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Inhaltsverzeichnis
 

Buch
Autor
 

Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
 

Zweiter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
 

Dritter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
 

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Buch
»Guido, ich möchte, dass wir uns scheiden lassen.« Mit diesem Satz, eines Morgens von seiner Frau Sara ausgesprochen, beginnen sich alle Sicherheiten in Guido Guerrieris Leben in Luft aufzulösen. Er leidet unter Panikattacken, plötzlichen Weinkrämpfen und Schlaflosigkeit. Während der durchwachten Nächte quälen ihn seine Gedanken. Gedanken über sein Leben mit Sara, seine Kindheit, die Frustrationen seines Anwaltsberufs. Auch sein Arbeitsalltag kommt ihm in letzter Zeit immer sinnloser vor. Doch dann geschieht ein Aufsehen erregender Mordfall. Ein neunjähriger Junge wird tot auf dem Grund eines Brunnens aufgefunden. Die Polizei findet keine Spuren von Gewaltanwendung, dennoch wird sehr schnell ein Schuldiger gefunden: Abdou Thiam, ein Immigrant aus dem Senegal, der am Strand von Monopoli gefälschte Markenlederwaren verkauft, soll den Jungen getötet haben. Dabei gibt es keinerlei Beweise, nur mehr oder weniger fadenscheinige Indizien. Abdou bestreitet alle Vorwürfe und beteuert seine Unschuld, wird aber verhaftet und kurzerhand des Mordes angeklagt. Nur einer ist bereit, Abdou Thiam Gehör zu schenken: Avvocato Guido Guerrieri. Er übernimmt die Verteidigung des jungen Mannes, mit dem er sich auf seltsame Weise verbunden fühlt. Es beginnt ein zäher Kampf gegen rassistische Vorurteile, einen trägen, schlecht arbeitenden Polizeiapparat, eine voreingenommene Justiz und eine erdrückende Last von Anklagepunkten...

Autor
Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Von 2008 bis 2013 war Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri. Carofiglios Bücher feierten sensationelle Erfolge, wurden bisher in 27 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis 2008. Er lebt mit seiner Familie in Bari.

Was für die Raupe das Ende ist, nennt die Welt Schmetterling.
LAO-TSE

Erster Teil

1
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag, oder besser den Nachmittag, bevor alles begann.
Ich war seit einer Viertelstunde in meiner Anwaltskanzlei und hatte nicht die geringste Lust zu arbeiten. Die elektronische Post und die Briefe waren durchgesehen, ein paar lose herumliegende Blätter aufgeräumt, zwei nutzlose Telefonate geführt. Kurz, ich hatte alle Vorwände erschöpft und mir deshalb eine Zigarette angezündet.
Jetzt genießt du erst mal in Ruhe deine Zigarette, dann fängst du an, dachte ich.
Bis die Zigarette zu Ende geraucht war, würde mir schon was Neues einfallen. Vielleicht würde ich noch mal aus dem Haus gehen, um das Buch abzuholen, das ich vor Wochen bei der Feltrinelli-Buchhandlung bestellt und beinahe vergessen hatte.
Während ich noch rauchte, klingelte das Telefon. Es war die interne Leitung, sprich, meine Sekretärin aus dem Vorzimmer.
Da war ein Herr, er war ohne Termin gekommen, es ging um etwas Dringendes.
Die meisten kommen ohne Termin. Zum Strafverteidiger geht man nur, wenn man ernste und dringende Probleme hat. Oder zu haben glaubt, was auf dasselbe hinausläuft.
In meiner Kanzlei funktioniert es jedenfalls so: Meine Sekretärin ruft mich in Gegenwart des Herrn oder der Dame an, die das dringende Problem haben. Wenn ich beschäftigt bin – beispielsweise mit einem anderen Klienten – lasse ich warten, bis ich fertig bin.
Wenn ich nicht beschäftigt bin, wie an diesem Nachmittag, lasse ich trotzdem warten.
In dieser Kanzlei wird gearbeitet, dass das klar ist. Ich empfange Sie überhaupt nur deshalb, weil es um etwas Dringendes geht.
Ich bat Maria Teresa dem Herrn zu sagen, dass ich ihn in zehn Minuten empfangen würde, aber nur wenig Zeit hätte, da ich danach zu einer wichtigen Besprechung müsse.
Anwälte haben häufig wichtige Besprechungen – denken die Leute.
Zehn Minuten später kam der Mann herein. Er hatte lange, schwarze Haare, einen langen, schwarzen Bart und weit aufgerissene Augen. Er setzte sich, legte die Unterarme auf meinen Schreibtisch und beugte sich zu mir vor.
Ich machte mich schon darauf gefasst, gleich etwas zu hören wie: »Ich habe gerade meine Frau und ihre Mutter umgebracht. Sie liegen unten im Kofferraum meines Wagens. Ein Glück, dass es ein Kombi ist. Was machen wir jetzt, Avvocato?«
Aber es kam anders. Der Mann hatte einen Camper, in dem er Würstchen und Hamburger briet. Die Inspektoren vom Gesundheitsamt hatten diesen Wagen beschlagnahmt, weil die hygienischen Zustände darin ungefähr denen der Abwasserkanäle von Benares entsprachen.
Nun wollte der Bärtige seinen Camper wiederhaben. Er wisse, dass ich ein guter Anwalt sei, das habe ihm ein Freund gesagt, der auch mein Klient war. Mit einem widerlichen, komplizenhaften Grinsen nannte er den Namen eines Drogendealers, für den ich vor Gericht eine schändlich niedrige Strafe ausgehandelt hatte.
Der Vorschuss, den ich daraufhin von ihm verlangte, war horrend, doch er zog seelenruhig ein Bündel zusammengerollter Banknoten aus der Hosentasche, alles Fünfziger und Hunderter.
Bitte ohne Majonäseflecken, dachte ich resigniert.
Er zählte mit Daumen und Zeigefinger die verlangte Summe ab und legte mir das Beschlagnahmeprotokoll und die restlichen Papiere auf den Tisch. Die Quittung können Sie sich sparen, Avvocato, was soll ich damit? Wieder das verschwörerische Grinsen. Klar doch, wir Steuerhinterzieher halten zusammen.
Vor Jahren hatte mir meine Arbeit einmal ziemlich gut gefallen. Jetzt verursachte sie mir nur noch einen latenten Brechreiz. Wenn ich mit Typen wie diesem Würstchenverkäufer zu tun hatte, verstärkte sich der Brechreiz.
Ich überlegte mir, dass ich es eigentlich verdient hätte, seine Würstchen zu Abend zu essen und danach mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Dort würde dann schon Doktor Carrassi auf mich warten.
Doktor Carrassi war Oberarzt der Notaufnahme und hatte unlängst eine Einundzwanzigjährige an Blinddarmentzündung sterben lassen, weil er auf Regelbeschwerden getippt hatte.
Sein Anwalt – ich – hatte auf Freispruch plädiert und diesen auch erwirkt, ohne dass der gute Mann auch nur einen Arbeitstag oder eine Lira Lohn verlor. Es war nicht schwierig gewesen. Der Staatsanwalt war ein Idiot und der als Nebenkläger auftretende Anwalt ein hoffnungsloser Analphabet.
Als Carrassi freigesprochen wurde, umarmte er mich. Er hatte Mundgeruch, schwitzte vor Aufregung und war überzeugt, dass ihm Gerechtigkeit widerfahren sei.
Beim Verlassen des Gerichtssaals vermied ich es, den Eltern der jungen Frau in die Augen zu sehen.
 

