cover

001

Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
Widmung
PROLOG
 
ERSTER TEIL
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
 
ZWEITER TEIL
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
 
DRITTER TEIL
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
 
EPILOG
Danksagung
Copyright

Buch
Als der Drogenfahnder David Gerulaitis eine Diskothek observieren will, findet er vor der Eingangstür einen Toten. Auf dem Rücken der Leiche sind deutlich Buchstaben zu erkennen, die post mortem eingeritzt wurden; sie bilden das Wort »warst«. Die Identität des Jungen ist schnell geklärt. Es handelt sich um den Sohn des Therapeuten Fabian Plessen, der von seinen Jüngern wie ein Guru verehrt wird.
Wenig später wird Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler zu einem neuen Tatort gerufen. Eine Frau, die dreiundvierzigjährige Sonja Martinez, liegt seit über einer Woche tot in ihrer Wohnung; und auch in ihren Körper wurde ein Wort geritzt: Es lautet »damals«. Mona braucht nicht viel Fantasie, um auf einen Serienmörder zu schließen: »Damals warst« liest sich wie der Beginn eines Satzes – es ist also wahrscheinlich, dass mindestens zwei weitere Morde geplant sind. Doch niemand weiß, wer die nächsten Opfer sein könnten.
Als Mona erfährt, dass Sonja Martinez früher bei Plessen in Behandlung war, beschließt sie, ihren Kollegen David Gerulaitis in eine der von Plessen geleiteten Seminargruppen einzuschleusen. Mona misstraut Plessen immer mehr, hat aber gleichzeitig das Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Bei ihrem Chef stößt Mona jedoch auf taube Ohren – und das hat tödliche Konsequenzen …

Autorin
Christa v. Bernuth ist freie Journalistin in München. 1999 erschien ihr erster Roman, »Die Frau, die ihr Gewissen verlor«. In ihrem hoch gelobten zweiten Roman, »Die Stimmen«, hat sie die Figur der Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler eingeführt, die auch in »Untreu«, ihrem dritten Roman, ermittelt. »Die Stimmen«, »Untreu« und »Damals warst du still« wurden mit Mariele Millowitsch in der Rolle der Mona Seiler verfilmt. Christa v. Bernuths Bücher erscheinen in Übersetzung in Schweden und den Niederlanden.

Von Christa v. Bernuth außerdem lieferbar:
Die Frau, die ihr Gewissen verlor. Roman (44374)

Die Stimmen. Roman (45383)

Untreu. Roman (45716)

Wir sind wie die Sonne, welche das Leben der Erde nährt und allerhand Schönes, Seltsames und Übles hervorbringt.
Erst der Herbst wird zeigen, was der Frühling gezeugt hat, und erst am Abend wird deutlich sein, was der Morgen begann.
C. G. Jung

PROLOG
1980
Er war ein Junge mit kräftigen blonden Locken und braunen Augen, den anfangs alle niedlich fanden trotz seiner leichten Behinderung. Alle außer seiner Mutter, die schon vor der Katastrophe etwas ahnte, ohne es genauer wissen zu wollen. Besonders ihr zu Gefallen hielt er seine öffentliche Maskerade aufrecht, denn ihm war klar, dass er wenigstens eine einzige Verbündete brauchte.
 

Natürlich war seine Mutter alles andere als das. Natürlich verriet sie ihn nur deshalb nicht an den Rest der Welt, weil sie Angst hatte, selber in ein schlechtes Licht zu geraten. Genau aus diesem Grund würde sie weiter schweigen, solange er ihren ungeschriebenen Vertrag erfüllte, der aus einem einzigen Satz bestand.
Wehe, jemand merkt was.
 

