurzes Kommando – und der aus der Wirbelsäule eines Wals bestehende und mit Basaltgestein beschwerte Anker glitt ins Wasser. Dann senkten sich die Ruder und bildeten eine Brücke, über welche die Krieger das Festland erreichten.
Usir setzte sich den Helm mit der Spitze aus Achat auf und zog die ledernen Riemen straff. Einmal mehr erregte das tadellose Manöver seines Onkels seine Bewunderung. Torr war sein nächster und einziger Verwandter. Er hatte Usir großgezogen, nachdem seine Eltern – so hatte Torr ihm erzählt – kurz nach seiner Geburt ums Leben gekommen waren. Doch es war Usir stets verwehrt gewesen, nähere Einzelheiten über sie zu erfahren. Torr sprach ungern von ihnen und trotz seiner Neugier wagte Usir es nur selten, ihn zu fragen. Schließlich hatte er sich damit abgefunden, nur ausweichende Antworten zu erhalten. Doch innerlich beschäftigte er sich oft mit den wesentlichsten Fragen: Wer waren seine Eltern? Wie waren sie umgekommen? Warum verheimlichte ihm Torr die genauen Angaben über seine Herkunft?
Vielleicht bin ich nur ein Kind aus dem Volk, dachte Usir betrübt, und Torr muss sich meiner niedrigen Abstammung schämen.
Aber Torr hatte ihm die beste Erziehung zukommen lassen. Die hervorragendsten Lehrer hatten ihn lesen und schreiben gelehrt, ihn in der Rechenkunst und Astronomie unterwiesen. Als er alt genug war, um eine Karriere wählen zu können, hatte Torr ihn überredet sich bei der königlichen Marine anwerben zu lassen. Obwohl Torr ihn offensichtlich als seinen Nachfolger betrachtete, hatte er ihm gegenüber nie ein Vorrecht geltend gemacht. Im Dienst wurde Usir allen anderen Offizieren gleichgestellt. Im Falle einer Vernachlässigung zögerte Torr nicht, den Jüngling mit aller Strenge zu bestrafen, um ihn zu Pflichtbewusstsein und Rechtschaffenheit zu erziehen. Außerhalb des Dienstes jedoch zeigte er sich als weiser, liebevoller Lehrer und Gefährte. Usir konnte das merkwürdige Gefühl nicht loswerden, dass seine Ausbildung als zukünftiger Admiral nur ein Vorwand war, um ihn in die Regeln der Staatsgeschäfte und der Militärführung einzuweisen. Im Grunde schien Torr ganz andere Pläne mit ihm zu haben. Aber welche? Über diese Frage zerbrach sich Usir immer wieder den Kopf, doch keine befriedigende Antwort wollte ihm einfallen.
Die Strenge seiner Erziehung hatte den von Natur aus edlen und aufrichtigen Charakter des jungen Mannes gestählt, ohne dass es ihr jedoch gelungen war, seine Neigung zur Kühnheit zu zügeln, was seinem Stolz dann manchmal auch üble Streiche spielte. Einmal mehr musste Usir sich verlegen eingestehen, dass Torr ihn vollkommen durchschaut hatte. Usir wusste wie alle anderen, dass dieser Expeditionszug, der auf Befehl des Priester-Königs ausgeführt wurde, in Wirklichkeit nur dem Zweck diente, neue Sklaven zu erbeuten. Im tiefsten Herzen empfand Usir diesen Raubzug als seiner selbst unwürdig und des Admirals noch unwürdiger. Doch der Wille des Herrschers über Atlantis galt als Gesetz. Niemand hätte es gewagt, sich ihm zu widersetzen.
Wieder erscholl an Deck ein Befehl. Die Krieger kletterten über die Reling und setzten ihre Füße auf die noch feuchten Ruder. Vorsichtig stiegen sie ins klare Wasser, das ihnen bis zur Hüfte reichte, und näherten sich dem Strand. Ihre in der Sonne glänzenden Schwerter und Schilde trugen sie auf dem Kopf. Usir hörte, während er sich dem Ufer näherte, den Sand unter seinen Füßen knirschen. Bleierne Stille lastete ringsum. Kein Vogelruf ertönte. Dennoch witterte der wachsame Instinkt Usirs eine Gefahr. Aufmerksam durchspähten seine Augen den nun ganz nahen Wald. Da sah er etwas aufblitzen. Im selben Augenblick drang, lautlos wie ein Trugbild, eine Gruppe schwarzer Pferde aus dem Hochwald. Dunkelhäutige Frauen saßen auf den Reittieren, Straußenfedern schmückten ihre Helme und bebten im Meereswind. Eine einzige der Frauen war blond. Unter ihrem elfenbeinernen Helm fiel eine honigfarbene, glänzende Haarfülle über den weißen Mantel, der ihre Schultern umhüllte. Sie ritt einen weißen Hengst und hielt eine lange Reitpeitsche in der Hand.

