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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 

Das Buch
Nach außen hin betrachtet sieht Willy Patricks Zukunft rosig aus: Sie hat gerade einen wichtigen Preis für ihr letztes Kinderbuch erhalten, und sie steht kurz davor, einen attraktiven, erfolgreichen Mann zu heiraten. Doch die Schatten der Vergangenheit sind noch nicht ganz verflogen. Vor zwei Jahren hatte sie ihren ersten Mann und ihre Tochter durch einen schrecklichen Mordfall verloren. Gelegentlich glaubt sie noch immer, die Stimme ihrer Tochter zu hören, die nach Hilfe ruft. Schließlich kommt ihr der entsetzliche Verdacht, dass ihr Verlobter etwas mit dem Mordfall zu tun haben könnte …
Ausgezeichnet mit dem »Bram-Stoker-Award«.

Der Autor
Peter Straub stammt aus Milwaukee, Wisconsin. Bevor er sich für einige Jahre in England niederließ, studierte er an der Columbia University und in Dublin. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut. Straub gilt neben Stephen King als einer der bedeutendsten amerikanischen Horror-Schriftsteller. Er hat weltweit eine große Leserschaft und Fangemeinde, die seinen Büchern regelmäßig zu Millionenauflagen verhilft.
 
Lieferbare Titel: Haus der blinden Fenster, Das schwarze Haus
 

Danksagung
Dank schulde ich vielen Menschen, ganz besonders aber Emma und Ben Straub, Kathy Kinsner, Joy Andersen, Bill Sheehan, Gary Wolfe (dem dieses Buch gewidmet ist) und Susan Straub. Lee Boudreaux, dessen brillante und vorausschauende Revision mir geholfen hat zu erkennen, was ich tat und wie es getan werden sollte, bin ich zu tiefstem Dank verpflichtet. Und bei Lila Kalinich, die mir auf verschiedene Weisen das Leben gerettet hat, kann ich mich nur durch Liebe, Erinnerung und Gedanken revanchieren.

Für Gary K. Wolfe

Ich wollte schreiben und dir rasch mitteilen,
dass meine Seele und ich heute Morgen
einen Kampf ausgefochten haben.
Niemand weiß etwas davon,
und du darfst es auch niemandem erzählen.
 
- Emily Dickinson –
Brief an Emily Fowler, 1850
 
Der Trost, den die Einbildung zu schenken vermag,
ist kein eingebildeter Trost.
 
- Roger Scruton -

Teil 1
Willy verliert wieder den Verstand/ und Tim ebenfalls

1.
Gegen Viertel vor zehn Uhr morgens, an einem Mittwoch Anfang September, der den Regen gepachtet zu haben schien, kehrte der Schriftsteller Timothy Underhill weitaus verwirrter, als er sich eingestehen wollte, seinem kaum angerührten Frühstück und dem Kreuzworträtsel in der New York Times den Rücken und zog sich mit beträchtlicher Verspätung in sein Loft in der Grand Street 55 im dritten Stock zurück. Auch das energische Schließen der Tür hinter sich trug nicht dazu bei, sein lädiertes Nervenkostüm zu stärken. Er stopfte den tropfenden Regenschirm in den Metallständer neben dem Eingang, balancierte eine Tasse mit koffeinfreiem Kaffee zu seinem Schreibtisch, ließ sich auf seinem in alle Lagen verstellbaren und äußerst komfortablen Stuhl nieder, klickte zweimal auf das Outlook Express-Symbol in der Taskleiste seines Monitors und rief mit dem Gefühl, damit erst einmal einen Großteil seiner Sorgen hinter sich zu lassen, seine E-Mails auf, zehn an der Zahl. Zwei davon waren absolutes Kauderwelsch. Da die Nachrichten von Unbekannten zu stammen schienen (mit Namen, die sich keinen speziellen Domänen zuordnen ließen, wie er später feststellen sollte), kein Betreff angegeben war und die Nachrichten selbst jeweils nur aus ein paar wirren, unzusammenhängenden Wörtern bestanden, hielt er es für besser, sie zu löschen.
Während er die dazu nötigen Mausklicks ausführte, fiel ihm wieder ein, dass er bereits vor zwei Tagen ein paar ähnlich sonderbare Mails gelöscht hatte. Und im nächsten Moment tauchte die Szene, die er vom Gehsteig vor dem Fireside Restaurant aus beobachtet hatte, wieder auf seinem inneren Monitor auf, ohne dabei auch nur einen klitzekleinen Teil ihrer Brisanz und des so vertrauten Entsetzens vermissen zu lassen.

2.
In einem Streifen Sonnenlicht, der plötzlich etwas mehr als zwanzig Meilen nordwestlich der Grand Street den bleigrauen Himmel durchstieß, verließ eine Frau namens Willy Bryce Patrick (zukünftige Faber) in ihrem kleinen, nicht mehr ganz neuen Mercedes das Areal des Pathmark Supermarkts, im Norden von Hendersonia gelegen, und fuhr, nachdem sie dem Zwang erlegen war – nicht, dass sie eine andere Wahl gehabt hätte -, die 2,2 Meilen lange Strecke durch die Union Street mit ihren überwiegend leer stehenden Wohnblocks, anstatt sich direkt auf den Heimweg zu begeben. Als sie an einem ansonsten verlassenen Parkplatz vorbeikam, von dem soeben zwei Limousinen hintereinander Richtung Ausfahrt rollten, schaute sie in den Rückspiegel und warf vor dem Abbiegen noch einen Blick über die Schulter. Auf dem schwarzen Asphalt schillerten Regenpfützen der unterschiedlichsten Formen und Größen. Die beiden Männer, die darauf warteten, den Parkplatz durch die Schranke verlassen zu können, beäugten die Frau mit den blonden, struppigen Haaren, die sich hinter dem Lenkrad eines schnittigen Wagens mit kurzer Kühlerhaube langsam durch ihr Sichtfeld bewegte; einer der beiden hatte den Eindruck, es handele sich um einen jungen Mann.
Willy fuhr an dem gefängnisähnlichen Gebäude entlang, das am anderen Ende des Parkplatzes aufragte. Sie hatte hoch angesetzte, kerzengerade Schultern, ihre muskulösen Oberarme erinnerten an Schiffstaue. Wie alle ernsthaften Zwänge schien auch der ihre sowohl ein notwendiger Teil ihres Charakters als auch ihr von einer unbestimmten Gottheit an den Hals gewünscht zu sein. Willy lenkte den Wagen auf einen der markierten Stellplätze und betrachtete, nun am Kern ihres Problems angelangt, was da vor ihr stand: ein wuchtiger, heruntergekommener Ziegelbau, drei Stockwerke hoch, mit breiten Eisentüren und Reihen von schmutzigen, vergitterten Fenstern. Auf der Rückseite, das wusste sie, befand sich die Laderampe, die in die Ladebuchten führte und wie ein Holzsteg auf einen See hinausragte. Die Reihe rostiger Blechbuchstaben über der obersten Fensterreihe verhieß MICHIGAN PRODUCE.
MICHIGAN PRODUCE, irgendwie hatten damit ihre Probleme angefangen: Mit den beiden Worten, nicht dem Gebäude selbst, das anscheinend das Lagerhaus eines Früchte- und Gemüsegroßhandels war. Vor zwei Tagen, als sie hier achtlos entlanggefahren war – genauer gesagt in einem ihrer »Dämmerzustände«, in »Trance«, wie Mitchell Faber es nannte -, hatte Willy sich unversehens an diesem Ort wiedergefunden, auf diesem entlegenen Teil der Union Street, und diese beiden verrosteten Buchstabenblöcke hatten sich beinahe wie von selbst von der rußigen Fassade dieses Lagerhauses geschält und entzündet und waren lodernd durch die bleigraue Luft auf sie zugeschwebt.
Willy konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass man sie absichtlich hierher gelotst hatte, dass ihre »Trance« einen bestimmten Zweck verfolgte, dass es ihr irgendwie bestimmt war, auf dieses Gebäude zu treffen.
Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, ob solche Dinge auch anderen Leuten passierten. Und beinahe im gleichen Moment nahm in ihrem Kopf eine merkwürdige Vision Gestalt an, die sie sogleich verscheuchte – das Bild eines hübschen, dunkelhaarigen jungen Burschen mit einem Skateboard unterm Arm, der auf einer sonnendurchfluteten Straße völlig verblüfft vor einem leeren, ganz gewöhnlich aussehenden Ziegelbau stand. Ihre Phantasie hatte schon immer die Tendenz gehabt, allzu willig in Aktion zu treten, ganz gleich, ob dies zum gegebenen Zeitpunkt von Nutzen war oder nicht. Dass diese Eigenwilligkeit für Willy mitunter tatsächlich von überragendem Nutzen war, schmälerte jedoch nicht ihre Erkenntnis, dass sich ihre Phantasie auch einmal gegen sie selbst wenden könnte, und zwar auf gefährlichste Art und Weise. O ja. Man wusste nie, in welche Richtung sie gerade tendierte, bis das Grauen einem die Arme hinaufkroch.
Das Bild von einem Jungen und einem verlassenen Haus fügte sich zu der allgemeinen Unordnung im Universum, und sie schickte es zurück in die mysteriösen Gefilde, aus dem es aufgetaucht war. Denn, he, wer wusste schon, was sich in diesem leeren Haus verbergen mochte!

