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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Buch
Sonderermittlerin Saxon, bekannt für ihren scharfen Verstand und ihren
rabenschwarzen Humor, erhält einen mysteriösen Anruf von einem Fotografen
. Entgegen aller Vernunft lässt sie sich auf ein nächtliches Treffen
ein. Sie findet den Mann – doch der ist bereits tot. Weshalb wurde sie
an den Tatort gelockt? Die Dubliner Polizei will den Fall als Selbstmord
abtun. Doch Saxon ermittelt längst auf eigene Faust.
Die Schwester des Opfers, verbotene Fotos und ein dubioser Galerist
bringen sie auf eine gefährliche Spur …
 
 
Autorin
 
Ingrid Black lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Dublin. Seit ihrem
gefeierten Debüt »Der siebte Tag« gilt sie als Irlands neue Queen
of Crime.
 
Von Ingrid Black außerdem bei Goldmann lieferbar:
Der siebte Tag. Roman (46050)

Die Originalausgabe erschien 2004
unter dem Titel »The Dark Eye«
bei Headline Book Publishing, London

ERSTER TEIL

1
Ich hatte nicht mal die Chance, hallo zu sagen.
»Sie sind Saxon«, erklärte die Stimme, sobald ich abgenommen hatte.
»Ich weiß«, antwortete ich.
»Aber Sie wissen wahrscheinlich nicht, wer ich bin!«
Da war die Spur eines Akzents, auch wenn ich ihn nicht lokalisieren konnte.
»Lassen Sie mich raten. Elvis Presley?«
»Mein Name ist Felix.«
»Was denn, keine drei Versuche?«
»Felix Berg. Sie haben vielleicht schon von mir gehört.«
»Nein, habe ich nicht.«
»Ich bin Fotograf.«
»Tatsächlich?«
Seufzend warf ich einen Blick auf die Uhr. Draußen vor dem Fenster schleppte sich ein weiterer Tag seinem Ende entgegen, ohne dass ich etwas geschafft hatte, und irgendwo in meiner Wohnung wies mich eine zu laut tickende Uhr auf die verschwendete Zeit hin. Das war das Letzte, was ich jetzt brauchte.
»Hören Sie zu, Felix, Felix Berg, Fotograf oder was auch immer, was wollen Sie von mir? Es ist schon spät, draußen ist es kalt, und ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als nachts herumzutelefonieren und sich fremden Frauen vorzustellen, die sich überhaupt nicht für Sie interessieren?«
»Ich möchte mit Ihnen reden.«
»Das habe ich mir fast schon gedacht.«
»Ich möchte mich mit Ihnen treffen. Und ich glaube, sobald Sie gehört haben, was ich Ihnen zu sagen habe, werden Sie sich auch mit mir treffen wollen.«
»Darauf würde ich an Ihrer Stelle nicht wetten, mein Freund.«
Es dauerte einen Moment, ehe er weitersprach.
»Jemand«, erklärte er, »versucht mich umzubringen.«
Und ich dachte: Nicht schon wieder!
Ich bekam ständig solche Anrufe. Na gut, ständig ist vielleicht übertrieben, aber doch so oft, dass es mich nicht mehr überraschte. Es gehörte wohl zu meinem Beruf.
Saxon: ehemals erfolgreiche Jägerin von Serienmördern, jetzt Bestsellerautorin von Kriminalromanen.
So lautete meine Kurzbeschreibung.
Zumindest wurde ich im Kabelfernsehen so beschrieben.
Treffender wäre gewesen: Magnet für jeden Irren in der Stadt.
Ich hatte ein paar Bücher über meine allzu kurze Zeit beim FBI geschrieben, sodass die Leute nicht gerade den Präsidenten der Vereinigten Staaten um Freigabe von Informationen bitten mussten, wenn sie etwas über mich erfahren wollten. Trotzdem erwarteten sie von mir, dass ich beeindruckt war, wenn sie ein paar Fakten herunterrasselten: Details, die meine früheren Fälle betrafen, Orte, an denen ich gewesen war, Mörder, die ich gekannt hatte. Als ob es nötig gewesen wäre, mich daran zu erinnern. Verdammt, ich lasse mir genauso leicht Honig ums Maul schmieren wie jede andere ehemalige Sonderermittlerin, aber ein bisschen mehr Mühe hätten sie sich schon geben können.
Beispielsweise, indem sie sich mal einen anderen Gesprächseinstieg überlegten.
Dass mir mein Gesprächspartner gleich zu Beginn hinknallte, jemand versuche ihn umzubringen, fand ich trotz allem ein wenig dreist, und das sagte ich ihm auch.
»Sie meinen wohl, ich mache Witze«, antwortete er.
»Ich meine, dass Sie zur Polizei gehen sollten, falls tatsächlich jemand versucht, Sie umzubringen. Ich bin keine Privatdetektivin oder so was in der Art.«
»An die Polizei kann ich mich nicht wenden, dafür ist es zu spät. Sie würden mir nicht glauben.«
Das konnte ich ihnen nicht verdenken.
»Was veranlasst Sie zu der Annahme, dass ich Ihnen glauben werde?«
»Sie sind die Einzige, auf die ich noch zählen kann«, erklärte er. »Sie sind fremd hier, genau wie ich. Sie gehören nicht dazu. Und außerdem -«
»Ja?«
»Außerdem wissen Sie, was es heißt, einen Blick in die Dunkelheit zu werfen.«
Da musste ich ihm Recht geben.
Ich hatte so lange in die Dunkelheit gestarrt, dass ich mich kaum mehr an die Zeit erinnern konnte, als ich noch nichts von Mord und Tod wusste, auch wenn es wohl mal eine solche Zeit gegeben hatte. Eine Zeit, als ich die Dunkelheit nur vom Hörensagen kannte und die toten Stimmen noch eine Sprache sprachen, die ich nicht verstand und auch nicht verstehen wollte.
Sobald die Dunkelheit einmal mit dem Geist eines Menschen in Berührung gekommen ist, lässt sie sich nicht mehr vertreiben. Ich hatte gesehen, wie Krähen in einem winterlichen Wald nach den Gefallenen pickten, während sich rundherum Schnee, geronnenes Blut und die Schatten der Äste wie Geheimnisse ineinander verflochten. Ich hatte Schädel aus dem Meer gefischt, als wären es Angelköder, und Blut aus dem Wasser eines moosbewachsenen Brunnens entnommen, in den nur wenige Stunden zuvor der scheußlich zugerichtete Körper einer Frau geworfen worden war, die zu dem Zeitpunkt noch gelebt hatte.
Ich hatte die Toten eingemauert und zu Paketen verschnürt gesehen, in den Rohren der Kanalisation den Ratten zum Fraß überlassen. Ich hatte dort, wo eine Stadt zu Schutt und Asche wurde, Finger aus dem Boden ragen sehen, die Nägel von Gift geschwärzt, und darin das Werk von Mördern erkannt, von denen ich geglaubt hatte, dass sie nur in meiner Phantasie existierten. Ich hatte nach vermissten Kindern gesucht, von denen ich wusste, dass sie nie gefunden werden würden. Mit meinen bloßen Händen hatte ich Asche durchsiebt, ohne zu wissen, was davon normaler Staub war und was verlorenes Leben.
