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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
 
Copyright

Buch
Die Geschichte ist wie maßgeschneidert für die Boulevardpresse in Los Angeles: Die beiden Schauspielschüler Dylan Meserve und Michaela Brand, auf der Bühne wie privat ein Paar, verschwinden spurlos. Drei Tage später werden sie in den Bergen von Malibu gefunden. Ihr Zustand ist besorgniserregend; offensichtlich wurden sie von einem sadistischen Entführer gefoltert. Aber die forensischen Untersuchungen belegen, dass die Entführung nur inszeniert wurde: eine perverse Reality-Show, mit deren Hilfe die beiden ihre Schauspielkarriere ankurbeln wollten. Das Gericht ordnet psychologische Betreuung an; um Michaela kümmert sich der Psychologe Dr. Alex Delaware, der den Eindruck hat, dass Michaela ihm nicht alles erzählt. Trotzdem wird der Fall geschlossen – nur um kurz darauf wieder eröffnet zu werden. Dann nämlich, als man Michaelas übel zugerichtete Leiche findet. Die Tat ist besonders abartig, denn Michaela wurde nun tatsächlich genau so misshandelt, wie sie es kurz zuvor bei der inszenierten Entführung geschildert hatte …

Autor
Jonathan Kellerman ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Thrillerautoren. Seine Bücher sind berühmt für psychologisch einfühlsam entwickelte Figuren und eine raffinierte Handlung, die Hochspannung garantieren. Dafür ist der Ehemann von Krimi-Königin Faye Kellerman unter anderem mit dem »Edgar Award« ausgezeichnet worden, Amerikas bedeutendstem Krimi-Preis.

Von Jonathan Kellerman außerdem bei Goldmann lieferbar:
 
Die Romane mit Dr. Alex Delaware und Detective Milo Sturgis:
Jamey. Das Kind, das zuviel wußte (46052) · Exit (46245) · Böse Liebe (46275) · Satans Bruder (45460) · Wölfe und Schafe (46277) · Monster (44818) · Gnadentod (45087) · Das Buch der Toten (45817) · Fleisch und Blut (45370) · Blutnacht (45727) · Im Sog der Angst (46047) · Bluttat (46215)
 
Weitere Romane:
Die Tote im Griffith Park (45123) · Der Pathologe (45810) · Todesrausch (46148) · Faye und Jonathan Kellerman: Denn dein ist die Macht/Nackte Gewalt. Zwei Romane in einem Band (45969)

Für Linda Marrow
 
 
Mit besonderem Dank
an Captain David Campbell (i. R.)
vom Los Angeles Coroner’s Office

1
Sie hätte beinahe einen Unschuldigen umgebracht.
 
Creighton »Charley« Bondurant fuhr vorsichtig, weil sein Leben davon abhing. Der Latigo Cañon war eine nicht enden wollende Abfolge von Haarnadelkurven, bei denen man sich den Hals verdrehen musste. Charley hatte nichts dafür übrig, wenn die Regierung sich in seine Belange einmischte, aber die Geschwindigkeitsbeschränkung von 15 Meilen war völlig in Ordnung.
Er lebte zehn Meilen oberhalb der Kanan Dume Road auf einem anderthalb Hektar großen Stück Land, einem Überbleibsel der Ranch, die zu Coolidges Zeiten seinem Großvater gehört hatte. Die ganzen Araber und Quarter Horses aus Tennessee und die Maulesel hatte Grandpa sich gehalten, weil ihm das Feuer der Tiere gefiel. Charley war mit Familien wie seiner aufgewachsen. Einfache Rancher, ein paar reiche Leute, die auch noch okay waren, wenn sie am Wochenende zum Reiten hochkamen. Jetzt gab es nur noch Reiche, die so taten als ob.
Charley, der an Diabetes und Rheuma und Depressionen litt, wohnte in einer Hütte mit zwei Zimmern und einem Blick auf eichenbedeckte Hügelkämme und den Ozean dahinter. Achtundsechzig, Junggeselle. In Nächten, wenn die Medikamente sich mit dem Bier vermischten und seine Stimmung sank, beschimpfte er sich als jämmerliche Figur.
An glücklicheren Tagen gab er vor, ein alter Cowboy zu sein.
Heute Morgen befand er sich irgendwo zwischen diesen Extremen. Seine Fußballen taten furchtbar weh. Im letzten Winter waren zwei Pferde gestorben, und er hatte nur noch drei magere weiße Stuten und einen halb blinden Schäferhund. Die Rechnungen für Futter und Heu verschlangen den größten Teil seiner Sozialhilfe. Aber die Nächte waren für Oktober warm gewesen, er hatte keine schlimmen Träume gehabt, und seine Knochen fühlten sich ganz gut an.
Das Heu war der Grund dafür gewesen, dass er heute Morgen um sieben aufgestanden war, sich aus dem Bett gerollt, ein paar Schlucke Kaffee getrunken und auf einem süßen Brötchen rumgekaut hatte, sein Blutzucker konnte ihn mal. Eine kleine Auszeit, um das innere Leitungssystem zum Laufen zu bringen, und um acht war er angezogen und ließ den Pick-up an.
Im Leerlauf rollte er den unbefestigten Weg bis zum Latigo hinunter, sah zweimal in beide Richtungen, rieb sich den Schlaf aus den Augen, legte den ersten Gang ein und fuhr bergab. Bis zur Topanga Feed Bin war es eine Fahrt von zwanzig Minuten nach Süden, und er überlegte sich, auf dem Weg am Malibu Stop & Shop anzuhalten und sich ein paar Sechserpacks, eine Dose Skoal und Pringles zu kaufen.
Ein schöner Morgen, ein toller blauer Himmel mit ganz wenigen Wolken aus dem Osten, und vom Pazifik kam ein frischer Wind. Er schaltete seinen Kassettenrekorder ein, hörte Ray Price zu und fuhr so langsam, dass er jederzeit anhalten könnte, falls ein Stück Rotwild auftauchte. Vor Einbruch der Dunkelheit ließen sich nicht allzu viele der lästigen Biester blicken, aber in den Bergen konnte man nie wissen, was plötzlich vor einem auftauchte.
Das nackte Mädchen sprang viel schneller vor ihm aus den Büschen als jedes Stück Rotwild.
In ihren Augen stand nichts als Schrecken, und ihr Mund war so weit aufgerissen, dass Charley geschworen hätte, er könnte ihre Mandeln sehen.
Sie rannte mit wehenden Haaren über die Straße direkt auf seinen Pick-up zu und schwenkte die Arme.
Charley trat hart aufs Bremspedal und spürte, wie der Pick-up einen Satz machte, schwankte und ins Schwimmen geriet. Dann unvermittelt das Ausbrechen nach links, direkt auf das ramponierte Schutzgeländer zu, das ihn von einem dreihundert Meter tiefen Nichts trennte.
Der Wagen sauste auf den blauen Himmel zu.
Charley trat weiter auf die Bremse. Flog weiter in dieselbe Richtung. Sprach seine Gebete und öffnete die Fahrertür und bereitete sich darauf vor hinauszuspringen.
Sein verdammtes Hemd verhedderte sich am Türgriff. Er sah die Ewigkeit direkt vor sich. Was für eine blöde Art, sich zu verabschieden!
Während seine Hände am Stoff des Hemds rissen und seine Lippen gleichzeitig Flüche und Dankgebete formulierten, wurde Charleys verkrümmter Körper steif, seine Beine verwandelten sich in Eisenstangen, und sein schmerzender Fuß presste das blöde Bremspedal gegen das verdammte Bodenblech.
Der Pick-up behielt seine Richtung bei, schleuderte mit den Hinterrädern von links nach rechts, rutschte, verspritzte Schotter.
Erzitterte. Rollte. Stieß gegen das Geländer.
Charley konnte das Metall knirschen hören.
Der Pick-up blieb stehen.
Charley machte sein Hemd los und stieg aus. Seine Brust war ihm zu eng, und er bekam keine Luft in seine Lunge. Wäre das nicht die Krönung des Ganzen: dass er nur deshalb vom Sturz in den Abgrund verschont geblieben war, um einem Herzinfarkt zum Opfer zu fallen.
Er keuchte und schluckte Luft, spürte, wie sein Gesichtsfeld schwarz wurde, und stützte sich gegen den Pick-up. Die Karosserie knarrte, und Charley sprang zurück und hatte wieder das Gefühl zu fallen.
Ein Schrei zerschnitt den Morgen. Charley öffnete die Augen, richtete sich auf und sah das Mädchen. Rote Stellen an den Handgelenken und den Knöcheln. Blaue Flecken am Hals.
Ein schöner junger Körper, ihre wohlgeformten Brüste hüpften auf und ab, während sie auf ihn zulief – es war eine Sünde, solche Gedanken zu haben, sie war zu Tode erschrocken, aber was konnte einem bei solchen Titten denn noch auffallen?
Sie lief mit weit geöffneten Armen weiter auf Charley zu, als ob sie wollte, dass er sie festhielt.
Aber sie schrie und hatte diesen irren Blick in den Augen, so dass er nicht genau wusste, was er tun sollte.
Das erste Mal seit langem, dass er einer nackten Frau so nahe gekommen war.
Er vergaß die Titten, an der Situation war nichts sexy. Sie war ein Mädchen, jung genug, um seine Tochter zu sein. Seine Enkelin.
Diese Flecken an ihren Handgelenken und Knöcheln, an ihrem Hals.
Sie schrie erneut.
»Ogottogottogott.«
Jetzt stand sie direkt vor ihm, blonde Haare peitschten ihm ins Gesicht. Er konnte ihre Angst riechen. Die Gänsehaut auf ihren hübschen, braun gebrannten Schultern sehen.
»Hilfe!«
Das arme Kind zitterte.
Charley nahm sie in die Arme.

