001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Meinem Klan.
Ihr kommt zwar nicht in der Geschichte vor,
aber ihr wart immer in ihr …

Gelobt sei Eurydis, möge ihre Lehre Euch erhellen. Im Morgengrauen meines ersten Tages auf der Welt bekam ich vor den Göttern einen Namen: Lana von Lioner aus Ith, Tochter der Cerille und des Lioner.
Welch großer Name für etwas so Kleines, sagte Maz Rôl immer, wenn er mich necken wollte. Trotzdem vererbte er mir seinen Titel und machte meinen Namen damit sogar noch länger.
Zum Glück nennen mich die meisten nur Maz Lana. Wenn Gläubige den von Menschen ersonnenen Titel aussprechen, schwingt in ihrer Stimme eine Achtung und Bewunderung mit, deren ich nicht würdig bin. Nur die Götter verdienen eine solche Ehrerbietung.
Doch nicht das ist es, was mich beunruhigt. Diese Frage kann ich immer noch mit meinen Schülern erörtern, sollte ich jemals wieder unterrichten.
Ich bin eine der Nachfahren Maz Achems von Algonde aus Ith, der in den Jahren 760 bis 771 unseres Kalenders dem Großen Tempel von Ith als Botschafter in Goran diente. Obwohl das ein angesehenes Amt ist, bei dem man gute Aussichten auf den Titel eines Emaz hat, wird in meiner Familie fast nie über ihn gesprochen.
Wenn meine Eltern von anderen Vorfahren erzählen, sind sie stets voller Lob, Stolz und Hochachtung. In unserer Familie gibt es mehrere Maz und selbst einige Emaz, die die Geschichte der Heiligen Stadt prägten. Auch über grausame Heerführer, Krieger und Eroberer aus einer ebenso fernen wie unrühmlichen Vergangenheit wurde immer mit Respekt gesprochen. Der von ihnen eingeschlagene Weg, so falsch er auch gewesen sein mag, entsprach den Sitten ihrer Zeit.
Nur mein Urgroßvater Maz Achem gilt nicht als wichtiges Glied in der Kette, die die ruhmreichen Ahnen und die nachfolgenden Generationen aneinanderreiht. Am liebsten hätten meine Eltern ihn einfach aus ihr entfernt. Nie erwähnten sie sein Leben und seine Taten, kein Wort von der Spur, die er in der Welt und im universellen Streben nach Moral hinterließ.
Als Kind fand ich daran nichts Ungewöhnliches. Doch als ich älter wurde, weckte das Schweigen meine Neugier, und eines Tages begann ich, meinen Eltern Fragen zu stellen.
Obwohl ich noch jung war, spürte ich, dass mein Nachfragen sie in Verlegenheit brachte, doch das stachelte mein Interesse nur noch an. Ich war es gewohnt, auf alles eine Antwort zu erhalten. In meiner Familie gab es keine Tabuthemen, ein Grundsatz, den ich stets zu schätzen wusste und den ich noch heute bei meinen Schülern anwende.
Nach einigem Zögern antwortete mein Vater. Er wählte seine Worte mit Bedacht, damit sie nicht respektlos und verächtlich klangen, und doch taten sie genau das. Er erzählte mir folgende Geschichte: Obgleich Maz Achem einen Großteil seines Lebens damit zugebracht hatte, die Moral der Göttin zu studieren und zu verkünden, machte er im hohen Alter eine unerwartete Veränderung durch und wurde ein Abtrünniger, der Schande über sich und seine Familie brachte.
Als Erstes gab er seinen Posten als Botschafter in Goran auf und tat seine Entscheidung weder dem Tempel kund, noch erklärte er sie.
Nach seiner Rückkehr sorgte er in mehreren Versammlungen der Emaz für Aufruhr und ging sogar so weit, die Hohepriester in ihren Privatgemächern zu belästigen. Es hätte nicht mehr gebraucht, um ihn in Verruf zu bringen, aber das, was ihn zu diesen Taten trieb, war noch viel schlimmer. Es war ein Frevel.
Er beharrte darauf, dass man ihn anhörte. Doch die Emaz hatten bereits genug vernommen.
Achem forderte nicht weniger, als die Grundfesten der eurydischen Moral zu überdenken. Er gab zu, kein überzeugendes Argument nennen zu können, und sollte er Gründe für seine Forderung gehabt haben, so sind sie nicht überliefert.
Verständlicherweise widersetzten sich die Emaz seinem Wunsch und rieten ihm, sich wieder der Lehre des Tempels zu unterwerfen. Achem gab jedoch nicht auf, sondern begann seine Thesen, die die Weisesten der Weisen als Verstoß gegen die Moral werteten, öffentlich vorzutragen.
Daraufhin waren die Emaz gezwungen, ihn zum Ketzer zu erklären und ihm seinen Maz abzuerkennen, was in der Geschichte Iths erst ganze vier Mal vorgekommen war. Diese Strafen hatten die erwünschte Wirkung: Achem gab seinen unheilvollen Kampf auf, verließ das Land und reiste nach Mestebien. Dort starb er einige Jahre später, ohne einen weiteren Versuch unternommen zu haben, die eurydische Lehre anzugreifen.
Mit diesen Worten endete mein Vater. Er fragte mich, ob ich aus der Geschichte etwas gelernt habe, ganz so, als hätte er mir ein religiöses Gleichnis erzählt. Ich nickte und schwor, die Moral niemals zu verraten, so wie es von mir erwartet wurde. Aber ich war verwirrt.
Alles, was ich bisher gelernt hatte, beruhte auf drei Werten: Wissen, Toleranz und Frieden. Die drei Tugenden der Weisen. Drei Stufen, die es zu erklimmen galt, um die Moral zu erlangen.
Hatten die Emaz zu Zeiten meines Urahnen nicht gegen eine dieser Tugenden verstoßen? Waren es die Thesen eines Maz und hohen Würdenträgers des Tempels etwa nicht wert, angehört zu werden?
Sogleich bereute ich diesen frevelhaften Gedanken und bemühte mich, Achem zu vergessen. Vergebens.
Wenn ich meiner Neugier nachging, störte ich den Frieden. Aber wenn ich die Augen vor meinen Zweifeln verschloss, beleidigte ich das Wissen und die Toleranz.
Warum war Maz Achem zum Schweigen gebracht worden?
Ich beschloss, es herauszufinden.
 
 
Vor der lorelischen Küste, nur wenige Meilen von einem verschlafenen Städtchen entfernt, lag eine kleine unbewohnte Insel.
Eine Insel wie so viele entlang der Küste des Mittenmeers: einsame Strände, karge Felsen, ein von der tosenden Brandung zerklüftetes Ufer. Nur sehr verschrobene und penible Kartografen trugen sie überhaupt in ihre Land- und Seekarten ein, und so war sie nur ein winziger Punkt auf ein paar wenigen Pergamenten, der nach einigen Jahren meist für einen Schmutzfleck gehalten wurde.
Die Insel, der eigentlich niemand Beachtung schenkte, schlug einige wenige Menschen in ihren Bann. Einer von ihnen war Judikator Zamerine, geistiges Oberhaupt der Boten Zuïas in Lorelien und heimlicher Anführer aller Züu der Oberen Königreiche.
»Wie lange noch?«, fragte er den Mann am Steuer.