3.
Die Erinnerung an die Nachrichten, die am Montag eingegangen waren, stachelte Tim Underhills Neugier an, und ehe er sich daranmachte, die wenigen neuen E-Mails aufzurufen, die beantwortet werden mussten, klickte er auf Gelöschte Nachrichten, deren Zahl inzwischen die Zweitausend überschritten haben dürfte, und suchte diejenigen heraus, die den eben hereingekommenen ähnelten. Da waren sie, aufgelistet in der Reihenfolge, in der er sie gelöscht hatte: Huffy und presten mit den leeren Betreff-Zeilen, was normalerweise nicht üblich war und was er lieber nicht als so irritierend empfunden hätte. Er klickte die erste Nachricht an.
Von: Huffy
An: tunderhill@nyc.rr.com
Gesendet: Montag, 1. September 2003, 08:25
Betreff:
 
ent-sinne dich
An was? Woran soll ich mich entsinnen?, überlegte Tim und rief die zweite Nachricht auf.
Von: presten
An: tunderhill@nyc.rr.com
Gesendet: Montag, 1. September 2003, 09:01
Betreff:
 
kein gruss
Blödsinn, idiotisch, eine Frechheit. Huffy und presten waren sicherlich nur Kids, die herausgefunden haben, wie sie ihre E-Mail-Adressen verschleiern können. Wahrscheinlich hatten sie das von der Website gelernt, die er auf dem Schutzumschlag seines letzten Romans erwähnt hatte. Noch einmal warf er einen Blick auf die beiden Nachrichten, die er soeben gelöscht hatte.
Von: rudderless
An: tunderhill@nyc.rr.com
Gesendet: Mittwoch, 3. September 2003, 06:32
Betreff:
 
keine zeit
und
Von: loumay
An: tunderhill@nyc.rr.com
Gesendet: Mittwoch, 3. September 2003, 06:41
Betreff:
 