2
L.A. ist der Ort, wo man landet, wenn man nirgendwo anders mehr hinkann.
Vor langer Zeit war ich von Missouri nach Westen gefahren, ein Sechzehnjähriger mit einem Highschool-Abschluss und einem Teilstipendium für die Uni in der Tasche und einem Kopf voller Verzweif lung.
Der einzige Sohn eines Vaters, der ein launischer Alkoholiker war, und einer Mutter, die unter chronischer Depression litt. Auf dem flachen Land hielt mich nichts.
Während ich wie ein Kind armer Leute von studienbegleitenden Praktika und gelegentlichen Gigs als Gitarrist in Bands lebte, die auf Hochzeiten spielten, beendete ich schließlich mein Studium. Verdiente etwas Geld als Psychologe und sehr viel mehr durch glückliche Kapitalanlagen. Konnte mir das HAUS IN DEN HÜGELN leisten.
Das mit den Frauen war eine andere Geschichte, aber das wäre ohnehin so gewesen, egal, wo ich wohnte.
Damals, als ich noch Kinder behandelte, hatte ich routinemäßig die Anamnese der Eltern aufgenommen und erfahren, wie Familienleben in L.A. aussehen konnte. Leute, die jedes oder jedes zweite Jahr ihre Sachen packten und umzogen, die Kapitulation vor dem Impuls, der Tod des häuslichen Rituals.
Viele der Patienten, die zu mir kamen, wohnten in von der Sonne ausgedörrten Wohnsiedlungen ohne andere Kinder in der Nähe und verbrachten jeden Tag Stunden damit, mit dem Bus in beigefarbene Korrale, die behaupteten, Schulen zu sein, und von dort wieder nach Hause gekarrt zu werden. Lange, elektronische Nächte wurden von Kathoden ausgebleicht und von der gerade angesagten wütenden Musik plattgehämmert. Von Schlafzimmerfenstern hatte man die Aussicht auf verschwommene Meilen und Abermeilen einer Nachbarschaft, die nicht wirklich als solche bezeichnet werden konnte.
In L.A. hatte man jede Menge imaginäre Freunde. Das war vermutlich nicht zu vermeiden. Es ist schließlich eine Firmenstadt, und das Produkt heißt Phantasie.
Die Stadt tötet Gras mit roten Teppichen, verehrt Ruhm um seiner selbst willen, reißt mit Begeisterung historische Gebäude ab, weil das Spiel mit den hohen Einsätzen Gib Dir ein Neues Image heißt. Wenn man vor seinem Lieblingsrestaurant auftaucht, findet man wahrscheinlich ein Schild vor, das eine Pleite hinaustrompetet, und Fenster, die mit braunem Papier zugeklebt sind. Wenn man einen Freund anruft: Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Keine Nachsendeadresse. Könnte zum städtischen Motto erhoben werden.
In L.A. musst du ziemlich lange verschwunden sein, bevor irgendjemand es für ein Problem hält.
 
