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001

Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Widmung
 
MITTWOCH
10 Uhr 22
12 Uhr 08
13 Uhr 03
13 Uhr 56
19 Uhr 12
23 Uhr 36
 
DONNERSTAG
07 Uhr 46
11 Uhr 27
12 Uhr 47
14 Uhr 09
16 Uhr 02
18 Uhr 45
22 Uhr 37
 
FREITAG
08 Uhr 35
10 Uhr 14
14 Uhr 04
15 Uhr 23
16 Uhr 22
18 Uhr 03
20 Uhr 33
23 Uhr 08
 
SAMSTAG
06 Uhr 53
10 Uhr 55
13 Uhr 12
13 Uhr 57
14 Uhr 17
16 Uhr 07
18 Uhr 13
20 Uhr 23
 
SONNTAG
08 Uhr 01
09 Uhr 43
12 Uhr 04
14 Uhr 06
16 Uhr 02
18 Uhr 11
20 Uhr 12
 
MONTAG
09 Uhr 13
10 Uhr 39
11 Uhr 56
15 Uhr 10
17 Uhr 17
19 Uhr 55
23 Uhr 09
 
DIENSTAG
07 Uhr 03
09 Uhr 52
10 Uhr 48
11 Uhr 34
12 Uhr 45
13 Uhr 37
14 Uhr 16
15 Uhr 32
16 Uhr 27
18 Uhr 41
19 Uhr 40
22 Uhr 46
 
MITTWOCH
08 Uhr 12
10 Uhr 01
11 Uhr 14
13 Uhr 02
14 Uhr 16
15 Uhr 07
16 Uhr 31
18 Uhr 02
19 Uhr 00
22 Uhr 23
 
DONNERSTAG
08 Uhr 23
10 Uhr 10
11 Uhr 20
12 Uhr 17
13 Uhr 32
14 Uhr 17
15 Uhr 12
16 Uhr 37
17 Uhr 33
20 Uhr 07
21 Uhr 44
 
FREITAG
04 Uhr 26
08 Uhr 19
09 Uhr 05
10 Uhr 01
 
GLOSSAR
Danksagung
Copyright

Buch
Kriminalhauptkommissar Konstantin Kirchenberg freut sich auf einen Nachmittag mit seinem Neffen Dominik im Fußballstadion. Aber daraus wird nichts. In einem Müllcontainer wurde ein Toter gefunden: ein alter Mann, der dort nackt und gefesselt zwischen dem Unrat liegt. Weil kein Kollege greifbar ist, muss Kirchenberg zum Tatort. Kirchenbergs Kollegin Ulla Wiesing leitet zur gleichen Zeit eine Mordkommission; auch ihr Toter ist ein älterer Mann, der nackt und geknebelt in einem Container lag. Da die Morde eine ähnliche Handschrift tragen, legen Kirchenberg und Ulla die beiden Fälle in einer MK zusammen.
Die Ermittlungen führen Kirchenberg und sein Team zu einem Mann, der als Achtzehnjähriger seinen Sporttrainer erdrosselt hatte und zu einer Jugendstrafe verurteilt wurde. Ein ehemaliger Kollege Kirchenbergs, der jetzt bei der Operativen Fallanalyse arbeitet, recherchiert zwei weitere Taten aus früheren Jahren, die die gleichen Merkmale aufweisen. Auch hier führen die Spuren zum selben mutmaßlichen Täter. Der heute Vierzigjährige lebt nun gutbürgerlich, hat eine Frau und ein kleines Kind und engagiert sich in einer freikirchlichen Gemeinde. Aufgrund der Indizienlage wird der Verdächtige festgenommen. Aber trotz fieberhafter Arbeit gelingt es den Polizisten zunächst nicht, den entscheidenden Beweis für die Schuld des Mannes zu liefern...

Autor
Norbert Horst ist im Hauptberuf Kriminalhauptkommissar. Er hat in zahlreichen Mordkommissionen ermittelt. Heute arbeitet er als Verhaltenstrainer beim Polizeifortbildungsinstitut. Der Autor ist verheiratet und hat zwei Kinder. Für seinen ersten Roman mit KHK Kirchenberg, »Leichensache«, erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis 2004 und für seinen zweiten, »Todesmuster«, den Deutschen Krimipreis 2006.

Von Norbert Horst außerdem bei Goldmann lieferbar:
Leichensache. Roman (45230)
Todesmuster. Roman (45912)

Für meine Frau Elke

Wenn wir die Blutspur eines Täters verfolgen
und uns ein Bild von ihm machen,
dann handelt es sich immer nur um Konturen, Skizzen.

