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Inhaltsverzeichnis
 
 

Meinem Klan. Ihr kommt zwar nicht in der Geschichte vor, aber ihr wart immer in ihr …

Man nennt mich Léti. Ich wohne in Eza, einem Dorf der Südprovinz im Matriarchat von Kaul. Vor hundertachtzehn Jahren trat ein Fremder vor den Rat der Mütter und überbrachte ihnen eine überaus bedeutsame Botschaft. Er erklärte, sein Name laute Nol, und er stamme aus keinem der bekannten Länder. Dennoch glaubten viele Ratsfrauen, er komme aus dem Osten, sei vielleicht Wallatte, Thalitte, Solener oder ein anderer Bewohner des Morgenlandes. Daher brachten sie ihm ein gewisses Misstrauen entgegen.
Nol beherrschte ihre Sprache und achtete die Sitten und Bräuche der Ratsversammlung, als hätte er schon sein ganzes Leben in Kaul verbracht. Die Mütter behandelten ihn mit Achtung und unterbrachen ihn nicht, so wie es die Tradition gebot.
Damals wurden von den Ratsversammlungen noch keine Niederschriften angefertigt, weshalb Nols Rede nicht im Wortlaut überliefert ist. Doch sie muss in etwa so geklungen haben:
 
»Hochverehrte Mütter, ich komme nicht in böser Absicht. Die Weisheit der Ratsfrauen ist legendär, und ich hoffe, dass Ihr mir Euer Vertrauen schenkt, auch wenn ich von so Vielem schweigen muss.
Ich kann Euch weder sagen, warum ich hier bin, noch, woher ich komme. Ich überbringe meine Botschaft allen Königen und Herrschern der bekannten Welt – mögen sie mir Glauben schenken, auch wenn meine Worte seltsam klingen.
So hört mich an.
Zu einem Zweck, über den ich Schweigen bewahren muss, bitte ich Euch, eine weise und würdige Vertreterin Eures Volks zu benennen.
Am Tag der Eule werde ich bei Sonnenaufgang mit Eurer Auserwählten und den Gesandten der anderen Länder auf der Insel Ji zusammentreffen. Das Unterfangen ist ohne Gefahr, daher ist es nicht nötig, ihr eine Eskorte mit auf den Weg zu geben. Sie wird die Reise ohnehin allein antreten müssen.
Eure Gesandte wird nur wenige Dekaden fort sein. Ein Boot möge vom Tag der Erde an am selben Ort auf sie warten.
Was nach unserer Wiederkehr geschehen wird, steht noch nicht geschrieben. Ich kann Euch nur sagen, dass die Weisen eine wichtige Entscheidung treffen werden, von der Ihr Kunde erhalten werdet.
Das sind meine Worte, und ich ahne Eure Fragen. Stellt sie nicht vergebens, hochverehrte Mütter, denn ich werde sie nicht beantworten können.«
 
Natürlich bedrängten die Ratsfrauen Nol trotzdem mit Fragen, doch wie angekündigt blieb er stumm. Nachdem er sich zurückgezogen hatte, beratschlagten die Mütter, was zu tun sei. Einige jüngere Frauen, deren Männer Seite an Seite mit den lorelischen Truppen kämpften, fanden, man solle den Fremden aus dem Land jagen oder in den Kerker werfen. Andere glaubten, man habe es mit einem harmlosen Irren zu tun, und wollten die Sache auf sich beruhen lassen.
Einige Ratsfrauen waren jedoch neugierig geworden. Sie waren der Ansicht, es könne nicht schaden, eine Gesandte nach Ji zu schicken, um das Geheimnis zu lüften. Der Rat stimmte ab, und dieser letzte Vorschlag setzte sich durch, allerdings wollte der Rat zuvor Kunde einholen, ob Nol seine Botschaft tatsächlich auch anderen Ländern überbracht hatte.
Einige Tage später berichtete der Konsul aus Junin vor dem Rat von einem ähnlichen Treffen zwischen Nol und den Fürsten der Kleinen Königreiche.
Nun war es an der Zeit, eine Gesandte zu finden. Da die weisesten Frauen des Matriarchats im Rat saßen, würden sie eine aus ihrer Mitte wählen. Das erlaubte ihnen außerdem, die Sache geheim zu halten.
Die Ratsfrauen wandten sich ehrerbietig der Großen Mutter zu, die von allen die weiseste war. In ihrer großen Weisheit wusste sie, dass sie selbst für diese abenteuerliche Reise zu alt war. Daher bat sie, Freiwillige mögen sich melden – nicht, weil sie sich für besonders weise hielten, sondern um ihre Loyalität zu bekunden. Vier Mütter traten vor, und von ihnen wurde Tiramis ausgewählt.
Tiramis ist meine Ahnin. Sie ist die Mutter der Mutter der Mutter meiner Mutter, die Großmutter meiner Großmutter.
Der Rat beschloss außerdem, sie zu ihrem Schutz von einem Mann begleiten zu lassen. Die Wahl fiel auf Yon, den drittältesten Sohn der Großen Mutter, dessen Kraft und Hingabe allseits bekannt waren. Damit Nol ihnen einen zweiten Gesandten gewährte, behaupteten die Mütter, Yon vertrete die männlichen Einwohner Kauls, was nicht ganz falsch war. Der Rat schickte ihnen vorsichtshalber ein Segelschiff, das dem seltsamen Fremden und den beiden Weisen in einigem Abstand folgen sollte, falls sie von der Insel aus in See stachen.
Am Tag der Eule landeten Tiramis und Yon auf der Insel Ji vor der lorelischen Küste. Das Eiland war unbewohnt, und man konnte es an einem Tag zu Fuß umrunden. Pflanzen wuchsen keine auf der Insel; es gab dort nichts als Felsen, noch mehr Felsen und etwas Sand.
Nol erwartete sie mit ernstem Gesicht am Strand. Er zeigte sich jedoch erfreut, dass so viele Gesandte gekommen waren. Manche kannte Tiramis vom Sehen oder Hören. Ein Kammerdiener aus Goran fühlte sich zum Zeremonienmeister berufen und stellte die Gesandten einander vor.
Gekommen waren: der König Arkane aus Junin, Herrscher der Fürstentümer; der junge Prinz Vanamel aus dem Großen Kaiserreich Goran und sein Ratgeber, Seine Exzellenz Saat der Ökonom; der Herrscher Ssa-Vez aus dem fernen Jezeba; Seine Exzellenz Rafa Derkel aus Griteh; der Herzog Reyan von Kercyan, Vertreter des Königs Bondrian von Lorelien; Seine Exzellenz Maz Achem aus Ith; Seine Exzellenz der Weise Moboq, Gesandter des Königs Qarbal von Arkarien, und schließlich Ihre Exzellenzen die Hochverehrte Mutter Tiramis und Yon aus Kaul, Gesandte des Matriarchats.
Jede dieser hohen Persönlichkeiten wurde von einem großen Gefolge begleitet – ganz besonders Prinz Vanamel. Mehrere Zelte wurden an dem schmalen Strand zwischen den Felsen aufgeschlagen, und überall flatterten farbenfrohe Banner, zwischen denen sich Diener und Soldaten tummelten.
Nol begrüßte jeden Gesandten einzeln und dankte allen für ihr Vertrauen, das er für ein gutes Omen hielt. Dann teilte er ihnen noch mit, dass sie bis zum Abend auf das Eintreffen weiterer Gesandter warten würden. Sonst blieb er stumm.
