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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Das Buch
Seit erstmals Schiffe den gewaltigen Ozean überquerten, spricht ganz Corbane von der Sturmwelt: Ein Reich inmitten der Weltmeere, dessen Schätze, Magie und Gefahren einzigartig sind. Als der junge Adelige Jaquento auf einem Schiff anheuert, um die alte Welt hinter sich zu lassen, kennt er deshalb nur ein Ziel: Er will das legendäre Inselreich entdecken. Doch kaum dort angekommen, gerät Jaquento auf das Piratenschiff Todsünde, dessen charismatischer Kapitän Deguay ihn in eine ebenso faszinierende wie undurchsichtige Welt entführt.
Zur gleichen Zeit nimmt auch das Kriegsschiff Mantikor Kurs auf Sturmwelt-Gewässer. Für die junge Roxane ist es ihr erster Einsatz als Offizierin. Doch schon bald wird die Fahrt von den düsteren Launen des Kapitäns überschattet, der alles daransetzt, ein mysteriöses schwarzes Schiff zu kapern.
Als schließlich sowohl die Freibeuter als auch die Marine vor der Küste der Sklaveninsel Hequia auf ihre Beute treffen, muss Jaquento eine Entscheidung treffen, von der nicht nur das Schicksal der Inseln abhängt...
 
»Sturmwelten« ist der furiose Auftakt zur neuen atemberaubenden Fantasy-Trilogie von Bestsellerautor Christoph Hardebusch.

Der Auor
Christoph Hardebusch, geboren 1974 in Lüdenscheid, studierte Anglistik und Medienwissenschaft und arbeitete anschließend als Texter bei einer Werbeagentur. Sein Interesse an Fantasy und Geschichte führte ihn schließlich zum Schreiben. Seit dem großen Erfolg seiner Romane Die Trolle – ausgezeichnet mit dem deutschen Phantastik-Preis 2007 für das beste deutschsprachige Roman-Debüt – und Die Schlacht der Trolle ist er als freischaffender Autor tätig. Er lebt und arbeitet in Heidelberg.
 
Mehr zu Autor und Werk unter:

Für meine Liebe, die jeden Ort zu meinem Heimathafen macht.

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»19. Sollte eine Person in der Flotte, oder die der Flotte zugehörig ist, eine Versammlung zum Zweck der Meuterei aus egal welchem Vorwand abhalten oder anstreben, wird jede Person, die einen Verstoß dieser Art begeht, und die vom Kriegsgericht für jenes verurteilt wird, dem Tode überantwortet werden.«
Die Kriegsartikel der Thaynrischen Marine
 
»1. Jede Person hat eine Stimme in allen Abstimmungen; hat gleiches Recht auf einen Anteil der frischen Vorräte oder starken Schnäpse, sowie sie erbeutet werden, und darf diese nach Wunsch nutzen, ausgenommen dass eine Knappheit es für das Wohl aller nötig macht, über eine Einschränkung abzustimmen.«
Der Kodex der Piraten

DRAMATIS PERSONAE
Personen in Corbane
Cidoq
Esterge
Franigo
Gasparde,
Princiess von Gureman
Genaro
Heberd,
Sohn des Vichess von Paduny
Imerol Alazraqui i Urnera
 
Marschall Bouflon
Morwey
Sugérand XV.
Tareisa
Urzangín
Yuone
 
Personen in der Sturmwelt
Admiral Holt
 
Amredo
Aymero
Bara
Theaterkritiker
Hauptmann
Hiscadischer Dichter
Mäzen
 
Dichter
Junger Adliger und
Offizier
Hiscadischer
Glücksritter
Marschall von Géronay
Königin von Thaynric
König von Géronay
Maestra
Hiscadischer Adliger
Schauspielerin
 
 
 
Kommandeur der
Sturmwelt-Flotte
Wirt
Sklave
Sklave
Bebe
Brizula
Dagüey
Hayuya
Jaquento
Kalan
Loress
Majagua
Serelle
Sinao
Tangye
Wicfred Cann
 
Besatzung der Mantikor
Aella Hugham
Cearl Frewelling
Coenrad Groferton
Galfrid Sellisher
Heric Cudden
Hoare
Imrin
Mathel
Oric Harfell
Pead
Roxane Hedyn
Saefled Tabard
Tola Levman
 
Besatzung der Todsünde
Ayvon
Bihrâd
Eaga
Erry
Sklave
Sklavin
Sklave
Sklave
Hiscadi
Sklave
Kapitän der Wyrdem
Sklave
Hure
Sklavin
Aufseher
Kapitän der Korvette Luchs
 
 
 
Leutnant, Zweite Offizierin
Leutnant, Erster Offizier
Maestre
Caserdote, Schiffskaplan
Leutnant der Marinesoldaten
Matrose
Fähnrich
Matrose
Kapitän
Schiffsjunge
Leutnant, Dritte Offizierin
Schiffsärztin
Fähnrich
 
 
 
Maestre
Maureske, Arzt
Matrosin
Matrose
Hilrica
Jani
Manoel, gennat Mano
Neria
Overo
Pertiz
Quibon
Rahel
Rénand Deguay
Scet
Thryd
 
Historische Personen
Corban
Endemus
Leofwyn
Pastridge
Pertiz Sucrof
Navigatorin
Schiffsjunge
Maestre
Schiffszimmerer
Matrose
Offizier
Offizier
Offizierin
Kapitän
Matrose
Matrose
 
 
 
Prophet
Philosoph von Carles
Königin von Thaynric
Admiral und Autor
Legendärer Korsar aus Maillot