Der Bärtige ging, und ich setzte – meinen Brechreiz unterdrückend – die Beschwerde gegen die Beschlagnahme seines mobilen Gourmettempels auf.
Dann fuhr ich nach Hause.
Freitagabends gingen wir für gewöhnlich erst ins Kino und danach zum Abendessen, immer mit derselben Clique.
Ich beteiligte mich nie an der Auswahl des Films und des Restaurants. Ich tat, was Sara und die andern beschlossen und ließ den Abend in einer Art Dämmerzustand über mich ergehen, in der Hoffnung, dass er nicht allzu lange dauern würde. Nur wenn es zur Abwechslung mal einen Film gab, der mir wirklich gefiel, taute ich ein wenig auf, aber das war immer seltener der Fall.
Als ich an diesem Freitagabend nach Hause kam, war Sara bereits ausgehbereit. Ich wollte kurz duschen und mich umziehen, dazu brauchte ich mindestens eine Viertelstunde, sagte ich ihr.
Ach so, sie ging heute mit ihren Freunden aus. Was das für Freunde wären? Die vom Fotokurs. Das hätte sie mir auch früher sagen können, dann hätte ich mich darauf eingestellt. Sie habe es mir schon gestern gesagt, aber wenn ich ihr nicht zuhörte, könne sie nichts dafür. Okay, kein Grund, sich aufzuregen, mir würde schon noch etwas einfallen, was ich tun könnte, falls es dazu jetzt nicht schon zu spät war. Nein, ich wolle ihr kein schlechtes Gewissen machen, ich wolle nur das sagen, was ich gesagt hatte, sonst nichts. Okay, wir ließen das besser, diese Diskussion führe doch zu nichts.
Sie ging aus, und ich blieb zu Hause. Zuerst dachte ich daran, die üblichen Freitagsfreunde anzurufen und mit ihnen auszugehen. Doch dann kam es mir plötzlich extrem schwierig vor, ihnen zu erklären, warum Sara heute nicht mitkam und was sie stattdessen machte; vermutlich würden sie das befremdlich finden. Ich beschloss, von dieser Aktion abzusehen.
Als Alternative versuchte ich, eine Freundin zu erreichen, mit der ich mich in dieser Zeit bisweilen (heimlich) traf, aber sie flüsterte ins Handy, dass sie gerade mit ihrem Freund zusammen sei. Was hatte ich an einem Freitagabend auch anderes erwartet? Ich kam mir irgendwie überflüssig vor; das Beste war, ich würde mir eine Videocassette ausleihen – irgendeinen guten Krimi -, eine tiefgefrorene Pizza in den Ofen schieben und dazu ein großes, kaltes Bier trinken. Irgendwie würde ich diesen Freitagabend schon rumbringen.
Ich entschied mich für den Film Black Rain, obwohl ich ihn schon zweimal gesehen hatte. Ich schaute ihn mir ein drittes Mal an und fand ihn immer noch gut. Nebenher aß ich die Pizza und trank das Bier. Danach trank ich noch einen Whisky und rauchte mehrere Zigaretten. Beim anschließenden Herumschalten mit der Fernbedienung stellte ich fest, dass die Lokalsender neuerdings wieder Hardcorepornos zeigten. Daraus schloss ich, dass es nach ein Uhr war, und so ging ich ins Bett.
Ich weiß nicht, wann ich einschlief, und ich weiß auch nicht, wann Sara zurückkam, weil ich sie gar nicht hörte.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war sie bereits aufgestanden. Ich ging mit verschlafenem Gesicht in die Küche und sie schenkte mir wortlos eine Tasse Kaffee ein, keinen Espresso, sondern Filterkaffee. Wir mochten beide Filterkaffee mit viel Wasser nach amerikanischer Art.
Ich nippte zweimal daran und wollte sie gerade fragen, wann sie letzte Nacht heimgekommen sei, als sie mir mitteilte, dass sie sich scheiden lassen wollte.
»Guido, ich möchte, dass wir uns scheiden lassen«, sagte sie. Einfach so.
Nach vielen Sekunden dröhnenden Schweigens fühlte ich mich zur banalsten aller Fragen genötigt.
Warum?
Sie erklärte mir, warum. Sie war ganz ruhig und ungerührt. Vielleicht dächte ich, sie hätte nicht gemerkt, wie mein Leben in den letzten, sagen wir mal, zwei Jahren ausgesehen hatte, was ich so trieb. Aber sie hatte es gemerkt, und es hatte ihr überhaupt nicht gefallen. Was sie dabei am meisten demütigte, war gar nicht meine Untreue – dieses Wort spie sie mir förmlich ins Gesicht -, sondern der Umstand, dass ich sie für dumm verkaufte und damit wirklich respektlos behandelte. Sie wisse nicht, ob ich immer schon so gewesen oder es erst geworden sei; sie wisse auch nicht, welche der beiden Möglichkeiten ihr lieber wäre, vielleicht sei es ihr auch egal.
Jedenfalls sei ich ein absolut mittelmäßiger Mann geworden oder immer schon gewesen. Und sie habe keine Lust mit einem mittelmäßigen Mann zusammenzuleben. Nicht mehr.
Als echt mittelmäßigem Mann fiel mir nichts Besseres ein, als sie zu fragen, ob sie einen anderen hätte. Sie antwortete mit einem schlichten Nein und fügte hinzu, dass mich das ab sofort auch gar nichts mehr angehe.
Richtig.
Unser Gespräch dauerte nicht mehr lang, und zehn Tage später war ich bereits ausgezogen.