Der alte Fischer zuckte zusammen. Zum ersten Mal richtete der Anführer das Wort an ihn. Bislang hatte nur der jüngere Mann gesprochen, vermutlich der Diener. Dem Fischer war das nur recht gewesen, denn der Anführer wirkte nicht gerade umgänglich. Es gelang ihm nicht, seinem kalten, verächtlichen Blick standzuhalten. »Vielleicht zwei Dezimen«, antwortete er zaghaft. »Der Wind bläst von vorne, da dauert es ein wenig länger.«
»Das ist zu lang.«
Der Fischer wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte doch nichts dafür! Die verdammte Insel würde schon nicht weglaufen – sie würde auch in hundert Jahren noch da sein!
Natürlich behielt er diese Gedanken für sich, denn der Fremde hatte für die Überfahrt nach Ji bezahlt – und zwar nicht zu knapp. Ganz zu schweigen davon, dass er eine Heidenangst vor seinen beiden Passagieren hatte.
Der Anführer starrte unverwandt auf das Felsriff, auf das sie zusteuerten. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Der jüngere Mann wiederum ließ den Fischer nicht aus den Augen, als wollte er verhindern, dass er sie hinterrücks überfiel. Oder als wollte er ihn jeden Moment hinterrücks überfallen.
Rasch schob der Fischer diesen Gedanken beiseite und sah einem Schwarm Dynastenschwänen nach, der dicht über das Wasser hinwegflog. Er beschloss, seinen Passagieren nicht mehr in die Augen zu sehen – andernfalls würde er sich noch ins Meer stürzen.
Ich weiß nicht mehr, was zuerst da war, aber mit der Neugier auf meine Vorfahren erwachte auch mein Interesse an der Geschichte Iths.
Gemeinsam mit Maz Rôl, meinem Lehrer, studierte ich die Chroniken der Heiligen Stadt, doch meine Nachforschungen über Maz Achem führte ich allein und im Geheimen durch. Zum ersten Mal in meinem Leben belog ich meine Eltern. Ich hätte Reue empfinden sollen, aber das tat ich nicht. Dazu waren meine Entdeckungen viel zu faszinierend.
Die zeitgenössischen Chroniken beschrieben Achem als Inbegriff der Tugend, jedenfalls bis zum Jahr 771. Danach fand er nur noch als Ketzer Erwähnung.
Ich suchte nach einem Vorfall, der seine plötzliche Wandlung erklärte, denn sie konnte nur auf ein einschneidendes Erlebnis zurückzuführen sein.
Bei meinen Nachforschungen stieß ich auf ein weiteres Rätsel: Aus den Chroniken ging hervor, dass Maz Achems seltsames Verhalten nach seiner Rückkehr von einer diplomatischen Mission nach Lorelien begann. Er war fast fünf Dekaden fort gewesen, doch die Schriften blieben vage, was den Zweck der Reise anging.
Trotz großer Anstrengungen fand ich nichts über die Mission und ihre Teilnehmer heraus, und meine Suche schien zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Doch Eurydis erhörte meine Gebete, denn einige Jahre später, als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, stieß ich auf neue Hinweise.
Während einer Unterrichtsstunde bei Maz Rôl, in der es um die Uborre-Dynastie in Goran ging, erfuhr ich, dass Kaiser Mazrel bei einer geheimnisvollen Expedition zu einer kleinen lorelischen Insel einen Sohn verloren hatte.
Das Datum der Expedition stimmte genau mit dem von Achems Reise überein.
Mit neu erwachter Hoffnung stellte ich weitere Nachforschungen an, diesmal in den Archiven Gorans. Ich musste all meinen Mut zusammennehmen, um das vertraute Ith zu verlassen und mich in die Hauptstadt des Großen Kaiserreichs zu begeben, aber die Sache war es wert.
Dort entdeckte ich schließlich einen Teil der Wahrheit. Auf Drängen eines Mannes namens Nol der Seltsame waren Diplomaten aus mehreren Ländern der bekannten Welt in Lorelia zusammengekommen. Zwei von ihnen waren Maz Achem und der goronische Prinz Vanamel.
Die Diplomaten verschwanden unter rätselhaften Umständen und tauchten erst zwei Monde später wieder auf, ohne Erinnerung an das, was geschehen war. So konnten sie auch nicht sagen, was mit jenen passiert war, die nicht zurückgekehrt waren. Da niemand außer Königen und Herrschern von der Reise wusste, geriet sie nach dem Tod der Diplomaten immer mehr in Vergessenheit.
Meine Neugier war noch lange nicht gestillt, denn die Beschreibung reichte nicht aus, um Maz Achems Wandlung zu erklären.
Daher beschloss ich, die Sache anders anzugehen. Ich würde seine verbotenen Gedanken studieren.
 
 
Zamerine spazierte voller Ehrfurcht über die Insel, als wandele er über die heilige Erde des Lus’an. Nur wenige Züu hatten Ji bisher betreten dürfen, und dieses Privileg verstärkte sein Hochgefühl.
Seit einigen Monden richtete sich alle Aufmerksamkeit der Judikatoren auf diese Insel. Nie zuvor in der Geschichte ihrer Religion waren so viele Boten zugleich ausgesandt worden, um ein Urteil Zuïas zu vollstrecken.
Er war froh, an diesem Akt der Gerechtigkeit teilzuhaben, und stolz, etwas zum Großen Werk beizutragen. Zu seinem Glück fehlte ihm nur noch das befriedigende Gefühl des Erfolgs.
Die Männer, die er nach Ji geschickt hatte, um den Auftrag zu Ende zu bringen, waren nicht zurückgekehrt, und auch keiner der jämmerlichen Schurken, die sie begleitet hatten.
Doch das berührte ihn kaum.
Seine Boten waren im Dienst der Göttin gestorben. Sie waren für die Ewigkeit ins Lus’an eingegangen, und ein besseres Schicksal gab es nicht.
Auch den Verlust der Gildenbrüder konnte er verschmerzen. Niemand würde sie vermissen. Diejenigen, die mit dem Leben davongekommen waren, hatten keine Anstalten gemacht, die Leichen ihrer Gefährten zu bergen. Zamerine hatte nichts als Verachtung für sie übrig.
Er kehrte an die Seite seines Gehilfen Dyree zurück. Die Gildenbrüder, die seit dem Vorabend mit ihren zerstörten Schiffen auf der Insel festsaßen, wären vor ihm im Staub gekrochen, wenn er es von ihnen verlangt hätte. Doch als er ihnen verkündet hatte, dass er nicht beabsichtige, sie mit zurück aufs Festland zu nehmen, weil sie versagt hatten, waren sie vor ihm zurückgewichen. Die Männer beeilten sich, ihm ewige Treue zu schwören, was immer recht nützlich war. Dank seiner Drohung beschrieben sie ihm die Vorfälle während der Nacht der Eule, ohne dass er sie mit Gewalt dazu hätte zwingen müssen. So sparte er wertvolle Zeit.
Gleich nach ihrer Ankunft hatte sein Gehilfe ihm mitgeteilt, dass die Dolche der Toten unauffindbar seien. Es war ein Frevel, einen Hati in den Händen von Ungläubigen zu lassen, weshalb Zamerine eine letzte Bedingung für die Rettung der Gildenbrüder gestellt hatte: die Herausgabe der heiligen Dolche.
