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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Zum Buch
1989: Im Auditorium einer Universität werden sechs verstümmelte Frauenleichen aufgefunden. Paul Riley, ein junger ehrgeiziger Staatsanwalt, kommt dem Täter schon bald auf die Spur. Es ist Terry Burgos, ein psychisch kranker Hausmeister. Anscheinend tötete er die Opfer nach den Strophen eines Songtextes, der auf Bibelstellen basiert. Riley fordert vor Gericht die Todesstrafe für den geständigen Burgos, der schließlich hingerichtet wird. Fast fünfzehn Jahre später wird die Öffentlichkeit von einer neuen Mordserie erschüttert. Paul Riley, inzwischen erfolgreicher, selbstständiger Anwalt, ist der Erste, der erkennt, dass die Morde zur zweiten Strophe des Songs passen. Gibt es einen Copycat-Killer, oder hat er seinerzeit den falschen Mann in die Todeszelle gebracht? Als Riley auch noch kryptische Nachrichten erhält, macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit und gerät unversehens in eine Welt der Lügen und finsteren Geheimnisse.

 
»Ein unglaublich packender und raffinierter Thriller!« The New York Times

Zum Autor
David Ellis machte 1993 an der Northwestern Law School seinen Abschluss und arbeitet heute in Chicago als Anwalt mit Schwerpunkt Verfassungsrecht. Für seinen Debütroman Line of Vision erhielt er 2002 den Edgar-Allan-Poe-Award. David Ellis lebt mit seiner Frau, einer Tochter und zwei Hunden in Springfield, Illinois. Besuchen Sie den Autor auf seiner Website

Für Sally Nystrom

Juni 1989
002
Das »Mansbury-Massaker«
Wie das Marion Park Police Department bestätigt, wurden heute
im Keller des Bramhall Auditorium auf dem Mansbury College
Campus sechs Leichen entdeckt. Noch ist nicht bekannt, ob sich
unter den Toten auch die vermissten Studentinnen Cassandra
Bentley und Elisha Danzinger befinden.
- Caroly Pendry, Newscenter 4, 1.18 Uhr, 26. Juni 1989
 
Die Polizei von Marion Park hat Terrance Demetrius Burgos, 36, verhaftet, einen Aushilfshausmeister am Mansbury College, dem zur Last gelegt wird, sechs junge Frauen im Hörsaal des Colleges ermordet und sexuell missbraucht zu haben.
- Daily Watch, 27. Juni 1989

1. Kapitel
Montag, 26. Juni 1989, 8.23 Uhr
Paul Riley folgte der motorisierten Polizeieskorte, manövrierte seinen Wagen durch die Absperrung und bremste neben einem Polizei-Jeep. Er schob den Schalthebel auf Parken, würgte den Motor ab und schickte ein leises Stoßgebet zum Himmel.
Bereit für den Sturm.
Er stieß die Tür auf, heiße, feuchte Luft quoll ins Wageninnere, und mit einem Mal schien es, als hätte jemand die Lautstärke aufgedreht. Ein Polizist kommandierte durch ein Megafon Schaulustige und Reporter hinter die Absperrgitter zurück. Journalisten schleuderten jedem Beamten in Sichtweite Fragen entgegen, und einige stürzten sich jetzt auch auf Riley, ein neues, unbekanntes Gesicht. Cops, Sanitäter und Techniker von der Spurensicherung schrien sich Anweisungen zu. Mit Mikrofonen bewaffnete TV-Reporter verkündeten vor laufenden Kameras die Sensationsnachricht. Und Hunderte von Neugierigen spekulierten darüber, was genau man im Inneren des Bramhall Auditorium gefunden hatte.
Riley wusste kaum mehr als sie. Es hieß, sechs Leichen lägen dort, alles junge Frauen und alle auf unterschiedliche Art verstümmelt. Und dann gab es noch die Information, die ihm sein Chef am Telefon mit nervöser Stimme weitergegeben hatte. »Angeblich ist eine von ihnen Cassie.«
Gemeint war Cassandra Bentley, Studentin am Mansbury College, und, was das Ganze noch bedeutsamer machte, Tochter des Milliardärehepaars Harland und Natalia Bentley. Alter Geldadel. Beziehungen bis in die höchsten Kreise der Politik. Allein schon der Name verströmte einen Geruch nach Macht und Wohlstand.
Riley spähte hinauf in den blutroten Himmel, wo drei Nachrichten-Helikopter über dem Mansbury College Campus kreisten. Er heftete sich die Dienstmarke ans Revers – sie war gerade mal drei Wochen alt – und hielt Ausschau nach einer Uniform. Davon gab es hier genügend und obendrein in allen Farben: Blau waren die Beamten der Marion Park Police, braun die Deputys des Bezirkssheriffs, weiß trugen die Mansbury-Sicherheitsleute und schwarz die Beamten eines anderen Gerichtsbezirks, die man wahrscheinlich eingeflogen hatte, um mit der Menschenmenge fertig zu werden.
