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Inhaltsverzeichnis
 
Die Autoren
 
 
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Buch
Eine Farm in Afrika: Der 13jährige Oliver beobachtet seinen Vater bei einem Seitensprung mit dem Hausmädchen. Um seine Mutter zu schützen, sagt er ihr nichts von dem Gesehenen, sondern erzählt es dem Mann des Dienstmädchens und stiftet ihn an, seinen Vater zu ermorden. Der junge Schwarze wird gefaßt und gehängt. Von der Mitschuld des Jungen erfährt niemand etwas. 25 Jahre später in Deutschland: Oliver ist Gynäkologe und hat eine gut gehende Praxis. Eines Tages verliebt er sich in die junge Laloo. Mit ihr verlebt er die glücklichsten Stunden und hat zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, der Alptraum seiner Kindheit sei überwunden. Als er feststellen muß, daß die Geliebte ein dunkles Geheimnis hat, das auch mit seiner Kindheit zu tun hat, schlägt seine so leidenschaftliche Liebe um in glühenden Haß …

Die Autoren
Helme Heine, 1941 in Berlin geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunst, ging anschließend auf Reisen durch Europa und Asien. In Südafrika verbrachte er wichtige Jahre; unter anderem begründete er dort ein Kabarett, brachte eine satirische Zeitschrift heraus und spielte Theater. Als Autor und Illustrator zählt Heine heute zu den international renommiertesten Künstlern; seine Arbeiten erhielten viele Auszeichnungen und Preise. Aber er schreibt auch für Erwachsene, zeichnet Cartoons und Zeichentrickfilme, schafft Skulpturen und Möbel. Gisela von Radowitz hat viele Sach- und Kinderbücher geschrieben. Die beiden Autoren leben und arbeiten in Neuseeland.

Der Justiz kannst du entkommen –
deinem Schicksal nicht

Auf dem Friedhof von Mugongo kauerte eine alte schwarze Frau. Scheu betrachtete sie das graue Steinkreuz, das den Namen HENDRIK VISSER trug.
Sie wollte die Götter gnädig stimmen, damit Elton Gerechtigkeit widerfuhr und sie das Geschehene endlich ertragen konnte.
Es war Rosina nicht leichtgefallen, an diesen Ort zu kommen, selbst nach fünfundzwanzig Jahren nicht.
Feierlich steckte sie eine Kerze an und stellte sie auf das Kreuz. Sie nahm einen kräftigen Schluck Brennspiritus in ihren zahnlosen Mund. Aus ihrer Schürzentasche holte sie eine weiße Taube, ergriff die Flügel und zog sie gewaltsam auseinander. Mit spitzen Lippen prustete sie den Spiritus auf das Gefieder, bis es troff, und schleuderte das Tier von sich fort in die Kerzenflamme. Wpuff!
Der Feuervogel taumelte davon. Seine Flügel zerschlugen die Stille der Nacht.
 
Wenige Tage später erhielt sie einen Brief aus Deutschland. An Rosina Tschabalala, Mugongo, Transvaal, Südafrika.
Aufgeregt öffnete sie den Umschlag und las:
»Liebe Rosina, Du wirst Dich wundern, daß ich Dir mitten im Jahr schreibe. Ich möchte Dich um etwas bitten:
Mein Herz ist schon lange nicht mehr so kräftig wie damals auf Mugongo. Vielleicht, weil es für Afrika und Europa schlägt. Wer weiß? Jedenfalls brauche ich eine junge Frau, die mir im Haushalt zur Hand geht, mir Gesellschaft leistet und mir von Afrika erzählt. In Deutschland habe ich sie vergeblich gesucht.
Ich habe von Dir geträumt. Du warst eine der Tauben im Märchen von Aschenputtel. Rucke di guh, rucke di guh, Blut ist im Schuh. Weißt Du noch? Am Ende weisen die Tauben den richtigen Weg. Kennst Du ein liebes, verantwortungsbewußtes junges Mädchen, das bereit ist, nach München zu kommen und mir zu helfen? Kein Girl – eine Begleiterin. Sie sollte Englisch, möglichst auch etwas Deutsch sprechen und Auto fahren können. Ich zahle ein gutes Gehalt, trage die Flugkosten und kümmere mich um die Arbeitserlaubnis. Ich habe gute Beziehungen.
Bitte antworte mir bald. Es ist dringend.
Herzliche Grüße
Rita Visser.«
Rosina faltete den Brief zusammen und machte sich auf den Weg zu der kleinen Missionsschule. Eine junge Frau saß in einem Kreis von Schülern, die ein deutsches Volkslied einübten. Rosina wartete einen Augenblick, dann winkte sie die junge Frau zu sich. »Beende den Unterricht und komm, Laloo«, sagte sie. »Es ist Zeit, deine Koffer zu packen.«
 
Als die Stewardeß das Frühstück servierte, atmete Laloo auf. Die Nacht war vorüber.
Sie war enttäuscht vom Fliegen. Sie hatte geglaubt, so etwas wie Schwerelosigkeit genießen, vogelgleich durch den Himmel gleiten zu können. Federleicht hatte sie sich den Zustand vorgestellt, so leicht, daß nach dem Abschied von Mugongo alle Sorgen für kurze Zeit von ihr abfallen würden.
Statt dessen hockte sie eingeklemmt zwischen einem dicken indischen Blumenhändler aus Durban und einem weißen Ingenieur von der St. Helena-Goldmine und wagte nicht, sich zu rühren. Noch nie war sie so lange auf engem Raum und auf Tuchfühlung mit Andersfarbigen gewesen. Das Schweigen beim Essen verwirrte sie ebenso wie die Anzahl der Besteckteile und deren Handhabung mit an den Körper gequetschten Oberarmen. Sie fühlte sich gehemmt, verkrampft, schutzlos ausgeliefert. Die Geräusche der Düsentriebwerke beunruhigten sie, das leiseste Schwanken der Flugzeugflügel trieb ihr den Schweiß aus den Poren, der Gang durch die Sitzreihen zur Toilette, dem zahlreiche Augenpaare folgten, wurde zur Mutprobe.