Leider war anfangs keiner der Schurken bereit gewesen, den Schuldigen zu verraten, weshalb Zamerine einen kleinen Spaziergang über die Insel gemacht hatte. Doch nun durfte er nicht noch mehr Zeit verlieren.
»Töte sie«, befahl er.
Dyree stürzte sich auf die Männer, und zwei Brüder gingen zu Boden, bevor sie sich auch nur rühren konnten.
»Wartet!«, schrie einer der Männer. »Micaeir hat sie! Micaeir hat die Dolche!«
Der Beschuldigte floh, ohne den Kampf zu suchen, kam aber gerade einmal acht Schritte weit, bevor er zusammenbrach, davon zwei mit einem Hati in der Lunge.
Den Verräter tötete Zamerine eigenhändig, als Strafe dafür, dass er so spät mit der Sprache herausgerückt war. Bei den anderen ließ er Gnade walten.
Dyree nahm die Dolche an sich, und die beiden Männer stiegen wieder in das Boot. Der alte Fischer war nun bleich wie der Mond und endgültig verstummt. Zamerine fragte sich, ob er auch ihn töten würde, schob diese belanglose Frage aber schnell beiseite. Auf ihn warteten wichtigere Aufgaben.
Zunächst hatte er die unangenehme Pflicht, dem Ankläger zu berichten, dass das Urteil noch nicht vollstreckt war.
Dann musste er das Problem aus der Welt schaffen. Er freute sich auf die Treibjagd, denn so etwas war ihm schon seit Jahren nicht mehr vergönnt gewesen.
Er hoffte nur, dass die Jagd nicht zu schnell vorbei sein würde.
 
 
Achem hatte zahlreiche Schriften, Abhandlungen und Traktate verfasst, dessen war ich sicher. Sie würden jedoch nur schwer auffindbar sein, vor allem, da ich unauffällig vorgehen musste.
Die Bibliothek der Heiligen Stadt kennt keine Zensur, selbst nicht bei Schriften, die wegen Verstößen gegen die Moral geächtet sind. Die Priester sind der Ansicht, auch ein Studium von ketzerischen Theorien führe den Novizen zu den drei Tugenden. Sie halten es für ratsam, junge Leute unter Anleitung eines erfahrenen Maz mit solchen Gedanken in Berührung zu bringen, statt sie damit allein zu lassen.
Das gilt allerdings nicht für Schriften, deren Verfasser dem Tempel angehört hatte. Solche Manuskripte gelten als gefährlich. Die wenigen Abschriften, die ich schließlich fand, stammten aus Privatarchiven, zu denen ich ohne Maz Rôl – der glücklicherweise in dem Ruf stand, ein tugendhafter Lehrer zu sein – keinen Zugang gehabt hätte.
Begierig begann ich die Schriften meines Urgroßvaters zu lesen. Aus ihnen ging hervor, dass Maz Achem alles andere als verrückt gewesen war. Er hatte gewusst, was er tat, und seine Worte zeugten von Klugheit, Scharfsinn und tiefem Wissen. Er musste ein bedeutender Maz gewesen sein.
Nur was er schrieb, verwirrte mich.
In Ith herrschte zu Maz Achems Zeiten seit mehr als acht Jahrhunderten Frieden. Obwohl die Geschichte der Stadt untrennbar mit der Eurydisverehrung verbunden war, gab es in Ith auch andere Religionen, und der Große Tempel ließ ihnen freie Hand.
Hin und wieder kam es zu kleineren Streitigkeiten zwischen hitzköpfigen Novizen, doch diese blieben stets folgenlos.
Dennoch stritt Achem für eine weniger friedliche und tolerante Religion, denn in seinen Augen war das universelle Streben nach Moral weit davon entfernt, sich durchzusetzen. Er wollte, dass die Maz den Prozess beschleunigten und Andersgläubige mit allen Mitteln bekehrten.
Am wichtigsten war ihm ein Verbot aller dämonistischen Religionen. Das friedliche, tolerante Ith sollte den Anhängern K’lurs, Phrias’ und Yoos’ den Krieg erklären, ebenso wie den Boten Zuïas, den Töchtern Soltans und den Valiponden.
Damals wurde keine dieser Religionen in der Heiligen Stadt praktiziert. Doch Achem war der Meinung, Ith solle Schiffe bauen, Soldaten anwerben und eine Armee aufstellen. »Der Krieg liegt unserem Volk im Blute«, schrieb er.
Der Maz forderte nichts anderes als einen Kreuzzug gegen das Böse. Er rief zu den Waffen, auch wenn er die traurigen Folgen des Krieges bedauerte. Doch für ihn hatte die Moral ihren Preis, und der Kampf duldete keinen Aufschub.
Was war auf Ji geschehen? Was hatte er dort gesehen, das seine Weltsicht so sehr veränderte?
Ein Schicksalsschlag hielt mich für eine Weile von weiteren Nachforschungen ab. Im Abstand von wenigen Tagen erkrankten sowohl meine Mutter als auch mein Vater. Drei Dekaden lang rangen sie mit dem Tod.
Ich verbrachte die meiste Zeit an ihrem Krankenbett und möchte nicht von diesen entsetzlichen Tagen sprechen, in denen meine Gedanken um alles andere als um meinen Urgroßvater kreisten. Doch ein Vorfall verband das Schicksal meiner Eltern mit den Geschehnissen des vorigen Jahrhunderts.
Auf dem Sterbebett diktierte mir mein Vater seinen letzten Willen. Ich sollte einige unerledigte Aufgaben zu Ende bringen, die belanglos erscheinen mochten, ihm aber wichtig waren. Er wollte keine offenen Rechnungen hinterlassen, wenn er von dieser Welt ging.
Unter anderem nahm er mir das Versprechen ab, Maz Achems Tagebuch zu verbrennen, sollte es mir je in die Hände fallen.
Seine Worte verschlugen mir den Atem. Maz Achems Tagebuch! Mein Vorfahr hatte Tagebuch geführt!
Als Vater geendet hatte, nickte ich, fasste aber sogleich den Entschluss, die Aufzeichnugen vor ihrer Zerstörung zu lesen. So würde ich Wort halten können. Dann befragte ich meinen Vater zu dem Tagebuch.
Wie ich erfuhr, wusste er nicht einmal, ob es überhaupt noch existierte. In unserer Familie erzählte man sich folgende Geschichte: Nachdem es Achem nicht gelungen war, die Emaz von seinen Ideen zu überzeugen, gab er einem der Hohepriester einige Passagen aus seinem Tagebuch zu lesen. Diese Schriften waren der Grund für seine Entlassung aus dem Tempel.
Obgleich die neue Spur verheißungsvoll war, verlor ich in den Dekaden nach dem Tod meiner Eltern jedes Interesse an der Sache.
Einige Zeit später erhielt ich einen Brief von einem gewissen Xan aus Partacle. Er hatte die traurige Nachricht vom Tod meiner Eltern erhalten und sprach mir sein Beileid aus. Außerdem lud er mich zu einer Art Feier ein, zu der die Nachfahren jener Abgesandten zusammenkamen, die vor einem Jahrhundert die seltsame Reise auf die Insel Ji unternommen hatten.
Da ich immer noch um meine Eltern trauerte, schrieb ich ihm nur einen kurzen Dankesbrief, in dem ich die Einladung höflich ablehnte. Meine Leidenschaft für diese alte Geschichte war erloschen. Außerdem hatte ich schreckliche Angst davor, Ith zu verlassen und Fremden zu begegnen.