Er nannte seinen Namen und seinen Rang, der ihm immer noch etwas ungewohnt über die Lippen kam. »Stellvertretender Bezirksstaatsanwalt«. Nach seinem Chef war er der zweitwichtigste Mann in der lokalen Strafverfolgungsbehörde.
»Wer ist hier zuständig?«, fragte er.
»Lightner«, sagte der Cop und wies in Richtung Auditorium. Das Bramhall Auditorium erstreckte sich über den halben Block, ein gewaltiges, überkuppeltes Gebäude mit einem breiten Treppenaufgang aus Beton, einem von Granitsäulen flankierten Portal und gepflegten Rasenflächen zu beiden Seiten. Riley zählte die Stufen – es waren zwölf – und betrat die Lobby des Auditoriums.
Drinnen war es kaum weniger stickig. Die Klimaanlage war außer Betrieb. Ferien. Niemand hielt sich zu dieser Jahreszeit im Auditorium auf. Zutritt, dachte Riley. Wer hat hier befugten Zutritt?
Riley bewegte sich vorsichtig. Er war neu in seinem Job, aber mit Tatorten kannte er sich aus. Als junger Strafverfolger hatte er lange Jahre für die Bundesstaatsanwaltschaft gearbeitet und es dabei auch mit einer Straßengang zu tun gehabt, die vor blutiger Gewalt nicht zurückschreckte. Riley seufzte, als er die Unmengen von Untersuchungsbeamten im Inneren des Auditoriums entdeckte. Auch in solchen Fällen waren weniger immer mehr. Als er sich jedoch genauer umsah, wurde ihm rasch klar, dass das ganze beflissene Fingerabdrucknehmen um ihn herum ohnehin fruchtlos war. Dieses Auditorium, bestehend aus einer Lobby und einem gigantischen Hörsaal, fasste, die Ränge mit eingeschlossen, sicher ein paar tausend Leute. Vermutlich wäre es leichter, festzustellen, wer seine Fingerabdrücke hier nicht hinterlassen hatte.
In diesem Moment flog an einer Seitenwand der Lobby eine Tür auf – vermutlich führte sie ins Untergeschoss, zum Putzraum, wo man die Leichen entdeckt hatte. Ein Polizeibeamter torkelte heraus, riss sich die Gasmaske – mit integriertem Geruchsfilter aus Aktivkohle – vom Gesicht und übergab sich auf den Steinboden.
Riley fluchte stumm. Vorortcops. Als ehemaliger Bundesbeamter hegte er zwar auch gegen anmaßende Großstadtpolizisten eine natürliche Abneigung, aber alles war besser als ein Vorortcop. Doch Zuständigkeitsbereich war nun mal Zuständigkeitsbereich. Er arbeitete eben nicht mehr fürs FBI.
Riley befreite den bleichen, sich den Mund wischenden Polizisten von seiner Gasmaske. Er wies ihn an, die Sauerei zu beseitigen und draußen frische Luft zu schnappen. Dann atmete er tief ein und öffnete die Tür.
Sie führte zu einem Treppenhaus, das von unzähligen Fußabdrücken verschmutzt war. Er vermied es, das hölzerne Geländer zu berühren. Als er den Treppenabsatz erreichte, hielt er kurz inne, bevor er die letzten Stufen in Angriff nahm.
Unten im Kellergeschoss entdeckte Riley nur zwei Streifenbeamte. Einer von ihnen stand im stillgelegten Aufzug. Offensichtlich war die Hektik der Spurensicherung schon vorüber.
Der Kellerflur war breit, auf beiden Seiten gähnten schwere Eisentüren, einige der Lagerräume hatte man bereits erfolglos durchsucht. Auf dem Weg den Gang hinunter zum letzten, entscheidenden Raum merkte Riley, wie sich seine Schritte unwillkürlich verlangsamten.
Er wappnete sich innerlich, bevor er den Fuß über die Schwelle der letzten Tür setzte.
Ein großer Raum mit Reihen von verschlossenen Spinden und Regalen, in denen sich Chemikalien und Putzmittel stapelten. Es gab Schrubber, Besen und einen überdimensionierten Abfalleimer, an dem Sprayflaschen mit lila und blau gefärbten Reinigungsflüssigkeiten hingen. Und auf dem nackten Boden, sorgsam aufgereiht, die Arme am Körper, die Beine eng zusammen, lagen sechs Leichen.
Es war schwer zu erklären. Zwar hieß es immer, bestimmte Dinge könnte man nicht in Worte fassen. Aber das traf es nicht. Er wusste einfach nicht, wo er anfangen und wo er aufhören sollte. Er hatte Fotos von Dachau und Auschwitz gesehen, aber das waren Bilder gewesen, die das Grauen nur in zwei Dimensionen einfingen. Jetzt versuchte er, sich diese Erfahrung zunutze zu machen, als eine Art Abwehrmechanismus; versuchte, diese sechs grausam entstellten Mädchen zu betrachten wie ein Foto in einem Buch und den Aufruhr in seinem Magen und das durch den Körper pulsende Adrenalin zu ignorieren. Er bemühte sich, ruhig zu atmen, klar und analytisch zu denken.