da war
Da war – war da was, oder war da nichts? Alle diese rätselhaften Satzbrocken hörten sich an, als wären ihre Verfasser am Einpennen, oder als hätte ihnen jemand die Hände von der Tastatur gezogen – vielleicht von einem ungeduldig wartenden Kunden im gleichen Internet-Café, nachdem die zweite Nachricht nur Minuten nach der ersten eingetrudelt war.
Wie wahrscheinlich war es, dass vier Menschen, die clever genug waren, die zweite Hälfte ihrer E-Mail-Adressen zu löschen, mehr oder minder gleichzeitig auf die geistreiche Idee kamen, diesen frühmorgendlichen Müll an ein und dieselbe Person zu schicken? Und wie standen zudem die Chancen, dass einer von ihnen »kein gruss« schreibt, was immer das bedeuten sollte, und ein anderer ohne vorherige Absprache die ebenso kryptischen Worte »keine zeit«? Obwohl er zu der Annahme neigte, dass so ein Zufall unmöglich war, war ihm doch nicht ganz wohl dabei, diesen zu negieren.
Denn das ließ nur zwei Möglichkeiten offen, und beide setzten der ganzen Sache noch eins drauf. Entweder steckten die vier Leute, die ihn mit diesen E-Mails beglückten, unter einer Decke, oder aber die Mails wurden von einer Person verschickt, die dafür vier verschiedene Namen benutzt hatte.
Die Namen Huffy, presten, rudderless, loumay ließen kein gemeinsames Muster erkennen, sagten ihm überhaupt nichts. Doch einen Moment später dämmerte Tim, dass es in seiner Jugend in seiner Heimatstadt Millhaven, Illinois, einen Jungen namens Paul Resten gab, der mit ihm zusammen im Holy Sepulchre Footballteam gespielt hatte. Paulie Resten war ein chaotischer kleiner Hitzkopf mit fettigen Haaren gewesen, der regelmäßig beim Klauen erwischt wurde und keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Tim erschien es jedoch höchst unwahrscheinlich, dass Paul ihm nach einer gut 40-jährigen Sendepause plötzlich eine Zwei-Worte-E-Mail schicken sollte.
Noch einmal las er die Nachrichten durch, überlegte kurz, dann ordnete er sie anders an:
ent-sinne dich
da war
kein gruss
keine zeit
Was man genauso gut auch so lesen konnte:
ent-sinne dich
da war
keine zeit
kein gruss
Oder:
da war
keine zeit
kein gruss
ent-sinne dich
Kein überragender Fortschritt, oder? Die Satzfetzen waren als solche verständlich, ergaben aber dennoch keinen Sinn. Was, zum Teufel, dieser Wortsalat auch bedeuten sollte, war auf jeden Fall ziemlich deprimierend. Und nicht minder erbaulich war die Vorstellung, dass vier Unbekannte beschlossen hatten, ihm diesen Rätselspaß zu schicken. Doch wann immer Tim Gefahr lief, in Trübsal zu verfallen, brauchte er seine Gedanken nur auf seinen Bruder Philip zu richten, der, nicht ganz ein Jahr nach dem Selbstmord seiner Frau und dem Verschwinden seines Sohnes, seine bevorstehende Vermählung mit einer gewissen China Beech verkündet hatte, einer wiedergeborenen Christin, die Philip kennen lernte, kurz nachdem sie sich aus der Haut einer Exotik-Tänzerin geschält und zum wahren Glauben gefunden hatte. In Anbetracht dieser Alternative beschloss Tim, sich doch lieber mit den sonderbaren E-Mails zu beschäftigen.
Sie verströmten die altmodische, fast gediegene Aura einer Sherlock-Holmes-Inszenierung. Beinahe vermeinte man die rostige Maschinerie hunderter alter Detektivromane rattern zu hören, die das ausspuckten, was man gemeinhin als das wahre Leben ansah. Nichtsdestotrotz musste im 21. Jahrhundert eine solche Geschichte als potenzielle Bedrohung angesehen werden. In letzter Konsequenz könnte ein hinterhältiger Hacker die Sicherheit seines Systems bloßgestellt haben.
Nachdem sein Anti-Virus-Programm keine versteckten Bösartigkeiten in seinen Dateien und Ordnern hatte aufspüren können, beschloss Tim nach kurzem Zögern, seinen Computer-Guru anzurufen, Myron Dorot-Rivage. Myron, der locker als Spanier durchgehen konnte, sprach mit einem überraschend melodischen deutschen Akzent und hatte Tim und seine Leidensgenossen in der Grand Street 55 schon vor zahlreichen Katastrophen bewahrt.
Erstaunlicherweise hob Myron bereits beim zweiten Läuten ab. »Schieß los, Tim«, sagte er, ausgestattet mit einem unfehlbaren Anrufer-Erkennungssystem und einer Freisprechanlage, »wo brennt’s? Bin für mindestens drei Tage komplett ausgebucht, aber vielleicht kann ich dein Problem am Telefon lösen.«
»Es handelt sich nicht direkt um ein Computer-Problem.«
»Sag bloß nicht, du rufst mich wegen persönlicher Unpässlichkeiten an, Tim?«
Für einen kurzen Augenblick spielte Tim mit dem Gedanken, seinem Computer-Guru zu erzählen, was er am Morgen am West Broadway erlebt hatte. Doch für Unpässlichkeiten, die sich um einen Geist ranken, hätte Myron sicherlich kein Verständnis aufgebracht. Daher sagte er nur: »Ich bekomme ganz komische E-Mails«, und beschrieb die vier Nachrichten. »Mein Virus-Check war sauber, aber irgendwie ist mir trotzdem nicht wohl bei der Sache.«
»Normalerweise fängt man sich einen Virus nur ein, wenn man einen Anhang öffnet. Stresst dich die Anonymität?«
»Ja, schon. Wie machen die das, ihre Adresse zu unterdrücken? Ist das legal?«
»Legal, illegal, scheißegal. Das kann ich für dich auch arrangieren, wenn du mich anständig dafür entlohnst. Es übersteigt jedoch meine Fähigkeiten, so eine E-Mail zu ihrem Absender zurückzuverfolgen. Diese Leute zahlen für den Service schließlich nicht umsonst ein Schweinegeld!«
Myron holte vernehmlich Luft, und Tim hörte Metall gegen Metall klicken. Es war, als unterhielte er sich mit einem Geburtshelfer, der gerade ein Baby auf die Welt holt.
Nachdem er aufgelegt hatte, stellte Tim fest, dass seit seinem letzten Blick auf den Posteingang drei neue Mails angekommen waren. Die erste, Monster Oral Sex Week, bot ihm offenbar sieben Tage lang einen kostenlosen Zugang zu einer Porno-Seite an; die zweite, 300 000 Customers, wollte ihm wahrscheinlich zu einem kostenlosen Download-Server verhelfen; die dritte, nayrm, jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Die Mails mit den Absendern Sex und Customers verfrachtete er ungeöffnet in die Abteilung »Gelöschte Nachrichten«. Wie befürchtet stellte sich, nachdem er nayrm aufgemacht hatte, heraus, dass auch diese Nachricht ohne eine ausgefüllte Betreff-Zeile oder identifizierbaren Absender den Weg in seinen virtuellen Briefkasten gefunden hatte. Die Mail war um 10:58 Uhr gesendet worden und bestand aus fünf Worten:
hart ist der tod hart

4.
Mensch, Willy! Du mit dem witzigen Namen! Interessiert an einer Rückkehr in die antiseptischen Flure von Western Massachusetts? Eine Stunde oder zwei im Spielzimmer der Anstalt?
Nein.
Dann denk nicht darüber nach, was sich in leeren Gebäuden verbergen könnte, okay?
 
Das war das ganze Problem: Was wäre, was sein könnte, und was sich gemäß jeder möglichen Facette ihrer inneren Wahrnehmung tatsächlich in ebendiesem Augenblick in diesem Lagerhaus, genau 2,2 Meilen nördlich des Pathmark an der Union Street befand. Was sie dachte, was sie fatalerweise glaubte, war völlig idiotisch. Ihre Tochter Holly konnte sich unmöglich hinter den Mauern von Michigan Produce verstecken oder dort gefangen gehalten werden. Ihre Tochter war tot. Und das nicht erst seit kurzem, was es jedoch nicht leichter machte. Sie war vor zwei Jahren und vier Monaten gestorben. Gemeinsam mit James Patrick, Willys Mann, wurde Holly auf dem Rücksitz eines Wagens erschossen, mit Benzin übergossen und angezündet. So war das. Und wenn man sie auch noch so sehr liebte, kehrten Kinder, die erschossen und angezündet worden waren, unwiderruflich nicht mehr zu einem zurück. Wie ein Arzt (dessen Namen, Bollis, sie keinem zweiköpfigen Zwerg gewünscht hätte) in Stockwell jedem bereitwillig erklärte, der einer Erklärung bedurfte, konnte der Glaube, dass ein Kind nicht als Geist, sondern als lebendiges Wesen aus dem Reich des Todes zurückgekehrt war, nicht mehr sein als das Produkt eines fälschlich als Tatsache angenommenen Wunschgedankens.
 
