001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Hilary Hale,
meine gute Freundin und Lektorin,
ohne die ich Holyroodhouse
niemals gesehen hätte
 
und für Suki
»s.w.m.b.o.«

Zur Bequemlichkeit heutiger Leser wurden
bestimmte altmodische, von Dr. John H. Watson
benutzte Begriffe aktualisiert.

KAPITEL I
Ein Schließfach bei der Cox Bank
Das Werk, in dem ich die zahlreichen Abenteuer schilderte, die ich an der Seite von Mr Sherlock Holmes erlebte, enthält nur wenige Beispiele für jene Dienste, zu deren Übernahme wir uns als treue Untertanen der Krone verpflichtet fühlten. Ich beziehe mich hier auf jene bedeutsamen Fälle, um deren Lösung wir von verschiedenen Ministerien oder Ämtern gebeten wurden. In Wahrheit steckte jene alles überragende Persönlichkeit dahinter, der ein ganzes Zeitalter seinen Namen verdankt – entweder sie selbst oder ihr Sohn, dem es ebenfalls zu gelingen scheint, seiner Amtszeit den eigenen Namen aufzuprägen. Schlicht ausgedrückt, spreche ich vom Königshaus, und indem ich dies tue, dürfte jedem deutlich werden, warum bestimmte Beweismittel, die ich vor langer Zeit in eine Blechdose legte und einem Schließfach der Cox Bank in Charing Cross anvertraute, wahrscheinlich nie mehr das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden.
Unter all diesen unerhört wichtigen, streng geheimen Objekten dürften keine derart empfindliche Bereiche berühren wie jene, welche den Fall des italienischen Sekretärs betreffen. Jedes Mal wenn Holmes mich einlud, an der Lösung eines »Problems mit einigen interessanten Verwicklungen« mitzuwirken, konnte man darauf wetten, dass es in letzter Konsequenz um Leben und Tod gehen würde. Manche dieser Untersuchungen hatten Auswirkungen auf die Machtposition der einen oder anderen politischen Partei – mitunter mussten wir sogar alle unsere Kräfte aufbieten, um die Sicherheit und den Fortbestand der Krone zu garantieren. Zu keinem Zeitpunkt aber hing das Ansehen der Monarchie (gar nicht zu reden vom seelischen Gleichgewicht Ihrer Königlichen Hoheit) in so hohem Maße von dem erfolgreichen Ausgang unserer Bemühungen ab wie während dieses Falls. Dies mag anmaßend klingen, aber ich werde es im Laufe meiner Ausführungen erklären und kann nur hoffen, dass meine Darlegung dem geneigten Leser glaubwürdig erscheint. Tatsächlich ist es selbst mir zunächst schwer gefallen, in dieser Geschichte mehr zu sehen als einen Fieberwahn oder eine Serie von Träumen, die sich aus dem Reich des Unbewussten in die Wirklichkeit gestohlen hatten. Sherlock Holmes jedoch konnte fast allen Verwicklungen und Weiterungen des Falls eine rationale Erklärung abringen. Ja, fast allen …
Wegen dieser ungelösten Fragen ist der Fall des italienischen Sekretärs für mich auch später eine Quelle wiederkehrender Zweifel gewesen. Ein endgültiges Urteil (wie es üblicherweise bei meiner Arbeit mit Holmes zustande kam) scheint nicht möglich. Diese Zweifel blieben jedoch trotz ihrer Deutlichkeit unausgesprochen. Es gibt eben Bereiche des menschlichen Geistes, die ein Mann nicht einmal seinem engsten Vertrauten offenbaren darf, es sei denn, er geht das Risiko eines unfreiwilligen Aufenthalts in der Anstalt in Bedlam ein …

KAPITEL II
Eine seltsame Botschaft und eine noch seltsamere Geschichte
Die Krise ereignete sich während einiger ungewöhnlich kühler und wechselhafter Tage im September in jenem Jahr, als der Zustand des Empire wie auch der unserer Königin nur mehr als glänzend beschrieben werden kann. Von Krankheit oder Niedergang konnte keine Rede sein. Und doch waren da, von heute aus betrachtet, erste Anzeichen einer fatalen Entwicklung zu spüren. Könnte es sein, dass die kriminellen Verwicklungen, zu deren Aufklärung wir am Ende dieses Sommers berufen wurden, Vorboten dieses schleichenden Verfalls waren? Und zeugte das ungewöhnliche Interesse, das die Königin dieser Angelegenheit entgegenbrachte, womöglich von einer Ahnung, dass die Ewigkeit immer näher rückte? Wurde sie von einem Bedürfnis angetrieben, herauszufinden, was sie erwarten sollte, wenn sie endlich die schwere Bürde einer langen und größtenteils einsamen Regentschaft abwerfen und ihrem geliebten Gemahl nachfolgen dürfte? Ich kann es weder beurteilen, noch ist es mir möglich, den Zeitpunkt, zu dem sich das Beschriebene zugetragen hat, genauer zu benennen, denn ich bin der festen Überzeugung, dass die Geschichtsschreibung, auch wenn sie private Aspekte der Monarchie berührt, sich niemals in die Niederungen des Skandalösen oder Anrüchigen begeben darf. (So verlässlich seine Angestellten auch sind, Cox ist nicht mehr als eine Bank; ich wage nicht, mir auszumalen, was geschehen könnte, sollten jemals Verräter oder Diebe ihre gierigen Hände nach diesen Geheimnissen ausstrecken und Macht über sie erlangen.)
Der eigentliche Beginn der Affäre trug sich auf jene Weise zu, die mir längst schon zur Routine geworden war, also in den späteren Tagen meiner Bekanntschaft mit Sherlock Holmes. Eines Nachmittags betrat ich unsere Residenz in der Baker Street und wurde von Geräuschen empfangen, die mir augenblicklich klar machten, dass etwas passiert war oder, um es in Holmes’ eigenen Worten zu sagen: Interessante Neuigkeiten waren »im Anmarsch«. Das Haus vibrierte zu eigenartigen Geräuschen, die aus dem Wohnzimmer im ersten Stock herunterdrangen. Es handelte sich um ein stakkatoartiges stetiges Pochen, das gelegentlich von einem anderen Klang unterbrochen wurde, der offenbar von einer Violine erzeugt wurde, mit Musik allerdings nichts zu tun hatte: Das unregelmäßige Jaulen des Geigenbogens, der auf die Saiten geschlagen wurde und abprallte, hörte sich an wie das jämmerliche Miauen einer hungrigen Katze. Wie ich nun weiter eintrat, beschloss ich, nach Mrs Hudson zu rufen, um sie zu fragen, was für eine Art von Botschaft – Brief, Notiz oder mündliche Mitteilung – diese unmissverständlichen Zeichen von Aktivität bei meinem Freund verursacht haben könnte.