2
Nachdem ich – ganz zivil – zu Hause rausgeflogen war, änderte sich mein Leben. Leider nicht zum Besseren, aber das sollte ich erst später merken.
In den ersten Monaten empfand ich noch Erleichterung und fast so etwas wie Dankbarkeit Sara gegenüber. Für den Mut, den sie aufgebracht und der mir immer gefehlt hatte.
Im Grunde hatte sie für mich die Kastanien aus dem Feuer geholt, wie es so schön heißt.
Wie oft hatte ich mir gesagt, dass es so nicht weitergehen konnte, dass ich etwas unternehmen musste – die Initiative ergreifen, eine Lösung suchen, reinen Tisch machen. Irgendetwas.
Da ich jedoch ein Feigling war, unternahm ich nichts, bis auf den einen oder anderen Seitensprung, wenn sich die Gelegenheit bot.
Wenn ich darüber nachdachte, taten mir die Dinge, die sie mir an diesem Morgen gesagt hatte, schon weh. Mittelmäßig hatte sie mich genannt, und als einen Schuft hingestellt, und ich hatte alles widerspruchslos eingesteckt.
In den ersten Tagen nach jenem verhängnisvollen Samstag, nein, eigentlich erst, als ich schon in meiner neuen Wohnung war, brütete ich darüber, was ich ihr hätte antworten können, um wenigstens einen Hauch von Würde zu bewahren.
Sätze wie »Ich will meine Verantwortung ja nicht abstreiten, aber bedenke bitte, dass nie einer allein schuld an allem ist« und ähnliche, kamen mir in den Sinn.
Aber Gott sei Dank geschah das, wie gesagt, erst ein paar Tage später. An besagtem Samstagmorgen blieb ich stumm und vermied dadurch, mich auch noch lächerlich zu machen.
Irgendwann gab ich auch das Brüten auf. Was blieb, war hie und da noch ein Stich ins Herz, wenn ich mir überlegte, wo Sara in diesem Moment sein mochte, was sie wohl tat und vor allem mit wem sie es tat.
Ich war sehr geschickt darin, diese Stiche zu ignorieren und rasch wieder zum Verschwinden zu bringen, ich drängte sie einfach dorthin zurück, woher sie kamen, oder an noch tiefere und verborgenere Orte.
Einige Monate lang führte ich das ausschweifende Leben eines frisch gebackenen Singles – das, was man gemeinhin ein Leben in Saus und Braus nennt.
Ich traf mich mit ausgefallenen Leuten, ging auf langweilige Partys, trank zu viel, rauchte zu viel, et cetera.
Ich ging jeden Abend aus. Die Vorstellung, allein zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich.
Natürlich hatte ich auch ein paar Affären.
Aber ich erinnere mich nicht an ein einziges Gespräch mit einem dieser Mädchen.
Und irgendwann, mittendrin, fand dann noch die Verhandlung zur einvernehmlichen Scheidung statt. Alles ging problemlos über die Bühne. Sara blieb in der Wohnung, sie gehörte ihr. Ich benahm mich so anständig wie möglich, indem ich freiwillig auf Möbel, Haushaltsgeräte und überhaupt alles bis auf meine Bücher verzichtete, und nicht einmal die nahm ich alle mit.
Wir trafen uns im Vorzimmer des Scheidungsrichters. Es war das erste Mal seit unserer Trennung. Sara hatte sich die Haare schneiden lassen, war leicht gebräunt, und ich überlegte, wo und in wessen Gesellschaft sie wohl zu dieser Bräune gekommen war.
Keine angenehme Überlegung.
Bevor ich etwas sagen konnte, kam sie auf mich zu und hauchte mir einen Kuss auf die Wange, eine Geste, die mir mehr als alles andere das Gefühl von Unwiderruflichkeit gab. Mit knapp achtunddreißig Jahren entdeckte ich zum ersten Mal, dass die Dinge tatsächlich ein Ende haben.
Der Vorsitzende unternahm einen Versöhnungsversuch, wie es das Gesetz vorschreibt. Wir verhielten uns höflich und zivilisiert. Sie war die Einzige, die sprach, und das wenig. Wir hätten es so entschieden, sagte sie. Dieser Schritt sei wohlüberlegt und werde in gegenseitigem Einvernehmen unternommen.
Ich blieb stumm, nickte nur und fühlte mich wie der Nebendarsteller in einem Film. Da es keine Probleme mit Kindern, Geld oder Wohnung gab, war alles rasch geklärt.
Draußen, vor der Tür des Richters, gab sie mir noch mal einen Kuss, diesmal in die Nähe des Mundwinkels, und sagte: »Ciao.«
»Ciao«, sagte ich, aber sie hatte sich bereits umgedreht und ging weg.
»Ciao«, sagte ich noch einmal ins Nichts hinein, nachdem ich eine Weile an der Wand gelehnt und eine Zigarette geraucht hatte.
Als ich merkte, dass die Angestellten mich im Vorbeigehen komisch ansahen, ging auch ich.
Draußen war Frühling.

3
Der Frühling wurde rasch zum Sommer, aber die Tage waren alle gleich.
Auch die Nächte waren alle gleich. Finster.
Bis zu einem Junimorgen.
Ich kam vom Gericht und fuhr gerade mit dem Lift zu meiner Kanzlei im achten Stockwerk hinauf, als mich aus heiterem Himmel Panik befiel.
Nach Verlassen des Fahrstuhls blieb ich längere Zeit auf dem Treppenabsatz stehen, kurzatmig, mit kaltem Schweiß bedeckt, den Blick auf einen Feuerlöscher geheftet. Und mit einer entsetzlichen Angst.
»Fühlen Sie sich wohl, Avvocato?« Die Stimme von Signor Strisciuglio, pensionierter Steuerbeamter und Bewohner der anderen Wohnung im achten Stock, klang ein wenig verwundert und zugleich ein wenig besorgt.
»Ja, danke. Ich bin bloß vollkommen durchgeknallt, aber das gibt sich wieder. Und wie geht es Ihnen?«
Stimmt nicht. Nur ein wenig schwindlig, sagte ich, aber jetzt sei wieder alles in Ordnung, danke und auf Wiedersehen.
Natürlich war überhaupt nichts in Ordnung, wie ich in den darauf folgenden Tagen und Monaten noch schmerzlich erfahren sollte.
Da ich mir den Vorfall im Lift nicht erklären konnte, verfolgte mich ab sofort der Gedanke, dergleichen könne sich wiederholen.
Von da an fuhr ich nicht mehr Lift. Eine dumme Entscheidung, die das Ganze nur noch verschlimmerte.
Statt mich zu erholen, begann ich nun zu fürchten, die Panik könne mich überall und zu jeder Zeit überfallen.
Und als ich mich lange genug mit diesem Gedanken gequält hatte, gelang es mir tatsächlich, einen neuen Anfall zu produzieren, diesmal mitten auf der Straße. Er war weniger heftig als der erste, aber seine Folgen waren noch viel verheerender.
Mindestens einen Monat lang lebte ich in der Angst vor einer neuen Panikattacke. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich fast lachen. Ich lebte in der ständigen Angst, von Angst befallen zu werden.
Ich stellte mir vor, bei einem neuerlichen Anfall wahnsinnig zu werden, womöglich gar zu sterben. Im Wahn zu sterben.
Dies wiederum brachte mir zu meinem abergläubischen Entsetzen eine viele Jahre zurückliegende Episode in Erinnerung.
Ich studierte damals noch. Eines Tages bekam ich einen Brief, ein kariertes Blatt mit verschnörkelten, beinahe kindlichen Schriftzügen.
 