2
Auf den weißen Klippen stehend, die den Strand beherrschten, hatte die Wächterin, auf ihre Lanze gestützt, die Galeeren der Atlantiden wie purpurne Felsen über den Fluten auftauchen sehen. Das Antlitz der Frau zeigte nicht die geringste Aufregung. Ihre Augen, die es gewohnt waren, ins Licht der Sonne zu blicken, blinzelten kaum in der Helligkeit, während sie das Herannahen der feindlichen Schiffe beobachtete. Als sie sich überzeugt hatte, dass diese – anstatt weit draußen vorüberzuziehen – auf die Insel zusteuerten, trat die Frau zu ihrem Pferd, das im Gebüsch angebunden war. Sie band ihr Reittier los und schwang sich mit einem leichten Sprung auf seinen Rücken. Von einem Hagel von Kieselsteinen umgeben eilte die Reiterin den schmalen Abhang hinunter, der zum Wald führte, und ritt im Galopp in den erstickenden Halbschatten des gelb verfärbten Unterholzes. Sie trug eine kurze Tunika aus Gazellenfell und um den Hals eine Kette aus Haifischzähnen. Ein lederner Riemen hielt ihr dichtes, dunkles Haar im Nacken zusammen.
Kein Lufthauch regte sich in den Bäumen der waldbedeckten Hügel. Es roch nach Harz, Myrrhe und Blüten. Die Frau ritt an einer Schlucht entlang, in deren Tiefe ein grüner Gebirgsbach strömte. Das Rauschen des Wassers übertönte das Geräusch der Hufe auf dem Geröll. Der Schatten der Blätter an den dicken, knorrigen Ästen glitt über das starre Gesicht der Frau, die jetzt ihr Reittier über einen mächtigen Steinblock lenkte, der es ermöglichte, den Bach zu überqueren. Dann jagte sie das Tier im leichten Galopp den Berghang hinauf.
Nach einigen Augenblicken erreichte sie eine steile Granitwand, über die sich der Bach brausend ins Tal ergoss. Er stürzte in Schwindel erregender Höhe von einer Felsspalte aus in ein fast kreisrundes Granitbecken. Das Laub der Bäume spiegelte sich im Wasser und gab ihm eine smaragdgrüne Färbung. Der tosende Wasserfall schäumte in Myriaden von spritzenden Funken, während ein feiner, durchsichtig grüner Sprühregen wie ein schimmerndes Gewebe über die Felswand rieselte.
Die Frau zügelte ihr Pferd. Ihre Augen suchten aufmerksam das Dickicht ab, als plötzlich ein Mädchen aus dem Dunkel des Waldes heraustrat. Sie lief dem Wasser entgegen und verharrte dann einen Augenblick im leuchtenden Sonnenschein.
Sie mochte etwa sechzehn Jahre alt sein. Außer einem Lendenschurz und einer Kette aus Tierkrallen war sie vollkommen nackt. Ihre Haut war hell und glänzte wie Gold. Ihr honigblondes Haar fiel in ungestümen, federnden Wellen über ihre Schultern. Einige Atemzüge lang stand sie regungslos mit erhobenen Armen am Rand des Beckens. Dann tauchte sie mit einem kraftvollen, graziösen Sprung ins Wasser und die Tropfen sprühten regenbogenfarbig auf. Ihr Körper teilte das sonnenglitzernde Nass, glitt immer tiefer dem Grund entgegen, der mit Wasserpflanzen durchzogen war. Eine Hüftwendung brachte sie wieder an die Oberfläche. Sie schwamm und drehte sich übermütig im dunkel schillernden Wasser.
Die Reiterin, die ihr Pferd bis an den Rand des Felsens gelenkt hatte, stieg ab und wartete im Halbschatten der Bäume.
