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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Ein unaussprechliches Geheimnis treibt die englische Studentin
Grey nach Tokio: Hier hofft sie, den Schlüssel zu einer Tragödie zu
finden, die sie seit Jahren verfolgt. Ein Filmausschnitt, der Gräueltaten
japanischer Soldaten im chinesischen Nanking 1937 zeigt,
soll die Lösung des Rätsels enthalten. Doch der Besitzer des Films,
der chinesische Wissenschaftler Shi Chongming, weigert sich zunächst,
ihr zu helfen. Um sich in der fremden Stadt über Wasser
halten zu können, nimmt Grey einen Job als Hostess in einem exklusiven
Nachtclub an, wo sie die Bekanntschaft eines rätselhaften
Mannes macht: Junzo Fuyuki, alt, krank und an den Rollstuhl gefesselt,
ist trotz seiner Gebrechlichkeit einer der mächtigsten Männer
in Tokios Unterwelt. Sein Leben und seine geheimnisvolle
Aura verdankt Fuyuki einem schwer bewachten Elixier – einem
Elixier, für das andere jeden Preis bezahlen würden. Auch Chongming,
der Grey bittet, es für ihn zu beschaffen. Grey ahnt nicht,
dass die Geschichte dieses Elixiers eng mit ihrer eigenen Tragödie
verknüpft ist – und dass sich die blutige Spur von den Ereignissen
in Nanking bis in die Gegenwart zieht …
 
 
Von Mo Hayder außerdem bei Goldmann lieferbar:
Der Vogelmann. Roman (45173)
Die Behandlung. Roman (45626)
 
Weitere Informationen zur Autorin und ihren Büchern
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Prolog
002
Nanking, China: 21. Dezember 1937
 
Jenen, die gegen den Aberglauben wettern und wüten, habe ich nur eins zu sagen: Warum? Warum erlaubt ihr euch solchen Hochmut und solche Eitelkeit, dass ihr sorglos die alte Tradition missachtet? Wenn ein Bauer euch erzählt, dass die erhabenen Gebirge des alten China von erzürnten Göttern zertrümmert wurden, dass vor Jahrtausenden das Himmelsgewölbe heruntergerissen und das Land aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, warum glaubt ihr ihm dann nicht? Seid ihr so viel klüger als dieser Bauer? Seid ihr klüger als all die Generationen, von denen er abstammt?
Ich glaube ihm. Jetzt, endlich, glaube ich ihm. Ich schreibe dies mit zitternder Hand, doch ich tue es, ich glaube, was der Aberglaube uns sagt. Und warum? Weil es nichts anderes gibt, um die Wechselfälle dieses Lebens zu erklären, kein anderes Instrument, um dieses Unglück zu deuten. Also suche ich Trost im Volksglauben, und ich vertraue dem Bauern, wenn er mir erzählt, dass der Zorn der Götter dafür verantwortlich ist, dass das Land nach Osten hin abfällt. Ja, ich glaube ihm, wenn er mir sagt, dass alles, der Fluss, der Schlamm, die Städte, letztendlich im Meer versinken wird. Selbst Nanking. Eines Tages wird auch Nanking im Meer versinken. Die Reise dieser Stadt mag die langsamste sein, denn sie ist nun anders als andere Orte. Diese letzten Tage haben sie bis zur Unkenntlichkeit verändert, und wenn sie sich in Bewegung setzt, dann ganz langsam, denn sie ist durch ihre unbestatteten Bürger ans Land gekettet und durch die Geister, die sie bis an die Küste und zurück verfolgen werden.
Vielleicht sollte ich mich glücklich schätzen, dass ich erkenne, wie sie jetzt ist. Ich kann durch das hölzerne Gitter dieses winzigen Fensters spähen und sehen, was die Japaner von ihr übrig gelassen haben: ihre ausgebrannten Gebäude, die verlassenen Straßen, die Leichen, die sich in den Kanälen und Flüssen türmen. Dann blicke ich auf meine zitternden Hände und frage mich, warum ich überlebt habe. Das Blut ist inzwischen getrocknet. Wenn ich meine Hände reibe, blättert es ab, und die schwarzen Schuppen fallen auf das Papier, dunkler als die Worte, die ich schreibe, da meine Tusche so verwässert ist. Das Tuschestäbchen ist aufgebraucht, und ich habe weder die Kraft noch den Mut oder den Drang hinauszugehen und ein neues zu besorgen.
Wenn ich meinen Federhalter niederlegen, mich seitwärts gegen die kalte Wand lehnen und in dieser unbequemen Position meine Nase ganz dicht an den Fensterladen pressen würde, könnte ich den Purpurberg sehen, der schneebedeckt jenseits der zerstörten Dächer aufragt. Doch ich werde es nicht tun. Es besteht keine Notwendigkeit, meinen Körper in eine unnatürliche Haltung zu zwingen, denn ich werde nie wieder den Purpurberg anschauen. Wenn dieser Tagebucheintrag beendet ist, werde ich kein Verlangen mehr verspüren, mich daran zu erinnern, wie ich selbst auf jenen Hängen stand, eine zerlumpte, erbärmliche Gestalt, die verzweifelt versuchte, mit dem japanischen Soldaten Schritt zu halten, die wie ein Wolf seiner Fährte folgte, über die gefrorenen Bäche und Schneewehen …
Es ist keine zwei Stunden her. Zwei Stunden, seit ich ihn eingeholt habe. Wir waren in einem kleinen Wäldchen nahe den Pforten des Mausoleums. Er stand mit dem Rücken zu mir neben einem Baum, und der schmelzende Schnee tropfte von den Ästen auf seine Schultern. Sein Kopf war leicht vorgereckt, während er angestrengt in den Wald vor sich spähte, denn die Berghänge waren noch immer gefährliches Gelände. Die Filmkamera hing baumelnd an seiner Seite.
Ich hatte ihn so lange verfolgt, dass ich ganz zerschunden war und hinkte und meine Lunge von der kalten Luft brannte. Ich bewegte mich vorsichtig vorwärts. Jetzt kann ich mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ich so beherrscht bleiben konnte, denn ich zitterte von Kopf bis Fuß. Als er mich hörte, wirbelte er herum und duckte sich instinktiv in Angriffshaltung. Aber ich bin nicht sonderlich männlich, nicht stark und einen ganzen Kopf kleiner als er, und als er mich erkannte, ließ seine Anspannung ein wenig nach. Er richtete sich vorsichtig auf und beobachtete mich, während ich ein paar Schritte näher kam, bis wir nur noch zwei Meter voneinander entfernt standen und er die Tränen in meinem Gesicht sehen konnte.