Das erste Opfer war blond, ein junges und dem oberflächlichen Eindruck nach ausgesprochen hübsches Mädchen, auch wenn die gelbliche Färbung ihrer Haut sie eher wie eine Wachsfigur wirken ließ. Die tiefe Platzwunde an ihrem Hinterkopf war aus seinem momentanen Blickwinkel kaum zu erkennen. Unübersehbar dagegen war die Wunde in ihrem Brustkorb, dort, wo früher ihr Herz geschlagen hatte. Der Ausdruck Wunde traf es allerdings nicht ganz. Vielmehr schien ihr das Leben selbst mit äußerster Brutalität entrissen worden zu sein.
Zweites Opfer: Der Schnitt in ihrem Hals klaffte so tief, dass es aussah, als würde der Kopf gänzlich abfallen, wenn man sie anhob. Auch ihre Haut war bleich und wächsern. Auf Riley wirkte sie mehr wie eine Schaufensterpuppe und weniger wie ein Mensch; aber vielleicht war auch das nur eine Art Abwehrmechanismus seinerseits. Möglicherweise war es für den Moment leichter, die Frauen als bloße Objekte zu betrachten. So wie es auch die Angreifer taten.
Das Opfer neben ihr war ebenfalls nackt. Ihr ganzer Körper war von Säure verbrannt, bis hinab zu den Händen und Füßen. Die Gesichtshaut hatte sich abgeschält, der blanke Schädelknochen ragte hervor, und die Augäpfel starrten gespenstisch aus ihren Höhlen. Man würde sie mit Hilfe eines Gebissabdrucks identifizieren müssen. Und möglicherweise befand sich an ihrer einen Hand noch ausreichend Haut für einen Fingerabdruck.
Der Tod des vierten Opfers schien weniger lange zurückzuliegen als bei den vorigen drei. Die Haut besaß noch einen Anflug natürlicher Färbung, dennoch war auch sie nach Rileys Einschätzung nicht erst kürzlich gestorben. Ihre Arme und Beine waren abgetrennt worden, ruhten jedoch wieder an ihrem ursprünglichen Ort, wie bei einer zerrissenen Gliederpuppe. Ihre Augenhöhlen waren blutige Löcher. Die Augäpfel waren mit einem stumpfen Gegenstand herausgehebelt worden.
Die Augen des fünften Opfers waren weit aufgerissen, ebenso ihr Mund, und die geplatzten Äderchen an Hals und Gesicht ließen auf Erstickungstod schließen.
Das letzte Opfer schien auch das frischeste zu sein, wie Riley aus der Farbe der Haut schloss – und weil die Anordnung der Leichen offenbar einer Chronologie folgte. Ihr Gesicht war von Schlägen verunstaltet, die vor dem Tod erfolgt sein mussten, die Nase war mehrfach gebrochen, die Knochen über Augen und Wangen zertrümmert, die Schädeldecke zu Brei geschlagen. Ihr dunkles Haar, verklebt mit getrocknetem Blut und Hirnmasse, stand in alle Richtungen ab. Bei der Toten musste es sich, nach allem, was man ihm erzählt hatte, um Cassandra Bentley handeln.
Sechs junge Frauen waren hier aufgereiht worden wie Vieh auf dem Schlachthof, nachdem man sie bestialisch ermordet und auf unterschiedliche Arten verstümmelt hatte.
Gut, er hatte es gesehen. Es war wichtig, einen Eindruck vom Tatort zu bekommen, wenn man den Fall vor Gericht bringen wollte. Und es bestand kein Zweifel, dass Riley diesen Fall übernehmen würde.
Den ganzen Körper wie unter Strom und mit benommenem Schädel stieg Riley die Stufen wieder hinauf. Weder im Flur noch im Treppenhaus gab es Blutspuren. Der Täter hatte sich nicht hier mit ihnen vergnügt. Sie waren woanders ermordet und dann ins Auditorium geschafft worden.
Als er die Tür zur Lobby aufstieß, nickte ihm ein hoch aufgeschossener Mann mit dunklen Locken zu. »Paul Riley? Joel Lightner. Chief Detective der Marion Park Police.«
Riley setzte die Gasmaske ab und schüttelte Lightner die Hand. Joel Lightner war schätzungsweise Mitte dreißig und hatte ein rundliches Kindergesicht. Riley fragte sich, wie viele Detectives eine Kleinstadt wie Marion Park wohl beschäftigte.