Rafa aus Griteh beschwerte sich über die ungleiche Zahl der Gesandten. Um böses Blut zu verhindern, bat Nol um eine Erklärung, warum das Große Kaiserreich Goran und das Matriarchat von Kaul zwei Weise entsandt hatten. Tiramis stellte daraufhin Yon als Vertreter der männlichen Bewohner Kauls vor, und Prinz Vanamel verkündete, sein Land sei viel größer als andere, und daher sei es nur recht und billig, dass es von zwei Gesandten vertreten werde. Seine Exzellenz der Weise Moboq, der sich das Gespräch übersetzen ließ, entgegnete, Arkarien sei noch viel größer als das Große Kaiserreich und hätte demnach drei oder vier Botschafter entsenden können. Nol setzte dem Streit schließlich ein Ende, indem er verkündete, es sei von keinerlei Nutzen, mehrere Gesandte auf die Reise zu schicken. Mit dieser Erklärung gab sich Rafa von Griteh zufrieden, und niemand wagte, Nol zu widersprechen.
Zu ihrem Erstaunen beherrschte der seltsame Fremde sämtliche Sprachen. Er hatte für alle ein offenes Ohr, wehrte jedoch die Fragen der Gesandten höflich, aber bestimmt ab. Alle waren sich einig, dass er ein Mann von außergewöhnlichem Charakter war. Als er schließlich mit jedem Gesandten gesprochen hatte, verkündete er, nun allein sein und nachdenken zu wollen. Es blieb ihnen nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen und ihm hin und wieder verstohlene Blicke zuzuwerfen.
Am Abend stellte Nol mit Bedauern fest, dass weder das Schöne Land noch Romin einen Gesandten geschickt hatten. Einigen fiel auf, dass auch niemand aus den Ländern des Ostens gekommen war, doch wussten sie nicht, was sie daraus schließen sollten.
Nol bat die Gesandten, ihm zu folgen, und betrat das Felslabyrinth, aus dem die Insel Ji bestand. Sie wechselten überraschte Blicke, denn alle hatten damit gerechnet, wieder aufs Meer hinauszufahren. Schließlich folgten ihm erst Tiramis und Yon, dann der Herzog von Kercyan. Nach und nach schlossen sich auch die anderen an.
Die am Strand zurückgebliebenen Höflinge, Wachen und Diener wussten nicht, was sie tun sollten, aber da die Gesandten auch von der Rückseite der Insel aus in See stechen konnten, ließen sie eilig einige Schiffe zu Wasser.
Obwohl sie einander nicht gerade wohlgesonnen waren, teilten die Besatzungen das Meer unter sich auf und suchten die Umgebung der Insel ab. Doch in jener Nacht kam kein anderes Schiff in Sicht.
Bei Tagesanbruch wurden bewaffnete Männer ins Innere der Insel geschickt. Zwei Tage lang durchsuchten Soldaten das Labyrinth, doch das Einzige, was sie fanden, waren ein paar Höhlen, die von lorelischen Schmugglern benutzt wurden.
Am Abend des vierten Tages gaben sie jede Hoffnung auf, die Gesandten wiederzufinden. Schweren Herzens verließen sie die Insel. Jedes Land verdächtigte die anderen, am Verschwinden der Gesandten schuldig zu sein.
Vier Dekaden vergingen, und als keine Lösegeldforderung einging, wurde auch der Gedanke verworfen, die Gesandten könnten einer Entführung zum Opfer gefallen sein. Schließlich sandten die Länder am Tag der Erde abermals Boote zur Insel, und in allen Palästen hoffte man auf eine baldige Rückkehr der Weisen.
Am Tag des Bären, anderthalb Dekaden nach dem Tag der Erde, erschienen sieben Menschen zwischen den Felsen und kämpften sich den Weg entlang, den sie zwei Monde zuvor eingeschlagen hatten. Ungläubig beobachteten die am Strand postierten Wachen die Szene. Ein erschöpfter, mit leerem Blick dreinstarrender Reyan von Kercyan und ein nicht minder erschöpfter Rafa aus Griteh mit verkohltem Haar und rußgeschwärztem Gesicht schleppten eine selbstgebaute Trage, auf der König Arkane von Junin lag. Dieser hatte eine klaffende Kopfwunde und presste einen blutigen Lumpen auf den Stumpf seines linken Arms. Yon aus Kaul schleppte sich hinter ihm her, und er trug die bewusstlose Mutter Tiramis in den Armen. Maz Achem aus Ith und Moboq aus Arkarien kamen als Letzte, und auch sie konnten sich kaum auf den Beinen halten.
Prinz Vanamel, Saat der Ökonom und Ssa-Vez aus Jezeba fehlten.
Und auch Nol der Seltsame war nicht zurückgekehrt.
Ramur der Händler rieb sich zufrieden die Hände. Es war ein guter Tag gewesen. Der lorelische Jahrmarkt hatte erst vor drei Tagen begonnen, und schon jetzt hatte er mehr als zwei Drittel seines Vorrats an Gewürzen aus Lineh verkauft, und das, ohne sich auf Feilschereien einzulassen.
Mit einem prall gefüllten Geldbeutel am Gürtel schlenderte er selbstgefällig in die Stadt, wo er seinen Erfolg gebührend feiern und vielleicht noch das eine oder andere Geschäft abschließen wollte, falls sich die Gelegenheit bot.
Später, am Abend, würde er eine Runde durch die weniger feinen Viertel drehen, um zu sehen, ob die junge Frau, die er dort jedes Jahr besuchte, immer noch so wenig mit ihren Reizen geizte.
Ramur dachte an seine Lieblingsgöttin Dona, die Göttin der Sinneslust und des Reichtums. Er nahm sich vor, ihr bald ein Opfer zu bringen, um ihr für ihre Wohltaten zu danken. Vielleicht im nächsten Mond, wenn er zurück in Lineh wäre, oder besser noch in drei Monden, nach der Ernte. Dona für mehrere Gaben auf einmal zu danken, war viel sinnvoller, als Geld zum Fenster … als ihre Priester mit mehreren kleinen Opfern zu belästigen, verbesserte er sich in Gedanken.
Insgeheim wusste er, dass er das Opfer erst auf dem Sterbebett erbringen würde, da er seinen Reichtum zu Lebzeiten in vollen Zügen genießen wollte. Trotz seiner Dankbarkeit gegenüber Dona widerstrebte es ihm, seine Terzen Priestern in den Rachen zu werfen, die das Geld ohnehin nur in die eigene Tasche steckten.
Obwohl die Jahreszeit des Windes angebrochen war und es bereits dämmerte, spendete die Sonne noch viel Wärme, und Ramur lächelte ihr zu. Sein Lächeln war seine Geheimwaffe. Die Erfahrung lehrte ihn, dass die Leute erst gar nicht zu feilschen versuchten, wenn man sie nur freundlich genug anlächelte.
Die Menschenmenge, die sich gelichtet hatte, als er den Marktplatz am alten Hafen hinter sich gelassen hatte, wurde nun wieder dichter. Es war nicht mehr weit bis zur Altstadt. Aus Gewohnheit tastete Ramur nach seinem Geldbeutel und ließ die Passanten dabei nicht aus den Augen. Er hatte es allein seiner Wachsamkeit zu verdanken, dass er noch nie einem Taschendieb zum Opfer gefallen war. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügte, und er wäre um einige Hundert Terzen ärmer.