»Es wird dir nichts bedeuten«, sagte er fast bedauernd, »aber ich möchte, dass du weißt, dass es mir Leid tut. Es tut mir sehr Leid. Verstehst du mein Japanisch?«
»Ja, tue ich.«
Er seufzte und rieb sich mit seinem rissigen Schweinslederhandschuh die Stirn. »Es war nicht gerade das, was ich mir gewünscht hätte. Das ist es nie. Das musst du mir glauben.« Er hob seine Hand und zeigte vage in die Richtung des Linggu-Tempels. »Es stimmt, dass – dass er es genossen hat. Das tut er immer. Aber ich nicht. Ich bin ihr Beobachter. Ich filme, was sie tun, aber es bereitet mir kein Vergnügen. Bitte, glaub mir das, es bereitet mir kein Vergnügen.«
Ich wischte mir mit dem Ärmel das Gesicht ab, wischte die Tränen fort. Ich machte einen Schritt nach vorn und legte meine zitternde Hand auf seine Schulter. Er schreckte nicht zusammen, wich nicht zurück, sondern musterte nur verwirrt mein Gesicht. Es war keine Angst in seiner Miene zu erkennen: Er hielt mich für einen wehrlosen Zivilisten. Er wusste nichts von dem kleinen Obstmesser, das ich in meiner Hand verbarg.
»Gib mir die Kamera«, sagte ich.
»Das kann ich nicht. Glaub nicht, dass ich diese Filme für ihre Unterhaltung mache, für die Soldaten. Ich habe weit Wichtigeres damit vor.«
»Gib mir die Kamera.«
Er schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage.«
Bei diesen Worten schien es mir, als würde sich die Welt um uns herum verlangsamen. Irgendwo auf den fernen Hängen unter uns scheuchte die japanische Sampohei-Artillerie versprengte Einheiten der Nationalisten mit schwerem Geschützfeuer aus den Bergen und trieb sie zurück in die Städte, doch von den höher gelegenen Hängen hörte ich keinen Laut, abgesehen vom Klopfen unserer Herzen und dem schmelzenden Eis um uns herum.
»Ich habe gesagt, du sollst mir die Kamera geben.«
»Und ich wiederhole, nein. Kommt nicht in Frage.«
Ich beugte mich ein wenig vor und stieß ein schreckliches Geheul aus, ihm direkt ins Gesicht. Es hatte sich die ganze Zeit über in mir angestaut, während ich im Schnee seiner Fährte gefolgt war, und jetzt schrie ich wie ein verwundetes Tier. Ich stürzte mich auf ihn und rammte ihm das kleine Messer in den Leib, durch seine Uniform hindurch, bohrte es durch den glücksbringenden Senninbari-Gürtel. Er gab keinen Laut von sich. Sein Gesicht zuckte. Er riss seinen Kopf so ruckartig zurück, dass seine Armeemütze herunterfiel und wir beide überrascht einen Schritt zurückwichen, während wir auf das starrten, was ich getan hatte. Eine Fontäne von Blut ergoss sich in den Schnee, und das Innere seines Bauchs stülpte sich durch den Riss in seiner Uniform wie eine schleimige Frucht nach außen. Er stierte einen Moment lang verständnislos darauf. Dann registrierte er den Schmerz. Er ließ das Gewehr fallen und umklammerte seinen Bauch, versuchte verzweifelt, seine Gedärme wieder hineinzustopfen. »Kuso!«, entfuhr es ihm. »Was hast du getan?«
Ich taumelte zurück, und das Messer fiel aus meiner Hand, während ich blind nach einem Baum tastete, an den ich mich lehnen konnte. Der Soldat kehrte mir den Rücken und wankte tiefer in den Wald. Mit einer Hand umklammerte er seinen Bauch, mit der anderen hielt er noch immer die Kamera fest, während er sich ungelenk vorwärts bewegte, den Kopf seltsam würdevoll hoch erhoben, als würde dort inmitten der Bäume eine bessere, sicherere Welt warten. Ich folgte ihm, stolperte keuchend durch den Schnee. Nach etwa zehn Metern strauchelte er, verlor fast das Gleichgewicht und schrie etwas: einen japanischen Frauennamen, vielleicht der Name seiner Mutter oder seiner Frau. Er hob seinen Arm, und die Bewegung musste Dinge in seinem Innern gelöst haben, denn etwas Dunkles, Langes schlängelte sich aus der Wunde und fiel in den Schnee. Der Soldat rutschte darauf aus und versuchte, sich wieder zu fangen, doch mittlerweile war er sehr schwach und schleppte sich benommen im Kreis weiter, zog dabei eine lange rote Spur hinter sich her, so als wäre dies eine Geburt und kein Tod.
»Gib sie her. Gib mir die Kamera.«
Er konnte nicht antworten. Er hatte jegliche Fähigkeit zu rationalem Denken verloren: Er wusste nicht mehr, was passierte. Er sank auf die Knie, seine Arme leicht erhoben, und kippte sacht auf die Seite. Im nächsten Moment war ich bei ihm. Seine Lippen waren blau, die Zähne blutverschmiert. »Nein«, flüsterte er, als ich die Kamera aus seinen behandschuhten Fingern nestelte. Seine Augen waren bereits blind, doch er spürte, wo ich war, und tastete verzweifelt nach meinem Gesicht. »Nimm sie mir nicht weg. Wenn du sie mir wegnimmst, wer wird es dann der Welt erzählen?«
 
»Wenn du sie mir wegnimmst, wer wird es dann der Welt erzählen?«
Diese Worte haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Ich werde sie bis ans Ende meines Lebens nicht vergessen. Wer wird es dann erzählen? Ich starre lange auf den Himmel über dem Haus, auf den schwarzen Rauch, der vor dem Mond wabert. Wer wird es dann erzählen? Die Antwort lautet: niemand. Niemand wird es erzählen. Es ist alles vorbei. Dies ist der letzte Eintrag in meinem Tagebuch. Ich werde nie wieder schreiben. Der Rest meiner Geschichte wird auf dem Film in der Kamera verewigt sein, und was heute geschehen ist, wird ein Geheimnis bleiben.

1
Tokio, Sommer 1990
Manchmal muss man einfach über seinen eigenen Schatten springen. Selbst wenn man müde und hungrig und an einem völlig fremden Ort ist. So wie ich in jenem Sommer in Tokio, als ich vor Professor Shi Chongmings Tür stand und vor Nervosität zitterte. Ich hatte mein Haar platt an den Kopf gedrückt, damit es so eng wie möglich anlag, und viel Zeit darauf verwandt, meinen alten Secondhandrock zurechtzuzupfen, den Staub abzuklopfen und die Sitzfalten glatt zu streichen. Ich hatte die abgewetzte Umhängetasche hinter meinen Füßen versteckt, damit sie ihm nicht gleich als Erstes ins Auge fiel, denn es war so unendlich wichtig, normal auszusehen. Ich musste bis fünfundzwanzig zählen und tief durchatmen, bevor ich den Mut hatte zu sprechen.
»Hallo?«, sagte ich zögernd, mein Gesicht ganz nah an der Tür. »Sind Sie da?«
Ich wartete einen Moment und lauschte angestrengt. Von drinnen konnte ich undeutliches Schlurfen hören, aber es kam niemand an die Tür. Ich wartete noch einen Augenblick länger, während mein Herzschlag in meinen Ohren zu dröhnen begann, dann klopfte ich. »Können Sie mich hören?«
Die Tür ging auf, und ich wich verblüfft einen Schritt zurück. Shi Chongming stand in der Tür, sehr förmlich und korrekt, und sah mich schweigend an. Seine Hände hingen neben dem Körper, als würde er darauf warten, visitiert zu werden. Er war unglaublich klein, wie eine Puppe, und das feine Dreieck seines Gesichts wurde von schulterlangem, schlohweißem Haar umrahmt, so als hätte er sich einen Schal aus Schnee um die Schultern drapiert. Ich stand mit offenem Mund da und brachte kein Wort heraus.
