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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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Bruno Jonas wurde 1952 in Passau geboren. Seit 1975 ist er als Schauspieler und Autor für Theater und Kabarett tätig, darunter viele Jahre lang als Mitglied der »Münchner Lach- und Schießgesellschaft«. Seit 1985 regelmäßige Auftritte im »Scheibenwischer«. 25 Folgen der Satiresendung »Jonas« bei Radio Bremen. Kinofilm »Wir Enkelkinder«. Bis heute acht Soloprogramme, darunter »Der Morgen davor«, »Wirklich wahr«, »Hin und zurück«, »Ich alter Ego« und »Nicht wirklich – nicht ganz da«. Bruno Jonas gehört mit Mathias Richling und Richard Rogler zur Stammmannschaft des »Scheibenwischer«. Von 2004 bis 2006 Autor der Fastenpredigt des Bruder Barnabas beim Salvatoranstich am Nockherberg. Jonas lebt mit seiner Familie in München.

Bis hierher und weiter

ein Kabarettstück

Am Flughafen in München, Gate 28. Der Flug LH 832 von München nach Berlin ist noch nicht zum Einsteigen bereit. Die elektronische Anzeigetafel zeigt ein Delay von 40 Minuten für den Flug.
Wir hören eine Durchsage. »Bitte lassen Sie Ihr Ge päck nicht unbeaufsichtigt …«
Ein Businessman kommt auf die Bühne. Er trägt das Kostüm des verantwortungsvollen Erwachsenen. Blauer Anzug von Boss, Krawatte von Boss. Schwarze Schuhe. Vermutlich auch von Boss. Der Charakter von Boss. Her kunft: Niederbayern.
Eigentlich ist noch ziemlich viel Niederbayerisches an ihm, wenn auch nicht immer hörbar.
Korrekt vom Scheitel bis zur Sohle. Eventuell Blue tooth gesteuert, Infrarotausstrahlung, der ganze Typ ist immer auf Empfang. Eine Onlinepersönlichkeit.
Er zieht einen Trolley hinter sich her. Unterm Arm mehrere Tageszeitungen. Er nippt an einem »Coffee to go«.
 
Er ist immer ready to go und ready to take off. Und er wartet sehnsüchtig auf sein Boarding, denn er ist schon längst ready for boarding. Er hat alle Hände voll zu tun mit Laptop und Handy und seiner Person. He is very busy, very important, and always very very … Wir mer ken sofort, der kommt ohne sich nicht aus. Der wird gebraucht. He is ready to use. He is a user.
So, wie der aussieht, kann er nur in der Beraterbran che tätig sein. Ein Consulter. Er wirkt sehr busy. Totally datet. Sein Name: Hubert Unwirsch.

Frau Schellnhuber

Unwirsch betritt die Bühne. Voll bepackt mit Koffer und Zeitungen unter dem Arm. Die Frankfurter Allgemeine , die Süddeutsche Zeitung, das Handelsblatt. Einen Becher »Coffee to go« in der Hand. Keine Hand frei. Er telefoniert. Handy zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt.
 
Ja!
Wie war Ihr Name?
Schellnhuber? – Aha. – Das tut mir leid. Wenden Sie sich doch bitte an mein Büro, Frau Schellnhuber. Frau Kölbl, genau, meine Assistentin, richtig. Ich bin grad am Flughafen, ich kann momentan gar nichts für Sie tun, Frau Schellnhuber.

Frau Schellnhuber lässt sich nicht abwimmeln. Un wirsch heuchelt Verständnis.