»Chief Harry Clark«, sagte Lightner und deutete hinter sich. Clark gehörte zu dem Schlag von Polizisten, die ohne Uniform teigig und konturlos wirken. Schlaffe Haltung, fett um die Hüften, fliehendes Kinn, kleine Augen, und das schüttere Haar militärisch kurz geschnitten.
»Und Walter Monk, der Sicherheitsbeauftragte von Mansbury.«
Alle begrüßten sich mit Handschlag und begannen Informationen auszutauschen. Lightner klappte sein Notizbuch auf und las die Liste der Verletzungen vor. Das erste Mädchen, Schlag gegen den Schädel und Herz entfernt; zweites Mädchen, Kehle aufgeschlitzt bis fast zur Enthauptung; drittes Mädchen, mit Schwefelsäure verbrannt; viertes Mädchen, Arme und Beine abgetrennt, Augen ausgestochen; fünftes Mädchen, stranguliert oder ertränkt; letztes Mädchen, schwere Schläge gegen Gesicht und Schädel, einzelne Schusswunde im Gaumen.
»In allen Fällen kam es zum Geschlechtsverkehr«, fügte Lightner hinzu. »Laut Gerichtsmediziner ist das erste Opfer etwa eine Woche alt. Jede in der Reihe scheint etwas frischer als die … Also möglicherweise ein Mord pro Tag, über eine Woche hinweg. Der letzte vermutlich gestern.«
»Sie lagen eine Woche hier unten, ohne dass jemand was davon mitgekriegt hat?«
Monk, der Sicherheitstyp, musste an die sechzig sein. Er nickte bedächtig mit seinem schnabelartigen Gesicht. »Zwischen Frühjahrssemester und den Sommerkursen sind zwei Wochen Ferien. Da macht die ganze Schule dicht.«
Und der Täter, überlegte Riley, hat das gewusst.
»Das letzte Opfer ist Cassie Bentley?«, fragte er. »Das reiche Mädchen?«
Monk seufzte. »Schwer, das mit Bestimmtheit zu sagen. Sie wurde übel zugerichtet.«
Riley musste ihm recht geben. Das Gesicht des armen Mädchens war vollkommen zerstört. Wie auch beim dritten Opfer würden sie zahnärztliche Unterlagen zur zweifelsfreien Identifikation heranziehen müssen.
»Ich gehe aber davon aus«, sagte Monk. »Zumal Ellie die Erste in der Reihe ist.«
Riley merkte auf. Er warf einen fragenden Blick in die Runde.
»Elisha Danzinger«, klärte ihn Lightner auf. »Kurz Ellie. Sie und Cassie haben sich ein Zimmer im Studentenwohnheim geteilt. Busenfreundinnen.«
Riley wandte sich an Monk. »Wie viele Studenten haben Sie hier in Mansbury?«
Monk runzelte die Stirn. »Etwa viertausend.«
»Viertausend. Und wieso kennen Sie ausgerechnet die beiden so gut?«
Monk stieß ein schnaubendes Lachen aus. »Jeder hier kennt Cassie Bentley. Schließlich ist sie eine Bentley.« Sein Ausdruck wurde säuerlich. »Außerdem hat sie immer wieder für Ärger gesorgt. Disziplinarische Probleme. Cassie ist ein bisschen – also, sie ist ein schwieriges Mädchen.«
Lightner stieß Monk an. »Erklär ihm, was du mir gerade über Ellie erzählt hast.«
»Tja, Ellie.« Monk holte tief Luft. »Ellie hatte Probleme mit einem Angestellten vom College. Einem Aushilfshausmeister. Der Kerl hat alle möglichen Arbeiten erledigt. Anstreichen, asphaltieren, Instandhaltung. Er war damals dem Block hier zugeteilt.«
»Und?«
»Er hat Ellie auf dem Campus verfolgt. Ein Stalker. Letztes Jahr ging sie vor Gericht und hat eine Unterlassungsklage erwirkt. Und natürlich haben wir ihn gefeuert.«
Riley dachte kurz nach. Eine Aushilfe des Hausmeisters. Schlüssel für alle Gebäude und das Auditorium. Kannte die Stundenpläne und Ferienzeiten. »Ellie ist die, der das Herz rausgerissen wurde? Die Erste?«
Alle nickten.
»Kennen Sie den Kerl? Diese Aushilfskraft?«
»Er heißt Terry Burgos«, sagte Monk. »Ich hab seine Adresse hier.«
Riley warf Lightner einen Blick zu. Brauchte er eine Extraaufforderung?
»Ich nehme ein paar Streifenwagen mit«, sagte Lightner.
»Warten Sie«, sagte Riley rasch. »Ich brauche ein Telefon. Und holen Sie mir einen von den Staatsanwälten ran. Wir gehen kein Risiko ein. Umstellen Sie vorerst nur das Haus. Wenn er einer Durchsuchung zustimmt, gehen Sie rein. Andernfalls unternehmen Sie nichts, bis Sie von mir hören.«
Lightner starrte Riley an. Cops verschafften sich mit allen möglichen Methoden Zutritt und redeten sich nachher auf irgendeine Zwangslage heraus.