Er legte seine flachen Hände auf die Oberschenkel und verbeugte sich vor mir. »Guten Tag«, sagte er leise in fast akzentlosem Englisch. »Ich bin Professor Shi Chongming. Und wer sind Sie?«
»Ich … ich bin …« Ich schluckte. »Ich bin eine Studentin. Wenn man so will.« Ich schob ungelenk den Ärmel meiner Strickjacke hoch und streckte ihm meine Hand hin. Ich hoffte, er würde meine abgekauten Nägel nicht bemerken. »Von der University of London.«
Er musterte mich aufmerksam, registrierte mein Gesicht, mein strähniges Haar, die Strickjacke und die große, formlose Umhängetasche. Das tut jeder bei der ersten Begegnung mit mir, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, sosehr man sich auch bemüht, man gewöhnt sich nie wirklich daran, angestarrt zu werden.
»Ich wollte Sie schon fast mein halbes Leben lang treffen«, sagte ich. »Ich habe neun Jahre, sieben Monate und achtzehn Tage auf diesen Moment gewartet.«
»Neun Jahre, sieben Monate und achtzehn Tage?« Er hob amüsiert eine Augenbraue. »So lange? Wenn das so ist, dann kommen Sie besser herein.«
 
Ich bin nicht sonderlich gut im Erraten, was andere Menschen denken, aber ich weiß, dass man Tragödien, wahre Tragödien im Blick eines Menschen erkennen kann. Wenn man aufmerksam genug hinschaut, ist man in der Lage zu sehen, was eine Person durchgemacht hat. Ich hatte so lange gebraucht, Shi Chongming zu finden. Er war über siebzig, und es erstaunte mich, dass er trotz seines Alters und trotz seiner Gefühle gegenüber den Japanern hier lebte, ein Gastprofessor an der Todai-Universität, der berühmtesten Universität Japans. Sein Büro bot einen Ausblick über die Kyudo-Halle der Universität, wo dunkle Bäume um die verschachtelten Ziegeldächer wogten und das einzige Geräusch die Schreie der Krähen waren, die zwischen den spitzblättrigen Eichen umherhüpften. Im Zimmer war es heiß und stickig, und die staubige Luft wurde von drei elektrischen Ventilatoren, die sich surrend hin- und herdrehten, im Raum verteilt. Ich schlich hinein, eingeschüchtert von der Tatsache, dass ich endlich hier war.
Shi Chongming nahm einen Stapel Unterlagen von einem Stuhl. »Setzen Sie sich. Setzen Sie sich. Ich mache Tee.«
Ich nahm auf dem Stuhl Platz, meine Füße in den derben Schuhen nebeneinander gestellt, die Tasche an meinen Bauch gedrückt. Shi Chongming hinkte zu einem Waschbecken in der Ecke des Büros und füllte einen elektrischen Wasserkocher, ohne sich um das Wasser zu kümmern, das dabei auf seine im Mandarinstil gearbeitete Jacke spritzte. Der Ventilator bewegte sacht die Unterlagenstapel und vergilbten alten Bücher, die sich in den deckenhohen Regalen türmten. Als ich hereingekommen war, hatte ich in einer Ecke sofort einen Projektor entdeckt. Ein verstaubtes 16-mm-Gerät, das man gerade eben zwischen den hoch aufragenden Unterlagenstapeln ausmachen konnte. Ich wollte mich umdrehen und ihn mir ansehen, doch ich wusste, dass ich das besser nicht tun sollte. Ich biss mir auf die Lippe und richtete meinen Blick starr auf Shi Chongming. Er hielt einen langatmigen Monolog über seine Forschungsarbeit.
»Nur wenige haben eine Vorstellung davon, wann die chinesische Heilkunde ihren Weg nach Japan gefunden hat, aber man kann bis in die Tang-Periode gehen und entdeckt Beweise für ihre Existenz. Wussten Sie das?« Er brühte den Tee auf und förderte von irgendwoher einen eingeschweißten Keks zu Tage. »Der Priester Jian Zhen hat sie gelehrt, hier, an diesem Ort, im achten Jahrhundert. Jetzt gibt es überall, wo man hinschaut, Kampo-Läden. Man muss nur den Campus verlassen und ein paar Schritte gehen, und schon steht man vor einem. Faszinierend, finden Sie nicht?«
Ich blinzelte. »Ich dachte, Sie wären Linguist.«
»Linguist? Nein, nein. Früher, vielleicht, aber jetzt ist alles anders. Wollen Sie wissen, was ich bin? Ich sag es Ihnen – wenn Sie ein Mikroskop nehmen und sorgfältig den Schnittpunkt studieren, wo sich Ergonom und Soziologe treffen …«, er lächelte und entblößte dabei lange gelbe Zähne, »… da finden Sie mich: Shi Chongming, ein sehr kleiner Mann mit einem großen Titel. Die Universität sagt mir, sie hätten mit mir einen beachtlichen Fang gemacht. Was mich interessiert, ist, wie viel von all dem hier …«, er machte eine ausholende Bewegung mit den Händen, die die Bücher, die Farbdrucke mumifizierter Tiere und eine Wandkarte mit der Überschrift Entomologie von Hunan einschloss, »… wie viel von dem hier mit Jian Zhen gekommen ist und wie viel 1945 von den Soldaten mit nach Japan zurückgebracht wurde. Ein Beispiel nur, lassen Sie mich sehen …« Er strich mit seinen Händen über die vertrauten Texte, zog einen verstaubten Band heraus, legte ihn vor mich hin und schlug ihn auf einer Seite mit einem verwirrenden Diagramm eines Bären auf, aufgeschnitten, um seine in Pastellrosa und -mint kolorierten inneren Organe zu zeigen. »Hier haben wir ein Beispiel, den Kragenbär. War es nach dem Pazifikkrieg, dass sie anfingen, die Gallenblase ihres Karuizawa-Bären als Heilmittel gegen Magenbeschwerden zu benutzen?« Er legte die Hände auf den Tisch und sah mich an. »Ich vermute, das ist der Grund, weshalb Sie hier sind, stimmt’s? Der Kragenbär ist eines meiner Fachgebiete. Er ist es, der die meisten Leute zu mir führt. Sind Sie eine Naturschützerin?«
»Nein«, antwortete ich, überrascht davon, wie fest meine Stimme klang. »Um ehrlich zu sein, nein. Das ist nicht der Grund, weshalb ich hier bin. Ich habe noch nie vom … vom Karuizawa-Bären gehört.« Und dann konnte ich mich nicht länger zurückhalten. Ich drehte mich um und schaute zu dem Projektor in der Ecke, riss meinen Blick los und sah wieder Shi Chongming an. »Ich meine, ich bin nicht hier, um mit Ihnen über chinesische Heilkunde zu reden.«
»Nicht?« Er nahm seine Brille ab und musterte mich neugierig. »Sie sind nicht deswegen hier?«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ganz und gar nicht.«
»Dann …«, er hielt kurz inne, »… dann sind Sie hier wegen …?«
»Wegen Nanking.«
Er setzte sich stirnrunzelnd an den Schreibtisch. »Entschuldigen Sie. Was sagten Sie noch mal, wer Sie sind?«
»Ich bin Studentin der London University. Zumindest war ich das. Aber ich habe nicht chinesische Heilkunde studiert. Ich habe Kriegsgräuel studiert.«
»Sie brauchen gar nicht weiterzureden.« Er hielt seine Hand hoch. »Da sind Sie beim Falschen gelandet. Ich kann Ihnen nicht helfen.«
Er wollte vom Schreibtisch aufstehen, doch ich zog eilig den Reißverschluss meiner Umhängetasche auf und holte einen eselsohrigen, von einem Gummiband zusammengehaltenen Packen Notizen heraus, ließ in meiner Nervosität einige davon fallen, klaubte sie wieder auf und klatschte den ganzen Stapel zwischen uns auf den Schreibtisch.
