001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Das Buch
Als der Vikar Dominic Corde und seine Frau Clarice kurz vor Weihnachten als Urlaubsvertretung von Reverend Wynter in das kleine Dorf Cottisham kommen, erscheint ihnen alles idyllisch und wunderbar ruhig im Gegensatz zu London. Doch während Dominic versucht, sich gebührend um seine Gemeinde zu kümmern, fallen Clarice immer mehr seltsame Dinge auf: Obwohl alle nur das Beste über Wynter sagen, haben in den letzten Jahren alle nahen Bekannten Abstand von ihm genommen, die angegebene Urlaubsadresse Wynters gibt es gar nicht, und der Reverend hat seinen besten Mantel und seine Bibel im Schrank gelassen.
Clarice stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und gerät dabei in große Gefahr.
 
»Anne Perry hat ein scharfes Auge für Charakternuancen und riecht förmlich das Verbrechen.« The New York Times

Die Autorin
Anne Perry, 1938 in London geboren und in Neuseeland aufgewachsen, lebt und schreibt in Schottland. Ihre historischen Kriminalromane zeichnen ein lebendiges Bild des spätviktorianischen London. Weltweit haben sich die Bücher von Anne Perry bereits über 10 Millionen Mal verkauft.

Zuletzt bei Heyne erschienen:
Die Frau aus Alexandria – Nebel über der Themse – Flammen über Scarborough Street – Feinde der Krone – Die Verschwörung von Whitechapel – Eine Weihnachtsreise – Der Weihnachtsbesuch – Der Weihnachtsgast

Für alle, die einen Neuanfang wagen wollen.

Clarice Corde lehnte sich in ihrem Sitz zurück, als der Zug in eine Dampfwolke gehüllt aus dem Bahnhof fuhr. Rußflocken wirbelten durch die Luft, und die Lokomotive nahm schnaubend Geschwindigkeit auf. Der Regen prasselte so heftig gegen das Fenster, dass sie die glitzernden Dächer Londons kaum noch sehen konnte. Es war der 14. Dezember 1890, zehn Tage vor Weihnachten. Sie war erst ein gutes Jahr verheiratet und noch nicht vertraut mit ihrer Rolle als Pfarrersfrau, die sie nur äußerst mühsam spielen konnte, da ihr Gehorsam oder Taktgefühl nicht gegeben war. Aber Dominic zuliebe versuchte sie es zumindest.
Sie betrachtete ihn von der Seite und merkte, dass er tief in Gedanken versunken war. Sie wusste, dass er sich wegen der unerwartet gebotenen Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, Sorgen machte. Der betagte Reverend Mr. Wynter hatte einen wohlverdienten Urlaub angetreten, weshalb die Gemeinde des kleinen Dorfs Cottisham jemanden brauchte, der sich in der Weihnachtszeit um die Gemeinde kümmerte.
Dominic hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Er war ein Witwer gewesen, der den Vergnügungen des Lebens abgeschworen und erst recht spät das geistliche Amt angenommen hatte. Vielleicht war Clarice die Einzige, die hinter seinem guten Aussehen und seiner ungezwungenen Art die Zweifel sah. Sie wusste, dass er seine Schwächen genauso gut kannte wie die Kraft seiner Träume, und liebte ihn deshalb umso inniger.
Er blickte auf und lächelte. Wie so oft wurde ihr ganz warm ums Herz, weil er sich ausgerechnet für sie entschieden hatte: für die schwierige Schwester, die ihre Zunge nicht hüten konnte und diesen empörenden Sinn für Humor besaß, und nicht für eine der verlässlicheren und an Konventionen gebundenen Schönheiten, die um seine Aufmerksamkeit buhlten.
Die Gelegenheit, nach Cottisham in die Grafschaft Hertfordshire gehen zu können, war das schönste Weihnachtsgeschenk, das sie sich denken konnten. So konnten sie dem Dienst unter Reverend Mr. Spindlewood in dem trostlosen Industriegebiet in London entkommen, in das Dominic als Diener Gottes geschickt worden war.