Ich versteh ja Ihre Aufregung. Und es ist ja auch bedauerlich, dass Ihr Mann entlassen werden musste. – Das ist immer eine, äh, Belastung für die Familie.
Ja, aber auch für geschäftsleitung und, äh, die gemeinheit, äh, die Allgemeinheit.
Ja, äh, aber nicht wir haben Ihren Mann entlassen, das waren die neuen Eigentümer des Unternehmens.
Richtig. Die Texas Pacific group.
Wir haben nur den Rat gegeben!
Costcutting, ja genau, das ist der Fachausdruck...
Ja, wir mussten, wir konnten nicht anders, aufgrund der Daten des Unternehmens, andernfalls hätten wir die Existenz des Unternehmens insgesamt gefährdet. Ich bitte Sie wirklich, sich auch mal in unsere Lage zu versetzen.
Ja, wir sind eine Unternehmensberatung.
Die MCC. Richtig. Die Munich Consulting Company.
Ja, wir hatten den Auftrag. Das ist alles richtig, was Sie da sagen, Frau Schellnhuber.
Also, ich bin ganz sicher, dass Ihr Mann in kürzester Zeit wieder etwas findet. Der ist hoch qualifiziert, Sie sagen es, abgeschlossenes Hochschulstudium, freilich, da kriegt er ganz schnell wieder was, also da wäre ich an Ihrer Stelle zuversichtlich. Und flexibel ist er ja.
Frau Schellnhuber, Sie sehen immer nur die negativen Seiten.
Nur, dafür haben wir ja den Sozialstaat. Der springt in solchen Fällen in die Bresche. Dafür ist er da.
Nehmen Sie es doch als Chance zu einer Neuorientierung.
Es muss nicht Hartz IV sein. Aber auch dann …
Das Leben bietet immer wieder Chancen.
Wie alt sind denn die Kinder?
Vier und neun. Na ja, die haben ja dann noch einiges vor sich. Aber nehmen Sie es positiv. Der Papa wird jetzt erst einmal mehr Zeit für die Familie haben. Das ist doch auch schön.
Nein, da verstehen Sie mich falsch. Ich meine das nicht zynisch.
Was sagen Sie?
Aha. Sie haben Schulden auf dem Haus. Das ist normal, wenn man ein Haus kauft, die wenigsten haben das Geld, um ein Haus bar zu bezahlen.
Ja, das ist bitter. Aber das sind so die Risiken. gell.
Verstehe.
Also, wenn Sie das Haus verkaufen wollen, dabei könnten wir behilflich sein.
 
Also, wie gesagt, es muss ja nicht gleich so weit kommen, gell, aber wenn, dann wären wir zur Stelle. Aber ich kann jetzt wirklich nicht mehr für Sie tun, ich bin am Flughafen und hab gleich mein Boarding. Also, alles gute Ihnen und Ihrer Familie, gell. Auf Wiederhören.

Beendet das Gespräch und wendet sich direkt an die Zu schauer.

 
Es ist schlimm. Wenn der Familienvater, der Ernährer, den Arbeitsplatz verliert. Eine Tragik. Das ist jetzt wieder so ein Fall, wo die globalisierung bei den Menschen ankommt. Man meint immer, die wäre irgendwo auf der Welt, die globalisierung, dabei ist sie mitten unter uns. Ständig schleicht sie rum, überall, durch die Straßen, durch die Städte, durch das Land, überall kann man sie treffen. Die Leute meinen immer, mich erwischt es nicht. So eine Einstellung ist trügerisch. Die globalisierung erwischt einen jeden von uns. Keiner kommt ihr aus. Es gibt welche, die meinen, sie könnten das Rad zurückdrehen. Das ist eine Illusion.
Jetzt nehmen wir einmal die Familie Schellnhuber. Er, der Herr Schellnhuber, Maschinenbauingenieur. Ist nicht schlecht. Besser wie Jura in jedem Fall.
Früher, ist noch gar nicht so lange her, da war das ein Beruf mit Zukunft. Maschinenbauingenieur. Da hast du ein Leben lang davon leben können. Das ist vorbei. Sicherheit gibt es nicht mehr. Na ja, als Berufssoldat vielleicht noch. Weil gestorben wird immer. Auf dem Feld der Ehre ist die Nachfrage nach Helden nach wie vor sehr groß. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Da sagen sich viele: Da werde ich lieber arbeitslos.
Der Schellnhuber hat damit nicht gerechnet. Das war vielleicht sein Fehler. Mei, was heißt Fehler. Frau, zwei Kinder, Familie, Einfamilienhaus, Eigenheimzulage, Pendlerpauschale, Renault Espace, wie das Leben halt so spielt. Die Liebe halt. Dabei muss man heute mit allem rechnen. Wenn er alleine wäre, dann täte es anders ausschauen. Aber mit Frau und Kindern. Er hat halt auch Pech gehabt, der Herr Schellnhuber. Es hätte auch anders kommen können, gell. Aber mei! Vielleicht haben Sie es gelesen, im Wirtschaftsteil. Wahrscheinlich nicht, weil den liest ja kaum einer. Dabei ist das der einzige Teil in der Zeitung, der sich lohnt.