PROLOG
004
Ein einzelner Schrei, lang gezogen und so von Einsamkeit erfüllt, dass die Frau unwillkürlich erzitterte, erfüllte die laue Nacht. Für einen Moment verstummte das Konzert der Vögel, erst
als der Schrei verklang, ertönte wieder ihr ewiges Lied vom Streben gegen das Vergehen.
Sie konnte nur hoffen, dass keine neugierigen Augen ihr Zaudern bemerkt hatten, und so schritt sie selbstbewusst und forsch weiter, vorbei an umgestürzten Säulen, kopflosen Statuen, deren Farben längst verblichen waren, und überwachsenen Brunnen, die schon lange kein Wasser mehr führten. Einst mochte dies ein prächtiger Garten gewesen sein, dessen Schönheit die Menschen innehalten ließ, doch dieser vergangene Glanz ließ sich nur noch erahnen. Jetzt war die Anlage wenig mehr als ein Mahnmal der Vergänglichkeit. Irgendwer hatte einige der Büsten wieder aufgestellt, dort, wo sie nicht von Pflanzen überwuchert wurden. Bleiche Imperatoren, Kaiser, deren Wort einst ganze Völker bewegt hatte, starrten mit leeren Marmoraugen auf die Besucherin.
Sie jedoch beachtete ihre Umgebung nicht, sondern folgte dem einzigen Weg, dessen Steinpflaster noch erhalten war, zum Zentrum der Anlage. Das Mausoleum, einst ein Gebäude von filigraner Schönheit, war halb eingestürzt, seine verzierten Bögen unter dem eigenen Gewicht zerborsten, als die Magie aus ihnen schwand.
Die Frau folgte nun unbeirrt dem Pfad, schritt über einige Trümmer hinweg und durch den Türsturz und trat hinter den Sarkophag, dessen einst lebensechtes Abbild der Toten nun unter zentnerschweren Blöcken begraben war.
Eine Treppe führte in die Dunkelheit hinab. Einen Moment lang sammelte die Frau sich, öffnete die Pforte in ihrer Seele, konzentrierte sich auf die machtvollen Energien um sich herum. Die Veränderung war gering; immer noch war es dunkel, doch die Schatten boten ihren Augen nun keinen Widerstand mehr. Sicheren Schrittes stieg sie hinab und erreichte bald das Portal aus schwarzem Eisen. Ihre Finger glitten über die Runen, entließen winzige Spuren Vigoris in der vorgesehenen Reihenfolge, bis die schwere Tür sich öffnete, mit einem Geräusch, das wie eine flüsternde Totenklage klang.
Der Gang hinter dem Portal stand in absolutem Gegensatz zu dem Verfall über ihr. Magische Lichter, genährt von der Energie der Vigoris, spendeten ein warmes, beinahe anheimelndes Licht. Uralte Mosaike zeigten die wechselvolle Geschichte des Imperiums, den Aufstieg der Nigromantenkaiser, die Eroberung der gesamten bekannten Welt.
Doch auch für diese Wunder hatte die Frau keinen Blick übrig. Sie schritt über kunstvoll verzierte Bodenplatten, ignorierte die schwebenden Lichter und den angenehmen Geruch nach frischem Flieder. Ihre Stiefel hallten auf dem Steinboden, als sie sicher ihren Weg fand, an Abzweigungen vorbei, über Kreuzungen hinweg, Treppe um Treppe tiefer stieg. Sie sah schon lange nicht mehr die Schönheit und Mysterien dieses Ortes, die andere ihres Atems beraubt hätten.
Schließlich öffnete sich vor ihr eine Halle, deren Wände, Boden und Decke mit Lichtern bedeckt waren, die hell wie die Sonne strahlten. Ruhig ging sie weiter, bis sich in dem Lichtermeer vor ihr eine dunkle Pforte öffnete.
Der Raum war klein und seine Wände kahl. Nach der unbegreiflichen Pracht der großen Kaverne wirkte er geradezu grotesk natürlich. Den größten Teil des Bodens nahm ein Becken ein, das mit brackigem, stinkendem Wasser gefüllt war. Inmitten des Beckens trieb eine Gestalt, deren Anblick selbst die Frau erstaunte, deren Augen schon so viel Absonderliches erblickt hatten. Ein dünner, geschlechtsloser Körper, überzogen mit einer weißen, durchscheinenden Haut, unter der man blau die Venen sehen konnte, lag halb versunken im Wasser. Langes, weißes Haar trieb träge in dem Bassin, und das Gesicht des Wesens war gerade so menschenähnlich, dass es dadurch umso grauenhafter wirkte. Die Haut der Lider war durchscheinend, sodass die dunklen Augäpfel, die ruhelos umherzuckten, darunter zu sehen waren, obwohl die Augen geschlossen waren.
Es wehte ein leichter Luftzug, der durch ein schmales Loch in der Decke hinabzog und kühl über die Haut der Frau strich. Ihr Frösteln war indes nicht dem Hauch geschuldet, sondern dem verabscheuungswürdigen und bemitleidenswerten Wesen vor ihr, das einst ein Mensch gewesen sein mochte, jetzt jedoch nur noch ein namenloses Geschöpf war.
Unvermittelt öffnete es die Augen, die durch Fels und Stein hindurchblickten und nichts in der Welt wahrnahmen, die sie umgab.
»Sie zerreißen ihren Leib! Sie reißen den Schatz heraus, sie zerstören, hacken, töten!«, schrie es und öffnete seinen zahnlosen Mund zu einem Seufzen, dessen Schmerz die Frau wie ein Mantel einhüllte. Das Wesen erbebte wie unter Krämpfen, und kleine Wellen brachen sich am Rand des Beckens im Rhythmus seiner Bewegungen.
»Sprich«, befahl die Besucherin leise, die merkte, wie sich eine Woge von Übelkeit in ihr ausbreitete.
»Wo die Sonne sich über das Rund erhebt. Schmutzige Hände stehlen ihren Schatz. Blutige Hände.«
»Mehr!«
Doch die Kreatur schwieg. Es war sinnlos, zu befehlen, und die Frau wusste das. Schon schloss das Geschöpf die Augen, und der Leib versank weiter im Wasser.
Die Frau wandte sich schließlich ab und versuchte augenblicklich, den beunruhigenden Anblick in die hintersten Winkel ihres Geistes zu verbannen. Die Worte waren rätselhaft gewesen wie stets, denn das Wesen hatte Visionen, die es selbst weder steuern noch kontrollieren konnte. Doch der alte Mann würde sie deuten können.
Die Schreie und das Seufzen hatten die Frau aufgeschreckt; für gewöhnlich flüsterte das Wesen nur. Einen Moment noch fragte sie sich, was dies zu bedeuten habe, doch dann verließ sie die Kammer und kehrte zurück in das unmögliche Licht der Kaverne. Vielleicht war dies der Moment, auf den der alte Mann so lange gewartet hatte.
 
Der Schatten der Besucherin blieb zurück, denn in der Kaverne konnte es keine Schatten geben, und er schien ihre Furcht bei sich behalten zu haben. In dem Bassin öffnete das Wesen erneut die Augen. Tanára. Das war mein Name. Einst. Ihr irrender Blick fiel auf den Schatten, und das Echo eines hohlen Lachens füllte die Kammer.