»Ich habe mein halbes Leben lang den Krieg in China studiert.« Ich streifte das Gummiband ab und breitete meine Unterlagen aus. Da waren Seiten mit Übersetzungen in meiner winzigen Handschrift, Fotokopien von Zeugenaussagen aus Bibliotheksbüchern, Skizzen, die ich angefertigt hatte, um mir die Geschehnisse besser bildlich vorstellen zu können. »Insbesondere Nanking. Sehen Sie«, ich hielt eine zerknitterte, mit sehr kleinen Schriftzeichen bedeckte Seite hoch, »das hier bezieht sich auf die Invasion – es ist ein Stammbaum der japanischen Befehlshierarchie, es ist alles in Japanisch geschrieben, sehen Sie? Das habe ich angefertigt, als ich sechzehn war. Ich kann etwas Japanisch und Chinesisch schreiben.«
Shi Chongming betrachtete das Ganze schweigend und schien dabei immer tiefer in seinem Schreibtischsessel zu versinken. Ein seltsamer Ausdruck trat auf sein Gesicht. Meine Zeichnungen und Diagramme sind nicht sonderlich gut, aber es macht mir nichts mehr aus, wenn Leute darüber lachen – jede einzelne stellt etwas dar, das mir wichtig ist, jede hilft mir, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, jede erinnert mich daran, dass ich mit jedem Tag der Wahrheit über etwas, das 1937 in Nanking passiert ist, näher komme. »Und das hier …« Ich entfaltete eine Zeichnung und hielt sie hoch. Es war ein DIN-A3-Blatt, in dem sich über die Jahre dort, wo es zusammengefaltet war, transparente Linien gebildet hatten. »… das hier soll die Stadt am Ende der Invasion darstellen. Es hat mich einen ganzen Monat gekostet, bis es fertig war. Das ist ein Leichenberg. Sehen Sie?« Ich starrte ihn erwartungsvoll an. »Wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie, dass alles stimmt. Sie können es gern überprüfen, wenn Sie möchten. Es sind exakt dreihunderttausend Leichen auf diesem Bild …«
Shi Chongming stand abrupt auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Er schloss die Bürotür, trat an das Fenster, das auf die Kyudo-Halle ging, und ließ das Rollo herunter. Er lief ein wenig nach links gebeugt. Sein Haar war so licht, dass sein Hinterkopf beinahe kahl anmutete, und die Haut geriffelt, als ob da keine Schädeldecke wäre und man die Wölbungen und Windungen seines Gehirns sehen könnte. »Wissen Sie, wie heikel in diesem Land die bloße Erwähnung von Nanking ist?« Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück und nahm mit arthritischer Bedächtigkeit dahinter Platz. Dann beugte er sich zu mir vor und sprach in einem leisen Flüsterton. »Wissen Sie, wie mächtig die Rechten in Japan sind? Wissen Sie, wie viele Menschen angegriffen wurden, weil sie darüber gesprochen haben? Die Amerikaner …«, er deutete mit einem zittrigen Finger auf mich, als wäre ich ein Repräsentant Amerikas, »… die Amerikaner, MacArthur, haben sie in die Panikmacher verwandelt, die sie heute sind. Die Sache ist ganz einfach: Wir reden nicht darüber.«
Ich senkte meine Stimme ebenfalls zu einem Flüstern. »Aber ich habe eine weite Reise unternommen, um mit Ihnen zu sprechen.«
»Dann müssen Sie eben wieder zurückfahren«, antwortete er. »Sie reden hier von meiner Vergangenheit. Ich bin nicht hier, in Japan, um über die Fehler der Vergangenheit zu sprechen.«
»Sie verstehen nicht. Sie müssen mir helfen.«
»Ich muss?«
»Es geht um eine spezielle Sache, die die Japaner getan haben. Ich weiß über die meisten der Gräueltaten Bescheid, über die Tötungswettbewerbe, die Vergewaltigungen. Aber ich rede hier von einer speziellen Sache, von etwas, dessen Zeuge Sie waren. Niemand glaubt, dass es tatsächlich passiert ist, alle denken, ich habe es mir ausgedacht.«
Shi Chongming beugte sich vor und sah mir ins Gesicht. Meist bedenken mich die Leute, wenn ich ihnen sage, was ich herauszufinden suche, mit einem gequälten, mitleidigen Blick, einem Blick, der sagt: »Das musst du dir ausgedacht haben. Aber warum? Warum denkst du dir so etwas Abscheuliches aus?« Doch dieser Blick war anders. Dieser Blick war stählern und zornig. Als er schließlich sprach, hatte seine Stimme einen drohenden, grimmigen Ton angenommen: »Was haben Sie gesagt?«
»Es gab einen Augenzeugenbericht darüber. Ich habe ihn vor Jahren gelesen, aber es ist mir nicht gelungen, das Buch wiederzufinden, und alle behaupten, dass ich mir das auch ausgedacht, dass es das Buch nie gegeben hätte. Aber das macht nichts, denn anscheinend existiert auch ein Film, aufgenommen 1937 in Nanking. Darauf bin ich vor sechs Monaten gestoßen. Und Sie wissen bestens über diesen Film Bescheid.«
»Unsinn. Einen solchen Film gibt es nicht.«
»Aber – aber Ihr Name hat in einer akademischen Zeitschrift gestanden. Ehrlich, ich hab es mit eigenen Augen gesehen. Dort stand, Sie wären in Nanking gewesen. Sie wären Zeuge des Massakers gewesen. Sie hätten diese Foltermethode mit angesehen. Dort stand, dass es 1957, als Sie an der Jiangsu-Universität lehrten, Gerüchte gab, Sie würden einen Film darüber besitzen. Und deshalb bin ich hier. Ich muss mehr darüber erfahren … ich muss mehr darüber erfahren, was die Soldaten getan haben. Nur ein Beispiel von diesen Gräueltaten, damit ich weiß, dass ich sie mir nicht eingebildet habe. Ich muss wissen, ob sie den Frauen, die sie verschleppten …«
»Genug!« Shi Chongming schlug mit den Händen auf den Schreibtisch und stand auf. »Kennen Sie denn kein Mitgefühl? Das hier ist kein Kaffeeklatsch!« Er nahm den Stock, der über der Rückenlehne seines Sessels baumelte, hinkte zur Tür, schloss sie auf und hängte sein Namensschild ab. »Sehen Sie das?«, sagte er und stieß die Tür mit dem Stock zu. »Professor der Soziologie. Soziologie. Mein Fachgebiet ist chinesische Heilkunde. Ich habe Nanking hinter mir gelassen. Es gibt keinen Film. Die Sache ist vorbei. Und nun, bitte, ich habe viel zu tun und …«