»Niemand vermasselt mir die Durchsuchung durch eine voreilige Aktion«, erklärte Riley bestimmt. »Haben wir uns verstanden?«
Nachdem Lightner verschwunden war, trieb Riley eine junge Assistenz-Staatsanwältin auf und schickte sie wegen des Durchsuchungsbefehls zu einem Richter. Dann fand er ein Telefon im Verwaltungstrakt der Schule und rief seinen Boss an, Bezirksstaatsanwalt Ed Mullaney. »Sie sollten lieber Harland Bentley verständigen«, erklärte Riley. Er blickte aus dem Fenster hinauf zu dem kreisenden Nachrichten-Helikopter. »Wenn er es nicht ohnehin schon weiß.«

2. Kapitel
12.35 Uhr
Als Paul Riley vor Terry Burgos’ Haus hielt, war die Polizei von Marion Park bereits seit einer Stunde vor Ort. Burgos hatte auf Detective Lightners Klopfen hin geöffnet und eingewilligt, auf der Veranda zu warten, während ein Staatsanwalt den Durchsuchungsbefehl für sein Haus besorgte.
Über ihnen knatterte ein Nachrichten-Helikopter. Reporter drängten sich hinter dem Absperrband der Polizei. Die Nachbarn waren herausgekommen und gafften. Einige von ihnen in Arbeitskleidung, andere in Morgenmänteln, ihre kleinen Kinder fest an der Hand. Die Nachricht hatte schnell die Runde gemacht. In 526 Rosemary Lane wohnte ein Killer.
Das Haus war unscheinbar. Es gehörte zu einer Reihe von Bungalows westlich des Campus. Die Beamten waren überall, suchten nach Spuren und Fingerabdrücken, durchkämmten die Garage, wo sie Blut und Haare gefunden hatten, sowie Burgos’ Chevy Suburban in der Auffahrt.
Burgos war inzwischen zum Verhör aufs Polizeirevier gebracht worden. Riley wollte unbedingt dabei sein, vorher aber noch einen Blick auf das Haus werfen. Einen ungefähren Eindruck hatte er bereits. Im Bad, in der Garage und im Wagen hatte man Hinweise zutage gefördert, aber die unumstößlichen Beweise warteten im Keller. Sein Magen revoltierte, doch er riss sich zusammen. Das war sein Fall. Alles schaute auf ihn. Er nickte Lightner zu, der gerade die Garage betrat. Er sollte auf keinen Fall ohne Riley zum Revier fahren, und auch die Uniformierten, die Burgos mitgenommen hatten, waren entsprechend instruiert: Kein Wort zu Terry Burgos, bevor Riley grünes Licht gab.
Riley folgte dem Weg aus Steinplatten zum Haus. Der Garten war verwildert, der Rasen vertrocknet und voll brauner Stellen. Die vergammelte Fliegentür war von einem Polizeibeamten entfernt worden. Blieb die Eingangstür, die von einem größeren Stein offen gehalten wurde.
Das Erdgeschoss wirkte unauffällig. Alte Möbel und gesprungene Bodenkacheln ergaben einen bescheidenen, aber einigermaßen gepflegten Gesamteindruck.
Riley vermied es zu atmen, während er die mit Teppichboden ausgelegten Stufen zum Keller hinunterstieg. Der Geruch war durchdringend. Eine ungeübte Nase hätte als Ursache dafür wahrscheinlich die Kanalisation verantwortlich gemacht. Die meisten Menschen verloren im Moment des Todes die Kontrolle über ihren Schließmuskel und beschmutzten sich. Da unten lagen zwar keine Leichen, aber Lightner zufolge waren die Morde mit hoher Wahrscheinlichkeit hier begangen worden.
Tatsächlich sprach alles dafür.
Der Keller war unmöbliert, Betonboden, ein kleiner Fitnessbereich, eine Drückbank, eine Hantelstange mit leichten Gewichten, von Spinnweben überzogen. An einer Wand hing ein Dartboard schief neben einer Luftgewehr-Zielscheibe. Normalerweise war der Raum mit einer Glühbirne nur unzureichend beleuchtet, doch die Polizei hatte eine starke Scheinwerferanlage installiert, die den Technikern der Spurensuche eine merkwürdig schimmernde Aura verlieh.
Riley wandte sich dem hinteren Teil des Kellers zu, wo Burgos eine kleine Werkstatt eingerichtet hatte – eine Kreissäge, ein paar Werkzeuge, Sägeböcke. Der Boden war schmutzig und mit dunklen Flecken übersät. Wahrscheinlich Blutspuren, die Burgos versucht hatte, zu entfernen. Spurentechniker sammelten mit Pinzetten einzelne Haare ein und verstauten Gegenstände, die sie in der Nähe des Heimwerkerbereichs auflasen, in Beweisbeuteln. Vermutlich der Tatort.