 
Als Michaela Brand und Dylan Meserve verschwanden, schien niemand es zu bemerken.
Michaelas Mutter war eine ehemalige Kassiererin in einem Truckerlokal, die mit einem Sauerstoffbehälter in Phoenix lebte. Ihr Vater war nicht bekannt, vermutlich einer der Truck-Fahrer, die Maureen Brand im Lauf der Jahre bedient hatte. Michaela hatte Arizona verlassen, um der drückenden Hitze und den grauen Sträuchern zu entkommen, der Luft, die sich nie zu bewegen schien, und den Menschen, denen DER TRAUM nichts bedeutete.
Sie besuchte ihre Mutter selten. Das Zischen von Maureens Behälter, Maureens schlaffer Körper, ihr abgehacktes Husten und ihr emphysematischer Blick machten sie wahnsinnig. In Michaelas L.A.-Kopf war für nichts davon Platz.
Dylan Meserves Mutter war vor langer Zeit an einer nicht erkannten degenerativen neuromuskulären Krankheit gestorben. Sein Vater war ein Altsaxophonspieler aus Brooklyn, der von vornherein keinen Teppichkrabbler hatte haben wollen und vor fünf Jahren an einer Überdosis gestorben war.
Michaela und Dylan waren hinreißend, jung und schlank und aus dem naheliegenden Grund nach L.A. gekommen.
Tagsüber verkaufte er Schuhe in einem Foot Locker in Brentwood. Sie kellnerte mittags in einer Pseudotrattoria am Ostende von Beverly Hills.
Sie hatten sich im PlayHouse kennen gelernt, wo sie an einem Seminar zum Inneren Drama von Nora Dowd teilnahmen.
Zum letzten Mal hatte sie jemand an einem Montagabend kurz nach zehn gesehen, als sie zusammen den Schauspiel-Workshop verließen. Sie hatten sich an einer Szene aus Simpatico die Zähne ausgebissen. Keiner von beiden hatte wirklich das gebracht, worum es Sam Shepard ging, aber das Stück hatte viele pikante Stellen, die ganze Schreierei. Nora Dowd hatte sie gedrängt, sich in die Szene einzubringen, die Pferdescheiße zu riechen, sich dem Schmerz und der Hoffnungslosigkeit rückhaltlos zu öffnen.
Beide hatten sie das Gefühl, sie hätten es geschafft. Dylans Vinnie war vollkommen wild und verrückt und gefährlich gewesen, und Michaelas Rosie war eine geheimnisvolle Frau mit Klasse.
Nora Dowd schien die Darstellung okay gefunden zu haben, besonders Dylans Beitrag.
Das ärgerte Michaela ein bisschen, aber sie war nicht überrascht.
Während sie zusah, wie Nora wieder einen dieser Vorträge über die rechte und die linke Gehirnhälfte abließ. Mehr mit sich selbst sprach als zu irgendjemandem sonst.
Der vordere Raum des PlayHouse war wie ein Theater eingerichtet, mit einer Bühne und Klappstühlen. Benutzt wurde er nur für Seminare.
Viele Seminare, an Studenten herrschte kein Mangel. Eine von Noras Ehemaligen, eine frühere Stripteasetänzerin namens April Lange, hatte eine Rolle in einer Sitcom bei Warner Brothers bekommen. Im Entree hatte ein Foto von April mit ihrer Unterschrift gehangen, bis jemand es abnahm. Blond, glänzende Augen, leicht raubtierhaft. Michaela hatte gedacht: Warum die?
Andererseits war es vielleicht ein gutes Zeichen. Wenn April es schaffen konnte, konnte es jeder schaffen.
Dylan und Michaela wohnten in Ein-Zimmer-Studiowohnungen, er in der Overland in Culver City, sie in der Holt Avenue südlich des Pico. Beide Apartments waren winzige, dunkle Einheiten im Erdgeschoss, im Grunde Drecklöcher. Das war eben L.A., wo die Mieten astronomisch waren und man mit Aushilfsjobs kaum über die Runden kam und es manchmal schwer war, keine Depressionen zu bekommen.
Nachdem sie zwei Tage in Folge nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen waren, wurden sie von ihren jeweiligen Arbeitgebern gefeuert.
Und das war’s.

3
Ich erfuhr davon wie die meisten anderen auch: die dritte Geschichte in den Nachrichten, direkt hinter dem Prozess eines Hip-Hop-Stars, der wegen Körperverletzung angeklagt war, und einer Überschwemmung in Indonesien.
Ich aß allein zu Abend und hörte der Sendung mit halbem Ohr zu. Diese Nachricht erregte meine Aufmerksamkeit, weil ich dazu neige, lokale Kriminalgeschichten zur Kenntnis zu nehmen.
Ein Pärchen, das man mit vorgehaltener Schusswaffe entführt und nackt und dehydriert in den Hügeln von Malibu entdeckt hatte. Ich spielte mit der Fernbedienung, aber kein anderer Sender fügte weitere Einzelheiten hinzu.
Am nächsten Morgen brachte die Times ein bisschen mehr: Zwei befreundete Schauspielschüler hatten einen Abendkurs in West L.A. verlassen und waren im Auto der jungen Frau zu ihrer Wohnung im Stadtteil Pico-Robertson gefahren. An der roten Ampel Ecke Sherbourne und Pico waren sie einem maskierten Carjacker zum Opfer gefallen, der sie beide in den Kofferraum gesteckt hatte und mehr als eine Stunde mit ihnen herumgefahren war.
Als der Wagen anhielt und der Kofferraum geöffnet wurde, hatte sich das Paar in pechschwarzer Finsternis wiedergefunden, irgendwo »draußen auf dem Land«. Die Stelle war später als »Latigo Cañon in den Hügeln von Malibu« identifiziert worden.
Der Carjacker zwang sie, einen steilen Abhang zu einem dicht mit Bäumen bestandenen Bereich hinunterzustolpern, wo die junge Frau mit vorgehaltener Waffe genötigt wurde, den jungen Mann zu fesseln, und anschließend selbst gefesselt wurde. Ein Sexualdelikt wurde angedeutet, aber nicht näher ausgeführt. Der Täter wurde als »weiß, von mittlerer Größe, stämmig, zwischen dreißig und vierzig, mit einem Südstaaten-Akzent« beschrieben.
Malibu war County-Gebiet und fiel in die Zuständigkeit des Sheriffs. Das Verbrechen hatte in fünfzig Meilen Entfernung vom Präsidium des LASD stattgefunden, aber Ermittlungen zu Gewalttaten wurden von Detectives durchgeführt, die Erfahrung mit der Aufklärung dieser Art von Verbrechen hatten, und jeder, der Informationen dazu beisteuern konnte, wurde gebeten, in Downtown anzurufen.
Als Robin und ich vor einigen Jahren das Haus in den Hügeln wiederaufbauten, hatten wir ein Haus am Strand im Westen Malibus gemietet. Wir hatten beide die gewundenen Cañons und die stillen Schluchten auf der dem Meer abgewandten Seite des Pacific Coast Highway erforscht und waren über die mit Eichen bestandenen Hügelkämme gewandert, die über dem Ozean aufragten.
Als ich »Latigo Cañon« las, musste ich an kurvenreiche Straßen und Schlangen und Falken mit roten Schwanzfedern denken. Obwohl es eine Weile dauerte, bis man die Zivilisation hinter sich gelassen hatte, war die Belohnung die Anstrengung wert gewesen: eine wundervolle, warme Leere.
Wenn ich neugierig genug gewesen wäre, hätte ich Milo anrufen können und auf diese Weise vielleicht mehr über die Entführung erfahren. Ich war mit drei Sorgerechtsfällen beschäftigt; bei zwei von ihnen hatte ich mit Eltern aus dem Filmbusiness zu tun, bei dem dritten spielte ein Paar erschreckend ehrgeiziger Schönheitschirurgen die Hauptrolle, deren Ehe in die Brüche gegangen war, als ihr Infomercial für eine Gesichtshautstraffung gef loppt war. Irgendwie hatten sie die Zeit gefunden, eine mittlerweile acht Jahre alte Tochter zu produzieren, die sie jetzt offenbar unbedingt emotional zugrunderichten wollten.
Ein stilles, pummeliges Mädchen, das leicht stotterte. In letzter Zeit hatte sie in langen Pausen Zuf lucht gesucht, in denen sie gar nichts sagte.
Untersuchungen für Sorgerechtsfälle sind die hässlichste Seite der Kinderpsychologie, und von Zeit zu Zeit denke ich daran aufzuhören. Ich habe mich nie hingesetzt und meine Erfolgsquote ausgerechnet, aber die Fälle, bei denen es sich gelohnt hat, motivieren mich weiterzumachen, wie die periodisch auftretenden Gewinne bei einem Spielautomaten.
Ich legte die Zeitung beiseite und war froh, dass der Fall das Problem von jemand anderem war. Aber während ich duschte und mich anzog, erschien immer wieder der Tatort vor meinem inneren Auge. Herrliche goldene Hügel, das Meer eine atemberaubende blaue Weite.
Ich bin an einem Punkt angelangt, wo es für mich schwer geworden ist, Schönheit zu sehen, ohne an die Alternative zu denken.
Ich vermutete, dass dieser Fall nicht leicht aufzuklären sein würde, die Hoffnung hauptsächlich darin bestand, dass der Täter Mist gebaut und irgendein Häppchen für die Spurensicherung zurückgelassen hatte: eine einzigartige Reifenspur, eine seltene Faser oder ein biologisches Überbleibsel. Lange nicht so wahrscheinlich, wie man als Zuschauer der entsprechenden Fernsehserien annehmen würde. Der häufigste Abdruck, den man an Tatorten findet, stammt von der Handfläche, und die Polizeidienststellen haben gerade erst damit begonnen, Handf lächenabdrücke zu katalogisieren. Die DNS kann Wunder vollbringen, aber der Rückstau ist ungeheuer, und die Datenbänke sind alles andere als umfassend.
Abgesehen davon werden Kriminelle allmählich schlauer und benutzen Kondome, und dieser Kriminelle hier klang wie jemand, der sorgfältig plante.
Cops sehen dieselben Serien wie alle anderen auch, und manchmal lernen sie etwas dazu. Aber Milo und andere Polizisten in seiner Position haben einen Spruch dazu auf Lager: Nicht die Leute von der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin klären Verbrechen auf, sondern Detectives.
Milo wäre froh, dass er nicht für diesen Fall zuständig war.
Dann war er es auf einmal doch.
 