»Bitte.« Ich klammerte mich an die Schreibtischkante, mein Gesicht rotfleckig. »Bitte. Es gibt einen Film. Es gibt ihn. Es stand in der Zeitschrift, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Magees Film zeigt es nicht, aber Ihrer tut es. Es ist der einzige Film auf der ganzen Welt und …«
»Sssch«, sagte er und wedelte mit dem Stock in meine Richtung. »Es reicht.« Seine Zähne waren lang und gelb, wie alte Fossilien, die in der Wüste freigelegt worden waren – blank gelb geschliffen von Reishülsen und Ziegenfleisch. »Bitte, ich habe große Achtung vor Ihnen und Ihrer hervorragenden Lehranstalt. Sehr hervorragend. Aber lassen Sie es mich klipp und klar sagen: Es gibt keinen Film.«
 
Wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat zu beweisen, dass man nicht verrückt ist, sind Leute wie Shi Chongming wirklich keine Hilfe. Etwas zu lesen, es mit eigenen Augen schwarz auf weiß zu sehen, nur um dann in der nächsten Minute gesagt zu bekommen, dass man es sich eingebildet hätte – nun, das kann einen wirklich so wahnsinnig machen, wie man es nach Ansicht aller bereits ist. Es war immer wieder dieselbe Geschichte, genau dasselbe wie mit meinen Eltern und der Klinik, als ich dreizehn war. Alle dort behaupteten, die Folter wäre meine pure Einbildung, alles Teil meiner Wahnvorstellungen – dass es niemals solch schreckliche Grausamkeiten gegeben haben könnte. Dass die japanischen Soldaten brutal und skrupellos gewesen wären, aber selbst sie niemals so etwas getan hätten, etwas so Unaussprechliches, dass selbst die Ärzte und Krankenschwestern, die normalerweise nichts mehr schockierte, ihre Stimmen senkten, wenn sie darüber sprachen. »Ich bin sicher, dass du glaubst, du hättest es gelesen. Ich bin sicher, dass es für dich real ist.«
»Es ist real«, hatte ich gesagt und auf den Boden gestarrt, während mir die Schamesröte in die Wangen schoss. »Ich habe es gelesen. In einem Buch.« Es war ein Buch mit einem orangefarbenen Einband gewesen und mit einem Foto von Leichenbergen im Hafen von Meitan. Es war voller Geschichten davon, was in Nanking geschehen ist. Bevor ich das Buch in die Hände bekam, hatte ich noch nie von Nanking gehört. »Ich habe es in meinem Elternhaus gefunden.«
Eine der Schwestern, die mich überhaupt nicht mochte, kam immer an mein Bett, wenn das Licht ausgeschaltet wurde. Sie dachte, niemand würde uns belauschen. Ich lag dann stocksteif da und tat so, als schliefe ich, doch sie beugte sich trotzdem über mich und flüsterte mir ins Ohr, so dass ich ihren heißen, säuerlichen Atem riechen konnte. »Ich will dir mal eins sagen«, murmelte sie Nacht für Nacht, wenn die Blumenschatten der Gardinen reglos an der Stationsdecke hingen. »Du hast die perverseste Phantasie, die mir in meinen zehn Jahren in diesem beschissenen Job je untergekommen ist. Du bist wirklich verrückt. Nicht nur verrückt, sondern verdorben.«
Aber ich habe es mir nicht ausgedacht …
Ich hatte Angst vor meinen Eltern, besonders vor meiner Mutter. Aber als mir niemand in der Klinik glaubte, dass das Buch existierte, als ich zu befürchten begann, dass sie Recht haben könnten, dass ich es mir tatsächlich eingebildet hatte, dass ich tatsächlich verrückt war, nahm ich allen Mut zusammen und schrieb einen Brief nach Hause, in dem ich sie bat, unter den Unmengen von Taschenbüchern nach einem Buch mit einem orangefarbenen Einband und dem Titel Das Massaker von Nanking oder so ähnlich zu suchen.
Fast umgehend kam ein Antwortbrief: »Ich bin sicher, dass es dieses Buch gibt, aber ich schwöre dir, ich habe in meinem Haus niemals solchen Schund gelesen.«
Meine Mutter war immer so überzeugt davon gewesen, dass sie völlige Kontrolle darüber besaß, was ich wusste und dachte. Sie wollte nicht, dass die Schule mir den Kopf mit falschen Dingen füllte, weshalb ich jahrelang zu Hause unterrichtet wurde. Aber wenn man eine solche Verantwortung übernimmt, wenn man solche Angst hat (aus welchem tief verborgenen, schmerzlichen Grund auch immer), seine Kinder könnten etwas über die Welt erfahren, dass man jedes Buch, das den Weg ins Haus findet, genauestens überprüft, manchmal sogar anstößige Seiten aus Romanen reißt – nun, dann ist eins sicher: Man muss gründlich sein. Zumindest etwas gründlicher, als meine Mutter es war. Sie bemerkte nicht die Laxheit, die sich in ihr Heim einschlich, die sich durch die efeuüberwucherten Fenster hereinstahl, zwischen den modrigen Taschenbuchstapeln entlangkroch. Irgendwie hatte sie das Buch über Nanking übersehen.
»Wir haben alles abgesucht, in der besten Absicht, dir, unserem einzigen Kind, zu helfen, aber ich muss dir leider mitteilen, dass du dich in diesem Fall geirrt hast. Wir haben deinem zuständigen Arzt geschrieben, um ihn davon in Kenntnis zu setzen.«
Ich erinnere mich daran, wie ich den Brief auf den Boden der Station fallen ließ, während mir ein schrecklicher Gedanke kam. Was ist, wenn sie Recht haben? Was, wenn dieses Buch tatsächlich nicht existiert? Was, wenn ich mir das alles nur eingebildet habe? Das, dachte ich, während sich in meiner Magengrube ein dumpfer Schmerz regte, das wäre das Schlimmste, was je passieren könnte.
 
Manchmal muss man einen weiten Weg zurücklegen, um Dinge zu beweisen, auch wenn sich am Ende herausstellt, dass man sie nur sich selbst bewiesen hat.