Riley trat zur Werkbank und sog scharf den Atem ein. Hier lag ein gewöhnliches Küchenmesser mit einer etwa zehn Zentimeter langen Klinge, beschmiert mit Blut und irgendeiner anderen organischen Masse. Die ersten beiden Opfer, Elisha Danzinger und das noch nicht identifizierte Mädchen, mussten mit dieser Waffe verstümmelt worden sein. Neben dem Messer entdeckte er eine Handsäge. Das Sägeblatt war verklebt mit Blut, weiteren Körperflüssigkeiten und etwas, das nach Knochensplittern aussah. Mit diesem Werkzeug hatte Burgos die Gliedmaßen des vierten Opfers abgetrennt.
In einer Ecke stand eine alte gusseiserne Badewanne mit Füßen, die innen deutliche Korrosionsspuren aufwies. Riley war überzeugt, dass Burgos eines seiner Opfer hier mit Säure übergossen hatte. Auf der Waschmaschine direkt daneben entdeckte er eine Autobatterie und ein Glasröhrchen.
Das waren vier. Fehlten zwei.
Wie Riley bereits wusste, hatte die Polizei oben im Bad, im Ausguss der Wanne, Haare gefunden; vermutlich war dort eines der Opfer ertränkt worden war. Und in der Garage waren sie auf eine einzelne Patronenhülse und eine.32 Kaliber Pistole gestoßen – mit großer Wahrscheinlichkeit die Waffe, mit der man Cassie Bentley durch den Gaumen geschossen hatte, bevor oder nachdem sie von Schlägen bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden war.
Das deckte alle sechs ab. Der Kerl hatte sich wenig Mühe gemacht – besser gesagt, er hatte sich überhaupt keine Mühe gemacht -, das Ganze zu vertuschen. Die Mordwaffen hatte er einfach offen herumliegen lassen. Er hatte sich nicht um die Spuren seiner Opfer im Keller, im Auto und in der Garage gekümmert. Und ihre persönlichen Besitzstücke – Geldbeutel, Ausweise, Kleider – hatte er in einem Müllsack in seinem Schlafzimmer aufbewahrt. Gut, immerhin hatte er die Morde ausschließlich auf seinem Grundstück begangen, zumindest dem ersten Eindruck nach, aber davon abgesehen hatte Terry Burgos weder den Tatort gesäubert noch die Waffen versteckt.
Auf der Werkbank, neben dem Messer und der Handsäge, bemerkte Riley eine King James Bibel, deren Seiten mit blutigen Fingerabdrücken übersät waren. Und auf einem einzelnen Zettel an der Pinnwand hinter der Werkbank war eine Reihe von Bibelstellen aufgelistet, mit Angaben von Kapitel und Vers. Er beugte sich über die Arbeitsfläche, um die mit rotem Kugelschreiber hingekritzelten Zeilen genauer zu studieren. Ganz oben auf dem Blatt stand, etwas von den anderen abgehoben, ein Vers aus Jeremia 48,10:
Verflucht, wer den Auftrag des Herren lässig betreibt, ja, verflucht, wer Sein Schwert abhält vom Blutver gießen.
Darunter folgten durchnummeriert weitere Bibelstellen, allerdings nur mit Angaben zu Kapitel und Vers.
1. Hosea 13,4 8
2. Römer 1,24 32
3. Levitikus 21,9
4. Exodus 21,22 25
5. 2 Könige 2,23 24
6. Deuteronomium 22, 20 21
 
Beim letzten Zitat war ein Vers aus Levitikus durchgestrichen worden zu Gunsten einer Passage aus dem Deuteronomium.
Die Korrektur war mit einem dünnen schwarzen Magic Marker ausgeführt worden. Riley stieß den Atem aus. Sechs Mädchen, sechs Verse aus der Bibel.
Okay. Das reichte. Tatorte waren nicht sein Spezialgebiet, er hatte nur einen Eindruck gewinnen wollen. Riley genoss die frische Luft, als er wieder ins Freie trat. Er traf Lightner in der Nähe der Garage. Lightners Körpersprache war die eines Cops, der mit Hochdruck am größten Fall seiner Karriere arbeitete, aber in seinen Augen brodelte etwas Dunkles und Böses. Gerade hatten sie zwei grauenvolle Tatorte besichtigt. Jetzt war es an der Zeit, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen.
»Holen wir uns das Geständnis«, sagte Riley.

3. Kapitel
13:17 Uhr
Paul Riley drehte ein Glas Wasser zwischen den Händen und betrachtete den Verdächtigen durch den Einwegspiegel des Observationsraums. Oft erfuhr man durch aufmerksames Beobachten mehr als durch Zuhören. Unschuldige in Untersuchungshaft wurden meistens nervös. Schuldige nur selten.