JAQUENTO
005
Die Hitze lag noch über dem kleinen Städtchen, obwohl die Sonne schon lange untergegangen war. In den Gassen stand die schwüle Luft und trieb Jaquento den Schweiß auf die Haut. Auf See hatte es einen stetigen, kühlenden Wind gegeben, nur an Land schien dieser unvermittelt abzuflauen, selbst in einer Küstenstadt wie Portosa.
Einer der häufigen Regenschauer hatte die festgetretene Erde der Wege aufgeweicht und überall auf dem Boden kleine Bäche entstehen lassen; in den Rinnsalen schwamm allerlei Unrat mit, der sich in den Gassen angesammelt hatte. Die Frische des Schauers war längst verschwunden, dafür hing der süße Duft der vielen Blüten in der Luft, in dem eine Note von Verfall und Fäulnis mitschwang.
Hier und da lagen menschliche Gestalten auf dem Boden, manche unter schmalen Vordächern, andere einfach zwischen den geduckt wirkenden Holzhäusern. Kaum ein Gebäude hatte mehr als ein Stockwerk, überall blätterte die bunte Farbe ab, und das darunterliegende Holz quoll durch die ewige Feuchtigkeit auf. So wirkte das Städtchen wie eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, deren Schminke längst verlaufen war und die dennoch im Abglanz besserer Zeiten schwelgte.
Am Hafen zeugten noch einige alte Prachtbauten vom vergangenen Ruhm der Stadt, doch auch diese waren mittlerweile schutzlos der Witterung ausgesetzt und moderten vor sich hin. Was hier eine Hauptstadt genannt wurde, wäre in Jaquentos Heimat nicht mehr gewesen als ein kaum beachtetes Fischerdorf. Um diese späte Stunde waren die Straßen – oder das, wann man hierzulande dafür hielt – nahezu verwaist. Lediglich einige einheimische Nachtschwärmer und Matrosen auf Landgang kreuzten seinen Weg.
Vorsichtig ging Jaquento weiter, sorgsam darauf bedacht, dem gröbsten Schmutz auszuweichen. Sein Blick wanderte umher, suchte in der ungewohnten Gegend nach Vertrautem. Ein nagendes Gefühl der Unsicherheit begleitete ihn, seit er Portosa betreten hatte. Er schob es auf das fehlende Schaukeln des Bodens; an Bord hatte er sich an die stetige Bewegung der See gewöhnt. Doch das Schiff war ohnehin nur kurz Heimstatt gewesen, nicht Ziel, sondern Übergang, und nun musste er sich fragen, wohin sein weiterer Weg ihn bringen sollte.
Endlich erreichte er ein niedriges Haus mit breiter Front, hinter dessen milchigen Fensterscheiben noch Lichter brannten. Gemurmel drang aus dem Gebäude, übertönte fast die Geräusche des nahen Urwalds, in dem zu dieser nächtlichen Stunde allerlei fremdartiges Getier rief, schrie und kreischte. Ein Schrei war noch durchdringender als der Rest des Konzertes, hielt lange an und ließ Jaquento aufblicken. Er fragte sich unwillkürlich, ob die Geschichten über Feuerechsen und fliegende Schlangen, die man ihm auf der Reise erzählt hatte und die er stets lediglich als geschickt gesponnenes Garn abgetan hatte, doch wahr sein mochten, bevor er sich wieder dem Gebäude zuwandte. Ein grobes Holzschild mit zwei daraufgenagelten Affenpfoten hing über der Eingangstür, deren alte Bretter schief und verzogen waren.
Auf dem Boden neben der Tür lag ein verendetes Tier, von Regen und Aasfressern dermaßen zugerichtet, dass man nicht mehr erkennen konnte, von welcher Art es wohl gewesen sein mochte. Zwei große, schwarze Vögel balgten sich um den Kadaver; Raben, wie Jaquento mit Verwunderung feststellte. Haben die Schiffe sie mitgebracht, oder waren sie schon immer hier heimisch? Als die Tiere ihn bemerkten, stoben sie flügelschlagend auf und ließen sich auf den umliegenden Dächern nieder. Misstrauisch legten sie die Köpfe schief und beobachteten den Mann, der kurz zögerte, bevor er mit entschlossenen Schritten die Taverne betrat, wobei er sich ducken musste, da der Türsturz offenkundig nicht für einen Mann von seiner Größe gedacht war. Hinter ihm glitten die Raben lautlos zu ihrer Beute zurück.
 