Wie konnte sie ihn nur davon überzeugen, dass seine neuen Gemeindemitglieder vor allem Geduld von ihm erwarteten und dass er ihnen zuhören, Trost spenden und die Weihnachtsbotschaft vom Frieden auf Erden verkünden sollte?
Sie griff nach seinem Arm und drückte ihn kurz.
»Alles wird gut gehen«, sagte sie zuversichtlich. »Wir werden unsere Freude auf dem Land haben.«
Er lächelte sie mit seinen dunklen wachen Augen an und wusste genau, was sie ihm sagen wollte.
Das Dorf war wirklich sehr schön, auch wenn es kaum mehr war als ein weitläufiger Anger mit einem Ententeich und ein paar Häusern drum herum. Viele Häuser hatten Strohdächer. Die winterlich kahlen Gärten machten einen gepflegten Eindruck. Vielleicht ein halbes Dutzend schmale Wege wanden sich in die nahen Wälder und die dahinter liegenden Felder. Die Kirche im angelsächsischen Stil hatte ein Schieferdach und einen viereckigen Turm, der zu den windzerzausten Wolken emporragte.
Die Kutsche, die sie vom Bahnhof hergebracht hatte, fuhr vor das weitläufige, steinerne Pfarrhaus. Der Fahrer stellte ihr Gepäck auf dem Kies ab und fuhr wieder fort.
Clarice blickte zunächst auf die geschlossene Eingangstür und dann auf die schönen Fenster im georgianischen Stil. Das Haus war wunderschön, wirkte aber irgendwie nicht einladend, so als ob ihre Ankunft gar nicht bemerkt würde und sie vergebens an die Eichentür klopfen würden. Das war nun ihr Zuhause. Dominics Herausforderung und Chance bestand darin, den Gottesdienst ganz alleine abzuhalten und zu predigen, ohne dass sich der Reverend Mr. Spindlewood immerzu einmischte. Clarice musste jetzt Begeisterung zeigen, auch wenn sie in ihrem Innersten Zweifel oder Einsamkeit verspürte. Das war der tiefere Sinn des christlichen Glaubens. Es ist leicht, fröhlich zu sein, wenn man sich frisch fühlt und die Sonne scheint.
Sie blickte Dominic an, ging dann auf die Eingangstür zu und schlug mit dem Löwenkopf-Klopfer forsch an die Tür.
Im Inneren des Hauses blieb es völlig still.
»Bleib du beim Gepäck«, sagte Dominic ruhig. »Ich gehe zum nächsten Haus. Sicherlich wurde der Schlüssel irgendwo hinterlegt.«
Aber noch bevor er ein paar Schritte tun konnte, kam eine füllige Frau herbeigestürmt. Das Haar hatte sie zu einem unordentlichen Knoten aufgetürmt. Sie kämpfte gegen den Wind an und konnte ihren Schal nur mit Mühe um die Schultern halten.
»Is ja gut. Is ja gut. Ich komme ja schon!«, rief sie laut.
»Immer mit der Ruhe! Schneit ja noch nich mal. Sie sind bestimmt der Reverend Mr. Corde. Und Mrs. Corde, nehm ich mal an?« Sie blieb vor den beiden stehen und musterte Clarice argwöhnisch. »Ich denk mal, Sie wissen, wie man im Haus und so zurechtkommt?«, sagte sie beinahe vorwurfsvoll. »Ich bin Mrs. Wellbeloved. Ich kümmere mich um den Pfarrer, aber ich kann nur das Gröbste für Sie machen, weil Verwandte zu Weihnachten kommen. Brauch auch mal Urlaub. Es ist nicht gut, wenn man sich das ganze Jahr so abrackert. Sollte man auch nicht von mir erwarten.«
»Natürlich erwarten wir nichts dergleichen«, stimmte ihr Clarice zu, obwohl sie eigentlich genau damit gerechnet hatte. »Wenn Sie mir nur zeigen, wo ich alles finde, und mir mit der Wäsche zur Hand gehen, bin ich voll und ganz zufrieden.«
Mrs. Wellbeloved schien besänftigt. Sie zog einen großen Schlüssel aus der Tasche, schloss die Tür auf und führte sie ins Haus.