Bootstrapping – der Fall Grotte

Die Firma grotte ist verkauft worden. Kennen Sie das Unternehmen? Die sind im Sanitärbereich tätig. Sehr erfolgreiches Unternehmen. Sie haben bestimmt alle schon mal eine Hebelmischbatterie von grotte in der Hand gehabt. Oder einen Brausekopf. Also, wenn Sie mal einen Brausekopf brauchen, dann nehmen Sie einen von grotte. Da haben Sie was für’s Leben. Da haben Sie was gescheites. Ich sage immer, lieber etwas gescheites, bevor man sich mit einem glump ein Leben lang ärgert. Manchmal steht man in der Dusche in einem Hotel und überlegt, welchen Strahl nehme ich jetzt? Den linken oder den rechten? Das passiert Ihnen mit einem Brausekopf aus dem Hause grotte nicht. Da kriegen Sie ein volles Brausegefühl. Wunderbar! Danach fühlt man sich geduscht.
Na ja, wie das Leben so spielt, gell, stirbt eines Tages der alte grotte. Das Alter dafür hat er gehabt, und der junge grotte tritt das Erbe an. Er wollte gleich verkaufen, weil ihn das Erbe nur belastet hätte. Freilich, das muss man verstehen, das ist immer das gleiche mit diesen erfolgreichen Vätern. Die Söhne verkraften den Erfolg des Vaters nicht. Der Erfolg des Vaters macht den Sohn mürbe. Letztlich wirkt der väterliche Erfolg persönlichkeitszerstörend. Die wenigsten Söhne können diesem Angriff auf ihre eigene Zukunft etwas entgegensetzen. Die Fußstapfen des Vaters, in denen sie von Anfang an laufen sollen und müssen, damit sie sich ebenbildlich wie der Vater entwickeln, lassen die meisten Söhne scheitern. Die wenigsten können diesem väterlichen Psychoterror entkommen. Die meisten fügen sich und beginnen zunächst widerwillig, doch dann immer bereitwilliger, den vorgezeichneten Weg des Vaters weiterzugehen. Sie nehmen an, was ihnen zunächst zuwider war. Weil sie keinen Ausweg sehen. Der Schatten des Vaters ist übermächtig und verdunkelt alle anderen Wege, die der Entwicklung des Sohnes mehr entsprächen als der eine vom Vater, alle Talente des Sohnes zur Seite schiebende sogenannte Erfolgsweg. Das ist der Terror des väterlichen Erfolgs. Väter sind Erfolgsterroristen.
Die Söhne fühlen sich minderwertig, weil sie dauernd den Erfolg des Vaters vor der Nase haben. Die meisten Söhne packen das psychisch nicht und zerbrechen. Die hassen alles, was der Vater aufgebaut hat. Und dann stirbt er endlich, der Alte, und die Söhne sollen sein Lebenswerk weiterführen in seinem Sinne. Wer mag das? – Dafür muss man geschaffen sein. Und das war er nicht, der junge grotte, also, drum wollte er das Lebenswerk des Vaters verkaufen.
Und diesen Deal haben wir beratend begleitet. Es war so: Wir haben uns kennengelernt beim golfen. Ich spiel gar nicht golf. Aber ich habe mir gedacht, läufst du mal mit. Ich bin diesbezüglich sehr anpassungsfähig. Anpassungsfähigkeit ist eine meiner hervorstechendsten Eigenschaften. Anpassungsfähigkeit hat übrigens nichts mit Opportunismus zu tun. Der Opportunist ist ein Schleimer. Der schleimt um des Schleimens willen. Der verhält sich immer opportun. Dagegen, wenn einer anpassungsfähig ist, dann überlegt er sich vorher, ob es sich lohnt, sich anzupassen. Der Anpassungsfähige verfolgt ein bestimmtes Ziel, und die Anpassung muss dem Ziel dienen.
Wir sind also von Loch zu Loch gelaufen, und plötzlich zwischen zwei Löchern, praktisch beim Einputten, sagt der junge grotte zu mir in seinem schwäbischen Dialekt:
»I tät’s gern verkaufa. I hab koin Spaß am G’schäft. I hab die Schnauze voll vom Schaffe. I kann koine Häbelmischbatterien mähr sähen. Aus jedem Brausekopf schaut der Vadder raus!«
Da habe ich gewusst, welch großes Leiden sein Leben bestimmt. Diese Millionen, dieses ganze erarbeitete Vermögen des Vaters, dieses Schicksal hat ihn in der Seele bedrückt. Ich habe Mitleid gehabt. Was schon bemerkenswert ist, weil so schnell habe ich kein Mitleid. Privat schon, aber im geschäftsleben eher selten. Mitleid bringt im geschäft wenig. Das hemmt eher. Meine Erfahrung ist, dass Mitleid im geschäft den Ertrag schmälert. Also, mir war sofort klar, dass dieser Mann unter dem Erbe leidet wie ein Hund und dass es ihm ernst war mit dem Verkauf. gut, hab ich gesagt, da können wir schon etwas machen, und habe spontan versprochen, dass wir das Unternehmen schon losbringen. Was man halt so sagt, wenn man ins geschäft kommen will. Obwohl ich überhaupt noch keine Idee gehabt hab.