Ich stieß dann beinahe frontal mit unserer Vermieterin zusammen, die vor der Tür zu ihren eigenen Zimmern stand. Sie schaute hinauf zu unserer Wohnzimmertür, hinter der die Kakophonie erneut begann, und sah weniger ängstlich als verärgert aus, vielleicht sogar ein bisschen verletzt; und obwohl es mich nicht im Geringsten überraschte, dass Holmes der Grund ihrer Erregung war, war ich doch verblüfft, um nicht zu sagen bestürzt, als sie erklärte, sie habe nicht die Absicht, am heutigen Tag noch Tee zu servieren. Gerade darauf hatte ich mich während des ganzen Heimwegs, nach einem anstrengenden Tag auf einem medizinischen Symposium, gefreut.
»Es tut mir Leid, Doktor, aber ich habe ihn gewarnt«, sagte Mrs Hudson, offensichtlich um Zurückhaltung bemüht, dennoch aber mit sehr deutlichem Missfallen. »Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass ich für heute und möglicherweise sogar einige Tage länger kein einziges Wort mehr an ihn richten werde, wenn er derart fortfährt! Es könnte sogar sein, dass ich mich weigere, ihm etwas zu essen zu servieren!«
»Aber, aber, meine liebe Mrs Hudson«, erwiderte ich und appellierte an jenes geheime Gefühl von Sympathie, das uns beide verband, die wir doch gemeinsam unter den gelegentlich auftretenden heftigen, mitunter sogar peinigenden Anwandlungen litten, die diesen sprunghaften Mann packen konnten. Wir beide waren diesem eigenartigen Charakter mehr ausgeliefert als alle anderen Menschen. »Nichts liegt mir ferner, als Sie dazu zu zwingen, noch eine Minute länger in der Gesellschaft dieses Mannes zu verbringen – aber ich bitte Sie, mir doch zu sagen, was Sie derart aufgebracht hat.«
Sie wollte schon zu einer größeren Erklärung ausholen, dann aber schien ihr Stolz sie zu bremsen, und sie sagte nur: »Was manchen spaßig erscheint, Mr Watson, muss andere nicht unbedingt auch amüsieren. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, den Rest wird er Ihnen zweifellos selbst darlegen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, wies mit ihrem funkelnden Blick nach oben und gab mir auf diese Weise zu verstehen, dass ich mich nun dorthin begeben sollte. Ich kannte sie gut genug, um der Aufforderung unmittelbar Folge zu leisten. Mrs Hudsons unbeugsamer Wille war ein Grund ständiger Klagen zwischen Holmes und mir. Oft genug hatten wir aber auch Anlass, ihre Resolutheit zu bewundern und dankbar dafür zu sein.
Während ich die Treppe zum Wohnzimmer hinaufeilte, ließ ich vor meinem geistigen Auge Ereignisse Revue passieren, die möglicherweise geschehen waren – es gehörte ja zu den Angewohnheiten von Holmes, in unregelmäßigen Abständen mitunter aus Sorglosigkeit merkwürdige Dinge zu tun, die unserer Vermieterin missfielen. Deshalb war ich in der Tat überrascht, alles in schönster Ordnung vorzufinden. Das einzig Bemerkenswerte war die drahtige und lebhafte Silhouette meines korrekt gekleideten Freundes, die sich vor dem Fenster, das nach vorn zur Baker Street lag, hin und her bewegte. Seine Geige hielt er zwischen Kinn und Schulter geklemmt, schien sich dessen aber, wie mir schien, kaum bewusst zu sein.
»Mrs Hudson, ich weiß wirklich nicht, was ich noch tun könnte, außer Ihnen meine aufrichtige Entschuldigung anzubieten!«, rief Holmes zur Tür hin, durch die ich jetzt eintrat. Und während er mir mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen zunickte und so andeutete, dass er sich in der Tat einer großen Schuld bewusst war, fuhr er in gleichem Ton fort: »Sollten Sie irgendein anderes Zeichen meiner Reue und Zerknirschtheit einfordern, wäre ich nur zu glücklich, es zeigen zu dürfen, solange es im Bereich des Vernünftigen liegt!«
»Mr Watson, würden Sie bitte Mr Holmes davon in Kenntnis setzen, dass er tun möchte, was ihm beliebt«, ertönte die dünne Stimme aus dem Erdgeschoss. »Am heutigen Tag wird er jedoch keine Dienste mehr von meiner Seite in Anspruch nehmen können – und ich weiß, dass ihn lediglich das Ausbleiben dieser Dienste nach Entschuldigungen suchen lässt!«
Holmes warf mir einen Blick zu und zuckte mit den Schultern. Dann signalisierte er mir mit einer weiteren Bewegung seines kantigen Kinns, die Tür zu schließen. »Ich fürchte, wir werden uns wohl selbst um unseren Tee kümmern müssen, mein lieber Watson«, sagte er, nachdem ich sie geschlossen hatte. Er legte Geige und Bogen beiseite und verschwand für einen kurzen Augenblick im Nebenzimmer. Als er zurückkam, hielt er in der einen Hand ein Gestell mit einem eingesteckten Reagenzglas, in der anderen einen Bunsenbrenner. »Noch viel schlimmer wiegt, dass ich beim Nachgrübeln über diese bemerkenswerte Nachricht meinen Vorrat an Tabak aufgebraucht habe. Haben Sie welchen dabei?« Er stellte Reagenzglas und Brenner auf den Tisch und griff mit der gleichen Handbewegung nach einem Telegramm und hielt es in meine Richtung, während er mit der anderen Hand ein Streichholz anzündete. »Es kam vor zwei Stunden an. Unsere Vermieterin weigert sich standhaft, uns zu Diensten zu sein …«
Ich griff nach dem Papier und fragte: »Aber Holmes, um Himmels willen, was haben Sie denn getan, um diese arme Frau derart gegen sich aufzubringen? Ich habe sie noch niemals so erbost gesehen.«
»Dazu kommen wir gleich«, antwortete er und begann, das Reagenzglas mit Wasser aus einer bereitstehenden Karaffe zu füllen. »Richten Sie doch zunächst bitte Ihre volle Aufmerksamkeit auf dieses Telegramm.« Es gelang ihm, den Brenner unterhalb des Glases in Brand zu setzen, und er schaute suchend auf. »Ich habe für solche Fälle doch irgendwo eine Schachtel mit Keksen versteckt«, murmelte er und machte sich gleichzeitig an einer Teekiste aus Mahagoni und zwei recht zweifelhaft aussehenden Teeservice zu schaffen. »Aber wo die sich nun befinden und in welchem Zustand sie sind, wage ich mir kaum vorzustellen …«
Angesichts seiner erregten Rede und der Art und Weise, wie er unsere verschiedenen Zimmer durchmaß, um nach so exotischen Utensilien wie Teelöffeln zu suchen, konnte man zu der Auffassung kommen, dass die schlichte Zubereitung von einer Kanne Tee Sherlock Holmes vor eine größere Herausforderung stellte als die meisten seiner wissenschaftlichen und detektivischen Unternehmungen. Ich allerdings widmete ihm inzwischen weit weniger Aufmerksamkeit, so sehr schlug das Papier in meiner Hand mich in seinen Bann. Als Holmes »Tabak, Watson!« brüllte, gelang es mir, ein Säckchen davon aus meiner Hosentasche zu ziehen, dann aber sank ich in den nächststehenden Sessel, unfähig, dem Redefluss meines Freundes weiter folgen zu können.