Mir war Mord in all seinen Facetten und Spielarten begegnet, bis mir sein Anblick so vertraut war wie mein eigenes Spiegelbild und ich erkannte, dass das Finstere letztendlich alles andere überdauerte und nichts sonst Bestand hatte. Ich wusste, dass das Böse kein Ende nahm, egal, wie sehr wir es bekämpften. Es würde immer wieder etwas Neues geben, gegen das es zu kämpfen galt.
Genauso sicher wusste ich, dass es unter uns welche gab, denen es ebenso wenig ausmachte, ein Leben auszulöschen, wie ein Pferd es bedauerte, unter seinen Hufen einen Käfer zu zertrampeln.
Sie wissen, was es heißt, einen Blick in die Dunkelheit zu werfen.
Ja, das wusste ich.
Und genau deswegen war ich wahrscheinlich auch blöd genug, mitten in der Nacht einem Hilfe suchenden Irren zuzuhören, statt sofort aufzulegen, das Telefon auszustecken und ins Bett zu gehen. Vielleicht sollte ich mir einfach das Wort »Vollidiotin« auf die Stirn tätowieren lassen.
Wo hatte ich bloß wieder meinen Autoschlüssel hingelegt?

2
Nein, ich war nicht zu spät dran. Ich warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Noch vor Mitternacht. Wie zum Beweis ratterte gerade der letzte Zug neben der Straße her, schlängelte sich am Rand des schwarzen Wassers entlang und verlangsamte seine Geschwindigkeit, als er Howth erreichte. Während ich meinen Jeep parkte und ausstieg, sah ich die Fahrgäste aus dem Bahnhof strömen. Innerhalb kürzester Zeit löste die Menge sich auf, bis nur noch ein paar Schatten übrig waren. Nein, ich hätte nicht kommen sollen, dachte ich.
Mir fiel ein, dass ich nicht mal wusste, wie der Typ aussah.
Ein guter Anfang.
Was hatte er gesagt, wo er auf mich warten würde?
Ach ja, beim Leuchtturm – der ganz am Ende der Hafenmauer, wo die Stadt vom Meer abgelöst wurde, blinkend Wache hielt.
Er wirkte sehr weit entfernt, aber vom bloßen Hinsehen würde er auch nicht näher kommen.
Ich schloss den Wagen ab und setzte mich in Bewegung.
Schon nach wenigen Augenblicken hatte ich das Gefühl, Howth hinter mir gelassen zu haben. Ich hörte nur noch die Geräusche des nächtlichen Hafens: die Flut, die gegen den Stein klatschte, und die Boote, die wie dumpf klingende Glocken aneinander stießen.
Und das schwache Echo meiner eigenen Schritte, das mich ein paarmal dazu veranlasste, mich umzudrehen, weil ich das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Aber außer mir schien kein Mensch unterwegs zu sein. Das einzige andere Zeichen von Leben war ein Hund, der die mit Eisenketten verbundenen Poller entlang der Hafenmauer beschnüffelte und mich einen Moment hoffnungsvoll ansah. Als ihm klar wurde, dass er von mir nichts zu fressen bekommen würde, wandte er sich um und rannte zurück Richtung Land.
Ziemlich genervt kam ich am Leuchtturm an. Abgelegene Orte wie dieser machten mich immer nervös, weil sie mich die Orientierung verlieren ließen – wirklich wohl fühlte ich mich nur in der Stadt -, und langsam fragte ich mich, ob es nicht eine Dummheit gewesen war, überhaupt herzukommen. Vor allem, als ich sah, dass Felix Berg nicht wie vereinbart an der roten Tür des Leuchtturms auf mich wartete. Ich befürchtete schon, womöglich zum Narren gehalten worden zu sein.
Es wäre nicht das erste Mal gewesen.
Gähnend warf ich einen Blick auf die Uhr.
Viertel nach zwölf.
Ich würde der Sache zehn Minuten geben – nein, fünf – und dann von hier verschwinden.
Aus Erfahrung wird man klug.
Ich ließ mich auf der Stufe vor der Tür nieder, zündete mir eine Zigarre an, um mir die Wartezeit zu vertreiben, und unternahm ein paar halbherzige Versuche, Rauchkringel in die Luft zu blasen. Frustriert zog ich meine Jacke noch enger um den Körper. Der Wind blies immer kälter. Es war April, zumindest glaubte ich mich erinnern zu können, das am Vormittag auf irgendeinem Kalender gelesen zu haben. Frühling. Trotzdem wollte der Winter noch nicht klein beigeben.
Als ich einen Blick zurück in Richtung Stadt warf, sah ich die über Howth Head verstreuten Häuser wie Glühwürmchen leuchten, und vor dem Sternenhimmel zeichnete sich wie ein zerklüfteter Fels die Silhouette einer alten Burg ab. Über mir setzte ein aus Osten kommendes Flugzeug zum Landeanflug auf den ein paar Kilometer landeinwärts liegenden Flughafen an. Irgendwo jenseits des Wassers traf Metall auf Metall.
»Felix Berg«, sagte ich leise, »deine Zeit ist abgelaufen.«
Ich wusste nicht, ob die fünf Minuten schon vorbei waren, aber ich hatte lange genug gewartet.
Ich stand auf und schaute mich ein letztes Mal um. In dem Moment begann der Lichtstrahl des Leuchtturms wieder zu kreisen, und ich sah am Ende des Kais etwas stehen – ganz vorne, wo die Steinmauer in das tiefe Wasser abfiel, das sich von dort bis zum lichtlosen Rücken einer Insel erstreckte.
Genauer gesagt glaubte ich gleich zwei Exemplare dieses Etwas zu erkennen.
Schuhe?
Zumindest sah es danach aus.
Neugierig geworden, warf ich die Zigarre weg und ging zum Ende des Kais.
Die Schuhe standen am Rand der Kaimauer ordentlich nebeneinander, mit nach innen gesteckten Senkeln. Außerdem lagen da noch ein paar andere Sachen.
Ein Schlüsselbund mit mehreren Schlüsseln.
Ein silberfarbenes Handy.
Eine Brieftasche.
Und – was war das?
Ich trat noch einen Schritt vor und spürte eine Sekunde zu spät, wie unter meiner Schuhsohle etwas zu Bruch ging. Als ich den Fuß zurückzog, glaubte ich zunächst Eis glitzern zu sehen.
Das Eis entpuppte sich als zerbrochenes Glas. Nicht das dicke Glas einer Flasche, sondern zartes, zerbrechliches, mit einem runden Metallrahmen. Eine Brille mit Silberrand.
Verärgert über mich selbst, schüttelte ich die Scherben von meiner Sohle und trat einen weiteren Schritt vor. Diesmal passte ich auf, wo ich hintrat.
Ich war davon ausgegangen, dass die Mauer senkrecht ins Wasser abfiel, aber nun wurde mir klar, dass sich dort unten Felsen befanden. Schwarze, mit Seetang bedeckte Felsen, die sich dem Zerren der Wellen widersetzten und auf denen leere Flaschen, Bierdosen, ein Ölkanister und ein paar Holzplanken herumlagen.
Außerdem lag da noch etwas.
Ein Mann.