Ich habe die Bücher angeschaut und ich war entsetzt. Die Bilanzen waren in Ordnung, hervorragende Zahlen, nur gewinne, Rücklagen ohne Ende, keine Schulden, also das Unternehmen war gesund. Ich habe gedacht, das gibt es nicht.
Also, da werden wir sicher jemanden finden, der dieses Unternehmen kauft, habe ich den jungen grotte beruhigt. Was sollte ich machen? Nein, weil er befürchtet hat, dass seine Badarmaturen keiner haben will. Aber das war mir klar, dass ein Unternehmen, das so dasteht, ohne Probleme weggeht. Ich habe mich umgeschaut am Weltmarkt und tatsächlich, gell, die Texas Pacific group war sofort interessiert. Die TPg hat jetzt direkt mit dem Bad an sich nicht so viel zu tun. Ich bin sicher, die Leute von der TPG haben alle ein Bad daheim, und waschen werden die sich schon auch, aber darüber hinaus haben die mit dem Sanitärbereich wenig zu tun. Die Texas Pacific group ist ein Privat Equity Fonds, die kaufen alles, was sich rentiert. Ob es sich um Schweinsbratwürschtl handelt oder um Müll oder leicht radioaktive Abfälle, das ist ihnen wurscht, Hauptsache Rendite.
Also, die haben das Unternehmen grotte angeschaut, die Bücher studiert, das Datenmaterial, die Prognosen, das Marktsegment, und haben entschieden: Die Brauseköpfe kaufen wir.
Als es schließlich um die Finanzierung des Deals gegangen ist, da haben wir den Vorschlag gemacht, den Kaufpreis zu finanzieren, also kein Eigenkapital reinzustecken, sondern die gesamte Summe komplett über Schulden zu bezahlen. Alles andere wäre ein Blödsinn gewesen. So wie das Unternehmen dagestanden ist.
Da braucht man selbstverständlich einen Finanzpartner, der da mitspielt. Eine Bank halt, gell. Wenn Sie eine Wohnung kaufen wollen und zu Ihrer Bank gehen und sagen, Sie möchten den Kaufpreis voll finanzieren, da werden Sie in den seltensten Fällen damit durchkommen. gut, das ist natürlich etwas anderes, die wenigsten von Ihnen haben ein gesundes Unternehmen hinter sich, die meisten verkaufen sich selber beziehungsweise ihre Arbeitskraft und haben ein gehalt, weil sie einen Arbeitsplatz haben, aber wie unsicher diese Angelegenheit sein kann, das sehen wir, wenn wir uns an den Herrn Schellnhuber erinnern. Na ja, das ist etwas anderes, wie gesagt, da geht es ja auch nicht um Milliardenbeträge, sondern höchstens um ein paar Hunderttausend. Also, die Texas Pacific group hat den gesamten Kaufpreis aufgenommen bei der Deutschen Bank. Beim Ackermann Joe. Das lag nahe, weil ich den Sepp persönlich kenn und ein persönlicher Kontakt ist halt doch das A und O.
Die Kollegen von der Deutschen Bank haben selbstverständlich auch die Bücher angeschaut, freilich, Wirtschaftsprüfer haben die da drangesetzt, das hatte alles seine Ordnung.
Der Deal ging also über die Bühne, und als die Texas Pacific group das Unternehmen grotte rechtmäßig erworben hatte, haben die Manager der TPG die Schulden dem Unternehmen aufgebürdet. Da werden jetzt manche fragen, ob das geht? Das geht. Der Bank ist es egal, von wem sie das Geld wiederkriegt. Also, die haben den Kaufpreis quasi dem Unternehmen in Rechnung gestellt. Die haben sich gesagt, wenn wir uns schon bereit erklären, so viele Schulden zu machen, um das Unternehmen zu kaufen, dann soll das Unternehmen auch dafür gradestehen.
Das war übrigens unsere Idee, unser Key-Concept, die Schulden dem Unternehmen zu übertragen.
Und jetzt passiert etwas Überraschendes. Die neuen Eigentümer sind ein wenig ratlos zu uns gekommen und haben uns gefragt, wie es jetzt weitergehen soll mit diesen vielen Schulden. Das kriegen wir schon, haben wir gesagt.Wir sind in das Unternehmen reingegangen und haben erst einmal alles analysiert und den Status quo festgestellt: »Saperadi, habe ich in der Buchhaltung laut ausgerufen, da habt’s aber einen Haufen Schulden! Da müssen wir schauen, dass wir wieder schuldenfrei werden, denn andernfalls ist das Unternehmen insgesamt gefährdet.«
Also haben wir noch mal alles durchgerechnet und festgestellt, dass der komplette Produktionsprozess viel zu teuer ist. Löhne, Lohnnebenkosten, Produktionskosten, einfach alles sauber zu teuer. Am Markt vorbei!
Wir haben das selbstverständlich offen kommuniziert. Nichts hintenrum. Nein, alles direkt mit der Belegschaft. Wir haben mit dem Betriebsrat gesprochen: Wie schaut es aus mit längeren Arbeitszeiten? Ja nichts, nur Kopfschütteln, da haben wir auf granit gebissen. Dann haben wir es andersrum probiert. Und haben vorsichtig gefragt, wie es mit Lohnkürzungen ausschaut, aber auch da war kein Entgegenkommen, nur Abwehr, keine Kooperation, es ging hart auf hart, dann haben sie Streiks organisiert, nur noch Trillerpfeifen und keine Argumente mehr. Das war nicht komisch.