Von seinem Marktstand aus hatte er schon mehrmals Taschendiebe am Werk beobachtet, war aber nicht eingeschritten. Schließlich war sich jeder selbst der Nächste! Ihm würde ja auch niemand seinen Geldbeutel zurückgeben, wenn er gestohlen würde.
Das Gedränge nahm zu, und viele Passanten wirkten seltsam unruhig. Jetzt bereute er, seinen Burschen im Hafen zurückgelassen zu haben – sollte es einem dieser Taugenichtse einfallen, wegen ein paar Münzen einen Mord zu begehen, wäre er ein leichtes Opfer.
Ein Mann kam ihm entgegen und rempelte ihn an. Ramur fuhr herum und starrte ihm eine Weile nach, während er sich vergewisserte, dass Geldbeutel und Schmuck noch an Ort und Stelle waren.
Der Rüpel entfernte sich rasch. Er trug ein schlichtes Priestergewand mit hochgezogener Kapuze, sodass Ramur seine Haarfarbe nicht erkennen konnte. Vielleicht hatte der Fremde aber auch eine Glatze.
Ramurs Terzen waren da, wo sie hingehörten, doch der Schreck saß ihm noch in den Knochen. Deshalb verzichtete er widerwillig auf das Vergnügen, mit einem prall gefüllten Geldbeutel am Gürtel durch die Straßen zu spazieren. Er fingerte gerade an dem Knoten herum, um den Beutel unter seinen Kleidern verschwinden zu lassen, als er ein zweites Mal angerempelt wurde, diesmal von hinten. Seine Finger krampften sich um den bestickten Leinensack, und er spürte einen schmerzhaften Stich im Rücken.
Der Mann, der ihm den Stoß versetzt hatte, sah genauso aus wie der erste. »Mein Name ist Zokin. Sag das Zuïa«, raunte er ihm ins Ohr.
Wie gelähmt, mit weit aufgerissenen Augen und die Finger immer noch um den Geldbeutel gekrallt, sah Ramur dem Mann nach. Voller Grauen dämmerte ihm, was die Worte zu bedeuten hatten. Ihm wurde schwarz vor Augen, seine Knie gaben nach, und er brach zusammen.
Er war tot, noch bevor sein Körper auf den Boden aufschlug.
 
 
Die Weisen waren aus dem Felslabyrinth zurückgekehrt. Als sich das erste Entsetzen gelegt hatte, wollten die Diener und Soldaten ihre Gesandten nach Hause bringen, um sie befragen zu lassen. Rafa aus Griteh verkündete harsch, sie würden sich unter keinen Umständen trennen.
Jedenfalls nicht gleich.
Er und seine Gefährten gingen mit zwei heilkundigen eurydischen Priestern zu den Zelten der Itharer und verschwanden im Inneren.
In ehrfürchtigem Schweigen versorgten die Priester die Verletzten. Erst als Rafa vor das Zelt trat, in das sie sich zurückgezogen hatten, wagten die Diener und Soldaten, nach den fehlenden Mitgliedern der Expedition zu fragen.
Er antwortete, sie seien tot. Mehr sagte er nicht.
In den nächsten Tagen hielten sich die Rückkehrer von den Königen, Fürsten, Würdenträgern und anderen hohen Persönlichkeiten fern, die zu ihrem Empfang angereist waren. Man bedrängte sie mit Fragen, die sie nicht beantworteten, denn sie gaben vor, sich an nichts zu erinnern.
Goran und Jezeba, die Länder, die Opfer zu beklagen hatten, brachen ihre Lager ab und verließen die Insel in feindseliger Stimmung. Man fürchtete, zwischen Goran und Lorelia könnte ein neuer Krieg ausbrechen, doch der verstorbene Prinz Vanamel stand zu niedrig in der Gunst des Kaisers Mazrel, um einen Überfall zu rechtfertigen.
Einer nach dem anderen kehrten die Weisen in ihre Heimat zurück. Sie wurden abermals befragt, diesmal getrennt voneinander, doch es gelang nicht, ihr Schweigen zu brechen. Nicht wenige von ihnen fielen in Ungnade.
Maz Achem wurde seiner Ämter im Großen Tempel enthoben, woraufhin er sich von der Religion abwandte und die Stadt Ith verließ.
Rafa aus Griteh verlor den Oberbefehl über das Heer, was eine schwere Demütigung für den einstigen Hofstrategen des Königs war. Er blieb jedoch in der Armee und vollbrachte solch große Heldentaten, dass ihm der Titel kurz vor seinem Tod zurückgegeben wurde und seine Ehre wiederhergestellt war.
Da Arkane von Junin König war, konnte er nicht abgesetzt werden, allerdings verweigerten ihm die Fürsten die Gefolgschaft. Da er wusste, dass die Stärke der Kleinen Königreiche in ihrer Eintracht lag, kam er einem Zerwürfnis zuvor, indem er zugunsten seines Sohns abdankte.
Der Weise Moboq kehrte nach Arkarien zurück. Er verkündete, es sei besser, wenn niemand etwas von den Geschehnissen erfahre. Da er ein Weiser war, fügten sich alle seinem Urteil und bemühten sich, die Sache zu vergessen.
Reyan von Kercyan traf es am härtesten. Er verlor seinen Herzogtitel und alle Ländereien und wurde mit einem Bann belegt. Dennoch versank er nicht in Verzweiflung, wie man hätte erwarten können, sondern ließ sich als Händler in Lorelia nieder.
Tiramis verließ aus eigenem Antrieb den Rat der Mütter. Sie sagte nur, das Matriarchat sei nicht in Gefahr, und man solle ihr nie wieder Fragen zu der Reise stellen. Die Große Mutter befahl allen, ihren Wunsch zu achten, denn die Erinnerungen waren offenbar zu schmerzhaft.
Im nächsten Jahr schloss Tiramis mit Yon den Bund. Yon ist mein Ahne, der Großvater meiner Großmutter.
Meine Ururgroßeltern zogen vor hundertachtzehn Jahren in das kleine Dorf der Südprovinz, in dem ich heute lebe.
Mittlerweile sind Nol und die Weisen in Vergessenheit geraten. Den wenigen, die noch etwas wissen, fällt es schwer, zwischen der Wahrheit und den Legenden zu unterscheiden, die sich um das Abenteuer ranken.
Ich habe sie nicht vergessen. Die Erben haben sie nicht vergessen.
 
 
Irgendetwas stimmte nicht. Nort’s sechster Sinn hatte ihm schon mehrmals das Leben gerettet, und nun läutete es in seinem Kopf lauter als die sechshundert Glocken von Leem.
Seit dem Morgen hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden – nicht bewundert. Wegen seines muskulösen Körpers zog Nort’ häufig Blicke auf sich, vor allem von Frauen. Diesmal war es anders. Jemand bespitzelte ihn.
Die Hellebarde fest in der Hand, die andere Hand stramm an der Hosennaht, bewachte er das Westtor, das zu den Gärten des kaiserlichen Palastes von Goran führte.
Normalerweise erfüllte er seine Aufgabe mit stoischer Geduld, doch heute war ihm mulmig zumute.