Als ich schließlich aus der Klinik entlassen wurde, wusste ich genau, wie mein nächster Schritt aussehen würde. In der Klinik hatte ich all meine Prüfungen durch Fernunterricht abgelegt (in den meisten bekam ich eine Eins, und das überraschte alle – sie taten so, als ob sie dächten, Unwissenheit wäre gleichbedeutend mit Dummheit), und draußen in der wirklichen Welt gab es wohltätige Organisationen für Leute wie mich, die uns halfen, uns für die Uni zu bewerben. Sie standen mir bei all den Dingen bei, die mir schwer fielen – Telefonanrufe und Busfahrten. Ich hatte mir selbst mit Hilfe von Bibliotheksbüchern Chinesisch und Japanisch beigebracht, und es dauerte nicht lange, bis ich einen Studienplatz am Institut für Asienkunde der London University erhielt. Nach so langer Zeit plötzlich in die Außenwelt entlassen, wirkte ich fast normal: Ich hatte eine gemietete Studentenbude, einen Teilzeitjob als Handzettelverteiler, einen Studenten-Bahnpass und einen Tutor, der Yoruba-Skulpturen und Postkarten mit Bildern der Präraffaeliten sammelte. (»Ich habe ein Faible für bleiche Frauen«, gestand er einmal und musterte mich dabei eingehend. Dann hatte er ganz leise hinzugefügt: »Solange sie nicht verrückt sind, versteht sich.«) Doch während die anderen Studenten von ihrem Abschluss, vielleicht sogar von einem Doktorandenstipendium träumten, drehten sich all meine Gedanken um Nanking. Wenn je Frieden in mein Leben einkehren sollte, dann musste ich herausfinden, ob ich die Einzelheiten in dem orangefarbenen Buch richtig erinnert hatte.
Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek und durchforstete Bücher und wissenschaftliche Zeitschriften, in der Hoffnung, eine Ausgabe des Buchs oder, wenn das fehlschlagen sollte, eine andere Publikation mit demselben Augenzeugenbericht zu finden. Es hatte ein Buch mit dem Titel Das Grauen von Nanking, veröffentlicht 1980, gegeben, doch es war vergriffen. Keine Bibliothek, nicht einmal die Library of Congress besaß eine Ausgabe, und außerdem war ich nicht sicher, ob es sich um dasselbe Buch handelte. Doch es spielte keine Rolle, denn ich fand etwas anderes. Zu meiner Überraschung entdeckte ich, dass es Filmaufnahmen des Massakers gab.
Insgesamt existierten zwei Filme. Der erste war Reverend Magees Film. Magee war in den Dreißigerjahren als Missionar in China tätig, und seinen Film hatte ein Kollege, der so entsetzt war von dem, was er gesehen hatte, dass er den Film für seine Reise nach Shanghai in das Futter seines Kamelhaarmantels einnähte, aus dem Land geschmuggelt. Anschließend lag der Film etliche Jahre vergessen in einem stickigen Keller in Südkalifornien, wo er langsam zerfiel, bis man ihn endlich wiederentdeckte und der Sammlung der Library of Congress stiftete. Ich hatte die Videokopie in der Bibliothek der London University gesehen, sie wieder und wieder angeschaut, jedes einzelne Bild studiert. Der Film zeigte die Schrecken von Nanking – Dinge, über die ich nicht nachdenken mag, nicht einmal am helllichten Tag -, doch er zeigte nicht die Folter, über die ich vor so vielen Jahren gelesen hatte.
Der zweite Film oder, genauer gesagt, dessen Erwähnung, stammte von Shi Chongming. Als ich von ihm hörte, vergaß ich jeden anderen Gedanken.
Es war mein zweites Jahr an der Uni. Eines schönen Morgens, als der Russell Square von Touristen und Narzissen überquoll, hockte ich in der Bibliothek an einem spärlich beleuchteten Tisch hinter den Regalen mit den Schriftenverzeichnissen über eine obskure akademische Zeitschrift gebeugt. Mein Herz hämmerte – endlich hatte ich einen Hinweis auf die Folter gefunden. Es war ein indirekter Hinweis, im Grunde sehr, sehr vage und ohne die entscheidende Einzelheit, doch ein Satz ließ mich von meinem Stuhl hochfahren: »Ende der Fünfzigerjahre gingen in Jiangsu Gerüchte über die Existenz eines 16-mm-Films von dieser Folter um. Im Gegensatz zu Magees Film ist dieser bis dato jedoch noch nicht außerhalb Chinas aufgetaucht.«
Ich zog die Leselampe näher heran, konnte einfach nicht fassen, was ich da las. Es war unglaublich, sich vorzustellen, dass es ein visuelles Dokument darüber gab. Sie konnten mich verrückt nennen, mich als unwissend beschimpfen, aber niemand konnte sagen, dass ich mir das alles nur ausgedacht hätte – nicht, wenn es da schwarz auf weiß zu lesen war.
»Der Film soll angeblich einem gewissen Shi Chongming gehört haben, einem jungen Forschungsassistenten der Jiangsu-Universität, der sich zur Zeit des großen Massakers von 1937 in Nanking aufgehalten hatte …«
Ich las den Absatz wieder und wieder. Mich überkam ein Gefühl, das ich nie zuvor empfunden hatte, ein Gefühl, das durch die jahrelange Ungläubigkeit des Klinikpersonals verkümmert war. Erst als der Student am Nachbarpult ungehalten seufzte, bemerkte ich, dass ich mit geballten Fäusten aufgesprungen war und vor mich hin murmelte. Die Haare an meinen Armen hatten sich aufgerichtet. Der Film ist bis dato noch nicht außerhalb Chinas aufgetaucht …
Warum habe ich jene Zeitschrift nicht gestohlen? Wenn ich meine Lektion aus der Klinik wirklich gelernt hätte, hätte ich die Zeitschrift unter meiner Strickjacke verschwinden lassen und wäre damit aus der Bibliothek spaziert. Dann hätte ich etwas in der Hand gehabt, um es Shi Chongming zu zeigen, einen Beweis, dass diese Dinge nicht meiner krankhaften Phantasie entsprungen waren. Dann hätte er es nicht abstreiten und mich von neuem in Zweifel hinsichtlich meiner geistigen Gesundheit stürzen können.

2
Gegenüber dem riesigen rot lackierten Akamon-Tor am Eingang der Todai-Universität gab es ein kleines Restaurant namens Bambi-Café. Als Shi Chongming mich aufforderte, sein Büro zu verlassen, sammelte ich gehorsam all meine Notizen ein, stopfte sie wieder in die Umhängetasche und verließ den Raum. Doch ich hatte nicht aufgegeben. Noch nicht. Ich ging in das Café und suchte mir einen Platz am Fenster, so dass ich das Tor im Auge behalten und jeden kommen und gehen sehen konnte.