Die Luft, die über ihrem Kopf aus einer silbernen Düse auf sie herabgeblasen wurde, ließ sie frieren. Es war tote Luft. Erinnerte an keine Blüte, an keine Ziege, keinen Staub oder Regen – kein Leben.
Sie hüllte sich in ihre wollene Decke ein und war dankbar, daß die Stewardeß mit einem Handgriff und einem Lächeln die kalte Zufuhr abstellte. Das feuchtheiße Frotteetuch erfrischte Laloos trockene Haut, der Videoschirm informierte sie über die bereits zurückgelegte Strecke von neuntausend Kilometern und zeigte die verbleibende Reisezeit an; neunzig Minuten bis München. Ein köstliches Aroma durchzog die Kabine und weckte ihre Sinne. Kaffee. Sie war hellwach.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan. Es war nicht nur die Enge, die sie daran gehindert hatte. Enge selbst war sie gewohnt, ihr ganzes Leben lang. Bis zu ihrem dreizehnten Geburtstag hatte sie mit ihrer Mutter ein kleines Metallbett geteilt, während Verwandte und Freunde in Decken gehüllt im selben Zimmer auf der blanken Erde schliefen. Zusammengepfercht wie die Schafe im Gatter oder wie die Pendler im grünen Putco-Bus auf dem täglichen Weg zur Arbeit. Aber das waren Menschen gewesen, die sie kannte, Schwarze. Andersfarbige rochen anders. Der Schweißgeruch von Weißen erinnerte sie an gegorene Milch.
Doch vor allem war es die Angst, die Laloo wachgehalten hatte. Die Angst vor der Aufgabe, die vor ihr lag. Würde sie erfüllen können, was man daheim von ihr wünschte? In einem fremden Land, unter fremden weißen Menschen? In einer fremden Sprache?
Gewiß, sie hatte Deutsch gelernt und beherrschte es gut. Auch war sie vertraut mit den Ereignissen, die zu dem Verbrechen geführt hatten. Sie wußte genau, was sich damals auf der Farm abgespielt hatte. Rosina hatte ihr alles erzählt. Sie hatte ihr immer wieder aufs neue eingeimpft, daß es nicht um Rache ging.
»Begegnungen mit anderen Menschen sind Erfahrungen, die einen Kreis bilden. Streit und Schuld zerstören ihn. Daraus entsteht Leid. Leid, das nicht vergeben und nicht vergessen werden kann. Es wird sich wiederholen, immer und immer wieder, so lange, bis man seine Schuld bekennt. Erst dann kann der Kreis sich wieder schließen.«
Laloos Auftrag lautete, den wahren Mörder zu stellen. Er mußte seine Tat zugeben. Nur so würde das Böse überwunden werden. Das verlangte Rosina, das verlangte ihr Stamm, das verlangten die Ahnen. Nur darum hatte sie diese Reise angetreten.
Rosina hatte ihr zum Abschied eingeschärft: »Du wirst dich verstellen müssen, auch lügen. Aber es muß sein!«

Rita Visser stellte ihren Wagen am Flughafen in die Tiefgarage für Kurzzeitparker und glitt mit dem Lift in die Ankunftshalle. Die große Anzeigetafel zeigte an, daß die SAA-MASCHINE aus Johannesburg in zehn Minuten landen würde. Von ihrem Platz aus konnte sie durch eine Pendeltür hin und wieder einen Blick auf die Gepäckausgabe werfen, wo sich die Fluggäste mit ihren Kofferkulis um das rotierende Laufband drängten.
Hoffentlich finde ich sie, dachte Rita und umklammerte die alte Zeitungsausgabe des Star, die sie als Erkennungszeichen angekündigt hatte. Zum hundertsten Mal zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Sollte sie nicht einfach aufstehen und wegfahren, so tun, als hätte sie den Brief nie geschrieben?
Sie betrachtete das Foto mit dem dunkelhäutigen Mädchen, das Rosina ihr geschickt hatte.
Für den Haushalt hätte ihr eine Hilfe zweimal die Woche gereicht. Aber sie brauchte jemand, der immer zur Stelle war, wenn es ihr nicht gutging, und mit dem sie sich unterhalten konnte, wenn ihr danach war. Hugo, ihr Freund und Gefährte seit zwanzig Jahren, hatte oft vorgeschlagen, mit ihr zusammenzuziehen, aber das war ihr zu verpflichtend. Beim Abstauben ihrer Bücher war ihr vor einigen Wochen die alljährliche Weihnachtspostkarte von Rosina in die Hände gefallen. Sie hatte sie als Lesezeichen benutzt.
Plötzlich tauchte Mugongo vor ihr auf im verbrannten afrikanischen Busch. Unter der Glut der Sonne hörte sie die Nieten des Blechdaches ächzen. Sie wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und öffnete das Fenster. Auf der Straße vor ihrer Haustür parkte ein unbekannter Landrover. Wie unserer damals, dachte sie. Die Erinnerungen trieben ihr Herz aus dem Gleichschritt. Luft! Sie ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen, kramte mit geschlossenen Augen aus ihrer Handtasche die Pillendose hervor und schluckte zwei kleine rosafarbene Herztabletten – erkaufte Ruhe.
Ob vielleicht Rosina jemanden kannte, der ihr half? Sie schob den Gedanken sofort wieder von sich. Let sleeping dogs sleep, pflegte man in Afrika zu sagen. Die Begegnung mit der Vergangenheit würde nur Unruhe in ihr Leben bringen und alte Wunden aufreißen.