Clarice folgte ihr. Sie war von der wohligen Atmosphäre im Inneren angenehm überrascht, obwohl der Pfarrer schon ein paar Tage weg war. Es roch nach Lavendel und Bienenwachs, und ein zarter, erdiger Chrysanthemenduft erfüllte den Raum. Alles sah sauber aus: der Holzfußboden, der Tisch in der Diele, die Türen, die nach links und rechts abgingen, und die Treppe, die oben zu einem breiten Gang führte. Auf dem Boden stand eine große Vase mit Zweigen mit goldenen und bronzefarbenen Blättern. Auch wenn Mrs. Wellbeloved nicht gerade zuvorkommend war, so schien sie doch eine ausgezeichnete Haushälterin zu sein.
»Werden sich bestimmt wohl hier fühlen«, sagte sie eher Dominic als Clarice zugewandt. Es klang wie ein Befehl. »Die Leute hier sind anständig. Gehen regelmäßig in die Kirche und spenden für die Armen. Wird nicht viel Arbeit für sie sein, außer dem Gottesdienst natürlich. Machen Sie’s so, dass der Pfarrer gleich weitermachen kann. Hat Ihnen sicher eine Liste gegeben mit Leuten, die Sie besuchen müssen. Wenn nicht, kann ich Ihnen das auch sagen.« Sie machte die Tür zum Wohnzimmer auf, zeigte ihnen ein gemütliches Zimmer mit breitem Kamin und einem Erker und machte die Tür sogleich wieder zu. »Sie müssen alle Gottesdienste regelmäßig abhalten«, fuhr sie fort und ging schnell zur Küche. »Den Küster brauchen Sie ja wohl nicht. Wenn doch, wohnt er die Erste rechts, in der Glebe Road. Gravedigger ist dann das zweite Haus auf der anderen Seite.«
»Vielen Dank, Mrs. Wellbeloved.« Dominic vermied es, Clarice anzuschauen, und antwortete, ohne eine Miene zu verziehen.
»Komm dann fürs Gröbste, außer natürlich an den Weihnachtsfeiertagen. Koks und Kohle sind genug da und bestimmt auch Anzündholz. Wenn nicht, können Sie im Wald so viel Sie wollen auflesen. Brennt am besten, wenn man es vorher anständig trocknet. Sie müssen auch Harry ausführen. Das kann ich nicht auch noch tun.«
»Harry?«, fragte Dominic verdutzt.
»Ja, Harry.« Mrs. Wellbeloved warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Der Hund! Hat Ihnen der Pfarrer nichts gesagt? Ist ein Retriever. Ein Goldstück, wenn Sie ihn nur richtig behandeln. Und Etta. Die braucht eigentlich gar nichts, außer Essensreste und Milch. Die sorgt schon für sich selbst.«
»Etta ist wohl eine Katze?«, vermutete Clarice.
Diese Unkenntnis schien Mrs. Wellbeloved zu beschwichtigen.
»Fängt fleißig Mäuse. Nicht gerade schön, aber fleißig. Am Schluss hat sie alle gefangen.« Sie sagte das mit Genugtuung, als ob sie sich mit dem Tier identifizierte und sich dabei indirekt selbst beschriebe.
Clarice konnte nicht umhin zu lächeln. »Vielen Dank. Ich glaube, wir werden uns prächtig verstehen. Und danke für die Einführung. Wir trinken jetzt eine Tasse Tee und packen dann aus.«
»Für heute ist alles da«, bekräftigte Mrs. Wellbeloved.