Terry Burgos hockte allein im Verhörzimmer. Er trug die Kopfhörer, die man ihm erlaubt hatte mitzunehmen, bewegte Kopf und Füße im Takt und spielte gelegentlich Schlagzeug auf dem kleinen Tisch vor sich. Er war ein typischer Südländer, gedrungen, mit kräftigem Torso, dunkel um die Augen, mit Unmengen von drahtigen schwarzen Locken. Die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, schien er vor sich hin zu summen. Man hatte ihm zwei Dosen Cola gebracht, und einmal war er auf dem Klo gewesen. Er hatte keinen Anwalt verlangt, und die Miranda-Rechte waren ihm noch nicht vorgelesen worden.
Burgos wartete seit gut einer Stunde. Riley hatte Zeit gefordert, damit die Polizei vor dem Verhör alle verfügbaren Informationen über den Verdächtigen auftreiben konnte. Außerdem war Mittagszeit, und er wollte, dass Burgos der Magen knurrte. Riley hätte ihn gerne noch länger schmoren lassen, aber alle drängten auf seine Vernehmung, zumal man ihn nur begrenzte Zeit festhalten konnte, ohne die Anwälte zu ihm vorzulassen. Schon bald würde die halbe Welt über Terry Burgos Bescheid wissen, und dann würde unausweichlich der eine oder andere Anwalt aufkreuzen.
Cops und Staatsanwälte gingen im Observationsraum ein und aus und begafften den Verdächtigen mit morbider Neugier. Im Revier herrschte eine mit Händen zu greifende Spannung, denn sie hatten ihren Mann bereits geschnappt, und das in einem Fall, wie ihn die Stadt noch nie zuvor erlebt hatte.
Burgos war kein unbeschriebenes Blatt. Vor zwei Jahren hatte man ihn wegen Verdachts auf Körperverletzung an einer jungen Frau festgenommen, doch die Anklage war fallen gelassen worden. Paul vermutete, dass die Frau nicht zur Anhörung erschienen war. Letztes Jahr dann eine Anzeige wegen sexuellen Tätlichkeiten, aber nachdem die Anklage auf leichte Köperverletzung heruntergehandelt worden war, hatte er nicht einsitzen müssen.
Elisha Danzinger war voriges Jahr, im November 1988, aufs Revier gekommen, um unter Eid Beschwerde gegen Terry Burgos zu erheben. Sie hatte zu Protokoll gegeben, Burgos hätte ihr auf dem Campus nachgestellt, sie verbal bedroht und eingeschüchtert. Die Polizei hatte Burgos festgenommen, ihn aber nicht weiter belangt. Es lag nichts vor, weswegen man ihn weiter strafrechtlich hätte verfolgen können. Paul wusste von den Mansbury-Sicherheitsleuten, dass Ellie im Januar dieses Jahres eine zivilrechtliche Schutzanordnung gegen Burgos erwirkt hatte, die nicht in den Polizeiakten auftauchte. Ihm war bei Strafe untersagt worden, sich Ellie auf mehr als zweihundert Meter zu nähern.
Burgos war sechsunddreißig, lebte allein und hatte zwei Jobs gehabt. Einen in Mansbury, wo er als Gärtner und Reinigungskraft ausgeholfen hatte, bis er im Februar gefeuert worden war. Außerdem arbeitete er noch immer bei einer Druckerei außerhalb des Campus, die einem Professor des Mansbury College namens Frankfort Albany gehörte.
Allgemein galt Terry Burgos als mäßig intelligent, eher ungebildet und introvertiert; auch in Sachen Körperhygiene erhielt er keine Bestnoten; er beschwerte sich nie und schien dem Leben eher unbeteiligt gegenüberzustehen. Es gab Gerüchte über eine schwere Kindheit in Marion Park, Anzeigen wegen ehelicher Gewalt im Elternhaus, schlechte Noten in der Schule; die Highschool hatte er ohne Abschlusszeugnis abgebrochen.
Joel Lightner starrte zusammen mit Paul durch den Einwegspiegel, während Burgos drinnen stumm auf den Tisch hämmerte. Lightner wippte auf den Zehenballen wie ein Reservespieler, der an der Auslinie auf das Einsatzzeichen seines Trainers wartet. »Wann legen wir los?«, fragte er.
»Haben wir die Fotos?«, fragte Riley zurück.
Lightner nickte und händigte Riley einen Ordner aus.
Tatsächlich gab es keinen Grund, länger zu warten. Wenn schon Burgos’ Nerven nicht blank lagen, was Riley bezweifelte, war er vielleicht wenigstens hungrig. Essensentzug zählte unter Staatsanwälten zu den üblichen Methoden, Verdächtige gefügiger zu machen.
Riley seufzte und dehnte seine Armmuskeln. »Fühlen Sie sich der Sache gewachsen, Detective?«
Lightner nickte knapp. »Marion Park ist nicht Mayberry. Ich bin kein Anfänger.«
Das traf zu. Die Kriminalstatistik von Marion Park reichte zwar längst nicht an die der Innenstadtbezirke heran, doch eine der bekannteren Gangs, die Columbus Street Cannibals, begann hier Fuß zu fassen.