MITTWOCH

10 Uhr 22

Dieses Schreien.
Der Flur ist leer. Die Tür. Drei Schritte. Thorsten hält Kontakt, seine Schulter schabt am Rücken, heiß, feucht. Durchatmen, zweimal, schneller Blick ins Zimmer. Leer. Nächster Raum, stopp, Konzentration. Na denn. Quick Pic, auch leer. Weiter zum Treppenhaus, fünf Meter. Dieses Schreien. Vorsicht. Thorsten hält weiter Körperkontakt, hat nach hinten alles im Blick, hoffentlich. Vier Schritte, er bleibt dran. Das Schreien wird lauter, furchtbar. Beschlagenes Visier, feuchte Hände, die Waffe rutscht, nachgreifen. Fünf Stufen, der erste Treppenabsatz ist leer. Langsam die nächsten, bloß nicht stolpern. Blick nach oben, der Puls hämmert. Thorsten bleibt mit der Schulter dran, hat kein Problem beim Rückwärtsgehen. Der Putz ist abgeplatzt, schneller Atem. Auf dem nächsten Absatz liegt der Schreier, brüllt um Hilfe, hält sich den Bauch, es tropft rot von seinen Fingern. Die Tür zum ersten Stock steht auf. Vorsicht. Aufpassen, aufpassen. Noch eine, die letzte, ganz langsam. Der Schreier hebt die Hand, flehend, es tropft rot, er krallt ins Hosenbein. Aufpassen. Lass los, verdammt. Er zerrt weiter, reißt, schreit. Vor seinem Bauch eine Lache. Thorsten drückt von hinten, weiter. Nicht so stark, Mann, pass auf! Kurzes Stolpern, Verdammt. Oben ein Schatten, der Täter. Blitzschnell übers Geländer. Nein, nicht. Er schießt zweimal, die Geschosse klatschen auf, Thorsten schreit. Noch ein Schuss, stechender Schmerz zwischen Helm und Kragen, Brennen.
Aus.
Der Schreier richtet sich auf, nimmt ein Papiertuch, wischt die Hände ab. Walter kommt die Treppe hoch, winkt ab, schmunzelt.
»In Wirklichkeit wärst du jetzt tot.«
Er hilft beim Helmabnehmen, lacht. Der Täter kommt mit dem Videomann von oben, trinkt Mineralwasser, entschuldigender Schulterklaps im Vorbeigehen. Der Videomann übergibt Walter das Band, sie sagen was von Frühstück, verschwinden mit dem Schwerverletzten im Erdgeschoss. Er steckt die Kassette in die Oberschenkeltasche vom Kampfanzug.
»Üblicher Fehler. Die meisten lassen sich durchs Schreien ablenken.« Walter nimmt die FX-Waffen, überprüft kurz. Thorstens Haare kleben an der Stirn, er reibt sich die Schulter, verzieht das Gesicht. Keine Scheiben in den Fenstern, es zieht, Kälte im Nacken.
»Wollen wir es uns sofort ansehen oder braucht ihr erst’nen Kaffee.«
»Ne, ist eh schon so spät. Kaffee kann ich hinterher im Büro trinken.«
Thorsten stimmt zu.
Walter geht vor. Im Erdgeschoss hallen die Schritte durch die Leere, Tapetenreste an den Wänden. In der Eingangstür fehlen auch Scheiben, draußen raut der Nieselregen die Oberflächen der Pfützen auf. Zwei Tauben picken auf dem Boden, fliehen beim Näherkommen zielstrebig durch ein Fenster im dritten Stock. Der Rest der Mannschaft sitzt im Grukw, trinkt Kaffee aus Metallbechern, die Standheizung heult leise. Walter schließt den Videowagen auf, Thorsten quetscht sich in den Sitz. Der Recorder verschluckt die Kassette, rewind.
»So, dann wollen wir mal.« Play.
Von links ins Bild, Rücken an Rücken, wie ein verkehrtes Tanzpaar. Der Helm sieht ja Furcht erregend aus. Der Täter am rechten Bildrand, steht im Treppenhaus, an die Wand gelehnt, vorsichtiger Blick, lauert. Da war der schon ganz in der Nähe. Er schleicht die Treppe hoch, wartet ab, Waffe im Anschlag. Kameraschwenk. Kontrolle der beiden Räume, Thorstens Kopf bewegt sich ständig von links nach rechts. Das Schreien klingt wie aus der Dose.
»Bis dahin läuft alles prima, ihr habt’ne volle 360-Grad-Sicherung. Da kann er eigentlich nichts machen.« Walter zeigt auf den Bildschirm.
Der Kameramann geht ins Treppenhaus vor, kurze, wirre Bilder, dann wieder das Tanzpaar, fast im Gleichschritt die ersten Stufen. Schwenk auf den Täter, er geht am Schreier vorbei, weiter die Treppe nach oben.
»Der war ja nur eine Treppe über uns, zwei Meter.« Thorsten schüttelt den Kopf, ungläubig.
»Alles eine Frage der Perspektive«, Walter, den Blick weiter auf dem Bildschirm.
Das Treppenhaus gleitet von hinten ins Bild, wackelt hin und her. Der Schreier verschwindet am unteren Bildrand. Das Tanzpaar schiebt sich an der Wand lang die Treppe hoch, hektische Kopfbewegungen. Der Schreier erscheint wieder, Blick von oben, er greift ans Bein. Schwenk. Kurz, der Täter, hebt die Waffe, nickt ins Bild. Schwenk. Der Schreier reißt am Hosenbein. So heftig hat der gezerrt, gar nicht gemerkt. Schwenk, wieder der Täter, gibt Zeichen. Jetzt. Zwei schnelle Schritte, er schießt sofort, Thorsten schreit, wendet den Kopf, zu spät. Noch ein Schuss, die Farbe spritzt kurz am Helmrand auf.
»Das war der Moment, eine Sekunde unaufmerksam, das reicht.« Walter fährt zurück, das Ganze in Zeitlupe. Reißen am Hosenbein, Blick in den Flur, auf den Schreier, Schuss.
»An der Stelle reichen eben 360 Grad nicht aus, die 90 nach oben kommen noch dazu. Außerdem muss man sich natürlich dazu zwingen, so einen Schwerverletzten nicht zu beachten. Schon schwer.«
»Was soll’s, Walter, aber ich werde in meinem Alter wohl eh nicht mehr in eine Amoksituation kommen, Thorsten auch nicht.« Thorsten grunzt zustimmend.
»Aber ihr könntet trotzdem mal öfter zum Schießen kommen. Ihr K-Leute schlabbert das nämlich ganz schön. Du warst das letzte Mal...«, er nimmt eine Liste, blättert, »... vor vier Jahren da.« Hochgezogene Augenbrauen.
»Walter, wir Tintenpisser von K sind doch Geistesarbeiter. Arbeit mit Köpfchen.« Kurzes Tippen an die Stirn.
Er klappt den Ordner zu, verständiges Grinsen. »Ach ja, ihr seid ja die Weltmeister und ihr vom KK 11 erst recht, ganz vergessen.« Verstaut das Ding wieder im Fach.
»Außerdem, man muss ja nicht immer gleich alle erschießen.« Stille. Thorsten stößt unterm Tisch ans Knie, Walter hantiert am Recorder. Ach ja! Idiot. Riesenidiot.
»Tut mir leid, Walter, ich wollte nicht, also, ich meine...«
»Schon gut. Ist lange her.« Klarer Blick, ohne Peinlichkeit.
»Ja, trotzdem. War’n blöder Spruch. Hatte ich nicht mehr auf dem Schirm.«
»Ist okay, Konni, wirklich. Wie gesagt, ist lange her. Lange her und wirklich kein Problem mehr. Sonst könnte ich diesen Job hier gar nicht machen.« Er boxt zart auf den Oberarm. Wirklich okay.
»Gut. Ich muss jetzt auch.«
Er macht die Schiebetür auf, kommt mit nach draußen. »Ich hoffe, wir sehen uns nicht erst in vier Jahren wieder.«
»Ich werde mich bemühen. Und noch mal sorry wegen eben.«
»Mach dir keinen Kopp, Junge. Du weißt doch: alles eine Frage der Perspektive.« Gruß, er geht zu den anderen in den Wagen.
Thorsten hat kein Auto dabei, will mitfahren.
Der Regen ist stärker geworden.

12 Uhr 08

Dieser Geruch.
Ulla telefoniert, nickt stumm, sieht dabei aus dem Fenster. Sie greift nach hinten, holt sich den Spurenordner, blättert.
»47. Meier hieß der.« Wieder nickendes Zuhören.
Edda steht an den Aktenschrank gelehnt, Altenkamp sitzt vor dem Bildschirm, taucht seinen Teebeutel ständig in die Tasse. Dieser Geruch. Ulla legt auf, notiert etwas, legt es in ein Körbchen.
»Wir fahren nachher noch mal zur Wohnung des Opfers«, Altenkamp, ohne den Blick vom Teebeutel zu nehmen. »Die Nachbarin aus der Dachgeschosswohnung hat eben angerufen, sie will uns was zeigen.«
»Gut«, sie nickt, »dann könnt ihr noch den Umschlag hier mitnehmen und beim Staatsanwalt abgeben. Liegt ja auf dem Weg.« Sie steckt den Falz mit einer Büroklammer fest, reicht den Umschlag rüber. »Jetzt zu dir: Danke, dass du gekommen bist, Konni, ich hab nur’ne kurze Frage. Du hattest doch im Frühling den Mord an dem Rentner im Südpark? Wo hatte der Täter damals das Opfer getroffen?«
»Den ungeklärten Raubmord? Getroffen hat der den wahrscheinlich im Park, aber nach allem, was wir ermitteln konnten, hat er den wahrscheinlich schon seit der Sparkasse verfolgt und ihn dann bei günstiger Gelegenheit angesprochen. Aber, sag mal, was riecht hier so?«
Edda am Fenster kichert hell. »Das ist Heinz’ Gebräu. Der fastet schon fünf Tage und quält uns die ganze Zeit mit diesen gesunden Tees. Was ist es denn heute, Heinz?«
»Wermut-Bärlauch, selbst gemischt. Abführend, blutreinigend und gut für die Nieren.« Er wringt den Beutel mit den Fingern aus, wirft ihn in den Papierkorb neben Ullas Schreibtisch.
»Aber sofort da raus!« Ulla mit funkelnden Augen. »Die Putzfrau war schon da, und wenn der die ganze Nacht hier drin liegt, halte ich es hier morgen früh nicht mehr aus.«
»Dann hast du wenigstens keine Fliegen in der Bude«, Edda mit Kichern.
»Soll ich die Akte mit dem Rentner für dich raussuchen?«
»Ne, erst mal nicht.« Ulla winkt ab. »War nur so eine Idee. Wir machen noch ein paar andere Sachen zu Ende, wenn die nichts bringen, müssen wir vielleicht darauf zurückgreifen. Ich wollte es nur erst mal wissen.«
»Du musst es wissen. Wenn, dann jetzt, ich bin nämlich gleich weg.«
»Wie weg?«
»Ich habe Fußballkarten. Geschenk für meinen Neffen, und da müssen wir pünktlich los.«
»Na, dann mal viel Spaß!«
»Hängt stark vom Ergebnis ab. Aber ich will pünktlich los und muss vorher noch ein bisschen Wegzehrung besorgen.«
Sie grüßen, Heinz mit einem Schlürfen.
»Zieht euch man warm an, bei dem Wetter.« Ulla ruft hinterher.
Stimmt. Könnte kalt werden.
 