Willy starrte das Lagerhaus an, sah die Buchstaben über der obersten Fensterreihe pulsieren, und war ohne den Hauch eines Zweifels überzeugt – abgesehen davon freilich, dass es nicht wahr sein konnte -, dass ihre Tochter dort drin war. Holly kauerte irgendwo im hintersten Winkel einer Halle, war in einen Schrank eingesperrt, oder hockte in einem leeren Büro unter dem Schreibtisch. Oder in irgendeinem anderen engen Verschlag, aus dem allein ihre Mutter sie befreien konnte.
Willy umfasste den Türgriff an der Fahrerseite, und augenblicklich brach ihr der Schweiß auf der Stirn aus. Wenn sie die Tür jetzt aufmachte, würde sie aussteigen und die ohnehin brüchige Kontrolle über ihr Handeln verlieren. Hirnlos wie ein fallender Meteor würde sie auf das Lagerhaus zu rasen, die mutige kleine Willy, und einen Weg suchen, da irgendwie hineinzugelangen.
Sollte sie jemals diesem verheerenden Impuls nachgeben, überlegte sie, dann nur nachts, wenn das Lagerhaus leer war.
In der Nacht würde sie den geschwungenen Türgriff abmontieren, den Schnapper lösen, die Tür so weit aufziehen, dass sie ihren Körper durch den Spalt zwängen konnte. Und als wäre es bereits niedergeschrieben, würde das verhängnisvolle Unterfangen seinen Lauf nehmen. Ein guter Teil ihrer Agonie lag in ihrer eigenen Nutzlosigkeit; Seelenqualen brachten Menschen dazu, Dinge zu tun, von denen sie schon im Voraus wussten, dass sie hoffnungslos dumm waren. Schlimmer noch, ihr war völlig klar, dass ihr nächtlicher Einbruch, sollte sie diesen in die Tat umsetzen, einen Alarm auslösen würde. Sie würde sich verstecken, natürlich aufgespürt und zur Polizei gebracht werden, wo sie dann Erklärungen abliefern musste.
Nach seiner Rückkehr aus England, oder Frankreich, oder wohin auch immer ihn seine geheimnisvollen Aufträge geführt hatten, könnte Mitchell Faber sie vielleicht aus dem Knast holen, doch dann musste sie sich Mitchell stellen. Und ihr zukünftiger Ehegatte war auf beinahe jede Weise bedrohlicher als die örtlichen Cops.
Willy hatte keinen Zweifel daran, dass eine Konfrontation mit der Polizei einen äußerst negativen Effekt auf Mitchell hätte. In Anbetracht seines ungeheuren Wutpotenzials würde sie Wochen brauchen, um sich wieder einen Platz an der Sonne zu ergattern. Im Gegensatz zu ihrem verstorbenen Mann war Mitchell ein dunkler Typ, dunkle Augen, dunkles Haar, dunkler, dunkler Charakter. Seine Dunkelheit beschützte sie, so empfand sie es wenigstens; die Dunkelheit war auf ihrer Seite und stets bereit, aktiv zu werden und sich drohend vor sie zu stellen wie ein dressierter Wolf. Besser, man forderte seinen tödlichen Blick nicht heraus. Für einen Menschen, der anscheinend über eine Menge Einfluss verfügte, mied Mitchell Faber seltsamerweise das Rampenlicht und bestand darauf, in den Schatten abseits der Bühne zu agieren.
Willy ließ den Türgriff los und legte beide Hände ans Lenkrad, was sich anfühlte wie ein Fortschritt, und gleichzeitig wie ein unvorstellbarer Betrug. Obwohl es kühler geworden war, lag eine klebrige Feuchtigkeit einem Waschlappen gleich auf ihrem Gesicht. Sie glaubte, Hollys helle, klare Stimme nach ihr rufen zu hören. Wie hatte sie sich nur von ihrer Tochter abwenden können? Unwillkürlich tastete sich ihre linke Hand abermals zum Türgriff. Und nur mittels größter Willensanstrengung gelang es ihr, sie daran zu hindern. Für ein paar kurze Sekunden gestattete sie sich einen Rückzug aus der Wirklichkeit und heulte wie ein in einer Falle gefangenes Tier. Dann machte sie den Mund zu, zwang sich, den Zündschlüssel umzudrehen, und legte den Rückwärtsgang ein. Ohne in den Rückspiegel zu schauen, setzte sie den Wagen in Bewegung. Die schillernden Pfützen auf dem Parkplatz zitterten, als wollten sie sie für ihr Handeln rügen.
Sie trat so heftig aufs Gaspedal, dass sie mit den Hinterrädern gegen den Bordstein prallte. Als sie den ersten Gang einlegte und beschleunigte, einem Geräusch entfliehend, das nur in ihrem Kopf existierte, schoss sie mit der Kühlerhaube auf die Fahrbahn und biss sich einmal kurz und fest in das weiche Fleisch ihrer Wange. Der brennende Schmerz half ihr, die 2,2 Meilen lange Strecke zurück zum Pathmark ohne größere Schwierigkeiten zu bewältigen. Danach verschaffte ihr jede weitere Meile einen höheren Grad von Klarheit. Es war, als hätte sie sich tatsächlich in Trance befunden, einem Zustand, in dem sie nicht mehr für ihre Gedanken und Taten verantwortlich war.
Den restlichen Teil des Heimwegs legte Willy in einer komplizierten Mischung aus Erleichterung und heller Panik zurück. Sie war dem Wahnsinn nur knapp entronnen.