»Wildpastete in der Speisekammer und ganz viel Gemüse, was es eben zu dieser Jahreszeit so gibt. Essen Sie Zwiebeln. Der Pfarrer mochte sie besonders gerne. Er sagte immer, heiße Zwiebelsuppe ist bei einer Erkältung das Beste auf der Welt. Stinkt zwar schlimmer als Whisky, dafür bleibt man aber nüchtern.« Sie blickte Dominic scharf in die Augen.
Unerschrocken erwiderte er den Blick und lächelte dann.
Mrs. Wellbeloved brummelte etwas, errötete bis über beide Ohren und wandte sich schnell ab. »Edel ist, wer edel handelt«, knurrte sie leise vor sich hin.
Clarice dankte ihr nochmals und brachte sie zur Tür.
Ihr war nun klar, dass sie sich in ihrer neuen, vorübergehenden Bleibe alleine zurechtfinden musste. Aber erst einmal wollte sie eine Tasse Tee. Die Reise war lang gewesen, und der kürzeste Tag des Jahres stand bevor. Über den Bäumen brauten sich Sturmwolken zusammen, und es dämmerte bereits.
Schöner hätte sie es nicht antreffen können. Das Haus besaß Charme und Individualität. Die Möbel waren zwar abgewohnt, aber gut gepflegt. Eigentlich passte eins nicht so recht zum anderen, als ob jedes einzelne Stück je nach Gelegenheit dazugekommen wäre, und doch fügte sich alles zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Möbelstücke aus Eiche, Mahagoni und Nussbaumholz, durch die Jahre verbunden, standen dicht beieinander. Schnitzereien aus elisabethanischer Zeit störten sich nicht an der georgianischen Einfachheit. Alles schien seinen Zweck zu erfüllen, außer einem Tischchen mit fein gedrechselten Beinen, das, so glaubte Clarice, einfach nur ein besonders geliebtes Möbelstück war.
Die Auswahl der Bilder an der Wand hatte eindeutig jemand ganz persönlich getroffen: ein Aquarell von Bamburgh Castle, das, die Nordsee im Hintergrund, aus dem hellen Sand der Küste von Northumberland emporragte; Fischerboote in den Niederlanden; mehrere Bleistiftzeichnungen kahler Bäume; Bleistift- und Tuschezeichnungen von Äckern im Winter. Die Bilder strahlten außergewöhnliche Ruhe aus. Clarices Blick blieb immer wieder darauf haften. Oben fand sie noch eine Zeichnung der Rievaulx-Abbey, deren nackte Säulen und teils eingefallene Wände sich den Wolken entgegenreckten.
»Schau dir das mal an«, rief sie Dominic zu, der gerade die letzte Kiste in den Abstellraum brachte.
»Herrlich, nicht?«
Er räumte die Kiste weg, bevor er sich hinter sie stellte und den Arm um ihre Schultern legte. »Ja«, stimmte er ihr zu und sah die Zeichnung genau an. »Sie gefällt mir sehr gut.« Er blickte auf die Signatur. »Hast du gesehen? Er hat sie selbst gemacht!«
»Wirklich?«
»Der Bischof sagte mir schon, er male«, erwiderte er. »Allerdings erwähnte er nicht, wie gut er das kann. Das Bild hat sowohl Ausdruckskraft als auch Anmut. Finde ich jedenfalls. Ich freue mich schon darauf, ihn kennenzulernen, wenn er aus dem Urlaub kommt.«
Clarice nahm einen Hauch von Bedauern in seiner Stimme wahr. Diese drei Wochen würden viel zu schnell vergehen. Danach müssten sie wieder zu Mr. Spindlewood nach London zurückkehren. Bis dahin musste Dominic beweisen, dass er sich alleine um die Dorfgemeinde kümmern konnte, dass er klug und einfühlsam und ein geduldiger Zuhörer war. Seine Predigten mussten mitreißend und unkonventionell sein, nicht nur, um das Interesse zu wecken, sondern auch, um die besondere Weihnachtsbotschaft in den Herzen zu verankern. Sie wusste, wie wichtig ihm das war. Sein Glaube an sich selbst hingegen geriet oft ins Wanken. Erst die völlige Umwälzung seines Lebens hatte ihn zum Glauben geführt.