Colorado. Zwei Tüten. Und Yoghurtgums, das müsste reichen.
»Nein, Alexander, nein, das gibt es nicht. Oma wird gleich böse.« Alexander reckt sich aus dem Einkaufswagen, grabscht sich eine Tüte Lakritzschnecken. Oma legt sie zurück, Alexander nörgelt, stummelige Milchzähne. »Wenn du das immer machst, wird Oma ganz traurig, und wenn Oma immer traurig ist, wird sie krank.«
Das ist ja nicht zum Aushalten.
Alexander gnarzt, greift sich die nächste Tüte.
»Alexander ist ein ganz böses Kind, Alexander macht Omi ganz traurig und böse. Und wenn Omi immer traurig ist, wird sie ganz krank und stirbt.«
Wenn er Glück hat. Schnell weg.
Am Getränkeregal Riesenauswahl. Mein Gott, was trinkt man denn mit zwölf. Cola? Muss nicht sein. Eistee. Eistee Pfirsich hört sich zumindest gesund an. Und ein Wasser.
Das Handy.
»Kirchenberg.«
»Hier ist Helmut. Wo bist du gerade?«
»Ich bin im Supermarkt, wollte gleich zum Fußball fahren, hatte ich dir doch gestern gesagt.«
»Ja, ich weiß. Ganz großer Notfall, Konni, wir haben einen Toten, wieder im Müll. Die MK-Bereitschaft ist zum Asylantenheim, da gab es eine Messerstecherei mit einem Toten, Ullas Leute sind alle unterwegs, und sonst habe ich nur noch Hansi. Aber der kann noch nicht so einen Tatort machen.«
»Helmut, ich habe die Karten seit acht Wochen, das kann doch wohl nicht wahr sein. Das ist ein Geschenk für meinen Neffen. Was ist denn mit Klaus Glowatzki, frag doch mal bei den Zwölfern nach. Der kann das auch.«
»Klaus war bis vorgestern drei Wochen in Ullas MK. Wenn ich Kurt anrufe und frage, ob Klaus uns einen Tatort macht, frisst der mich auf. Du siehst, ich habe mir schon meine Gedanken gemacht. Ich weiß, dass es blöd ist, aber es ist wirklich niemand anderes da.«
»Mann, Mann, Mann, ich komme.« Das kann doch wohl nicht wahr sein. Hat man einmal was vor, einmal im halben Jahr. Verdammte Scheiße. Maurer hätte man werden sollen, das wär’n anständiger Beruf gewesen. Und Dominik, der wird völlig fertig sein. Der hat sich gefreut wie ein Schneekönig. Dann muss Gerda mit ihm dahinfahren, einmal kann die das machen. Wohin jetzt mit dem Zeug? Mitnehmen. Ein Toter im Müll, wahrscheinlich wieder am Ende der Welt. Wer weiß, wann es da wieder was gibt.
An der Sieben-Teile-Kasse Oma mit Alexander. Das hat gerade noch gefehlt. Scheint ja ein Glückstag zu werden. Der Kleine fingert sich einen Lutscher.
»Nein, Alexander, das darfst du nicht.« Oma legt das Ding zurück, Alex fängt an zu krähen, macht das Rumpelstilzchen.
»Du musst jetzt aber mal lieb sein. Oma muss gleich auch weinen, wenn du so böse bist. Und wenn Oma immer weinen muss, wird sie ganz krank.« Alex gibt weiter Gas, Oma zahlt nebenbei. »Und wenn der Weihnachtsmann das hört, dann kommt der mit seiner ganz großen Rute und ist ganz böse und enttäuscht, und dann hat der gar keine Lust mehr, den Kindern was zu bringen. Dann sind alle Kinder traurig, nur weil Alexander so böse ist.« Sie schiebt den Wagen weiter, packt den Rest ein. Alex schreit.
Dass so was frei rumlaufen darf. Die Kassiererin gibt das Wechselgeld. Bloß weg. Oder? Nein. Zurück.
»Weißt du was, Alexander?« Der Kleine hört auf zu schreien, glotzt aus nächster Nähe. »Wenn du mal groß bist, dann verkleidest du dich als Weihnachtsmann, steckst Oma in einen Sack, machst den zu und wirfst sie in den See, okay?« Offener Mund, die Tränen glänzen auf seiner Wange, Oma braucht ein paar Sekunden.
»Wer sind Sie..., also was reden Sie da, was machen Sie denn mit dem Kind?«
»Ich hab ihm nur einen Tipp gegeben, Lebenshilfe.«
»Unverschämtheit!« Sie kommt langsam in Fahrt, die Kassiererin grient. »Man sollte die Polizei holen.«
»Wenn alle Kinder so erzogen würden, hätten wir wahrscheinlich nur noch Massenmörder.«
»Dass man sich das bieten lassen muss, ich werde Sie anzeigen«, hinterhergerufen mit erhobenem Zeigefinger. An den anderen Kassen drehen sich einige um.
Draußen Nieselregen.
Ein Toter im Müll. Scheint ja Mode zu werden.

13 Uhr 03

Die gelbe Rundumleuchte blinkt, das Rolltor gleitet zur Seite, eine der Rollen quietscht.
Beckmann rollt vom Hof, auf dem Beifahrersitz der junge Binz. Sie halten kurz, die Scheibe fährt nach unten.
»Wir fahren schon mal los. Helmut hat gesagt, du machst den Tatort.«
»Sprich mich bloß nicht drauf an. Eigentlich habe ich Fußballkarten für heute Abend.«
»Schon gehört. Der Fotograf ist auch unterwegs.«
»Wo ist es überhaupt?«
»Auf einem Parkplatz an der Bundesstraße, einen Kilometer hinter’ner Kneipe, Weidenkrug. In einem Müllcontainer.« Binz funkt, Beckmann fährt die Scheibe hoch, gibt Gas.
Auf dem Flur in der sechsten Etage gedämpfte Hektik. Was ist denn los hier? Ulla kommt aus ihrem Büro, eine Rotakte unterm Arm.
»Konni!? Helmut sagt, du machst den Tatort. Ich dachte, du wärst weg?«
»Das dachte ich auch.«
Petra im Vorzimmer tippt, lächelt im Vorbeigehen, Helmut redet mit dem DGL der Kriminalwache.
»Konni, da bist du ja.« Er presst die Lippen aufeinander, teilnehmender Blick. »Hatte ich dir ja schon erklärt, wir haben keinen anderen. Und es könnte auf den ersten Blick was mit Ullas Sache zu tun haben. Nur Hansi wäre noch da...«
»Schon gut. Ist bestimmt nicht das letzte Mal. Es ist an der Bundesstraße?«
Der DGL K-Wache reicht einen Zettel. »Parkplatz Weidengrund. Fünfhundert Meter hinter dem Lokal. Das ist dieser umgebaute Fachwerkhof.«
»Ein Auto habe ich dir schon besorgt, liegt bei dir im Zimmer. Ulla trommelt ein paar Leute zusammen und kommt nach. Sie macht erst mal den ersten Angriff. Wie wir dann weitermachen, müssen wir mal sehen.« Helmut hebt noch mal die Schultern. Schon gut. Du kannst auch nichts dran machen.
Auf dem Flur Stille, die Tasche mit den Fahrzeugpapieren liegt mitten auf dem Schreibtisch. Grad noch Gerda anrufen.
»Gerda Borchert?«
»Hallo, Schwesterchen, hier ist Konni.«
»Hallo. Wann kommst du, Dominik wartet schon.«
Einmal tief durchatmen. »Ich mag es gar nicht sagen, Gerda, aber ich komme gar nicht. Du musst fahren, du oder meinetwegen auch Kurt. Ich war schon auf dem Weg, aber wir haben einen Tatort, und ich bin der Einzige, der den zurzeit machen kann. Saublöd, ich weiß, aber ich kann es wirklich nicht ändern.«
»Was, das gibt es doch gar nicht. Dominik hat sich so gefreut...«
»Ja, ist mir schon klar, darum gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du fährst mit ihm dahin oder meinetwegen auch dein Kurt. Der ist doch arbeitslos und müsste Zeit haben.«
Stille am anderen Ende.
»Und wie soll ich das machen?«, nach zehn Sekunden. »Ich hatte heute eigentlich was anderes vor.«
»Wie ihr das für euch regelt, müsst ihr sehen. Die Karten stecken bei mir in der Küche an der Pinnwand. Ihr klingelt bei Frau Gierth, die hat einen Schlüssel.«
»Ich überleg mal, was sich machen lässt, irgendwas fällt mir schon ein. Blöd ist nur, dass wir so früh fahren müssen.«
»Du kriegst das schon hin. Ich muss jetzt los, okay. Grüß Dominik von mir, ich melde mich, sobald ich Zeit habe.«
Gruß, sie legt auf.
So, Wagen, Tatortkoffer, Diktiergerät, alles dabei.
Und noch Frau Gierth. Fast vergessen.