Seine Mutter und sein Vater waren Ärzte und hatten häufig an den Wochenenden Dienst. Seine Schwester war viel älter als er und dachte nicht daran, in ihrer knappen Freizeit auf ihn aufzupassen. So war er an diesen magischen Tagen ganz allein mit sich in seiner alternativen Welt, die er wie ein Puzzle Stück für Stück zusammensetzte. Irgendwann würde sie so vollkommen sein wie ein dreidimensionales Gemälde, irgendwann würde sie leuchten – in düsteren, faszinierenden Farben. Irgendwann würde er sich darin bewegen können wie in einer realen Landschaft, nur Millionen Mal schneller. Er wusste (aber nicht woher), dass er dazu bestimmt war, etwas zu erschaffen, das es noch nicht gab. Manchmal fürchtete er sich vor seinem Auftrag, dessen Umfang noch im Dunkel der Zukunft lag, dann wieder überwältigte ihn ein Gefühl der Befriedigung, wenn er nach exakten Vorgaben geleistet hatte, was er sich vorgenommen hatte.
Er stand ganz am Anfang, er war ja erst acht. Begonnen hatte es mit dem Sezieren von Spinnen und Fliegen, deren Flügel und Beine er sorgfältig ausgerissen hatte, um die nun wehrlosen Körper akribisch zu untersuchen. Die Gefühle, die ihn dabei durchfluteten, waren machtvoll und unbeschreiblich, aber noch nicht voll befriedigend. Ein Weberknecht zum Beispiel bestand ohne seine langen, dürren Gliedmaßen nur aus Kopf und einem komplett charakterlosen Leib. Da beides so winzig war, konnte man mit bloßem Auge nicht genau sehen, wann und mit welchen eventuellen Verrenkungen die Spinne ihren Geist endgültig aufgab. Also wünschte sich der Junge eine Lupe, um den Prozess des Sterbens besser beobachten zu können. Seinen Eltern machte er weis, dass seine Lehrerin dieses Utensil für den Unterricht eingefordert hatte. Die glaubten ihm nicht und beschieden ihn mit der Information, dass es in der Republik zurzeit keine Vergrößerungsgläser zu kaufen gebe. Aber der Junge blieb hartnäckig, und schließlich bekam er von der Oma das, was er sich wünschte, wenn auch mit der Auflage, einen Bedanke-mich-Brief zu schreiben.
Es war sein achter Geburtstag, und die Lupe das Erste, was er auspackte. Seine Freude war groß und äußerte sich in einem kurzen Aufleuchten seiner seltsam kalten Augen. Die übrigen Geschenke sah er nicht einmal an. Seine Eltern wechselten verärgerte Blicke, als er die ersehnte Lupe – ein altes, schon leicht zerkratztes Modell, das laut dem Begleitschreiben der Oma dem Stiefopa gehört hatte – an sein Gesicht drückte. Das gebogene Glas kühlte seine heiße Stirn. Nach dem gemeinsamen Frühstück entwischte er in den Garten. Es war ein kalter, verregneter Junimorgen. Kein Tag, um draußen zu sein.
Seine Mutter spürte ihn auf, als er, vollkommen in seine Tätigkeit versunken, auf einer der steinernen Stufen hockte, die zu einem kleinen, mit Unkraut zugewucherten, nie benutzten Pavillon führten. Es nieselte, als sie langsam auf ihn zukam, mit diesem komischen Gefühl in der Magengrube, das sie in letzter Zeit häufiger erfasste, wenn sie über ihn nachdachte. Langsam trat sie näher, bis sie hinter ihm stand. Ihr Sohn bemerkte sie nicht. Auf seinem grauen Wollpullover glitzerten winzige Regentropfen wie Diamanten, seine Haare waren dunkel und strähnig vor Nässe. Sie beugte sich über seinen schmalen, gekrümmten Rücken. Dann zog sie scharf die Luft ein. Vor dem Jungen, auf der regennassen Stufe, lagen die sorgfältig längs tranchierten Hälften eines riesigen Hirschkäfers und daneben ihr kleines, scharfes Küchenmesser. Der Junge nahm die eine Hälfte des Käfers am Geweih (die Beinchen schienen sich noch schwach zu bewegen) und begutachtete sie eingehend durch die Lupe. Sein Atem ging stoßweise, als sei dieser Akt mit einer enormen körperlichen Anstrengung verbunden.
Das war das Schlimmste: dieses heftige unregelmäßige Keuchen. Die Luft um ihn herum schien zu dampfen. Sie hätte schwören können, dass sein Körper fieberheiß war, aber sie war nicht im Stande, ihn zu berühren.
Sie hob im ersten Impuls die Hand, um ihm eine Ohrfeige zu geben – ihre übliche Art, Probleme aus der Welt zu schaffen. Aber irgendetwas hielt sie davon ab. Angst vielleicht. Sie ging rückwärts durch das hohe, nasse Gras. Ihre Gedanken schlugen seltsame Volten und schienen gleichzeitig stillzustehen. Am liebsten hätte sie ihn geschlagen für diese widerliche, ekelhafte …
Warum tat sie es dann nicht? Warum lief sie davon?
Sie versuchte, sich zu beruhigen.
Vielleicht taten so was alle Kinder. Hatte sie selbst nicht auch Insekten getötet und seziert?
Ja, schon. Aber anders. Nicht so – nicht mit dieser stummen, fokussierten Besessenheit.
Als der Junge außer Sichtweite war, drehte sie sich um und fing an zu laufen. Nicht ins Haus, sondern trotz der Kälte und des Regens aus dem Garten hinaus, die ungeteerte Straße entlang, an den Grundstücken der Nachbarn vorbei, bis sie auf den einzigen Gasthof des Ortes stieß. Er hieß »Zur Wende«, weil die Straße hier einen scharfen Knick vollzog. Sie fühlte sich nicht gut, das musste als Begründung für den reichlich frühen Besuch reichen. Sie versuchte die Tür aufzustoßen, aber sie hatte vergessen, dass »Zur Wende« am Sonntagvormittag geschlossen hatte.
Kein Schnaps, nirgends. Ihr Mann hielt nichts davon, sich tagsüber einen zu genehmigen, deswegen konnte sie jetzt nicht einmal an ihre Hausbar heran. Langsam ging sie wieder nach Hause, wo sie nicht hinwollte, aber es gab ja keinen anderen Platz, wo sie hinkonnte. Niemand wollte hier sein. Nicht sie, nicht ihr Mann, nicht ihre Kinder, nicht die Nachbarn, niemand. Aber der Ort, in dem sie lebten, befand sich auf einer Lagune, deshalb gab es nur einen Eingang, keinen Ausgang. So dachte sie manchmal, obwohl sie natürlich wusste, dass das komplett absurd war (jeden Morgen fuhr sie schließlich ungehindert heraus aus dem Ort zu ihrem Arbeitsplatz, einer Klinik in der benachbarten Kreisstadt).
Nur ein Eingang, kein Ausgang. Wen es hierher verschlug, kam nie wieder weg. Sie war dieses Gefühl nie losgeworden.
Seit dem Tag X behielt sie ihren Sohn im Auge – und er sie. Sie unternahm zwar im Grunde gar nichts, nicht einmal die fällige Tracht Prügel fand statt, aber er wusste trotzdem, was los war. Er hatte diese Begabung, Stimmungen zu erkennen, bevor über sie gesprochen wurde. Auch dann, wenn niemals über sie gesprochen wurde. Manchmal war er sich selbst unheimlich. Er war kein normaler Junge. In ihm schien eine zweite Persönlichkeit zu existieren, die vollkommen unabhängig von seiner ersten funktionierte. Diesen unsichtbaren Schatten zu nähren war seine Aufgabe – anders hätte er es nicht erklären können, wenn ihn jemand gefragt hätte.
Aber das tat niemand, und schon gar nicht seine Mutter. Sie sah ihn nur immer wieder merkwürdig an und nahm ihm bei passender Gelegenheit seine Lupe weg, und das nicht ein Mal, sondern mehrmals, immer wieder, und jedes Mal ganz gegen ihre Gewohnheit ohne ein böses Wort. Aber er fand die Verstecke immer. Sie waren so simpel und schlecht ausgedacht, als ob etwas in ihr wollte, dass er weitermachte mit seinen komischen, kranken Spielen. Diesen stummen Kampf führten sie monatelang, bis er dazu überging, die Lupe immer bei sich zu tragen, selbst in der Schule, wo er gar keine Verwendung für sie hatte.
Niemand dort kannte seinen geheimen Schatz. Er hatte keine Freunde und keine Feinde. Anfangs hatten ihn einige Mitschüler gehänselt, weil er für sein Alter klein und dünn war. Aber mittlerweile traute sich niemand mehr an ihn heran. Kinder besitzen ein feines Gespür dafür, welche Angriffe echte Wunden schlagen, und ihm konnten sie nichts anhaben. Mehrfach war er von den Stärkeren der Klasse verprügelt worden. Er hatte sich nicht gewehrt, aber sein Blick hatte ausgereicht: Es machte keinen Spaß, ihn zu quälen.
Es machte eher Angst.