Die Nachricht war im Telegraphenamt des Bahnhofs von Aberdeen aufgegeben worden und auf eine derart merkwürdige Art abgefasst, dass sie auf den ersten Blick wie eine zufällige, augenscheinlich sinnlose Ansammlung von Satzfetzen wirkte, die der Angestellte im Telegraphenamt in Schottland und sein englisches Gegenstück in London womöglich in einem Zustand gemeinsamer geistiger Umnachtung zu Papier gebracht hatten:
HUSTEN SPEZIAL, IN PALL MALL NR. 8 –
»DIE SONNE BRENNT ZU HEISS, AM HIMMEL
ERSCHEINEN BEKANNTE ADLER« –
LIES MCKAY UND SINCLAIR, GESAMMELTE WERKE –
ZIEHE MR WEBLEY HINZU –
ZUR SICHERHEIT LASS DEINE HAND LESEN –
ZWEI PLÄTZE WURDEN AUF DER CALEDONIA RESERVIERT
- MEIN ALTER CROFTER WIRD IN QUARANTÄNE
DAZUSTOSSEN.
Es war mir unmöglich, so zu tun als würde ich irgendetwas davon verstehen, nicht zuletzt weil Holmes immer weiter im Zimmer herumstiefelte, um nach diesen imaginären Keksen zu suchen, während er sich über die milde Qualität meines Tabaks beschwerte; aber dann hatte ich doch noch eine Eingebung:
»Mein alter Crofter … Mycroft? Ihr Bruder?«
»Bravo, Watson!«, rief Holmes fröhlich aus. »Mycrofts ziemlich schwer wiegende Verunstaltung seines eigenen Namens entschuldigt sich allerdings durch die geographische Herkunft der Botschaft – nur in Schottland kann ein Begriff wie ›Crofter‹ als einigermaßen üblich durchgehen, und nur in einer Botschaft aus ebendiesem Land bleibt ein solches Wort ungelesen und ungehört.«
»Ungehört?«, wiederholte ich verwirrt.
»Ganz recht, Watson – Sie werden sich daran erinnern, dass die britischen Telegraphenleitungen Opfer elektronischer Abhörversuche geworden sind, zuletzt während jener recht unziemlichen Angelegenheit unseren Freund Milverton betreffend, der eine ganze Reihe solcher Techniken benutzte, um Informationen über Personen zu erhalten, die er anschließend zu erpressen trachtete – auch wenn wir das meiste erst herausfanden, nachdem Sie Ihren Bericht vorgelegt hatten.« Er nahm die Pfeife aus dem Mund und starrte sie über seine lange Nase hinweg an. »Angesichts des erschreckend niedrigen Nikotingehalts Ihres schwächlichen Tabaks wundert es mich nicht, dass Sie diese bedeutsamen Aspekte vergessen haben. Dennoch …« – er schob sich die Pfeife wieder zwischen die mahlenden Kiefer – »… müssen wir das Beste aus dieser misslichen Lage machen. Ah! Das Wasser kocht!«
Das tat es wirklich: Es spritzte und sprudelte über dem Bunsenbrenner in dem länglichen Reagenzglas und erzeugte einen Dampf, der kaum merklich mit einigen unangenehm riechenden chemischen Substanzen angereichert war.
»Keine Angst«, sagte Holmes und öffnete eines der Fächer der Teeschachtel. »Das Aroma dieser Ceylon-Mischung wird die Reste meines letzten chemischen Experiments überdecken.« Holmes goss den Tee in einem alten gebrauchten Topf auf, um den er eine Krawatte als Kannenwärmer gebunden hatte, und fragte mich weiter über das Telegramm aus: »Und? Was ist Ihnen noch daran aufgefallen?«
Ich versuchte, mich zu sammeln, dann sagte ich: »Es wäre wirklich sehr ungewöhnlich, selbst wenn es von Ihrem Bruder kommen sollte. Ich erinnere mich noch an unser letztes gemeinsames Unternehmen mit ihm zusammen. Sie erklärten mir damals, es sei sehr ungewöhnlich, dass er auch nur einen Millimeter von seiner täglichen Route zwischen seiner Wohnung in Pall Mall, seinem Büro in Whitehall und dem Diogenes Club abweichen würde, ungefähr so ungewöhnlich wie die Begegnung mit einer Straßenbahn auf einer Landstraße -«
»Genauso ist es.«
»Und jetzt schreibt er Ihnen aus Aberdeen? Was kann diesen Ausbund an Sesshaftigkeit denn dazu gebracht haben, derart weit vom Weg abzukommen?«
»Ganz recht!« In Holmes’ Stimme bemerkte ich eine Spur jener Zurückhaltung, die ich stets dann registriert hatte, wenn wir über seinen außergewöhnlichen Bruder Mycroft sprachen, diesen altgedienten, aber gänzlich unbekannten Staatsdiener, der um die geheimsten Staatsangelegenheiten wusste. Obwohl Holmes gern erwähnte, dass sein Bruder ihm bezüglich Tapferkeit und Alter überlegen war (sie wurden mit sieben Jahren voneinander getrennt), handelte es sich bei dem älteren Holmes um einen ausgesprochenen Exzentriker, dessen Handlungsradius, wie ich bereits erwähnte, nur äußerst selten über einen kleinen Bezirk im Londoner Stadtgebiet hinausging. Für Mycroft war nichts so wichtig wie sein Club und seine verborgene, aber einflussreiche Tätigkeit. Der Diogenes Club war ein Treffpunkt für solche Männer – besser gesagt ein Aufenthaltsort für solche Personen, denn die Clubmitglieder trafen sich nicht miteinander, sondern gingen dorthin, um jeder für sich zu bleiben. Es war ein Refugium für Londons Misanthropen, in dem man sich vom Gedränge und der Zügellosigkeit der anonymen Masse absetzte, und Mitglieder konnten schon ausgeschlossen werden, wenn sie die Grundregel des Hauses – absolutes Schweigen zu bewahren – dreimal missachtet hatten.
Holmes hatte mir die Existenz seines Bruders schon vor einigen Jahren enthüllt, mir von dessen Beruf und seinen Beziehungen aber erst später (und in Raten) berichtet. Und nun, an diesem Septembernachmittag, als er mir die Tasse mit dem trüben Tee überreichte, lächelte er mir auf eine zurückhaltende und doch stolze Art zu, und ich spürte, dass eine weitere Überraschung auf mich wartete.