Zuspruch mit leeren Worten würde ihm nicht dienen. Er war sich zwar gewiss, dass sie an ihn glaubte, nahm aber ohne Zweifel an, dass dieses Vertrauen mehr ihrer Liebe als einer realistischen Einschätzung entsprang.
»Ob er da, wo er ist, wohl weitere Zeichnungen anfertigt? Aber ich weiß ja nicht einmal, wo er sich aufhält.«
 
 
Als Clarice am nächsten Tag aufwachte und in ihrem Nachthemd fröstelnd die Vorhänge zurückzog, sah sie draußen alles weiß glitzern. Der erstaunlich große Garten des Pfarrhauses grenzte an den Wald. Der Schnee auf den Bäumen bildete gegen den bleigrauen Himmel ein wirres Muster, wie mit schwerer Spitze überzogen. Das fahle Licht ließ alles unheimlich leuchten. Voller Staunen angesichts dieser Schönheit atmete sie langsam aus und vergaß darüber sogar die Kühle im Raum.
Während sie entzückt nach draußen blickte, fiel ihr ein, dass sie sich um den Haushalt kümmern musste: den Kamin säubern, Feuer machen und das Frühstück bereiten. Und natürlich Harry und Etta füttern. Sie konnte nicht auf Mrs. Wellbeloved warten.
Kurz nach zehn, als Dominic in seinem Arbeitszimmer die Notizen des Pfarrers las und versuchte, sich mit der Gemeinde vertraut zu machen, war draußen auf der gekiesten Auffahrt ein Geräusch zu hören. Harry trottete aus der Küche, wo er neben dem Ofen geschlafen hatte. Die Schnauze in die Luft gestreckt, wedelte er mit seinem buschigen Schwanz, bellte aber nicht.
Clarice nahm eilig die Schürze ab und wollte gerade öffnen, als sie den Türklopfer hörte. Sie machte die Tür weit auf und erblickte einen Mann, der schon an der Schwelle stand. Er war durchschnittlich groß und recht schlank. Wegen seines schweren Wintermantels konnte man das jedoch schlecht einschätzen. Er hatte feine Gesichtszüge, war nicht unbedingt gut aussehend, schien aber mit Intelligenz und gesundem Menschenverstand ausgestattet zu sein. Er hatte einen olivfarbenen Teint und glänzende dunkle Augen, wie man sie im Fernen Osten häufig findet. Als er zu reden anfing, sprach er genauso Englisch wie sie selbst.
»Darf ich mich vorstellen, Mrs. Corde? Ich bin Peter Connaught.« Er deutete hinter sich. »Vom Herrenhaus. Ich wollte Sie im Dorf willkommen heißen.« Er streckte die Hand aus, blickte dann jedoch auf seinen weichen Lederhandschuh und streifte ihn mit einer Entschuldigung ab.
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Connaught«, antwortete Clarice mit einem Lächeln. »Sehr nett von Ihnen. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Heute ist es wirklich schrecklich kalt draußen.«
»Das nehme ich sehr gerne an. Weihnachten wird sicher eine schwere Zeit sein – was das Wetter angeht; sonst hoffentlich nicht.«
Sie trat zurück und machte die Tür ganz weit auf. Er trat ein und sah sich aufmerksam um, als ob er befürchtete, dass sich das Pfarrhaus seit seinem letzten Besuch verändert hätte. Dann lächelte er beruhigt. Dachte er denn, sie hätten in einer Nacht alles umgeräumt?
Sie nahm ihm den Mantel ab und führte ihn ins Wohnzimmer, wo es angenehm warm war. Gut, dass sie so früh Feuer gemacht hatte. Wieder blickte er um sich, schmunzelte, wenn er ihm vertraute Dinge sah: die Bilder, die Anordnung der Möbel, die abgenutzten Sessel in verblichenen Farben.
»Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden. Ich werde Ihr Kommen meinem Mann mitteilen. Dann bringe ich gleich den Tee.«
»Natürlich, gerne.« Er beugte leicht den Kopf und rieb sich die Hände. Seine Schuhe waren nass vom Schnee, und der Wind hatte Farbe in sein Gesicht geblasen.
Zuerst ging sie ins Arbeitszimmer und machte ohne anzuklopfen die Tür auf.
»Dominic, Mr. Connaught vom Herrenhaus ist im Wohnzimmer. Ich bringe gleich den Tee. Nett, dass er gekommen ist, findest du nicht auch?«
Er sah etwas überrascht aus. »Ja, und so schnell.« In seiner Stimme schwang leichte Besorgnis mit.
Clarice bemerkte es sofort und fürchtete, er hätte bereits Angst, dass sie allzu offen ihre Meinung äußern könnte, zu voreilig einen in ihren Augen besseren Vorschlag machen könnte. So etwas war nämlich schon vorgekommen.
»Ich sollte seiner Frau einen Besuch abstatten. Sie kennt wohl alle Frauen im Dorf und weiß sicher einiges über sie. Er hat sie gar nicht erwähnt«, fügte sie noch hinzu, biss sich auf die Lippen und blickte ihm direkt in die Augen. »Ich verspreche, dass ich mich vorbildlich benehmen werde. Ich finde sie sicher reizend und außergewöhnlich fähig, wirklich. Selbst wenn sie ganz und gar blöd ist und eine scharfe Zunge hat! Ich verspreche es hoch und heilig.«
Er stand auf. »Glaube bloß nicht, ich könnte dir dabei zusehen und keine Miene verziehen!«, warnte er sie und strich ihr kaum merklich über die Wange. »Zu sehr darfst du dich auch nicht ändern! Mir läge nicht im Geringsten etwas daran, Erzbischof von Canterbury zu werden, wenn ich dich dafür aufgeben müsste!«
»Oh, wärst du Erzbischof von Canterbury«, erwiderte sie fröhlich, »würde ich wahrscheinlich so reden, wie es mir gefiele! Niemand würde mich rügen, weil die Leute viel zu viel Respekt vor dir hätten.«
Er verdrehte die Augen und ging, um den Gast zu begrüßen.
Clarice verschwand glücklich in die Küche. Um ihrer selbst willen geliebt zu werden, mit all ihren Träumen und Verletzbarkeiten, mit ihren Fehlern und ihren Tugenden, gehörte wohl zu dem höchsten Glück auf Erden. Dessen war sie sich voll und ganz bewusst.
Als sie mit dem Tablett mit Tee und Keksen zurückkam, fand sie die beiden Männer im Gespräch vor dem Kamin sitzend. Sie erhoben sich sogleich, und Dominic nahm ihr das Tablett ab. Sie tauschten die üblichen Artigkeiten aus. Sie schenkte den Tee ein und reichte zuerst Mr. Connaught, dann Dominic eine Tasse.
»Sir Peter hat mir ein wenig vom Dorf berichtet«, sagte Dominic, ihren Blick suchend. »Seine Familie wohnt schon seit Jahrhunderten hier.«
Sie merkte, wie sie errötete. Ihr war sein Titel entgangen, und sie hatte ihn einfach ›Mister‹ genannt, als sie ihn ins Haus gebeten hatte. Hoffentlich war er nicht gekränkt. Normalerweise wäre es ihr gleichgültig gewesen, aber jetzt war alles von Bedeutung. Die Familienstammbäume beeindruckten sie wenig, aber das durfte sie natürlich nicht äußern. Sie setzte eine interessierte Miene auf. »Wirklich? Sie können sich glücklich schätzen, an einem solch herrlichen Ort so tief verwurzelt zu sein.«
»Ja«, stimmte er hastig zu. »Es gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit. Wie jedoch alle Privilegien, bringt es auch gewisse Verpflichtungen mit sich. Aber eigentlich machen mir auch diese Freude. Ich war sehr betrübt, als ich erfuhr, dass Mr. Wynter ausgerechnet an Weihnachten Urlaub nehmen wollte. Aber jetzt, da Sie hier sind, bin ich sicher, Weihnachten wird genauso schön werden wie immer. Zu dieser Zeit heilen Wunden am besten, werden Fehler verziehen und Wanderer zu Hause willkommen geheißen.«
»Wie schön Sie das ausdrücken«, antwortete Dominic.