5.
hart ist der tod hart
 
Mit mehr als nur einem mulmigen Gefühl im Bauch starrte Tim die Nachricht auf seinem Monitor an. Narym hatte sich mit Huffy, presten und den anderen zusammengetan, um einem Wildfremden mit einem Scherz oder einer Drohung den Tag zu versauen. Falls es ein Scherz sein sollte, so war der Zeitpunkt äußerst schlecht gewählt. Seit etwas mehr als einem Jahr war Tims Neffe Mark, der Sohn seines Bruders, spurlos verschwunden. Und der Verlust des Jungen traf Tim immer noch mit der gleichen krank machenden Schärfe wie zu Beginn. Sein Kummer hatte mit der Zeit nicht nachgelassen, sondern sich vertieft. Wie sehr er Mark geliebt hatte, war ihm erst zu Bewusstsein gekommen, nachdem es zu spät war, ihm diese Liebe zu zeigen. Hart ist der Tod, hart, ja, für die Überlebenden.
Tim hatte seinen Neffen zu sich nach New York City einladen wollen, um dessen Horizont etwas zu erweitern, er hatte ihm die Vermeers in der Frick Collection zeigen wollen, eine Opernaufführung in der Met, kleine verborgene Winkel im Village, den ganzen gnadenlosen Kommerz auf den Straßen. Er wollte dem Jungen eine Art Vater sein, und wenn er es erlebt hätte, dass Mark sich an der Columbia oder der NYU einschrieb, wäre er ihm ein besserer Vater gewesen, als es Philip je war. Stattdessen hatte er, nachdem er miterleben musste, wie sein Bruder in kürzester Zeit die Hoffnung aufgegeben hatte, seinen Sohn jemals lebend wiederzusehen, eine Geschichte geschrieben, die es Mark erlaubte, das Leben weiterzuführen, das ihm ein Ungeheuer namens Ronald Lloyd-Jones geraubt hatte. In dem Roman Haus der blinden Fenster, der in einer Woche erscheinen sollte, entschlüpfte Mark Underhill in ein »Anderswo«, gemeinsam mit einem wunderschönen Phantom namens »Lucy Cleveland«, in Wahrheit Lily Kalendar, der Tochter eines anderen mordenden Ungeheuers, Josef Kalendar. Sie war mit ziemlicher Sicherheit in ihrem fünften oder sechsten Lebensjahr durch die Hand ihres eigenen Vaters umgekommen, obwohl, wie in Marks Fall, niemals auch nur eine Spur von ihr gefunden wurde. In Tims Vorstellung waren die beiden, der verschwundene Junge und das vermisste Mädchen, ihrem Schicksal entronnen, indem sie in eine völlig andere Welt flohen, eine Welt vergleichbar mit dem Cyberspace, wo sie Hand in Hand in der Abenddämmerung an einem tropischen Strand entlangspazierten, doch stets in dem Bewusstsein, dass ihnen der Schwarze Mann überallhin folgte. Immer noch besser für seinen geliebten Neffen, viel besser, als Ziel des grausamen Ronnie Lloyd-Jones zu sein.
Es musste einen schwarzen Mann geben, ansonsten wäre in ihrer Welt nichts real, am allerwenigsten sie selbst.
Von der Existenz des schwarzen Mannes wusste Tim seit dem Tag, an dem seine ältere Schwester April in einer Seitengasse hinter dem St. Alwyn Hotel ermordet und er, der die Tat aus der Ferne undeutlich gesehen und zu ihr hatte hinrennen wollen, auf der Livermore Avenue unter die Räder einer vorbeifahrenden Limousine gekommen war. Keine dreißig Sekunden später war April tot, und auch er war aus dem Leben getreten. Es war, als folgte er ihr in ein Reich, wo Dunkelheit und Licht denselben verwirrenden Raum füllten. Dann, ganz plötzlich, wurde er aus dieser wundervollen Welt gerissen und zurück in seinen verstümmelten Körper verfrachtet, und von da an ging sein Leben so richtig los.
Sein Bruder behauptete, sich überhaupt nicht an April erinnern zu können, was der Wahrheit entsprechen mochte, da Mom und Dad sie niemals erwähnten. Doch Tim bemerkte sehr wohl, dass sich der Tod seiner Schwester von Zeit zu Zeit zwischen seine Eltern schob wie eine dunkle Wolke, die sie jedoch vorgaben, nicht zu sehen. Konnte Philip ihr unterdrückter Schmerz wirklich so völlig entgangen sein? April war neun Jahre alt gewesen, als sie starb, Tim sieben. Philip, damals ein dreijähriger Knirps, mochte vielleicht tatsächlich keine bewusste Erinnerung an seine Schwester haben. Andererseits hatte er schon immer ein starkes Verdrängungspotenzial besessen.
Falls Tim je geglaubt hatte, April vergessen zu können, sollte ihn ihr ständig wiederkehrender Geist bald eines Besseren belehren. Ein Jahr nach ihrem Tod hatte er sie vier Reihen hinter sich im Bus sitzen sehen, das Gesicht dem Fenster zugewandt; drei Jahre später, als er mit seiner Mutter auf einer Fähre über den Lake Michigan fuhr, hatte er aus Langeweile über die Reling geschaut und vor Entsetzen die Luft angehalten, als er auf dem Unterdeck den blonden Schopf seiner Schwester entdeckte, die ebenfalls an der Reling stand und aufs Wasser schaute. Als er in Berkeley studierte, sah er sie vor einem Gemüseladen stehen; später dann inmitten einer Gruppe Krankenschwestern auf der Ladefläche eines Jeeps in Camp Crandall in Vietnam, wo er als »Perlentaucher« im Leichenschauhaus Dienst getan hatte; zweimal fuhr sie in New York, wo er später lebte, in einem Taxi an ihm vorbei; und zweimal war sie bereits in der First-Class-Lounge eines Flugzeugs aufgetaucht, während er gerade einen Drink nahm.
Mit Ausnahme einer dieser Gelegenheiten war Tim immer bewusst gewesen, dass sein Wunschdenken für einen kurzen Moment ein passendes kleines Mädchen in seine Schwester verwandelt hatte; doch in Camp Crandall hatte es keine kleinen Mädchen gegeben. Seine tägliche Pflicht dort, die darin bestand, die zerfetzten Leichen seiner Kameraden zu identifizieren, hatte seinem Bewusstsein auf verschiedenste grausame Weisen zugesetzt, gleichermaßen wie die erzwungene Nähe zu völlig abgewrackten Kerlen mit Namen wie Rattenmann oder Pirat. Die Erlebnisse dort in Camp Crandall hatte er für die einzige reale Halluzination in seinem Leben gehalten.
Bis zu diesem Morgen. Was er gegenüber vom Fireside am West Broadway gesehen hatte, konnte nur eine Halluzination gewesen sein, denn eine andere Erklärung gab es dafür nicht. Ohne irgendwelche Geräuscheffekte oder eine warnende Veränderung des Lichts hatte die neunjährige April Underhill sein Blickfeld betreten. Sie trug ein altes blau-weißes Ding, das sie ihr Alice-Kleid nannte. Damals, zur Zeit ihres Todes, war April besessen gewesen von Märchen wie »Alice im Wunderland« und hatte auch an besagtem Tag dieses verrückte Kleid angehabt, da sie sich jeden Morgen standhaft weigerte, irgendetwas anderes anzuziehen. Jetzt sah sie ihn an, ihr Blick ein Schrei inmitten der Menge auf der belebten Straße. Strähniges, ungewaschenes Haar, das Oberteil des Alice-Kleids vom Regen dunkel gesprenkelt, hatte die Gestalt so wenig Ähnlichkeit mit Tims kleiner hübscher Schwester, dass er sie eigentlich in Schwarzweiß hätte sehen müssen oder zweidimensional – eine Erscheinung, die ihn traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel und ihn wie angewurzelt stehen bleiben ließ.
Zwei stoppelbärtige Jungs in schwarzen Klamotten mussten einen Haken schlagen, um ihm auszuweichen.
Eine ganze Weile brachte er keinen Ton heraus. Er konnte sich freilich einreden, April steht dort nicht wirklich, das bilde ich mir nur ein, doch was sein Blick aufnahm, schien so verdammt real zu sein. Lange vergessene Bilder tauchten aus seiner Erinnerung auf, geschwängert mit den Unvollkommenheiten der tatsächlichen Person, die seine Schwester gewesen war. Die vorherrschende Empfindung in Aprils neunjährigem Leben war Enttäuschung gewesen, das sah er ganz deutlich vor sich: Sie besaß den Gesichtsausdruck eines Kindes, das sich daran gewöhnt hatte, dass man ihm übel mitspielte, und das es nicht erwarten konnte, endlich erwachsen zu werden.
Aprils eigensinniges Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen und dem verkniffenen Mund erinnerte Tim an Dads unverständliche Wutausbrüche wegen ihrer angeblichen Verstocktheit. Kein Wunder, dass sie sich in die Wunderwelt von Alice und dem verrückten Hutmacher geflüchtet hatte. Ein Fahrstuhlführer im St. Alwyn Hotel, ein ewiger Schluckspecht, kontrollierte ihr Leben, und das meiste, das ihr durch den Kopf spukte, fand er unsäglich, irritierend und mitunter sogar beleidigend.
Eine Sekunde später sah sich Tim mit Aprils Gesicht konfrontiert, schmäler, als er es in Erinnerung hatte, und der Zierlichkeit ihres Körpers, der wahren Kindlichkeit der Schwester, die er verloren hatte. Seine alte Liebe für die neunjährige April Underhill erwachte in ihm – April, die ihn verteidigt hatte, wenn er Unterstützung brauchte, die sich für ihn einsetzte, wenn er einen Helden brauchte, und ihn mit den besten Geschichten unterhalten hatte, die er je gehört hatte. April, wurde ihm plötzlich klar, hätte Bücher schreiben sollen! Seine Schwester war sein Leitstern gewesen, bis zum Schluss. An ihrem letzten Tag war sie ihm in die ultimative Alice-Welt vorausgegangen, die Welt nach dem Tod, wo er, unfähig, seiner besten, mutigsten und liebsten Freundin zu ihrem unvorstellbaren, sagenhaften Ziel zu folgen, den Kräften erlegen war, die ihn zurückholten.
Er wollte ihr schon zurufen, sich irgendwo vor dem Regen unterzustellen.
Da machte April einen Schritt auf die Bordsteinkante zu, und Tims Herz verwandelte sich vor Angst in einen Eisbrocken. Seine Schwester war durch den Spiegel zurückgeschwommen, um ihn auf seinem Weg zum Frühstück aufzuhalten. Er befürchtete, sie könnte sich entschließen, über die Straße zu gleiten, seine Hand zu packen und ihn in den morgendlichen Straßenverkehr zu ziehen. Sie erreichte die Bordsteinkante und hob die Arme.
O Gott, sie wird nach mir rufen, dachte er, und ich werde gehen müssen.
Statt ihn durch den Spiegel zu zerren, legte April die Hände an die Mundwinkel, beugte sich vor, holte tief Luft und brüllte, so laut sie konnte, durch das Megaphon ihrer Hände. Tim hörte nur die Geräusche des fließenden Verkehrs und die Gesprächsfetzen der Passanten.
Seine Augen brannten, seine Sicht verschwamm. Als er sich die Tränen abgewischt hatte, war April verschwunden.