Im Inneren des Gasthauses erschien es ihm noch heißer zu sein, sofern dies überhaupt möglich war. Die stickige Luft schlug Jaquento entgegen und ließ ihn blinzeln. In einigen Nischen standen Talglampen, deren rußiger Rauch sich unter der Decke in dicken Schwaden sammelte. Es roch nach Schweiß, nach gebratenem Fleisch, nach scharfem Alkohol und nach Urin, eine Mischung, die Jaquento an die Zeit erinnerte, die er während der Überfahrt gezwungenermaßen unter Deck verbracht hatte. Inzwischen hatte seine Nase sich an diese Ausdünstungen menschlicher Existenz auf engstem Raum gewöhnt. Die Wände waren mit allerlei Strandgut geschmückt, kleineren Wrackteilen von Schiffen, löchrigen Fischernetzen, einigen handtellergroßen Schildkrötenschuppen, alles Fundstücke, die die Wellen hier angespült haben mochten. Treibgut, das es in diese Kaschemme am Ende der Welt verschlagen hatte, ebenso wie Jaquento. Die Winde haben mich hierhergeweht, dachte der junge Mann, aber er wollte den Gedanken nicht weiter denken, wollte sich nicht eingestehen, was ein Teil von ihm längst wusste: Er hatte alles verloren – seine Heimat, seine Freunde, ja sogar seinen Namen, ohne die Möglichkeit, zu seinem früheren Leben je wieder zurückzukehren. Und ohne Wurzeln kann man dem Wind nichts entgegensetzen.
Sein Eintreten blieb fast unbemerkt. Hier und da musterten ihn Augenpaare, doch die Mienen blieben unbeteiligt. Fremde waren kein seltener Anblick. Einheimische mit goldbrauner Hautfarbe und rot verbrannte Seeleute saßen Seite an Seite, tranken, lachten und spielten. Eine Frau mit langem schwarzem Haar und einem auffälligen Goldschmuck, der Ohr und Nase verband, tanzte zu den Trommelschlägen eines kräftigen Mannes, dessen unbewegtes Gesicht mit den schräg stehenden Augen und den hohen Wangenknochen eher einer goldenen Maske glich.
Die Taverne »Zwei Hände« war Jaquento vor allem als billig empfohlen worden, und auch die anderen Gäste schienen vorrangig diese Qualität zu schätzen. Zu dieser Stunde waren nur noch Halsabschneider und sonstiges lichtscheues Gesindel unterwegs; dazu die Matrosen, die jeden Augenblick an Land so gut wie möglich auszukosten versuchten.
Unbewusst ballte Jaquento die Fäuste, während seine Züge keine Regung verrieten. Betont lässig schritt er zu der Theke, die lediglich aus zwei Bohlen bestand, die man auf drei Fässer genagelt hatte. Der Wirt, offenbar ein Mischling beider Welten, blickte nicht einmal auf, bis Jaquento sich räusperte und ihn ansprach: »Wein. Roten, Mesér, wenn es beliebt.«
Der alte Mann hob eine Augenbraue, drehte sich wortlos um und stellte einen Tonkrug auf den Tresen.
»Ein Silber.« Die Stimme des Mannes war hell, ein seltsamer Widerspruch zu seinem gegerbten Gesicht und den Narben, die seinen kahlen Schädel zierten. Ohne zu feilschen, griff Jaquento in die speckige Koppeltasche, in der seine Finger seinen deprimierend mageren Geldbeutel fanden. Er legte einen Silberlunar auf die Theke, hielt jedoch die Hand darauf, als der Wirt gierig danach griff.
»Ich suche eine Unterkunft, Mesér. Man hat mir gesagt, dass Euer Etablissement auch Zimmer bietet.«
Einen Moment lang musterte der Alte sein Gegenüber abschätzig. Sein Gesichtsausdruck machte deutlich, dass ihm nicht gefiel, was er sah; dennoch wies er mit dem Kopf hinter sich.
»Zwei Silber jeden Tag. Im Voraus. Kein Essen, kein Wasser.«
Wieder feilschte Jaquento nicht, obwohl der Rest seiner Reisekasse ihn nicht mehr lange ernähren würde. Er nickte dem Wirt zu und legte zwei weitere Münzen auf den Tresen, bevor er seinen Krug nahm und sich auf den Weg zu einem freien Platz machte. Gerade wollte er die Sitzenden fragen, ob er sich zu ihnen gesellen dürfe, da stieß ihm jemand kräftig in den Rücken. Wein schwappte aus dem Tonkrug, als Jaquento sich am Tisch festhielt, um nicht zu stürzen. Der Krug entglitt seinen Fingern und zerschellte am Boden. Fluchend sprangen alle auf, während sich Jaquento aufrichtete. Seine Stiefel, die schon vorher schmutzig gewesen waren, färbten sich vom Wein dunkel. Rasch drehte er sich um und sah einen großen, bärtigen Mann, der ihn frech angrinste. Die Zahnreihen des Mannes wiesen Lücken auf, und seine dunklen Haare waren wild und ungekämmt.
»Ihr schuldet mir Abbitte, Mesér«, erklärte Jaquento ruhig, aber mit lauter Stimme. »Und einen Krug Wein.«
Unvermittelt wurde es still in der Taverne, als sich alle Augen auf das Geschehen richteten. Ohne Hast ließ Jaquento seinen Blick wandern und versuchte, den Fremden einzuschätzen. Obwohl der Mann von beachtlicher Leibesfülle war, bewegte er sich weder unbeholfen noch langsam. An seinem Waffengürtel hing ein schwerer Säbel, dessen Handschutz Scharten und Kratzer aufwies; eine Waffe, deren Träger sicherlich im Umgang mit ihr geübt war. Noch immer hatte der Bärtige nicht geantwortet, also trat Jaquento einen Schritt vor. Locker ließ er seine Hand auf den Knauf seiner eigenen Klinge fallen, eines einfachen Degens bar jeden Schmucks. Fragend legte er den Kopf zur Seite.
»Es tut mir leid«, antwortete der Fremde langsam, nur um dann noch breiter zu grinsen. »Es tut mir leid, dass du so’n Ungeschickter bist. Jetzt lass mich in Ruhe, sonst schneid’ ich dein’ Wanst auf un’ Amredo muss mehr als nur Wein vom Boden wischen!«
»Ihr weigert Euch also, mir den Verlust zu ersetzen, Mesér? Geschweige denn, Euch für Euer rüpelhaftes Verhalten zu entschuldigen?«
»Biste taub, Bursche? Und was red’ste für’ne gestelzte Sülze?«
Der Mann lachte laut auf, und viele stimmten ein. Auch wenn sich Jaquento nicht davon beirren ließ, sah er die Hände, die hier und dort zu den Waffen glitten. Der Bärtige wollte sich abwenden, aber mit einem Schritt war Jaquento bei ihm und packte ihn mit der Linken an der Schulter, während er sich bereit machte, seine Waffe zu ziehen.
»Dann werden wir uns wohl schlagen müssen«, erläuterte er mit einem Seufzen. »Wollen wir dazu hinausgehen?«
Einen Herzschlag lang standen beide Männer still, dann drehte der Fremde sich mit einem Ruck aus dem Griff. Bevor Jaquento seinen Degen auch nur halb gezogen hatte, blickte er in die Mündung einer kleinen, bösartigen Pistole, die der Bärtige aus seinem Wams gezogen hatte. Mit einer fließenden Bewegung spannte der Fremde den Hahn. Betont langsam ließ Jaquento den Degen zurück in die Scheide gleiten und hob die Hand. Eine geladene Waffe bei sich zu tragen zeugte entweder von Tollkühnheit oder Dummheit; wahrscheinlich war es eine Mischung von beidem.
»Ich denk’ nich’, dass wir uns schlagen müssen, Bursche«, zischte sein Gegenüber. Im Schloss der Pistole konnte Jaquento das Zündhütchen sehen; die Waffe war zweifellos geladen und schussbereit.
»Du kleiner Bastard woll’st dich echt mit mir anlegen, was? Dacht’st wohl, dass ich so’n dummer Inselaffe bin? Was sag’ste jetzt, hm?«
»Mesér, es handelt sich um einen Ehrenhandel. Die Klinge sollte dies entscheiden.« Auch wenn Jaquentos Stimme kurz stockte, waren seine Worte deutlich und klar.
»Darauf scheiß’ ich!«
»Offensichtlich.«