Lieber Freund, lies diesen Brief, schreibe ihn danach zehnmal von Hand ab und schicke die Kopien an zehn Deiner Bekannten. Dies ist kein normaler Kettenbrief, sondern eine echte Glückskette: Wenn Du sie fortführst, werden Glück, Geld, Liebe, Zufriedenheit und Freude in Dein Leben einkehren, wenn Du sie jedoch unterbrichst, könnte Dir entsetzliches Unglück widerfahren. Eine junge, frisch verheiratete Frau, die sich seit zwei Jahren vergeblich ein Kind wünschte, schrieb den Brief ab und sandte ihn an zehn Bekannte. Drei Tage später erfuhr sie, dass sie schwanger war. Ein armer Postangestellter, der den Brief ebenfalls abschrieb und an zehn Bekannte und Verwandte verschickte, gewann eine Woche später eine große Summe Geldes im Lotto.
Ein Gymnasiallehrer dagegen lachte, als er diesen Brief bekam, und zerriss ihn. Wenige Tage später hatte er einen Autounfall, brach sich das Bein und außerdem wurde ihm die Wohnung gekündigt.
Eine Hausfrau, die die Kette gar nicht unterbrechen wollte, verlor den Brief und konnte ihn deshalb nicht weitersenden. Kurz darauf erkrankte sie an Hirnhautentzündung, von der sie zwar genas, aber nicht ohne bleibende Schäden.
Ein Arzt zerriss den Brief, nachdem er ihn gelesen hatte, und rief mit verächtlicher Stimme aus, an diesen abergläubischen Quatsch dürfe man nicht glauben. In den darauf folgenden Monaten wurde ihm von der Klinik, an der er arbeitete, gekündigt, seine Frau verließ ihn, er erkrankte und starb schließlich in vollkommener geistiger Umnachtung.
Unterbrich die Kette nicht!
 

Ich las den Brief meinen Freunden vor, die sich zuerst totlachten und mich dann fragten, was ich den nun vorhätte – den Brief zu zerreißen und in geistiger Umnachtung zu sterben oder mich hinzusetzen und ihn in Schönschrift zehnmal abzuschreiben? Letzteres hätten sie mir natürlich während der nächsten zehn Jahre regelmäßig, und vermutlich alles andere als höflich, unter die Nase gerieben.
Ich ärgerte mich und überlegte mir, dass sie wahrscheinlich nicht so aufgeklärt dahergeredet hätten, wenn sie den Brief bekommen hätten, aber laut sagte ich das nicht. Laut sagte ich, dass ich ihn natürlich zerreißen würde, worauf sie verlangten, dass ich es in ihrer Anwesenheit täte, denn sonst überlegte ich es mir womöglich noch mal anders und fertigte klammheimlich doch die zehn Abschriften an.
Kurz, ich war gezwungen, den Brief vor ihren Augen zu vernichten, und als ich damit fertig war, meinte einer von ihnen, ich solle mir keine Sorgen machen: Wenn es so weit wäre, würden sie sich darum kümmern, dass ich in einer netten Irrenanstalt unterkam.
Und nun, achtzehn Jahre später, war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich allen Ernstes befürchtete, die Prophezeiung könne in Erfüllung gehen.
Leider war die Angst vor einer neuen Panikattacke und vor dem Verrücktwerden nicht mein einziges Problem.
Ich begann auch noch an Schlaflosigkeit zu leiden. Nachts machte ich kaum ein Auge zu, meistens nickte ich erst in den frühen Morgenstunden ein.
Hin und wieder überkam mich der Schlaf zu normaleren Uhrzeiten, aber dann wachte ich grundsätzlich nach zwei Stunden wieder auf und hielt es im Bett nicht mehr aus. Wenn ich es trotzdem versuchte, quälten mich unerträgliche, tieftraurige Gedanken. Darüber, wie ich mein Leben verschwendet hatte, über meine Kindheit. Und über Sara.
Letzten Endes stand ich dann doch auf und lief ziellos durch die Wohnung. Ich rauchte, trank, sah fern und schaltete mein Handy ein – in der absurden Hoffnung auf einen nächtlichen Anruf.
Irgendwann begann ich zu fürchten, die Leute könnten mir etwas anmerken. Vor allem aber fürchtete ich, die Kontrolle zu verlieren. In dieser Verfassung brachte ich den ganzen Sommer zu.
Anfang August hatte ich niemanden gefunden – ehrlich gesagt, auch gar nicht gesucht – der mit mir verreist wäre, und alleine fortzufahren traute ich mich nicht. So trieb ich mich wie ein Vagabund in der Gegend herum, ließ mich bald von einem, bald von einem anderen Freund in ein Ferienhaus oder einen Trullo einladen, ans Meer oder aufs Land. Viele Sympathien dürfte ich mir dabei nicht erworben haben.
Die Leute fragten mich, ob ich schlecht drauf sei, und ich sagte, ja, ein bisschen; länger dauerten diese Gespräche für gewöhnlich nicht. Nach ein paar Tagen hatte ich meist das Gefühl, dass es an der Zeit war, die Koffer wieder zu packen und mich nach einem anderen Zufluchtsort umzuschauen, bestrebt, meine Rückkehr in die Stadt so lange wie möglich hinauszuzögern.
Im September beschloss ich, zu meinem Hausarzt zu gehen, der auch ein Freund war. Mein Zustand hatte sich keinen Deut gebessert, und ich hielt es ohne Schlaf einfach nicht mehr aus. Ich wollte, dass er mir ein Schlafmittel verschrieb.
Er untersuchte mich, hörte sich die Schilderung meiner Symptome an, maß meinen Blutdruck, leuchtete mir mit einem Lämpchen in die Augen, ließ mich ein paar ziemlich idiotische Gleichgewichtsübungen machen und meinte zum Schluss, es sei vielleicht besser, ich wandte mich an einen Spezialisten.
»Was soll das heißen? Was für einen Spezialisten meinst du?«
»Na ja, einen Facharzt für diese Art von Problemen.«
»Was für Probleme? Verschreib mir ein Schlafmittel, und damit hat sich die Sache.«
»Guido, ganz so einfach ist das nicht. Du wirkst sehr angespannt. Mir gefällt nicht, wie du um dich blickst. Mir gefällt nicht, wie du dich bewegst, mir gefällt nicht, wie du atmest. Ich muss es dir sagen: Mit dir stimmt etwas nicht. Du musst dich von einem Spezialisten untersuchen lassen.«
»Du meinst, ich soll zu einem...« Mein Mund war wie ausgetrocknet. Wirre Gedanken schossen mir durch den Kopf: Vielleicht meinte er, ich solle zu einem Internisten. Oder einem Homöopathen. Oder einem Masseur. Oder einem Ayurveda-Therapeuten.
Na gut, wenn ich unbedingt zu einem Internisten, Masseur, Ayurveda-Therapeuten oder Homöopathen soll, dann geh ich eben, scheiß drauf. Ich wehre mich nicht gegen eine Behandlung.
Oder glaubst du etwa, ich habe Angst, weil... EIN PSYCHIATER? Hast du Psychiater gesagt?
Tränen stiegen mir in die Augen. Ich war verrückt geworden, jetzt bescheinigte es mir auch mein Arzt. Die Prophezeiung war in Erfüllung gegangen.
Ich sagte, einverstanden, aber für den Moment solle er mir erst einmal ein Schlafmittel verschreiben, dann wolle ich weitersehen. Doch, wirklich, ich hätte nicht die geringste Absicht, das Problem zu unterschätzen, tschüss dann, nein, vorerst brauche er mir keinen – ausgedörrter Mund – keinen von diesen Dingsda zu empfehlen. Ich rufe dich in den nächsten Tagen noch mal an, und dann gibst du mir eine Adresse.
Weg war ich. Den Aufzug nahm ich selbstverständlich nicht.