Oder das, was einmal ein Mann gewesen und nun nur noch eine Leiche war.
Er lag mit dem Gesicht nach unten. Seine Jacke war verdreht, seine Hose hatte von der Nässe dunkle Flecken. Er war barfuß und hatte einen Arm seltsam verrenkt unter dem Körper eingeklemmt, während der andere, ausgestreckte Arm schlaff über die Felsen hing, als wollte er sich ihrer zackigen Form anpassen. In der Tat wirkte der Körper des Mannes auf diesen Felsen fast so kantig wie sie. Bei seinem Anblick musste ich sofort an die letzten Worte meines nächtlichen Anrufers denken: Sie sind nicht die Einzige, die in die Dunkelheit geblickt hat. Und manchmal mag die Dunkelheit das nicht. Manchmal erwidert sie den Blick.

3
Seamus Dalton. Ich hätte es wissen müssen. Genau das, was ich jetzt brauchte, um einen großartigen Abend abzurunden. Seit Jahren durchkämmten Wissenschaftler den afrikanischen Kontinent nach dem fehlenden Bindeglied, dabei versteckte es sich schon die ganze Zeit hier in Dublin, getarnt als Detective der Mordkommission.
Es würde eine lange Nacht werden.
Er war schnell zur Stelle gewesen, das musste man ihm lassen, nur wenige Minuten nach den uniformierten Beamten, die nun, nachdem sie mit der Sicherung des Tatorts fertig waren, die üblichen unbeholfenen Versuche unternahmen, mit den Ermittlungen zu beginnen. Ich stand gerade mit einem Polizisten namens Simpson ein paar hundert Meter vom Leuchtturm entfernt neben einer Reihe von Bootsschuppen, die an der Vorderseite mit Metall verkleidet waren, als ich ihn kommen sah. Bei meinem Anblick schob er seinen Gürtel zurecht und zog die Hose hoch, wobei er ein ziemlich genervtes Gesicht machte, als wüsste er bereits, dass ich bloß seine Zeit verschwenden würde. Dieses Ritual vollzog er jedes Mal, wenn wir uns sahen, was glücklicherweise nicht oft der Fall war.
»Irgendwie«, sagte er, als er auf mich zutrat, »haben die Leute die blöde Angewohnheit, ausgerechnet dann zu sterben, wenn Sie gerade in der Nähe sind.«
»Leider nie die Richtigen.«
Er lächelte fast.
»Wer ist es?«, fragte er.
»Es ist uns noch nicht gelungen, die Leiche zu identifizieren, Sir -«, versuchte Simpson zu erklären, bevor Dalton ihn mit einem Blick zum Schweigen brachte.
»Sie habe ich nicht gefragt, mein Junge. Am besten, Sie sehen mal nach, ob Sie nicht noch ein bisschen mehr von dem Absperrband anbringen können oder so was in der Art. Machen Sie sich nützlich. Ach ja, wie wär’s denn, wenn Sie da vorne die Mauer runterklettern und einen Blick auf den Toten werfen? Ich übernehme hier.«
Simpson erhob keinen Widerspruch. Die meisten der uniformierten Beamten legten sich nicht mit Dalton an. Er hatte den Ruf, gern mal jemandem den Abend zu ruinieren, bloß weil ihm gerade danach war.
»Lernt man in der Polizeischule, so gut mit Menschen umzugehen, oder ist das bei Ihnen alles Naturbegabung?«
»Ich habe es mir selbst beigebracht. Einen anderen Lehrer habe ich nie gebraucht«, antwortete Dalton. »Na, bekomme ich jetzt eine Antwort auf meine Frage, oder muss ich Sie erst in Handschellen aufs Revier bringen und Ihnen eine Verwarnung erteilen?«
Als ob er sich das getraut hätte. Trotzdem lachte er über seinen eigenen Scherz. Wenn man so viel Sinn für Humor besaß wie Dalton, gewöhnte man sich wahrscheinlich mit der Zeit daran, über seine eigenen Witze zu lachen, weil es sonst niemand tat.
»Woher soll ich verdammt noch mal wissen, wer es ist?« Das war alles, was ich ihm darauf antwortete.
»Der Beamte, der Ihren Anruf entgegengenommen hat, meinte, Sie hätten einen Namen erwähnt.«
»Ich habe erwähnt, dass ich mich hier mit jemandem treffen wollte.«
»Felix Irgendwas.«
»Felix Berg. Er hat mir erzählt, er sei Fotograf. Ich weiß nicht, ob es sich bei dem Toten um ihn handelt oder nicht. Ich denke aber schon, dass er es sein könnte.«
»Sie denken?« Er sprach das Wort ganz vorsichtig aus, als hätte er es noch nie gehört.
»Ja, ich denke. Das sollten Sie vielleicht auch mal ausprobieren. Mit ein bisschen Übung macht es Ihnen womöglich sogar Spaß. Wie gesagt, ich denke schon, dass er es sein könnte. Aber ich wollte nichts anfassen.« In Wirklichkeit hatte ich bloß keine Lust gehabt, dort hinunterzuklettern, aber das würde ich Dalton gegenüber bestimmt nicht zugeben. »Außerdem bin ich ihm vorher noch nie begegnet. Ich könnte ihn gar nicht identifizieren, selbst wenn ich wollte.«
Dalton schien mein Vorhaben, mich hier draußen mit einem fremden Mann zu treffen, viel interessanter zu finden als die Tatsache, dass ein paar hundert Meter von uns entfernt eine Leiche auf den Felsen lag.
»Warum wollten Sie sich mit ihm treffen?«, fragte er. »Haben Sie plötzlich Ihre Liebe zu Männern entdeckt oder so was in der Art? Dann könnte heute ja mein Glückstag sein.«
»Eher entdecke ich meine Liebe zu Schnecken, Dalton«, konterte ich. »Und diesen anzüglichen Blick können Sie sich sparen. Spinnen Sie sich da bloß keinen Unsinn zusammen. Sie liegen völlig falsch.«
»Wenn ich so falsch liege, wie Sie behaupten, was lief denn dann zwischen Ihnen beiden?«
Ich schwieg einen Moment.
»Er wollte mit mir über irgendwas sprechen«, sagte ich schließlich vorsichtig.
»Worüber denn?«
»Das hat er nicht gesagt.«
»Das hat er nicht gesagt?«
»Das hat er nicht gesagt«, seufzte ich. »Hören Sie, was tun Sie eigentlich hier? Wo ist Fitzgerald?«
Ich meinte Grace Fitzgerald, ihres Zeichens Detective Chief Superintendent bei der Mordkommission der Dublin Metropolitan Police und als solche die Vorgesetzte von Dalton – dem sie in jeder Hinsicht weit überlegen war, beruflich ebenso wie intellektuell und evolutionär. Chief Superintendent Fitzgerald und ich waren zusammen. Wir gingen miteinander, wie man so schön sagt. Schliefen miteinander. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Das mit uns beiden lief schon ein paar Jahre. Seit ich aus den USA nach Dublin gekommen war, frisch vom FBI.