Oder war es genau das, was sie wollte? Was war das Leben ohne Abwechslung, ohne Abenteuer und Wagnis? – Bereits als Teenager, als ihre Klassenkameradinnen von Petticoat und Tanzstunde tuschelten, von einem Freund mit altem VW Käfer, von Nylons mit Naht und Kaffee und Kuchen, vom Geldverdienen und Ferien in Italien, da träumte Rita von Afrika.
So weit wagte damals kaum einer zu denken. Italien lag für Deutschland bereits am Rande der Erdkugel, Rom oder gar Capri verkörperten den Duft der großen, weiten Welt. Afrika, das lag auf einem anderen Planeten.
Ritas Wunsch hatte sich trotzdem erfüllt, ihr Traum wurde wahr. Daß er sich später in einen Alptraum verwandelte, konnte sie nicht ahnen.
Nach dem tragischen Tod ihres Mannes auf der Farm hatte sie sich aus Verzweiflung und Scham das Leben nehmen wollen. Aber da war noch Olly, ihr einziger Sohn.
Die Zeit heilt, heißt es. Aber niemand vermochte die Toten zum Leben zu erwecken, nichts konnte rückgängig gemacht werden. Was die Zeit Rita dennoch lehrte, war, mit dem Verlust umzugehen. Je älter sie wurde, desto mehr verklärte und schönte sich ihre Erinnerung. Dichtung und Wahrheit wurden Geschwister. Die afrikanischen Jahre bekamen einen Glorienschein.
So schrieb sie den Brief. Rosina antwortete umgehend. In wenigen Minuten würde Rita Laloo begegnen.
»Mrs. Visser?«
Rita wandte sich um und sah sich einer hübschen jungen Afrikanerin gegenüber, die sie fragend anschaute und auf ihre Zeitung deutete.
»Laloo!«
Die junge Frau lächelte verlegen und nickte. Rita lächelte zurück.
»Herzlich willkommen in Deutschland. Schön, daß Sie da sind, Laloo... Miss Nwgenya.«
»Laloo.«
»Hattest du einen guten Flug?«
»Ich danke Ihnen«, antwortete Laloo scheu. »Es ist mein erster Flug.«
»Du mußt müde sein. Konntest du schlafen?«
»Ein bißchen.«
Rita sah zu, wie Laloo mit ihren kräftigen braunen Armen den Koffer, der aus allen Nähten zu platzen drohte und nur von einem Ledergürtel zusammengehalten wurde, in den Wagen wuchtete.
»Hast du Rosina da drin versteckt?« spaßte sie.
»Sie kommt gerne mit.«
Rita mußte schmunzeln. Ihr fiel wieder ein, was längst vergessen schien: Auch Rosina hatte stets im Präsens gesprochen und ihr unwiderlegbar erklärt, daß die Vergangenheit vergangen und die Zukunft noch nicht da sei.
»Das kann ich mir denken, daß sie gern mitgekommen wäre«, wiederholte Rita. »Wie geht es ihr?«
»Gut. Sie bestellt Grüße. Herzlich.«
»Danke, Laloo. Du sprichst ausgezeichnet Deutsch. Wo hast du das gelernt?«
»Von Rosina und in der Missionsschule. Ich gebe jetzt selbst Unterricht dort«, sagte sie stolz.
»Schön! Das mußt du mir später genau erzählen. Komm, steig jetzt ein. Wir haben noch eine gute halbe Stunde zu fahren. Mach die Augen zu und ruh dich aus.«
Laloo setzte sich mit angezogenen Knien neben sie und ließ sich helfen, die Rückenlehne bequem einzustellen. Hinter halbgeschlossenen Lidern beobachtete sie die Frau, die sie aus Erzählungen so gut zu kennen glaubte. Sie fragte sich, wie sie sich Rita Visser eigentlich vorgestellt hatte: als verhärmte, alte weiße Frau; eine kranke, unbewegliche ehemalige Farmherrin, die mit dem Schicksal haderte, weil es ihr alles im Leben genommen hatte – ihren Mann, ihren Besitz, ihre afrikanische Heimat. Und nun saß sie neben einer liebenswerten älteren Dame, die sie freundlich plaudernd durch den dichten Verkehr chauffierte. Das Beängstigende war, daß sie sie auf Anhieb mochte. Das würde ihre Aufgabe nicht erleichtern.
Ein silberner Porsche forderte durch Lichthupe freie Fahrt und überholte sie mit zweihundert Stundenkilometern. Ungläubig schaute Laloo zum Tacho.
»Es gibt immer ein paar Verrückte auf unseren Straßen«, sagte Rita. »Du wirst dich daran gewöhnen. Hast du einen Führerschein?«
»Ich fahre gern schnell für mein Leben«, sagte Laloo.
»Das ist gut. Ich bin nämlich lieber Beifahrer und schaue mir die Landschaft an. Aber gemütlich, einverstanden?«
Laloo lachte und nickte.
»Weißt du eigentlich, Laloo, daß du deiner Tante Rosina ähnlich siehst?« fragte Rita.
»Wirklich? Das sagt mir noch niemand«, antwortete Laloo verlegen.
»Ich muß oft an sie denken«, sagte Rita, »ich habe viel von ihr gelernt.«
»Das sagt sie von Ihnen auch.«
»Das freut mich.«
Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Jede hing ihren Gedanken nach. Auch Ritas erster Eindruck war positiv. Hatte sie etwa eine sprachlose Kreatur erwartet, armselig gekleidet und demütig in Haltung und Umgang? Nun, wenn dem so war, dann hatte diese junge Frau, die bescheiden und dennoch selbstbewußt wirkte, sie schon jetzt eines Besseren belehrt. Sie fühlte sich erleichtert.