ERSTER TEIL

1
Montag, 8. 7., 12.10 Uhr
Die Frau trug ein gelbes T-Shirt und eine schmutzig graue Jogginghose, als sie zum letzten Mal in ihrem Leben die Tür öffnete. Sie sah den Mann mit der Zeitung und wusste sofort, worum es ging. »Nein«, sagte sie leise, »ich war das nicht, ehrlich.«
Aber sie war es eben doch gewesen.
Sie fühlte sich so fertig und kaputt, sie war so elend und matt, und alles war allein ihre Schuld. Der Mann hielt die Zeitung mit jenem Artikel hoch, in dem sie mit vollem Namen zitiert wurde. Als enttäuschte Patientin, deren Depressionen sich durch Fabian Plessens Therapie so verschlimmert hatten, dass sie sich mittlerweile nicht einmal mehr aus dem Haus traute. Sie hätte dieses Interview nie geben dürfen. Das hatte sie nun davon: Nun wollte erst recht niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie sah zu dem Mann hoch. Ihre Augen waren trübe, ihre Haare fettig, und bestimmt stank es in der Wohnung nach gammligen Pizzaresten und Bettwäsche, die ewig nicht mehr gewechselt worden war.
»Das sind doch Sie«, sagte der Mann. Seine Stimme klang freundlich, und falls er etwas Unangenehmes roch, ließ er es sich nicht anmerken. »Sonja Martinez. Das sind doch Sie.«
»Ich war das nicht. Ich hab denen nichts erzählt.«
»Darum geht’s doch gar nicht. Herr Plessen – Fabian – macht sich Sorgen um Sie. Er hat versucht, Sie anzurufen, aber Sie gehen ja nicht ans Telefon.«
Die Frau senkte die Augen. Das Telefon war abgemeldet, sie hatte die Gebühren nicht mehr bezahlt.
»Er möchte, dass es Ihnen besser geht. Deshalb schickt er mich.«
»Fabian? Ist das wirklich wahr?«
»Ja. Bitte lassen Sie mich herein. Nur für eine Minute.«
Ihr wurde plötzlich klar, dass der Mann immer noch auf dem Gang stand. Sie ließ ihn herein. Wenn er von Fabian kam, dann würde ihn das Chaos nicht stören. Fabian kannte die Menschen und ihre Schwächen, er verurteilte niemanden. Oder fast niemanden. Das Einzige, was er hasste, waren Unehrlichkeit und Trotz. Seine Erkenntnisse waren sakrosankt und durften nicht ungestraft in Frage gestellt werden. Ihr hatte er gesagt, dass ihr Mann und ihre Tochter nur ohne sie glücklich und befreit sein könnten. Ihr persönlicher Weg, hatte er gesagt, sei das Alleinsein. Das hatte sie nicht glauben wollen, nicht glauben können. Sie hatte sich dagegen gesperrt, zuletzt mit diesem Interview, das sie immunisieren sollte gegen seinen übermächtigen Einfluss. Und der Lohn war das hier: Sie war so schlecht dran wie nie zuvor.
»Wie geht es Fabian?«, fragte sie schüchtern, nachdem sie ihrem Besucher einen Stuhl in der Küche freigeräumt hatte.
»Fabian geht es gut, aber er macht sich Sorgen. Um Sie. Er hat keine Zeit, selbst zu kommen, aber er hat mich vorbeigeschickt.«
Sie sah ihn fragend an.
»Sie brauchen Medizin, Sonja«, sagte der Mann. Sie kniff die Augen zusammen (ihre Brille hatte sie schon seit Tagen verlegt, und sie war stark kurzsichtig). Sie erkannte kaum mehr als seine Umrisse.
»Medizin? Von Fabian?« Fabian hatte nie mit Medikamenten gearbeitet, im Gegenteil, er lehnte sie rigoros ab. Nur Naturheilkundliches ließ er gelten.
»Ich habe etwas bei mir, das Ihnen den nötigen Push geben wird. Es ist rein pflanzlich. Ganz natürlich.«
»Oh, das... ist gut.«
»Haben Sie etwas... Einen Strumpf oder einen Gürtel?«
»Einen... Strumpf?«
»Ja. Zum Abbinden Ihres Oberarms. Ich muss Ihnen das Mittel spritzen. Es ist so fein, dass es die Magen-Darm-Schranke nicht passieren kann. Deshalb muss es direkt ins Blut.«
»Oh.«
»Haben Sie Angst vor Spritzen?«
Sie hatte fürchterliche Angst. Nicht nur vor Spritzen, sondern vor allem vor diesem Mann, den sie nicht kannte. Aber sie war noch nie im Stande gewesen nein zu sagen, wenn jemand so nett mit ihr redete wie er. Hypnotisiert von seiner Sicherheit und Freundlichkeit krempelte sie den Ärmel ihres T-Shirts hoch. Ein letzter Versuch, ihrem Schicksal zu entgehen: »Muss das wirklich sein? Ich meine, ich glaube gar nicht, dass ich wirklich etwas brauche, ich brauche eigentlich nur etwas mehr Schlaf.«
Der Mann hatte nun etwas in der Hand, das aussah wie ein Riemen. »Lehnen Sie sich einfach zurück«, sagte er. Seine Stimme wurde tiefer, verfiel in eine Art Singsang, der sie irgendwie an Fabian erinnerte. »Einfach zurücklehnen«, sagte die Stimme. »Es ist gleich vorbei. Nur ein kleiner Piks...«
Sonja schloss die Augen, willenlos, hoffnungslos. Sie spürte, wie der Mann etwas um ihren Oberarm wickelte, sie hörte, wie er sie bat, mit ihrer Hand eine Faust zu machen. Schließlich spürte sie den Stich. Fast im selben Moment schien sie abwärts zu rasen. Ein wahnsinniger, tödlicher Schwindel erfasste sie, Bilder stürzten auf sie ein (ihr Mann und ihre Tochter zusammen in Spanien am blauen Meer, sie lachten glücklich, weil sie endlich frei waren – frei von ihr und ihren ständigen Forderungen nach Liebe und Fürsorge). Sie fiel ins Bodenlose, sie stöhnte, bis die Visionen abgelöst wurden von einer Wand, die unaufhörlich wuchs und schließlich alles vernichtete, was an ihr lebendig war. »Kämpfen Sie nicht dagegen an.« Das waren die letzten Worte, die sie hörte, bevor die schwarze Einsamkeit sie verschlang.