6.
Die Guilderland Road, an deren oberem Ende Mitchell Fabers weitläufiges, dicht bewaldetes Anwesen lag, durchschnitt ein Gebiet auf den südwestlichen Hügeln (wie man sie nannte) von Alpine, New Jersey, wo kurz nach dem Sezessionskrieg das kaum als solches erkennbare Dorf Hendersonia wie mit einem Skalpell von dem um einiges belebteren Marktflecken Creskill abgetrennt worden war. In allen Lebensbereichen, abgesehen von der Benennung von Plätzen, hatten die Hendersons von Hendersonia ganz offensichtlich einen ebensolchen Wert auf Unauffälligkeit gelegt wie Mitchell Faber; hatten sie doch auf ihrem Pfad durch die Geschichte nicht mehr hinterlassen als ein paar kaum noch entzifferbare Grabsteine auf dem winzigen Friedhof am unteren Ende der Straße. Ein Stück weiter den Hügel hinunter bildeten der Betonklotz einer Bank, eine aufgelassene presbyterianische Kirche, ein von einer Versicherungsagentur übernommenes Privathaus, eine Videothek und eine Kneipe mit Restaurant namens Redtop’s das Stadtzentrum. Im vorigen Sommer hatte die Supermarktkette Foodtown einen Block vom Zentrum entfernt ein altes Bowling-Center aufgekauft und dort eine Filiale errichtet, wo Willy, wie sie sich vorgenommen hatte, von nun an einkaufen würde.
Sie war immer noch dabei, sich zurechtzufinden, wieder einen normalen Tagesablauf zu erarbeiten. Es war erst zwei Wochen her, dass es Mitchell endlich gelungen war, sie dazu zu überreden, ihr gemütliches Ein-Zimmer-Apartment in der 77. Straße zugunsten des »Anwesens« aufzugeben. In zwei Monaten würden sie heiraten, warum dann nicht gleich zusammenziehen? Sie waren schließlich zwei erwachsene Menschen von achtunddreißig und zweiundfünfzig Jahren (ein junger Zweiundfünfziger) und ganz allein auf dieser Welt. Seien wir doch mal ehrlich, sagte Mitchell eines Abends, du brauchst mich. Ja, sie brauchte ihn, und er begehrte sie, wie jemand wie Mitchell Faber nur etwas begehren konnte – dunkel, mit gefurchter Stirn rief er sie in seine Arme und versprach dafür Sorge zu tragen, dass diese schrecklichen Dinge sie niemals wieder in Beschlag nehmen würden. Das »Anwesen« sei ideal für sie, sagte er, ein schützender Raum, so wie Mitchell selbst eine Art Schutzraum darstellte. Und groß genug für separate Büros für jeden von ihnen, denn er wollte von nun an mehr Zeit zu Hause verbringen, und sie brauchte, was alle Frauen brauchen, besonders Frauen, die Bücher schreiben: Ein Zimmer für sich allein.
Bei ihrer ersten Begegnung hatte Mitchell Faber Willy insofern verblüfft, als er nicht nur wusste, dass ihr dritter Roman, In the Night Room, soeben mit dem Newbery-Preis ausgezeichnet worden war, sondern auch, dass Mill Basin, der Schauplatz des Romans, die Stadt widerspiegelte, in der sie zur Welt gekommen war, nämlich Millhaven in Illinois.
Dass sie den Preis erhalten hatte, war erst vier Tage zuvor publik gemacht worden, doch die Einladung in Molly Harpers Apartment wurde nicht ihr zu Ehren gegeben, und Willys Triumph war noch so frisch und kam ihr so unwirklich vor, dass sie sich nicht gewundert hätte, wenn man ihn zurückgenommen hätte. Und vor einer offiziellen Feier wäre Willy, die noch immer damit kämpfte, aus dem Schlick tiefschwarzer Depressionen aufzutauchen, ohnehin geflüchtet. Sie war ja kaum in der Lage, ein Abendessen mit Freunden durchzustehen. Einige der anwesenden Gäste wussten, dass Willy soeben ausgezeichnet worden war, und nur der eine oder andere hatte ihr gratuliert. Mollys Freunde empfanden sich nämlich gemeinhin als zu reich, um das Dasein anderer Menschen zu würdigen; wie auch Molly selbst waren viele der anwesenden Frauen um etliches jünger als ihre Ehemänner und hatten sich wohl deshalb eine Verhaltensweise zugelegt, die man als »Stummschaltung« bezeichnen könnte. Und wie es ihr zurückgenommenes Benehmen verlangte, reagierten sie auf Willy wie auf ein hinreißend hübsches Straßenkind. Einige Frauen konnten sie vom ersten Moment an nicht leiden. Andere fühlten sich schon bedroht, wenn sich ihre jeweiligen Ehegatten, flirtend oder nicht, auch nur in Willys Nähe wagten.
Gegen Ende des Abends – genauer gesagt kurz nach zehn, da diese grau melierten Herren nebst ihren mit Diamanten behängten Ehegattinnen nie länger als bis elf ausblieben – erhob sich Lankford Harper, Mollys langweiliger Ehemann, von seinem Platz zu Willys Linken und wurde quasi im selben Augenblick von einem eleganten, animalischen Mann ersetzt, der an sich schon deshalb bemerkenswert war, weil er älter als die meisten Frauen und wesentlich jünger als seine anwesenden Geschlechtsgenossen war. Seine Energie sirrte förmlich durch sein dichtes, glänzendes schwarzes Haar und den imposanten pechschwarzen Schnauzer. Schwarze Augen und schneeweiße Zähne strahlten Willy an, und eine große, warme, dunkle Hand legte sich auf die ihre. Dass sie diese Intimität nicht als ungehörig empfand, verwunderte sie. Was passieren soll, passiert; anstatt sich belästigt zu fühlen, entspannte sich Willy.
- Ich möchte Ihnen zu Ihrem großartigen Erfolg gratulieren, Mrs. Patrick, sagte der Mann und beugte sich etwas näher. Sie müssen sich fühlen, als hätten Sie in der Lotterie gewonnen.
- Nicht ganz, gab sie zurück. Dann beschäftigen Sie sich also mit Jugendbüchern, Mr …?
- Darf ich mich vorstellen? Mitchell Faber. Nein, ich kann nicht behaupten, ein Experte auf dem Gebiet der Jugendliteratur zu sein, aber der Newbery-Preis ist eine hohe Auszeichnung, und ich habe in der Tat nur Großartiges über Ihr Buch gehört. Ihr drittes, nicht wahr?
Sie machte den Mund auf. – Ja.
- Guter Titel, In the Night Room, besonders für ein Jugendbuch.
- Er ist wahrscheinlich ein bisschen zu sehr an Maurice Sendak angelehnt, aber der schrieb für eine jüngere Leserschaft. Warum erkläre ich mich diesem Typ eigentlich?, fragte sie sich.