Er musterte jeden Passanten misstrauisch und suchte die umliegenden Fenster ab, um den Spitzel zu enttarnen. Vergebens. Dann beäugte er seine beiden Untergebenen, die genauso stramm wie er dastanden, in der Hoffnung, sie würden sein Unbehagen teilen. Doch sie schienen nichts als die Ablösung im Kopf zu haben.
Ein alter, in Lumpen gekleideter Mann humpelte auf sie zu und streckte ihnen mit schmutzigen Händen einen nicht minder schmutzigen Becher entgegen. Bestimmt ein Fremder, dachte der Wachsoldat, wahrscheinlich ein Lorelier. Der Mann flehte sie in einer kruden Mischung aus Itharisch und Goronisch an, woraufhin Nort’ dem Soldaten zu seiner Linken zunickte, damit er den Mann fortjagte.
Der Vorfall erinnerte ihn an seine Aufgabe und ließ ihn für einen Moment seine Unruhe vergessen. Obwohl es bereits Abend war, herrschte am Westtor brütende Hitze, und auch Nort’ freute sich allmählich auf die Ablösung. Seine rechte Schulter schmerzte, sein Arm war steif, und er wünschte sich nichts mehr, als diese verfluchte Hellebarde endlich aus der Hand zu legen. Außerdem sehnte er sich danach, einen Spaziergang zu machen. Der ehemalige Fußsoldat hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dekantenlang reglos dazustehen.
Endlich hörte er vom Palast her die sechs kurzen Glockenschläge, die das Ende des sechsten Dekants und den Beginn der Nacht ankündigten. Kurz darauf öffnete sich das Tor, und drei Männer in Uniform traten heraus. Die Nachtwachen waren wärmer angezogen als ihre Kameraden, die tagsüber Dienst taten. Es folgte die vorschriftsmäßige Übergabe der Hellebarden, und die Soldaten salutierten. Dann bezog die Ablösung Posten. Nort’ stand nicht der Sinn danach, dem Hauptmann der Nachtwache von seinem mulmigen Gefühl zu erzählen. Er würde sich nur lächerlich machen, wenn er einem altgedienten Soldaten mit seinen hasenfüßigen Anwandlungen kam, und es gab keinen Grund, viel Aufhebens darum zu machen.
Da er Ausgang hatte, beschloss er, nicht sofort in die Kaserne zurückzukehren, sondern sich den Spaziergang zu gönnen, nach dem er sich schon eine ganze Weile sehnte. Außerdem würde er keine Ruhe finden, bis dieses verdammte Unbehagen nicht verflogen war, das ihn an den Katzenjammer nach einer durchzechten Nacht erinnerte.
Wenn es sein müsste, würde Nort’ eben eine kleine Schlägerei vom Zaun brechen, um dieses unangenehme Gefühl zum Schweigen zu bringen.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seine Schritte unwillkürlich beschleunigt hatte und Selbstgespräche führte. Seine Hand war um das Heft des Schwerts gekrampft, und er warf allen Leuten, denen er begegnete, finstere Blicke zu. Er blieb stehen, holte tief Luft und ging dann gemächlicheren Schrittes weiter.
Normalerweise konnte ihn nichts so leicht erschüttern. »Bei Mishra, wenn heute etwas passieren soll, dann möge es bald passieren, Potzdonner«, schimpfte er vor sich hin.
Hinter ihm ertönten laute Rufe. Nort’ drehte sich um und sah die Einwohner Gorans vor etwas fliehen, das er nicht erkennen konnte. Dann teilte sich die Menschenmenge, um zwei Züu durchzulassen.
Züu!
In Goran, wo ihr Einfluss und Ansehen groß waren, bemühten sich die Züu gar nicht erst, im Verborgenen zu bleiben. Nort’ sah die scharlachroten Gewänder, die Stirnbänder um die kahl geschorenen Schädel und den berüchtigten Dolch mit der schmalen, nadelspitzen Klinge, die in der Abendsonne aufblitzte. Vor allem aber sah er ihre Augen. Fanatische Augen, die erkennen ließen, dass sie vor nichts zurückschreckten, um ihr Ziel zu erreichen: ihr Opfer zu töten.
Sie kamen auf ihn zu, aber da Nort’ in der Mitte der Straße stand, musste das nichts heißen. Er zog sein Schwert und wich langsam an den linken Straßenrand zurück. Sogleich wusste er, dass sie seinetwegen hier waren.
Die beiden Mörder waren ihm tatsächlich schon seit einiger Zeit auf den Fersen. Nort’ hatte ihre Blicke den ganzen Tag über gespürt, ohne zu wissen, woher sie kamen.
Sie waren nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, und der Abstand wurde rasch kleiner. Mittlerweile rannten die Männer fast. Wie von einem grellen Blitz erleuchtet sah Nort’ die Dolche, die mordgierigen Blicke und die Schaulustigen, die um nichts in der Welt eingreifen würden. Unbändiger Zorn wallte in ihm auf, und er stürzte sich brüllend auf die beiden Männer. Er war wild entschlossen, sein Leben teuer zu verkaufen.
Allerdings hatte er die Rechnung ohne den dritten Mörder gemacht, der sich von hinten an ihn herangeschlichen hatte.
Sein Schrei erstarb, als ihm die vergiftete Klinge die Kehle aufschlitzte. Lautlos brach er zusammen und fiel seinem Mörder vor die Füße.
 
 
Ein paar Monde nach ihrer Rückkehr verspürten die Weisen den Drang, einander wiederzusehen. Der einstige König Arkane von Junin schritt zur Tat und lud seine Gefährten in das schönste der Kleinen Königreiche ein. Die Zusammenkunft wurde für den Tag der Eule angesetzt, im Gedenken an jenen Tag, an dem sie Nol dem Seltsamen in das Labyrinth gefolgt waren.
Arkane war immer noch ein mächtiger Mann, auch wenn er nur noch einen Arm hatte, alt war und ihn die anderen Fürsten der Kleinen Königreiche aus ihrem Kreis verbannt hatten. Es fiel ihm nicht schwer, seine Gefährten aufzuspüren. Alle folgten seinem Ruf, selbst Moboq, der hoch im Norden lebte und eine zwei Dekaden lange Reise auf sich nehmen musste.
Arkane empfing seine Gäste mit großer Herzlichkeit. Als sie in seinem Palast versammelt waren und er das Glück in ihren Augen sah, erklärte der einstige König, das Abenteuer habe wenigstens einen Sinn gehabt: sie zu Freunden zu machen.
Alle berichteten, wie es ihnen ergangen war, und bedauerten das Schicksal der anderen, vor allem das Rafas, Maz Achems und Reyan von Kercyans. Doch niemand erging sich in Selbstmitleid, keiner klagte über das Schweigegelübde, das sie sich auferlegt hatten und das die Ursache ihres Unglücks war.
Schließlich zogen sich die Weisen in einen Saal zurück, der sie vor den neugierigen Blicken der Spitzel, die die Könige und Herrscher zu der Zusammenkunft geschickt hatten, schützte. Dort erneuerten sie ihren Schwur, Schweigen zu bewahren, was auch geschehen möge – selbst wenn es Leid, Schande und Einsamkeit bedeutete.