Obwohl frisch es nicht so ganz traf. Fix und fertig beschrieb es besser. Fitzgerald hatte mir geholfen, darüber hinwegzukommen – ob das Zusammensein mit einem Mitglied der städtischen Mordkommission es mir wirklich leichter gemacht hat, meine Probleme zu überwinden, ist eine andere Sache. Manchmal tat es mir gar nicht so gut, dass sie beruflich ausgerechnet das machte, was ich, zumindest in meinen schwachen Momenten, auch immer noch gerne gemacht hätte, aber mit ziemlicher Sicherheit nie wieder machen würde. Jedenfalls bestand in dieser Hinsicht wenig Hoffnung.
Natürlich wusste Dalton über uns Bescheid. Sie wussten es alle, auch wenn in Graces Gegenwart nie jemand ein Wort darüber verlor. Trotzdem ließen sie einen immer spüren, dass sie es wussten. Dazu waren keine Worte nötig.
»Die Chefin ist anderweitig beschäftigt«, erwiderte Dalton. »Schwer im Stress, die Frau, schwer im Stress. In der Portobello Road ist jemand niedergestochen worden. Mord ist in dieser Stadt mittlerweile eine aufstrebende Branche, müssen Sie wissen. Eine richtige Wachstumsindustrie. Tut mir Leid, wenn das Ihre romantischen Pläne für den Abend zunichte macht, aber so sind Killer nun mal. Ohne jede Rücksicht auf andere Menschen. Ich gebe den Eltern die Schuld.«
Dalton sprach ziemlich laut, und ich sah aus dem Augenwinkel, wie einer der anderen uniformierten Beamten zu uns herüberblickte, als würde er nach der Bemerkung über Fitzgerald gerade zwei und zwei zusammenzählen.
»Außerdem, warum sollte die große Fitzgerald – aus deren Hinterteil die Sonne strahlt, wenn man ihren Fans in der Lokalpresse Glauben schenken darf – ihre Zeit mit einem Selbstmord verschwenden?«
Das gab mir den Rest.
»Was macht Sie so sicher, dass der Typ sich selbst umgebracht hat?«
»Auf dem Weg hierher habe ich über Funk mit einem dieser uniformierten Schwachköpfe gesprochen«, erklärte Dalton. »Er hat mir jedes Detail berichtet. Schuhe, Handy, Schlüssel, Brieftasche, Brille, alles fein säuberlich am Rand des Kais abgelegt. Das ist klassisches Verhalten vor einem Selbstmord. Und genau aus diesem Grund«, fuhr er fort, ehe ich protestieren konnte, »verstehe ich auch nicht so recht, warum Sie sich damit an die Mordkommission gewandt haben. Sie verabreden sich mit einem Typen, warum, weiß ich nicht, es geht mich auch nichts an, stimmt’s? Dann stürzt er sich ins Wasser, statt sich an Ihrer Gesellschaft zu erfreuen, was ich irgendwie verstehen und respektieren kann. Was ich nicht verstehe, ist, warum Sie nicht einfach die nächste Polizeidienststelle angerufen haben. Die wären auch in der Lage gewesen, ihn für Sie aus dem Wasser zu fischen und Ihre Hand zu halten, während Sie Ihre Aussage machen.«
»Ich habe nicht die Mordkommission angerufen«, sagte ich, nach Kräften bemüht, seine Sticheleien zu überhören, »sondern Fitzgerald. Ich konnte ja nicht wissen, dass ihre Anrufe weitergeleitet werden. Und meinen Sie nicht, dass Sie es besser dem Pathologen überlassen sollten, die Todesursache zu bestimmen, statt vorschnelle Schlüsse zu ziehen?«
»Auf die glorreiche Idee, einen Pathologen zu Rate zu ziehen, bin ich gar nicht gekommen«, antwortete Dalton in sarkastischem Ton. »Was täten wir armen Würstchen bloß ohne Ihre Fachkenntnisse als Spitzenklasseermittlerin?«
Ich versuchte ihn zu ignorieren. Er wollte mich bloß in meine Schranken weisen. Ich war eine Exermittlerin. Ex-FBI. Ex-alles. Was bedeutete, dass ich gar nichts war. Bloß eine einfache Zivilperson. Tiefer konnte man in Daltons Augen nicht sinken. Dass ich der DMP schon ein paarmal geholfen hatte – falls man da überhaupt von Hilfe sprechen konnte -, war von Leuten wie Seamus Dalton niemals gewürdigt worden. Ganz im Gegenteil, allein schon die Tatsache, dass ich mir einbildete, helfen zu können, brachte mir bei ihm Minuspunkte ein. In dem Moment beschloss ich, ihm nichts mehr zu sagen.
»Bringen wir es einfach hinter uns, ja?«, sagte ich stattdessen.
»Wieso die Eile? Wir können uns ruhig Zeit lassen. Ich habe nichts Besseres zu tun, und« – Dalton warf einen Blick zum Leuchtturm hinüber – »ich glaube auch nicht, dass Ihr Süßer heute noch irgendwohin will. Wir können uns also genauso gut einen schönen Abend machen. Außerdem werden wir die Toten sowieso nie los. Ich wünschte, sie hätten mehr Respekt vor mir und würden mich nicht jedes Mal mit diesem Scheiß belästigen, wenn ich Schicht habe. So, und jetzt reißen Sie sich einfach mal am Riemen, während ich Ihre Aussage aufnehme, dann sind wir schneller fertig und können uns beide wieder dem widmen, was wir am besten können. Auch wenn Gott allein weiß, was das in Ihrem Fall ist.«
»Mir wäre es lieber, einer von den uniformierten Beamten würde meine Aussage aufnehmen.«
»Und mir wäre es lieber, ich läge jetzt mit Cameron Diaz im Bett. Ihnen wahrscheinlich auch, wenn ich es mir recht überlege. Schade, dass wir beide nicht haben können, was wir wollen. Und deswegen« – er holte sein Notizbuch heraus, schlug es auf, zog einen Stift aus seiner Tasche und hielt sich die Spitze mit einer anzüglichen Geste an die Zungenspitze, wobei er mir die ganze Zeit in die Augen sah – »fangen wir jetzt mit den persönlichen Daten an. Ganz nach Vorschrift, damit der Papierkram in Ordnung ist. Also, Name?«
Ich starrte ihn an.
»Lassen Sie den Scheiß, Dalton. Sie wissen genau, wie ich heiße.«
»Bitte?« Dalton neigte den Kopf zur Seite und klopfte sich mit seinem Stift ans Ohr, als würde er schlecht hören. »Das habe ich jetzt nicht so ganz verstanden. Könnten Sie es bitte wiederholen?«
»Ich habe gesagt: Lassen Sie den Scheiß.«
»Hören Sie, das Ganze nervt mich genauso wie Sie, aber Sie wissen, dass die persönlichen Daten wichtig sind. Sämtliche Formalitäten müssen stimmen. Werden Sie also Daddy zuliebe ein braves Mädchen sein, oder muss ich Simpson bitten, Sie zu verhaften? Überlegen Sie doch mal, was für einen schlechten Eindruck es machen wird, wenn die Lieblingswärmflasche der Chefin wegen tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten vor Gericht steht.«
»Seit wann sind Sie denn angegriffen worden?«
Er streckte plötzlich den Arm aus und berührte mein Haar.
Ohne nachzudenken riss ich meinerseits die Hand hoch und schlug ihn weg.