»Du bist so’n Bursche ausser Alten Welt, was? Ehre, pah!«, ereiferte sich der Bärtige und spie auf den Boden. Die Bedrohung ließ vor Jaquentos Augen alles klar und deutlich werden: Der Rauch in der Luft lichtete sich, und die Details seiner Umgebung traten geradezu schmerzhaft deutlich hervor. Die Kratzer im Metall der Pistole, die dichten Bartstoppeln des Mannes, der Tropfen Schweiß, der seine Schläfe hinablief. Die Gesichter der anderen Gäste, in Erwartung des Blutvergießens auf das Paar gerichtet. Jaquento hatte das Gefühl, durch die Augen der anderen direkt in ihren Geist blicken zu können. Er sah Freude, Belustigung, Mitgefühl und Desinteresse; er sah jegliche menschliche Regung, alles versammelt in diesem kleinen Raum. In diesem Raum, in dem er sterben würde, wie die gnadenlosen Augen des Bärtigen ihm versprachen. Das Herz in Jaquentos Brust verlangsamte seinen Schlag, das Kribbeln der Angst in Händen und Füßen verschwand. Wer hätte gedacht, dass ich so enden würde?, fragte sich der junge Mann kalt, fast so, als ob es gar nicht er selbst sei, über dessen Tod er nachdachte. Aber wer kann sich das schon aussuchen?
»Mach deinen Frieden«, zischte der Bärtige, eine Aufforderung, die Jaquento unwillkürlich finster grinsen ließ. Ein lauter Knall ertönte, und beißender Pulverdampf stieg auf.
Einige Momente dauerte es, bis Jaquento an sich herabblickte und begriff, dass er nicht getroffen worden war. Verwirrt tastete er über seinen Körper, doch er blutete nicht und spürte keinen Schmerz. Stattdessen sah er den Bärtigen vor sich auf dem Boden liegen, in einer sich langsam ausbreitenden Lache von Blut, das Gesicht schmerzverzerrt. Sehr langsam ließ das sirrende Geräusch in Jaquentos Ohren nach, und er hörte eine tiefe, raue Stimme: »Der Käpt’n ist nicht zufrieden mit dir, Beil. Und wir sind es auch nicht.«
Durch den Rauch trat ein hünenhafter Mann mit dunkler Haut. Auf den nackten Armen waren zahlreiche Tätowierungen zu sehen, die unter einem ganzen Netz von Narben lagen. In der einen Faust hielt der Mann eine Pistole, deren Mündung qualmte. In der anderen hatte er ein langes Messer, das er dem Getroffenen an die Kehle hielt, als er neben ihm niederkniete.
»Scheiß auf’n Käpt’n«, keuchte der Bärtige und spuckte blutig aus.
»Sollen das deine letzten Worte sein, Freund Beil?«
Die Stimmte des Dunkelhäutigen klang freundlich, beinahe zärtlich, als er die Klinge mit einem Ruck über den Hals des Mannes zog. Umsichtig wischte er das Messer am Wams des Getöteten ab, während dieser sich aufbäumte. Dann richtete der Tätowierte sich wieder auf. Zu seinen Füßen erstarb das letzte Zucken des Bärtigen, doch er schritt, ohne darauf zu achten, über den Toten hinweg.
Immer noch war Jaquento nicht wieder Herr seiner selbst; seine Augen folgten den Ereignissen zwar, aber sein Geist hatte Mühe, zu begreifen, was geschah. Die Klarheit war verschwunden und hatte eine dumpfe Verwirrung zurückgelassen, aus der sich nur ein Gedanke deutlich hervorhob: Ich lebe noch.
Um sich herum sah er Männer und Frauen, die sich von ihren Bänken erhoben hatten. Die Menge wirkte bedrohlich, Gewalt lag beinahe greifbar in der Luft. Der Dunkelhäutige war zu einer kleinen Gruppe zurückgekehrt, die beim Tresen stand. Eine seiner Begleiterinnen wies mit dem Finger auf die Leiche, blickte in die Runde und erklärte mit fester Stimme: »Er hat zwei seiner Waffenbrüder verraten! Er war ein Lump, aber das wäre kein Problem gewesen. Nein, er war dazu ein Verräter, dem seine eigene Haut wichtiger war als seine Brüder und Schwestern!«
Ein Murmeln ging durch den Raum. Jaquento hörte ein geflüstertes Wort, das von Mund zu Mund ging: Todsünde. Langsam verschwanden die Waffen wieder unter Wämsern, in Stiefeln, und die Leute setzten sich bedächtig zurück auf ihre Plätze. Er sah hass- und auch angsterfüllte Blicke, aber niemand widersprach der Frau.
Mit einem »Das ist für die Schweinerei« legte sie einige Münzen auf den Tisch, die der Wirt gierig einsteckte. Sie trug Waffen an der Hüfte, zwei Pistolen und einen Säbel, was Jaquento kaum merklich den Kopf schütteln ließ. Ihr dunkles Haar war mit einem Band zurückgebunden, und sie war in eine einfache, helle Leinenhose samt dazu passendem Hemd gekleidet. Die Hand an seiner Waffe, trat Jaquento zu der Gruppe. Bevor er etwas sagen konnte, hob die Frau die Rechte und grinste breit: »Keine Sorge, du musst dich nicht bedanken. Wir waren auf der Suche nach dem alten Beil. Er hat nicht nur mit dir Streit gewollt.«
Höflich neigte Jaquento das Haupt, doch seine Stimme war kalt: »Der Bärtige und ich hatten einen Ehrenhandel, Meséra. Es war nicht richtig, dass Ihr Euch eingemischt habt!«
Erstaunt öffnete die Frau den Mund, doch anstatt etwas zu sagen, brach sie in schallendes Gelächter aus, das Jaquento härter traf, als es eine Kugel aus ihren Pistolen hätte tun können. Der Dunkelhäutige trat unvermittelt vor, das Messer wieder in der Hand: »Suchst du ebenfalls Ärger, Freund?«
Wieder war seine Stimme täuschend sanft. Doch die Frau legte ihm die Hand auf den Arm.
»Lass ihn, Quibon«, befahl sie ruhig, bevor sie sich wieder an Jaquento wandte: »Es gibt hier keine Ehrenhändel. Und wenn, dann war unser Recht ein älteres, denn Beil hat unsere Leute verraten, lange bevor du deinen Fuß auf die Insel gesetzt hast.«
Zustimmend neigte Jaquento das Haupt und gestand: »Das ist gut möglich. Dennoch …«
»Wenn du wirklich Ärger suchst, wird Quibon dir gerne zu Diensten sein«, unterbrach ihn die Frau mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Dann wandte sie sich an einen ihrer Begleiter: »Stell sicher, dass er tot bleibt, Bihrâd.«
»Nein. Der Tod ist Eure Aufgabe. Die meine ist es, den Tod zu verhindern.«
Der Sprecher war eine Handspanne kleiner als Jaquento. Sein Gesicht lag im Schatten einer Kapuze verborgen, und seine langen, fließenden Gewänder wirkten selbst an diesem Ort exotisch auf Jaquento. Die Züge der Frau verfinsterten sich, doch bevor sie antworten konnte, zog Quibon seufzend eine Machete.
»He! Mach das gefälligst draußen!«, rief der Wirt. »Ihr habt hier genug Blut vergossen!«
Mit zwei seiner Gefährten schleppte der Dunkelhäutige den Toten durch eine Hintertür in die schwüle Nacht.
»Was …«, begann Jaquento, aber die Frau fuhr sich einfach nur mit der Handkante über die Kehle, was den jungen Mann verstummen ließ. Sie trennen den Kopf ab!, dachte er.
»Schau nicht so«, sagte die Frau mit einem Lachen. »In der Sturmwelt zählt ein Menschenleben wenig. Und Beil war ganz besonders wertlos.«
»Das bezweifle ich nicht, Meséra. Ich hätte ihn selbst getötet, wenn ich die Gelegenheit dazu erhalten hätte.«
»Du gefällst mir«, erklärte die Schwarzhaarige trocken. »Wie heißt du?«
»Man nennt mich Jaquento.«
»Ah. Keine Lüge, aber auch nicht die Wahrheit.« Überrascht blickte Jaquento sie an, aber sie winkte nur ab: »Keine Sorge, hier fragt niemand danach, welchen Dreck du am Stecken hast. Es ist egal, wo du herkommst, was du getan hast und wo du hinwillst. Nebenbei: Wo willst du hin?«
Verblüfft schwieg Jaquento. Jetzt, da er an seinem Ziel angekommen war, wusste er darauf keine Antwort. Sein einziger Wunsch war es gewesen, fliehend die Sturmwelt zu erreichen; über die weitere Zukunft hatte er kaum nachgedacht. Auf dem Schiff hatte er sich die Überfahrt verdienen müssen. Die harte Arbeit hatte ihm wenig Zeit gelassen, Pläne zu schmieden.