Dann haben wir gesagt: »Freunde, so geht es nicht. Wenn wir nicht eine gemeinsame Lösung finden, dann müssen wir die Standortfrage stellen.« Von insgesamt fast 4000 Arbeitsplätzen waren alle am Standort Deutschland. Ein Wahnsinn! Dass es so was überhaupt noch gibt!
Also, mit dem Betriebsrat sind wir nicht weitergekommen, dann haben wir Teile der Produktion nach China verlagert. Ich war anfangs skeptisch, weil in China, da haben sie den Kommunismus. Aber ich habe mich eines Besseren belehren lassen.
Das ist eine meiner Stärken, dass ich lernfähig bin. grade was den chinesischen Kommunismus angeht, kann man einiges lernen. Zum Beispiel, dass sie in China ein Wirtschaftswachstum haben, von dem wir nur träumen können. Im Jahr zwölf Prozent Wachstum! Die Kommunisten, gell, hätte ich ihnen nicht zugetraut. Die haben ihren Marx gelesen. Im Kapital steht ja alles drin, wie man es machen muss, um erfolgreich zu wirtschaften. Das muss man ihnen lassen, diesen Kommunisten, die wirtschaften erfolgreicher als die Kapitalisten. Die Zahlen sprechen für sich.
In China sind die Arbeitskosten wesentlich günstiger als bei uns, die Löhne wesentlich niedriger als bei uns, und man hat kein geschiss mit dem Kinderschutzbund. Ich sage es Ihnen, die kleinen Chinesen haben eine Freude beim Arbeiten, wie schnell und geschickt die einen Brausekopf zusammenbauen, wirklich erstaunlich! Bei uns gehen die Kinder in den Kindergarten und spielen mit Legosteinen und basteln irgendeinen nutzlosen Blödsinn zusammen, und in China, der kleine Chinese, gell, hat eine sinnvolle Beschäftigung. Bastelt eine Hebelmischbatterie. Beneidenswert! Deswegen brauchen die auch keine Kinderbetreuung, Kinderkrippe, Kindergarten, brauchen die alles nicht, weil in China der Mensch von Kind auf dazu erzogen wird, etwas Sinnvolles zu tun. Kein Vergleich mit uns. Das ist etwas ganz anderes.
Ich war wirklich skeptisch, und dass ich für den Kommunismus wär, das kann man mir wirklich nicht nachsagen. Aber wenn der Kommunismus so daherkommt wie in China, also dann sage ich, warum nicht? Ich wundere mich schon lange, warum die Linken bei uns so gegen China sind. Irgendwie ist das ein Widerspruch. Weil dort sind ja ihre Ideale verwirklicht. Die Diktatur des Proletariats, die klassenlose gesellschaft, die Verelendungstheorie und was man sonst dazu braucht, um erfolgreich am Weltmarkt mitzumischen. Also, ohne die Chinesen hätten wir die Schulden nie und nimmer weggebracht.
Die Chinesen waren die Rettung für grotte. Wir haben von insgesamt 4000 Arbeitsplätzen dann doch 2000 an die Bundesjobagentur nach Nürnberg vermitteln können. Sicher ist das für den Einzelnen, der von der Arbeitslosigkeit betroffen ist, schlimm, aber für die gesundung des Unternehmens war es das Richtige. So gesehen, hat der Herr Schellnhuber mit seiner Arbeitslosigkeit dem Unternehmen die Zukunft gesichert. So könnte man es ja auch betrachten. Aber diese Sichtweise kann man von einem einzelnen Angestellten nicht erwarten, der denkt nur an sich und sein Fortkommen, und das ist ja auch in Ordnung so, aber wir müssen auch an das ganze denken, an den Fortbestand des Unternehmens insgesamt! Wenn da jeder nur an sich und seine kleinen Einzelinteressen denken würde, da sähe es aber düster aus in diesem Lande.
Was soll’s? Es ist ja noch mal gut gegangen, wir haben es ja wieder einmal geschafft. Wie gesagt, das Unternehmen war am Ende schuldenfrei. Alle Achtung! Ohne uns über gebühr selbst loben zu wollen, wir haben an dem Erfolg unseren Anteil. Es war unsere Idee, den Kaufpreis voll zu finanzieren und vom Unternehmen zukünftig erwirtschaften zu lassen. Die Texas Pacific group hat das Unternehmen auf diese Weise umsonst bekommen. Ich finde das klasse. Man nennt diese Finanzstrategie bootstrapping. Das kommt aus dem Englischen. Boot ist der Stiefel und Strap ist die Schlaufe. Bootstrapping bedeutet so viel wie »sich selber an den Stiefelschlaufen aus dem Sumpf ziehen«. Sie kennen vermutlich die Münchhausen-Geschichte? Der Lügenbaron reitet mit seinem Pferd in den Sumpf und behauptet hinterher, er habe sich selber an den Haaren aus dem Sumpf gezogen. Der Unterschied zum Bootstrapping besteht darin, dass wir beim Bootstrapping den Sumpf selber einrichten.