 
Als aus der Entführung etwas anderes wurde, begannen die Medien Namen zu benutzen.
Michaela Brand, 23. Dylan Meserve, 24.
Verbrecherfotos schmeicheln niemandem, aber sogar mit Zahlen um ihren Hals und der Intelligenz gefangener Tiere in den Augen waren die beiden Futter für die Boulevardpresse.
Sie hatten die Episode für eine Reality-Show abgezogen, die sich als Knaller erwies, aber anders als erwartet.
 
 
Die Sache flog auf, als ein Angestellter im Krentz Hardware in West Hollywood die Entführungsgeschichte in der Times las und sich an ein junges Pärchen erinnerte, das drei Tage vor dem angeblichen Carjacking eine Rolle gelbes Nylonseil gekauft und bar bezahlt hatte.
Ein Überwachungsvideo bestätigte die Identifikation, und die Analyse des Seils ergab eine perfekte Übereinstimmung mit Abschnitten, die am Tatort gefunden worden waren, und mit den Malen an Michaelas und Dylans Knöcheln und Hals.
Ermittler des Sheriffs folgten der Spur und machten einen Wilderness Outfitters in Santa Monica ausfindig, wo das Pärchen eine Taschenlampe, Wasser sowie Trockenfrüchte und Dörrgemüse für Wanderer eingekauft hatte. Ein 7-Eleven in der Nähe von Century City bestätigte, dass Michaela Brands fast ausgereizte Kundenkarte eine Stunde vor dem angeblichen Entführungszeitpunkt benutzt worden war, um ein Dutzend Snickers-Riegel, zwei Tüten Beef Jerky und einen Sechserpack Miller Lite zu kaufen. Verpackungen und leere Dosen, die eine halbe Meile höher am Hang von der Stelle aus gefunden wurden, wo das Pärchen seine Gefangenschaft inszeniert hatte, lieferten weitere Mosaiksteinchen für das Gesamtbild.
Der entscheidende Schlag war der Bericht eines Arztes in der Notaufnahme des Saint John’s Hospital: Meserve und Brand behaupteten, zwei Tage keine Nahrung zu sich genommen zu haben, aber ihre Elektrolytwerte waren normal. Außerdem wies keines der beiden Opfer Anzeichen einer ernsten Verletzung auf, wenn man von Abschürfungen durch das Seil und einer »leichten« Schwellung von Michaelas Vagina absah, die sie sich durchaus »selbst beigebracht« haben konnte.
Als sie mit dem Beweismaterial konfrontiert wurden, brachen die beiden zusammen, gaben zu, dass es sich um blinden Alarm gehandelt hatte, und wurden wegen Behinderung von Ermittlungsbehörden und Vortäuschung einer Straftat angeklagt. Beide erklärten, sich keinen Anwalt leisten zu können, und bekamen einen Pflichtverteidiger zugewiesen.
Michaelas Pflichtverteidiger war ein Mann namens Lauritz Montez. Wir waren uns vor fast einem Jahrzehnt bei einem besonders widerwärtigen Fall über den Weg gelaufen: der Ermordung eines zweijährigen Mädchens durch zwei vorpubertäre Jungen, von denen einer Montez’ Mandant gewesen war. Im vergangenen Jahr war uns diese hässliche Geschichte wieder in Erinnerung gerufen worden, als einer der Mörder, inzwischen ein junger Mann, mich wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis angerufen hatte und einige Stunden später tot aufgefunden worden war.
Lauritz Montez hatte mich von Anfang an nicht leiden können, und mein Herumwühlen in der Vergangenheit hatte unser Verhältnis nicht verbessert. Deshalb war ich verblüfft, als er mich anrief und bat, Michaela Brand zu untersuchen.
»Warum sollte ich das nicht ernst meinen, Dr. Delaware?«
»Wir sind nicht gerade toll miteinander ausgekommen.«
»Ich lade Sie nicht ein, mit mir einen draufzumachen«, sagte er. »Sie sind ein kluger Seelenklempner, und ich möchte, dass sie ein fundiertes Gutachten bekommt.«
»Sie ist wegen kleinerer Vergehen angeklagt«, sagte ich.
»Ja, aber der Sheriff ist stinksauer und bedrängt den Staatsanwalt, eine Gefängnisstrafe zu fordern. Wir reden von einer verstörten jungen Frau, die etwas Dummes gemacht hat. Sie kommt sich ohnehin ziemlich blöd vor.«
»Soll ich Ihrer Meinung nach sagen, dass sie unzurechnungsfähig war?«
Montez lachte. »Zeitweilig eine vollkommen wahnsinnige Idiotin wäre großartig, aber ich weiß, dass Sie äußerst kleinlich sind, wenn es um winzige Details wie Tatsachen geht. Also sagen Sie einfach, wie es gewesen ist: Sie war leicht benebelt, wurde in einem schwachen Moment erwischt und mitgerissen. Ich bin sicher, dass es einen technischen Ausdruck dafür gibt.«
»Die Wahrheit«, sagte ich.
Er lachte erneut. »Werden Sie’s machen?«
Die Tochter der beiden Schönheitschirurgen hatte angefangen zu reden, aber die Anwälte beider Elternteile hatten heute Morgen angerufen und mich informiert, dass der Fall geklärt sei und meine Dienste nicht mehr gebraucht würden.
»Klar«, sagte ich.
»Im Ernst?«, fragte Montez.
»Warum nicht?«
»Die Sache mit Duchay ist nicht besonders reibungslos verlaufen.«
»Das war auch nicht möglich.«
»Korrekt. Okay, ich sage ihr, sie soll Sie anrufen und einen Termin vereinbaren. Und ich werde mein Bestes tun, um Ihnen eine Aufwandsentschädigung zu verschaffen. In einem vernünftigen Rahmen.«
»Vernunft ist immer gut.«
»Und so selten.«