Über mir ragten, so weit das Auge reichte, Tokios glitzernde Wolkenkratzer in den Himmel auf und reflektierten mit unzähligen Fenstern die Sonne. Ich saß zusammengekauert da und starrte zu diesem unglaublichen Panorama hinauf. Ich wusste eine Menge über diesen Phönix von einer Stadt, hatte darüber gelesen, wie Tokio aus der Asche des Krieges auferstanden war. Doch leibhaftig hier, erschien mir das alles unwirklich. Wo ist das Tokio aus der Kriegszeit?, fragte ich mich. Wo ist die Stadt, aus der jene Soldaten stammten? Ist das alles unter dem hier begraben? Es sah so ganz anders aus als die düsteren Bilder, die ich all die Jahre über im Kopf gehabt hatte, die Bilder von rußgeschwärzten Ruinen und zerbombten Straßen. Ich kam zu dem Schluss, dass ich den Stahl und Eisenbeton als eine Inkarnation Tokios betrachten würde, etwas, das die wirkliche Stadt, das wahre Herz Japans überlagerte.
Die Serviererin starrte mich an. Ich griff nach der Speisekarte und tat mit hochrotem Gesicht so, als würde ich sie studieren. Ich besaß fast kein Geld, weil ich einfach nicht so weit gedacht hatte. Mein Flugticket hatte ich mir als Packerin mit wund gearbeiteten Fingern in einer Gefriergemüsefabrik verdient. Als ich der Universität mitteilte, dass ich nach Tokio reisen und Shi Chongming ausfindig machen wollte, erklärte man mir, dass dies der letzte Tropfen wäre, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dass ich in London bleiben und die Seminare, bei denen ich durchgefallen war, wiederholen oder gleich ganz von der Uni abgehen könne. Anscheinend war ich »krankhaft besessen von gewissen Geschehnissen in Nanking«. Sie verwiesen auf die zu selten besuchten Vorlesungen, die Jura-Grundkurse, zu denen ich nicht einmal erschienen war, die vielen Gelegenheiten, bei denen ich im Hörsaal dabei ertappt worden war, wie ich Skizzen von Nanking statt solche über das wirtschaftliche Kräfteverhältnis in der Asien-Pazifik-Region machte. Es hatte keinen Sinn, sie um ein Forschungsstipendium für die Reise zu bitten, also verkaufte ich meine Habseligkeiten, einige CDs, einen Couchtisch und das alte schwarze Fahrrad, das mich jahrelang durch London getragen hatte. Nachdem das Flugticket gekauft war, blieb nicht mehr viel übrig – nur eine Hand voll Yen, die ich in eine der Seitentaschen meiner Umhängetasche stopfte.
Ich schaute immer wieder verstohlen zu der Serviererin, während ich mich fragte, wie lange ich eine Bestellung wohl noch hinauszögern könnte. Sie blickte inzwischen etwas verärgert drein, also wählte ich das Billigste auf der Speisekarte – einen mit feuchten Zuckerkörnern bestreuten Melonen-Kopenhagener. Fünfhundert Yen. Als das Gebäck gebracht wurde, zählte ich das Geld sorgfältig ab und legte es auf die kleine Untertasse, so wie es die anderen Kunden taten.
Außer einem Schurwollrock, zwei Blusen, zwei Strumpfhosen, einem Paar lederner Schnürschuhe, drei japanischen Sprachführern, sieben Fachbüchern über den Krieg im Pazifik und einem Wörterbuch und drei Pinseln befanden sich auch noch acht Packungen Butterkekse in meiner Umhängetasche. Vielleicht würde es niemand bemerken, wenn ich jetzt ein paar davon herausholte. Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon, wie es weitergehen würde, wenn ich Shi Chongmings Film in Händen hielt. Da hätten wir’s mal wieder, Grey, dachte ich. Was haben dir die Ärzte immer gesagt? Du musst Wege finden vorauszudenken – es gibt Regeln in der Gesellschaft, die zu beachten sind.
 
Grey.
Das ist selbstverständlich nicht mein richtiger Name. Selbst meine Eltern, von der Welt abgeschieden in ihrem verfallenden Cottage, zu dem keine Straßen führten und an dem keine Autos vorbeikamen, selbst sie waren nicht so verschroben. Nein. Dieser Name wurde mir in der Klinik verpasst.
Ich habe ihn von dem Mädchen im Nachbarbett erhalten, einem blassen Wesen mit einem Ring im Nasenflügel und verfilztem Haar, das sie den ganzen Tag lang kratzte: »Soll’n Dreadlocks werden, wenn’s fertig ist, ich steh nämlich total auf Dreadlocks.« Sie hatte Krätze um den Mund, vom Klebstoffschnüffeln, und einmal bog sie einen Drahtbügel auseinander, schloss sich in der Toilette ein und schob das spitze Ende unter ihrer Haut vom Handgelenk bis ganz hinauf zur Achselhöhle. (Die Klinik brachte Leute wie uns gern zusammen unter, was ich nie verstehen werde. Wir waren die »Selbstverletzungsstation«.) Das Mädchen mit den Dreadlocks trug immer ein selbstsicheres Grinsen zur Schau, und ich hätte nie im Leben gedacht, dass sie ausgerechnet mit mir reden würde. Dann standen wir eines schönen Tages fürs Frühstück an, und sie bemerkte, dass ich hinter ihr in der Schlange wartete. Sie drehte sich um, sah mich an und stieß ein kurzes Lachen aus, als sie mich erkannte. »Oh, ich hab’s. Jetzt hab ich endlich geschnallt, wie du aussiehst.«
Ich blinzelte verwirrt. »Was?«
»Wie ein Grey. Du erinnerst mich an einen Grey.«
»Einen was?«
»Ja. Als du hier eingewiesen worden bist, da warst du noch lebendig. Aber«, sie grinste und deutete mit dem Finger auf mein Gesicht, »jetzt bist du es nicht mehr, stimmt’s? Du bist ein Geist, Grey, wie wir alle.«
Ein »Grey«. Am Ende musste sie eine Zeichnung von einem »Grey« heraussuchen, um zu erklären, was sie meinte: Es war ein außerirdisches Ding mit einem großen Kopf, ausdruckslosen, insektengleichen Augen hoch auf der Stirn und seltsam ausgeblichener Haut. Ich erinnere mich daran, wie ich auf meinem Bett saß, auf die Zeitschrift starrte, während meine Hände immer kälter wurden und mein Blut im Kriechtempo durch meine Adern floss. Ich war ein »Grey«. Dürr und weiß und ein bisschen durchscheinend. Es war nichts Lebendiges in mir übrig. Ich war ein Geist.
Ich wusste, warum. Es lag daran, dass ich keine Ahnung hatte, was ich glauben sollte. Meine Eltern weigerten sich, mich zu unterstützen, und da waren die anderen Dinge, die die Ärzte zu der Überzeugung brachten, dass ich verrückt sei – die ganze Sache mit dem Sex, nur so zum Beispiel. Und dann gab es meine seltsame Unwissenheit, was die Welt anging.
Die meisten vom Klinikpersonal hielten meine Geschichte insgeheim für haarsträubend: aufgewachsen mit Büchern, aber ohne Radio oder Fernsehen. Sie lachten, wenn ich erschreckt zusammenfuhr, sobald ein Staubsauger eingeschaltet wurde oder auf der Straße ein Bus vorbeirumpelte. Ich wusste nicht, wie man einen Walkman oder eine Fernbedienung benutzte, und manchmal ertappten sie mich gestrandet an den merkwürdigsten Orten, wo ich verwirrt blinzelnd herumstand und mich nicht erinnern konnte, wie ich dorthin gelangt war. Sie glaubten mir nicht, dass es daran lag, dass ich in völliger Isolation aufgewachsen war, abgeschnitten von der realen Welt. Stattdessen entschieden sie, dass dies alles Teil meines Wahnsinns wäre.