Beim Abschied versicherten sie einander, bald wieder zusammenkommen zu wollen, was im Jahr darauf geschah. Das nächste Treffen fand wiederum zwei Jahre später statt, und dabei sollte es bleiben: Die Weisen vereinbarten, künftig alle zwei Jahre zusammenzukommen. Beim vierten Treffen weilte König Arkane nicht mehr unter ihnen. Er war der Erste, der starb. Dafür gab es drei Neulinge: Tiramis und Yon hatten eine Tochter bekommen, und auch Maz Achem hatte, obwohl nicht mehr der Jüngste, mit einer seiner einstigen Schülerinnen den Bund geschlossen. Kurz darauf schenkte seine junge Ehefrau ihm einen Sohn. Er brachte die beiden zu den Zusammenkünften mit, wogegen niemand etwas einzuwenden hatte.
Thomé von Junin, zu dessen Gunsten Arkane abgedankt hatte, bat darum, anstelle seines Vaters kommen zu dürfen. Er wusste nichts von dem Geheimnis, wollte aber in Ehren halten, was für Arkane das Wichtigste auf der Welt gewesen war. Thomés Wunsch wurde gern erfüllt.
Durch die Anwesenheit der Neulinge änderten sich die Zusammenkünfte – die Stimmung war nicht mehr so ernst und erinnerte nun eher an die von Familienfesten. Die Könige und Herrscher schickten nicht länger ihre Spitzel, um das Geheimnis zu lüften, und bald wurde die Reise nicht einmal mehr erwähnt.
Auch der Weise Moboq, Rafa aus Griteh und Reyan von Kercyan fanden eine Frau und bekamen Kinder. Da sie stetig mehr wurden, mussten die Zusammenkünfte besser vorbereitet werden. Die Weisen und ihre Familien lebten weit voneinander entfernt, weshalb man beschloss, sich fortan alle drei Jahre in Berce in Lorelien zu treffen. Das Dorf liegt an der Küste vor der Insel Ji, ziemlich genau in der Mitte der bekannten Welt.
Nach und nach verstarben die Angehörigen der ersten Generation. Ihre Nachkommen trafen sich weiterhin, um eines Geschehnisses zu gedenken, über das sie fast nichts wussten. Manchmal, wenn die Nacht finster ist, nehmen die Älteren die Jüngeren mit auf die Insel. Dort geben sie das Geheimnis an die nächste Generation weiter und lassen sie feierlich schwören, Schweigen zu bewahren. Vielleicht hätten sie das besser nicht getan.
Doch kann man ein Geheimnis für immer wahren?
Dieses Jahr findet wieder eine Zusammenkunft statt, und bis zum Tag der Eule sind es nur noch drei Dekaden. Dieses Jahr ist mein fünfzehntes, und man wird mich auf die Insel bringen.
Alle, die zur Insel gefahren sind, waren nach ihrer Rückkehr verändert. Nicht mehr so unbeschwert, ernsthafter und seltsam traurig.
Eigentlich möchte ich das Geheimnis gar nicht kennen, doch ich möchte in den Kreis der Erben aufgenommen werden. Ich möchte meine Freunde wiedersehen, die für mich wie Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten sind. Ich möchte Tiramis und Yon, ihre Nachkommen und meine verstorbene Mutter ehren.
In drei Dekaden findet die Zusammenkunft der Erben statt, und ich werde zur Insel fahren.

002
ERSTES BUCH
WEGE NACH BERCE
Bowbaq wachte auf, ohne einen Laut von sich zu geben. Er hielt die Augen noch eine Weile geschlossen, bevor er sie widerstrebend aufschlug. Es war dunkel, und der Morgen lag noch in weiter Ferne. Er zog seine Decken und Felle über sich, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und streckte sich aus.
Wos war unruhig; Bowbaq hörte das Tier aufgeregt in der Koppel hin und her traben. Wahrscheinlich hatten sich Wölfe wieder einmal zu nah an die Hütte herangewagt. Er überlegte aufzustehen, beschloss dann aber, lieber im Warmen zu bleiben. Wos war schon immer viel zu ängstlich gewesen, und die Wölfe waren nicht mutig oder hungrig genug, um ein ausgewachsenes Steppenpony anzugreifen.
Bowbaq wälzte sich im Bett herum. Seine Frau fehlte ihm. Wie in den Jahren zuvor war Ispen mit den Kindern zu ihrem Klan gezogen, um dort die Zeit der Schneefälle zu verbringen. Wie jedes Mal war er anfangs froh über die wiedergewonnene Freiheit gewesen, doch nach einigen Dekaden machte ihm die Einsamkeit zu schaffen. Vielleicht sollte auch er seinen Verwandten einen Besuch abstatten? Inzwischen war es zwar zu spät, um Ispen zu folgen, doch sein eigenes Heimatdorf lag nur wenige Tagesreisen entfernt.
Wos wieherte. Was für ein Quälgeist! Wenn Bowbaq an die vielen Male dachte, wo sich der stolze Herr Wos zu fein gewesen war, einen Schlitten zu ziehen und nichts anderes im Kopf gehabt hatte als abenteuerliche Ausritte! Ein schöner Abenteurer war er!
Mit einem Seufzer beschloss Bowbaq, nach dem Tier zu sehen. Unwillig schob er die Decken beiseite und trat zur Feuerstelle.
Die Glut war noch nicht erloschen, er hatte also nur wenige Dekanten geschlafen. Trotzdem war die bittere Kälte bereits in die Hütte gekrochen, und der Wind, der durch die schmalen Ritzen der Wände pfiff, zeugte davon, dass es draußen noch viel kälter war.
Bowbaq legte einige Scheite nach und schürte das Feuer. Bevor er aus dem Haus ging, zog er sich umständlich mehrere Pelze über, ohne die Bänder festzuknoten. Dann griff er nach seinem Stock und zog die Tür einen Spalt auf.
Eisige Kälte schlug ihm ins Gesicht. Die Nacht war still, und der Schneesturm der letzten Tage hatte sich gelegt. Er zog die Tür hinter sich zu und stapfte um die Hütte herum zur Koppel. Es war fast taghell. Der Vollmond stand hoch am Himmel, und sein Licht spiegelte sich im makellosen Weiß der Landschaft.
Trotz seiner Größe kam Bowbaq im tiefen Schnee nur mühsam voran, und es dauerte mehrere Dezillen, bis er am Gatter angelangte. Das Pony erwartete ihn bereits ungeduldig. Es scharrte mit den Hufen und redete drauflos, sobald er in Sichtweite war.
›Fremde uns jagen. Fremde kommen. Uns jagen. Fremde. Mehrere. Kommen uns jagen. Fremde. Mehrere.‹
Auf den letzten Schritten rieb sich Bowbaq müde die Augen. Für ein Herdentier besaß Wos wirklich erstaunliche Fähigkeiten. Nur selten konnte sich ein Pony so gut ausdrücken. Doch es fehlte ihm an der Ruhe und Gelassenheit der Raubtiere, und seine Worte kamen oft als unverständlicher Gedankenwirrwarr bei Bowbaq an.
Der Mann hob den Kopf, schaute dem Tier tief in die Augen und erreichte seinen Geist, wie er es schon so oft getan hatte. Dann sprach er zu Wos, ohne dass ein Wort über seine Lippen kam, und übermittelte ihm seine Gedanken. Bowbaq bemühte sich, einfache Worte und Begriffe zu wählen, die das Pony verstehen konnte. ›In Sicherheit. Fremde schwach. Haben Angst vor uns.‹ Dann beschwor er gedanklich das Bild eines Wolfs herauf und schickte es dem Tier. ›Fremde klein. Wir groß.‹
Wos bäumte sich auf und schlug ein paar Mal nervös aus. Er ließ sich weder durch Bowbaqs Streicheleinheiten noch durch Worte besänftigen.