2
Dienstag, 15.7., 4.00 Uhr
Es war immer dieselbe Kneipe in der sie sich trafen, ein ehemaliges Striplokal mit dem hochtrabenden Namen Palais, das anschließend zu einem Club umfunktioniert worden war, bis auch der neue Betreiber pleite ging. Heute kamen nur noch Trinker der untersten Kategorie. Dafür hatte das Palais jede Nacht bis sechs Uhr morgens geöffnet, dem offiziellen Ende ihrer Arbeitszeit.
In dieser Nacht stießen David und sein Partner Janosch die Tür auf wie jede Nacht, wenn sie Dienst hatten. Wie jede Nacht blickten die vier, fünf traurigen Gestalten im Lokal kurz auf und rasch wieder auf ihr Glas herunter, als sie die beiden jungen, gesunden Männer erkannten, die nicht dazu- und nicht hierher gehörten. Sie kamen aus einer Welt voller Kraft und Energie, deren reine Existenz den Männern an der Bar mittlerweile ganz unmöglich schien, vor allem um diese Uhrzeit, vor allem an diesem heruntergekommenen Ort mit seinem schmuddligen Tresen und seinen abgewetzten, fleckigen Plüsch-Separees.
David und Janosch blieben einen Moment stehen, um sich in der schummrigen Beleuchtung zu orientieren. Jeder von ihnen trug eine Plastiktüte voller bunter Pillen, braunen, harzig duftenden »Pieces«, weißer Kristalle. In wenigen Sekunden würden sie ihre Tüten auf den Tisch knallen, die anderen würden sie mit Hallo begrüßen, und sie würden feiern: dass eine weitere erfolgreiche Nacht hinter ihnen lag, in der sie im Namen des Gesetzes beschlagnahmt hatten, was in und vor den Clubs an illegalen Waren an minderjährige und andere Kunden gebracht werden sollte. Sie hatten sich als potenzielle Käufer und als potente Händler ausgegeben. In dieser Nacht hatten sie mehrere vierzehnjährige Mädchen gefilzt, die geschminkt und aufgetakelt wie Nutten waren, und sie hatten zwei sechzehnjährige Jungs als strafmündig erkannt und festgenommen, sie hatten in ihrem Zivilfahrzeug einen Deal beim Abwickeln beobachtet und waren in letzter Sekunde eingeschritten.
In solchen Momenten empfanden sie sich als die wahren Könige der Straße, und dass sie auf der Seite der Guten waren, erhöhte nur noch ihr Machtgefühl. Die anderen waren nur Statisten in einem Stück, dessen Ausgang Janosch und David bestimmten. Mit dem wiegenden Gang der Leute, die wussten, was in der Szene abging, die den Durchblick hatten, durchquerten sie das Lokal auf der Suche nach dem Rest der Truppe.
Aber diesmal war ihr Stammplatz leer. Janosch machte ein enttäuschtes Gesicht und ging aufs Klo, David bestellte an der Theke zwei Bier für sich und ihn und setzte sich allein an den Tisch ganz hinten im Lokal. Er war in dieser halb euphorischen, halb übermüdeten Stimmung, in der er dringend etwas zu trinken brauchte, um später wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können. Seine Augen brannten, sein Herz schlug zu schnell. Der Polizeiarzt hatte letzte Woche Herzrhythmusstörungen festgestellt und ihm angeboten, ein Attest zu schreiben. Natürlich hatte David abgelehnt. Er brauchte keinen Zwangsurlaub, sondern diesen Job. In mehr als einer Beziehung. Er zündete sich eine Zigarette an.
Ein älterer Mann in fadenscheinig aussehender Kellnerkluft brachte das Bier. Im selben Moment kam Janosch an den Tisch zurück. David sah ihm ins Gesicht: ein Spiegelbild seiner eigenen Verfassung. Janosch war blass, seine Augen hatten dunkle Ringe und glänzten fiebrig.
»Alles klar mit dir?«, fragte David.
»Ja. Geht schon.« Vorhin hatten sie noch über dies und das gewitzelt, jetzt wirkte Janosch ernst. Er setzte sich und nahm einen tiefen Schluck Bier. »Hast du noch Zigaretten?«
»Sicher.« David schob ihm die Schachtel herüber. Janosch nahm eine heraus und sah David dabei nicht an. Beide rauchten und tranken schweigend. Nicht immer war ihr Job spannend, oft erwies er sich auch als die ödeste Sache der Welt. Das war vor allem dann der Fall, wenn sie warten mussten: auf einen eventuellen Deal zum Beispiel oder vor dem Haus eines Verdächtigen, der observiert werden sollte. In solchen Situationen hatten sie von Zeit zu Zeit tief gehende Gespräche geführt – über den Sinn des Daseins, über Zukunftsträume, über jene seltsamen, elementaren Ängste, die niemand verstehen konnte, dessen Leben sich hauptsächlich tagsüber abspielte.
Eigentlich fühlte er sich mit Janosch befreundet. Doch es war immer das Gleiche: Sobald die Arbeit beendet war, schienen sie sich plötzlich nichts mehr zu sagen zu haben. Empfand das Janosch auch als irritierend? Ging es den anderen mit ihren Partnern genauso? War das der heimliche Sinn ihrer allnächtlichen Treffen? Zusammenzukommen, um gemeinsam das große Schweigen zu brechen? David hatte den Verdacht, dass es genau so war, aber darüber würde er mit niemandem sprechen können. Man sprach nicht über so etwas.
Er rutschte unbehaglich hin und her und sah auf die Uhr. Seine Augen brannten vor Müdigkeit; plötzlich wollte er nur noch nach Hause ins Bett.
»Kann ich heute das Auto nehmen?«, fragte er Janosch.
»Natürlich. Du bist ja dran.«
»Danke.« Einer von beiden fuhr mit ihrem Dienstwagen nach Hause, der andere nahm sich auf Kostenstelle ein Taxi. Immer abwechselnd. Dafür holte jeweils der, der an der Reihe war, den anderen am nächsten Abend zur neuen Schicht ab.
»Ich geh jetzt«, sagte David. »Das dauert mir zu lange mit den anderen.«
»Kein Problem. Holst du mich um zehn?«
»Klar. Bleibst du noch?«
»Paar Minuten vielleicht. Ich trink nur noch aus.«
Das hieß übersetzt: Ich nehm noch eins. David grinste und schlug Janosch in die geöffnete Hand.
»Cool, Alter.«
»Fick dich selber.« Ihre müden Gesichter erhellten sich für einen Moment.
»Soll ich dir Zigaretten dalassen?«, fragte David.
»Lass nur, ich hol mir selber noch welche.«