13 Uhr 56

Der Fahrtwind schiebt die Regentropfen die Scheibe hoch, der Intervallschalter reicht nicht mehr. Ist ja genau das richtige Tatortwetter. Der Platz vor dem Weidenkrug ist leer, eine Katze gleitet durch den Jägerzaun. So, noch fünfhundert Meter. Der Streifenwagen ist schon von weitem zu sehen, blockiert die Einfahrt zum Parkplatz. Tom winkt weiter, erkennende Handbewegung, er kommt ans Fenster, der Kragenrand schabt über die Bartstoppeln.
»Mahlzeit, Konstantin, hättest auch besseres Wetter mitbringen können. Die Leute vom ED sind ganz schön am Fluchen.«
»Mahlzeit, Tom. Muss sich bei euch der DGL persönlich in den Regen stellen?«
»Na ja, wenn’ne Leiche im Müllcontainer keine DGL-Lage ist, was dann?« Von seinem Mützenschirm tropft es, er klopft mit der flachen Hand aufs Dach.
Müller steht auf der anderen Straßenseite, schon in Weiß, fotografiert. Auf dem Parkplatz neben dem Transit vom ED ein Streifenwagen, hinten Müllers Wagen quer in der Ausfahrt, davor ein kleiner Transporter, auf der Ladefläche Maurergeschirr. Der Fahrer steht neben der Fahrertür, gelbe Regenjacke, raucht, unterhält sich mit dem Beifahrer.
Beckmann und Binz ziehen die Plane über das Gestänge, kletten sie fest, stellen den Pavillon über den Müllcontainer. Einer von der zweiten Streifenwagenbesatzung fasst mit an. Sie gehen zum Transit, öffnen die Schiebetür, ziehen sich die Overalls an. Der Regen macht helle Geräusche auf dem Zeltdach. Saukälte. Die Leichenhandschuhe verstärken das Gefühl noch, Gänsehaut.
»Kann ich schon dran?«
»Sei drinnen vorsichtig, auch oben am Rand, fass am besten nichts an, aber davor ist nur Asphalt, da kannst du nichts mehr kaputtmachen.«
Der Schiebedeckel des Containers steht auf, ist zur Hälfte mit Müll gefüllt, darauf die Leiche, nackt, Seitenlage. Kräftiger Bursche für das Alter, aber nicht mehr der Jüngste. Die Arme auf dem Rücken, die Hände durch einen zusammengeknüllten Müllsack verdeckt. Wahrscheinlich gefesselt. Die Beine vor dem Bauch angezogen. Sieht aus wie ein Kind im Mutterleib. Obendrauf weiße Plastiktüten, loses Papier, rosa, Pommesreste, eine Bonbontüte, »Nimm 2«. Auf den Unterschenkeln Eierschalen, Kippenreste und Asche. Sein Kopf liegt auf einer leeren Plastikflasche, Eistee Pfirsich. Auf dem Ohr ein halbes belegtes Brötchen, daneben ein angebissener Apfel. In der Restmülltonne, die Leute lernen’s einfach nicht.
Seine Augen sind leicht geöffnet, der Mund auch, grauer Drei-Tage-Bart. Könnte’ne Strangulationsspur sein, da am Hals. Ja, ist stranguliert worden. Sieht aus, als hätte er noch Schmerzen. Wollen wir mal nicht für dich hoffen. Die Haut lilagrau, am Rücken und an der Hinterseite der Beine dunkelrote Totenflecke.
»Die Totenflecke sind nicht lagegerecht.«
»Hab ich auch schon gesehen, ist aber nicht verwunderlich.« Beckmann zieht die Handschuhstulpen über die Ärmel, kommt mit langsamen Schritten. Er drückt drei Sekunden auf den hinteren Beckenknochen, nimmt den Daumen weg, die Stelle bleibt dunkel.
»War klar, aber nur zur Sicherheit. Außer der Strangulationsspur kann ich auf den ersten Blick keine Verletzungen erkennen, höchstens vorne am Hals, das könnte ein Hämatom sein. Kommt wahrscheinlich vom Strangulationswerkzeug.« Er zeigt auf den Adamsapfel. Schon möglich. »Sind die Obduzenten schon unterwegs?«
Die Uhr zeigt 14.19. »Die müssten so in einer Stunde da sein. Wenn sie gut durchkommen.«
»Na toll. Diese Hektiker im Rücken. Die ziehen dir hinterher wieder die Leiche unter der Folie weg. Komm, Uwe, wir fangen an.« Binz nickt, kommt mit einer kleinen Stehleiter. Er sucht noch mal intensiv den Bereich vor dem Container ab, stellt die Leiter auf.
»Also, ich hab mir das folgendermaßen gedacht: Wegen des Sauwetters machen wir hier nur das Nötigste, ist nämlich alles nass. Wir nehmen den oberen Müll runter, kleben die Leiche in der Auffindesituation ab, nehmen sie raus, kleben die Rückseite ab und lassen sie abfahren. Möglicherweise kann man sie vor der Obduktion, wenn sie etwas trockener ist, noch ein zweites Mal abkleben. Dann bringen wir den Container, so wie er ist, zu uns und lassen den auch trocknen. Dann können wir hier erst mal die Umgebung machen.«
»Wenn du meinst, nichts dagegen.«
»Ich halte das wirklich für das Beste.« Er geht zum Container, steigt auf die Leiter, Binz holt Tüten aus dem Tatortwagen.
Die Kollegin steht an der Beifahrertür des Streifenwagens, funkt im Stehen, das Kabel durchs offene Fenster. Sie ist fertig.
»Mahlzeit, Konstantin Kirchenberg, KK 11. Ihr wart erstes Fahrzeug?«
Sie nickt. »Ja, wir haben 12 Uhr 32 von der Leitstelle den Einsatz bekommen, waren auch ganz in der Nähe. Um 42 waren wir hier, na ja, und dann haben wir eigentlich nicht mehr viel gemacht. Den Anrufer notiert, kurz befragt, er dahinten«, sie zeigt auf den Bauwagen, »die Leitstelle informiert, abgesperrt. Mit Fahndung war ja nichts mehr.«
»Schon klar. Ist euch irgendwas aufgefallen? Wahrscheinlich nicht. Der liegt nämlich mindestens ein paar Stunden da drin, wahrscheinlich länger.«
»Ne«, sie schüttelt den Kopf, pustet in die Hände, reibt sie. »Hier war weit und breit kein anderes Fahrzeug außer dem des Zeugen.«
»Okay, danke. Unsere Leute kommen gleich. Ihr schreibt kurz was dazu?«
Sie nickt, na klar.
Der Transporter steht kurz vor der Ausfahrt, der Motor läuft, das Gebläse heult. Der Fahrer stellt beim Näherkommen den Motor ab, steigt aus.
»Tag. Mein Name ist Konstantin Kirchenberg, ich bin von der Kripo. Sie haben den Toten gefunden, Herr...?«
»Tarik Öztürk.« Er wirft die Kippe auf den Boden, tritt sie aus. »Ja, wir haben Mittag gemacht und wollten den Müll da reinwerfen. Ich hab den erst gar nicht gesehen.« Kein Akzent.
»Sie haben den Container ganz aufgeschoben oder war der auf?«
»Ne, wir hatten die Pommesschachteln und das ganze Papier und die Flaschen in eine Plastiktüte getan, die passte oben nicht durch den Schlitz, da musste ich das aufmachen.«
»Hm. Und da haben Sie die Leiche gesehen.«
»Ja«, mit Nachdruck. »Ich hatte mich fast schon umgedreht, dann ist mir das erst aufgefallen, dass das ein Gesicht ist.« Er schüttelt den Kopf, sieht ins Leere.
»Warum haben Sie hier gehalten, ich meine auf diesem Parkplatz?«
»Weil es grad passte.« Wirklich kein Akzent. »Wir hatten uns an der Bude vor’n paar Kilometern was geholt, aber da kann man schlecht parken. Da sind wir einfach weitergefahren bis zum nächsten Parkplatz, das war dieser hier.«
»Gut, Herr Öztürk, erst mal reicht mir das. Wir müssen Ihre Aussage natürlich kurz aufnehmen. Haben Sie noch einen Augenblick Zeit? Meine Kollegen sind schon unterwegs?«
»Wie lange dauert das denn? Wir sind auf dem Weg zur Baustelle, die warten auf uns, und wir sind eh schon spät dran.« Er zieht die Schultern hoch.
»Die müssten in ein paar Minuten da sein. Wo ist denn die Baustelle?«
»Das neue Zementwerk, so zwanzig Kilometer weiter.«
»Da müssen Sie heute arbeiten, bei dem Regen? Gab es früher nicht mal so was wie Schlechtwetter?«
»Nicht bei Terminarbeiten.« Müdes Lachen.
Bei der Kälte auf den Bau. Doch keine Alternative.
»Sonst alles okay?«
Er wiegelt ab, ja, ja, alles klar. Ach, ja.
»Macht’s Ihnen was aus, die Kippe aufzuheben? Ich weiß noch nicht, in welchem Umkreis wir die Spuren sichern, aber zur Vorsicht?« Er hebt sie auf, schlanke Hände, steigt wieder ein, der Diesel nagelt beim Anlassen.
Beckmann und Binz haben die oberste Schicht Müll eingetütet, kleben die Leiche ab. Der blaue Passat rollt auf den Parkplatz, Ulla, Ernst auf dem Beifahrersitz. Dahinter Edda und Altenkamp im Vectra. Ulla steigt aus mit fragendem Blick.