Doch jetzt ist alles anders.
Irgendjemand hat mir die Züu auf den Hals gehetzt. Ich musste Ith verlassen und mich in einem kleinen Tempel in der Nähe von Mestebien verstecken. Die Reise dorthin dauerte eine ganze Dekade.
Ich habe mir das Haus angesehen, in dem mein Vorfahr kurz vor seinem Tod lebte. Es gehört immer noch einem Zweig meiner Familie, entfernten Verwandten, die ich nie kennengelernt habe. Die Züu hatten sie ermordet.
Das Tagebuch war nicht dort. Oder es war nicht mehr dort. Oder aber es existiert nicht mehr.
Es gibt nur eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden.

002
ERSTES BUCH
ZUÏAS URTEIL
Der Regen trommelte ohrenbetäubend auf das marode Schieferdach. Es war der neunte Dekant, und es war stockfinster. Man hätte meinen können, dass eine Horde Kobolde auf dem Dach einen wilden Tanz aufführte und es jeden Moment unter dem Gewicht eines zu dick geratenen Exemplars zusammenbrechen würde.
Zwei Männer standen unter dem Vordach eines kleinen Hofs einige Meilen von der reichen Stadt Lorelia entfernt und unterhielten sich. Der eine war klein, buckelig und musste aus unerfindlichen Gründen Gefallen an seinem stinkenden Atem finden – jeder andere hätte sich den Mund mehrmals mit Rosenwasser aus Manive ausgespült, bevor er sich unter Menschen begeben hätte.
Der andere Mann war jung, mittelgroß, von gefälligem Aussehen, und er konnte seine Freunde an den Fingern einer Hand abzählen.
Sein Gegenüber gehörte offenbar nicht zu diesen Freunden, denn der Tonfall des Gesprächs wurde immer schärfer.
»Das ist doch nicht zu viel verlangt. Zwei Nächte. Nur zwei Nächte in deinem Lager. Du musst dich überhaupt nicht um uns kümmern! Was macht es für einen Unterschied, ob da unten Menschen oder Waren lagern?«
»Das ist ein himmelweiter Unterschied«, antwortete der kleine Mann, der vergeblich nach schlagkräftigen Argumenten suchte. »Es ist viel zu gefährlich. Außerdem habe ich so etwas noch nie gemacht. Das ist mein letztes Wort!«
»Ich weiß nicht, was daran gefährlicher sein soll, als direkt vor den Toren von Lorelia auf einem Haufen Schmuggelware zu sitzen«, sagte der Jüngere.
Der andere bedeutete ihm hastig, die Stimme zu senken, als könnten ihn die königlichen Steuereintreiber hören.
Der jüngere Mann verzog belustigt das Gesicht. »Wein aus Junin!«, rief er in die Dunkelheit hinaus. »Bier aus Cyr! Purpurne Gewürze! Jerusnische Statuen! Stoffe aus Far!«
»Halt den Mund«, fiel ihm der kleine Mann zugleich ängstlich und verärgert ins Wort.
»Ezomine! Öl aus Crek! Goronische Schwerter! Schmuck und Edelsteine! Raji der Tunnelwärter kauft Euch alles ab! Ihr müsst dem König nie wieder Steuern zahlen! Kein einziger Tick für König Bondrian! O ja, Raji hilft jedem, nur seinen Freunden nicht«, sagte er mit plötzlichem Ernst.
»Hör auf, ich bitte dich. Das ist kein Scherz. Du bringst uns noch in Schwierigkeiten.«
»Dann zeig mir doch mal, wo sich hier ein Steuereintreiber versteckt.«
Raji starrte in die Dunkelheit hinaus. Sein Blick fiel auf die Begleiter des Spaßvogels. Sie waren nicht von ihren Pferden abgestiegen, hielten sich im Hintergrund und machten keine Anstalten, sich einzumischen. Der Regen schien ihre geringste Sorge zu sein. Sie waren ohnehin bis auf die Knochen durchnässt.
Der kleine Mann fuhr sich mehrmals mit der Hand durch die fettigen Haare, ohne dass es ihm gelang, sie zu glätten. Dona schien heute Abend nicht auf seiner Seite zu stehen, und er verfluchte die Göttin der Händler. »Was habt ihr eigentlich angestellt?«, fragte er zögernd. »Habt ihr jemanden umgebracht?«
»Richtig geraten. Den Grafen von Kolimine.«
»Was?«, rief Raji und riss die Augen auf.
»Und seinen Hund. Es tut mir aufrichtig leid. Für den Hund.«
Der Schmuggler beäugte den jungen Mann eine Weile misstrauisch. Er wusste nicht, was er glauben sollte, denn er hatte ihn schon oft zum Narren gehalten.
Einer der Reiter löste sich aus der Gruppe und kam näher. Raji versteifte sich und legte eine Hand auf den Griff des Dolchs, den er am Gürtel trug. Dann erst sah er verblüfft, dass der Reiter eine Reiterin war.
»Meister Raji«, sagte sie ruhig, »wir haben nicht die Absicht, Euch in Schwierigkeiten zu bringen. Wir suchen nur nach einem Ort, an dem wir warten können, bis der Regen aufhört. Einer unserer Gefährten ist krank und muss sich dringend ausruhen. Solltet Ihr uns Gastfreundschaft gewähren, stünden wir tief in Eurer Schuld.«
Verlegen trat Raji von einem Fuß auf den anderen. Seine Kunden waren selten so höflich, aber die Sache gefiel ihm immer noch nicht. Diese Leute steckten offenkundig in der Klemme, doch er fand einfach nicht die richtigen Worte, um sie abzuweisen. »Na gut. Eine Nacht, mehr nicht. Und Ihr spaziert nicht in der Gegend herum. Pferde, Männer, Frauen, Kinder, Ihr alle bleibt bis zum Morgen im Versteck. Und nun werde ich versuchen, noch etwas Schlaf zu bekommen, wenn Ihr erlaubt. Rey, du kennst den Weg«, sagte er statt einer Verabschiedung.
Rey fragte sich, wie Raji schlafen konnte bei dem Getrommel des Regens auf dem Schieferdach. Er sah dem Schmuggler nach, als dieser ins Haus ging und die Tür hinter sich zuzog. Dann wandte er sich der Reiterin zu. »Corenn, Euer Eingreifen hat mich zutiefst gekränkt.« Er grinste schelmisch. »Ich dachte, wir lassen uns noch etwas Zeit, bevor ich Euch meinen Bekannten vorstelle.«
Drei der vier anderen Reiter saßen von ihren Pferden ab. Ein Mann in einer schwarzen Lederkluft, der mehrere Waffen trug, herrschte Rey an: »Was sollte denn das mit den Steuereintreibern? Könnt Ihr Euch denn nicht ein Mal normal verhalten?«
»Normal? Was soll das sein, Grigán?« »Hört endlich auf mit dem Unsinn. Wo ist nun dieses Lager?«
»Nicht weit von hier. Folgt mir.«
»Bowbaq ist im Sattel eingeschlafen«, sagte eine junge Frau mit dunklen Haaren.
»Das arme Pferd. Weck ihn auf, Léti«, bat Corenn.