4
Mein Hausarzt hatte schließlich eingewilligt, mir ein Schlafmittel verschrieben, und mit diesen Pillen war es wenigstens eine Zeit lang besser gegangen.
Stimmungsmäßig war ich immer noch auf dem Nullpunkt, aber wenigstens wandelte ich jetzt nicht mehr wie ein verstörtes Gespenst durch die Gegend.
Meine beruflichen Leistungen bewegten sich allerdings im roten Bereich, und als Anwalt war nicht mehr der geringste Verlass auf mich. Es gab Menschen, deren Freiheit von meiner Arbeit und Konzentration abhing. Sie wären vermutlich höchst erstaunt gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass ich meine Nachmittage damit zubrachte, zerstreut in ihren Akten zu blättern, dass sie selbst und der Inhalt dieser Akten mir vollkommen egal waren, dass ich völlig unvorbereitet in die Verhandlungen ging, dass der Ausgang der Prozesse praktisch dem Zufall überlassen war, mithin, dass ihr Schicksal in den Händen eines verantwortungslosen, psychisch gestörten Menschen lag.
Wenn ich Klienten in meinem Büro empfangen musste, wurde die Situation geradezu surreal.
Die Leute redeten, ich registrierte kein einziges Wort, nickte aber beständig, was ihnen wiederum Sicherheit gab und sie unentwegt weiterreden ließ. Am Ende schüttelte ich ihnen mit einem verständnisvollen Lächeln die Hand.
Dass der Anwalt ihnen gestattete, Dampf abzulassen, ohne sie dabei zu unterbrechen, schien ihnen zu gefallen, zumal sie sich mit ihren Problemen und Bedürfnissen von mir verstanden fühlten.
Ich sei wirklich ein anständiger Mensch, war der Kommentar, den eine Rentnerin meiner Sekretärin gegenüber abgab – sie wollte einen Nachbarn verklagen, weil er ihr obszöne Botschaften in den Briefkasten warf. Sie fand, ich wirke gar nicht wie ein Anwalt. Recht hatte sie.
Die Klienten waren zufrieden, und ich hatte bestenfalls eine vage Vorstellung von ihren Problemen. Gemeinsam steuerten wir unserem Untergang entgegen.
In dieser Phase – ich hatte zur Abwechslung einmal ein paar Nächte geschlafen – gesellte sich ein neuer Faktor hinzu. Ich bekam Weinanfälle. Anfänglich passierte es mir nur zu Hause, abends, wenn ich von der Arbeit zurückkam, oder morgens beim Aufstehen. Dann auch außer Haus. Ich lief auf der Straße, meine Gedanken streiften ziellos umher, und plötzlich kamen mir die Tränen. Anfänglich gelang es mir noch, die Situation irgendwie unter Kontrolle zu halten, vor allem in der Öffentlichkeit, aber mit jedem Mal wurde es schwieriger. Ich konzentrierte mich auf meine Schuhe oder die Nummernschilder der Autos, vermied es jedoch, den anderen Passanten in die Augen zu sehen, die sonst – dessen war ich mir sicher – sofort gemerkt hätten, was mit mir los war.
Am Ende passierte es mir sogar in meiner Kanzlei. Es war an einem Nachmittag, ich unterhielt mich mit meiner Sekretärin über irgendetwas, als mir plötzlich die Tränen kamen und ich einen schmerzhaften Kloß im Hals spürte.
Ich begann, verzweifelt auf einen kleinen Wasserfleck an der Wand zu starren, und kommunizierte nur noch durch Kopfnicken, in der panischen Angst, Maria Teresa könne etwas mitbekommen.
Das tat sie auch tatsächlich, denn plötzlich fiel ihr wieder ein, dass sie ja noch ein paar Fotokopien machen musste, woraufhin sie sich diskret zurückzog.
Nur wenige Sekunden später begann ich hemmungslos zu weinen und hörte auch nicht so schnell wieder auf.
An diesem Punkt hatte ich wenig Lust, darauf zu warten, dass sich das Phänomen wiederholte, etwa während einer Gerichtsverhandlung.
Noch am selben Tag rief ich meinen Arzt an und ließ mir die Nummer des Spezialisten geben.