»Da drin?« Sie geht zum Container, stützt sich an Beckmanns Oberschenkel ab, schaut vorsichtig hinein. Kreisender Blick, leises Nicken. Sie kommt zurück. »Die Hände sind mit Kabelbinder gefesselt.«
»Wie bei Kunz?«
»Wie bei Kunz. Hat auch sonst Ähnlichkeit. Wer hat ihn gefunden?«
»Er dahinten. Ich hab ihn kurz angehört, müsste sich bald einer drum kümmern, weil die auf dem Weg zur Baustelle sind.«
Sie reckt den Hals, sieht zu den Türken. »Machst du das?« Ernst geht wortlos.
»Übrigens, Konni. Ernst kam überraschend früher zurück. Er hat schon den Tatort im Industriegebiet gemacht. Er kann auch diesen machen, wenn’s dir noch hilft.«
Na, klasse. »Vergiss es. Jetzt bin ich hier. Schon alles anders eingestielt.«
Sie klopft ihm mitleidig auf die Schulter.
Die Autos auf der Bundesstraße bremsen ab, die Fahrer verdrehen die Hälse, schauen rüber.
»Was glaubst du, wie lange liegt er schon?« Ulla zieht die Schultern hoch, friert.
»Nach der Leichenstarre und der Totenflecke mindestens seit heute Nacht.« Beckmann reicht Binz einen Klebestreifen. »Könnte aber auch vorher woanders gelegen haben, irgendwo draußen oder in’nem Kofferraum, und ist erst vor kurzem hierher gebracht worden.«
Ulla schüttelt den Kopf, denkt nach. »Eher unwahrscheinlich. Ich glaube, den haben sie bei Dunkelheit da reingelegt. Am Tag traut sich das keiner.«
»Lag er so frei?«
»Es lag schon einiges an Müll auf der Leiche, aber der kann auch hinterher drauf verteilt worden sein, künstlich, als Dekoration.« Beckmann von oben.
»Wie ist er gestorben?«
»Sieht so aus, als wäre er erdrosselt worden.«
»So, das war die letzte Folie, wir könnten ihn jetzt rausnehmen.« Er steigt von der Leiter, sieht zur Straße, verzieht den Mund. »Wir sollten die Autos davor fahren. Presse ist zwar noch nicht da, aber es kommt doch das ein oder andere Auto vorbei. Muss ja nicht jeder sehen.« Binz geht zum Transit, fährt ihn davor. Altenkamp fragt die Kollegin im Streifenwagen. Sie steigt ein, setzt den Passat rückwärts an das Heck des Transit. Binz hat Schwierigkeiten beim Ausbreiten der Folie, sperriges Ding, an den nassen Auflageflächen scheint der Asphalt durch. Er geht ans Fußende, Beckmann auf der Leiter fasst in den Container.
»Zugleich!«
Sie heben ihn heraus wie ein Möbelstück, kurze, schleifende Schritte unter Belastung, scheint ganz schön schwer zu sein. Ob man den da allein reinkriegt? Ganz sachtes Ablegen, Schnaufen, Beckmann richtet sich auf, drückt sich mit der Rechten ins Kreuz.
Binz tastet noch mal den Kiefer ab, zerrt sacht an den Armen, den Oberschenkeln.
»Die Beine lassen sich ein bisschen bewegen, der Rest ist noch völlig starr. Eigenartig.«
»Könnte sein, dass die Beine nach Einsetzen der Totenstarre noch mal bewegt wurden.«
Beckmann überprüft selber, richtet sich wieder auf. »Vielleicht haben sie ihn erst nachträglich in diese Embryostellung gebracht.«
»Damit er in den Container passt?« Ulla mit Blick auf die Leiche.
»In den Container oder erst mal in einen Kofferraum oder so.«
»Könnt ihr schon irgendwelche Verletzungen sehen?« Wieder Ulla.
Binz kniet nieder, geht ganz dicht an den Hals heran. »Vorne am Hals, das ist mit Sicherheit ein Bluterguss, und hinten an der Strangulationsfurche ist auch noch’ne kleine Wunde. Sieht nach’nem Tuch aus oder so was Ähnliches.«
»Könnte’n Deutscher sein. Auf jeden Fall kein Südländer, so vom Typ her.«
»Okay«, Beckmann sieht auf. »Wie dem auch sei. Ich würde ihn jetzt gern umdrehen und abkleben, bevor die Obduzenten kommen, die machen immer so viel Druck.«
Sie drehen ihn, die Steifheit gibt ihm etwas Leichtes, Künstliches. Wie eine Plastik.
»Er hat länger auf dem Rücken gelegen.« Ulla schüttelt ihren Schirm, faltet ihn zusammen, schiebt ihn in die Manteltasche.
»Mindestens zehn Stunden«, Beckmann hantiert nebenbei mit den Klebestreifen. »Dabei können wir die Kälte noch nicht einschätzen.«
»Das passt auch zu den Beinen. Die könnten später in die Position gebracht worden sein, vielleicht nach vier, fünf Stunden. Wenn die Starre voll ausgeprägt ist, wird’s schwer. Na ja, und das mit der Kälte ist wirklich schwierig.«
»Warten wir auf die Gerichtsmediziner. Da kann Frau Dr. Richter vielleicht mehr zu sagen.«
Ulla sucht sich eine Ecke unter dem Pavillon, nimmt ihren Block aus der Tasche. »So, Konni, du machst den Tatort. Wir können hier erst mal wenig tun. Nach den Todeszeichen und auch sonst ist es wahrscheinlich, dass er im Dunkeln hier abgelegt worden ist. Darum schlage ich vor, dass die andern drei jetzt hier die Häuser im Umkreis abgrasen. Vielleicht war ja heute Nacht einer mit’nem Hund unterwegs oder hat sonst was gesehen. So viele Häuser sind’s ja nicht.«
Wortlose Zustimmung, Ernst geht zum Auto.
»Wenn wir hier nichts mehr finden, was auf seine Identität hinweist, wovon ich ausgehe, Edda, kannst du ja hinterher schauen, was bei den Vermissten zu machen ist.« Edda nickt, alles klar. »Ich fahr dann wieder rein und bespreche mit Helmut, wie wir weiter damit umgehen. Noch Fragen?« Keine Fragen, alle gehen auseinander.
Binz und Beckmann ziehen die Folien ab, kleben sie auf den Träger. Dieses Geräusch beim Abziehen von der Haut. Nicht vergleichbar. So, mal langsam in die Gänge kommen, sonst wird das heute nichts mehr. Der Speicher ist leer, Batteriestatus steht auf voll.
»Auffinden einer männlichen Leiche, Datum von heute, Absatz, Tatortbefundbericht. Absatz, eingerückt, objektiver Befund, Absatz. Am heutigen Tage...«
»Konni.« Ulla kommt mit zügigen Schritten, es tropft von ihrem Schirm. »Kannst du bei der Obduktion dabei sein?«
»Was soll ich denn noch alles machen? Wer weiß, wann ich hier fertig bin?«
»Ja, könnte sein, aber Beckmann sagt, dass sie den Container sowieso erst in die Garage bringen wollen.« Sie entfaltet einhändig ein Taschentuch, schnäuzt sich.
Blick auf die Uhr. 15 Uhr 11. »Die Obduzenten müssten spätestens in’ner drei viertel Stunde hier sein. Dann haben die hier noch’ne Zeit zu tun, schätze mal, die Obduktion fängt in zwei Stunden an. Mal sehen, ob das klappt.«
Sie trötet noch zweimal laut. »Ruf an, wenn es nicht klappen sollte, dann müssen wir uns was überlegen. Du musst ja auch nicht von Anfang an dabei sein.« Kurzer fragender Blick. Wird schon irgendwie gehen. Knopfdruck, sie spannt den Schirm wieder auf.
An der Parkplatzeinfahrt spricht der DGL mit dem Fahrer des Leichenwagens, winkt ihn durch. Wer hat den denn schon angerufen? Muss er halt warten. Die anderen stehen am Vectra, machen eine kurze Konferenz im Regen. Edda versucht, ein Stück von Ullas Schirm zu ergattern. Sollten wir grundsätzlich einführen, Konferenzen im Stehen, dann würde weniger dummes Zeug geredet. Auf der Straße kommt ein dritter Streifenwagen, der DGL weist ihn ein, sie stellen sich an die Ausfahrt des Parkplatzes. Die Regentropfen ploppen auf die Kapuze. Wo waren wir denn? Play. »Objektiver Befund, Absatz.« Schnarrende Stimme aus dem kleinen Speaker. Fremd.
»Am heutigen Tage teilte die Einsatzleitstelle telefonisch mit, dass...«
»Konni!« Ulla. Meine Güte, was ist denn jetzt noch? Sie hat die Scheibe einen Spalt auf. »Zu deiner Information: Atze macht den Aktenführer. Halt uns zwischendurch auf dem Laufenden.« Machen wir. Sie rollt ab.
Binz ruft, zeigt bei der Leiche auf eine Stelle im Nacken. Ja, sieht aus, als sei es eine Schnur gewesen. Er zieht noch eine Folie ab. Dieses Geräusch. Jetzt muss es aber langsam losgehen. Play. „… teilte die Einsatzleitstelle telefonisch mit,…»
»… dass auf einem Parkplatz an der Bundesstraße...«
Ein dunkler Audi rollt auf den Parkplatz. Frau Dr. Richter steigt aus, Knopfdruck, der Schirm springt auf, Blumenmuster.
»Tag, Herr Kirchenberg.«