»Seit jetzt«, antwortete er.
Und setzte ganz für mich allein sein unsympathisches Paviangrinsen auf.
Ich erkannte, dass Widerstand in diesem Fall zwecklos war. Dalton war von Anfang an sauer gewesen, weil man ihn hier herausgeschickt hatte, während sich die wirkliche Action anderswo abspielte, und jetzt war er auch noch sauer auf mich persönlich, weil ich ihm nicht erzählen wollte, was genau ich hier zu suchen hatte, und deswegen würde er mich so richtig schikanieren, um hinterher wenigstens das Gefühl haben zu können, dass er die Fahrt nicht völlig umsonst gemacht hatte. Das alles sah ich in seinen Augen, und mir wurde klar, dass er am längeren Hebel saß. Wie sehr ich mich auch anstrengte, am Ende würde doch er gewinnen.
Er sah es auch in meinen Augen. Die Resignation.
»Schon besser«, meinte er. »Ich mag es, wenn eine Frau tut, was man ihr sagt.« Aber Dalton kam nicht dazu, seinen Sieg auszukosten, weil uns das Geräusch schneller Schritte hochblicken ließ. Simpson eilte aus Richtung Leuchtturm auf uns zu. Ein paar Schritte von uns entfernt blieb er stehen.
»Sir«, begann er nervös.
Sofort konzentrierte Dalton seine ganze Feindseligkeit auf den Polizisten.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«, fragte er.
»Es geht um den Toten, Sir.«
»Was ist passiert? Ist er aufgestanden und hat nach einem Taxi verlangt?«
»Es sieht so aus, als... als wäre er erschossen worden.«
Dalton war sprachlos, wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben. Gleichzeitig lag noch ein anderer Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wirkte plötzlich aufgeregt und fast ein wenig hoffnungsvoll, als würde er sich darüber freuen, dass endlich etwas passierte. Ich wusste auch, was der Grund für diesen Gesichtsausdruck war.
Der Marxman.

4
Als Erster hatte Tim Enright sterben müssen. Mitte Januar war er aus irgendeinem unerfindlichen Grund nach der Arbeit in den Norden der Stadt gefahren und hatte seinen Wagen am O’Neill’s Place geparkt. Gegen halb acht hatten ihn zwei Frauen auf ihrem Heimweg leblos über dem Steuer hängend vorgefunden. Er war aus nächster Nähe durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet worden. Auf den ersten Blick sah das Ganze nach einem klassischen Mord im Gangstermilieu aus. Davon bekam Dublin mittlerweile ein mehr als beträchtliches Maß ab; die Anzahl solcher Erschießungen hatte sich in den letzten fünf Jahren verfünffacht, aber in diesem Fall deutete nichts darauf hin, dass es sich tatsächlich um diese Art von Mord handelte.
Der Hintergrund des sechsunddreißigjährigen Enright war gründlich überprüft worden. Der Mann hatte keine zwielichtigen Geschäfte getätigt, offenbar auch keine Feinde gehabt und im schicken Financial Services Centre in der Dubliner Innenstadt die von seinem verstorbenen Vater geerbte Firma geleitet, die mit Terminwaren handelte – was immer das sein mochte. Die Steuerfahndung hatte nie von ihm gehört, und auch für das Betrugsdezernat, das Drogendezernat und die Kriminalpolizei war er ein völlig unbeschriebenes Blatt. Sämtliche kriminellen Kontaktpersonen, die die Dublin Metropolitan Police zu dem Fall befragte, beharrten darauf, dass in der Unterwelt niemand seine Ermordung befohlen hatte. Auch in seinem Privatleben fand man nichts, was als mögliches Motiv in Frage gekommen wäre – keine eifersüchtigen Ehemänner, kein heimliches Doppelleben im Schwulenmilieu. Seinen Kontoauszügen zufolge hatte es keine ungewöhnlichen Eingänge oder Zahlungen gegeben, und für Erpressung fanden sich ebenfalls keinerlei Anhaltspunkte.
Kollegen und Freunde sprachen von einem Mann ohne Sorgen und ohne dunkle Seite, der die Tage vor seinem Tod damit verbracht hatte, ein bevorstehendes Urlaubswochenende zu planen, das er mit seiner Frau in Paris verbringen wollte. Offenbar war er ein richtiger Mr. Durchschnittsbürger gewesen. Das alles hatte wahrscheinlich recht positive Folgen für seine unsterbliche Seele gehabt, war aber fatal, was die Chancen der Polizei betraf, seinen Mörder dingfest zu machen. Es hatte den Anschein, als wäre er entweder einer Verwechslung zum Opfer gefallen oder so grundlos ermordet worden, wie ein Mord ohne Motiv nur sein konnte.
Jedenfalls verliefen die Ermittlungen im Sand.
Einen Monat später folgte die zweite Erschießung, und diesmal handelte es sich bei dem Opfer nicht um einen Mr. Durchschnittsbürger. Terence Prior, siebenundsechzig Jahre alt und Witwer, war Richter am Obersten Gerichtshof und ein Pfeiler der ehrenwerten Dubliner Gesellschaft. Als solcher besaß er genug Geld und Einfluss, um dafür sorgen zu können, dass seine konservative, in den meisten sozialen Fragen völlig antiquierte Meinung stets lauter zu hören war als die des ganz normalen Stimmviehs.
Bei der sogenannten liberalen Presse war er unbeliebt, weil er mal eine Frau, die in seinem Gerichtssaal ihr Baby gestillt hatte, wegen Missachtung des Gerichts zu einer Gefängnisstrafe verdonnert hatte und sich immer wieder darüber aufregte, dass er die Mörder von Kindern und Polizisten nicht zum Tode verurteilen dürfe. Er selbst schien sein Butzemann-Image so richtig zu genießen, was irgendwann sogar seine Anhänger zu dem Schluss kommen ließ, dass er sich längst auf das weite Feld der Selbstparodie begeben hatte. Sein Haus lag an einem vornehmen georgianischen Platz im Süden der Stadt, wo er eines Abends vor der Tür erschossen wurde, nachdem er einen weiteren Tag lang Vertretern des ungewaschenen Pöbels grobe Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Wie das erste Opfer wurde er von hinten und aus nächster Nähe niedergestreckt, mit dem einzigen Unterschied, dass der Schuss in seinem Fall durchs Herz ging. Die Waffe war dieselbe, eine Glock.36, zu der es vor Enright keine kriminelle Vorgeschichte gab. Die Presse hatte rasch einen Namen für den Mörder bereit: Marksman, das englische Wort für Schütze.
Dass es nun zwei Opfer gab, die mit ziemlicher Sicherheit von ein und demselben Mörder getötet worden waren – und dass es bei einem dieser Opfer einen bekannten Namen in den Grabstein einzumeißeln galt -, führte immerhin dazu, dass die Ermittlungen beträchtlich intensiviert wurden. Während sich die DMP zunächst an die vage Hoffnung geklammert hatte, dass man beim routinemäßigen Sammeln von Beweismaterial und Aussagen schon auf irgendetwas stoßen würde, wodurch sich der Fall sozusagen von selbst aufklären ließe, entwickelte sich die Geschichte nun zu einer Cause célèbre, die bei einer breiten Öffentlichkeit Aufsehen erregte. Die Presse machte der Mordkommission Druck und wollte ständig über neue Anhaltspunkte und Herangehensweisen informiert werden. Auch wenn Fitzgeralds Kollegen manchmal meinten, dass sie allein aufgrund ihres Status als eine der höchstgestellten Frauen innerhalb der DMP eine gute Presse bekam, war das in diesem Fall nicht so.