›Nein. Nein. Nein. Nicht er. Er klein. Nicht er. Keine Gefahr. Nein. Fremde groß. Gefahr. Mehrere. Uns jagen. Kommen. Nein. Nicht er. Gefahr.‹
Angesichts der Sorglosigkeit seines Herrn geriet das Tier immer mehr in Panik. Trotz seiner Fähigkeiten konnte Wos nicht genau beschreiben, wovor er Angst hatte; allein sein Instinkt warnte ihn.
Bowbaq versuchte der Form halber, den tiefen Geist des Ponys zu erreichen – vergebens. Keine Wölfe? Was dann? Ein umherirrender Bär, der spät dran war mit dem Winterschlaf? Aber Wos hatte von mehreren gesprochen. Bowbaq verwünschte die Tatsache, dass Tiere nicht zählen können. Mehrere, das konnten verdammt viele sein.
Füchse? Anatoren? Vielleicht sogar ein Rudel Fleckenlöwen? Wenn Mir da wäre, würde sich Wos wesentlich sicherer fühlen – und er selbst auch. Bowbaq hatte den Schneelöwen von Geburt an aufgezogen, und er war wie sein ganzer Klan stolz darauf, mit einem ausgewachsenen Raubtier befreundet zu sein. Nur beschützte Mir dieses Jahr Ispen und die Kinder auf ihrer Reise und war viele, viele Meilen entfernt.
Die Nacht würde weit ungemütlicher werden, als er gedacht hatte. Bowbaq verschloss seine Gedanken vor dem aufgeregten Geplapper des Ponys und machte auf dem Absatz kehrt. Er sorgte sich nicht allzu sehr, da die Raubtiere wahrscheinlich nur vorbeizogen oder in einiger Entfernung um die Hütte herumstrichen, sich aber nicht näher herantrauten. Vor allem nicht, wenn er erst einmal ein Feuer entzündet und sich mit seinem Bogen in Sichtweite aller blutrünstigen Fleischfresser postiert hätte! Er war nicht gerade begeistert davon, die ganze Nacht Wache halten zu müssen, denn schließlich hatte er seine Hütte absichtlich fern der Orte gebaut, an dem sich die wilden Tiere versammelten.
Drinnen suchte Bowbaq alles zusammen, was er für die Wache brauchte: einen Feuerstein, etwas Reisig und ein paar trockene Holzscheite, Pfeil und Bogen, ein kleines Elfenbeinmesser, das er sich in den Gürtel schob, und schließlich noch eine Flasche Most und ein großes Stück Räucherspeck. Das alles wickelte er in ein dickes Fell, mit dem er sich warm halten wollte, knotete seine Pelze fest und trat nach draußen.
Als er die Tür hinter sich zuzog, gellte ihm Wos’ Wiehern in den Ohren. Es klang noch verängstigter als zuvor.
Gleichzeitig hörte er ein dumpfes ›Plock‹ und spürte eine Schwingung neben dem Kopf.
Instinktiv presste er sich an den Türrahmen und schützte sein Gesicht. Dann fiel sein Blick auf die Ursache des Geräuschs.
Der Bolzen einer Armbrust steckte im Holz, kaum einen Fuß von seinen Augen entfernt. Bowbaq glaubte, ihn immer noch schwach vibrieren zu sehen.
Er ließ sein Bündel fallen und warf sich bäuchlings zu Boden. Gerade noch rechtzeitig: Schon spürte er, wie der zweite Bolzen ihm die Mütze vom Kopf riss und in die Tür einschlug. In fliegender Hast robbte er zu einem kleinen Schneehügel nur wenige Schritte von der Hütte entfernt, unter dem sich ein alter Baumstumpf verbarg. Er lehnte sich mit dem Rücken dagegen und zog sein Elfenbeinmesser aus dem Gürtel.
Es war totenstill, bis auf die Geräusche, die Wos machte, und sein eigenes Keuchen. Bowbaq bemühte sich, ruhig zu atmen, und konzentrierte sich auf den Angreifer. Wo war er? Wer war er? Und vor allem: Wie viele waren es?
Eine Armbrust kann man nicht in wenigen Augenblicken nachladen. Entweder besaß der Mann zwei davon – mindestens -, oder er war nicht allein. Leider sprach nach der Unterhaltung mit Wos einiges für die zweite Möglichkeit. Waren es Plünderer? Krieger eines verfeindeten Klans? Reisende?
Tausend Fragen schossen Bowbaq durch den Kopf. Er zwang sich, nur an eins zu denken: einen Ausweg. Alles andere würde sich später klären – oder eben nicht.
Wenn er es schaffte, zur Hütte zurückzulaufen, die Tür aufzureißen, hineinzuschlüpfen und sich im Innern zu verbarrikadieren, würde er sich besser verteidigen können. An Waffen mangelte es ihm nicht, und er würde seine Feinde zumindest bis zum Morgen auf Abstand halten können. Es sei denn, sie zündeten ihm die Hütte an. Wie auch immer – die Tür schien Meilen entfernt zu sein, und Bowbaq hätte sich dafür ohrfeigen können, dass er nicht gleich beim ersten Pfeil nach drinnen geflüchtet war.
Die Zeit rann ihm durch die Finger. Jeder verlorene Moment kam seinen Feinden zugute, da sie nicht zögern würden, ihn zu umzingeln, wenn sie das nicht schon längst getan hatten. Wenn er wenigstens an seinen Bogen herankäme, könnte er vielleicht einen Angriff von dieser Seite abwehren. Doch seine Feinde mussten nur ein Feuer anzünden, eine Wache aufstellen und warten, bis ihr Opfer erfroren war.
Bowbaq dämmerte, dass er längst tot wäre, wenn Wos ihn nicht geweckt hätte. Seine Angreifer kannten anscheinend keine Skrupel, sie hätten ihn einfach überrumpelt und feige im Schlaf ermordet.
Wos. Wenn das Pony nicht eingesperrt wäre, könnte er es rufen und auf ihm fliehen. In Gedanken legte er den Weg zur Koppel zurück, aber die Strecke dorthin war noch viel weiter als bis zur Hüttentür. Was nun?
Vielleicht, wenn er in die andere Richtung … An der Südseite der Hütte verlief ein Graben, durch den im Frühling das Schmelzwasser abfloss. Um diese Jahreszeit war er mit gefrorenem Schnee gefüllt, aber er war immer noch ungefähr einen Fuß tiefer als das umliegende Gelände.
Natürlich war der Graben nicht breit. Doch wenn er seine dicksten Pelze auszog, müsste er hindurchkriechen können. Nach zehn Schritten – allerhöchstens – wäre er außer Reichweite der Bolzen.
Er fackelte nicht lang und zog sich die obersten Pelzschichten über den Kopf, ohne die Bänder zu lösen. Eisiger Wind fuhr ihm in die Glieder, und er hoffte, dass er seinen Angreifern nicht entkam, um auf dem Weg zu seinem nächsten Nachbarn jämmerlich zu erfrieren.