19 Uhr 12

Roland macht den letzten Stich mit der Rundnadel, zieht das Garn stramm, schneidet den Rest ab. Er drückt die Naht leicht gerade, streicht mit dem Daumen übers Gesicht. Letzte Zärtlichkeiten. Mit dem Zeigefinger von oben hinter die Stirnhaut, er zieht sie ein wenig glatt, versucht ihm sein altes Aussehen zu modellieren. Noch ein prüfender Blick, »so, mehr können wir nicht mehr für dich tun«, dann packt er die Sachen zusammen. Frau Dr. Richter steckt das Diktiergerät in ihren Aktenkoffer, im Vorraum hängen die Mäntel. Die Sohlen ihrer Stiefel quietschen auf den Fliesen. Sie zieht den Mantel über den ausgestreckten rechten Arm.
»Jetzt muss ich aber erst mal was essen. Seit heute Morgen hatte ich nur ein halbes Käsebrötchen. Gibt’s noch diesen Italiener an der einen Kirche, wo wir schon mal gemeinsam waren?«
»Da Renato? Den gibt es noch. Heißt auch noch so, obwohl Renato jetzt durch Willi ersetzt wurde.«
»Kommen Sie noch mit, Herr Kirchenberg?« Aufforderung mit warmem Lächeln. Aber müde Augen.
»Verlockendes Angebot, aber ich muss den Bericht heute noch diktieren und mal schauen, ob unsere Spurensicherer aus dem Müllcontainer noch was Brauchbares geholt haben. Der müsste mittlerweile schon zum Trocknen in unserer Garage stehen. Außerdem ist noch nicht klar, ob wir diese Tat mit der MK Container zusammenlegen. Wäre schon gut, wenn das heute noch entschieden würde.«
Die Ärmel ihres Nylonmantels schaben sirrend im Takt ihrer Schritte, dazwischen das Quietschen der Sohlen.
»Die Leiche hatte ich auch und es gibt schon ein paar Parallelen.« Sie zieht die Augenbrauen hoch, kurzer Seitenblick. »Wobei dieser hier sehr wahrscheinlich mit einer Schnur erwürgt wurde und der letzte aus dem Müll eindeutig mit den Händen. Und dieser hatte keine Schädelverletzung.«
»Außerdem sind beide ältere Männer und in ähnlicher Auffindesituation, das ist schon auffallend. Gut möglich, dass wir die Fälle zusammenlegen.«
Draußen hat es aufgehört zu regnen, über den Dächern ist ein Stern zu sehen, zwei. Roland hat links die Tasche, fingert sich mit der Rechten einhändig eine Kippe aus der Schachtel, orange, Ernte 23. Er bietet eine an. Beckmann und Binz sind schon weg, sonst auch keiner mehr von unseren da.
»Eigentlich hab ich’s ja aufgegeben. Aber so auf den Stress...«
Das Feuerzeug tut es nicht, drei Versuche, er schüttelt kräftig, jetzt. Mit der kalten Luft ganz tief, leichtes Brennen in den Bronchien, das Nikotin wuchtet sich nach drei Sekunden sanft ins Gehirn.
»Gut, dann werden wir unseren Salat mal alleine essen.« Sie reicht die Hand.
»Salat?« Roland, die Kippe im Mundwinkel. »Höchstens vor der Pizza.«
Die Blinker des Audi leuchten kurz auf. A6, Riesenwalzen. Ist das eigentlich ein Dienstwagen, oder fahren die ihre privaten Karren? Roland verstaut die Taschen, schlägt die Klappe zu. Sattes Geräusch, satt und teuer. Sie startet den Motor, grüßt kurz, blitzendes Lächeln, sie rollen vom Hof.
Das Schloss hakt. Im Radio Einheitspop, auch egal. Fußball fängt erst in einer Stunde an. Wo Dominik jetzt wohl ist.’ne Stunde vorher sollte man schon im Stadion sein, bisschen Atmosphäre schnuppern. Gleich vom Büro aus mal anrufen. Die Straßen trocknen langsam ab, letzte Feuchtigkeit, glänzen matt. Soviel über null haben wir nicht mehr, könnte schon glatt werden.
 