Zwei Minuten später saß David in ihrem schwarzen 3er BMW, den sie im Halteverbot vor dem Palais geparkt hatten. Er startete den Wagen, schüttelte sich die hundertste in dieser Nacht aus der Schachtel, und drückte auf den Anzünder. Die Straßen waren so leer wie zu keiner anderen Tageszeit. Er genoss diese letzten zwanzig Minuten ganz allein mit sich. Der Anzünder sprang heraus, David hielt ihn an die aufglühende Zigarette und nahm einen tiefen Zug. Er fuhr los und legte eine neue CD ein. Die schwarze Popdiva, der man längst ansah, dass sie ein notorischer Crackhead war, sang von Angst und Mut und einem neuen Anfang, und bestimmt glaubte sie daran, so wie all die anderen Süchtigen. Ihre Stimme war immer noch stark und schön, aber das würde ihr bald auch nicht mehr helfen. David hatte schon viele Frauen kennen gelernt und abgeführt, die ähnlich aussahen und sich genauso benahmen wie sie – abgemagert, nervös, befeuert von einer wilden, krankhaften Energie, hoffnungslose Fälle, die im Sarg, in der Psychiatrie oder im Obdachlosenasyl endeten. Nun, Letzteres war bei ihr immerhin nicht zu befürchten.
David ließ die Innenstadt hinter sich und fuhr auf den Ring Richtung Osten. Er bemühte sich, wach zu bleiben, aber seine Augenlider wurden schwer. Schließlich schaltete er auf einen Nachrichtensender um. Die trockene Stimme des Sprechers berichtete, dass die Zahl der Firmenpleiten dieses Jahr erneut einen Höchststand erreichen würde, was gleichermaßen für die Nettoverschuldung der Regierung galt. David hörte mit halbem Ohr zu; an Katastrophenberichte zum Zustand der Nation hatte er sich längst gewöhnt. Die verbotenen Geschäfte blühten wie nie zuvor, trotz oder gerade wegen Rezession und Zukunftsangst.
Kurz vor seiner Wohnung bog er in eine Seitenstraße und fuhr auf das Gelände einer vor Jahren stillgelegten Papierfabrik, die demnächst abgerissen werden sollte. Ihm fiel auf, dass es dunkler war als sonst, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Club, zu dem er wollte, befand sich in einer der alten Fabrikhallen im hinteren Teil des Geländes und war normalerweise bis acht Uhr morgens geöffnet. Ein-, zweimal hatte David hier noch in buchstäblich letzter Minute Beute gemacht (so nannten sie ihre Razzien: Beute machen, als handle es sich um ein Räuber-und-Gendarm-Spiel). Seither machte er häufig allein diesen Abstecher hierher, obwohl das eigentlich nicht erlaubt war, weil sie nicht zu zweit waren und dieser Club nicht zu seinem Revier gehörte. Aber danach fragte im Fall des Falles keiner.
Der betonierte Platz vor der Halle war leer und dunkel. David bremste ein paar Meter von der Frontseite entfernt und stieg aus. Jetzt merkte er erst richtig, dass etwas ganz anders war als sonst. Grillen zirpten, und in der Ferne hörte man jemanden hupen und einen anderen mit quietschenden Reifen bremsen: sonst nichts. Keine hämmernden Bässe, kein durch die Wände gedämpftes vielstimmiges Geschrei. Der Club schien Ruhetag zu haben. David wollte gerade wieder einsteigen, da sah er etwas vor dem Eingang liegen.
David zog seine Waffe und entsicherte sie.
Es war sehr still und dunkel, nur über dem Eingang spendete eine trübe Funzel etwas Licht und beleuchtete schwach dieses Ding, das da lag. Vielleicht nur ein Bündel Kleidung. Sicher nichts Bedrohliches. Um trotzdem keine Zielscheibe in der Dunkelheit abzugeben schaltete David die Scheinwerfer des BMWs nicht ein. Er nahm stattdessen die Waffe in beide Hände und ging langsam, links und rechts schauend, auf den Eingang zu.
Das Ding war ein junger Mann in überweiten Hosen und einem schwarzen, bedruckten T-Shirt. Er lag auf der David abgewandten Seite und schien zu schlafen. Jedenfalls hoffte David, dass er das tat. Er kniete vorsichtig nieder, nahm die Pistole in die linke Hand und fasste mit der rechten dem Mann an die Schulter. Sie fühlte sich seltsam steif an, wie gefroren, dabei war es eine milde Sommernacht. David legte zwei Finger auf die Halsschlagader und fühlte keinen Puls. Die Haut war kalt und fast so unbeweglich wie Wachs.
»Scheiße«, sagte David vor sich hin. Sein Mund wurde trocken, und plötzlich spürte er im Magen jede einzelne Zigarette dieser langen Nacht. Es war bei weitem nicht sein erster Toter, aber er hatte heute überhaupt nicht mit so was gerechnet. Es hatte ihn kalt erwischt. Er dachte an Sandy, die jetzt allein im Bett lag, sprintete zurück zum Auto und holte seine Taschenlampe, eine riesige Mag-Lite. In ihrem kalten Licht wirkte das Gesicht des Toten grau und noch auf andere Weise seltsam. David hatte keine Lust genauer hinzuschauen. Da lag eine Leiche, und er war derjenige, der sie gefunden hatte. Das hieß, dass er in den nächsten Stunden nicht nach Hause kommen würde und später bestimmt keine Chance bekäme, den verlorenen Schlaf nachzuholen.
Er zog sein Handy aus der Hosentasche und informierte den Bereitschaftsdienst im Dezernat für Todesermittlung. Aus seiner Sicht, dachte er, war alles klar. Heroin, Highball oder Crack. Der Club war ein Umschlagplatz für alle möglichen Drogen, auch harten Stoff. Er erklärte das dem Beamten, der ihm zusagte, die üblichen Leute vorbeizuschicken. Die Nacht war so warm, dass er bei diesem kurzen Gespräch beinahe ins Schwitzen kam. Vielleicht lag das aber auch gar nicht an den Temperaturen.
»Ist er sicher tot?«, fragte der Beamte zum Schluss.
»Ja. Leichenstarre hat schon eingesetzt.«
»Ich ruf trotzdem einen Krankenwagen.«
»Kann man sich sparen. Wirklich.«
»Ganz sicher?«
»Ja!«
»Okay. Sie bleiben vor Ort, bis die Kollegen da sind, klar?«
»Nee«, sagte David. »Ich geh jetzt nach Hause und hau mich hin. Ihr kriegt das schon alleine auf die Reihe.« Der Beamte produzierte ein blechernes »Hö, hö!« und legte auf. David wandte sich erneut der Leiche zu und kniete sich hin. Ohne die Lage des Toten zu verändern, untersuchte er vorsichtig die nackten, kalten, steifen Arme. Das Gesicht sparte er aus. Irgendetwas stimmte damit nicht, und er wollte noch immer nicht wissen, was es war. Die Arme waren unauffällig, jedenfalls auf den ersten Blick. Keine Narben alter Einstiche fühlbar. Vielleicht Selbstmord, dachte er. Aber wie hat er es gemacht?