Die Mordkommission erhielt für ihre Ermittlungen mehr Geld; man stellte ein größeres Team zusammen, und die Bemühungen konzentrierten sich darauf, eine Verbindung zwischen den beiden Opfern zu finden.
Es gab immer eine Verbindung; das war die allgemein anerkannte Grundlage jeder Ermittlung. Manchmal war es sogar das Einzige, was die Ermittlungen in Gang hielt: die Hoffnung, irgendein Bindeglied zu finden, das seinerseits zu einem weiteren Bindeglied führen würde und so weiter.
Nur funktionierte es leider nicht so einfach.
Zwischen diesen beiden Opfern ließ sich keine Verbindung herstellen, weil es keine gab, so viel wurde schnell klar. Sie hatten nicht in denselben Kreisen verkehrt und in unterschiedlichen Stadtteilen gelebt; sie waren sich definitiv nie begegnet und gehörten auch nicht zur selben Altersgruppe. Allem Anschein nach hatte der Killer sie nicht nach diesen Gesichtspunkten als Zielscheiben ausgewählt.
Zumindest war das die vorherrschende Meinung, bis es Finlay Hart traf, einen geschniegelten, ständig süffisant grinsenden jüngeren Politiker, der dem rechten Flügel angehörte, zu den meisten Themen Standpunkte vertrat, die den verstorbenen Richter Prior wie einen Anarchisten wirken ließen, und einen kleinen Regierungsposten innehatte, der Insiderkreisen zufolge nur die erste Stufe auf seinem Weg in hohe Ämter war. Als er eines frühen Morgens vor der Tür seines Büros in der Main Street eintraf, um einen weiteren Arbeitstag als Lenker des politischen Universums zu beginnen, setzte ein Schuss seiner Karriere ein jähes Ende.
Endlich gab es eine Verbindung, und die Antiterroreinheit der DMP stürzte sich sofort darauf. Zwei Personen des öffentlichen Lebens, deren politische Einstellung den durchschnittlichen Linksradikalen nicht gerade zu stehenden Ovationen veranlasst hätte, waren innerhalb weniger Wochen ermordet worden, und noch ehe Harts Leiche von der Treppe zu seinem Büro entfernt und sein Blut in den Gully getropft war, unternahm Paddy Sweeney von der Antiterroreinheit bereits erste Anstrengungen, um den Fall in seinen Zuständigkeitsbereich übertragen zu lassen, wo er ihn zweifellos genauso vermasselt hätte wie den Fall eines ausländischen Diplomaten, der etwa ein Jahr zuvor ermordet worden war und bei dem Sweeney von Anfang an voller Überzeugung von einem ähnlichen politischen Motiv ausgegangen war. Von dieser Meinung hatte er sich auch nicht abbringen lassen, bis dann schließlich der Mann, mit dem der Diplomat zusammengelebt hatte, in Begleitung seines Anwalts auf dem Polizeipräsidium in Dublin Castle erschienen war und den Mord an seinem Geliebten gestanden hatte.
Im Hinblick auf den neuen Fall begann Sweeney der Presse einzuflüstern, dass es sich bei dem Killer um einen freischaffenden Anhänger des marxistischen Kommunismus handle, und beharrte selbst dann noch auf dieser Meinung, als das vierte Opfer des Mörders, den die Zeitungen mit ihrem üblichen Talent für schlechte Wortspiele nun liebenswürdigerweise als den »Marxman« bezeichneten – und der bei der radikalen Linken rasch zum Helden der Stunde avancierte -, als Jane Knox identifiziert wurde, eine Frau unbestimmbaren Alters, die die Siebzig aber mit Sicherheit schon überschritten hatte und früher als linksradikale Nonne namens Schwester Bernadette bekannt gewesen war. Irgendwann hatte sie eine Art Zusammenbruch erlitten und lebte seitdem inmitten einer Armee von streunenden Katzen auf den Straßen rund um das Mansion House.
Knox wurde vor dem Hintereingang des Restaurants Water Margin durch einen Kopfschuss aus der besagten Glock.36 getötet, nur dass in ihrem Fall aus einer Entfernung von ein paar Metern geschossen wurde. Wie weit der Täter genau entfernt gewesen war, konnte der städtische Pathologe nicht sagen, und die ballistische Analyse steckte in Dublin noch in der Steinzeit, sodass von dieser Seite auch keine Hilfe zu erwarten war. Die Frau hatte frühmorgens nach einer ihrer Katzen Ausschau gehalten, als der Schuss sie traf, und wurde erst gegen Abend von einer Kellnerin, die sich zu einer Zigarettenpause hinausgeschlichen hatte, auf der Treppe liegend vorgefunden.
Welcher radikalmarxistische Terrorist sucht sich sowohl reiche Richter und Politiker des rechten Flügels als auch linksradikale, besitz- und obdachlos gewordene Nonnen als Opfer aus? Sweeney meinte, man solle ihm drei Monate und fünfzig Prozent mehr Etat geben, dann würde er das schon herausfinden – und wahrscheinlich wären seine Forderungen auch erfüllt worden, hätte Fitzgerald sich nicht über den Kopf und die ausdrücklichen Anweisungen des Assistant Commissioner, der die Mordkommission zumindest dem Namen nach leitete, hinweggesetzt und dafür gesorgt, dass sie den Fall behalten konnte. Ihr Ego spielte dabei durchaus eine Rolle – sie wollte Sweeney nicht in ihr Territorium eindringen lassen -, aber sie war darüber hinaus auch der festen Überzeugung, dass der fehlbenannte Marxman, mochte er auch noch so seltsame Motive haben, nicht aus politischen Gründen mordete.
Er unternahm nicht einmal den Versuch, mit der Presse oder der Polizei zu kommunizieren, und normalerweise ließen Killer, die ein Anliegen hatten, selten eine Gelegenheit aus, sich Gehör zu verschaffen.
Sweeney hatte widerstrebend den Rückzug angetreten, zickte im Hintergrund aber immer noch wie ein Mädchen herum, fest entschlossen, Grace das Leben von seiner Position außerhalb der Mordkommission so schwer zu machen, wie Dalton es von innerhalb versuchte. Der einzige Unterschied war, dass sie nun als Andenken an ihre Auseinandersetzung seine Eier in der Tasche hatte, was sie ihn bestimmt nicht vergessen lassen würde. Allerdings blieb ihr nicht viel Zeit, ihren Triumph zu genießen, weil die Marxman-Ermittlungen sich inzwischen ausdehnten wie ein bösartiger, von Ungeziefer verbreiteter Virus und die Zeit der Mordkommission derart beanspruchten, dass Messerstechereien in der Portobello Road auf eine surreale Weise fast ein Gefühl der Erleichterung auslösten. Grace hatte noch nie so unter Druck gestanden. Auf der einen Seite sah sie sich mit einer nervösen Öffentlichkeit konfrontiert, auf der anderen mit einer extrem aufgeregten Presse. Keine gesunde Mischung.