4
Michaela Brand kam vier Tage später zu mir.
Ich praktiziere in meinem Haus oberhalb des Beverly Glen. Mitte November ist die ganze Stadt ein schöner Anblick, und nirgendwo mehr als im Glen.
Sie lächelte und sagte: »Hallo, Dr. Delaware. Mann, was für ein tolles Haus, mein Name wird Mickääh-la ausgesprochen.«
Das Lächeln war schwere Artillerie in der Schlacht, bei der es darum ging aufzufallen. Ich brachte sie durch hohe weiße Flure, in denen unsere Schritte hohl klangen, zu meinem Arbeitszimmer im hinteren Teil.
Sie war groß, schmalhüftig und vollbusig und hatte einen schwungvollen Gang. Falls ihre Brüste nicht echt waren, legte ihr freies Schwingen werbewirksames Zeugnis für einen großen Künstler am Skalpell ab. Ihr Gesicht war oval und glatt und mit weit auseinanderstehenden aquamarinblauen Augen gesegnet, die ohne große Mühe spontane Faszination simulieren konnten.
Schwache blaue Flecken an der Seite des Halses waren von Körper-Make-up abgedeckt. Der Rest ihrer Haut war bronzefarbener Samt, der sich über feinen Knochen spannte. Sonnenbank oder eines dieser Sprays, die eine Woche halten. Winzige mokkafarbene Sommersprossen, die sich auf ihrer Nase verteilten, lieferten einen Hinweis auf ihren natürlichen Teint. Breite Lippen, die von Gloss vergrößert wurden. Eine Masse honigfarbener Haare hing über ihre Schulterblätter. Irgendein Stylist hatte sich viel Zeit genommen, der Frisur Fülle zu verleihen und ihr einen lässigen Anschein zu geben. Ein halbes Dutzend Blond-Schattierungen ahmte die Natur nach.
Ihre schwarze Röhrenjeans hing fast so tief, dass sie sich die Schambehaarung hätte entfernen müssen. Ihre Hüftknochen waren wie glatte kleine Halbkugeln, die nach einem Tangopartner riefen. Ein T-Shirt aus schwarzem Jerseystoff, auf dem in Rheinkieseln Pornostar stand, endete drei Zentimeter über einem Nabel, der ironisch zu lächeln schien. Die gleiche makellose goldene Haut überzog einen straffen Unterleib wie das Fell einer Trommel. Ihre Fingernägel waren lang und französisch manikürt, ihre falschen Wimpern perfekt. Gezupfte Augenbrauen verstärkten die Illusion eines permanenten Überraschtseins.
Jede Menge Zeit und Geld waren darauf verwendet worden, glückliche Chromosomen zu vermehren. Sie hatte die Justizbürokratie davon überzeugt, dass sie arm war. Wie sich herausstellte, war sie es auch, ihre Kundenkarte war ausgeschöpft, und auf ihrem Girokonto befanden sich zweihundert Dollar.
»Ich hab meinen Vermieter dazu gebracht, mir einen Monat Aufschub zu gewähren«, sagte sie, »aber wenn ich diese Sache nicht bald in Ordnung bringe und einen neuen Job bekomme, werde ich aus meiner Wohnung geworfen.«
Tränen traten in die blaugrünen Augen. Haarwolken wurden nach hinten geworfen und aufgeschüttelt, bevor sie sich wieder legten. Trotz ihrer langen Beine hatte sie es geschafft, sich in dem großen ledernen Patientensessel zusammenzurollen und klein auszusehen.
»Was bedeutet es für Sie, diese Sache in Ordnung zu bringen?«, fragte ich.
»Wie bitte?«
»Die Sache in Ordnung zu bringen.«
»Sie wissen schon«, sagte sie. »Ich muss diesen … diesen Schlamassel ausräumen.«
Ich nickte, und sie legte ihren Kopf schief wie ein junger Hund. »Lauritz hat gesagt, Sie wären der Beste.«
Sie nannte ihren Anwalt beim Vornamen. Ich fragte mich, ob sich Montez von anderen Motiven als seiner beruflichen Verantwortung leiten ließ.
Hör auf, du misstrauischer Kerl. Konzentrier dich auf die Patientin.
Diese Patientin beugte sich nach vorn und lächelte schüchtern, ihre losen Brüste beulten schwarzen Jerseystoff aus. Ich fragte: »Was hat Mr. Montez Ihnen über diese Untersuchung gesagt?«
»Dass ich mich emotional öffnen sollte.« Sie rieb sich mit einem Finger den Augenwinkel. Ließ die Hand sinken und fuhr sich mit dem Finger über ein Knie in schwarzem Jeansstoff.
»Inwiefern öffnen?«
»Sie wissen schon, nichts vor Ihnen verbergen, einfach so sein, wie ich im Grunde bin. Ich bin...«
Ich wartete.
»Ich bin froh, dass Sie es sind«, sagte sie. »Sie machen einen netten Eindruck.« Sie schob ein langes Bein unter das andere.
»Sagen Sie mir, wie es passiert ist, Michaela«, forderte ich sie auf.
»Wie was passiert ist?«
»Die vorgetäuschte Entführung.«
Sie zuckte zusammen. »Sie wollen nichts über meine Kindheit wissen oder so was?«
»Darauf kommen wir vielleicht später zu sprechen, aber es ist am besten, mit dem blinden Alarm selbst zu beginnen. Ich würde gern in Ihren eigenen Worten hören, was passiert ist.«
»Meine eigenen Worte. Oh, Mann.« Sie lächelte schwach. »Kein Vorspiel, hm?«
Ich erwiderte ihr Lächeln. Sie nahm ihre Beine auseinander, und zwei hochhackige schwarze Skechers ließen sich auf dem Teppich nieder. Sie streckte einen Fuß aus. Sah sich in dem Arbeitszimmer um. »Ich weiß, dass ich was Falsches getan habe, aber ich bin ein braves Mädchen, Dr. Delaware. Bin ich wirklich.« Sie verschränkte die Arme über dem Pornostar-Schriftzug. »Wo soll ich anfangen … ich muss Ihnen sagen, dass ich mir so entblößt vorkomme.«
Ich stellte mir vor, wie sie nackt auf die Straße gerannt kam und einen alten Mann fast dazu gebracht hätte, mit seinem Pick-up in den Abgrund zu fahren. »Ich weiß, dass es nicht leicht für Sie ist, daran zu denken, was Sie getan haben, Michaela, aber es könnte wirklich hilfreich sein, wenn Sie sich daran gewöhnen, darüber zu reden.«
»Also können Sie mich verstehen?«
»Das schon«, sagte ich, »aber irgendwann wird man wohl von Ihnen verlangen, dass Sie gewissen Dingen den ihnen angemessenen Platz zuweisen.«
»Was meinen Sie damit?«
»Dass Sie dem Richter sagen, was Sie getan haben.«
»Ein Geständnis ablegen«, murmelte sie. »Ist es eine Umschreibung dafür, dass ich ein Geständnis ablegen soll?«
»Ich denke schon.«
»Die ganzen Wörter, die sie gebrauchen.« Sie lachte leise. »Wenigstens lerne ich etwas dazu.«
»Wahrscheinlich nicht so, wie Sie sich das gedacht haben.«
»Das können Sie laut sagen … Anwälte, Cops. Ich weiß nicht mal mehr, wem ich was erzählt habe.«