Das Schwierigste würden die wenigen Schritte sein, die ihn von dem Graben trennten. Er schob sich das Messer in den Stiefel, ging in die Hocke, spannte sämtliche Muskeln an, holte tief Luft und hechtete in den schmalen Graben vor der Hüttenwand. Seine Hände und Knie sanken anderthalb Fuß tief in den Schnee. Er zog sie sofort wieder heraus, kroch so schnell er konnte zur Rückseite der Hütte und rechnete damit, jeden Moment von einem Pfeil getroffen zu werden.
Er war nicht sicher, doch er meinte, während seines Sprungs mindestens einen Schuss gehört zu haben. Er machte sich nicht die Mühe nachzusehen, ob ein weiterer gefiederter Bolzen in der Hüttenwand steckte. Allerdings hörte er jetzt Stimmfetzen. Ein Mann, der etwa dreißig Schritte von ihm entfernt stehen musste, erteilte Befehle in einer ihm unbekannten Sprache.
Bowbaq erreichte das Ende des kleinen Grabens. Seine Kleider waren an Knien und Ellbogen durchnässt, und die Gelenke steif vor Kälte. Den anderen Körperteilen erging es nicht besser. Er hob den Kopf, spähte über den Rand und sah sich rasch um. Zwei Männer kamen aus unterschiedlichen Richtungen auf ihn zugerannt. Der eine hielt eine kleine Lanze in der Hand, der andere ein Krummschwert. Sie waren von Kopf bis Fuß in Felle gehüllt, schienen aber durch die unförmige Kleidung nicht in ihren Bewegungen eingeschränkt. An ihren Füßen waren mit geflochtenen Riemen bespannte, zu einem Oval gebogene Ruten befestigt, wie sie Arkarier aus Tolensk trugen. Mit diesen Schuhen konnten sie sich trotz des tiefen Schnees gut fortbewegen.
Bowbaq sah seine Überlebenschancen schwinden. Er beschloss, aufs Ganze zu gehen, schnellte hoch und rannte los. Zur Koppel war es nicht mehr weit.
Ein stechender Schmerz fuhr ihm in die linke Schulter. Ein Bolzen aus der Armbrust eines dritten Mannes hatte ihn getroffen. Mit dem Mut der Verzweiflung kletterte er über den Balken, ließ sich auf der anderen Seite des Zauns fallen und spurtete über die Koppel auf das Gatter zu. Wos erwartete ihn voller Ungeduld.
Bowbaq rechnete damit, sich jeden Moment einen weiteren Pfeil einzufangen oder auf einen seiner Feinde zu stoßen, der ihm den Weg abschnitt. Eilig schob er das Gatter auf und lief zu dem Pony, um sich auf dessen Rücken zu schwingen.
Aber Wos hatte eigene Pläne. Kaum war der Spalt groß genug, zwängte er sich hindurch, preschte davon und ließ Bowbaq stehen, allein und hilflos. Ungläubig sah er zu, wie das Tier um die Hütte herumgaloppierte und seine verzweifelten und wütenden Rufe ignorierte.
Dieser Dummkopf floh noch nicht einmal in die richtige Richtung.
Wos schien an dem Mann mit der Lanze vorbeizugaloppieren. Im letzten Moment warf er sich herum und trat kräftig aus. Der überraschte Angreifer wurde von zwei schweren Hufschlägen des Riesenponys zu Boden geschleudert. Um die Sache zu Ende zu bringen, trampelte Wos noch einen Moment lang auf ihm herum, dann warf er den Kopf hoch und galoppierte auf den zweiten Mann zu.
Die ersten Schreckdezillen hatten Bowbaq gelähmt, doch nun setzte er sich ebenfalls in Bewegung. Er rannte zurück über die Koppel, kletterte wieder über den Zaun, sprang in den Schnee und sank bis zu den Knien ein. Dann kämpfte er sich bis zu der Stelle vor, wo der Mann mit der Lanze lag.
Mit seinem zweiten Gegner hatte Wos kein so leichtes Spiel. Der Mann wirbelte geschickt mit dem Schwert durch die Luft, um das Pony auf Abstand zu halten. Wenigstens war er so eine Weile beschäftigt, dachte Bowbaq. Mittlerweile war auch der dritte Mann zu sehen, der gerade seine Armbrust nachlud.
Die Leiche des Mannes mit der Lanze war kein schöner Anblick. Wos’ Hufe hatten ihn mehrmals im Gesicht und am Hals getroffen, und der Kopf war beinahe vom Rumpf getrennt. Bowbaq keuchte auf und unterdrückte die aufsteigende Übelkeit. Als er die Lanze des Toten aufhob, hörte er ein vertrautes Brüllen.
Mir war da. Der Löwe thronte am Waldrand vor den verschneiten Bäumen, etwa hundert Schritte entfernt, als säße er für einen Bildhauer Modell.
Sein Brüllen ging in ein tiefes, anhaltendes Knurren über, das trotz der Entfernung deutlich zu hören war. Die Mähne umgab den Kopf wie ein Feuerkranz, und das Fell war entlang der Wirbelsäule bis zum Schwanz steil aufgerichtet. Seine gelben Flecken waren zu dieser Jahreszeit kaum zu erkennen: Der Körper des Raubtiers schimmerte wie Alabaster, und nur die flammenden Augen und das blutrote, elfenbeinweiße Maul hoben sich vom Fell ab.
Geschmeidig trat der Schneelöwe zwei Schritte vor. Sein Knurren verstummte, und nach einem kurzen Moment der Reglosigkeit stürzte er sich mit ein paar schnellen Sprüngen in den Kampf.
Beim Anblick des Löwen waren alle erstarrt, doch jetzt setzten sie sich wieder in Bewegung. Wos brachte sich vor Mir in Sicherheit, der nun direkt auf den Mann mit dem Schwert zustürmte. Das Raubtier warf ihn zu Boden, und Bowbaq erkannte an den gellenden Schreien des Mannes, dass er einen Gegner weniger hatte.
Er selbst lief mit großen Schritten auf den dritten Mann zu, der nicht von seinem Vorhaben ablassen wollte, obwohl sich seine Lage verschlechtert hatte. Bowbaq hatte noch nie eine Armbrust geladen. Er wusste nicht, ob er seinen Feind erreichen könnte, bevor dieser ihm einen Bolzen zwischen die Augen schoss.
Wenn er jetzt stehen blieb und die Lanze warf …
Nein!
Aber er würde mit Sicherheit treffen. Aus dieser Entfernung würde er kein Ziel verfehlen.
Nein! Er würde nicht töten!
Andererseits … Er würde sein eigenes Leben retten, Ispen wiedersehen, die Kinder, seine Freunde.
Nein! Niemals würde Bowbaq vorsätzlich einen Menschen töten. Das hatte er sich geschworen!
Das kurze Gedankenspiel hatte sein Schicksal ohnehin besiegelt. Mit einem Freudenschrei schob der Mann den kurzen Pfeil in die Rinne und hob die Waffe. Sein Opfer war nur noch wenige Schritte von ihm entfernt und rannte direkt auf ihn zu.
Bowbaq schloss die Augen, drückte sich mit aller Kraft vom Boden ab und warf sich nach vorn. Er hörte das tödliche Klacken der Armbrust und spürte im selben Moment, wie seine Lanze hart gegen einen Körper stieß.
Im Schnee liegend wartete er auf den Schmerz, denn der Bolzen musste ihn unweigerlich getroffen haben, doch er spürte nur die brennende Wunde an seiner linken Schulter.