»Du bist ein Gestrandeter. Deinem Akzent nach aus Hiscadi«, stellte sein Gegenüber nicht unfreundlich fest. »Kannst du mit dem Stück Metall an deiner Seite da umgehen?«
Bestätigend nickte Jaquento.
»Dann findest du auch Arbeit. Mit einigen Spannen Stahl lässt sich hier immer Geld verdienen.«
»Ich bin kein Söldner. Meine Klinge kann man nicht mieten.«
»Natürlich nicht«, antwortete die Frau mit einem Lachen, das sich so rau wie Segeltuch auf bloßer Haut anfühlte.
»Ihr verspottet mich. Dabei weiß ich nicht einmal Euren Namen!«
»Man nennt mich Rahel.«
Höflich verneigte sich Jaquento. »Es ist mir eine Ehre, Meséra.«
»Trinkst du einen Wein mit uns, Jaquento?«
Also gesellte er sich zu der kleinen Gruppe um Rahel, während der Rest der Gäste immer noch Abstand hielt, was Jaquento nach der blutigen Auseinandersetzung nicht weiter verwunderte.
Während Jaquento und Rahel am Kopfende eines Tisches Platz nahmen, setzten sich Rahels Begleiter an das andere Ende und begannen laut mit einem Würfelspiel, das schon bald ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Lediglich der Mann, den sie Bihrâd genannt hatten, spielte nicht mit, sondern ließ seinen Blick wachsam durch die Taverne wandern. Inzwischen hatte er die Kapuze zurückgeschlagen, und Jaquento konnte erkennen, dass er aus dem tiefen Süden stammen musste, vielleicht aus den Mauresken Städten. Seine Haut war dunkel und sein Haar schwarz wie Pech. Hohe Wangenknochen und eine kräftige Nase verstärkten den fremdländischen Eindruck. Besonders eindrucksvoll waren jedoch die Tätowierungen in seinem Gesicht, kleine Reihen von Punkten und Linien auf den Wangen, die in seinem sorgfältig gestutzten Bart verschwanden und den Mann wie aus einer anderen Welt wirken ließen. Als der Fremde Jaquentos Blick bemerkte, runzelte er die dichten Brauen.
»Was willst du?«, fragte er mit seinem fließenden Akzent, der aus der einfachen Frage beinahe eine Liedzeile machte.
»Ich wollte nicht unhöflich sein«, entschuldigte sich Jaquento und wandte den Blick ab. Neben ihm lachte Rahel erneut auf eine Art, die Jaquento unsäglich arrogant erschien.
»Kümmer dich nicht um Bihrâd. Er ist immer so ein Griesgram. Ich glaube, ich habe ihn noch niemals lächeln sehen!«
»Die Zunge ist die Übersetzerin des Herzens. Ein Lachen, das nicht von Herzen kommt, ist wenig wert. Und welches Herz kann in dieser Welt schon lachen?«
»Er redet dauernd in solchen Rätseln«, fuhr Rahel fort und drückte sanft Jaquentos Kinn herum, sodass er sie ansah. Ihre Augen waren blau, jedoch nicht von einem hellen Blau, wie man es im Norden fand, sondern blau wie die See, dort wo sie unendlich tief ist und alle Geheimnisse der Welt in sich birgt. Ebenso wie das Meer wirkten auch Rahels Augen kühl und undurchdringlich, unbegreiflich, doch dabei nur allzu nah an der Grenze des Verstehens, als ob man nur zugreifen müsse, um alle Rätsel zu entwirren. Sie war vermutlich ein wenig älter als er selbst und hatte vielleicht dreißig Winter gesehen, obwohl er es schwer fand, ihre Jahre zu schätzen.
»Du gefällst mir, Jaquento«, wiederholte sie leise, »auch wenn ich nicht sagen kann, warum. Von deiner Sorte haben wir hier mehr als genug: abgebrannt, hager, mit mehr Stolz als Verstand und ihrer Ehre als Letztem, was ihnen geblieben ist. Früher oder später findet man die meisten mit dem Bauch nach oben im Hafen treibend, mit einem hübschen Grinsen auf der Kehle.«
Gebannt lauschte Jaquento ihren Worten. Sein Blick wanderte über die winzige Narbe an ihrem linken Mudwinkel, die ihr den Ausdruck eines ständigen Lächelns bescherte, über die gebräunte Haut und wurde doch immer wieder von ihren Augen gefangen. Ein Schauder durchlief seinen Leib, als er erkannte, wie gut ihre Worte auf ihn zutrafen. Als wisse sie alles über mich.
»Ich weiß wirklich nicht, warum, aber ich möchte dir ein Angebot machen. Heuer bei uns an. In unserer Mannschaft ist noch Platz für zwei Hände, die zupacken können. Seemann mag nicht das beste Los sein, aber es ist besser, als hier am Ende der Welt in diesem schmutzigen Loch zu verfaulen.«
»Anheuern? Auf Eurem Schiff?«, fragte Jaquento ungläubig.
»Natürlich! Wo denn sonst?« Wieder dieses Lachen, das Jaquento bereits jetzt mehr störte, als er sich selbst eingestehen mochte.
»Ich bin kein Seemann, Meséra«, protestierte der junge Mann, nur um einzuräumen: »Mag sein, dass ich mir die Überfahrt als solcher verdient habe, aber …«
»Nichts aber«, unterbrach ihn Rahel rüde. »Ich kann den Lockruf der See schon hören, kann sehen, wie er seine Widerhaken in deine Seele geschlagen hat. Das Meer ist deine Bestimmung, Jaquento. Und das ist gut so, denn hier gibt es nichts anderes. Du kannst in der ewigen Hitze und Schwüle der Inseln verschimmeln, oder du fährst zur See!«
»Ich danke Euch für dieses Angebot«, erwiderte Jaquento steif und erhob sich, »aber ich fürchte, ich kann es nicht annehmen. Ich danke Euch für den Wein und bitte Euch, mich jetzt zu entschuldigen.«
Seine Verbeugung war förmlich und distanziert. Für einen Moment wirkte Rahel zornig, doch der Augenblick verging wie eine Wolke, die kurz die Sonne verdeckt hatte und dem Schein nun nicht mehr im Wege war. Mit einer einladenden Geste wies sie auf den Schemel: »Es war nur ein Angebot, Freund Jaquento. Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Aber deswegen musst du uns nicht gleich verlassen! Setz dich, trink noch einen Wein. Vielleicht magst du eine Runde oder zwei mitspielen?«
Unsicher blickte Jaquento sie an, doch er konnte in ihrem Gesicht kein Arg erkennen. Langsam setzte er sich wieder.
»Ich wollte keinesfalls unhöflich sein«, begann er, doch Rahel winkte ab: »Keine Sorge; es gibt keinerlei Grund, sich zu entschuldigen.«
Mit einer Handbewegung bestellte sie mehr Wein und begann von einer ihrer Reisen zu berichten, deren Erlebnisse so unglaublich erschienen, dass Jaquento annahm, dass es sich um reinstes Seemannsgarn handelte.
»… und dann, mein Freund aus der Alten Welt, erschien ganz plötzlich der Schamane der Paranao und mit ihm alle Geister seiner Ahnen. Wir haben alles stehen und liegen gelassen und sind gerannt wie die Hasen. Und das ganze schöne Gold liegt noch immer in der Flussmündung und wartet darauf, abgeholt zu werden. Wenn es die Geister nicht mitgenommen haben, wer weiß?«
Jaquento musste grinsen; der schwere Rote stieg ihm allmählich zu Kopf, und Rahel hatte ein Talent dafür, Geschichten zu erzählen, das musste man ihr lassen. Einen Moment lang überlegte er, ob ihr wohl daran gelegen wäre, heute Nacht sein Lager zu teilen, aber ein Blick auf die Waffen an ihrer Seite verhinderte, dass er eine derartige Frage stellte.
Erst als er mit schwerem Kopf und noch schwereren Beinen in sein Zimmer torkelte, wurde ihm bewusst, wie viel Wein sie getrunken hatten. Da Rahel mit ihren Begleitern die Taverne verließ, spürte Jaquento einen kurzen Stich des Bedauerns, denn er war sich sicher, dass er sie niemals wiedersehen würde. Vielleicht hätte er doch fragen sollen?
Dann stürzte er auf seine mit Stroh gefüllte Schlafstatt und kämpfte einige Momente gegen das Schlingern der Welt, bevor die Müdigkeit ihn übermannte. Draußen wurde der anbrechende Tag bereits von einer Vielzahl von Vogelstimmen begrüßt, während Jaquento in einen traumlosen Schlaf glitt.