Seine Hand schloss sich fester um ihre. – Bitte verzeihen Sie, was ich jetzt sagen werde, Mrs. Patrick. Ich habe Ihren Mann gekannt. Wir hatten von Zeit zu Zeit geschäftlich miteinander zu tun. Er war ein sehr feiner Mensch.
Kurzzeitig verschwamm die Umgebung vor ihren Augen, und ihr Herz setzte einige Schläge aus. Das Party-Gemurmel um sie herum ging weiter. Sie blinzelte und hob ihre Serviette an die Lippen, um Zeit zu gewinnen.
- Es tut mir Leid, sagte der Mann. Das war nicht besonders passend.
- Nein, nicht doch. Ich bin nur etwas erschrocken. Arbeiten Sie für die Baltic-Group?
- Ja, ab und an. Sie rufen mich, um nebulöse Machenschaften noch nebulöser zu machen.
- Ich bin sicher, Sie verbreiten Klarheit, wo immer Sie auftauchen, sagte sie und hoffte damit, das Gespräch zu einem angemessenen Abschluss gebracht zu haben. Sie dankte ihm für seine freundliche Gratulation.
Mitchell Faber beugte sich wieder zu ihr und tätschelte ihre Hand. – Mill Basin, das Dorf in Ihrem Buch. Hatten Sie da Millhaven vor Augen? Von dort kommen Sie doch, nicht wahr?
Dieser Mitchell Faber steckte voller Überraschungen.
Geschmeichelt und verwirrt zugleich erwiderte sie sein Lächeln. – Sie müssen Millhaven sehr gut kennen. Kommen Sie auch von dort?
Die Frage war absurd: Faber sah weder aus, noch klang er oder benahm sich wie jemand, der aus Millhaven stammte. Ebenso wenig war er ein Produkt der Ostküsten-Privilegien-Brutstätten, die einen Lankford Harper hervorgebracht hatten.
- Wenn ich in Chicago zu tun habe, fahre ich hin und wieder nach Millhaven, quartiere mich für eine Nacht oder zwei im Pforzheimer ein, spaziere am Flussufer entlang und trinke etwas im alten Green Woman. Kennen Sie den Green Woman Taproom?
Sie hatte nie vom Green Woman Taproom gehört.
- Hübsche alte Bar mit einer faszinierenden Geschichte. Sollte im Lexikon stehen. Hat eine sehr interessante Verbindung zur Kriminalkunde.
Kriminalkunde? Sie hatte keinen blassen Schimmer, wovon er sprach, und auch keine Lust, es herauszufinden. Was Willy und Verbrechen anbelangte, reichten ihr die Morde an ihrer Tochter und ihrem Mann für den Rest ihres Lebens. Allein das Wort Kriminalkunde rief in ihr höchst unangenehme Gefühle hervor.
Mitchell Faber hätte die gleichen Gefühle in ihr hervorrufen können, doch Willy stellte fest, dass sie sich noch keine feste Meinung über ihn gebildet hatte. Als sie am nächsten Tag Molly anrief, um sich bei ihr für den Abend zu bedanken, erkundigte sie sich bei ihrer Freundin über den Mann, der sie auf Newbery und Millhaven angesprochen hatte. Molly wusste kaum etwas über ihn.
Einen Tag später berichtete Willy ihrer Freundin, dass der unbekannte Gast sie angerufen und gefragt habe, ob sie sich auf einen Kaffee, einen Drink oder sonst was treffen könnten.
- Ich an deiner Stelle würde mich direkt auf das »sonst was« konzentrieren, erklärte Molly. – Was hast du zu verlieren? Ich fand ihn recht niedlich. Und dass er kein Methusalem ist, spricht auch für ihn.
- Ich weiß absolut gar nichts von ihm, sagte Willy. – Und ich glaube auch nicht, dass ich schon bereit bin, mich mit anderen Männern zu treffen. Nicht einmal annähernd bereit.
- Willy, wie lange ist das jetzt her?
- Zwei Jahre. Das ist gar nichts.
- Eine Tasse Kaffee auch nicht.
- Ich werde ihm alles erzählen müssen.
- Wenn er mit Lanky arbeitet, ist er sicher schon im Bilde. Diese Jungs können alles herausfinden, was sie wollen. Können alles ausgraben. Lanky hat mir erzählt, sie seien besser als die CIA, und das sollten sie auch! Schließlich kriegen sie zehnmal so viel Kohle!
- Aha, sagte Willy. – Deshalb wusste Mr. Faber von meinem Buch und Millhaven.
- Er hatte Lanky!
- Lanky weiß, dass ich den Newbery-Preis gewonnen habe? Entschuldige, so wie das geklungen hat, habe ich es nicht gemeint.
Molly lachte. – Na klar weiß Lanky das. Er hat Night Room sogar gelesen.
Jetzt war Willy baff. – Lanky hat mein Buch gelesen? Aber das ist doch ein Jugendbuch!
- Jugendromane sind Lankys stille Leidenschaft. Er hat Emily unter Indiens Sonne gelesen, als er fünfundzwanzig war, und das Buch hat sein Leben verändert. Inzwischen ist er Experte für Rumer Godden.
Willy versuchte sich Mollys hageren, mundfaulen, grauhaarigen Mann in seinem nachtblauen Nadelstreifenanzug und der goldenen Uhr vorzustellen, wie er in seiner Bibliothek sitzt, im Schein einer Leselampe über eine Ausgabe von Nacht der Gespenster gebeugt.
- Er hortet eine einzigartige Sammlung, fuhr Molly fort. – Wir sprechen jetzt von Lankford Harper, erinnere dich. Er besitzt einen speziellen Raum mit riesigen Metallregalen. Wenn man auf einen kleinen Knopf drückt, drehen sie sich. Tausende Bücher stehen da, die meisten davon in ausgezeichnetem Zustand. Wenn er ein neues findet, kauft er gleich ein paar Exemplare davon; eines für sich zum Lesen, die anderen wandern in die Sammlung, den Tresor. Philip Pullman – du glaubst ja gar nicht, wie viel diese Philip Pullmans wert sind!
Willy hätte wissen müssen, dass Lanky Harpers Interesse an ihren Romanen in erster Linie finanzieller Art war. – Wie viele Exemplare von In the Night Room stehen denn in diesem Tresorraum?
- Fünf. Drei hat er gekauft, als das Buch auf den Markt kam, und als der Newbery verkündet wurde, hat er gleich noch mal zwei dazugekauft.
- Fünf Ausgaben? Daraus kann man schließen, dass ihm das Buch gefallen hat. Ihre Gedanken kehrten zu Mitchell Faber zurück, dessen Aufdringlichkeit doch auch eine gewisse Anziehungskraft beinhaltet hatte. Zumindest war Mitchell Faber Manns genug gewesen, mit der trauernden Witwe ein ernsthaftes Gespräch zu führen, anstatt sie mit Klischees einzulullen. Insgeheim faszinierte der dunkle Mitchell Faber Willy Patrick: Er gehörte zu der Sorte Mann, für die jene Regeln, an die sich die anderen hielten, gerade mal Richtlinien waren.