Das Handy klingelt. Unwirsch geht ran, aber es meldet sich niemand.

 
Unwirsch? – Hallo? – Hm. – Keine Verbindung. Kein Empfang. Immer diese Funklöcher!

Der Event und seine Nachwirkungen

So einen Kopf habe ich heute auf. Habe schon drei Aspirin genommen. Aber der Kopfschmerz lässt einfach nicht nach. Ich hätte den letzten Drink nicht mehr nehmen sollen. Bei mir ist es immer der letzte, den ich nicht mehr trinken darf. Ich weiß das aus Erfahrung. Aber ich kann es halt auch nicht lassen.
»Geh noch mit auf einen Absacker in die Bar!« So haben mich meine Kollegen bedrängt.
»Nein«, hab ich gesagt, »ich bin eh schon abgesackt.«
»Ach komm, auf einen Drink!«
Also ich bin noch mitgegangen in die Bar. Und auf einmal steht da ein Drink, eine White Lady! Ich glaub schon, dass es eine White Lady war. Kann aber auch etwas anderes gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr.
Frage ich: »Ist das der letzte?«
»Nein!«, sagen sie.
Sage ich: »gut, dann kann ich den noch trinken.«
Also, der kann es nicht gewesen sein. Es war der letzte. Keine Ahnung, was das war. Jedes Mal wieder passiert mir das. Die Stimmung war ja auch entsprechend.
Gestern Abend, unser großes Fest, war sehr schön. Wir haben insgesamt ein hervorragendes Feedback. Sehr positive Rückmeldungen! Nur mein Kopf reagiert negativ. gelungene Veranstaltung mit unseren besten Kunden. Von Pierer war da. Aber nur kurz. Hatte noch eine wichtige Besprechung mit Kleinfeld. Kleinfeld habe ich nicht gesehen. Soll aber kurz da gewesen sein. Piëch hatte zugesagt, ist aber dann nicht gekommen, Pischetsrieder wollte kommen, hat aber abgesagt, nachdem Piëch zugesagt hatte. Ich bin sicher, der wäre gekommen, wenn er gewusst hätte, dass Piëch doch nicht kommt. Also, da waren wir uns einig. Strohmaier, Qualig und ich.
Aber wir waren alle da. Logisch. Von unserer Firma, der Munich Consulting Company 2000. Wesendonk sowieso, Qualig, Strohmaier, der ganze Vorstand. Die Kölbl war auch da. Die könnte ich mal anrufen. Meine Assistentin.

Bearbeitet sein Handy.

 
Wie lange ist die jetzt schon bei mir? Die ist jetzt auch schon -

Überlegt angestrengt.

 
- ja, die ist jetzt auch schon drei Wochen bei mir. Die hat Nerven!

Wartet – belegt.