ROXANE
006
Selbst in der geschützten Meerenge des Sanlet war das Meer vom Wind aufgewühlt. Solange die Brise aus dem Südwesten kam, wehte sie die schmale Wasserstraße entlang, die sonst von Insel und Land gemeinsam geschützt wurde.
Auf den grauen Wellen tanzten Schaumkronen, die vom Regen aufgelöst wurden, sich neu bildeten und so den Eindruck von endloser Unruhe verstärkten. Im Grau konnte man im Süden die Insel Dleigh erkennen, die ein dunkler Schemen in den Regenschwallen blieb. Roxane blickte nicht hinter sich, wo sie die Küste von Reidren wusste, der größten Insel des Staates Thaynric. Die beiden Ruderinnen saßen der jungen Frau gegenüber, blickten aber stur an ihr vorbei, während sie sich in die Riemen legten. Der Seegang warf das kleine Dingi immer wieder umher, was Roxanes Magen rebellieren ließ. Innerlich verfluchte sie ihre Konstitution, während sie die Zähne zusammenbiss und sich um ein ausdrucksloses Gesicht bemühte. Statt auf das Schwanken zu achten, fixierte sie das Schiff, das vor ihnen lag.
Die Mantikor war eine schon etwas in die Jahre gekommene Fregatte, die dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, über einen ausgezeichneten Ruf verfügte. Dem Aussehen nach war sie in bester Verfassung, frisch gestrichen mit dem typischen Weiß-Schwarz-Muster der einzelnen Decks. Rahgetakelt, aber selbstverständlich alle Segel gerefft. Nur das obere Deck war mit Kanonen bestückt; die sechsundzwanzig Achtzehnpfünder waren natürlich altmodisch im Vergleich zu den neueren Vierundzwanzigpfündern, die auf vielen der modernen, größeren Fregatten zum Einsatz kamen, aber die Mantikor hatte den Ruf, jedem besser bewaffneten Schiff einfach davonsegeln zu können.
Angestrengt versuchte Roxane, sich an die vielen Erfolgsmeldungen des Schiffes im »Thaynric Chronist«, der größten Zeitung des Landes, zu erinnern. Selbst eine dröge Abfolge von Prisen war besser als der Tumult in ihrem Leib, der sich ihr immer wieder unangenehm in Erinnerung brachte.
Endlich drehten die Ruderfrauen bei und hoben die Riemen. An Bord der Mantikor musste man die Offiziersuniform oder zumindest den Zweispitz bemerkt haben, denn Roxane hörte das geschäftige Schrillen der Pfeifen. Die Signale waren ihr vertraut – Offizier kommt an Bord.
Während sie die beiden Ruderfrauen bezahlte, waren ihre ärgerlichen Magenkrämpfe für einen Moment vergessen, doch als sie an der hastig herabgelassenen Strickleiter hing, die von den Bewegungen des Schiffs von links nach rechts und wieder zurück geworfen wurde, meldete sich ihre Seekrankheit mit voller Stärke zurück. Mühsam kämpfte sie sich Stück für Stück, Sprosse für Sprosse empor, bis sie erleichtert ihre Beine über die Deckskante schwang und versuchte, sich so würdevoll wie möglich aufzurichten.
Auch an Deck war das Schiff tadellos hergerichtet. Schon auf den ersten Blick erkannte Roxane, dass alles sorgfältig an seinem Platz war; kein Tau, kein Fass wich von der vorgeschriebenen Position ab. Es bedurfte eines großen Kapitäns, um auch in den Zeiten des Nichtstuns, während die Fregatte in sicheren Heimatgewässern lag, dieses hohe Niveau von Disziplin zu halten. Bevor sie sich jedoch genauer umsehen konnte, trat ein Mann auf sie zu, den sie trotz seiner wettergegerbten Haut auf Mitte zwanzig schätzte. Seine Uniform mit dem schwarzen Rock und der weißen Hose wies ihn als Offizier aus, ein Leutnant, wie ihr Blick auf den Zweispitz und die Goldlitzen, Knöpfe und Epauletten am Uniformrock bestätigte. Über die Uniform hatte er einen dunklen Mantel geworfen, der ebenso wie Roxanes gewalkter Mantel die Nässe und Kälte mehr schlecht als recht abhalten würde.
Sein breites Grinsen war ein wenig zu persönlich für Roxanes Geschmack, doch er grüßte sie mit einem akkuraten Salut.
»Willkommen an Bord der Mantikor, Thay. Mein Name ist Cearl Frewelling. Ich bin der Erste Offizier des Schiffes.«
»Hoch… erfreut«, erwiderte Roxane und unterdrückte das Bedürfnis, sich zu räuspern oder gar zu würgen. »Leutnant Roxane Hedyn meldet sich wie befohlen zum Dienst, Thay.«
Die Worte kamen keinesfalls so zackig heraus, wie sie es sich gewünscht hätte. Vorsichtig griff Roxanne nach einem Tau der Wanten und hielt sich fest, den Blick starr auf den Horizont gerichtet. Sie konnte den Schweiß spüren, der ihr auf die Stirn trat, die feuchten Innenflächen ihrer Hände. Zum Glück würde der Regen jegliche Spur ihres Unwohlseins verwischen, wenn sie sich nur beherrschen konnte.
»Roxane«, erwiderte Leutnant Frewelling aufgeräumt, »das ist aber ein ungewöhnlicher Name, nicht wahr? Aus dem Süden?«
»Mein … mein Vater hat die südlichen Kolonien und die Mauresken Städte bereist. Er ist Arzt und hat eine Vorliebe für die dortige Kultur.«
»Der Name stammt von dort?«
Misstrauisch blickte Roxane den Offizier an, doch sie sah nur ehrliches Interesse in seinen Augen.
»Ja. Eine mythische Königin, die unter einem der gewaltigen Bauwerke dort schlafen soll, nur um in Zeiten der Not wiederaufzuerstehen und dem Land zu helfen. Mein Vater war von der Geschichte sehr angetan«, erläuterte sie und fügte etwas zu spät ein »Thay« hinzu. Lächelnd nickte ihr Frewelling zu und wandte sich dann an die Seeleute, die gerade eben Roxanes Gepäck an Bord gehievt hatten.
»Schafft das in die zweite Kammer. Vorsichtig, Mann!«, herrschte er einen der Seemänner an, der sich allzu ungeschickt anstellte und die Kiste über die Reling schaben ließ.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Niedergang, und der Kapitän betrat das Deck. Sofort nahm jede Frau und jeder Mann in Sichtweite Haltung an, und auch Roxane straffte die Schultern. Kapitän Harfell war eine Legende unter den ohnehin berühmten Fregattenkapitänen. Seine Reputation war tadellos, seine Erfolge mit der Mantikor allein während ihrer letzten Reise bereits Legende. Roxane schluckte, als sie den Blick des grauhaarigen Mannes auf sich spürte. Seine hellen Augen musterten sie, doch sein Antlitz gab nicht preis, zu welchem Ergebnis er gekommen war.
»Leutnant Hedyn? Das wurde aber auch verdammt noch einmal Zeit«, polterte der Kapitän.
»Ich bin sofort nach Erhalt meiner Order abgereist, Thay«, protestierte Roxane schwach.
»Ach, Sie meine ich nicht. Diese verfluchten Affen von der Verwaltung haben mir schnellen Ersatz für Leutnant Porde zugesagt, und wie lange musste ich warten? Drei Wochen!«
»Tut mir leid, Thay.«
Doch der Kapitän schien sie gar nicht zu beachten, sondern warf einen Blick über die Reling, dann verfinsterte sich sein Gesicht: »Schafft dieses Boot von meinem Schiff weg! Dieses Pack, das einem ehrlichen Seefahrer noch den letzten Sechsling aus der Tasche zieht!«