»Sie werden sich vielleicht erinnern, lieber Watson, wenn Sie sich den letzten Fall in Erinnerung rufen, den wir im Auftrag von Mycroft gelöst haben – diese Geschichte um die Bruce-Partington-Unterseeboot-Pläne -, dass ich eines Tages nach einem Ausflug nach Windsor zurückkam und Ihnen eine ziemlich auffällige Krawattennadel vorführte. Sie fragten mich, woher ich dieses protzige Ding hätte, und ich machte einige Anspielungen auf eine großzügige Dame, der ich einen kleinen Dienst erwiesen hätte.«
»Ja – und es war eine recht durchsichtige Lüge, Holmes«, stimmte ich zu und runzelte die Stirn, als ich meine Teetasse betrachtete. »Mein Gott, dieser Tee ist wirklich fürchterlich, und, wenn man die Umstände seiner Zubereitung bedenkt, höchstwahrscheinlich giftig …«
»Bleiben Sie beim Thema, Watson«, sagte Holmes. »Der Tee ist möglicherweise ungewöhnlich aromatisiert, aber er wird Ihnen trotzdem zuträglich sein. Nun, also: Sie haben ganz richtig geschlossen, dass ich diese Nadel von der erlauchtesten Bewohnerin von Schloss Windsor erhalten habe, und zwar inmitten der Hallen ihres ältesten Domizils – korrekt?«
»Korrekt.«
»Aber Sie konnten nicht wissen, dass ich, als ich im Schloss ankam, dort meinen Bruder Mycroft antraf, der in lebhafte Konversation mit der bereits erwähnten Dame vertieft war, und zwar auf eine außergewöhnlich informelle Art …«
Ich schaute erschrocken auf. »Sie wollen damit doch nicht etwas sagen …«
»Doch Watson, er saß neben ihr! Und tatsächlich hat er mir mitgeteilt, dass er dieses Privileg schon seit einigen Jahren genießt.«
Ich ließ diese außergewöhnliche Mitteilung auf mich wirken: Während ihrer gesamten Regentschaft hatte die Königin von allen ihren Beamten – und das schloss selbstverständlich auch ihre vielen Premierminister ein – verlangt, strengste protokollarische Auflagen zu beachten. Die wichtigste dieser Regeln legte fest, dass alle Untertanen gleich welchen Alters, und seien sie auch noch so geplagt von argen Beschwerden oder sonstigen Misshelligkeiten, in ihrer Gegenwart aufrecht zu stehen hatten. Erst in den letzten Jahren, als sie selbst älter wurde und für die Gebrechen anderer Menschen mehr Verständnis aufbrachte, erlaubte sie den steifbeinigen Regierungschefs, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, wenn es unbedingt notwendig war. Und nun erzählte mir Holmes, sein Bruder Mycroft, der noch nicht einmal ein Ministeramt bekleidete und dessen Hauptfunktion es lediglich war, sein erstaunliches Gehirn als unfehlbares sterbliches Behältnis in den Dienst des Staates zu stellen, wofür man ihm nicht einmal einen klangvollen Titel verlieh (und lediglich das magere Gehalt von 450 Pfund pro Jahr) – diesem Mann also sollte es erlaubt worden sein, die grundlegendste Regel bei einer königlichen Audienz zu missachten, und das auch noch über viele Jahre hinweg?
»Das ist einfach unglaublich!«, sagte ich und vergaß dabei ganz den strengen Geschmack von Holmes’ selbst gebrautem Tee. »Glauben Sie ihm das?«
Mein Argwohn schien Holmes zu missfallen. »Zweifeln Sie etwa an seiner Aussage?«
Ich schüttelte heftig den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Es ist nur ein so unglaublicher Gedanke -«
Holmes’ Missstimmung verflog, und er gab zu: »Zweifellos wäre ich genauso skeptisch, Watson, aber bitte bedenken Sie, dass ich dieser Situation beigewohnt habe: Mein Bruder saß da und unterhielt sich mit Ihrer Majestät so vertraut, als seien sie beide Mitglied im gleichen Whist-Club!«
Ich warf erneut einen Blick auf das Telegramm. »Dann ist er also in Schottland, weil -«
»Jetzt beginnen Ihre grauen Zellen wieder zu arbeiten, Watson. Ja, in der Tat, angesichts der Jahreszeit und der Informationen, die ich Ihnen ausgebreitet habe, können Sie natürlich nur zu einem Ergebnis kommen – Mycroft ist in Balmoral gewesen …«
Ein weiteres Mal musste ich innehalten und den Gedanken hin und her wenden. Balmoral Castle lag im Hochland von Aberdeenshire und war ein bevorzugter Aufenthaltsort der Königin und des verstorbenen Prinzgemahls gewesen, die beide eine tiefe und innige Liebe zu Schottland hegten. Balmoral war der Königin neben Schloss Windsor der liebste Rückzugsort geblieben und so etwas wie ihre informelle Sommerresidenz. Besucher, die nicht zum königlichen Umfeld gehörten, waren selten. Trotzdem war Mycroft also nicht etwa nur eingeladen gewesen, sich dort aufzuhalten, vielmehr war er, folgte man dem verschlüsselten Inhalt des Telegramms, offenbar hinzugezogen worden, um eine wichtige Rolle im Rahmen einer Untersuchung zu spielen. »Auch wenn Ihre Zweifel immens zu sein scheinen«, fuhr Holmes fort, der meinen ungläubigen Gesichtsausdruck zu deuten wusste, »gibt es in diesem Dokument hier genügend Hinweise auf die Glaubwürdigkeit des Absenders.«
Ich starrte immer noch das Telegramm an. »Aber warum Aberdeen? Es muss doch auch ein Telegraphenbüro in der Nähe der königlichen Residenz geben.«
»Wo Mycroft natürlich beobachtet würde, wenn er hineinginge, und viel Aufsehen oder Schlimmeres erregen würde, wenn er es verließe.«
»Bei wem?«
Holmes deutete mit seinem langen Finger auf das Telegramm: »›Die Sonne brennt zu heiß, am Himmel erscheinen bekannte Adler.‹« Der Finger hob sich und Holmes lächelte. »Ein herzhaftes Mittagessen in Aberdeen, weit entfernt von jenen Abstinenzlern in Balmoral, hat sicherlich beim Abfassen dieser Botschaft seinen Einfluss genommen – darauf möchte ich wetten. Mycroft hat sich in seiner Jugend für Poesie begeistert, später haben sich dann allerdings seine wahren Talente durchgesetzt, die rein intellektueller Natur sind. Dennoch bricht bei ihm manchmal eine fatale Neigung zu banalen Versen durch, vor allem unter dem Einfluss einiger Gläser Wein oder Port – oder besser noch Brandy. Wenn wir seine Ausdrucksweise genauer studieren, sehen wir, dass ganz offensichtlich eine Menge Bewegung in und um das Schloss stattgefunden hat, besonders was die versammelten königlichen Häupter betrifft, und dass dies die Neugier einiger unserer ausländischen Freunde geweckt hat.«
Mit diesem Ausdruck, das merkte ich sofort, bezog Holmes sich auf jene verachtenswerte Gruppe von Männern und Frauen vom Kontinent, die dem niedrigsten aller Berufe nachgehen, der Spionage. »Aber wer befindet sich zurzeit im Land, der es wagen würde, die Königin persönlich bis nach Schottland zu verfolgen?«
»Nur die Schlausten und Schlimmsten von allen, mein lieber Watson. Mycroft weist auf Adler hin – was sich zweifellos nicht auf persönliche Qualitäten bezieht, sondern ein Hinweis auf nationale Symbole sein soll. Wenn ich Recht habe, dürften wir zuallererst einige deutsche und russische Agenten unter unseren Verdächtigen ausmachen, und unser liebster Feind, der Franzose, wird auch nicht weit sein. Obwohl ich keine direkten Hinweise auf bestimmte Kandidaten aus jenem Land habe, die zurzeit innerhalb unserer Grenzen tätig sind – die österreichische Regierung hat letzte Woche den französischen Spion LeFevre erschießen lassen, und dies hatte einen sehr heilsamen Effekt auf die anderen französischen Agenten auf dem Kontinent. Aber unter den übrigen erwähnten Staatsangehörigen gibt es zwei oder drei Namen, die wir als ›mit im Spiel‹ erachten dürfen. Aber all das können und wollen wir später im Zug erörtern.«
»Im Zug?«, wiederholte ich.