»Waren das Mr. Wynters Worte oder Ihre eigenen Gefühle?«
Sir Peter sah überrascht, ja fast beunruhigt aus. »Meine eigenen. Warum fragen Sie?«
»Sie haben das so schön gesagt. Da dachte ich, ich könnte Sie fragen, ob ich Ihre Worte verwenden dürfte«, sagte Dominic offen und ehrlich. »In der Neujahrsmesse würde ich gerne etwas Passendes predigen, etwas, das einerseits so kurz wie möglich ist, andererseits aber noch einen tieferen Sinn hat. Aber ich kann das erst vorbereiten, wenn ich das Dorf und die Bewohner wenigstens ein wenig kennengelernt habe.«
Sir Peter beugte sich etwas vor. Zwischen den dunklen Augenbrauen konnte man ein ganz leichtes Stirnrunzeln erkennen. »Sprach Mr. Wynter denn gar nicht mit Ihnen über uns Dorfbewohner oder wenigstens über Einzelne von uns?«
Clarice beobachtete ihn und war sich plötzlich ganz sicher, dass ihm die Antwort wichtiger war, als er zugeben wollte. Er hatte eine angespannte Haltung eingenommen, und die Knöchel seiner schönen Hände in seinem Schoß waren weiß.
Dominic schien nichts bemerkt zu haben. »Leider habe ich ihn nie persönlich kennengelernt. Der Bischof selbst ersuchte mich, diesen Posten einzunehmen. Vermutlich kam Mr. Wynters Entscheidung, Urlaub zu machen, doch recht plötzlich.«
»Ach so.« Sir Peter lehnte sich wieder zurück und nahm die Teetasse. »Das ist sicher nicht ganz leicht für Sie. Ich biete Ihnen gerne meine Hilfe an. Sie können sich jederzeit an mich wenden. Vielleicht kommen Sie abends einmal zum Dinner ins Herrenhaus, wenn Sie sich eingerichtet haben?« Er blickte Clarice an. »Leider kann ich Ihnen bei aller Gastfreundschaft keine weibliche Gesellschaft bieten, da meine Mutter verstorben ist und ich nicht verheiratet bin. Wenn Sie sich für Geschichte, Kunst oder Architektur interessieren, verspreche ich jedoch, Ihnen einiges Sehenswerte zu zeigen. Auch kann ich Ihnen Geschichten von den verschiedensten Leuten erzählen, die im Laufe der Jahrhunderte in diesem Dorf gelebt haben: von guten und schlechten, tragischen und lustigen Schicksalen.«
Da brauchte sie kein Interesse zu heucheln. »Das würde mir sicher mehr Freude bereiten als jeglicher Weibertratsch«, antwortete sie. »Und ich werde mit Gewissheit kommen.«
Er schien darüber sehr erfreut zu sein. Anscheinend war er sehr sehr stolz auf sein Erbe und ließ andere gerne daran teilhaben, indem er seine Gäste unterhielt, sie mit Freude und auch ein wenig Ehrfurcht erfüllte. Er sah Dominic an. »Ich sehe, Sie haben das Schachspiel weggeräumt. Sie spielen wohl nicht?«
Dominic sah sich um. Er wusste nicht, wo das Schachspiel gestanden hatte.
»Nein?«, fragte Sir Peter schnell. »Es war schon weg, als Sie ankamen?«
»Ja. Ich habe keins gesehen.« Er sah Clarice fragend an.
»Ich auch nicht. Spielte Mr. Wynter denn Schach?«