Drei Versuche beim Sesam-öffne-Dich, das Tastenfeld ist schon ganz schön ausgelutscht. Die Hauswände reflektieren das gelbe Blinklicht, flirrende Schatten, Ornamente. Ist eigentlich gar nicht richtig hell geworden heute. Durch das Lichtband im Tor zur Garage fällt ein heller Streifen auf das Hofpflaster. Beim Türöffnen drückt die Wärme dumpfen Müllgeruch nach draußen, der Heizlüfter bullert. Mitten im Raum der Container, Beckmann auf einer der beiden Leitern. Auf den Fliesen ausgebreitet Plastikfolie mit Müll. Beuys hätte seine Freude gehabt. Beckmanns Oberkörper verschwindet bis zum Bauch im Container, Binz auf den Knien, friemelt etwas auseinander, lässt sich dabei nicht stören. Flüchtiger Seitenblick.
»Wir haben schon mal versucht, etwas zu systematisieren«, Beckmann erscheint wieder aus der Tiefe. »Zum einen von oben nach unten wegen der Liegezeit, und dann nach Wichtigkeit. Zuerst die möglichen Spurenträger, also Kippen und so’n Zeug, dann die völlig wertlosen Sachen und dann Dinge, die vielleicht für Hinweise gut sind. Da hinten ist zum Beispiel’ne Zeitung von vorvorgestern mit Namen drauf.«
»Und da vorne noch ein Falkplan von Köln«, Binz zeigt auf die hintere Ecke. »Wenn der trocken ist, kann man ihn mal auseinanderblättern, vielleicht steht was drin, Markierungen oder Telefonnummern oder so.«
Der Muff liegt im Raum wie ein Kissen.
»Dann noch drei Behältnisse, die zusammengehören.« Er steigt von der Leiter, legt zwei Plastikflaschen auf eine der Folien. »Einmal die Pommestüte von den Arbeitern, dann ein Beutel mit alten Malersachen, Pinsel und so weiter, und dann einen echten Hausmüllbeutel. War zu Hause wohl der Mülleimer voll, kenn ich.«
»’n Ausweis oder was Ähnliches war nicht zufällig dabei?«
Gequältes Grinsen. »Ne, nur zwei Reisepässe. Aber die haben wir entsorgt. Sind ja wertlos, stehen ja keine Adressen drin.«
Ja, ja. War nicht so gut. »Okay, macht man. Ich gehe hoch, mal hören, was Ulla so zu erzählen hat.«
 
Bei der Sechs im Fahrstuhl ist der linke untere Querbalken kaputt. Die Sechs ist eine Fünf. Etwas viel Schwung beim Öffnen, die Fahrstuhltür schlägt an die Wand, es hallt durchs Treppenhaus. Im Flur der Geruch von Reinigungsmitteln, Ullas Raum ist leer.
»Wir sind hier.« Aus dem MK-Raum.
Die Uhr an der Wand zeigt zwanzig nach, in fünfundzwanzig Minuten ist Anstoß. Altenkamp am Terminal, tippt, Ulla und Atze sortieren Blätter im Stehen, kurzer Gruß.
»Na, wie war es noch?«
»Hat sich nach unserem Telefonat nichts Weiteres mehr ergeben. Er ist erdrosselt worden mit einem Werkzeug, sonst nur noch eine kleine Verletzung am Kopf. Nicht sehr schlimm, vielleicht von einem Sturz. Außerdem noch ein paar Abwehrverletzungen an den Armen.«
Edda kommt träge, keine passenden Vermissten. Dann Ernst, wirft einen Stapel Blätter auf den Tisch.
»Na, was Neues?«
»Nichts Neues.«
Er fährt sich mit den Fingern durchs Haar, reibt sich die Augen. Wird auch immer grauer, unser Ernst. Schon wesentlich mehr Grau als Schwarz. Aber immer noch schlank. Und jugendliche Bewegungen. Er nimmt sich die Jacke. »Kommst du?« Altenkamp nickt mit Blick auf den Bildschirm, schließt die Datei, trinkt seine Tasse leer, steht auf. »Wir fahren noch mal raus zu denen, die wir nicht angetroffen haben. Einer davon ist ein Bauer, der gestern Abend spät noch ein paar Schritte gegangen ist, sagt seine Frau. Vielleicht hat er was gesehen.« Die beiden verschwinden, Edda hinterher, hat noch einiges am Rechner zu tun. Kann das besser an ihrem Bildschirm.
Ulla stützt sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab, dunkler Nagellack, atmet einmal tief durch.
»Ich habe mit Helmut gesprochen, ob wir die Sachen zusammenlegen. Sind doch sehr viele Gemeinsamkeiten. Wir wissen zwar noch nicht, wer unser Opfer hier ist, können also zum Motiv nichts sagen. Aber in der anderen MK sind wir mit den Spuren auch so langsam am Ende. Wir werden uns morgen früh zusammensetzen und entscheiden. Ich möchte, dass du auch dabei bist.«
»Wird das nicht’n bisschen viel vom Spurenaufwand und von der Aktenführung her?«
Sie wiegt den Kopf. »Es geht. Atze würde das schon hinkriegen.« Atze schnauft mit hochgezogenen Brauen, wortlos. »Helmut müsste uns noch ein paar Teams besorgen, dann könnten wir hier morgen voll angreifen.«
Telefon.
»Mordkommission, Wiesing.« Nicken, zweimal. »Es kommt jemand runter.« Auflegen. »Unten steht ein Lkw-Fahrer aus Litauen, will eine Aussage zu einem Fahrzeug in der Sache im Industriegebiet machen. Ich bin hier grad so mittendrin...« Hundegesicht, Klimpern.
»Ja, ja, ja, schwache Persönlichkeiten kann man ausnutzen, immer dasselbe.«
»Dauert auch nicht lange, hörte sich jedenfalls so an.«
 