5
Der Spezialist war der reinste Hüne, groß und vierschrötig, mit Vollbart und Händen wie Schaufeln. Ich malte mir aus, wie er einen tobenden Irren mit Ohrfeigen ruhig stellte und ihm eine Zwangsjacke überzog.
Dafür, dass er aussah wie Rübezahl, war er erstaunlich freundlich. Er ließ mich erzählen und nickte dazu. Das beruhigte mich ein wenig, bis mir einfiel, dass auch ich immer nickte, wenn meine Klienten sprachen. Daraufhin war ich wieder etwas besorgter.
Er meinte jedenfalls, ich würde an einer bestimmten Form von Verhaltensstörung leiden. Die Scheidung sei für meine Psyche so etwas wie eine Zeitbombe gewesen, die irgendwann einen Einbruch, oder besser eine ganze Kettenreaktion von Einbrüchen, ausgelöst hätte. Es sei nicht gut gewesen, das Problem so viele Monate ungelöst mit mir herumzuschleppen. Dies habe die Verhaltensstörung verschlimmert und ziehe die Gefahr einer mittelschweren Depression nach sich. Mithin, die Situation sei ernst und dürfe nicht unterschätzt werden. Ich bräuchte mir jedoch keine Sorgen zu machen, denn allein die Tatsache, dass ich zum Psychiater gegangen sei, stelle ein positives Anzeichen dar, dafür nämlich, dass der Bewusstwerdungsprozess begonnen habe, und dies sei immer der erste Schritt zur Heilung. Klar, um eine medikamentöse Behandlung käme ich nicht herum, aber innerhalb von zwei, drei Monaten würde sich mein Zustand wesentlich verbessern, das könne er mir versprechen.
Pause und eindringlicher Blick. Das musste wohl Teil der Therapie sein.
Dann begann er zu schreiben und füllte mehrere Seiten seines Rezeptblocks mit den Namen von Medikamenten gegen Angstzustände und Depressionen.
Ich solle dieses Zeug zwei Monate lang einnehmen, meinte er. Ich solle versuchen, mich abzulenken. Ich solle nicht ständig grübeln. Ich solle versuchen, den Dingen ihre positive Seite abzugewinnen und meine Lage nicht als aussichtslos betrachten. Ich solle ihm hundertfünfzig Euro geben, kein Wort von einer Quittung, und in zwei Monaten würden wir uns zur Kontrolle sehen.
Während er mich verabschiedete und zur Tür begleitete, riet er mir noch davon ab, die Packungsbeilagen der Medikamente zu lesen. Er war ein echter Kenner der menschlichen Psyche.
Um unliebsamen Begegnungen vorzubeugen, hielt ich nach einer Apotheke außerhalb des Stadtzentrums Ausschau. Ich wollte vermeiden, dass der Pharmazeut vor einem meiner Klienten oder Kollegen dem Apothekenhelfer im Hintergrund Sätze zurief wie: »Sieh bitte im Psychopharmakaschrank nach, ob wir für diesen Herrn extrastarkes psychiatrisches Valium da haben.«
Nachdem ich eine Zeit lang mit dem Auto herumgekurvt war, fiel meine Wahl auf eine Apotheke am Stadtrand von Bari, im Rione Japigia. Die Apothekerin war eine hagere, junge Frau, die nicht gerade freundlich dreinschaute; ich schob ihr das Rezept hin, ohne ihr in die Augen zu sehen, und fühlte mich wie ein Seminarist in einem Sexshop.
Als die Apothekerin bereits dabei war, zusammenzurechnen, sagte ich den Satz auf, den ich mir vorher zurechtgelegt hatte. »Ach, wo ich schon hier bin, nehme ich auch noch was für mich selber mit. Haben Sie Vitamin C in Form von Brausetabletten da?«
Sie sah mich eine Sekunde lang an, ohne etwas zu sagen. Die Nummer kannte sie. Dann gab sie mir die Vitamin-Tabletten zusammen mit allem Übrigen. Ich bezahlte und floh Hals über Kopf.
Zu Hause angekommen, packte ich aus, öffnete die Schachteln und las die Packungsbeilagen der Medikamente. Sie waren alle sehr interessant. Was meine Aufmerksamkeit jedoch geradezu magnetisch anzog, waren die Nebenwirkungen des Antidepressivums Trittico mit dem Wirkstoff Trazodon.
Sie reichten von simplem Schwindel über Mundtrockenheit und Sehstörungen bis hin zu Verstopfung, Harnretention, Zittern und Beeinträchtigung der Libido.
Ich überlegte mir, dass ich für die Beeinträchtigung meiner Libido schon selbst gesorgt hatte, und las weiter. So entdeckte ich, dass eine geringe Anzahl von Männern nach der Einnahme von Trazodon unter anhaltenden, schmerzhaften Erektionen litt, dem sogenannten Priapismus.
Dieses Problem erforderte mitunter einen chirurgischen Noteingriff, der seinerseits eine bleibende, sexuelle Beeinträchtigung zur Folge haben konnte.
Der letzte Satz war allerdings beruhigend: Das Risiko einer tödlichen Überdosierung war bei Trazodon glücklicherweise niedriger als bei trizyklischen Antidepressiva.
Als ich fertig gelesen hatte, begann ich nachzudenken.
Was machte man im Fall einer anhaltenden, schmerzhaften Erektion? Ging man – das schmerzende Teil in der Hand – ins Krankenhaus? Zog man eine sehr luftige Unterhose an? Was sagte man dem Arzt? Worin bestand die bleibende, sexuelle Beeinträchtigung?
Und weiter: Wie viel brauchte es für eine tödliche Überdosis Trazodon? Reichten zwei Pillen aus? Oder musste man die ganze Schachtel schlucken?
Ich fand keine Antwort auf diese Fragen, aber das Trittico landete im Klo, wie auch alle andern Medikamente, die mein Psychiater mir verschrieben hatte. Mein Ex-Psychiater.
Ich leerte gewissenhaft sämtliche Packungen und spülte ihren Inhalt runter. Danach wanderten Schachteln, Fläschchen, Ampullen und Packungsbeilagen in den Mülleimer.
Als ich fertig war, schenkte ich mir ein großzügig bemessenes halbes Glas Whisky ein - vermeiden Sie es, Alkohol zu trinken – und legte ein Video ein, eines der wenigen, die ich mitgenommen hatte: Die Stunde der Sieger.
Während die ersten Szenen über den Bildschirm flimmerten, zündete ich mir eine Marlboro an – meiden Sie Nikotin, wenigstens abends - und war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder beinahe gut gelaunt.