Nach einer Weile klomm das Mädchen wieder am Rand des Beckens empor. Wassertropfen schimmerten auf ihrem Körper und das nasse Haar klebte auf ihrem Rücken. Sie ging zu ihren Kleidern, die sie auf den Boden geworfen hatte, und wollte sie aufheben. Da plötzlich bemerkte sie die Frau, die regungslos neben ihrem Pferd stand. Sie hielt in der Bewegung inne, ihr soeben noch heiteres, sorgloses Gesicht nahm einen starren Ausdruck an. Sie hatte eine hohe, gewölbte Stirn und weit geschwungene Lippen. Die mandelförmigen Augen waren von Wimpern beschattet, schwarz wie Holzkohle. Sie leuchteten wie das Wasser, klar und smaragdgrün. Doch der Funke, der in diesen Augen glühte, ähnelte dem einer Tigerkatze, scharf, fest und lauernd. »Was gibt’s?«, fragte sie mit kühler, gleichmütiger Stimme.
»Herrin«, flüsterte die Frau, »die roten Schiffe der Atlantiden kreuzen vor der Insel.«
Obgleich das Mädchen keine Miene verzog, ging ihr Atem sichtbar schneller. »Wie viele sind es?«, fragte sie kurz.
»Ich sah drei Schiffe«, erwiderte die Frau.
Das Mädchen presste die Lippen zusammen. Sie bückte sich und hob ihre Kleider auf. Über eine kurze lederne Tunika schnürte sie mit geübter Hand einen Harnisch aus schwarzer Haifischhaut. Sie schnallte einen breiten Ledergürtel, mit Türkisen und Bergkristallen verziert, um ihre schmalen Hüften. Dann ergriff sie ihren Bogen, den sie an einen Baum gehängt hatte, und warf einen Köcher voller Pfeile über die Schulter. Schließlich stieß sie einen Pfiff aus, der an den schrillen Ruf eines Vogels erinnerte. Als Antwort ertönte ein raues, schnaubendes Wiehern. Zweige knackten. Ein Hengst brach mit hämmernden Hufen aus dem Unterholz. Er war von milchigem, fast bläulich schimmerndem Weiß. Die Mähne flutete über den Hals, dessen breite, stolze Wölbung den langen Kopf mit den schwarz funkelnden Augen hervorhob. Seine mächtige Brust, seine hohen Flanken, seine schmalen und doch kräftigen Beine zeugten von edelstem Blut. Während er näher trat, tänzelte er verspielt und rieb die feuchten Nüstern an der Schulter des Mädchens. Dieses umklammerte die dichte, mit Amuletten durchflochtene Mähne. Mit einem geschmeidigen Sprung schwang es sich auf seinen Rücken und trieb den Hengst mit Knien und Fersen an. Sogleich fiel das Pferd in Galopp. Die Frau, die ebenfalls aufgestiegen war, jagte ihr Reittier hinter ihm her. In gewaltigen Sätzen sprengten die Pferde dem Dickicht entgegen und verschwanden im Schatten des Waldes.
Vor bald einem Jahrhundert hatte das Volk der Amazonen seine Grotten verlassen und lebte in Häusern aus sonnengebrannten Ziegeln, die sie eigenhändig herstellten. Im Zentrum der von einer hohen Mauer umgebenen Stadt befand sich der Palast der Königin, ein würfelförmiger Bau, luftig errichtet und nach der aufgehenden Sonne orientiert. Vor dem Palast, inmitten einer zur Verteidigung ausgebauten Umfassungsmauer, die Tag und Nacht bewacht war, wurde in einem Heiligtum ein schwarzer Stein aufbewahrt, von dem man sich erzählte, er sei in uralten Zeiten vom Himmel gefallen. Der Überlieferung nach sollte die Macht der Amazonen so lange ungebrochen sein, wie sich der »Sternenstein« – so wurde er genannt – in ihrem Besitz befand.