Eine Überdosis Pillen?
Sehr unwahrscheinlich.
Er stand wieder auf und rief Sandy an. Mittlerweile war es hell geworden, die Zeit, wenn das Baby meistens wach wurde und zu weinen begann. Dann verließ Sandy das gemeinsame Bett, und er drehte sich um und schlief weiter, obwohl er es nicht mochte, wenn sie ging, und sie jedes Mal am liebsten festgehalten hätte, weil er sich ohne sie so einsam fühlte. Dabei blieb sie doch in der Wohnung, ganz in seiner Nähe. Und trotzdem war ihm in solchen Momenten, als würden sie sich unausweichlich voneinander entfernen.
Es klingelte einmal, zweimal, dreimal, dann hörte er ihre verschlafene Stimme.
»David? Wo bist du denn?«
»Sandy, tut mir Leid. Ich hab’ne Leiche gefunden. Vor dem Babylon
»Was?«
»Ein toter Junge. Wahrscheinlich Drogen, wie immer. Aber ich muss warten, bis die Kollegen kommen.«
»Klar. Du bist ja auch ein ganz Wichtiger.«
»Sandy...«
»Und wie lange musst du da jetzt rumstehen?«
»Weiß nicht. Bis die kommen, eben. Danach muss noch ein Protokoll geschrieben werden, dafür muss ich dann...«
Er hörte ihr genervtes Stöhnen. »Toll!«
»Ich kann auch nichts dafür. Das ist mein...«
»Ach hör doch auf.«
»Ich kann nichts dafür, verstehst du? Wenn man einen Toten findet, kann man nicht einfach...«
»Debbie schreit. Ich geh jetzt zu ihr.« Sie brach abrupt die Verbindung ab, und David stand regungslos wie ein Idiot mit dem stummen Telefon am Ohr vor einem dunklen, leeren Abrissgebäude, an dem das Unkraut schon nagte. Mit einem toten Jungen zu seinen Füßen, der höchstens sechzehn, siebzehn war und in diesem Alter nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als sein Leben zu ruinieren. Als er die Polizeisirenen hörte, erwachte er aus seiner Starre. Langsam schob er das Handy in die Hosentasche zurück. In diesem Moment bogen zwei Wagen mit Geheul und Blaulicht auf das Gelände, das plötzlich taghell zu werden schien. Sie hielten direkt auf David zu, der die rechte Hand gehoben hatte und sich in dieser Pose ein wenig lächerlich vorkam. Insgesamt vier Männer stiegen aus, zwei Polizisten in Uniform und zwei in Zivilkleidung. David kannte einen von ihnen, es war ein Gerichtsmediziner aus dem Institut für Rechtsmedizin. Er begrüßte ihn mit einem kurzen Winken.
»Mergentheimer, Dezernat für Todesermittlung«, sagte der andere, ein dünner Mann mit Glatze und einem schütteren blonden Schnauzbärtchen. David schüttelte die ausgestreckte Hand. »Gerulaitis, Drogenfahndung, Dezernat 9. Sind Sie neu?«
»Seit einer Woche dabei. Also, Herr …
»Gerulaitis.«
»Äh, ja. Was haben wir denn hier?«
Idiot, dachte David, und sagte: »Einen toten Jungen, wie man sieht. Drogen nehme ich an.«
»Wie haben Sie ihn gefunden?«
»Zufällig. Ich war bei einem Einsatz und bin nach Hause gefahren. Der Club liegt auf dem Weg, und...«
Aber Mergentheimer hörte ihm nicht mehr zu. Gemeinsam mit dem Gerichtsmediziner begab er sich zu der Leiche hinter David. Der Gerichtsmediziner beugte sich nach unten. »Absperren müssen wir ja wohl nichts«, sagte Mergentheimer zu niemandem bestimmten. »Kein Mensch da. Was ist das für ein Club?«
David trat neben ihn, weil er annahm, angesprochen zu sein. »House, Hiphop, viel black music. Viele harte Drogen. Heute scheint Ruhetag zu sein, normalerweise ist hier die Hölle los.«
»Tot«, sagte der Gerichtsmediziner, als habe daran noch irgendein Zweifel bestanden. Er hob das T-Shirt des Jungen an und zog es vorsichtig nach oben, um Rücken und Bauch zu untersuchen. »Moment mal«, sagte er. »Da ist doch was. Am Rücken. Ich fühl da was. Da ist irgendwas, eine Wunde oder so.«
David und Mergentheimer kamen näher. »Kann ich ihn auf den Bauch drehen?«, fragte der Gerichtsmediziner.
»Warten Sie damit«, sagte Mergentheimer. »Vielleicht ist das hier ein Tatort, dann muss hier fotografiert werden und...«
»Dann kommen Sie mal runter und halten Sie meine Taschenlampe.«
Mergentheimer und David knieten sich neben den Gerichtsmediziner, Mergentheimer nahm gehorsam dessen Lampe und richtete sie auf den freien Rücken des Jungen. David fuhr zurück. Jemand hatte in die glatte, leicht gebräunte Haut ein blutiges Wort geritzt. Man konnte es deutlich lesen, denn jeder Buchstabe war mindestens fünf Zentimeter hoch. Es lautete WARST.
»Verdammt«, sagte Mergentheimer leise. Sein Schnurrbart zitterte. »Das kann er sich ja wohl kaum selber beigebracht haben.«
»Das ist noch was«, sagte der Gerichtsmediziner tonlos.
»Wo?«
»Leuchten Sie mal hierher. Auf die rechte Hand. Der hat was in der Hand. Etwas... hm... Fleischiges.«
»Scheiße«, sagte David, als die Hand des Toten im Lichtkreis auftauchte. »Das ist ja so was wie...«
»Jemand hat ihm die Zunge rausgeschnitten«, sagte der Gerichtsmediziner. »Jedenfalls nehme ich das mal an.« Er versuchte, den Mund der Leiche zu öffnen, aber es ging nicht; der Kiefer war fest zusammengepresst. Die Hand der Leiche war um ein blutiges Etwas gekrampft, das etwa die Größe einer Maus hatte. »Das ist eine Zunge mit Zungenwurzel.«
»Wieso?«, fragte Mergentheimer mit schwacher Stimme, als sei ihm übel.
»Das ist Ihr Bier«, sagte der Gerichtsmediziner. »Ich stell hier bloß die Fakten fest. Der hat eine Zunge in der Hand. Das Fleischgekröse, was da rausschaut, ist die Zungenwurzel. Ob das seine eigene Zunge ist, sehen wir in der Pathologie, wenn die Leichenstarre vorbei ist.«
David setzte sich auf den Boden und ließ den Kopf zwischen den Beinen hängen. Er versuchte, alles von sich wegzuschieben: seine Erschöpfung, seine Übelkeit, seinen Ekel. Sein Fernziel war die Mordkommission. Dort wollte er eines Tages hin, und diese Gelegenheit hier, redete er sich ein, war schon mal ein guter Anfang.