Sie fanden direkt vor der Haustür einen Parkplatz, was wegen des schweren Koffers ein besonderer Glücksfall war.
Laloo sah staunend an der Fassade des Hauses aus der Jahrhundertwende hoch.
»Wir wohnen im vierten Stock.«
Sanft schwebten sie mit dem Lift nach oben, bis es einen Ruck gab und die Tür sich hydraulisch öffnete. Auf einem blank geputzten Messingschild stand in schwarzen Buchstaben Rita Visser.
Zum ersten Mal in ihrem Leben betrat Laloo eine Etagenwohnung. Verloren sah sie sich um.
Als sie jedoch überall afrikanische Erinnerungsstücke entdeckte, Masken, Holzteller, geschnitzte Skulpturen und Fotos, fiel die Anspannung ein wenig von ihr ab. Neugierig ging sie mit Rita von Zimmer zu Zimmer. Am Ende des Flures gelangten sie über ein paar Stufen in einen kleinen gemütlichen Raum. Rita ließ Laloo den Vortritt.
»Hier ist dein Reich«, sagte sie.
»Nur für mich?«
Laloo war fassungslos. Mit den Augen maß sie das breite Bett, betastete den bemalten Bauernschrank, setzte sich mit wichtiger Miene an den Schreibtisch, der eine Schublade zum Abschließen besaß. Sie kam sich vor wie im Paradies und war stumm vor Freude.
»Gefällt es dir?«
Es fehlte nicht viel, und sie wäre Rita um den Hals gefallen. Statt dessen deutete sie einen linkischen Knicks an.
»Danke. Danke.«
»Ich schlage vor, daß du dich in Ruhe frisch machst und ein wenig auspackst. Kommst du zurecht?« fragte Rita.
Laloo nickte.
»Gut. Laß dir Zeit.«
Als Laloo allein war, atmete sie tief durch. Der erste Schritt war getan. Sie war in Deutschland bei Rita Visser. Wenn sie sich unauffällig und zurückhaltend benahm, keinen Verdacht aufkommen ließ, dann konnte sie es schaffen. Die Tiere ihrer Heimat hatten sie gelehrt, daß man unbeschadet inmitten seiner Feinde leben kann, wenn man sich richtig verhält.
Sie ging ins Bad. Noch niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie einen Baderaum für sich allein gehabt, mit eigener Toilette zum Sitzen. Ohne Schaben und Ameisen. Blitzblank. In einer alten Illustrierten hatte sie mal ein Bild gesehen mit einer Dusche in einer gläsernen Telefonzelle, einem Handwaschbecken mit zwei Hähnen und einem dreigeteilten Spiegel. Sie hatte nicht geglaubt, daß so etwas tatsächlich existierte. Sie streifte ihre Kleider ab und duschte so heiß, daß es fast schmerzte. Gurgelnd verschwand das Wasser unter ihr im Abfluß. Welche Verschwendung! Sie beobachtete, wie der letzte rote Staub Afrikas davongespült wurde. Dann rollte sie sich in das Badehandtuch und warf sich aufs Bett. Erst als Rita an ihre Tür klopfte und sie zum Abendessen rief, kam sie wieder zu sich. Hastig sprang sie auf, schlang einen knöchellangen, erdfarbenen Wickelrock mit afrikanischen Tiermotiven um die Taille und streifte ein T-Shirt über. Aus der Tiefe ihres Koffers zog sie eine Lammfelldecke, die sie über die Schulter warf. Ein Abschiedsgeschenk ihrer Sippe.
»Wie hübsch du aussiehst«, rief Rita bewundernd, »wie eine richtige Dame!«
Daß Rita Visser selbst in ihrer schmalen Leinenhose und dem losen Seidenhemd fast mädchenhaft wirkte, gefiel Laloo.
Sie wollte sich entschuldigen, daß sie verschlafen hatte, aber Rita ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Jetlag«, sagte sie, »ist doch klar. Heute habe ich gekocht. Morgen zeige ich dir, wie es geht. Einverstanden?«
Laloo nickte unsicher. Glücklicherweise bestand Rita nicht auf Konversation und fragte sie nicht aus. Nach dem Essen tranken sie starken Kaffee – Rita schwarz und Laloo weiß mit sehr viel Zucker – und rauchten dabei eine Zigarette, was Rita von ärztlicher Seite eigentlich streng untersagt war. Dann zeigte sie ihr, wie die Spülmaschine zu füllen und einzustellen war (eine Maschine, die spülte!), wünschte ihr eine gute Nacht und ließ sie allein.
Laloo ging in ihr Zimmer, schloß die Tür ab, riß das Fenster auf und starrte in die Dunkelheit. Sie suchte das Kreuz des Südens am Abendhimmel, wollte wissen, wo Mugongo lag.
Aber da war kein Wiedererkennen, nichts Vertrautes. Sie beschlich das Gefühl, sich verlaufen zu haben.
Als sie diese Reise angetreten hatte, war ihr bewußt, daß sie mit der afrikanischen Erde auch eine Quelle der Kraft zurücklassen würde. Daß die Menschen, mit denen sie zu tun haben würde, anders dachten, sprachen, empfanden als sie. Daß sie zwar die gleichen Augen hatten, die Dinge aber anders bewerteten und betrachteten. Daß sie Musik lauschen konnten, ohne dabei tanzen zu müssen. Auf all das war sie vorbereitet.
Daß diese Menschen jedoch einen anderen Himmel besaßen, ohne die Sterne, die sie allnächtlich gewohnt war zu betrachten – das hatte sie nicht gewußt. Gab es denn einen Himmel für Weiße und einen Himmel für Schwarze? War die Apartheid nicht nur auf die Erde beschränkt?