Paul hinterm Wachtisch macht eine Kopfbewegung Richtung Tresen. Um die fünfzig, grauer Sechstagebart, Lederkappe. Er stützt sich auf den Ellbogen, aus dem karierten Hemdärmel lugt am Handgelenk eine Tätowierung.
»Guten Abend. Mein Name ist Kirchenberg, ich bin von der Mordkommission.«
»Nabend«, deutlicher Akzent. »Ich bin Jonas Aleksa.«
»Sie können Angaben zu dem Mord im Industriegebiet machen?«
»Ja, vielleicht.« Er richtet sich auf, unsicheres Nicken. Möglich.
»Das ist fast sechs Wochen her, warum kommen Sie jetzt, wenn ich fragen darf?«
Er zieht einen gefalteten Zettel aus der Hemdtasche: »Habe ich heute gefunden in Autoverwertung.« Er legt ihn auf den Tresen, bügelt mit den Händen glatt. Das Flugblatt. »War seit 20. 10.«, er tippt auf das Datum, »nicht mehr hier. Bin sehr gut durchgekommen den Tag und war schon Mitternacht da. Wollte schlafen bis morgens. Musste aber pinkeln, da habe ich an Müllcontainer Auto gesehen.«
»An dem Müllcontainer, in dem die Leiche gefunden wurde.«
»Ja.« Versichernde Geste.
»Woher wissen Sie, in welchem Container die Leiche war?«
»Wusste ich damals nicht. Heiner von Autoverwertung hat mir heute gezeigt, weil, als ich Datum auf Zettel sah, hab ich gedacht, da warst du letzte Mal hier.«
»Und was haben Sie gesehen?«
»Na, Auto. Helle VW-Transporter. Hat was ausgeladen, ist dann weggefahren.«
»Daran können Sie sich nach sechs Wochen noch erinnern?« Eigenartig.
»Ja, weil...« Er lacht wie ein Junge. »Ist zügig gefahren und hat Licht erst angemacht, als er von Hof war. Konnte man gut sehen, dass eine Bremslicht kaputt war.«
»Ein Bremslicht war kaputt? Wissen Sie noch welches?«
Er sieht nach rechts oben. »Ne, schwer zu sagen. Aber kaputt war eins, hab ich noch gedacht, als er bremste.«
»Was für ein Auto war das?«
»Helle VW-Transporter.«
»Ein VW-Transporter? Ein heller? Da sind Sie so sicher?«
»Ja, bin sicher. Mit Autos weiß ich Bescheid, gut.«
»Haben Sie das Kennzeichen gesehen?«
»Ne«, Kopfschütteln, »hab ich nicht drauf geachtet.«
»War sonst was am Fahrzeug?«
»An der Seite war Schrift, glaub ich, helle Schrift.«
»Konnten Sie erkennen, was da stand?«
Er schüttelt den Kopf. »War dunkel. Und ich müde, wollte eigentlich nur pinkeln.«
Klingt doch ganz plausibel. Hat ganz wache Augen, der Bursche.
»Haben Sie zwanzig Minuten Zeit, Herr Aleksa, wir müssten das natürlich aufschreiben.« Hat er. »Dann kommen Sie mal mit.« Durch die Schwingtür, er trottet hinterher. »Und Sie sind nur alle sechs Wochen hier?«
»Nein, eigentlich jede Woche. Bin jetzt aber für Kollegen andere Tour gefahren, Hamburg.«
Schade.
Er setzt sich, der Bildschirm springt an.

23 Uhr 36

Zu eng. Oder? Weiter. Da hinten unter der Platane. Steht ein Roller drin. Mitdenker. Kann der sich nicht auf den Bürgersteig stellen? Wieder zurück. Schon sehr eng hier, vorsichtig probieren. Bisschen knapp, geht aber. Beim Öffnen schlägt die Tür an, dunkelblauer Volvo. Shit. Nichts zu sehen. Zum Glück.
Der Nebel gibt den Straßenlaternen einen blassen Hof, bei Sener nur die Notbeleuchtung. In der Tür das »Geschlossen«-Schild. Wo ist der? Schon zwei Tage, hat nichts gesagt. In der Wohnung im ersten Stock auch alles dunkel. Martha war auch nicht zu erreichen vorhin, morgen noch mal probieren.
Zwischen den parkenden Autos durch schlängelt sich eine Fußgängerin, geht voraus, zügig. Kleine Schritte, Handtasche, heller Hut. Frau Gierth. Um diese Zeit. Nach Spaziergang sieht das nicht aus. Wo war die denn? Etwas schneller hinterher, sie sieht sich nicht um, fast auf gleicher Höhe, kein Blick.
»Nabend, Frau Gierth.«
»Mein Gott, Herr Kirchenberg«, sie bleibt stehen, schlägt sich die Hand vor die Brust. »Ich hab Sie gar nicht erkannt.«
»Ich wollte Sie nicht erschrecken, tut mir leid. Wofür haben Sie mich denn gehalten, für einen Meuchelmörder?«
»Man weiß ja nie...« Sie geht weiter, langsamer, lockerer, kann schon wieder lachen. »So spät bin ich in meinem Alter ja auch selten vor der Tür.« Sie umkurvt wortlos eine Tellermine, Fußballgröße.
»Na, ja, ich hab schon mit dem Gedanken gespielt, Ihnen leise meine Hand auf die Schulter zu legen...«
»Wenn Sie den Tod einer alten Frau verantworten können.« Unbeschwertes Lachen. »Gerade heute Abend. Ich war im Kino. Im Programmkino am Bahnhof zeigen sie diese Woche Gerichtsfilme. Herrlich, leider alle so spät. Heute war ›Zeugin der Anklage‹, hab ich in meiner Jugend schon mal gesehen.«
»Das kann ich mir vorstellen, dass das Ihr Thema ist.«
»Natürlich.« Pause. »Ich wäre schrecklich gern Staatsanwältin geworden, oder halt zur Polizei.« Sie bleibt stehen, Blick in den Himmel, zwei Sekunden ganz weit zurück. »Aber nach dem Krieg war zu Hause halt kein Geld da fürs Studium.« Sie sieht herüber, an ihrem Lächeln klebt letzte Traurigkeit. »Und bei der Polizei hatten Frauen damals noch nichts verloren. Aber Schneiderin war ja auch ein anständiger Beruf.« Sie zieht ihren Schlüsselbund aus der Handtasche, schließt auf, Knopfdruck, Licht.
»Ich glaube, Frau Gierth«, sie bleibt stehen, wendet den Kopf, »wir hätten Sie ziemlich gut bei uns gebrauchen können.«
»Ja, ja, Sie Schmeichler.« Ihre Hand auf dem Unterarm, zärtliches Streicheln.«Danke, dass Sie eine alte Frau glücklich ins Bett schicken wollen...«
»... alte Frau...?«
»... nur nicht übertreiben!« Sie steht auf den ersten Stufen.
»Mit Ihrer Schwester vorhin ist übrigens alles glatt gegangen. Sie hatten grad angerufen, da war sie schon da.«
»Prima.« Ach, ja, Fußball. Ganz vergessen anzurufen. Kurz vor zwölf. Müssten jetzt auf dem Heimweg sein.
Im Briefkasten Werbung.
»Gute Nacht.« Sie hat gewartet, neugierig verschmitzter Blick.
»Was gibt es denn morgen? Im Kino meine ich.«
Sie kramt in ihrer Handtasche, sieht aufs Programm. »›Zwielicht‹. Kenn ich gar nicht.«
»Ich glaub, der ist ganz gut, könnte Ihnen gefallen. Ist mit Richard Gere,’n schöner Mann.«
»Na, dann.« Letztes Winken, sie geht nach oben.
Hat gar nicht nach dem aktuellen Fall gefragt. Vergisst sie eigentlich nie.
»Ach, Herr Kirchenberg...«

DONNERSTAG

07 Uhr 46

Starkes Bremsen, die Schlaufe zieht am Handgelenk, es brennt. Ein Rentner mit Hut kann sich grad noch bei seiner Vorderfrau abstützen. Pferdeschwanz, Trenchcoat, Pumps, Sekretärin. Er murmelt was Entschuldigendes ohne Blickkontakt. Anfahren. Es riecht nach nassen Klamotten, filzig. Kaum Gerede. Von hinten quäkiges Ohrstöpselgedudel, HipHop. Zwei Teenies malen Figuren an die beschlagenen Scheiben, stehen auf, schieben sich zum Ausstieg. Halten, Tür auf, raus.
Schirm wär nicht schlecht. Nah an den Häusern lang, die Markisen vor den Geschäften geben Schutz, alle paar Meter. Ein hagerer Langer mit Kapuzenshirt kommt entgegen, noch ein Meter, er weicht aus in den Regen. Verloren.