»Ich vermute, du denkst, Unwissenheit wäre eine Entschuldigung für alles.« Für die Schwester, die mitten in der Nacht kam und mir ihre Ansichten ins Ohr zischte, war meine Unwissenheit die größte aller meiner Sünden. »Aber es ist keine Entschuldigung, verstehst du, es entschuldigt gar nichts. Nein. Für mich ist Unwissenheit dasselbe wie pure Verderbtheit. Und was du getan hast, war genau das – durch und durch verderbt und schlecht.«
 
Als die Serviererin wieder gegangen war, öffnete ich den Reißverschluss meiner Umhängetasche und holte mein japanisches Wörterbuch heraus. Es gibt im Japanischen drei Alphabete. Zwei sind phonetisch und mühelos zu verstehen. Aber es gibt ein drittes, das sich vor Jahrhunderten aus den bildlichen Darstellungen, die in China benutzt wurden, entwickelt hatte; und das ist bei weitem komplexer und unvergleichlich schöner. Kanji, heißt es. Ich studiere es seit Jahren, aber manchmal, wenn ich Kanji sehe, verdeutlichen die Schriftzeichen mir die Belanglosigkeit meines Lebens. Wenn man sich überlegt, wie viel Geschichte und wie viele Geheimnisse in einem einzigen Schriftzeichen enthalten sind, das kleiner als eine Ameise ist, wie kann man sich da nicht überflüssig vorkommen? Kanji besaß für mich eine bestechende Logik. Ich verstand, warum das Symbol für »Ohr«, wenn es dicht an das Symbol für »Tor« gerückt war, »lauschen« bedeutete. Ich verstand, warum drei eng zusammengedrängte Frauen »lärmend« bedeuteten und warum sich, wenn man plätschernde Linien links von jeglichem Schriftzeichen anfügte, die Bedeutung dahingehend veränderte, dass sie Wasser beinhaltete. Ein Feld mit einem angefügten Wassersymbol bedeutete »Meer«.
Das Wörterbuch, mein ständiger Begleiter, war klein und vertraut, gebunden in etwas, das Kalbsleder sein mochte, und es passte wie angegossen in meine Hand. Das Mädchen mit den Dreadlocks hatte es nach dem Verlassen der Klinik aus einer Bibliothek gestohlen und mir per Post als Geschenk geschickt, als es sich unter den Patienten herumsprach, dass ich endlich entlassen werden sollte. Sie hatte eine Karte zwischen den Seiten versteckt, auf der stand: »Ich glaube dir. Zeig’s diesen Arschlöchern. GEH und BEWEIS es, Schwester.« Selbst nach all diesen Jahren überkam mich bei dem Gedanken an diese Karte noch immer ein wohliges Gefühl.
Ich schlug das Wörterbuch auf der ersten Seite auf, der Seite mit dem Bibliotheksstempel. Die Schriftzeichen für den chinesischen Namen Shi Chongming bedeuteten etwas in der Richtung von »Der, der sowohl Geschichte als auch Zukunft klar sieht«. Ich angelte einen roten Filzstift aus meiner Tasche und begann, die Kanji zu zeichnen, verflocht sie miteinander, stellte sie auf den Kopf, kippte sie auf die Seite, bis die ganze Seite rot war. Dann schrieb ich in ganz winzigen Lettern Shi Chongmings Namen auf Englisch in die Lücken. Als es wirklich keinen Platz mehr gab, blätterte ich zur letzten Seite und skizzierte einen Plan des Campus, schmückte ihn aus meiner Erinnerung mit Hecken und Bäumen aus. Der Campus war wunderschön. Ich hatte ihn nur kurz erblickt, doch ich empfand ihn wie ein Märchenland inmitten der Stadt: schattige Ginkgobäume, die dicht gedrängt weiße Kieswege säumten, reich verzierte Dächer und die leisen Geräusche eines dunklen Sees im Wald. Ich zeichnete die Kyudo-Halle, dann fügte ich aus meiner Phantasie einige Steinlaternen hinzu. Schließlich malte ich oberhalb von Shi Chongmings Büro sorgfältig ein Bild von mir, wie ich vor ihm stand. Wir reichten einander die Hand. In seiner anderen Hand hielt er einen Film in einer Dose, um ihn mir zu übergeben. Nach neun Jahren, sieben Monaten und achtzehn Tagen würde ich endlich die Antwort erhalten.
 
Um achtzehn Uhr dreißig brannte die Sonne noch immer heiß vom Himmel, doch die mächtigen Eichentüren des Instituts für Sozialwissenschaften waren verriegelt, und als ich mein Ohr an sie presste, hörte ich von drinnen keinen Laut. Ich wandte mich ab, schaute mich um und fragte mich, was ich nun tun sollte. Ich hatte sechs Stunden im Bambi-Café auf Shi Chongming gewartet, und obgleich niemand mich dazu aufforderte, hatte ich mich doch verpflichtet gefühlt, wieder und wieder, insgesamt viermal, geeisten Kaffee zu bestellen. Und noch vier weitere Melonen-Kopenhagener, bei denen ich meinen Finger anleckte und die verstreuten Zuckerkörner vom Teller aufsammelte. Zwischendurch streckte ich unauffällig meine Hand unter den Tisch und kramte verstohlen in meiner Tasche nach einem Butterkeks. Ich brach Stückchen davon ab und hob meine Hand ganz lässig an den Mund, so als würde ich gähnen. Die Hand voll Yen-Scheine schwand zusehends. Jetzt erkannte ich, dass es reine Zeitverschwendung gewesen war. Shi Chongming musste längst das Gebäude durch einen anderen Ausgang verlassen haben. Vielleicht hatte er damit gerechnet, dass ich auf ihn warten würde.
Ich trat hinaus auf die Straße und zog inmitten der Menschenmenge mehrere gefaltete Seiten aus meiner Tasche. Eins der letzten Dinge, die ich in London getan hatte, war, einen Stadtplan von Tokio zu kopieren – ein Plan in einem sehr großen Maßstab, der aus mehreren Seiten bestand. Mein Blick schweifte nach rechts und links die Hauptstraße entlang. Sie mutete wie eine Schlucht an, da die Gebäude so dicht gedrängt und hoch waren. Geschäftigkeit und Lärm umgaben mich. Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte alles aufgegeben, um hierher zu kommen und Shi Chongming zu treffen.
Nachdem ich den Plan zehn Minuten lang studiert hatte und noch immer nicht wusste, wie es weitergehen sollte, stopfte ich ihn wieder in die Tasche, schloss die Augen und drehte mich auf der Stelle im Kreis, während ich laut zählte. Als ich bei fünfundzwanzig angelangt war, öffnete ich die Augen und schlug, ohne mich um die unfreundlichen Blicke der anderen Fußgänger zu kümmern, die Richtung ein, in die ich schaute.

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