Verloren hockte Laloo sich auf ihr Bett und schaute mit offenen Augen in sich hinein. Mit verhaltener Stimme begann sie ein Lied zu summen und sich im Rhythmus hin und her zu wiegen. Auf einmal glaubte sie die vertraute Stimme Rosinas in sich zu spüren, und sie begann ein lautloses Zwiegespräch.
Meine kleine Laloo, wie geht es dir?
Erbärmlich, gestand Laloo.
Warum? Läuft es schief?
Nein. Alles ist so, wie du sagst.
Dann ist es doch gut.
Ist es nicht. Rosina, ich habe Angst.
Wovor, kleine Laloo?
Vor allem. Es ist so anders. So kalt. So reich. Rita Visser ist so freundlich. Sie behandelt mich wie... wie eine Verwandte.
Laloo hörte Rosina lachen.
Sie ist eine liebe Frau. Schone sie, wenn du kannst.
Wie soll ich sie schonen und gleichzeitig meinen Auftrag erfüllen? Ich habe nicht die Kraft.
O doch. Du hast die Kraft, wenn du dich an die Regeln hältst.
Aber ich habe Angst.
Akzeptiere sie als Teil deiner Aufgabe. Dann wird alles gut.
Und wenn es nicht gut wird?
Daran darfst du nicht glauben.
Aber es ist so schwer. Kann ich nicht einfach zurückkommen, und wir vergessen die ganze Sache?
Du weißt, daß das nicht geht. Die Ahnen haben dich erwählt, nur dich. Sich gegen die Ahnen zu stellen, bedeutet den Tod. Das weißt du doch, kleine Laloo!
Ja. Ich weiß es.
Dann fang an! Ich bin immer bei dir.
Wirklich?
Solange du treu bleibst. Ich verspreche es.
Dann ist es gut.
Du bist eine tapfere kleine Frau. Ich bin stolz auf dich.
Laloo lehnte sich entspannt zurück.
 
Als Gastgeschenk überreichte Laloo Rita einen kleinen Lederbeutel, der ein paar blanke, ausgebleichte Knochen enthielt.
»Für mich?«
Laloo nickte.
»Du nimmst sie alle zusammen in die Hand und läßt sie auf die Erde fallen. Ich lese deine Zukunft. Soll ich?«
Rita zögerte. Schon einmal vor langer Zeit hatte sie sich auf das Knochenwerfen eingelassen, hatte eine Medizinfrau aus der Zuordnung der verstreuten Einzelteile ihr Schicksal voraussagen lassen.
»Nein, nie wieder. Auf keinen Fall!«
Laloo war bei Ritas brüsker Ablehnung sichtbar erschrokken. Ahnte Rita etwas? Doch als sei nichts geschehen, bat sie Laloo, von Mugongo zu erzählen.
Sie wollte alles über die Farm erfahren und die Menschen, die jetzt dort lebten. Der kleine Laden, den sie aufgebaut hatte, existierte er noch? Gab es noch genügend Schafe? Wie viele Winter war der Regen ausgeblieben? Hatten die Schwarzen es jetzt besser, nachdem die Apartheid endlich gefallen war?
Laloo beantwortete ihre Fragen geduldig und so genau, wie es ihr passend erschien. Ja, die Farm sei modernisiert worden und brachte gute Erträge. Mit den Besitzern habe sie keinen Kontakt. Der kleine Laden von damals sei gehörig erweitert worden und werde von der Stadt aus beliefert. Wurde ihr ein Thema zu brenzlig, flüchtete sie sich in Ausreden und gab vor, nicht Bescheid zu wissen. Ja, es ginge vielen Schwarzen besser als früher, nur wenige litten unter Hunger wie in anderen afrikanischen Ländern. Alle Rassen hätten jetzt das gleiche Recht auf Ausbildung wie die Weißen, alle könnten wählen, Grund und Boden erwerben und in jedes Restaurant, Kino und Theater gehen.
Das größte Problem sei die Arbeitslosigkeit. Die Hälfte der schwarzen Arbeiterschaft sei ohne Job, obwohl fast alle neuen Stellen im Land bei gleicher Qualifikation mit Schwarzen besetzt würden. Gewiß, Nelson Mandela sei ein großer Präsident, ja. Aber er könne sein Versprechen nicht einhalten, die Arbeitslosenrate zu senken. Im Gegenteil. Immer mehr Untätige lungerten in den Straßen und provozierten politische Unruhe. Die Zahl der Einbrüche stieg ebenso wie die brutaler Überfälle und Gewaltverbrechen, manchmal ging es nur um wenige Cents. Die Weißen in den Städten verschanzten sich hinter immer höheren Mauern. Viele schafften sich eine Waffe an und ließen sich im Schießen ausbilden. Sie bauten Alarmknöpfe in jedes Zimmer ein und bezahlten private Schutzgesellschaften, die im Falle eines Verbrechens innerhalb von Minuten an Ort und Stelle waren.
»Wie schrecklich!« stieß Rita hervor. »Dann ist also nichts mehr so, wie es einmal war.«
»Auf der Farm ist es okay«, sagte Laloo nüchtern.
»Fürchtest du dich?«
»Wovor? Vor Verbrechen? Dann bin ich nie wieder froh. Nein, ich fürchte mich nur vor Hunger und vor Schlangen.«
Rita erinnerte sich an die Panik, die allein das Wort Schlange bei fast allen Schwarzen auslöste. Sie wußte, daß es nichts mit Feigheit oder fehlender Intelligenz zu tun hatte. Auch war es unbedeutend, ob sie giftig oder harmlos waren. Es war die Macht und die Magie, die man den Reptilien zuschrieb und die sich durch keine Logik beseitigen ließ. Laloo beeilte sich, das Thema zu wechseln.