»Es ist ziemlich verwirrend«, sagte ich.
»Ganz bestimmt, Doktor. Das ist eine Schwäche von mir.«
»Was?«
»Durcheinander zu sein. In Phoenix – in der Highschool – waren einige Leute der Ansicht, ich wäre ein bisschen blöd. Die Intelligenzbestien, wissen Sie? In Wahrheit war ich oft durcheinander. Bin ich immer noch. Vielleicht liegt es daran, dass ich als kleines Kind auf den Kopf gefallen bin. Ich bin von einer Schaukel gefallen und hab das Bewusstsein verloren. Danach bin ich nie mehr richtig gut in der Schule gewesen.«
»Hört sich so an, als wäre es ein schlimmer Sturz gewesen.«
»Ich kann mich kaum noch daran erinnern, Doktor, aber man hat mir gesagt, ich wäre einen halben Tag bewusstlos gewesen.«
»Wie alt waren Sie da?«
»Vielleicht drei. Vier. Ich habe ziemlich wild geschaukelt, das hab ich unheimlich gern gemacht. Ich muss losgelassen haben oder so und bin durch die Luft geflogen. Ich hab mir auch bei anderen Gelegenheiten den Kopf gestoßen. Ich bin immer hingefallen, über meine eigenen Füße gestolpert. Meine Beine sind so schnell gewachsen; als ich fünfzehn war, bin ich in sechs Monaten zwanzig Zentimeter größer geworden.«
»Ihnen passierten ständig Unfälle.«
»Meine Mom pflegte zu sagen, ich wäre ein Unfall, der darauf wartet zu passieren. Ich brachte sie dazu, mir eine gute Jeans zu kaufen, und wenn ich mir dann an den Knien Löcher reinriss, wurde sie wütend und schwor, dass sie mir nie mehr was kaufen würde.«
Sie fasste sich an die linke Schläfe. Bekam ein paar Haare zwischen die Finger und verdrehte sie. Zog einen Schmollmund. Das erinnerte mich an jemanden. Ich beobachtete, wie sie an sich herumfummelte, und schließlich fiel es mir ein: die junge Brigitte Bardot.
Würde sie wissen, wer das war?
»Mir dreht sich der Kopf«, sagte sie. »Seit dem Schlamassel. Es ist so, als würde ich durch die Szenen eines Drehbuchs treiben, das jemand anders geschrieben hat.«
»Das Justizsystem kann überwältigend sein.«
»Ich hab nie daran gedacht, dass ich mal da reingeraten würde! Ich meine, ich sehe mir nicht mal Krimiserien im Fernsehen an. Meine Mom liest Kriminalromane, aber ich hasse sie.«
»Was lesen Sie?«
Sie wandte sich ab und antwortete nicht. Ich wiederholte die Frage.
»Oh, tut mir leid, ich war geistig weggetreten. Was ich lese … Us, People, Elle, Zeitschriften eben, wissen Sie?«
»Wie wäre es, wenn wir darüber reden, was passiert ist?«
»Klar, klar … es sollte einfach nur … vielleicht haben Dylan und ich es zu weit getrieben, aber meine Schauspiellehrerin, sie legt großen Wert darauf, dass es bei der Ausbildung eigentlich nur darum geht, sich zu verlieren, ganz in der Szene aufzugehen, dass man das Selbst wirklich aufgeben muss, wissen Sie, das Ego. Sich einfach der Szene zu ergeben und loszulassen.«
»Und das war es, was Sie und Dylan gemacht haben«, sagte ich.
»Ich nehme an, am Anfang hab ich gedacht, wir würden das machen, und ich nehme an … ich weiß wirklich nicht, was passiert ist. Es ist so verrückt – wie bin ich nur in diese Verrücktheit reingeraten?«
Sie schlug sich mit der Faust in die Handfläche, schüttelte sich, warf die Arme in die Luft. Begann leise zu weinen. Eine Ader pulsierte an ihrem Hals, pochte durch das Make-up und akzentuierte einen blauen Fleck.
Ich reichte ihr ein Papiertaschentuch. Ihre Finger verweilten auf meinen Knöcheln. Sie zog die Nase hoch. »Danke.«
Ich lehnte mich wieder zurück. »Also dachten Sie, Sie machten das, was Nora Dowd Ihnen beigebracht hatte.«
»Kennen Sie Nora?«
»Ich habe mir die Prozessunterlagen angesehen.«
»Nora steht in den Unterlagen?«
»Sie wird erwähnt. Also wollen Sie sagen, dass die vorgetäuschte Entführung in Zusammenhang mit Ihrer Ausbildung stand?«
»Sie nennen die Entführung immer vorgetäuscht«, sagte sie.
»Wie soll ich sie denn Ihrer Meinung nach nennen?«
»Ich weiß nicht … irgendwie anders. Die Übung. Wie wär’s damit? Das ist es nämlich am Anfang wirklich gewesen.«
»Eine Schauspielübung.«
»Ja.« Sie schlug die Beine übereinander. »Nora hat sich nie hingestellt und gesagt, wir sollten eine Übung machen, aber wir haben gedacht – sie hat uns immer gedrängt, wir sollten zum Kern unserer Gefühle vordringen. Dylan und ich, wir dachten uns, wir sollten …« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Es hätte nie so weit gehen sollen.« Sie fasste sich wieder an die Schläfe. »Ich muss bescheuert gewesen sein. Dylan und ich haben nur versucht, künstlerisch authentisch zu sein. Als ich ihn gefesselt und das Seil um mich selbst geschlungen habe, da hab ich es zum Beispiel eine Zeitlang um meinen Hals zusammengezogen, damit es auch ganz bestimmt Spuren hinterlässt.« Sie runzelte die Stirn und berührte einen blauen Fleck.
»Ich sehe es.«
»Ich wusste, es würde nicht lange dauern. Einen blauen Fleck zu machen. Ich bekomme ganz leicht blaue Flecken. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich mit Schmerzen nicht gut umgehen kann.«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich bin eine Heulsuse, was Schmerzen betrifft, deshalb vermeide ich sie nach Möglichkeit.« Sie berührte eine Stelle, wo der U-Ausschnitt ihres T-Shirts auf der Haut lag. »Dylan fühlt nichts, ich meine, er ist wie ein Stein. Als ich ihn fesselte, sagte er die ganze Zeit: ›Fester‹, er wollte es spüren
»Den Schmerz?«
»O ja«, sagte sie. »Zuerst nicht an seinem Hals, nur an Armen und Beinen. Aber sogar da tut es weh, wenn man es fest genug macht, stimmt’s? Aber er hat die ganze Zeit zu mir gesagt: ›Fester, fester‹. Schließlich hab ich ihn angeschrien: ›Ich mache es so fest, wie ich kann.‹« Sie richtete den Blick an die Decke. »Er hat einfach dagelegen. Dann lächelte er und sagte: ›Vielleicht solltest du es bei meinem Hals genauso machen.‹«
»Dylan hat einen Todestrieb?«
»Dylan ist ein Irrer … es war irre da oben, dunkel, kalt, diese Leere in der Luft. Man konnte Tiere rumkriechen hören.« Sie schlang die Arme um sich. »Ich hab gesagt: ›Das hier ist zu unheimlich, vielleicht war es keine gute Idee.‹«
»Was hat Dylan gesagt?«