Das Mädchen rüttelte den Riesen am Arm, erst sachte, dann immer fester. Bowbaq murmelte etwas Unverständliches und rieb sich die Augen. Dann stieg er vom Pferd, indem er den Fuß, der ohnehin knapp über dem Boden baumelte, auf die Erde setzte.
Ein junger Kaulaner überholte die anderen und kam an Reys Seite. Yan, dessen Gesichtsausdruck für gewöhnlich arglos und aufrichtig war, hatte eine so verschwörerische Miene aufgesetzt, dass der Schauspieler lachen musste, noch bevor er die Frage hörte.
»Du warst Schmuggler?«
»Hin und wieder, ja. Wie alle, die viel in der Welt herumkommen, nehme ich an. Man kauft hier etwas und verkauft es dort wieder. Das tut niemandem weh. Stimmt’s, Grigán?«
»Vielleicht. Hin und wieder. Aber ich brauchte nie ein Lager. Ich hatte keinen Plan und handelte nie mit großen Mengen.«
Rey antwortete nicht. Ihm stand nicht der Sinn danach, diesen Teil seiner Vergangenheit vor seinen Gefährten auszubreiten. Er führte sie zu einem Holzschuppen, der wie ein Stall aussah, und trat hinein. Grigán hielt die Tür auf, bis seine Gefährten eine Öllampe angezündet hatten. Sie verbreitete das bleiche Licht eines schwindsüchtigen Monds. Dann unternahm der Krieger einen Kontrollgang, eine wahre Manie von ihm.
»Groß ist es nicht gerade«, beschied Bowbaq verschlafen. »Und es regnet überall herein.«
»Wir müssen uns eine Weile ausruhen«, sagte Corenn. »Deine Wunde braucht Zeit zum Heilen.«
»Ich spüre sie eigentlich gar nicht mehr«, erwiderte Bowbaq und strich sich sacht über den Bauch.
Er erstarrte mitten in der Bewegung, beugte sich vor und verzog vor Schmerzen das Gesicht, sodass Grigán und Yan herbeisprangen, um ihn zu stützen. Der Ritt hatte seinen Zustand nicht gerade verbessert.
»Keine Sorge, wir schlafen nicht im Stall«, sagte Rey. »Das Lager ist unter unseren Füßen.« Mit diesen Worten öffnete er eine große Falltür, die unter einem Haufen fauligen Strohs verborgen gewesen war.
Léti starrte in das finstere Loch. »Da drin sollen wir die Nacht verbringen?«
»Ich habe schon ein paarmal dort unten geschlafen«, sagte Rey. »Es ist viel bequemer, als es aussieht.«
»Die Sache gefällt mir nicht«, murmelte Grigán. »Dieser Raji macht mir keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck. Was, wenn er uns da unten einsperrt?«
»Keine Angst. In dem Keller beginnt ein Tunnel, der direkt nach Lorelia führt. Raji trägt nicht ohne Grund den Spitznamen ›Tunnelwärter‹.«
Der Krieger knurrte vor sich hin und stieg die grobe Holztreppe hinab, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Bowbaq bewunderte seinen Mut.
»Da unten ist bestimmt alles voller Krabbeltiere«, sagte Léti angeekelt.
»Bowbaq kann sie ja überreden, dich in Ruhe zu lassen«, scherzte Rey.
Der Riese schwieg. Es schien Rey einfach nicht in den Kopf zu wollen, dass er als Erjak nur mit Säugetieren sprechen konnte. Er war nicht in der Lage, den Geist einer Kakerlake, Schlange oder eines ähnlichen Tiers zu erreichen, und selbst mit einem Nagetier war die Verständigung schwer.
Geduldig warteten alle auf Grigáns Rückkehr. Er ließ sich Zeit, aber schließlich tauchte sein Kopf in der Luke auf.
»Und?«, fragte Rey.
»Es wird schon gehen«, sagte der Krieger widerwillig.
»Sag ich doch. Es ist sauber, luftig und trocken. Schließlich würde niemand Waren, die ein Vermögen wert sind, in einem modrigen Loch verrotten lassen.«
Sie beschlossen, in dem Keller zu bleiben, sattelten die Pferde ab, fütterten sie und brachten ihr Gepäck in das Versteck. Als alle unten waren, schloss Grigán mit grimmiger Miene die Falltür. Dann lief er eine Weile auf und ab und strich sich über den Schnurrbart. Er würde erst wieder Ruhe finden, wenn sie weiterzogen.
Yans Neugier trieb ihn dazu, den Keller zu erkunden. Er war weitläufig und mit Bedacht eingerichtet. Obwohl sich die Wände an einigen Stellen krümmten, waren die drei Lagerräume rechteckig, und ihre Grundfläche maß zusammen nicht weniger als vierzig mal fünfundzwanzig Schritt.
Der größte und einfachste Raum lag direkt unter der Falltür. Die Wände waren mit groben Brettern verkleidet, der Boden mit feinem Sand bedeckt und die Decke mit mehreren Balken und Querstreben abgestützt. Der Raum wirkte zwar alles andere als gemütlich, doch zumindest war es hier trocken und warm. Der Regen klang nur noch wie ein entferntes Murmeln.
An der Wand waren in regelmäßigen Abständen Fackeln angebracht, die Grigán entzündet hatte. So war es nun hell genug, um Einzelheiten zu erkennen.
Unzählige Bündel, Kisten jeder Größe, Truhen, Körbe und Fässer lagerten auf grob gezimmerten Regalen, in Wandnischen oder ganz einfach in Stapeln auf dem Boden. Eine erkennbare Ordnung gab es nicht.
Eine Bretterwand trennte den ersten Raum vom zweiten. Dieser war besser ausgebaut: Die Wände bestanden aus Ziegelsteinen, und auf dem Boden hatte jemand Holzdielen verlegt. Die Decke war verputzt und weiß getüncht. Es war trocken und kühl, weshalb hier die verderblichen Waren lagerten. Rey schlug vor, dort ihr Lager aufzuschlagen.
In dem Raum lagerte hauptsächlich exotisches Obst und Gemüse, was Yan sehr viel weniger interessant fand als die Waren im ersten Keller.
Eine schwere Eichentür mit einem eindrucksvollen Schloss führte zu einem dritten Raum. Die Tür war abgeschlossen.
»Weißt du, was hinter dieser Tür ist?«, fragte Yan Rey.
»Gewiss. Bei einem meiner letzten Besuche habe ich sie geöffnet. Der Raum ist sehr klein. Raji bewahrt dort alle wertvollen Waren und seine eigenen Reichtümer auf. Deshalb ist sie zugesperrt.«
Yan nickte und murmelte einen Dank. Er wollte lieber nicht wissen, was Rey mit »bei einem meiner letzten Besuche habe ich sie geöffnet« genau meinte.
Schließlich war da noch der Eingang zu dem Tunnel, der nach Lorelia führte. Normalerweise war er mit einem Holzbrett und einem Stützbalken verschlossen, aber Grigán hatte beides entfernt, um ihnen einen Fluchtweg zu öffnen.
Der Tunnel war so breit, dass drei Männer bequem nebeneinander gehen konnten, doch es war nicht erkennbar, ob das für die gesamte Länge galt. Yan lief zehn Schritte weit in den Tunnel hinein, bevor Grigán ihn zurückrief. Natürlich nahm Léti dies zum Anlass, ihrerseits in den Tunnel zu gehen. Als ihr jedoch eine fette Ratte über den Weg lief, machte sie auf dem Absatz kehrt und bestand darauf, den Eingang wieder zu verschließen.