»Es gibt aber auch viel Goodwill auf allen Seiten«, fuhr sie fort. »Die Menschen, die im Lande bleiben, sind entschlossen, die Probleme gemeinsam zu lösen. Das gilt für alle Hautfarben.«
»Keine Diskriminierung mehr?«
»Offiziell nicht.« Und so beiläufig wie möglich fügte sie hinzu: »Schwarze und Weiße dürfen sich lieben. Sie werden dafür nicht mehr ins Gefängnis geworfen.«
Es entstand eine peinliche Pause. Jetzt war es Rita, der das Thema unbequem und unerträglich wurde. Sie wirkte wie eine Schauspielerin auf der Bühne, die ihren Text vergessen hatte. »Es ist spät, ich habe noch zu tun«, sagte sie schroff und verließ das Zimmer.
 
Mit dem Haushalt kam Laloo schnell zurecht. Vormittags räumte sie auf und bereitete das Essen vor. Sie aßen gemeinsam, dann zeigte Rita ihr die Stadt: den Viktualienmarkt mit Delikatessen aus aller Welt, das neugotische Rathaus und die Oper, die Maximilianstraße und die Fußgängerzone. Sie machte sie mit den Nachbarn bekannt und führte sie in ihre Stammgeschäfte ein.
Laloo kam aus dem Staunen nicht heraus über die Eleganz der Läden und das überbordende Warenangebot. Es befremdete sie, daß Menschen so viel Geld für so viel überflüssige Kleidung ausgaben, daß sie in den Straßen aneinander vorbeihasteten, ohne sich anzusehen. Die neugierigen Blicke, die man ihr zuwarf, ignorierte sie. Am meisten Eindruck machte ihr die U-Bahn: ein Zug, der unter den Häusern, unter den Straßen, unter den Baumwurzeln hindurchfahren konnte! Kreuz und quer durch die ganze Stadt, in alle Himmelsrichtungen!
Auch der Englische Garten gefiel ihr. Doch sie wunderte sich über die Scharen von nackten Sonnenanbetern, die sich an diesem Frühlingstag bei fast sommerlichen Temperaturen am Eisbach tummelten.
»Wie daheim, nicht wahr?« lächelte Rita.
»In Afrika laufen nur Kinder nackt herum«, erwiderte Laloo. »Kleidung zeigt, zu welchem Stamm man gehört – zumindest früher -, ob man eine wichtige Persönlichkeit ist oder ob man Phantasie besitzt.«
»Und heute...?«
»... ist es anders. Alle tragen das gleiche. Ihr sagt doch, daß nackte Schwarze Primitive sind – oder?«
Rita überlegte.
»Jaa...«, stimmte sie zögernd zu und wollte eine Erklärung anfügen. Aber Laloo unterbrach sie.
»Dann sind diese Nackten hier im Park also weiße Primitive!«
Rita mußte so laut lachen, daß andere Spaziergänger sich nach ihr umdrehten.
Als sie die Wohnungstür aufschloß, klingelte im Flur das Telefon. »Hallo?«
»Hallo, Schwiegermama. Hier ist Anna. Ich wollte mich erkundigen, wie es dir geht.«
»Danke, Liebes, gut.«
»Was macht dein Herz?«
»Passabel. Mach dir keine Sorgen. Ich bin ja nicht mehr allein.«
»Ach ja, richtig. Deine schwarze Perle. Wie ist sie denn so?«
Rita merkte, daß Laloo an der Tür lehnte und lauschte. »Nett ist sie«, wich sie aus, »ihr könnt euch ja selbst überzeugen. Ihr kommt doch am Donnerstag?«
»Ja. Allerdings ist Oliver seit ein paar Tagen irgendwie merkwürdig, aber gemeinsam werden wir ihn schon aufmuntern.«
»Bestimmt.«
»Ich muß dir übrigens noch etwas erzählen, aber es weiß noch niemand davon«, sagte Anna, und Rita schloß vorsichtshalber die Tür.
Laloo nutzte die Gelegenheit. Während sie aufpaßte, daß das Telefongespräch andauerte, schlich sie sich an Ritas offenen Schreibtisch und begann, ihre Post durchzusehen. Der Brief von Rosina war dabei, der ihr Kommen ankündigte. Fotos. Sie blätterte in Dokumenten und Rechnungen und versuchte, keine Spuren zu hinterlassen oder Unordnung zu machen.
»Also dann bis Donnerstag, mein Schatz«, hörte sie deutlich Ritas Stimme. »Ich freue mich auf euch.«
Als Rita das Wohnzimmer betrat, saß Laloo auf dem Sofa und blätterte in einer Illustrierten.
 
Der Donnerstag, ein jour fixe für Rita und ihre Kinder, war mit Vorbereitungen ausgefüllt. Rita und Laloo waren bereits ein eingespieltes Team. Sie teilten sich die Arbeit und erzählten einander dabei Geschichten – so, wie Rita es früher mit Rosina gehalten hatte. Nur daß sie für Laloo keine »Missus« mehr war. Sie hatte der Afrikanerin inzwischen angeboten, sie mit Vornamen anzureden und zu duzen. Früher, in Transvaal, wäre eine derartige Intimität zwischen Weißen und Schwarzen undenkbar gewesen. Hendrik würde sich im Grabe umdrehen. Aber dieser Gedanke störte Rita schon lange nicht mehr.
Laloo wollte alles über Ritas Sohn wissen. Wie war Oliver? Sah er Rita ähnlich? War er ernst oder lustig, spontan oder dickfellig? Mochte er Gesellschaft? Hatte er vielleicht etwas gegen Schwarze?