»Also wirklich, Watson – selbst nach einem anstrengenden Arbeitstag sollten Sie nicht nur in medizinischen Kategorien denken: ›Husten spezial, in Pall Mall Nr. 8‹? Eine Erkältung in Kombination mit einer Adresse in London – die zudem nur wenige Schritte von Mycrofts Büro entfernt liegt? Sie sollten den Husten nicht wörtlich nehmen. Zweifellos ist damit gemeint, dass wir -«
»Aber ja!« Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, und trotz des grauenhaften Tees fühlte ich mich mit einem Mal wie neugeboren – immerhin schien das Gebräu langsam Wirkung zu zeigen und mein Gehirn zu beleben. »Husten«, wiederholte ich. »Euston … Euston Station; fast alle Züge nach Schottland fahren dort ab!«
Holmes griff erneut nach dem Reagenzglas. »Trinken Sie noch eine Tasse, mein lieber Watson. Wenn ein simples Wortspiel Sie derart in Verwirrung stürzen kann, haben Sie es wahrhaftig nötig …«
Instinktiv versuchte ich, mit meiner Hand die Tasse abzudecken, doch zu spät. Die dampfende Mörderbrühe schwappte bereits hinein, und ich hätte sie nur um den Preis einer schrecklichen Verbrennung aufhalten können. »Aber was meint er mit seinem nächsten Hinweis: Euston Station – ›spezial‹?« Es war einer dieser peinlichen Momente, wo einem die Antwort im eigenen Kopf gegeben wird, bevor die Frage fertig formuliert ist. »Vergessen Sie es, Holmes, ich weiß schon. Mit ›spezial‹ ist ein Sonderzug gemeint.«
Holmes nickte zustimmend, während er ganz offensichtlich mit großen Genuss eine weitere Tasse seines Tees austrank. »Und da es an der Pall Mall nun mal keine Spezialklinik für Hustenkranke gibt …« »… ist mit Pall Mall Nr. 8 einfach nur 8 p. m. gemeint. Der Sonderzug verlässt Euston um acht Uhr abends, und wir sollen mitfahren.«
»So ist es.«
»Also gut, Holmes, ich denke, dass ich, nachdem Sie mir die unerfüllten Jugendträume Ihres Bruders dargelegt haben, in der Lage sein werde, den restlichen Inhalt seiner Botschaft während unserer Zugreise Richtung Norden zu entschlüsseln.«
»Hehre Worte«, murmelte Holmes und runzelte erneut die Stirn, als er an seiner Pfeife zog, weil ihm ihr Inhalt noch immer missfiel. »Ich nehme nicht an, dass Sie einen Dreitagevorrat Tabak auf das Ergebnis dieser Unternehmung riskieren möchten?«
»Wieso nur drei Tage?«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Arbeit mehr Zeit beanspruchen wird – besonders angesichts der Tatsache, dass wir die Dienste eines Sonderzuges in Anspruch nehmen dürfen, der noch dazu mit besonderer Genehmigung des Königshauses unterwegs ist. Abgesehen davon denke ich, werden Sie zu derselben Ansicht kommen«, fügte er mit einem kurzen Kräuseln seiner Oberlippe hinzu (mit dem er wahrscheinlich schon Mrs Hudson provoziert hatte, wie ich vermutete), »wenn Sie erst mal die gesamte Botschaft entschlüsselt haben. Nun gut also, Mycrofts Art und Weise der Mitteilung deutet darauf hin, dass er bereits unterwegs ist. Ich schlage vor, wir nutzen die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt unseres Zuges, um einige wichtige Utensilien für die Reise zusammenzustellen – nicht zuletzt unsere Angeln für den Lachs- und Forellenfang.« Ich warf ihm einen flüchtigen Blick zu, verwundert über den Ton, den er anschlug. »Na, Watson, es wäre doch eine Schande, wenn wir die Gelegenheit nicht nutzten, uns ein wenig an den Ufern der königlichen Wildwasser zu ergehen, wenn die Arbeit getan ist.«
»Das klingt gut«, stimmte ich zu. »Aber, wenn Sie erlauben, möchte ich jenen wichtigen Utensilien auch jene nützlichen Dinge hinzufügen, die mit Mycrofts Botschaft in Zusammenhang stehen und die Sie selbst bereits zu Rate gezogen haben.« »Nützliche Dinge?«
Ich deutete auf eine kleine Sammlung von zerknitterten Zeitungen, die über das Sofa und den Perserteppich verteilt waren. »Ich vermute, die liegen dort nicht ohne Grund herum, zumal sich darunter einige schottische Ausgaben befinden. Zweifellos haben Sie sie sich besorgt, nachdem Sie die Nachricht von Ihrem Bruder erhalten haben. Ich habe den Verdacht, dass Sie viel zu aufgewühlt waren, um sich, als Sie damit nach Hause kamen, Gedanken darüber zu machen, ob Ihr Tabakvorrat noch für den Abend genügen wird. Als Sie schließlich gemerkt haben, was Ihnen fehlt, waren Sie so sehr von diesem Rätsel fasziniert, dass Sie keine Neigung verspürten, noch mal vor die Tür zu gehen. Also haben Sie Mrs Hudson gebeten, das für Sie zu erledigen – und irgendetwas in der Art, wie Sie es gesagt haben, hat sie dann gegen Sie aufgebracht.«
»Ha!«, machte er, und das war dieses durchdringende Geräusch, das einem fröhlichen Gelächter so nahe kam, wie es bei Holmes nur möglich war. »Wahrhaftig, Sie triumphieren, Watson – ich muss wirklich noch mal darüber nachdenken, welche Chemikalien sich zuletzt in diesem Reagenzglas befanden. So wie es aussieht, könnte man sie in Kombination mit Ceylon-und-Pekoe-Tee als ein veritables Gehirntonikum anpreisen! Also los, packen wir!«
»Das werden wir tun«, stimmte ich zu und stand auf, während Holmes das Zimmer verließ. Und dann, als ich die Zeitungen aufklauben wollte, flatterten zwei Artikel auf den Boden, die Holmes offensichtlich ausgeschnitten hatte. Der eine stammte aus den Edinburgher Evening News und war zwei Wochen alt, der andere hatte im Glasgower Herald vom heutigen Tag gestanden. Ich hob die beiden Papierschnipsel auf und las die Überschriften.