In den rechteckig angelegten, weißen, sauberen Straßen sah man nur Frauen, vor allem junge, und kleine Mädchen. Knaben gab es kaum und noch weniger Männer. Die Amazonen hielten sich männliche Sklaven, die in ihren Salz- und Kupferminen arbeiten mussten. Doch durften diese Sklaven nicht in der Stadt leben. Diejenigen Amazonen, die sich zu verheiraten wünschten und in die Vasallengemeinschaften der Inseln übersiedeln wollten, wurden nicht daran gehindert. Doch waren sie verpflichtet ihre Töchter in den Dienst der Königin zu stellen, um die Ablösung zu gewährleisten und die Fortdauer des Staates zu sichern. Die Reiterinnen sprengten im Galopp durch die geradlinigen Straßen, die zum Palast führten. Die Hufe hämmerten auf das Pflaster. Die Frauen traten zur Seite und schauten ihnen nach. Schon warnte sie ihr immer wacher Instinkt vor einer Gefahr. Ein erregtes Flüstern wurde in der Menge hörbar.
»Es ist Isa, die Tochter unserer Königin, mit einer der Küstenwächterinnen. Sie scheinen schlechte Nachrichten zu bringen …«
Hoch gewachsene, schwarzhäutige Frauen, die Schultern mit Fischotterfellen bedeckt, hüteten den Palast, dessen halbmondförmige Kuppel sich weiß vom dunklen Blau des Himmels abhob. Eine Treppe von einundzwanzig Stufen führte zum Thronsaal. Ohne ihren Galopp zu verlangsamen zwang Isa, die blonde Königstochter, den Hengst die Treppe zu erklimmen. Die Wächterin folgte. Schnaubend und schweißbedeckt überwanden die Tiere das Hindernis, während die Palastwächterinnen ihre gefiederten Lanzen zum ehrerbietigen Gruß senkten. Mit lautem Hufgeklapper drangen die Pferde in die Palasträume ein. Ihre Umrisse hoben sich von dem flimmernden Himmel im Gegenlicht ab. Im kühlen Halbschatten des Empfangssaales schlief ein weiß gekleidetes Mädchen auf einem Ziegenfell. Sie öffnete verstört die Augen. Doch als sie in die starren Mienen der Reiterinnen blickte, war sie sofort hellwach und erhob sich mit einer leichten, federnden Bewegung.
Isa zog die Zügel straff. »Wo ist die Königin?«
»Meine Herrscherin ruht«, antwortete das Mädchen. Ihre Stimme klang achtungsvoll, aber nicht unterwürfig und ihre Augen blickten gelassen und fest.
»Geh und melde meiner Mutter, dass ich sie sofort sprechen muss«, befahl Isa.
Das Mädchen deutete eine Verbeugung an. Sie wirbelte herum und lief durch den Saal. Lautlos eilte sie durch die Gänge, in die das Tageslicht nur durch schmale, in die Wand gehauene Spalten sickerte. Der Boden war mit kühl schimmernder Keramikglasur bedeckt und mit Ziegenfellen und Binsenmatten ausgelegt.
Das Mädchen schob einen Vorhang beiseite, in dem Fisch- und Vogelmotive eingewebt waren. Leise drang sie in das Gemach der Königin. Das Lager, auf dem die Herrscherin ruhte, war aus Ebenholz, mit Einlegearbeiten und Schnitzereien verziert. Es war mit Fellen von Zibetkatzen und weichen Wolldecken ausgelegt. Die Waffen der Königin hingen an der Wand: der gefiederte Bogen, der Köcher voller Pfeile mit elfenbeinernen Spitzen, das lange Schwert und der bronzene Schild, der Spiralmotive aufwies. Neben dem Bett stand eine große, schön geschnitzte Holztruhe für die Kleidung.
Zenas Atem ging gleichmäßig und tief. Ihr üppiges, kastanienrotes Haar schimmerte im Halbdunkel. Das Gesicht war breit, die Nase klein und ein wenig flach, die Augen zeigten schräg nach oben gehenden Schnitt, und einige Falten bildeten sich bereits um ihren Mund. Doch im Schlaf wirkten ihre Züge entspannt und edel. Die schwieligen Flächen ihrer geöffneten Hände, die sich vom Handhaben der Waffen gebildet hatten, waren deutlich sichtbar …
Leise trat die Dienerin näher. Ihre Hand hob sich, wie um die schlafende Herrscherin zu wecken, berührte sie jedoch nicht. Zenas Lider bebten. Es war, als ob sie im tiefen Schlaf die Anwesenheit des Mädchens gespürt hätte. Sie schlug die Augen auf. Ihr ruhiger, scharfer Blick richtete sich auf die Dienerin, die demütig das Haupt beugte.