Bowbaq war bereits eingeschlafen. Corenn und Léti trennten eine Ecke des Raums mit einem Tuch ab und verschwanden hinter dem improvisierten Vorhang, nachdem sie allen eine gute Nacht gewünscht hatten. Grigán überprüfte jeden Winkel, bevor auch er sich dazu bewegen ließ, sich auszuruhen. Rey holte eine Flasche juneeischem Wein aus dem ersten Keller und bot Yan davon an. Als dieser höflich ablehnte, machte sich Rey daran, sie allein zu leeren. Kurz darauf schlief auch er ein.
Yan drehte die Öllampe herunter und streckte sich auf seiner Decke aus. Während er auf den Schlaf wartete, ließ er seine Gedanken schweifen.
Vor fast zwei Dekaden hatte er sein kleines Heimatdorf Eza verlassen. Seither hatte man ihn beleidigt, niedergeschlagen, ausgeraubt, ihm Folter und sogar den Tod angedroht. Er war bei mehreren Kämpfen dabei gewesen und hatte Menschen sterben sehen. Er selbst hatte einen Feind bezwungen, indem er ihm einen Stein ins Gesicht warf. Mehrmals war er dem Tod nur knapp entronnen. Sehr knapp sogar, dachte er, als ihm einfiel, wie Léti vierzig Schritte über dem Meer an einem Felsvorsprung gehangen hatte. Ihr angstverzerrtes Gesicht …
Die Erinnerung wühlte ihn auf. Er hatte das Gefühl, alles noch einmal zu durchleben. Die Verzweiflung, die Hilflosigkeit, dann die plötzliche Wut und den unbändigen Drang, sie zu retten, so als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt. Und er hatte es geschafft.
Es lag keine neun Dekanten zurück, weniger als einen Tag, und der Wille war immer noch spürbar. Verborgen, unterschwellig, aber stark. Yan wusste, dass er von nun an immer da sein würde. Auch wenn er keine Ahnung hatte, was dieser Wille überhaupt war, beschloss er, sich an ihn zu erfreuen.
Corenn hatte gesagt, in ihm sei etwas entfesselt worden. Sie würden bald ein langes Gespräch führen, und sie würde ihm helfen, alles zu verstehen. Er konnte es kaum erwarten.
Seit gestern hatten sie noch keine Zeit dafür gefunden, denn nachdem sie der Falle entkommen waren, die die Züu ihnen auf der Insel Ji gestellt hatten, waren sie in die Nähe von Berce zurückgekehrt, um ihre Pferde zu holen. Grigán hatte zwei Männer in die Flucht geschlagen, die die Züu als Wache zurückgelassen hatten, und das, ohne auch nur einen Pfeil abzuschießen. Bowbaq und Rey, die bis dahin zu Fuß unterwegs gewesen waren, übernahmen die Pferde der Schurken. Dann hatten sie Berce so schnell wie möglich hinter sich gelassen, denn dort war es nun viel zu gefährlich für sie.
Sie beratschlagten lange, wohin sie sich als Nächstes wenden sollten. Nur widerwillig stimmte Grigán dem Vorschlag zu, vorübergehend bei einem Freund von Rey Unterschlupf zu suchen, den der Schauspieler als vertrauenswürdigen, großzügigen und zutiefst ehrlichen Mann beschrieb. Anschließend diskutierten Grigán und Corenn jedoch endlos darüber, was ihr nächstes Ziel sein würde.
Und wieder hatte Rey eine Idee gehabt. Lorelia war seine Heimatstadt, und er kannte jede ihrer Eigenarten. Der Markt des Kleinen Palasts war eine davon.
Auf diesem Markt unterlag der Handel keiner Kontrolle, jedenfalls nicht, solange er die Herrschaft des Königs nicht bedrohte und die Krone hohe Abgaben auf alle Geschäfte kassieren konnte.
Dort konnten sie sich mit den Züu treffen – auf neutralem Boden. Vielleicht konnten sie sie bestechen, damit sie die Erben davonkommen ließen.
Als erfahrene Diplomatin wollte Corenn nichts unversucht lassen. Grigán weigerte sich nach wie vor hartnäckig, mit den Mördern zu verhandeln. Er hielt die Idee für vollkommen verrückt und sagte, es sei ungefährlicher, sich eigenhändig ein Krummschwert in den Bauch zu rammen.
Zur Abwechslung mischte sich Rey nicht in das Gespräch der beiden Anführer ein. Corenn hatte wie immer das letzte Wort gehabt, und der Krieger war den Rest des Tages beleidigt. Grigán hatte keine Ahnung, wie die Ratsfrau es immer wieder schaffte, ihren Willen durchzusetzen, ohne auch nur die Stimme zu heben.
Es war also beschlossene Sache: Die Erben würden sich mit den Züu treffen. Kurz bevor er einschlief, fragte sich Yan, ob das wirklich eine gute Idee war.
Léti öffnete langsam die Augen und stutzte, als sie kein Tageslicht sah, bevor ihr einfiel, dass sie sich in einem Keller befand. Es war beinahe stockfinster – die Öllampe, ihre einzige Lichtquelle, wurde von dem Vorhang verdeckt. Trotzdem spürte sie, dass die Sonne bereits aufgegangen war.
Sie stand auf und streckte sich. Corenn schlief noch. Léti stieg über ihre Tante hinweg, zog ihre Stiefel an und schob den Vorhang beiseite.
Sie hatte keine vier Schritte gemacht, als Grigán sich abrupt aufrichtete, ein Messer in der Hand. Sie beruhigte ihn mit einem Handzeichen, und mit einem grimmigen Knurren legte er sich wieder hin.
Sie bewegte sich so lautlos wie möglich auf Yan zu. Auch er schlief noch. Ihr fiel ein, wie schlecht es ihm ergangen war, nachdem er die übermenschliche Anstrengung unternommen hatte, sie zu retten. Er hatte sich den Schlaf mehr als verdient.
Sie setzte sich neben ihn und betrachtete ihn voller Zuneigung. Yan hatte nicht um ihre Hand angehalten, also liebte er sie wohl nicht. Aber er war ihr Freund seit Kindertagen, und er hatte ihr das Leben gerettet. Selbst wenn sie nun mit jemand anderem den Bund schließen musste – Rey kam ihr flüchtig in den Sinn -, war und blieb Yan ihr bester Freund. Vorsichtig streckte sie sich neben ihm aus und gab sich Träumen von einer glücklichen Zukunft hin. Sie und Rey, Yan und eine Frau, die er auserwählt hatte, plauderten fröhlich und stolz über ihre Kinder. Auch sie würden Erben sein.
Dieser Gedanke wirkte wie eine Ohrfeige. Die Züu wollten ihr diese Zukunft rauben. Sie hatten ihren Freunden, den anderen Erben und ihr selbst bereits so vieles genommen. Unwillkürlich ballte sie die Fäuste. Das würde sie nicht zulassen. Nie wieder.
Sie schlief mit dem Gedanken an die drei Schurken ein, die sie auf der Insel verspottet und bedroht hatten. Einer der Männer hatte eine Hand verloren, einer ein Auge und der dritte war mit ihr in den Abgrund gestürzt.
Im Vergleich zur Wirklichkeit waren ihre Albträume beinahe angenehm.