Die Evening News war wie üblich im Ton seriöser, gleichwohl ging es um eine schaurige Angelegenheit:
FURCHTBARER UNFALL
IN HOLYROODHOUSE:
Ein Angestellter des Königshauses stürzt auf
dem Palastgrundstück unter ein Erntegerät
Der dazugehörige Artikel erzählte von dem schrecklichen Schicksal eines Sir Alistair Sinclair, einem Architekten mit Schwerpunkt Historismus, der den Auftrag übernommen hatte, einige der ältesten und baufälligsten Teile von Holyroodhouse zu restaurieren beziehungsweise nachzubauen. (Holyroodhouse in Edinburgh ist die offizielle schottische Residenz der Königin.) Die ehemalige Abtei wurde im Mittelalter zum Wohnsitz der schottischen Könige erkoren und war später der bevorzugte Aufenthaltsort von Mary Stuart, der Königin der Schotten. Charles II. verwandelte den Ort in einen Barockpalast, der wenig später von einem Feuer vernichtet wurde. Im Jahrhundert zwischen der Flucht von Bonnie Prince Charlie und der Krönung unserer erlauchten Königin hatte das Gebäude einen schweren Stand. Ihre ureigene Leidenschaft für alles Schottische bewog die Königin schließlich dazu, sich des Palastes zu erbarmen und Holyroodhouse zu einer bequemen Unterkunft für ihre Zwischenstopps auf dem Weg nach Balmoral zu machen. Ihre Majestät ließ die Barockflügel des Palastes aufpolieren; dem Westturm jedoch – er stellt den letzten mittelalterlichen Überrest dar und ist interessanterweise der einzige Gebäudeteil, der das Feuer unbeschadet überstanden hat – wurde bislang noch nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteil. Mit dieser Aufgabe war Sir Alistair Sinclair beauftragt worden. Der Auftrag zeigte sich jedoch als von kurzer Dauer, denn laut Zeitungsberichten hatte es sich der Architekt im hohen Gras bequem gemacht, als eine neuartige dampfbetriebene Erntemaschine über ihn hinwegfuhr und auf seinem Körper ein grausiges Muster tödlicher Wunden hinterließ.
»Ich erinnere mich an einen kurzen Artikel über den Unfall in der Times«, sagte ich, während ich den Bericht in den Evening News überflog. »Aber ich nehme an, Holmes, Sie hätten dies nicht erwähnt, wenn Sie nicht der Ansicht wären, dass die offizielle Version über den Hergang des Unfalls unzureichend ist. Was denken Sie darüber?«
Anstatt zu antworten, zeigte Holmes auf den anderen Bericht, den ich in der Hand hielt. Er entstammte dem Glasgower Herald und schilderte in dem ihm eigenen journalistischen Stil einen zweiten Unglücksfall, der einiges über die Rivalität zwischen den beiden schottischen Städten zum Vorschein brachte:
WEITERER BLUTIGER TODESFALL
IN HOLYROODHOUSE!
Dennis McKay, wohlanständiger Handwerker aus Glasgow, wurde das Opfer eines brutalen Mordanschlags in direkter Nachbarschaft der königlichen Gemächer!
TUT DIE POLIZEI WIRKLICH ALLES,
WAS IN IHRER MACHT STEHT?
Die weiteren Ausführungen zielten in die gleiche Richtung und lieferten wenige brauchbare Details über die Angelegenheit, wenn man einmal davon absah, dass Dennis McKay als Vormann bezeichnet wurde, den Sir Alistair Sinclair engagiert hatte, um die Arbeiter zu beaufsichtigen, die in Kürze eingestellt werden sollten. Seine Leiche wurde zwischen den Überresten der alten Abtei im Keller des Palastgebäudes gefunden, übersät mit einer Anzahl nicht näher beschriebener Verletzungen. Mit diesem Detail verließ der Herald denn auch schon die Welt der Fakten und wandte sich für den Rest der Kolumne Mutmaßungen über McKays Unruhe stiftenden Einfluss unter den Edinburgher Arbeitern zu, die angeblich aufgebracht auf die Ankündigung des Vorarbeiters reagiert hatten, überwiegend Arbeiter aus Glasgow beschäftigen zu wollen.
»Sie stimmen also mit Mycroft überein, dass die beiden Todesfälle miteinander in Verbindung stehen?«, spekulierte ich.
»Ist Mycroft denn dieser Ansicht?«, antwortete Holmes.
Ich legte die Zeitungsausschnitte beiseite und nahm mir wieder das Telegramm vor. »›McKay und Sinclair, Gesammelte Werke‹«, las ich vor.