6
Als Junge habe ich geboxt.
Mein Großvater war auf diese Idee gekommen, als er mich eines Tages mit geschwollenem Gesicht nach Hause kommen sah. Ich war verprügelt worden, von einem Typen, der um einiges größer – und aggressiver – war als ich.
Ich war damals vierzehn Jahre alt, ein schmächtiges Bürschchen, ging in die vierte Gymnasialklasse und war überzeugt, dass es so etwas wie Glück nicht gab. Wenigstens nicht für mich.
Der Boxverein war in einem feuchten Keller untergebracht, der Trainer ein dürrer Mann um die siebzig mit hageren, immer noch muskulösen Armen und einem Buster-Keaton-Gesicht. Ein Freund meines Großvaters.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir die schmale, schlecht beleuchtete Treppe hinuntergingen und dann eintraten. Keiner sprach, man hörte nur die dumpfen Schläge der Fäuste gegen den Sandsack, das Schnalzen der Seile, den Rhythmus der Punchingbälle. Über allem hing ein Geruch, bei dessen Vorstellung ich noch heute eine Gänsehaut bekomme, obwohl ich ihn unmöglich beschreiben könnte.
Meiner Mutter haben wir lange verheimlicht, dass ich unter die Boxer gegangen war. Sie erfuhr es erst, als ich mit siebzehneinhalb bei der regionalen Juniorenmeisterschaft im Weltergewicht die Silbermedaille gewann.
Mein Großvater erlebte leider nicht mehr, wie ich auf das Podium aus Sperrholz kletterte.
Er war drei Monate zuvor mit seinem deutschen Schäferhund im Pinienwald spazieren gegangen und hatte sich irgendwann in aller Ruhe auf eine Bank gesetzt.
Ein Junge, der in der Nähe gewesen war, berichtete, er habe den Hund gestreichelt und wenig später den Kopf irgendwie eigentümlich an die Lehne gelegt.
Die Carabinieri mussten den Hund erschießen, um an den Toten heranzukommen und ihn als Guido Guerrieri identifizieren zu können, emeritierter Professor für Geschichte der mittelalterlichen Philosophie.
Mein Großvater.
Ich gewann nach diesen Regionalmeisterschaften noch mehr Medaillen. Auch eine in Bronze bei den italienischen Universitätsmeisterschaften im Halbschwergewicht.
Ich war nie einer, der besonders hart zuschlug, aber ich hatte eine gute Technik, war groß und dünn und hatte längere Arme als die anderen aus meiner Gewichtsklasse.
Kurz vor Ende des Studiums hörte ich mit dem Boxen auf. Langfristig hält man diesen Sport nur durch, wenn man entweder ein echter Crack ist oder etwas beweisen muss.
Ich war kein Crack, und ich hatte das Gefühl, alles bewiesen zu haben, was ich beweisen wollte.
Nach meinem Entschluss, ohne die moderne Psychiatrie auszukommen, sann ich angestrengt auf eine Alternative. Und merkte, dass ich Lust hatte zu boxen.
Wenn ich es mir recht überlegte, war das Boxen eines der wenigen realen Dinge in meinem Leben gewesen. Der Geruch der ledernen Boxhandschuhe, die Schläge – egal, ob eingesteckt oder ausgeteilt -, die heiße Dusche danach, wenn du merkst, dass dir zwei Stunden lang kein einziger Gedanke durch den Kopf gegangen ist.
Die Angst, wenn du auf den Ring zuschreitest, die Angst hinter deinen ausdruckslosen Augen, hinter den ausdruckslosen Augen deines Gegners. Tänzeln, zuschlagen, ausweichen, einstecken, austeilen, in Deckung gehen mit Armen, die vor Erschöpfung nicht mehr mitmachen wollen, durch den Mund atmen, beten, es möge zu Ende gehen, weil du es nicht mehr schaffst, einen Treffer landen wollen und – scheinbar – nicht können, denken, dass es dir völlig egal ist, ob du gewinnst oder verlierst, Hauptsache, es hört endlich auf, versucht sein, dich einfach fallen zu lassen und es nicht tun, ohne zu wissen, warum und was dich noch auf den Beinen hält, und endlich der Gong, denken, dass du verloren hast und dass es dir egal ist, bis der Ringrichter plötzlich deinen Arm hochreißt und du begreifst, dass du gewonnen hast – in diesem Moment gibt es nichts anderes mehr für dich, nichts anderes als diesen Moment. Den kann dir keiner mehr nehmen. Nie mehr.
Ich suchte nach einem Sportverein, in dem noch geboxt wurde. Den alten Keller, in dem ich vor fast fünfundzwanzig Jahren geboxt hatte, gab es seit langem nicht mehr. Der Trainer war gestorben. Ich suchte mit Hilfe der Gelben Seiten und entdeckte, dass die Stadt voll war von Clubs und Vereinen, die japanische, thailändische, koreanische, chinesische, sogar vietnamesische Kampfsportarten anboten. Die Auswahl war ungeheuer: Judo, Jiu-Jitsu, Aikido, Karate, Thai Boxen, Taekwondo, Tai Chi Chuan, Wing Chun, Kendo, Viet Vo Dao.
Von Boxen keine Spur, aber so schnell wollte ich mich nicht geschlagen geben. Also rief ich bei der örtlichen Niederlassung des Olympischen Komitees an und fragte, ob es in Bari Sportvereine gäbe, die Boxen anboten. Der Angestellte war freundlich und wusste Bescheid. Ja, es gebe in Bari zwei Boxclubs; einem hatte die Stadt ein paar Räume im neuen Fußballstadion verpachtet, der andere durfte die Turnhalle einer Realschule mitbenützen, die nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt war.
Ich ging mir den zweiten ansehen und entdeckte, dass ich den Trainer kannte, es war einer aus der alten Boxschule, Pino. An den Nachnamen konnte ich mich natürlich nicht einmal entfernt mehr erinnern. Pino hatte angefangen, in unserem Keller zu boxen, kurz, bevor ich gegangen war. Er war ein Schwergewicht mit wenig Technik, aber knallharten Fäusten; er hatte es auch als Profi versucht, jedoch ohne großen Erfolg. Jetzt ging er verschiedenen Jobs nach – Boxtrainer, Rausschmeißer in Diskotheken, Leiter des Ordnungsdienstes bei Konzerten, Megapartys und sonstigen Spektakeln.
Er freute sich, mich wieder zu sehen, klar konnte ich mich einschreiben, ich war sein Gast, Zahlen kam nicht in Frage. Davon abgesehen war es immer nützlich, einen Rechtsanwalt zur Hand zu haben.
Ab der darauf folgenden Woche verließ ich jeden Montag und Donnerstag Punkt halb sieben das Büro, war um sieben im Verein und trainierte dort fast zwei Stunden lang.
Damit ging es mir ein wenig besser. Nicht gut, aber ein wenig besser. Ich sprang Seil, machte Kniebeugen, Liegestützen, trainierte am Sandsack und boxte mit Jungs, die zwanzig Jahre jünger waren als ich.
An manchen Abenden schlief ich von alleine ein, ohne Pillen; an anderen nicht.
In manchen Nächten brachte ich es sogar auf fünf, sechs Stunden Schlaf am Stück.
Mitunter ging ich mit Freunden aus und fühlte mich beinahe wohl.
Das Problem mit dem Weinen war nicht aus der Welt, aber ich hatte es jetzt wenigstens im Griff.
Aufzüge mied ich nach wie vor, aber das war nun wirklich kein großes Problem und fiel auch keinem auf.
Die Weihnachtsferien überstand ich nahezu unbeschadet, obwohl ich an einem Tag, dem 29. oder 30. Dezember, im Zentrum Sara auf der Straße sah. Sie war mit einer Freundin unterwegs und mit einem Typen, den ich noch nie gesehen hatte. Nichts sprach dagegen, dass es sich um den Verlobten ihrer Freundin handelte oder um einen Verwandten oder um einen schwulen Freund. Aber für mich stand vom ersten Augenblick an fest, dass dieser Mann Saras neuer Lebensgefährte war.
Wir winkten uns von den gegenüberliegenden Gehwegen aus zu. Ich ging noch etwa zehn Meter weiter, als ich merkte, dass ich nicht mehr atmete. Mein Zwerchfell war blockiert. Ich spürte eine Art Hitzewelle in mir emporsteigen, sie überrollte mich von den Füßen bis zum Gesicht, ja bis in die Haarwurzeln. Mein Gehirn setzte mehrere Minuten aus.
Danach hatte ich den ganzen Tag über Atemnot, und in der Nacht machte ich kein Auge zu.
Aber auch das ging vorbei.
Nach den Weihnachtsferien begann ich wieder ein wenig zu arbeiten. Irgendwie war ich mir der Katastrophe bewusst geworden, die meine Kanzlei und vor allem meine ahnungslosen Klienten zu ereilen drohte, und so gab ich mir einen Ruck und versuchte, die Situation wenigstens annähernd unter Kontrolle zu bekommen.
Ich bereitete die Prozesse vor, hörte meinen Klienten – zumindest ein bisschen – mehr zu, achtete wieder darauf, was meine Sekretärin zu mir sagte.
Langsam und ruckartig, wie ein kaputter Motor, setzte sich die Zeit für mich wieder in Bewegung.