»Warum sollte er?« Rita lachte. »Er ist doch in Afrika aufgewachsen, und ich habe ihn erzogen.«

Als Rita Visser ihren Mann Hendrik mit der Nachricht überraschte, daß sie schwanger war, nahm er sie in den Arm und tanzte mit ihr durch das ganze Haus. Jeder Bewohner der Farm erfuhr die gute Neuigkeit vom werdenden Vater. Er wurde nicht müde, Ritas Bauch zu streicheln, nach Herztönen des Kindes zu horchen und auf strampelnde Beinchen zu lauern, die die Bauchdecke wölbten. Er umsorgte seine Frau von morgens bis abends und versuchte, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, noch bevor sie ihn ausgesprochen hatte.
»Ich bin doch nicht krank!« protestierte Rita lachend, aber sie genoß die Fürsorge und war glücklich. Zusammen mit ihrem damaligen Hausmädchen Elsie richtete sie das Kinderzimmer ein und bereitete alles Nötige vor. Obwohl Elsie noch jung und ledig war, kannte sie sich aus.
»Willst du nicht auch heiraten?« fragte Rita sie.
»Ich muß erst beweisen, daß ich gebären kann«, antwortete Elsie selbstbewußt. »Danach werde ich heiraten, irgendwann mal, wenn einer mich will und Lobola hat.« Lobola war der Brautpreis, in Kühen gemessen, den der Bräutigam ihren Eltern zu zahlen hatte.
Schon kurze Zeit später konnte Rita sich davon überzeugen, daß Elsie die Voraussetzungen für eine Ehe bereits erfüllte. Mitten in der Nacht wurde sie von heftigem Klopfen an ihrem Fenster aus dem Schlaf gerissen.
»Elsie bekommt ein Baby«, winselte der Gartenboy, der vermutlich der Vater war und der Tradition gemäß das Zimmer der werdenden Mutter verlassen mußte. Rita war die einzige Frau in der Nähe, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Rolle der Hebamme zu übernehmen. Sie war völlig überrumpelt. Zwar hatte sie sich etwas gewundert, daß Elsie rundlich geworden war, und dies dem hohen Zuckerverbrauch in ihrer Küche zugeschrieben. Doch an eine Schwangerschaft hatte sie nicht gedacht.
Scheu betrat sie das kleine Servant’s Quarter. Sie hatte keine Ahnung, was zu tun war. Bilder aus Kinofilmen geisterten durch ihren Kopf, von qualvollen Geburten, begleitet von gellenden Schreien.
Um so mehr erstaunte es sie, wie ruhig und gefaßt Elsie war. Obwohl sie Schmerzen zu haben schien, ähnelte ihr leises Stöhnen eher einem Singsang. Sie hatte den Boden mit Zeitungspapier ausgelegt, um den Teppich zu schonen, den sie kürzlich in Ritas kleinem Laden erstanden hatte.
»Missus, bitte, ich brauche abgekochtes Wasser.«
Heilfroh, etwas tun zu können, stürzte Rita hinaus und setzte in der Küche einen großen Kessel auf. Es schien eine Ewigkeit, bis er kochte. Keuchend schleppte sie ihn zurück. Das heiße Wasser schwappte über ihre Füße. Sie merkte es kaum.
In ihrem Zimmer hockte Elsie mit gespreizten Beinen über der Zeitung. Kein Ton kam über ihre Lippen. Angestrengt konzentriert hielt sie bereits den Kopf des Babys in ihren Händen und zog es behutsam mit der letzten Wehe aus sich heraus.
Rita hatte fasziniert dem Wunder zugesehen. Auf Elsies Anweisung sterilisierte sie nun eine Schere über der Kerze und durchtrennte mit zitternden Händen die Nabelschnur. Sie übernahm unbeholfen das glitschige Menschenbündel, und erst als sie die warme, feuchte Haut spürte, hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie klopfte dem Neugeborenen sanft auf den Po, bis es schrie. Als Elsie auch die Nachgeburt problemlos ausgestoßen und in eine Zeitung gepackt hatte, wuschen und wickelten sie das Baby zusammen und hüllten es in eine Baumwolldecke. Nun endlich ruhte Elsie sich aus. Sie sah sehr zufrieden aus.
Am nächsten Morgen brachte Rita sie zur Nachuntersuchung nach Pietersburg. Sie rechnete mit langem Mutterschaftsurlaub. Doch zu ihrer Überraschung kam Elsie ihr am Abend auf dem Weg zum Fischteich schon wieder entgegen. Sie war viele Kilometer zu Fuß gelaufen, sie wollte nach Hause. Mit dem Baby auf dem Rücken stand sie pünktlich am nächsten Morgen in der Küche und verrichtete wie gewohnt ihre Arbeit.
Rita bewunderte die Schwarze, die so tapfer und ohne jedes Aufsehen geboren hatte. Fast wie ein Tier. Ob sie selbst auch alles so leicht überstehen würde? Waren die Schmerzen möglicherweise eine Einbildung, eine Erfindung von sensationslüsternen Filmemachern, die nichts davon verstanden?
Als ihre Stunde schließlich näher rückte, war es Elsie, die ihr zur Seite stand. Rita hörte auf sie, obwohl in den letzten Tagen und Wochen unheimliche Dinge mit der jungen Frau geschahen. Sie bekam in immer kürzer werdenden Abständen seltsame Anfälle von Atemnot, Schaum trat ihr vor den Mund. Da die Attacken jedoch nur wenige Augenblicke dauerten, verdrängte Rita ihre Ängste. Das wachsende Leben in ihrem Bauch nahm sie ganz in Anspruch.