Da war es auch nicht gerade hilfreich, dass sich die Mordkommission nach dem letzten Marxman-Opfer drei Wochen lang in jenem Zustand der Stagnation befunden hatte, der allen Polizeidezernaten zu schaffen macht, wenn sie es mit einem Serientäter zu tun haben. Sie wussten, dass er wieder zuschlagen würde und wahrscheinlich gerade sein nächstes Opfer auswählte, vielleicht sogar schon beobachtete. Er befand sich in der Vorbereitungsphase, und die Polizei konnte bloß abwarten. Den nächsten Schritt des Killers vorherzusagen, war fast ein Ding der Unmöglichkeit, sodass ihnen nichts anderes übrig blieb, als in der Zwischenzeit die wenigen Bruchstücke von Anhaltspunkten zu sichten, die sie bisher in Händen hielten.
Es schien offensichtlich, dass der Marxman ganz bewusst darauf achtete, dass zwischen seinen Opfern keine Verbindungen bestanden. Hin und wieder narrte er die Ermittler mit einem Hauch von Zusammenhang, um ihnen beim nächsten Mal mit einer Hundertachtziggradwende zu demonstrieren, dass sie einer falschen Fährte gefolgt waren. Nichts deutete auf ein Muster hin. Der Marxman tötete sowohl Männer als auch Frauen, seine Opfer stammten aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Stadtteilen. Er schoss sie in den Kopf und in die Brust, aus nächster Nähe und aus größerer Entfernung. Auch hinsichtlich der Tatzeit war er nicht festgelegt, er tötete abends ebenso wie morgens.
Die einzige echte Gemeinsamkeit war im Grunde, dass er immer nur eine Kugel abfeuerte und jedes der bisherigen Opfer vor irgendeiner Art von Tür oder durch eine solche hindurch erschossen hatte.
Türen: Eingänge in eine andere Welt?
Schwellen.
Ein Symbol des Hindurch- oder Hinübergehens, von einem Zustand in einen anderen?
Das war nicht viel, aber ich schätze, jeder Psycho braucht ein Markenzeichen.
Ich hatte versucht, so wenig wie möglich an den Fall zu denken und mir meine Gelassenheit und Distanz zu bewahren. Der Grund war keineswegs ein Mangel an Interesse, ganz im Gegenteil, nichts hätte mich glücklicher gemacht, als zusammen mit Fitzgerald an einem solchen Fall zu arbeiten. Ich wusste, dass sie genauso empfand, denn solange eine derartige berufliche Verbindung zwischen uns nicht bestand, konnte ich zwangsläufig an einem großen Teil ihres Lebens nicht teilhaben. Trotzdem war es einfacher, wenn ich zwei Schritte zurücktrat. Es war ihr Leben, nicht mehr meines, und ich konnte nicht einfach so tun, als gäbe es darin einen Platz für mich.
Deshalb hatte sich meine bisherige Rolle bei der ganzen Sache im Wesentlichen auf die einer interessierten Beobachterin beschränkt. Während der letzten paar Monate hatte ich regelmäßig für eine amerikanische Kriminologen-Zeitschrift über den jeweils aktuellen Stand des Falls berichtet. Der Job brachte so gut wie nichts ein, gab mir aber das Gefühl, immer noch eine Insiderin zu sein, die etwas zu sagen hatte. Doch selbst was das betraf, hielten wir die Dinge getrennt, weil es kompromittierend für sie gewesen wäre, wenn unter meinem Namen etwas erschienen wäre, was auf sie zurückgeführt hätte werden können. Ich durfte also nur schreiben, was bereits veröffentlicht war. Wenn ich unabhängig von ihr etwas herausfand – beispielsweise, dass der Marxman seine leere Patronenhülse immer ordentlich aufsammelte, eine Information, die ich einem jungen Polizisten entlockt hatte, nachdem ich ihn in einer Bar stundenlang mit Alkohol abgefüllt hatte -, musste ich immer erst sicherstellen, dass es anderswo gedruckt wurde, bevor ich es verwenden konnte.
Und nun drohte Felix Berg die strengen Grenzen aufzuheben, die ich zwischen den beiden separaten Welten gezogen hatte.
Von meinem Platz auf der Hafenmauer sah ich zu, wie Dalton mit einiger Verspätung einen Tatort zu sichern versuchte, auf den er noch wenige Minuten zuvor mit Verachtung herabgeblickt hatte, und dabei die anderen Polizisten anschrie. Während ich auf den Wagen wartete, den er für mich bestellt hatte, angeblich, damit ich auf dem nächsten Polizeirevier in Ruhe meine Aussage zu Ende bringen konnte – in Wirklichkeit aber wohl hauptsächlich, weil er mich aus dem Weg haben wollte, ehe Fitzgerald eintraf -, ging ich im Geist noch einmal ganz genau durch, was Felix bei unserem nächtlichen Telefonat zu mir gesagt hatte.
Jemand versucht mich umzubringen.
Was hatte er gewusst? Was hatte er gesehen? Hatte er bei dem Blick in die Dunkelheit, von dem er gesprochen hatte, unbeabsichtigt den Marxman gesehen? Ihn womöglich sogar erkannt? Das würde auf jeden Fall erklären, warum jemand den Wunsch gehabt haben könnte, ihn für immer zum Schweigen zu bringen.
Aber warum hatte er sich an mich gewandt?
Und, noch wichtiger, woher hatte der Marxman gewusst, wo er ihn in dieser Nacht finden würde?

5
Als ich auf dem Revier meine Aussage unterschrieben hatte und endlich gehen konnte, war es drei Uhr morgens. Ich versuchte noch herauszufinden, was in Howth lief, aber die örtliche Polizei wusste auch nicht mehr als ich. Außerdem wollte ich Fitzgerald anrufen, doch sie ging noch immer nicht an ihr Handy.
Am Ende holte ich meinen Wagen vom Parkplatz hinter dem Revier, wo ihn jemand für mich abgestellt hatte, und fuhr nach Hause. Meine Wohnung lag im siebten Stock eines ehemaligen Lagerhauses in der Nähe von St. Stephen’s Green, direkt im Stadtzentrum. Dort angekommen, spielte ich mit dem Gedanken, mir einen Kaffee zu machen, verwarf ihn aber gleich wieder. Während ich weiter über Berg nachdachte, nahm ich zwei Schlaftabletten und legte mich auf die Couch, konnte aber trotzdem lange Zeit nicht einschlafen.
Irgendwann muss ich doch eingenickt sein, denn das Nächste, was ich mitbekam, war das Klingeln meines Weckers. Erst als ich den Arm ausstreckte, um ihn auszuschalten, wurde mir klar, dass es gar nicht mein Wecker sein konnte, weil ich nicht im Bett, sondern auf der Couch lag. Dann ertönte das Geräusch von neuem, und ich begriff, dass es sich um die Türklingel handelte.
Ich stolperte zur Tür und drückte auf den Knopf der Sprechanlage.
»Fitzgerald«, hörte ich eine weibliche Stimme knackend von der Straße herauf.