7.
Da war er also gesessen, Tim Underhill, im guten alten Fireside, und hatte so getan, als würden seine Hände nicht derartig zittern, dass ihm die Champignons von der Gabel kullerten; und hatte sich redlich Mühe gegeben, so vertieft in sein Kreuzworträtsel zu wirken wie an jedem anderen Morgen auch. Dabei verschwammen die Wörter und Buchstaben noch immer auf dem Papier, und keiner der Hinweise ergab irgendeinen Sinn. Zudem versuchte Underhill herauszufinden und gleichzeitig zu ignorieren, was seine ermordete neun Jahre alte Schwester ihm von der anderen Seite des West Broadway zugerufen hatte. Gegensätzliche Wünsche waren schwer zu erfüllen, besonders wenn sie von einer solchen Dringlichkeit waren. April, die sich vorbeugte, ihm etwas zurief, regelrecht brüllte, ganz versessen darauf, ihre Botschaft rüberzubringen …
»Mr. Underhill?«
Tim drehte sich um und sah das Gesicht eines aufgeregten schwarzhaarigen Mannes um die vierzig, der immer noch etwas Jungenhaftes an sich hatte und eine Mischung aus Freude und prahlerischer Herausforderung ausstrahlte. Ein Fan. So etwas passierte ihm vielleicht dreimal im Jahr.
»Sie haben mich ertappt«, sagte er und ließ die Hand in den Schoß fallen, um das Zittern zu verbergen.
»Nicht zu fassen! Da sitzt Timothy Underhill, mitten im Fireside. Wie ein ganz normaler Mensch.«
»Ich bin ein ganz normaler Mensch«, sagte Tim mit Betonung auf bin.
»He, ich bin, was ich bin! Haben Sie das nicht einmal gesagt? Beziehungsweise geschrieben?«
Hatte er Popeye zitiert? Möglich wäre es, aber nur ganz entfernt möglich.
»Würden Sie mir einen großen Gefallen tun? Ich bin ein ergebener Bewunderer von Ihnen – na klar, wer sonst würde Sie beim Frühstücken belästigen, richtig? Aber ich wäre Ihnen wirklich unendlich dankbar, wenn Sie mir ein paar Bücher signierten. Wären Sie so freundlich, Mr. Underhill? Signieren Sie mir ein paar Bücher, Tim? Ist es okay, wenn ich Sie Tim nenne?«
»Sie schleppen meine Bücher mit sich rum?«
»He, das ist lustig. Sie scheinen mir ja ein richtiger Witzbold zu sein, Tim! Schon mal daran gedacht, ins Komödienfach zu wechseln? Nein, die Bücher liegen natürlich in meiner Wohnung, ich meine, wo sonst? Wäre ich der Hellsichtigkeit mächtig, dann hätte ich sie logischerweise mitgeschleppt, doch so ein Glück ist mir leider nicht beschieden. Aber ich wohne gleich um die Ecke. Bin in fünf Minuten wieder da, nein, weniger, vier Minuten, schauen Sie auf die Uhr, checken Sie, ob ich Recht habe. Okay? Einverstanden?«
»Holen Sie die Bücher«, sagte Tim.
Der Fan spreizte Daumen und Zeigefinger zu einer Pistole, zielte damit auf Tim und drückte ab. Dann schnellte er auf dem Absatz herum und war auch schon durch die Tür. Erst jetzt fiel Tim auf, dass er ihm seinen Namen nicht genannt hatte. Fans waren eben komische Typen, und dieser stand mit Sicherheit ein bisschen neben der Kappe, doch Tim wollte sich seine Aufgeschlossenheit gegenüber den Menschen bewahren, die seine Bücher kauften. Jeder einzelne von ihnen hatte seine Dankbarkeit verdient.
Sein heutiger Bewunderer jedoch beanspruchte seine Geduld bis an den Zerreißpunkt. Nach zwölf Minuten begann Tim innerlich zu kochen. Er saß gern um zehn Uhr an seinem Schreibtisch, und es war bereits zwanzig vor zehn. Wenn er sich von den Rühreiern, die ihm nicht schmeckten, und dem Kreuzworträtsel, auf das er sich nicht genügend konzentrieren konnte, um es zu lösen, verabschiedete, könnte er dem Fan entwischen, der zu anmaßend und zu zudringlich war und sich sicherlich nicht mit ein paar Signaturen zufrieden geben würde. Er würde reden, Telefonnummern austauschen und herausfinden wollen, wo Tim wohnte. In weniger als einer Sekunde war er von »Mr. Underhill« zu »Tim« geworden. Und »Tim« hatte keine Lust, sich weiter mit einem Fan abzugeben, der ihn als Witzbold bezeichnete – dabei wurde ihm ganz anders. Ebenso missfiel ihm diese Pistolero-Geste, mit der sich der Kerl verabschiedet hatte.
Wieder sah er April vor sich, die Hände an die geschürzten Lippen gelegt, die ihm etwas zurief …
Stör unsre Ruh? Nein, das konnte nicht sein.
Tim ließ die Gabel auf den Teller fallen, signalisierte dem Kellner, ihm die Rechnung zu bringen, und steckte den Kugelschreiber in die Hemdtasche. Draußen prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, und als die Tür aufflog, spritzten ein paar Tropfen auf die Bodenfliesen. Tim seufzte. Eine nasse Hand zog die durchweichte Kapuze eines Sweatshirts vom Kopf des strahlenden Bewunderers. Wie eine Trophäe hielt der Fan eine gelbe Plastiktüte in die Höhe, deren Inhalt an die Ausmaße von Charles Dickens erinnerte.
»Haben Sie die Zeit gestoppt?«
Tim sah auf seine Armbanduhr. »Sie waren mindestens zwanzig Minuten weg.«
»Nein, allerhöchstens sechs. Ich hätte es schneller geschafft, aber der Regen hat mich aufgehalten.«
Eines nach dem anderen zog der Fan die Bücher aus der nassen Plastiktüte und stapelte sie einen Fingerbreit von Tims Tellerrand. Es waren Exemplare von seinem Roman Haus der blinden Fenster, der noch nicht in den Buchläden auflag. Er selbst hatte erst vor kurzem seine Belegexemplare erhalten. »Die Babys sind zum Glück trocken geblieben.« Der Fan wischte sich mit der Hand übers Gesicht und verteilte die Feuchtigkeit in seinen dichten schwarzen Haaren. »Muss ein tolles Gefühl sein, ein Buch zu signieren, das man selbst geschrieben hast, was? So wie ›das ist mein Baby, schau es dir genau an, denn ich bin der stolze Papa‹, richtig?«
Tim wollte diesen komischen Kerl so schnell wie möglich loswerden. »Wo haben Sie diese Bücher her?«
Der Mann schob den Stapel ein Stück näher zu Tim hin. »Warum? Ich habe sie gekauft, was sonst?«
Wasser tropfte aus seinen Ärmeln, und Tropfen landeten auf dem Kreuzworträtsel der Times. Auf ein paar Quadraten verliefen die Buchstaben.