Holmes gab ein weiteres scharf klingendes Lachen von sich und erklärte: »So aufgeweckt wie Sie gerade erscheinen, lassen Sie nichts übrig, über das wir uns auf der Zugreise noch unterhalten könnten. Gehen Sie los und packen Sie Ihre Sachen!«
»Geht in Ordnung«, sagte ich und klemmte mir die restlichen Zeitungsseiten unter den Arm, auf denen zu lesen war, wie sich die beiden Todesfälle den Londoner Zeitungen darstellten. »O, aber eines möchte ich doch noch gern wissen, Holmes.« Er wandte sich mir noch einmal zu, jetzt allerdings mit deutlicher Ungeduld; ich blieb dennoch unerbittlich. »Ich muss unbedingt wissen, was Sie Mrs Hudson gegenüber geäußert haben, damit ich wenigstens versuchen kann, zu heilen, was da zu Bruch gegangen ist – denn ich gehe davon aus, dass Sie selbst sich dieser Angelegenheit nicht annehmen möchten.«
Holmes wollte schon Einspruch erheben, hatte ihn doch das Ermittlungsfieber angesichts des neuen Falls bereits mit ganzer Macht gepackt. Als er aber sah, dass ich mich nicht von der Stelle rühren würde, ohne eine Antwort erhalten zu haben, zuckte er nur mit den Schultern und seufzte. »Nun gut, Watson, nun gut.« Er trat wieder an das Fenster, vor dem er auf und ab gelaufen war, als ich das Zimmer betreten hatte, und ich gesellte mich zu ihm. Wir blickten nach draußen auf die Baker Street, auf der sich nun, nach der Hektik des Tages, das Leben wieder beruhigte. »Haben Sie sich jemals gefragt, Watson, was das da drüben ein paar Häuser weiter für ein kleiner Laden sein könnte? Ich meine diesen Kramladen da, den ein indischer Händler aus dem Punjab betreibt.«
»Ein wohlanständiger Mann«, antwortete ich. »Ich habe gelegentlich das eine oder andere nützliche Objekt bei ihm erworben.«
»Das würde unsere Vermieterin niemals tun.«
»Natürlich. Sie behauptet, es sei ihr nicht möglich, den Akzent dieses Mannes zu verstehen.«
»Finden Sie, dass er sich unverständlich ausdrückt?« »Nein – aber ich habe einige Erfahrungen in jenem Teil der Welt gesammelt. Aber worauf wollen Sie hinaus, Holmes?«
»Nur darauf, dass Mrs Hudson nicht weniger Schwierigkeiten hätte, unseren Freund vom indischen Subkontinent zu verstehen als Sie. Ihre Weigerung, in diesem Laden zu verkehren, ist ganz anderen Ursprungs …«
»Nun?«
»Der jetzige Besitzer des Ladens hat das Gebäude auf fünfunddreißig Jahre gepachtet. Davor stand es zehn Jahre lang leer – kein britischer Staatsangehöriger wagte es, dort einen Laden einzurichten, obwohl es sich um eine lebhafte, gut besuchte Straße handelt.« »Aber warum nicht? Und was hat das mit Mrs Hudson zu tun?«
»Zu der Zeit, von der ich spreche, war Mrs Hudson eine junge Frau im heiratsfähigen Alter und frisch zugezogen in der Baker Street. Damals befanden sich in diesem Gebäude dort die Wohnung und der Laden eines Schlachters und seiner Familie. Der Mann erfreute sich großer Beliebtheit – bis zu dem Tag, an dem auffiel, dass seine Frau und seine Kinder verschwunden waren, einer nach dem anderen. Um diese faszinierende Geschichte abzukürzen: Es gab Gerüchte, dass zwischen dem Verschwinden der Familienmitglieder und der erstklassigen Qualität der Fleischprodukte des Schlachters ein Zusammenhang bestehen könnte. Eines Tages schließlich hörte ein Nachbar durchdringende Schreie aus dem Haus kommen und alarmierte die Polizei. Der Mann wurde im Keller gestellt, welcher sich auf den zweiten Blick als regelrechter Friedhof entpuppte.«
»Um Himmels willen! Ein Wahnsinniger?«
Holmes nickte. »Die üblichen Krankheitszeichen, wie so oft in solchen Fällen – er glaubte, die Welt sei ein zu sündiger Ort für seine Familie, die er über alles liebte; deshalb hatte er sich entschlossen, sie der ewigen und grenzenlosen Liebe des Allmächtigen anzuvertrauen.«
Ich schüttelte den Kopf und starrte nach draußen auf die belebte Straße. »Ja, solche Wahnideen sind nicht selten, Sie haben Recht, auch wenn es unbegreiflich bleibt. Aber ich sehe immer noch nicht, was Mrs Hudson damit zu tun haben könnte.« »Nein? Stellen Sie sich doch nur einmal vor, was für Geschichten in der Folge dieser Entdeckung hier erzählt wurden – und welchen Effekt sie auf eine junge Frau gehabt haben könnten, die gerade erst in diese Straße gezogen war und den größten Teil des Tages allein verbrachte. Schließlich traf sie auch noch auf eine direkt neben dem Unglückshaus lebende, tratschende Nachbarin, die ihr seltsame Geschichten von nächtlichen Geräuschen erzählte, die sie durch ihre Mauern hindurch aus dem Nachbargebäude hörte: eine klagende Mutter und weinende Kinder und in der Ferne das Geräusch einer Schaufel, die sich in die Erde bohrte. Eine andere Nachbarin – sie wurde vielleicht durch den Ehrgeiz angetrieben, ihre Freundin auszustechen – schwor, sie hätte an mehreren Abenden ein junges Mädchen in einem weißen Nachthemd gesehen, das ziellos und klagend über den Hinterhof des Hauses geirrt sei. Immer mehr dieser Geschichten wurden erzählt – und bis zum heutigen Tag lehnen alle Bewohner der Baker Street, die zum Zeitpunkt der schrecklichen Vorfälle schon hier gewohnt haben, es ab, den Laden zu betreten.«
Ich spürte, wie mir ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief, obwohl ich mich bemühte, die Angelegenheit mit kühler Vernunft zu betrachten. »Aber, Holmes, warum haben Sie mir nie davon erzählt?«
»Es hat sich nie die Gelegenheit dazu ergeben«, sagte er schlicht. »Aber als ich heute bemerkte, dass mir der Tabak ausgegangen war, bat ich Mrs Hudson – so weit haben Sie sich das richtig zusammengereimt -, so freundlich zu sein, für mich zum Tabakhändler zu gehen, um mir eine Dose frischen Tabaks zu besorgen. Sie gab vor, zu beschäftigt zu sein, um den weiten Weg zu machen, also fragte ich sie, ob sie nicht vielleicht genügend Zeit erübrigen könne, um einige Häuser weiter bei unserem indischen Freund nachzufragen, was er so auf Lager habe. Sie lehnte das rundheraus ab – und ich fürchte, ich habe sie dann mit einer etwas makabren Äußerung bezüglich ihres Aberglaubens verschreckt, jedenfalls dürfte sie es als ziemlich sarkastische Bemerkung aufgefasst haben.«
Ich bemühte mich um einen möglichst gemessenen Ton, was mir angesichts der fortgeschrittenen Stunde und des näher rückenden Abreisetermins sehr schwer viel: »Sie hätten etwas mehr Respekt für ihre Ängste aufbringen sollen, Holmes, sosehr ihre Ansichten auch von Ihren verschieden sein mögen.« Damit wandte ich mich ab und eilte in mein Schlafzimmer, wo ich begann, meinen Gladstone mit den nötigsten Dingen zu packen.