 
Jaja, die Kölbl. Lustige Frau. Bissl spinnert, aber insgesamt o. k.
Uns gibt es jetzt auch schon 25 Jahre. Neben all den anderen ist das schon eine Leistung, dass wir uns da behauptet haben neben Boston Consulting und den Mäckys. McKinsey. Kennen Sie?
Hätte ich auch nicht gedacht, als ich damals mein Theologiestudium abgebrochen habe. Tja, ich habe dann sechs Wochen BWL gemacht und seitdem bin ich Unternehmensberater. Es gibt große Überschneidungen. In beiden Fachgebieten brauchen Sie einen starken glauben. In BWL ist der glaube noch wichtiger als in Theologie. glauben Sie mir das. Ich kriege Bilanzen hingelegt, da stehen Zahlen drin, da habe ich nur eine Chance, indem ich mir sage: Das muss ich jetzt einfach glauben.
 
Unwirsch hält plötzliche inne und merkt, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hat. Er kramt in seinen Sakko taschen und sucht Visitenkarten.

Unwirsch

Ich muss mich entschuldigen, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Sorry, das ist unhöflich. Normalerweise habe ich immer Visitenkarten dabei. Aber irgendwie habe ich gestern alle in der Bar verteilt. Macht nichts.
Ich heiße Hubert Unwirsch und ich leite zusammen mit meinen Partnern Bernd Qualig und Harald Strohmaier die MCC, die Munich Consulting Company 2000. Über uns thront nur noch der Walter Wesendonk, unser alter Herr, der das Unternehmen gegründet hat. Hat sich aber aus dem operativen geschäft weitgehend zurückgezogen. Hält sich raus. Ab und an aber leider nicht. Na ja, er ist quasi im Austrag, hat übergeben, schnabelt dazwischen, hat aber im grunde genommen nichts mehr zu melden. Eine gelegenheit zur Toleranz. Wir müssen ihn aushalten. Mit Humor ist er zu ertragen. Finde ihn gar nicht so übel. Er sorgt mit seinem, äh, freundlichen gesabbel für ein grundgeräusch im Vorstand. Auf diese Weise reißt die Kommunikation nie ab.
Wir sind ein mittleres, sehr erfolgreiches Unternehmen mit einem überaus attraktiven Angebotsmix. Strategie, Technologie, IT, Prozessmanagement, Kommunikation, Lobbying, daneben auch Privat Equity – wir machen alles.