»Er hat einfach so dagelegen, mit dem Kopf auf einer Seite.« Sie schloss die Augen und demonstrierte es. Ließ ihren Mund schlaff werden und einen Zentimeter rosafarbene Zungenspitze sehen. »Er tat so, als wäre er tot, verstehen Sie? Ich hab gesagt: ›Lass das, das ist widerlich‹, aber er reagierte einfach nicht, sagte kein Wort und bewegte sich nicht, und schließlich bekam ich Angst. Ich rollte zu ihm hinüber und berührte ihn am Kopf, und er ließ ihn einfach zur anderen Seite fallen, wissen Sie?«
»Die Stanislawski-Methode«, sagte ich.
Sie starrte mich verwundert an.
»So nennt man es, wenn man völlig in einer Rolle aufgeht, Michaela.«
Ihre Augen waren woanders. »Kann sein...«
»Zu welchem Zeitpunkt in Ihrer Übung haben Sie ihn gefesselt?«
»In der zweiten Nacht, das war alles in der zweiten Nacht. Davor war er ganz okay, doch dann fing er an rumzuspinnen. Ich hab ihn gelassen, weil ich Angst hatte. Die ganze Sache … ich war so schrecklich blöd.«
Sie zog breite Strähnen ihrer blonden Haare nach vorn und verbarg ihr Gesicht dahinter. Ich musste an einen Spaniel bei einer Hundeschau denken. Wenn Hundeführer ihm die Ohren über die Nase legen, um dem Preisrichter den Schädel zu präsentieren.
»Dylan hat Ihnen Angst eingejagt.«
»Er hat sich lange Zeit nicht bewegt«, sagte sie.
»Haben Sie sich Sorgen gemacht, Sie hätten die Fesseln zu fest angezogen?«
Sie ließ die Haare los, hielt den Blick aber zu Boden gesenkt. »Ehrlich, ich kann Ihnen nicht mal jetzt sagen, warum er das gemacht hat. Vielleicht war er tatsächlich bewusstlos, vielleicht hat er zu hundert Prozent eine Show für mich abgezogen. Er ist … es war wirklich seine Idee, Doktor. Ehrenwort.«
»Dylan hat sich die ganze Sache ausgedacht?«
»Alles. Zum Beispiel, dass wir uns Stricke besorgen und wo wir hingehen sollten.«
»Wie ist er auf den Latigo Cañon gekommen?«
»Er hat gesagt, er wäre da gewandert, er macht gern alleine Wanderungen, es hilft ihm, sich auf eine Rolle vorzubereiten.« Ihre Zungenspitze glitt über die Unterlippe und hinterließ eine glänzende Spur von Feuchtigkeit wie eine Schnecke.
»Er sagt auch, dass er eines Tages dort ein Haus haben wird.«
»Im Latigo Cañon?«
»In Malibu, aber am Strand, beispielsweise in der Colony. Er nimmt das wahnsinnig ernst.«
»Was seinen Beruf angeht?«
»Es gibt Leute, die wirklich alles in eine Szene legen, verstehen Sie? Aber wissen die nachher auch, wann sie damit aufhören sollen? Dylan kann cool sein, wenn er einfach er selbst ist, aber er hat diesen unglaublichen Ehrgeiz. Das Cover von People, will die Stelle von Johnny Depp einnehmen.«
»Worauf richtet sich Ihr Ehrgeiz, Michaela?«
»Mein Ehrgeiz? Ich will nur arbeiten. Fernsehen, Film, Serien, Werbespots, egal was.«
»Damit wäre Dylan nicht glücklich.«
»Dylan will die Nummer eins auf der Liste der attraktivsten Männer sein.«
»Haben Sie seit der Übung mit ihm gesprochen?«
»Nein.«
»Wessen Entscheidung war das?«
»Lauritz hat mir gesagt, dass ich mich von ihm fernhalten soll.«
»Standen Sie und Dylan sich vorher ziemlich nahe?«
»Ich glaube schon. Dylan hat gesagt, wir passten von Haus aus gut zusammen. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass ich mich … habe mitreißen lassen. Die ganze Sache war seine Idee, aber er hat mir da oben eine Heidenangst eingejagt. Ich rede mit ihm und schüttle ihn, und er sieht wirklich … Sie wissen schon.«
»Tot aus.«
»Ich hab natürlich noch nie in Wirklichkeit einen Toten gesehen, aber als ich jung war, hab ich mir gern Splatter-Streifen angeschaut. Jetzt nicht mehr. Ich verliere zu leicht die Fassung.«
»Was haben Sie gemacht, als Sie dachten, dass Dylan tot aussieht?«
»Ich hab mich schrecklich aufgeregt und angefangen, das Seil am Hals loszubinden, und er hat sich immer noch nicht bewegt, und er hatte den Mund offen und sah wirklich...« Sie schüttelte den Kopf. »Bei der Atmosphäre da oben bin ich regelrecht ausgeflippt. Ich hab angefangen, ihm ins Gesicht zu schlagen und ihn anzuschreien, dass er damit aufhören soll. Sein Kopf ist einfach weiter hin und her gerollt. Wie bei einer der Lockerungsübungen, die Nora uns vor einer großen Szene machen lässt.«
»Gruselig.«
»Gruselig und furchterregend. Ich bin Legasthenikerin, nicht richtig schlimm, keine Analphabetin oder so, ich kann ganz gut lesen. Aber ich brauche ziemlich lange, um mir Wörter zu merken. Ich meine, ich kann meine Sätze auswendig lernen, aber ich muss wirklich hart arbeiten.«
»Dylan so zu sehen hat Ihnen mehr Angst eingejagt, weil Sie Legasthenikerin sind?«
»Weil ich durcheinander war und nicht richtig denken konnte. Und als ich dann noch Angst bekam, wurde alles verschwommen. Meine Gedanken ergaben keinen Sinn – als ob man in einer anderen Sprache wäre, wissen Sie?«
»Sie waren desorientiert.«
»Ich meine, schauen Sie mal, was ich getan habe«, sagte sie. »Ich hab mich losgebunden, bin den Hügel raufgeklettert und raus auf die Straße gerannt, ohne mir auch nur meine Sachen anzuziehen. Ich muss desorientiert gewesen sein. Hätte ich das getan, wenn ich bei Verstand gewesen wäre? Dann, nachdem der alte Typ, der auf der Straße, der mich …« Ihr Stirnrunzeln erreichte ihren linken Mundwinkel, bevor es sich zurückzog.
»Der alte Mann, der...«
»Ich wollte sagen, der alte Typ, der mich gerettet hat, aber ich war nicht wirklich in Gefahr. Trotzdem hatte ich schreckliche Angst. Weil ich noch nicht wusste, ob Dylan okay war. Als der alte Typ den Rettungsdienst angerufen hatte und die Leute dort eintrafen, hatte Dylan sich losgemacht und stand da. Als niemand hinschaute, hat er mich kurz angelächelt. Als wollte er sagen, haha, guter Witz.«
»Sie haben den Eindruck, dass Dylan Sie manipuliert hat.«
»Das ist das Traurigste an der Sache. Der Vertrauensverlust. Bei der ganzen Sache ging es eigentlich um Vertrauen. Nora sagt uns dauernd, dass das Leben des Künstlers eine ständige Gefahr ist. Man arbeitet immer ohne Netz. Dylan war mein Partner, und ich habe ihm vertraut. Das ist der Grund dafür, dass ich überhaupt mitgemacht habe.«