3
Dienstag, 15. 7., 10.00 Uhr
KHK Mona Seiler hieß die Chefin der Mordkommission 1, die diesen Fall übernehmen würde. David hatte sie schon vor dem Babylon gesehen, als sie später zu den Kollegen von der Todesermittlung hinzugekommen war, aber nur kurz mit ihr gesprochen. Sie hatte eine heisere Stimme und schien nicht gerade jemand zu sein, der gern viele Worte machte. Sie galt, wusste David aus der Gerüchteküche, als Typ, der sich durchbiss und keinen Humor hatte. Aber das sagte man hier von allen Frauen, die es zum Ärger nicht beförderter Kollegen geschafft hatten, ein paar Stufen in der Polizeihierarchie aufzusteigen. Er nahm dieses Gerede nicht ernst.
David saß wartend in KHK Seilers Büro im Dezernat 11. Die Morgensonne fiel durch das gekippte Fenster und heizte den kleinen, nüchternen Raum unangenehm auf. An den Wänden standen Metallregale voller Aktenordner, die braune Schreibtischplatte aus lackiertem Pressspan war dagegen leer bis auf die absolut unverzichtbaren Dinge: den PC, einen Plastikbecher mit Kugelschreibern und Bleistiften, eine kleine Stehlampe und das Telefon. Kein Foto auf dem Schreibtisch, keine Pflanze am Fenster. Nichts Privates, an dem der Blick hängen bleiben konnte, um die Fantasie auf Touren zu bringen. Es hätte irgendein Büro sein können in irgendeiner Behörde, irgendwo auf der Welt. Das machte es in Davids Augen wiederum interessant. Der internationale Prototyp eines Büros. David gähnte und rieb sich die Augen.
Von draußen dröhnte der Verkehr mit einer Lautstärke, als befände man sich mittendrin und nicht in einem Raum drei Stockwerke darüber. Trotz seiner Müdigkeit ging David schließlich zum Fenster und betrachtete durch die staubigen Scheiben das Treiben am Hauptbahnhof. Es roch nach Benzin und aufgeheiztem Teer. Eine Straßenbahn hielt unentwegt bimmelnd und mit kreischenden Bremsen – Metall auf Metall -, und David war versucht, sich wie ein Kind die Ohren zuzuhalten. Schließlich machte er das Fenster trotz der Treibhaustemperaturen zu und begab sich wieder an seinen Platz vor dem Schreibtisch.
Auf dem Gang wurden Männerstimmen laut. David setzte sich unwillkürlich gerade hin, aber die Stimmen passierten das Büro und entfernten sich wieder. Erneut herrschte Stille, bis auf den nun einigermaßen gedämpften Straßenlärm. David sah zum zehnten Mal auf die Uhr. Vier nach zehn. Ob er sich bei Sandy melden sollte? Aber er hatte keine Lust auf weitere Vorhaltungen, und es gab auch nichts Neues mitzuteilen. Er wusste selbst nicht, wie lange das alles hier noch dauern würde. Die Leiche des Jungen, dessen Identität noch nicht festgestellt war, befand sich schon seit Stunden im Institut für Rechtsmedizin und wurde obduziert. Am Tatort – wenn er es denn war, das wurde noch geprüft – hatte der Gerichtsmediziner weitere Stichverletzungen in Rücken und Bauch festgestellt, die dem Jungen post mortem beigebracht worden waren. Auch die Zunge war dem Jungen wahrscheinlich erst herausgeschnitten worden, als er bereits tot war.
David war mehrfach von unterschiedlichen Kollegen der MK 1 befragt worden, er hatte seiner Ansicht nach alles gesagt, was es zu sagen gab, und viel wusste er ja ohnehin nicht. Er hatte also gehofft, dass man es dabei bewenden lassen würde und er nicht auch noch im Dezernat vernommen werden musste, aber diese Mona Seiler hatte darauf bestanden.
Vielleicht war sie wirklich so, wie ihre Untergebenen sagten. Penibel und unlocker. Penibel und unlocker. Die beiden Worte vollführten Kapriolen in seinem Hirn, sein Kinn sank ihm auf die Brust, und er nickte ein.
In diesem Moment sprang die Tür auf.
David fuhr hoch, KHK Seiler kam herein, im Schlepptau jene zwei Männer, die bereits vor dem Club mit ihm gesprochen hatten. Der eine war Ende zwanzig und ziemlich großspurig und selbstbewusst, der andere sah aus wie achtzehn, wirkte sehr sensibel und litt, das hatte David beim Gespräch vor dem Babylon festgestellt, unter einem nervösen Augenzucken. David versuchte, sich an die Namen zu erinnern, aber sie fielen ihm nicht ein.
»Hallo, bleiben Sie sitzen«, sagte Mona Seiler im Vorbeigehen. Die Männer lehnten sich an die geschlossene Tür hinter David, sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch. David sammelte sich. Wenn er jetzt kurz und präzise blieb, könnte er in einer Stunde im Bett sein.
»Kann ich rauchen?«, fragte er.
Sie sah ihn prüfend an. Ihre Augen waren braun, ihr Gesicht schmal und ungeschminkt. »Sie schlafen sonst ein, was?«
»Ja. Ich war die ganze Nacht unterwegs und...«
»Okay. Patrick holst du bitte einen Aschenbecher.« Der jüngere der beiden Männer verließ den Raum.
»Habt ihr euch schon vorgestellt?«, fragte sie.
»Also...«
»Das ist KK Hans Fischer. Der, der gerade rausgegangen ist, ist KK Patrick Bauer. Ich bin KHK Mona Seiler. Wir sind alle von der MK 1. Ihr Name...«
»KK David Gerulaitis, Drogenfahndung.«
»Sie arbeiten verdeckt?«
Das hatte er alles schon vor dem Babylon erzählt. Einmal diesem Hans Fischer und einmal dem mit dem Tick, Patrick Bauer.
»Ja«, sagte er, und hoffte, dass es nicht gereizt klang.
»Kennen Sie den Jungen, den Toten irgendwoher? Haben Sie ihn schon mal gesehen?«
»Nein.«
»Bei einer Ihrer Razzien? Ist er nie von Ihnen gefilzt worden? Irgendjemand aus dem Dealermilieu?«
»Kann schon sein. Aber ich kenn ihn nicht.«
»Haben Sie ein gutes Gedächtnis für Gesichter?«
»Eigentlich schon. Ich meine...«
»Ja?«
»Also vielleicht habe ich ihn mal gefilzt oder was, aber wenn, dann kann ich mich nicht erinnern. Ein großer Fisch ist er jedenfalls nicht. Soviel ich weiß«, fügte er noch hinzu, um nicht angeberisch zu wirken.
»Was ist mit Ihrem Partner?«
»Janosch Kleiber. Keine Ahnung, ob er ihn kennt.«
»Okay.« Sie dachte nach. Schließlich bat sie ihn um eine Zigarette. Danach lehnte sie sich zurück, rauchte und schwieg eine halbe Minute lang. Auch Hans Fischer sagte kein Wort. Patrick Bauer kam mit einem Aschenbecher herein und stellte ihn vorsichtig zwischen David und sie auf den Schreibtisch.
»Irgendwie komisch«, sagte sie schließlich.
»Was?«
»Sie haben gesagt, Sie haben regelmäßig vor diesem Club, diesem...«
»Babylon
»... Sie haben da immer mal wieder vorbeigeschaut und ein-, zweimal auch einen Deal kassiert. Vielleicht kannte Sie da jemand.«
David sah sie erstaunt an. »Wie meinen Sie das?«
»Vielleicht ist die Leiche Ihretwegen ausgerechnet da abgelegt worden. Als eine Art schräger Botschaft. An Sie. W – A – R – S – T. Sagt Ihnen das was?«
»Nein.«
»Deswegen wollte ich wissen, ob Sie den Toten kennen. Wenn nicht... Tja...«
Deswegen hatte sie ihn also hier behalten? »Ich glaube wirklich nicht, dass ich den kenne. Sicher nicht. Wenn das eine Botschaft an mich gewesen sein soll, dann ging die voll daneben. Weiß man inzwischen, wer er ist?«
»Nein. Aber das wird nicht lang dauern. Dann reden wir noch mal, okay?«
»Sicher. Kann ich jetzt gehen?«
Sie lächelte zum ersten Mal und sagte das übliche Sprüchlein auf. »Wenn Ihnen was einfällt, egal was, rufen Sie bitte an.«
»Ja.« David stand erleichtert auf, und sie reichte ihm ihre Karte.
»Patrick fährt Sie nach Hause. Ist das okay, Patrick?«
»Äh, klar. Kein Problem.«
»Das ist nicht nötig«, sagte David. »Ich hab das Auto hier abgestellt, ich kann selber fahren.«
»Patrick macht das.« Sie sah ihn so lange an, bis David schließlich doch klein beigab und aufstand. Patrick schaute nach unten, als er ihm die Tür aufhielt.
»Konferenz ist um eins«, sagte KHK Seiler. Dies schien ein Signal zu sein, ihr Büro zu verlassen, denn auch Hans Fischer ging nach draußen. Auf dem Gang verabschiedete er sich kurz und unfreundlich und marschierte in die entgegengesetzte Richtung davon.