Er hob den Kopf – gerade noch rechtzeitig: Sein Feind war drauf und dran, ihm die nun unbrauchbare Armbrust über den Schädel zu ziehen. Bowbaq rollte zur Seite, stieß einen Schmerzensschrei aus, als seine Schulter den Boden berührte, kam auf die Knie und ließ die Lanze durch die Luft sausen. Der hölzerne Schaft traf einen Kopf, und der Fremde ging ebenfalls zu Boden.
Wutschnaubend rappelte sich Bowbaq hoch und drückte dem Angreifer die Spitze seiner Lanze an die Brust. Der Mann, der jetzt im Schnee saß, streifte seine Kapuze zurück, zog sich eine Haube mit Augenschlitzen vom Kopf und entblößte einen kahl geschorenen Schädel. Er war noch recht jung, in seinem dreißigsten Jahr vielleicht, jedenfalls jünger als Bowbaq. Er war kein Arkarier und schien überhaupt nicht aus den Oberen Königreichen zu stammen.
Der Mann rieb sich die schmerzende Schläfe und entdeckte Blut an seinen Fingern. Er warf Bowbaq einen finsteren Blick zu. Dieser zuckte zusammen, weil er dem anderen eine klaffende Wunde zugefügt hatte. Wäre sein Schlag auch nur etwas fester gewesen, hätte er womöglich seinen Schwur gebrochen.
Mir kam an seine Seite, und Bowbaq strich ihm über die Flanke. Der Fremde stand auf, und obwohl er keine schnellen Bewegungen machte, knurrte der Löwe bedrohlich. Mit einer Hand auf dem Rücken des Tiers hielt Bowbaq Mir zurück. »Wer seid Ihr?«, fragte er.
Der Mann gab keine Antwort, sondern begann ohne Eile seine Pelze auszuziehen.
Bowbaq wiederholte die Frage, doch abermals blieb eine Antwort aus. Als der Fremde fertig war, trug er nichts als ein leichtes, dunkelrotes Gewand und ein schmales Stirnband, das er am Hinterknopf verknotet hatte. Er war jetzt barfuß.
»Ich habe nicht vor, Euch zu töten. Ich will nur wissen, wer Ihr seid«, versuchte Bowbaq es abermals, diesmal auf Itharisch.
Der Mann ließ die Arme am Körper herabhängen, hob den Kopf und schloss die Augen. Er wirkte abwesend.
»Was wollt Ihr? Sterben? Hier und jetzt?«
Schneller als der Blitz schlug der Fremde Bowbaqs Lanze beiseite, sprang auf ihn zu und zückte einen schmalen, mindestens einen Fuß langen Dolch, aber Mir kam ihm zuvor und schleuderte ihn mit einem gewaltigen Prankenschlag fünf Schritte durch die Luft. Mit zwei Sätzen war das Tier über ihm und biss ihm die Halsschlagader durch, ohne auf Bowbaqs Rufe zu hören.
Für Bowbaq, der Gewalt verabscheute, war der Anblick zu viel. Er sank in den Schnee und vergrub das Gesicht in den Händen.
Eine raue Zunge leckte ihm die Finger, und fauliger Atem fuhr ihm scharf in die Nase. Geistesabwesend streichelte Bowbaq den Löwen, die andere Hand immer noch vor den Augen, während sich die Geschehnisse in sein Gedächtnis einbrannten. Dann wich er einen Schritt zurück und betrachtete das friedliche Gesicht des Schneelöwen. Die makellose Mähne, die fragenden Augen und das Maul, das vom Blut seiner Opfer rot glänzte.
Bowbaq stand auf. Auch wenn er über Mirs und Wos’ Eingreifen froh war, auch wenn er ihnen sein Leben verdankte, hatte er mittelbar zum Tod dreier Männer beigetragen, und niemand konnte ihn zwingen, das gut zu finden.
Die Worte des großen Löwen glitten in seine Gedanken:
›Wie geht es Mann? Mann verletzt.‹
Bowbaq hatte den Bolzen, der in seiner Schulter steckte, fast vergessen. Der Schmerz hatte nachgelassen, und die Wunde blutete nur noch schwach. Behutsam zog er an den Federn, um herauszufinden, wie tief der Pfeil eingedrungen war, und verzog das Gesicht, als sich sein Körper gegen die Behandlung sträubte. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen, denn wenn er den Bolzen nicht sofort entfernte, würde es später sehr viel mehr schmerzen.
›Ich werde wieder gesund. Ich bin froh, Mir zu sehen.‹
Als Zeichen der Zustimmung schlug der Löwe die Kiefer aufeinander und verschwand ohne ein weiteres Wort im Wald. Bowbaq wusste, dass er in dieser Nacht nichts mehr zu befürchten hatte. Niemand käme an dem Schneelöwen vorbei. Er vergewisserte sich, dass es Wos gut ging, und kehrte in die Hütte zurück.
Die Wärme des Feuers hüllte ihn ein. Vorsichtig zog er seine durchnässten Kleider aus und achtete darauf, den Bolzen so wenig wie möglich zu berühren. Als er die Wunde endlich freigelegt hatte, schob er sich einen Handschuh zwischen die Zähne, hielt den Atem an und zog den Fremdkörper mit einem Ruck heraus.
Er biss nicht auf den Handschuh, sondern spuckte ihn aus und schrie vor Schmerz auf. Stöhnend presste er ein Tuch auf die Wunde und musterte den Bolzen, der vor ihm lag. Erleichtert stellte Bowbaq fest, dass er vollständig herausgekommen war.
Als die Blutung nachgelassen hatte, goss er reichlich Alkohol auf die Wunde und verband sie. Dann goss er sich auch reichlich Alkohol in die Kehle.
Jetzt, wo er verarztet und aufgewärmt war, ging es ihm besser, und er konnte sich endlich den Fragen widmen, die er sich seit Beginn des Angriffs stellte.
Wer waren die Männer?
Was wollten sie? Außer ihn umbringen, natürlich.
Bowbaq war noch nicht viel in der Welt herumgekommen und kannte eigentlich nur Mittelarkarien. Solange er zurückdenken konnte, hatte er nichts getan, weswegen ihm irgendjemand drei Mörder auf den Hals hetzen würde. Vielleicht arbeiteten die Männer aber auch auf eigene Faust und hatten sich geirrt, denn Bowbaq besaß keine Reichtümer. Waren sie vielleicht verrückt? Fanatiker auf der Suche nach einem Menschenopfer?
Oder …
Die Neugier siegte, und er beschloss, die Leichen nicht erst am Morgen zu untersuchen. Er zog sich trockene Kleidung über und ging abermals nach draußen.
Nachdem er seine Furcht überwunden hatte, trat er zu dem Mann, den Wos getötet hatte. Seine Haut war wachsbleich, und eine hauchdünne Eisschicht bedeckte den Körper. Bowbaq schob die Hände unter die Leiche und hob sie an, um sie umzudrehen. Ein widerwärtiges Knacken war zu hören, als sich die steifen Glieder vom Boden lösten. Er wollte lieber nicht darüber nachdenken, woher diese Geräusche stammten.
Er hatte es eilig, von dem Toten wegzukommen, und durchsuchte ihn hastig, fand aber nichts, was ihm weiterhalf. Der Mann schien nichts Ungewöhnliches bei sich zu tragen, abgesehen von einem roten Gewand und einem Dolch, wie sie auch der andere mit der Armbrust besessen hatte. Diesem wandte sich Bowbaq jetzt zu.