Zweiter Teil

1
Es war an einem Februarnachmittag, aber es war nicht kalt. Es war den ganzen Winter über nie richtig kalt gewesen.
Ich ging an der Bar unter meiner Kanzlei vorbei, ohne einzutreten, weil ich mich schämte, einen koffeinfreien Kaffee zu verlangen. Stattdessen ging ich in eine schmuddelige Bar fünf Häuserblocks weiter.
Seit ich an Schlaflosigkeit litt, trank ich nachmittags keinen normalen Kaffee mehr. Ich hatte es ein paar Mal mit Malzkaffee versucht, aber der schmeckte scheußlich. Koffeinfreier Kaffee dagegen schmeckte wie richtiger Kaffee. Man durfte sich nur nicht dabei erwischen lassen, wenn man ihn bestellte.
Ich hatte Leute, die koffeinfreien Kaffee bestellen, immer etwas mitleidig betrachtet und wollte jetzt nicht selbst so betrachtet werden. Wenigstens nicht von Leuten, die mich kannten. Das war der Grund, weshalb ich nachmittags meine Stammbar mied.
Ich trank also, an einem wackeligen Tischchen mit Resopalplatte sitzend, meinen koffeinfreien Espresso und rauchte eine Marlboro. Dann ging ich die fünf Häuserblocks zurück zu meiner Kanzlei.
Soweit ich wusste, sollte es ein ruhiger Nachmittag werden – es gab nur einen Termin. Mit Frau Cassano, die am darauf folgenden Tag wegen Misshandlung ihres Ehegatten vor Gericht stehen würde.
Der Anklage zufolge war der Arme seit Jahren jedes Mal, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, mit den übelsten Schimpfwörtern empfangen worden – elende Niete oder beschissener Hungerleider beispielsweise, wobei die noch zu den harmloseren gehörten. Jahrelang hatte er seinen gesamten Lohn, bis auf ein kleines Taschengeld für Zigaretten und andere Kleinigkeiten, bei seiner Frau abliefern müssen. Jahrelang war er vor den Verwandten und vor seinen wenigen Freunden beschimpft und gedemütigt worden. Wiederholt hatte er auch Schläge einstecken und sich ins Gesicht spucken lassen müssen.
Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Er fand den Mut, zu Hause auszuziehen, seine Frau anzuklagen und die Scheidung einzureichen – mit dem Antrag auf ausdrückliche Schuldzuweisung.
Die Signora hatte mich zu ihrem Anwalt auserkoren und an diesem Nachmittag erwartete ich sie, um noch einige Details hinsichtlich ihrer Verteidigung zu klären.
Als ich in mein Büro kam, erfuhr ich von Maria Teresa, dass die Hexe noch nicht da war. Stattdessen wartete, schon seit über einer halben Stunde, eine Farbige auf mich. Sie hatte keinen Termin, aber es ging – angeblich – um etwas sehr Dringendes. Wie immer.
Die Dame saß im Wartezimmer. Ich spickte durch die angelehnte Tür und gewahrte eine imposant wirkende junge Frau mit schönen, aber strengen Gesichtszügen. Sie war höchstens dreißig.
Ich bat Maria Teresa, sie in zwei Minuten zu mir hineinzuschicken und ging in mein Büro, zog die Jacke aus und setzte mich an meinen Schreibtisch. Die Frau trat ein, während ich mir eine Zigarette anzündete.
Sie nahm erst Platz, als ich sie dazu aufforderte, und sagte dann in akzentfreiem Italienisch grazie, avvocato. Bei ausländischen Klienten war ich immer im Zweifel, ob ich sie duzen oder siezen sollte. Viele verstehen nicht, wer gemeint ist, wenn man sie mit Sie anspricht, und das Gespräch bekommt dann leicht etwas Surreales.
Aus der Art, wie diese Frau grazie, avvocato sagte, begriff ich sofort, dass ich sie problemlos siezen konnte.
Als ich sie fragte, was sie zu mir führe, reichte sie mir einen Stoß zusammengehefteter Blätter mit den Überschriften »Amt des Ermittlungsrichters« und »Untersuchungshaftbefehl«.
Drogen, dachte ich sofort. Ihr Typ ist Drogenhändler. Aber eine Sekunde später dachte ich: Nein, unmöglich.
Wir denken alle in Stereotypen. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Meine erste stereotype Assoziationsreihe war: Afrikaner, U-Haft, Drogen. Afrikaner werden überwiegend deshalb festgenommen.
Dann kam jedoch gleich das zweite Stereotyp ins Spiel. Diese Frau hatte etwas Aristokratisches und wirkte deshalb nicht wie die Frau eines Drogendealers.
Ich sollte Recht behalten. Ihr Freund war nicht wegen Drogenhandels, sondern wegen Entführung und Ermordung eines neunjährigen Kindes verhaftet worden.
Die in dem Haftbefehl aufgelisteten Anklagepunkte lasen sich kurz, bürokratisch und grauenvoll.
Dem senegalesischen Staatsbürger Abdou Thiam wurde vorgeworfen:
a. gegen § 605 Ital. StGb verstoßen zu haben, indem er den minderjährigen Francesco Rubino entführt, gegen dessen Willen festgehalten und mithin bewusst seiner persönlichen Freiheit beraubt hat;
b. gegen § 575 Ital. StGb verstoßen zu haben, indem er den Tod des minderjährigen Francesco Rubino durch nicht näher definierte Gewalteinwirkung und anschließendes Ersticken mit gleichfalls nicht näher definierten Mitteln herbeiführte; Tatort in beiden Fällen Monopoli, Tatzeit zwischen dem 5. und dem 7. August 1999.
c. gegen § 412 Ital. StGb verstoßen zu haben, indem er die Leiche des minderjährigen Francesco Rubino in einen Brunnenschacht warf, um sie zu verstecken.
Tatort Polignano, 7. August 1999 (in agro)
Der neunjährige Francesco war verschwunden, während er eines Nachmittags allein auf einem kleinen Platz vor dem Ferienhaus seiner Großeltern in Monopoli, im Süden der Provinz Bari, Fußball spielte.
Zwei Tage später hatte man seine Leiche zwanzig Kilometer weiter nördlich, im Umland von Polignano, in einem Brunnenschacht entdeckt.
Der Gerichtsarzt, der die Autopsie durchgeführt hatte, hatte sexuellen Missbrauch weder attestieren noch ausschließen können.
Ich kannte diesen Gerichtsarzt. Der hätte sexuellen Missbrauch nicht einmal dann attestieren können, wenn ein Kind – aber auch ein Erwachsener oder ein Greis – vor seinen Augen vergewaltigt worden wäre.
Trotzdem war man bei den Ermittlungen von Anfang an vom Verdacht des Mordes aus sexuellen Beweggründen ausgegangen und hatte einen pädophilen Straftäter gesucht.