 
 
Raji der Tunnelwärter verbrachte eine schlaflose Nacht. Als die Müdigkeit endlich siegte und er einnickte, war die Sonne längst aufgegangen, und es hatte aufgehört zu regnen. Er erwachte erst mitten im dritten Dekant. Das war zu spät, viel zu spät.
Er eilte zu seinem Lager, ohne sich auch nur anzuziehen. Dass die Pferde der Fremden immer noch da waren, konnte ihn nicht beruhigen. Jeder Dieb würde sein Pferd zurücklassen, wenn er dafür mit seinem Schatz durch den Tunnel nach Lorelia verschwinden konnte!
Er fegte den Rest des fauligen Strohs beiseite und zog an dem Ring in der Falltür. Sie bewegte sich keinen Zoll.
Er versuchte es erneut und zog diesmal mit beiden Händen, doch seine Bemühungen waren vergeblich. Er kniete nieder, hämmerte mit der Faust gegen das Holz und rief lauthals nach Rey, obwohl er längst davon überzeugt war, dass niemand mehr da war.
Wider Erwarten ertönte ein Klopfen als Antwort, und jemand schob die Falltür auf. Raji stürzte so flink die Treppe hinunter wie ein Stehschläfer auf der Flucht vor einem Jäger. »Warum habt Ihr die Falltür verschlossen?«, herrschte er Rey an.
Jemand hielt ihm eine Klinge an den Hals, packte mit eisernem Griff seinen Arm und drehte ihn auf den Rücken. Der Schmuggler rührte sich nicht mehr und warf Rey einen furchtsamen Blick zu.
Der setzte eine gelangweilte Miene auf und musterte den Mann, der sich hinter Raji geschlichen hatte. »Grigán, was soll unser Gastgeber denn nur von uns denken? Dass wir Diebe sind? Nun gut, ich habe mir ein paar Flaschen ausgeliehen, aber nur, weil ich sonst verdurstet wäre. Raji wird uns das doch nicht übel nehmen, oder?«
»Nein, natürlich nicht«, beeilte sich der Schmuggler zu versichern.
»Hört auf mit dem Unfug«, befahl Grigán. »Seht oben nach, ob alles in Ordnung ist.«
Rey erklomm die Treppe und grinste über Rajis Aufzug. Der Schmuggler hatte sich ein Tuch von zweifelhafter Sauberkeit um die Hüften geschlungen, doch angesichts der kalten Klinge an seinem Hals war das seine geringste Sorge.
»Grigán, lasst ihn bloß nicht los«, rief Rey nach unten. »Wir sind von einer Horde bis an die Zähne bewaffneter Enten umzingelt.«
Der Krieger seufzte resigniert und gab Raji frei, der sich sogleich in die entfernteste Ecke verzog. Die anderen Fremden beobachteten ihn von der Tür zum zweiten Keller her. Auch die beiden Frauen. Raji hatte sich noch nie so sehr geschämt.
»Das Wetter ist wunderbar«, verkündete Rey, als er von seinem Erkundungsgang zurückkehrte. »Es wird ein schöner Tag.«
»Umso besser«, murmelte Raji. »Das erleichtert Euch die Reise.«
»Komm schon, alter Freund, du willst uns doch wohl nicht schon vor die Tür setzen!« Rey legte Raji einen Arm um die Schulter. »Unser Freund dort drüben ist verletzt und muss sich ausruhen.«
»Aua«, sagte Bowbaq halbherzig und tat so, als habe er große Schmerzen.
Im nächsten Augenblick krümmte er sich, als der Schmerz tatsächlich mit voller Wucht zurückkehrte. Corenn führte ihn zu seinem Schlafplatz.
»Das würde allen Bruderschaftsgesetzen der Gilde widersprechen«, sagte Rey.
»Das ist es ja gerade. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Gilde nicht gut auf Euch zu sprechen ist«, murmelte Raji.
»Wie bitte? Du hast doch wohl keine Angst vor diesen Armleuchtern? Ein gerissener Betrüger wie du?«
Rey packte ihn an seinem Tuch und zerrte daran, als seien sie alte Weggefährten. Raji versuchte mehr schlecht als recht, sein einziges Kleidungsstück nicht ausgerechnet vor den Augen der jungen Frau zu verlieren, die die Szene amüsiert beobachtete.
»Na schön!«, stieß er schließlich wütend hervor. »Bleibt, so lange Ihr wollt, mir ist das einerlei! Aber ich berechne Euch fünf Terzen pro Person und Tag. Und dass Ihr mir nicht in den Waren herumwühlt!«
»Fünf Terzen! Davon könnten wir uns ja eine königliche Herberge leisten.«
»Wir werden die Summe zahlen«, verkündete Grigán. »Und wir werden Euch keine Schwierigkeiten bereiten. Jedenfalls nicht, solange Ihr uns keine bereitet.«
Raji musterte das ernste Gesicht des ramgrithischen Kriegers, nickte und stieg so würdevoll wie möglich die Treppe hinauf. Er nahm sich vor, Dona zur Strafe für die Unannehmlichkeiten in den nächsten Dekaden kein Opfer zu bringen.
 
 
Der Markt des kleinen Palasts fand an jedem Septim statt, und es war erst der Quint der Dekade des Vogels. Bis zu ihrem Treffen mit den Züu waren es noch zwei Tage. Trotzdem wollte Grigán, »da ihr alle fest entschlossen scheint, diesen Wahnsinn zu Ende zu bringen«, den Ort erkunden, bevor er vor Menschen überquoll. Ein Ausflug nach Lorelia stand auf dem Plan.
Natürlich würden sie nicht alle gehen. Bowbaq musste sich ausruhen und durfte nicht aufstehen, und obwohl Grigán der Einzige war, der etwas von Heilkunde verstand, würde Corenn bei dem Riesen bleiben. Sie bat Yan, ebenfalls bei ihnen auszuharren. Ihm dämmerte, dass sie nun ihr »wichtiges Gespräch« führen würden. Er nickte und fragte sich, warum ihm plötzlich so flau im Magen war.
Ursprünglich hatte Grigán allein gehen wollen, um das Leben seiner Gefährten nicht aufs Spiel zu setzen, doch Léti und Rey protestierten lauthals und überschütteten ihn mit einem Schwall nicht gerade überzeugender Argumente. Schließlich gab er nach, da Rey ihn durch die größte Stadt der bekannten Welt führen konnte. Obwohl er wenig Gefallen an seiner Gesellschaft fand, würde Rey ihm von Nutzen sein. Außerdem war Rey rebellisch genug, um ihn auch gegen seinen Willen zu begleiten.
Bei Léti hingegen wollte Grigán nicht klein beigeben, und sie waren kurz davor, ernsthaft in Streit zu geraten. Schließlich zog sich der Krieger mit dem Versprechen aus der Schlinge, ihr bald eine erste Lektion im Kämpfen zu erteilen. Léti tat so, als müsste sie über das Angebot nachzudenken, bevor sie es eilig annahm. Grigán wich Corenns missbilligendem Blick aus und begann mit den Vorbereitungen für den Ausflug nach Lorelia.
Sie konnten nicht in ihren normalen Kleidern in der Stadt herumspazieren. Grigán wollte sich einfach einen großen Umhang aus leichtem Stoff überziehen, natürlich in Schwarz. Rey hatte vor, sich richtig zu verkleiden, und verschwand mit seinem Bündel hinter dem Vorhang, den Corenn und Léti angebracht hatten.