»Nun?«, fragte Zena.
»Isa ist soeben zurückgekommen«, flüsterte die Dienerin. »Sie bringt Nachrichten von der Küste …«
Mit geschmeidiger, rascher Bewegung richtete Zena sich auf. Sie trug eine karminrot gefärbte Ledertunika, dazu hirschlederne Beinkleider. Während sie ihren Schwertgurt, der mit Korallen und Amethysten verziert war, befestigte, reichte ihr die Dienerin das Schwert. Die lange, vollendet geformte Klinge galt als das Werk eines Meisters unter den Waffenschmieden. Der mit Edelsteinen besetzte Griff stellte einen kunstvollen Knoten geringelter Schlangen dar.
Die Dienerin schlug den Vorhang zur Seite. Die Königin verließ das Gemach, bewegte sich durch die Gänge mit leichten, federnden Schritten.
Die Wächterin sank auf die Knie, als die hohe Gestalt zwischen den Säulen sichtbar wurde. Isa jedoch blieb stehen und beugte nur kurz das Haupt zum Gruß. Die Pferde waren aus dem Empfangssaal geführt worden. Zenas Augen richteten sich auf ihre Tochter. Sie sah, dass das Mädchen schwitzte. »Sprich«, sagte sie gelassen. »Drei Galeeren liegen vor der Küste«, entgegnete Isa. »Sie werden die Insel erreichen, bevor der Schatten sich wendet.«
In Zenas Augen glomm ein Funke auf. Sie hob den Arm. »Man gebe sofort Alarm! Ruft die Anführerinnen des Heeres zusammen!«
Unter den Palastwächterinnen entstand lebhafte Bewegung. Zwei Frauen liefen die Treppe hinunter. Das klangvolle Dröhnen der Muschelhörner zerriss die Stille. Schritte und Stimmen wurden laut. Eine Gruppe hoch gewachsener Frauen trat in den Saal. Sie trugen Harnische aus Haifischhaut und Lederhelme, mit Stahlplatten belegt, die noch durch zusammengerollte Tierhäute verstärkt wurden. Alle waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Außerdem verfügten sie über Speere, Schwerter und Dolche. Einige waren mit Keulen ausgerüstet, die mit Zähnen von Sägefischen versehen waren und als besonders furchterregende Waffen galten. Der kühle, starre Gesichtsausdruck der Frauen bildete einen merkwürdigen Kontrast zu dem Ungestüm, der in ihren Augen brannte.
Zwischen den Säulen stand ein Thron, aus einem riesigen Ammonshorn gebildet, das von den Jahrtausenden mit Patina überzogen war. Ozelotfelle und weiche Kissen bedeckten den Stein, auf dem Zena jetzt Platz nahm. Sie gab der Küstenwächterin ein Zeichen. Die Frau berichtete mit knappen Worten, was sie gesehen hatte. Die Kriegerinnen standen unbeweglich und stumm, doch ihr geballtes Schweigen erfüllte den Raum wie eine greifbare Drohung.
»Amazonen«, sagte Zena, als die Wächterin zurücktrat. »Die Atlantiden bedrohen unsere Insel. Sie sind gekommen, um Sklaven zu erbeuten und ihre Habgier an unseren Bodenschätzen zu stillen. Doch wir werden sie ins Meer zurückdrängen!«
Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Die Frauen wiegten ihre Speere; ihre gelenkigen Finger krampften sich um den Griff der Waffen. Zenas ruhiger Blick schweifte über die Kriegerinnen. Sie wusste, der Kampf würde erbarmungslos sein …
In diesem Augenblick beugte Isa vor ihr das Knie. Ihr langes, blondes Haar bedeckte die Steinfliesen vor ihren Füßen. »Meine Königin!«, stieß sie hervor. »Lasst mich an der Spitze meiner Leibwache den ersten Angriff führen!« Ihr Gesicht glühte; ihre weit geöffneten, grünen Augen blitzten im Halbdunkel.
Zena unterdrückte ein Lächeln. Sie kannte die Kühnheit ihrer Tochter, die sie selbst zum Kampf erzogen und dafür gehärtet hatte. »Geh, meine Tochter«, sagte sie. »Das Heer wird dir gehorchen.«