Publishing

Und Publishing! Publishing wird immer wichtiger. Das heißt, dass man an die Öffentlichkeit geht. Die Öffentlichkeit ist heute in unserer Medienwelt von entscheidender Wirkung. Wer die Deutungshoheit in den Medien hat, der hat die Macht. Deshalb legen wir sehr viel Wert auf die Deutungshoheit, die man erlangen und behalten muss! Dazu gehört, dass man auch mal einen Unsinn in die Welt setzt, aber die Deutungshoheit muss gewährleistet sein. Verstehen Sie, was ich meine? Es kommt nicht darauf an, ob etwas wahr ist oder gelogen. Das sehen wir wertfrei. Eine Lüge kann genauso wertvoll sein wie eine Wahrheit, wenn wir die Deutungshoheit darüber behalten. Sie müssen die öffentliche Debatte dominieren. Sie können heute in den Medien einen Riesenblödsinn publizieren, was weiß ich, über die Zeugungsschwäche der Deutschen zum Beispiel oder die Familientauglichkeit von Deutschen Schäferhunden. Sie müssen nur die Deutungshoheit darüber behalten. Armut, Prekariat, Sozialstaat – egal welches Thema Sie wählen. Es kommt nicht auf Inhalte an, alles Unsinn, was zählt, ist die Deutungshoheit.
Also, bevor über ein Unternehmen eine dumme geschichte in den Medien veröffentlicht wird, was weiß ich, Dinge, die zum Erfolg des Unternehmens beitragen, Korruption, Puffbesuche, so was, gell, da veröffentlichen wir vorher lieber selber einen Blödsinn dazu. gut, ich drücke das jetzt ein bissl salopp aus, gell. Was ich sagen will, es gibt immer verschiedene Sichtweisen. Die Welt ist ambivalent. Und es kommt in unserer Medienwelt darauf an, als Erster seine Sichtweise zu platzieren, weil sich die anderen dann danach richten müssen.
Schauen Sie, Sie können heute eine negative Behauptung über ein Unternehmen oder eine Persönlichkeit in die Welt setzen, die absolut falsch ist, wenn sie einmal publiziert ist, muss der Angegriffene versuchen, sie zu entkräften. Er muss sich verteidigen und den ungerechtfertigten Angriff abwehren. Da sagt beispielsweise einer, dass Sie auf Stammtischniveau argumentierten, dass Ihre politischen Aussagen eher dem rechten Umfeld zuzurechnen seien und Beifall von der falschen Seite bekämen. Ja, es entstünde bisweilen sogar der Eindruck, dass Sie reaktionär seien. Hoppala! Wie bitte? Reaktionär? Lassen Sie sich das gefallen? Wer will schon als reaktionär gelten in unserer demokratischen Öffentlichkeit?
Sie können diese Behauptung nun einfach stehen lassen oder aber darauf reagieren. Sie sollten sich das sehr gut überlegen. In dem Moment, wo Sie anfangen dagegenzuhalten, sagt einer: Aha, er verteidigt sich. Warum verteidigt er sich denn? Sie wehren sich, Sie versuchen zu entkräften, was nicht stimmt, und wenn Sie dabei auch noch aggressiv werden sollten, haben Sie schon verloren, obwohl Sie jedes Recht der Welt dazu hätten, diesen unverschämten Angriff auf Ihre Person abzuwehren.
Wer sich wehrt, ist in dieser Mediengesellschaft im Nachteil. Der Angreifer sagt nur seine Meinung und erscheint als sanfter, der Wahrheit verpflichteter hoch angesehener Moralist, das Opfer fühlt sich nicht wohl und verteidigt sich und erscheint allmählich im bösen Licht des Angreifers. Er hält den Schweinwerfer auf dich, er zerrt dich ans Licht, und du willst seine Meinung nicht hinnehmen. Und man sagt: Er will nicht mitspielen. Die Rollen in diesem bösen Spiel verteilt derjenige, der den ersten Zug macht. Der Angreifer ist immer im Vorteil. Deshalb raten wir zum Erstschlag, wenn man in dieser Medienwelt Erfolg haben will, dann muss man als Erster publizieren. Deshalb ist Publishing so wichtig. Erinnern Sie sich an die Kinderkrippendebatte? Niemand hat mit diesem Thema gerechnet. Auf einmal, aus heiterem Himmel, hat die Familienministerin Frau von der Leyen damit angefangen, öffentlich darüber nachzudenken, wie man in Deutschland zu mehr Krippenplätzen kommen könnte. Bis dahin war das ein Thema am Rande, das man bei den Sozialdemokraten vermutete. Und wie beleidigt waren die Sozialdemokraten, dass ihnen eine CDU-Frau die Schau gestohlen hatte. Kinder, Familie, Soziales, Kernthemen der SPD wurden von einer CDU-Frau besetzt. Sie hatte die Deutungshoheit zu diesem Thema erobert und behalten. Die SPD sah schlecht aus. Alles, was die SPD-Oberen in der Folge dazu verlangt, gefordert und publiziert haben, es wurde alles, ob richtig oder falsch, in der medialen Aufmerksamkeit schwächer wahrgenommen als Frau von der Leyens Krippeninitiative, eben weil die SPD den Kampf um die Deutungshoheit verloren hatte.
Das ist Publishing. Dieses Feld wird auch bei uns in der MCC immer breiter. Diese Abteilung wird ständig erweitert. Der Bedarf ist immens. Es gibt immer mehr Journalisten, die direkt aus den Redaktionen zu uns kommen. Das hat den Vorteil, dass sie die zukünftigen Abnehmer ihrer Artikel gut kennen. Wir liefern fertige Beiträge in die Redaktionen, der diensthabende Redakteur braucht nur noch seinen Namen darunterzusetzen. Der ist auch froh, wenn er nicht alles selber schreiben muss. Der hat ja auch viel zu tun, denn in den Redaktionen ist auch viel Personal eingespart worden. Schaun Sie, wenn es in einem Unternehmen kriselt, dann schreiben wir den kompletten Bericht, machen das Interview mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat und reichen die fertige Reportage in die Redaktionen rein. Da haben alle etwas davon. Das Unternehmen ist zufrieden, weil die Darstellung der Zusammenhänge seiner Sicht entspricht, die Zeitung ist zufrieden, weil sie einen flott geschriebenen Artikel frei Haus geliefert bekommt, und der Leser freut sich, wenn er was Neues erfährt. So wird heute die Wahrheit an den Verbraucher gebracht.
Wir bieten auch Practising an, das heißt, wir handeln auch selber, wenn es verlangt wird. Wir drängen uns nicht auf, aber wir bieten Practising an. Beispielsweise, wenn es um Entlassungen geht. Ein sehr sensibler Bereich, der umsichtiges Management verlangt.

Theologing

Deshalb haben wir unserer Angebotspalette den Bereich Theologing hinzugefügt. Theologing? Was ist damit gemeint?