Mit einer Zornesfalte zwischen den Brauen beobachtete der Kapitän, wie die Ruderinnen ablegten und sich vom Schiff entfernten. Verwirrt blickte Roxane zu Leutnant Frewelling, der seinerseits mit unbeteiligter Miene in die Ferne blickte.
»Das nächste Mal signalisieren Sie vom Ufer, Leutnant, dann senden wir Ihnen die Pinasse. Diese Blutegel dulde ich nicht in der Nähe meines Schiffes!«
»Aye, aye, Thay!«, erwiderte Roxane pflichtbewusst. Unvermittelt löste sich der Zorn aus Harfells Zügen, und er verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
»Sie haben in der Schlacht vom Delta des Tarnt auf der Königin Leofwyn gedient, nicht wahr?«
»Korrekt, Thay.« »Ein großer Sieg. Ich habe gehört, dass Sie verwundet wurden, ebenso wie der Admiral. Er soll Sie selbst für das Offizierspatent vorgeschlagen haben.«
»Mir wurde diese Ehre zuteil, Thay«, bestätigte Roxane.
»Dann schweigen Sie nicht, Leutnant, erstatten Sie uns Bericht!«
»Thay?« Roxane sah ihren Kapitän fragend an, der auffordernd mit dem Kopf nickte: »Die Details der Schlacht. Wir alten Kanalheringe sind an solch prestigeträchtigen Kämpfen gewöhnlich nicht beteiligt.«
»Nun, Thay, der Admiral hatte Bericht erhalten, dass die vereinte géronaische und hiscadische Flotte im Delta vor Anker lag. Sie fühlten sich anscheinend im flachen Wasser unter dem Schutz der Festungen von Sengier sicher. Wir sind mit der Dämmerung in die Bucht eingelaufen; zehn Linienschiffe und zwei Briggs gegen vierzehn Linienschiffe und drei der großen géronaischen Fregatten. Sie waren wie an einer Perlenschnur aufgereiht, parallel zur Küste. Sie dachten wohl, dass zwischen ihnen und dem Land kein Platz zum Manövrieren mehr wäre. Sie hatten die Schiffe noch nicht einmal gefechtsbereit gemacht, als wir in die Bucht einliefen, obwohl man uns lange vorher gesichtet haben musste.«
Alle hingen wie gebannt an Roxanes Lippen, die ihre Hände benutzte, um die Aufteilung der Schlachtreihen anzuzeigen. Selbst die bislang wenig aufmerksamen Seeleute kamen herbei und scharten sich um die kleine Gruppe von Offizieren.
»Wir kamen mit dem Wind, genau entlang der feindlichen Linie. Kapitän Folste scherte mit der König Jocerad aus und setzte sich zwischen die feindliche Linie und die Küste. Er hatte freie Hand vom Admiral bekommen. Einige andere folgten. Plötzlich waren die feindlichen Schiffe am Anfang ihrer Linie von zwei Seiten unter Beschuss. Die Küstenbatterien feuerten, aber sie mussten Angst haben, ihre eigenen Schiffe zu treffen, so blieb ihr Feuer ungerichtet und wenig wirksam. Unsere Magier durchbrachen den hastig errichteten Schutz schnell, während unsere eigenen Caserdote bestens vorbereitet waren. Wir haben sie zerschmettert, eines nach dem anderen.«
Ihre Erinnerungen hielten Roxane gefangen. Der Geruch von Pulver, von Blut, von Exkrementen stieg ihr wieder in die Nase. Das ohrenbetäubende Donnern der Kanonen, die unisono abgefeuert jedes andere Geräusch vernichteten. Nur das schrille Kreischen der Magie, die sich über ihr entlud, über mystische Barrieren kratzte, abprallte, brüllend Meerwasser emporstieben ließ, war über den Kanonendonner zu hören, als würde es direkt im Kopf ertönen. Die gebückte Haltung, die das Kanonendeck der Königin Leofwyn selbst Roxannes nicht besonders großer Gestalt abverlangte, und all die anderen gebeugten Schemen, die mit großer Präzision die Geschütze bedienten. Im Nebel des Kanonenfeuers sah man kaum die Hand vor Augen, während die Pulverläufer, die Pulveräffchen immer neue Kartuschenbeutel zu den Kanonieren brachten. Sie sah sich selbst inmitten des Chaos, des entfesselten Sturms der Vernichtung, wie sie als Fähnrich eine Einheit von Kanonen des unteren Geschützdecks befehligte.
Selbst das spärliche Gegenfeuer der Feinde hatte Lücken in die Bordwand gerissen, tonnenschwere Geschütze aus den Verankerungen geschleudert und wie Spielzeuge durch die Luft geworfen. Hier und da riss Magie, die den Schutz der Caserdote durchbrach, fürchterliche Wunden in das Schiff. Leutnant Thalms war bereits in den ersten Minuten des Gefechts gefallen, niedergestreckt von einem armlangen Stück Balken, das ihn vom Bauch bis zum Hals aufgeschlitzt hatte. Ohne wirklich zu wissen, wie ihr geschah, war Roxane eingesprungen, hatte die nötigen Kommandos gebrüllt, die Ordnung bewahrt, während vor den Stückpforten die géronaische Flotte vorbeiglitt und Schiff für Schiff zu Wracks geschossen wurde.
Wann die Kugel sie traf, konnte sie später nicht genau sagen. Zunächst hatte sie keinen Schmerz gespürt. Erst als das Schiff aus der Schlachtlinie geglitten war, die Kanonen verstummt waren und nur die Schreie der Verwundeten und Sterbenden zurückblieben, hatten die Beine unter ihr nachgegeben.
Unwillkürlich tastete Roxane nach ihrer Schulter, wo die Narben noch deutlich zu spüren waren. Aber sie hatte vergleichsweise Glück gehabt.
»Der Admiral ist wieder auf dem Wege der Besserung, habe ich gehört«, sagte Kapitän Harfell. Er schien ihre Gedanken lesen zu können. »Eine Schande, dass er den Arm verloren hat. Aber er muss große Stücke auf Sie halten, Leutnant, wenn er sich für Sie eingesetzt hat.«
Stumm nickte Roxane.
»Wie alt sind Sie, Leutnant?«
»Neunzehn, Thay«, antwortete Roxane sofort.
»Achtzehn, als Sie Leutnant wurden«, sinnierte der Kapitän. »Ziemlich jung für eine Beförderung. Sie sind ein verdammtes Wunderkind, Leutnant.«
Bevor Roxane widersprechen konnte, wandte Harfell sich schon ab. »Heute Abend Besprechung in meiner Kajüte. Vor Beginn der Hundewache. Machen Sie das Schiff seefertig, Leutnant Frewelling. Wir laufen morgen früh aus. Ein Gutes hatte die verfluchte Warterei ja: Unsere Vorräte sind aufgefüllt und die Mannschaft hungrig auf ein wenig Leibesertüchtigung.«
»Aye, aye, Thay«, erwiderte Frewelling, während der Kapitän sich an Deck umsah. Als er weitersprach, waren seine Worte an alle gerichtet: »Ihr habt es gehört: Es geht wieder los! Machen wir den géronaischen Sumpfmücken Feuer unter ihren kleinen Ärschen! Fette Prisen und fette Beute erwarten uns!«
Ohne auf den Jubel seiner Besatzung zu achten, ging der Kapitän wieder unter Deck und ließ Roxane mit ihren Gedanken und der wiederkehrenden Übelkeit zurück.
»Ich zeige Ihnen Ihr Quartier, Leutnant«, schlug Frewelling vor. »Und dann werde ich mich darum kümmern, dass wir endlich von der Küste fortkommen.«
Während sie in den Achteraufbau stiegen, flüsterte Leutnant Frewelling: »So ist er immer. Die Besatzung liebt ihn.«