4
Dienstag, 15.7., 10.25 Uhr
W – A – R – S – T. Eine willkürliche Buchstabenfolge? Ein Nachname? Eine Abkürzung? Initialen? Ein Code? Oder die zweite Person Singular Imperfekt von »sein«? Mona verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf. Eine Botschaft, so viel war sicher. Aber an wen? Das Telefon klingelte, sie warf einen Blick auf das Display. Es war der Anschluss von Herzog, dem Chef des Rechtsmedizinischen Instituts. Mona hob ab.
»Frau Seiler?«
»Am Apparat. Und?«
»Heroin, eine Überdosis. Ganz klar die Todesursache. Wollen Sie herkommen?«
»Nein, jetzt nicht. Geben Sie einfach Forster den Bericht mit.«
»Das dauert aber noch. Forster ist schon wieder auf dem Weg zu Ihnen.«
»Macht nichts, dann schicken Sie es halt per E-Mail. Wir müssen sowieso erst mal erfahren, wer er ist. War er süchtig?«
»So weit würde ich nicht gehen, aber es war auch nicht sein erster Druck.«
»Er hat schon mal gespritzt? Heroin?«
»Ja, ein paar Mal, soweit man das an den Einstichstellen sehen kann. Möglich ist auch, dass er es vorher geraucht hat, also doch schon länger drauf war, als es jetzt den Anschein hat. Viele machen das ja heutzutage. Ich würde auf jeden Fall sagen, er war möglicherweise schon auf dem Weg in die Abhängigkeit. Aber noch keine fühlbaren Vernarbungen, keine Krankheiten, nichts in dieser Richtung.«
»Dann hat er sich die Spritze selbst verabreicht?«
»Keine Spuren eines Kampfes. Keine fremden Hautfasern unter den Fingernägeln, keine Kratzer, keine sonstigen oberflächlichen Verletzungen, kein Zeichen für Fremdeinwirkung. Außer eben diese herausgeschnittene Zunge und die übrigen...«
»Post-Mortem-Verletzungen?«
»Ja, die Schnitte wurden ihm nachträglich beigebracht. Todesursache ist jedenfalls die Überdosis. Ich schätze, er hat sich das Zeug selbst gespritzt, ohne zu wissen, wie viel es war. Er war wahrscheinlich noch… unerfahren. Außerdem war der Stoff ungewöhnlich rein.«
Mona dachte einen Moment nach. »Jemand muss es ihm gegeben haben und bei ihm gewesen sein, als er es sich gespritzt hat. Anschließend hat der Jemand dem Jungen diese Verletzungen beigebracht. Anders ergibt das Ganze keinen Sinn.«
»Möglich«, sagte Herzog mit einer Stimme, als seien ihm ihre Schlussfolgerungen ziemlich egal. »Sie kriegen den Bericht um halb eins.«
»Danke.« Mona legte auf und rief anschließend bei Anton an, um ihm mitzuteilen, dass es heute später werden würde. In ihrem Leben hatten sich einige Dinge geändert. Noch immer besaß sie ihre eigene Wohnung, noch immer war sie offiziell allein erziehende Mutter, noch immer wusste niemand im Dezernat 11 über ihre Beziehung zu einem Mann Bescheid, gegen den nun schon jahrelang wegen Autoschmuggels ins östliche Ausland ermittelt wurde (mit auf- und abnehmendem Elan der Behörden, da ihm nie etwas nachzuweisen war). Aber mittlerweile taten Anton und Mona das, wogegen Mona sich aufgrund ihrer Position, die sich in keiner Weise mit seinen problematischen Aktivitäten vereinbaren ließ, jahrelang gewehrt hatte: Sie lebten de facto zusammen. Sie waren eine Art Familie. Eine so normale, wie es angesichts der Gegebenheiten eben möglich war. Und ihr gemeinsamer Sohn Lukas hatte endlich ein echtes Zuhause.
Auf diese Weise war in ihren Alltag eine prekäre Ruhe eingekehrt, die sich jederzeit ins Gegenteil verkehren konnte. Nach wie vor sprach Anton nicht über seine Geschäfte am Rande (oder völlig außerhalb) der Legalität, und Mona schloss die Augen vor den möglichen Konsequenzen, denn, dachte sie, was machte es für einen Sinn, sich etwas auszumalen, auf das man im Fall des Falles ohnehin keinen Einfluss hatte?
Es war wie immer bei ihr: Kurzfristige Lösungen ersetzten langfristige Strategien. Aber gab es nicht das Sprichwort, dass nichts so langlebig ist wie ein Provisorium?
»Anton, hier ist Mona«, sagte sie in den Hörer, leise, weil sie wusste, wie hellhörig hier Türen und Wände waren.
»Du kommst später«, sagte Anton. Sie mochte seine Stimme, die gleichzeitig tief und sanft war.
»Ja. Bestimmt nicht vor zehn. Wir haben einen neuen Fall.«
»Red lauter, ich versteh kein Wort.«
»Du hast ganz gut verstanden. Gegen zehn. Wie geht’s Lukas?«
»Der isst heute in der Schule und kommt um zwei mit seinem Freund Dennis.«
»Bist du da, wenn er kommt?«
»Sicher. Weißt du doch.« Sie hörte sein leises Lachen durch den Hörer. Anton hatte ein paar unbezahlbare Eigenschaften: Er war ein liebevoller Vater und vor allem häufig zu Hause, denn seine Geschäfte ließen sich offenbar problemlos per Telefon organisieren. Für die Arbeit vor Ort hatte er seine Leute – die Mona nicht kannte und auch nicht kennen lernen wollte.
»In zwei Wochen hat Lukas Ferien...«, begann Anton.
»…und wir fahren nach Griechenland«, vollendete Mona den Satz. »Ich vergess das schon nicht.«
»Das sagst du so. Wenn du einen neuen Fall hast, gilt das plötzlich nicht mehr.«
»Natürlich gilt das.«
»Schreib dir den Termin auf. Mittwoch, 30. Juli. Um neun geht die Maschine.«
»Anton. Urlaub ist eingereicht und genehmigt.«
»Ja, ja. Ich kenn dich. Dann kommt ein neuer Fall und...«
»Bis dann«, sagte sie und legte auf, weil es an ihrer Tür klopfte und sie wusste, dass Leute wie Fischer grundsätzlich nie auf ein »Herein« warteten.
»Herein«, sagte Mona, als Fischer schon vor ihrem Schreibtisch stand. Er überhörte das. »Wir wissen jetzt, wie er heißt.«
»Oh. Gut.«
»Ziemlich sicher jedenfalls. Wir haben eine Meldung vom Vermisstendezernat. Alter, Größe, Haarfarbe, Augenfarbe, Klamotten – alles stimmt.«
»Wer hat die Anzeige aufgegeben? Seine Eltern?«
Fischer warf einen Blick auf den Packen DIN-A4-Blätter, den er in den Händen hielt. Er setzte sich auf die Ecke von Monas Schreibtisch. »Pass auf: Plessen Fabian, Plessen Roswitha. Dürften die Eltern sein. Ja, hier steht’s. Eltern von Samuel Plessen. Der Vermisste heißt Samuel Plessen, sechzehn Jahre, Haare blond, Augen braun, Größe eins zweiundachtzig. Wohnhaft bei seinen Eltern. Selbe Adresse jedenfalls. In Gersting.«
»Wo soll das denn sein?«
»Wenn es das Kaff ist, das ich meine...«
»Ja?«
»Ziemlich totes Nest. Viele Kühe. Bin mal durchgefahren.«
»Seit wann ist er abgängig?«
»Seit vorgestern früh. Kein Handy-Empfang. Freunde wurden von den Eltern befragt, wissen angeblich auch nicht, wo er ist.«
»Ist das häufiger passiert, dass er einfach so verschwunden ist?«
Fischer blätterte in den Seiten. »Seine Eltern sagen, nein. Kam oft erst zum Frühstück, aber wenn nicht, hat er sich immer gemeldet.«
»Also gut«, sagte Mona. »Wir fahren hin und checken das.«
»Du und ich?« Fischer machte ein saures Gesicht.
»Sicher. Wenn’s dir nicht passt, nehme ich Patrick. Liegt ganz bei dir.«
Fischer machte den Mund auf und überlegte es sich dann anders. Ihre stumm glimmende und manchmal geräuschvoll auflodernde Feindschaft hatte in Monas Augen beinahe schon etwas Lächerliches. Fischer hatte sich in diese Haltung verrannt und kam jetzt nicht mehr heraus. Vielleicht musste er einem Leid tun, vielleicht musste man sich vor ihm fürchten, vielleicht galt beides zu unterschiedlichen Zeitpunkten.