Da hörte ich Holmes’ eindeutig erstaunte Stimme herüberdringen: »Und wie kommen Sie darauf, meine und ihre Ansichten könnten so verschieden voneinander sein, Watson?«
»Ich wollte damit nur sagen«, versuchte ich mich herauszuwinden, während ich im Schrank nach meinen Siebensachen suchte, »dass es nicht Not tut, Mrs Hudsons Ansichten über Geister und Heimsuchungen anzuzweifeln -«
»Aber ich teile doch ihre Ansichten, Watson.«
Einen Augenblick verharrte ich regungslos und wartete auf dieses durchdringende Lachen – und dann, als es nicht kam, begab ich mich ins Wohnzimmer zurück und fragte missgelaunt: »Wovon, zum Teufel, sprechen Sie überhaupt?«
»Das will ich Ihnen erklären: Ich glaube, wenn auch auf eine gänzlich verschiedene Weise als unsere Vermieterin, an die Macht von Geistern. Und ich möchte Sie warnen, Watson. Sie werden Ihre eigenen Ansichten zu diesem Thema im Laufe unseres neuen Falls auf die Probe stellen müssen.« Damit wandte er sich ab und verschwand, um mit dem Packen zu beginnen.
»Das soll natürlich ein Scherz sein«, rief ich ihm hinterher. Ich wollte einfach nicht glauben, dass er diese Bemerkung ernst gemeint haben könnte. Dennoch war ich über seine Nachdrücklichkeit verwirrt. »Wir haben doch schon an einer ganzen Reihe von Fällen gearbeitet, bei denen angeblich übernatürliche Kräfte im Spiel gewesen sein sollten, und Sie haben es stets geschafft, dies zu -«
»Aber Watson! Wir sind noch niemals an einen Ort wie Holyroodhouse gerufen worden!«
»Wieso sollte diese königliche Residenz denn einen Unterschied machen?«
Während Holmes antwortete, trat ich ans Fenster und starrte ein weiteres Mal hinüber zu dem Laden auf der anderen Straßenseite. Ich spürte dabei mehr Furcht als beim ersten Mal – und wesentlich mehr, als in dieser Situation angemessen war.
»Zwei Männer, die im Dienst der Königin standen, wurden tot aufgefunden, nachdem ihnen eine nicht näher genannte hohe Anzahl schrecklicher Verletzungen zugefügt wurden, und das, bevor sie überhaupt Gelegenheit hatten, mit ihrer Arbeit zu beginnen. Sie sollten sich um die Rekonstruktion des ältesten Flügels kümmern, um jene Räume also, die einstmals die privaten Gemächer der schottischen Königin darstellten. Kommt Ihnen angesichts dieser Vorkommnisse und schauderhaften Zusammenhänge nicht etwas in den Sinn?«
Ich wollte erneut gegen diese einseitig Sichtweise der Dinge protestieren, als eine alte, sehr alte Geschichte aus den Tiefen meines Bewusstseins emporstieg, und ich eine Gänsehaut bekam.
»Ja, Watson«, sagte Holmes ganz ruhig, als er neben mich ans Fenster trat. »Der italienische Sekretär.« Und nun blickte er ebenfalls aus dem Fenster und sprach den Namen aus, gebannt von seinem fremdartigen Klang: »Rizzio …?«
»Aber -« Ich merkte, das meine Stimme deutlich an Kraft und Sicherheit eingebüßt hatte. »Holmes, das war vor dreihundert Jahren!«
»Und doch heißt es, dass er noch immer durch die Gemächer des Palastes streift, auf der Suche nach Rache …«
Ich zitterte beim Gedanken daran, und das machte mich wütend: »Unsinn! Und selbst wenn es wahr wäre, was in der Welt sollte denn -«
»Ebendies müssen wir herausfinden, mein Freund – am besten bevor wir das Ziel unserer Reise erreicht haben.« Holmes warf einen Blick auf die Kaminuhr. »Es wird Zeit, Watson. Wir müssen aufbrechen!«

KAPITEL III
Nach Norden zur schottischen Grenze
Welchen Illusionen ich auch immer nachgehangen hatte, was die Reise in einem vom Königshaus bestellten Sonderzug anging, so verlor ich sie schlagartig, als ich des Monstrums ansichtig wurde, das an einem alten ausgedienten Bahnsteig jenseits der Hauptlinien von Euston Station auf uns wartete. Wir kamen gerade noch rechtzeitig zur Abfahrtszeit (Wette hin, Fall her, Holmes dachte gar nicht daran, den Zug ohne eine genügende Menge eigenen Tabaks zu besteigen, die natürlich nur von seinem bevorzugten Händler stammen durfte, was uns einen ziemlich indirekten Weg zum Bahnhof hatte nehmen lassen); und sogar in der fast vollständigen Dunkelheit oder vielleicht gerade wegen dieser konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die mächtige, ungeduldig schnaubende Lokomotive mit ihren glimmenden Lichtern und dem dampfenden Kessel in deutlichem Kontrast zu dem einzelnen kleinen Waggon stand, der hinter dem Kohlentender angekuppelt worden war. Allein darum ging es also: Wir würden allen Luxus der Schnelligkeit opfern. Diese Vermutung bestätigte sich, als wir uns dem Zug näherten und feststellten, dass es sich um einen Waggon mit ganz normalen Abteilen handelte. Das erste und letzte Abteil des Waggons war bereits besetzt mit normal gekleideten jungen Männern, die, wie sie uns deutlich zu verstehen gaben, keineswegs Polizisten waren. Was sie nun allerdings darstellten, wollten sie nicht sagen – und da ich wusste, dass Holmes es garantiert als persönliche Herausforderung empfinden würde, verzichtete ich darauf, ihm meinen Eindruck mitzuteilen, es könne sich angesichts ihrer typischen Haltung bei diesen Männern nur um Angehörige des Militärs handeln.
Zwei von ihnen, offenbar die Anführer, kamen uns entgegen: der eine ein säuerlich dreinblickender Kerl mit einer gebogenen spitzen Nase, die ihm einen recht miesepetrigen Ausdruck verlieh, der andere wesentlich offener und umgänglicher.
»Guten Abend, meine Herren«, sagte der Letztere. »Wenn Sie bitte gleich einsteigen möchten, wir können uns dann augenblicklich auf die Reise machen. Keine Zeit für Freundlichkeiten, fürchte ich – aber ich möchte es dennoch nicht versäumen, Ihnen mitzuteilen, dass es für uns eine große Ehre ist, Sie beide bei uns an Bord zu haben.«
»Sehr freundlich von Ihnen, Leutnant …?«, versuchte Holmes vorsichtig.
Der zweite junge Mann lächelte, während der erste unruhig auf der Stelle trat. »Ein ausgezeichneter Versuch, Mr Holmes, aber ich fürchte, es ist uns strengstens untersagt, Namen oder Dienstgrade mitzuteilen, solange die Operation durchgeführt wird.«
»Und ich nehme an, es würde auch nichts nützen, wenn wir herauszufinden versuchten, wer diese Befehle gegeben hat?«
»Nein, Sir, natürlich nicht.«