Die Geburt verlief schwierig. Stundenlange Wehen schüttelten sie, sie glaubte zu zerreißen. Nur der Gedanke an Elsies stille Tapferkeit ließ sie ihre Schmerzen durchstehen, und sie schämte sich ihrer Schreie. Als der Kopf des Kindes geboren war, wurde sie mit einer Spritze erlöst. Alles weitere übernahmen der Arzt und zwei Schwestern.
Hendriks Wunsch nach einem Sohn war in Erfüllung gegangen. Er versprach seiner kleinen Familie den Himmel auf Erden und ein Leben in Liebe und Harmonie.
Rita blieb zehn Tage in der Klinik in Pietersburg. Ihr Mann kam täglich zu Besuch, brachte ihr Blumen und Süßigkeiten. Er versicherte ihr, daß sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, Elsie hielte alles für ihre Rückkehr bereit. Sie könne es kaum erwarten.
Als es soweit war, geschah etwas Merkwürdiges. Kaum hielt der Wagen vor dem Farmhaus, kam Elsie freudig schreiend mit ausgebreiteten Armen gelaufen, um den kleinen Master Oliver willkommen zu heißen. Doch als sie ihm in die Augen schaute, schreckte sie plötzlich zurück. Sie stieß klagende Laute aus und verkroch sich in die hinterste Ecke der Küche.
»Elsie, was ist mit dir?« fragte Rita besorgt. Sie bekam keine Antwort. »Was hast du? Habe ich dir etwas getan?«
Elsie schüttelte wild den Kopf.
»Ist etwas mit dem Baby?«
Elsie richtete den Blick in die Ferne und stammelte unverständliche Worte in ihrer Muttersprache. Kurz darauf erwachte sie wie aus Trance. Erschrocken schaute sie sich um und floh aus dem Haus. Fassungslos sah Rita sie den staubigen Weg zum Kraal hinunterlaufen, und zum ersten Mal hörte sie das Kind auf ihrem Rücken weinen.
Hendrik schrieb den Vorfall der Einfältigkeit und der Unberechenbarkeit der Schwarzen zu. Er engagierte bald darauf ein neues Mädchen, Rosina, und vergaß die Angelegenheit.
Rita jedoch stellte heimlich Nachforschungen an. Überall suchte und fragte sie nach Elsie. Als Hendrik eines Tages in die Stadt gefahren war, fing sie den Gartenboy ab und erfuhr ihre Geschichte:
Elsie war fortgegangen, weil die verstorbenen Ahnen sie gerufen hatten. Sie hatten seherische Fähigkeiten in ihr erkannt und sie dazu bestimmt, Sangoma zu werden, Witchdoctor. Lange hatte sie sich dagegen gesträubt, aber die Ahnen ließen sie wissen, daß Verweigerung bestraft wurde, mit spastischen Krämpfen, Krankheit, Schizophrenie, Tod. So war sie schließlich dem Ruf gefolgt. Ihr stand eine siebenjährige Ausbildung bei einem Witchdoctor ihrer Wahl bevor. Dazu gehörten Unterweisungen in Heil- und Kräuterkunde, Geburts- und Sterbehilfe, in Magie. Sie lernte, alles, was sie besaß, mit den Ahnen zu teilen und dafür zu sorgen, daß ihre Stammesgeschichte und die Tradition bewahrt und weitergegeben wurden, da sie nirgends geschrieben standen.
Für Mugongo war Elsie verloren.
Rita fragte sich besorgt, ob die junge Frau tatsächlich seherische Fähigkeiten besaß. Was hatte sie dann beim Anblick ihres Sohnes so erschreckt? Da sie niemanden kannte, mit dem sie über den Zwischenfall reden mochte, tat sie das Ganze bald als Einbildung ab und versuchte es zu vergessen. Doch es gelang ihr nicht, und so begann sie, ihren Sohn dem Einfluß der Schwarzen zu entziehen. Sie erzählte ihm von Deutschland und Europa, sang deutsche Kinderlieder für ihn, las ihm Grimms Märchen vor und Max und Moritz, Struwwelpeter und die Deutschen Heldensagen. Gemeinsam weinten sie um Krambambuli, den deutschen Hund, der zwei Herren hatte – einen Förster und einen Wilddieb. Je mehr Olly heranwuchs, desto enger wurde die Bindung zwischen Mutter und Sohn. Hendrik beobachtete dies mit Argwohn und Eifersucht. Er fühlte sich ausgeschlossen. Er schenkte ihm die Bücher, die er selbst einst geliebt hatte, Jock of the Bushveld, Robinson Crusoe, Moby Dick und andere. Olly bedankte sich und stellte sie ins Regal über seinem Bett, aber er las sie nie.

Die Begegnung mit Oliver, auf die Laloo voller Unruhe gewartet hatte, fand nicht statt. Anna rief an, um den Besuch abzusagen. Oliver sei überraschend zu einem Kaiserschnitt gerufen worden. Statt dessen lud Anna Laloo ins Café Mövenpick ein; sie war neugierig auf die junge Afrikanerin.
Die beiden Frauen fanden schnell Kontakt zueinander. Sie lachten und plauderten unbefangen, schlürften den viel zu heißen Kaffee unter der dicken Sahnehaube und kämpften mit dem größten Stück Torte der Stadt.
Anna war fasziniert von Laloo. Alles, was sie tat, wie sie sich bewegte, hatte etwas Selbstverständliches. Sie konnte die Sahne mit den Fingern schlecken und einen gehäuften Teelöffel Zucker in den Mund stecken, ohne daß es peinlich oder anstößig wirkte.
Laloo war überrascht, wie Anna typmäßig der jungen Rita Visser glich, deren Foto sie bei Rosina gesehen hatte, blond, schlank und von eher herber Schönheit. Hatte Oliver sich eine Frau ausgesucht, die wie seine Mutter aussah?