Er zog sich immer noch um, als Raji erneut in dem Keller kam. Diesmal war der kleine Mann anständig gekleidet und trug ein echtes goronisches Schwert am Gürtel.
Grigán sah sogleich, dass der Schmuggler nicht gewohnt war, eine Waffe zu tragen. Das Schwert behinderte ihn beim Gehen, und er rückte es ständig zurecht. Schließlich schaffte er es sogar, darüber zu stolpern, und konnte sich gerade noch an einem Korb mit Birnen aus Wastilien festhalten.
Der kleine Mann ignorierte die Fremden und ging daran, die Waren zusammenzustellen, die an diesem Tag den Tunnel passieren sollten. Nachdem er einige fleckige Listen zu Rate gezogen hatte, die er sorgfältig aufbewahrte, häufte er Körbe, Kisten, Fässer und andere Behältnisse in der Mitte des ersten Kellers auf. Als er damit fertig war, ging er hoch in den Stall und kehrte kurz darauf mit einem Esel zurück, den er an einem Strick die Treppe hinunterzog. Obwohl das arme Tier den Weg schon hundertmal gegangen sein musste, traute es sich kaum die steilen Stufen hinab.
Genau diesen Moment suchte Rey sich aus, um ihnen seine Verkleidung vorzuführen. Jedenfalls musste es sich um Rey handeln, schließlich war er kaum eine Dezime zuvor hinter dem Vorhang verschwunden. Doch selbst seine Gefährten zögerten den Bruchteil einer Dezille. Grigáns Reflexe waren schneller als sein Verstand, und er ging in Kampfhaltung.
Rey hatte sich als Zü verkleidet. Er trug eine vorne offene Novizenkutte über einem scharlachroten Gewand, einen Gürtel aus grobem Seil und Schnürstiefel. An seiner Seite hing der vergiftete Dolch, der »Hati«, in einem purpurroten Samtfutteral.
Zwar hatten die Züu, denen sie bislang begegnet waren, kahl geschorene Schädel gehabt, doch Rey stand nicht der Sinn danach, es mit seiner Verkleidung zu übertreiben. Daher hatte er sich das lange blonde Haar straff zurückgebunden und die Kapuze der Kutte über den Kopf gezogen, sodass sein Gesicht im Schatten lag.
Der Anblick war furchteinflößend. Allein das Gewand löste in Léti den wilden Drang aus, in zu verletzen.
»Wo habt Ihr das denn her?«, fragte Corenn.
»Von einem Zü. Genauer gesagt, von dem, der mir bei Mess auflauerte. Natürlich musste ich ihn ein bisschen töten, bevor er es mir überließ.«
Jemand stieß einen Entsetzensschrei aus, und die Erben fuhren zu Raji herum. Er versuchte zu fliehen, doch dazu musste er sich an dem Esel vorbeizwängen, der ihm den Weg nach draußen versperrte. Dem armen Tier blieb nichts anderes übrig, als die Treppe in großen Sätzen hinunterzuspringen, sonst wäre es gestürzt.
Raji war bald außer Sicht. Nur seine angsterfüllten Schreie erklangen noch in der Ferne. Grigán seufzte und nahm die Verfolgung auf, geschmeidig wie eine Katze, die eine Maus jagt.
Er machte seinem Ärger mit ein paar kräftigen Flüchen Luft. Yan hätte um nichts in der Welt mit dem Schmuggler tauschen mögen.
Angespannt warteten sie.
Rey versuchte vergeblich, die anderen zum Lachen zu bringen, indem er finstere Grimassen zog. Schließlich änderte er seine Taktik, und es gelang ihm, Léti ein Grinsen zu entlocken, indem er einen Zü mimte, der dumm aus der Wäsche schaute und wie ein Säugling sabberte.
Kurz darauf kehrte Grigán zurück. Mit der einen Hand stieß er Raji vor sich her, in der anderen hielt er dessen Schwert. Der Schmuggler war so blass, dass man meinte, seine Zunge durch die Wangen durchscheinen zu sehen.
»Ich schlage vor, wir sperren ihn ein und machen uns auf den Weg«, knurrte Grigán. »Mir reicht’s.«
»Warum verschwindet Ihr nicht einfach?«, murmelte Raji.
»Auf keinen Fall nehmen wir unseren Gastgeber gefangen«, sagte Corenn mit fester Stimme. »Meister Raji hat sich nur wegen Reyans Verkleidung erschreckt, nicht wahr?«
»Nun ja, die Züu sind ziemlich nachtragend, oder? Ich will nicht, dass sie hier aufkreuzen.«
»Das wird nicht geschehen«, sagte Grigán und gab ihm sein Schwert zurück. »Falls Ihr den Mund haltet.«
»Das ist wahr«, pflichtete Corenn ihm bei. »Wenn sie von uns erfahren, werden sie Euch gewiss für unseren Komplizen halten.«
»Du meine Güte …« Raji fasste sich an den Kopf und stolperte ein paar Schritte durch den Keller. Die kleine, heile Welt, die er sich mühsam aufgebaut hatte, stürzte in sich zusammen.
»Wir werden noch vor dem Okt fort sein. Ihr habt uns das Leben gerettet, Meister Raji.«
Der Schmuggler warf Corenn einen mürrischen Blick zu, zuckte mit den Schultern und begann, seine Waren auf den Esel zu laden.
Yan bewunderte Corenn dafür, wie sie sich Rajis Loyalität gesichert hatte. Die hohe Kunst der Diplomatie war oftmals wirkungsvoller als der Einsatz von Gewalt – er selbst war schon lange von dieser Weisheit überzeugt, freute sich aber immer wieder über einen Beweis für ihre Richtigkeit.
Nun wandten sich alle wieder Rey zu. Er hatte sich einen Haufen Argumente zurechtgelegt, um Grigán davon zu überzeugen, dass seine Verkleidung sinnvoll war, doch er konnte sich die Mühe sparen. Der Krieger schwieg, denn der Ausflug nach Lorelia, wo ihre Feinde auf sie warteten, war ohnehin gefährlich. Wenn das Kostüm dazu beitragen konnte, ihnen Neugierige vom Leib zu halten, war ihm das nur recht.
Sie würden so oder so in der Klemme stecken, sollten sie auf echte Züu stoßen, denn eine solche Begegnung würde unweigerlich zu einem Kampf führen.
Raji protestierte nur schwach, als er begriff, dass die Fremden vorhatten, ihn zu begleiten. Er trat in den Tunnel und zog den Esel hinter sich her, während er mürrisch den Kopf schüttelte und leise vor sich hin jammerte. Rey ergriff eine Fackel und folgte ihm, Grigán bildete die Nachhut.
Rey spürte, wie der vergiftete Dolch bei jedem Schritt gegen seinen Schenkel schlug. Bei jeder noch so kleinen Bewegung raschelte das rote Gewand, und unter der schweren Novizenkutte brach ihm der Schweiß aus. Er sah wie ein Zü aus und würde vielleicht schon bald einem der Mörder gegenüberstehen.
Ein auf ein Gesicht aufgemalter Totenkopf kam ihm in den Sinn und erinnerte ihn an den Schlag gegen seinen Kehlkopf, der ihn fast getötet hätte. Er hatte sein Leben nur einer glücklichen Fügung zu verdanken.