»Grace?«
»Wie viele andere Fitzgeralds kennst du denn? Kann ich raufkommen?«
»Natürlich«, antwortete ich. »Aber wo hast du deinen Schlüssel gelassen?«
»Ich wollte erst hören, ob du wach bist.«
»Jetzt bin ich es.« Während ich den Türöffner betätigte, dachte ich über die Logik nach, einen Menschen aufzuwecken, um herauszufinden, ob er schlief.
Bis ich meinen eigenen Schlüssel gefunden und aufgesperrt hatte, öffnete sich draußen bereits die Aufzugtür.
»Du siehst fürchterlich aus«, erklärte sie zur Begrüßung in fröhlichem Ton.
Auch einen guten Morgen, Chief Superintendent.
»Na ja, ich hatte nicht gerade eine tolle Nacht«, antwortete ich.
»Da bist du nicht die Einzige.«
Trotzdem konnte ich nicht umhin festzustellen, wie großartig sie aussah, egal, wie wenig sie geschlafen hatte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie ihr langes schwarzes Haar streng zurückgebunden trug. Ihre tolle Figur konnte sie ebensowenig verbergen wie ihre dunklen Augen und ihre Art, sich zu bewegen.
»Wie ich höre, hat Dalton dich ziemlich schikaniert.«
»Woher weißt du das?«
»Der Beamte, der dich zum Revier gefahren hat -«
»Simpson.«
»Ja, Simpson. Anscheinend ist er ein Freund von Boland.« Sie meinte Sergeant Niall Boland, der mit ihr in der Mordkommission arbeitete, allerdings auf einer ziemlich niedrigen Stufe, wo er aller Wahrscheinlichkeit nach auch bleiben würde. »Er hat Boland vom Revier aus angerufen und ihm erzählt, was passiert ist. Er hatte dich mit Dalton streiten hören und vermutet, dass der zu weit gegangen war, konnte aber nichts sagen, solange er noch in der Nähe war.
»Im Zu-weit-Gehen ist Dalton ein wahrer Meister.«
»Er hatte in letzter Zeit einige Probleme«, stimmte Fitzgerald mir zögernd zu. »Es gibt im Moment zu viele Veränderungen, und das gefällt ihm nicht. Er ist der Überzeugung, dass wir ihn auszuschließen versuchen. Das baut sich schon seit dem Amerikatrip auf. Vielleicht ist es gestern Nacht einfach eskaliert.«
Der Amerikatrip, das hatte ich ganz vergessen. Nachdem Fitzgerald sich jahrelang den Mund fusselig geredet hatte, war es ihr endlich gelungen, den offiziellen Leiter der Mordkommission, Assistant Commissioner Brian Draker – einen Mann, der es als seine wahre Berufung betrachtete, mit dem Polizeipräsidenten Golf zu spielen -, dazu zu bringen, Mittel lockerzumachen, um ein paar Leute aus dem Team zu einem neuen, vom FBI organisierten Ausbildungsprogramm in die Staaten zu schicken.
Der zehnwöchige Kurs hatte das Ziel, Polizeibeamte in einer Reihe von Situationen auszubilden, angefangen bei Tatortanalyse über Terrorismus bis hin zu Serienmord. Die Entsendung von Beamten in die USA sollte der Dubliner Polizei ein professionelleres Image geben, was nicht allzu schwierig war, da diese noch immer mit einer öffentlichen Meinung zu kämpfen hatte, die ihr absolute Inkompetenz und eine der niedrigsten Aufklärungsraten diesseits von Moskau nachsagte. Aber so preisgünstig der Kurs auch war, hatte Fitzgerald doch lange kämpfen müssen, um Draker das Geld abzuknöpfen. Noch schlimmer war, dass man die zwei Plätze, die er schließlich bewilligt hatte, ja schlecht verlosen konnte, und es ein Ding der Unmöglichkeit war, alle Beamten, die den Kurs machen wollten, davon zu überzeugen, dass die Auswahl der beiden Kandidaten nach gerechten Kriterien erfolgte.
Am Ende blieb es an Fitzgerald als der leitenden Ermittlerin hängen, sie auszusuchen. Sie überging Dalton zugunsten von Sean Healey, der wie Dalton einer der erfahrensten Beamten in der Mordkommission war, ingesamt aber ein ausgeglichenerer, weniger reizbarer Typ. Der zweite Platz war an Patrick Walsh gegangen, einen jungen, ehrgeizigen Beamten. Diese Entscheidung konnte man als eine gute Investition in die Zukunft betrachten, weil bei der DMP alle – einschließlich Walsh selbst – davon überzeugt waren, dass er es mal weit bringen würde.
Fitzgerald hatte eine gute Wahl getroffen.
Dass sie sich selbst nicht auf die Liste gesetzt hatte – und niemand wusste besser als ich, wie schwer ihr diese Entscheidung gefallen war -, machte Daltons Wut nicht geringer und seine Paranoia nicht weniger intensiv. Er hielt mit beidem auch nicht hinter dem Berg, sondern intrigierte im Dezernat gegen Fitzgerald, wann immer er konnte. Auf diese Weise war es ihm sogar gelungen, ein paar von den anderen Beamten gegen sie aufzuhetzen.
Bis zu einem gewissen Grad konnte ich seine Reaktion verstehen, weil ich wusste, wie es sich anfühlte, brüskiert zu werden, aber es war trotzdem kindisch. Allmählich wurde es Zeit, dass er über den Schlag hinwegkam, den die Sache seinem empfindlichen männlichen Ego versetzt hatte, und das sagte ich Grace auch.
Sie zögerte einen kurzen Moment, ehe sie mir antwortete.
»Möchtest du, dass ich ihm einen Rüffel erteile?«, fragte sie.
Sollte das ein Witz sein? Nichts hätte mir mehr Freude bereitet, als mit ansehen zu dürfen, wie Dalton zur Schnecke gemacht und anschließend hinausgeworfen wurde, um endlich den ihm gebührenden Platz in der Schlange der Arbeitslosen einzunehmen, wo ich mich nicht mehr mit seinen idiotischen Anwandlungen herumschlagen musste.
Andererseits wusste ich, wie sehr Fitzgerald ihn immer noch brauchte. Kaum jemand arbeitete so lange in der Mordkommission wie Dalton. Er war schon da gewesen, bevor Fitzgerald die Leitung der Ermittlungen übernahm, und sie verfügte nicht über genügend ähnlich erfahrene Beamte, um auf einen davon verzichten zu können. Dalton mochte ein noch so großes Arschloch sein, aber er war eben gut in seinem Job. Darauf kam es an.
»Vergiss es«, sagte ich schließlich zähneknirschend und versuchte den Ärger zu unterdrücken, den ich angesichts von Fitzgeralds erleichterter Miene empfand. So war es nun mal, wenn man zu einer Institution gehörte und tagein, tagaus als ein Teil von ihr lebte. Egal, ob FBI, Dublin Metropolitan Police oder Boy Scouts, es war überall das Gleiche: Irgendwann wollte man bloß noch seine Ruhe haben und Stress vermeiden, was bedeutete, dass man Auseinandersetzungen scheute und Kompromisse einging. Wahrscheinlich hätte ich es an ihrer Stelle genauso gemacht. Trotzdem hasste ich es.