»Hat er eine Weile gebraucht, bis er Sie dazu überredet hat?«
Sie runzelte die Stirn. »Aus seinem Mund hat es sich wie ein Abenteuer angehört. Die ganzen Sachen kaufen. Er hat dafür gesorgt, dass ich mir wie ein Kind vorkam, das Spaß hat.«
»Es hat Spaß gemacht, die Sache zu planen«, sagte ich.
»Genau.«
»Das Seil und die Nahrungsmittel zu kaufen.«
»Ja.«
»Ein sorgfältiger Plan.«
Ihre Schultern strafften sich. »Was meinen Sie damit?«
»Ihr beide habt bar bezahlt und seid in verschiedene Läden in verschiedenen Stadtteilen gegangen.«
»Das war alles Dylans Idee«, erwiderte sie.
»Hat er Ihnen erklärt, warum er es auf diese Weise geplant hat?«
»Wir haben wirklich nicht darüber geredet. Es war so, als … wir haben vorher so viele Übungen gemacht, das hier war nur eine weitere. Ich hatte das Gefühl, ich müsste meine rechte Seite benutzen. Von meinem Gehirn. Nora hat uns beigebracht, wir sollten uns darauf konzentrieren, die rechte Seite des Gehirns zu benutzen, einfach irgendwie in die rechte Hirnhälfte hineinrutschen.«
»Die kreative Seite«, sagte ich.
»Genau. Denk nicht zu viel, wirf dich einfach rein.«
»Sie sprechen immer wieder von Nora.«
Schweigen.
»Was hält sie Ihrer Ansicht nach davon, was passiert ist, Michaela?«
»Ich weiß, was sie davon hält. Sie ist sauer. Nachdem mich die Polizei verhaftet hatte, hab ich sie angerufen. Sie sagte, geschnappt zu werden wäre dilettantisch und blöd, ich sollte nicht mehr wiederkommen. Dann hat sie aufgelegt.«
»Geschnappt zu werden«, sagte ich. »Über den Plan an sich war sie nicht wütend?«
»Das hat sie zu mir gesagt. Es wäre blöd, geschnappt zu werden.« Ihre Augen wurden feucht.
»Es muss hart für Sie gewesen sein, das zu hören«, sagte ich.
»Sie ist mir gegenüber in einer überlegenen Position.«
»Haben Sie versucht, noch mal mit ihr zu reden?«
»Sie ruft mich nicht zurück. Jetzt kann ich also nicht mehr ins PlayHouse gehen. Nicht dass das eine Rolle spielt, nehme ich an.«
»Zeit, etwas anderes zu machen?«
Ihr liefen Tränen übers Gesicht. »Ich kann es mir nicht leisten zu studieren, weil ich pleite bin. Muss mich wohl bei einer dieser Agenturen bewerben. Als persönliche Assistentin oder als Kinderfrau. Oder als Imbissköchin oder so.«
»Sind das Ihre einzigen Alternativen?«
»Wer wird mir denn einen guten Job geben, wenn ich immer wieder zum Vorsprechen wegmuss? Und außerdem werde ich erst mal diese Sache durchstehen müssen.«
Ich gab ihr noch ein Papiertaschentuch.
»Ich hatte bestimmt nicht vor, irgendjemandem wehzutun, Doktor, glauben Sie mir. Ich weiß, ich hätte mehr überlegen und weniger fühlen sollen, aber Dylan …« Sie zog ihre Beine wieder hoch. Da sie so gut wie kein Gramm Fett angesetzt hatte, ließen sie sich so leicht falten wie Papier. Angesichts dieses Mangels an Isoliermaterial musste sie in den beiden Nächten in den Bergen regelrecht ausgekühlt sein. Auch wenn sie log, was ihre Angst betraf, war es keine angenehme Erfahrung gewesen: Der abschließende Polizeibericht hatte frische menschliche Exkremente unter einem Baum in der näheren Umgebung erwähnt, Blätter und die Verpackung von Süßigkeiten waren als Toilettenpapier benutzt worden.
»Jetzt werden alle denken, ich wäre eine dumme Blondine«, murmelte sie.
»Manche Leute sagen, es gäbe keine schlechte Publicity.«
»Stimmt das?«, fragte sie. »Glauben Sie das?«
»Ich glaube, dass Menschen aus ihren Erfahrungen lernen können.«
Sie fixierte mich. »Ich war blöd, und es tut mir schrecklich leid.«
Ich sagte: »Egal, was ihr vorhattet, jedenfalls sind zwei harte Nächte dabei rausgekommen.«
»Was meinen Sie damit?«
»Da draußen in der Kälte zu sein. Ohne Toilette.«
»Das war eklig«, sagte sie. »Es war bitterkalt, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich über und über mit Krabbeltieren bedeckt, die mich auffressen wollten. Danach haben mir die Arme und Beine und der Hals wehgetan. Weil ich das Seil zu straff angezogen hatte.« Sie schnitt eine Grimasse. »Ich wollte authentisch sein. Um es Dylan zu zeigen.«
»Was wollten Sie ihm zeigen?«
»Dass ich eine ernstzunehmende Schauspielerin bin.«
»Wollten Sie sonst noch jemanden beeindrucken, Michaela?«
»Was meinen Sie damit?«
»Sie mussten damit rechnen, dass die Geschichte Beachtung in der Öffentlichkeit findet. Haben Sie berücksichtigt, wie andere Leute reagieren würden?«
»Wer zum Beispiel?«
»Fangen wir mit Nora an.«
»Ich habe ehrlich geglaubt, dass sie uns respektieren würde. Weil wir Integrität bewiesen haben. Stattdessen ist sie sauer.«
»Was ist mit Ihrer Mutter?«
Sie machte eine abwehrende Handbewegung.
»Sie haben nicht an Ihre Mutter gedacht?«
»Ich rede nicht mit ihr. Sie weiß nichts über mein Leben.«
»Weiß sie nicht, was passiert ist?«
»Sie liest keine Zeitungen, aber falls es in der Phoenix Sun stand, wird es ihr vermutlich jemand gezeigt haben.«
»Haben Sie sie nicht angerufen?«
»Sie kann nichts tun, um mir zu helfen.« Sie murmelte irgendetwas.
»Warum nicht, Michaela?«
»Sie ist krank. Sie hat was an der Lunge. Während meiner ganzen Kindheit hatte sie irgendeine Krankheit. Und als ich auf den Kopf gefallen bin, hat eine Nachbarin mich zum Arzt gebracht.«
»Ihre Mom war nicht für Sie da.«
Sie blickte zur Seite. »Wenn sie high war, hat sie mich geschlagen.«
»Ihre Mom hat Drogen genommen.«
»Hauptsächlich Gras, aber manchmal auch Tabletten gegen ihre Launen. Die meiste Zeit wollte sie rauchen. Gras und Tabak und Courvoisier. Ihre Lunge ist ernsthaft geschädigt. Sie atmet mit einer Sauerstofff lasche.«
»Harte Kindheit.«
Sie murmelte wieder etwas.
»Das hab ich nicht verstanden«, sagte ich.
»Meine Kindheit. Ich rede nicht gern darüber, aber ich bin vollkommen aufrichtig zu Ihnen. Keine Täuschung, kein emotionaler Vorhang, verstehen Sie? Es ist wie ein Mantra. Ich sage mir immer wieder: ›Ehrlichkeit, Ehrlichkeit, Ehrlichkeit.‹ Lauritz hat mir gesagt, ich sollte das hier behalten, ganz vorne.« Ein spitz zulaufender Finger berührte eine glatte, bronzefarbene Stirn.
»Was hatten