»Trotzdem nehme ich gerne Ratschläge entgegen.«
»Okay.« Paul blickte erneut durch den Einwegspiegel. »Als Erstes – lassen Sie die Finger von ihm.«
»Versteht sich von selbst.«
»Und wie wär’s zum Einstieg mit einer freundlichen Geste. Natürlich lassen Sie ihn nicht wirklich raus, aber sie könnten es ihm anbieten. Mal schauen, ob er darauf eingeht.«
»Wir könnten zusammen Mittag essen«, schlug Lightner vor. Riley hatte den gleichen Gedanken gehabt. Ein Gespräch beim Essen war entspannter. Man plauderte zwanglos, von Mensch zu Mensch. Eine gebräuchliche Methode von Detectives beim Ausfragen von Verdächtigen, für Staatsanwälte jedoch eher unüblich. Paul hätte ablehnen und selbst die Befragung durchführen können, doch das hätte ihn zum Zeugen gemacht und somit automatisch als Ankläger disqualifiziert. Es schwirrten auch noch andere Staatsanwälte auf dem Revier herum, unter anderem die Chefs der Behörden für Strafverfolgung und Spezialermittlungen, die Paul aus der City angefordert hatte, doch hatte er ihnen schon am Telefon klargemacht, dass Joel Lightner als Erster am Zug war. Er hatte den Kerl geschnappt, es war sein Fall. Und wenn sie mit ihrer Einschätzung richtig lagen, konnte Burgos ihnen ohnehin nicht mehr durch die Lappen gehen, ob er nun ein Geständnis ablegte oder nicht.
»Zeichnen Sie das Gespräch auf«, sagte Riley, als Lightner den Observationsraum verließ. Dann winkte Paul die beiden Behördenchefs, Chief Clark und drei weitere Detectives herein. Sie würden als Zeugen fungieren, wo die Beweiskraft des Bandes nicht ausreichte. Außerdem wollte Riley ihre Meinung über den Fortschritt der Ermittlungen hören.
Alle starrten schweigend durch den Einwegspiegel. Terry Burgos wippte lässig zu den Beats aus seinem Kopfhörer. Er blickte nicht mal auf, als Joel Lightner mit dem Aufnahmegerät den Raum betrat. Lightner stellte das Tonband auf dem kleinen Holztisch ab und steckte das Kabel in die Wandsteckdose. Erst als Burgos das Vibrieren des Tischs beim Absetzen des Apparats spürte, nahm er von Lightner Notiz.
Lightner ließ sich Burgos gegenüber nieder und signalisierte ihm, den Kopfhörer abzunehmen. Burgos fummelte am Player herum, schaltete ihn schließlich aus und zog die kleinen Ohrhörer heraus.
»Erst mal vielen Dank, dass Sie hier sind, Mr. Burgos. Haben Sie was dagegen, wenn ich das Gespräch mitschneide?«
Burgos musterte den Detective stumm. Lightner drückte den Startknopf. »Es ist 1 Uhr 25, Montag, der 26. Juni, 1989. Mein Name ist Joel Lightner, Chief Detective des Marion Park Police Department. Ich sitze hier mit Terrance Demetrius Burgos. Mr. Burgos, stimmen Sie einer Aufzeichnung des Gesprächs zu?«
Der Verdächtige starrte ihn an, dann zuckte er mit den Schultern.
»Würden Sie bitte laut und deutlich antworten, Mr. Burgos?«
»Okay«, erwiderte Burgos. Er sprach leise und zögerlich.
»Heißt das, ich kann unser Gespräch aufnehmen?«
»Okay.« Burgos breitete seine Hände auf dem Tisch aus. »Gibt’s noch Coke?«
»Sie möchten eine Coke? Kein Problem.« Lightner ging zur Tür und gab die Bestellung weiter. »Vielleicht haben Sie auch Hunger? Mittagessen verpasst, was?«
»Mhm.«
»Nach was steht Ihnen der Sinn?«
Burgos antwortete nicht. Womöglich hatte er die Frage nicht richtig verstanden.
»Einen Burger mit Fritten vielleicht?«, fragte Joel. »Ein Sandwich?«
Burgos schaute Joel an. »Ich mag Tacos.«
»Tacos? Prima. Ich kenne da ein hervorragendes Lokal.« Er sprach erneut mit dem Beamten vor der Tür. Dann kam er zurück zum Tisch und hockte sich hin. Entspannt lehnte er sich zurück und schlug ein Bein über das andere. Viele Polizisten taten sich schwer mit dieser Art von demonstrativer Gelassenheit. So sehr sie sich bemühten, am Ende wirkten sie immer nur wie jemand, der krampfhaft auf unverkrampft machte. Joel aber hatte es drauf, das war Riley jetzt schon klar. »Wie gesagt, vielen Dank für Ihr Erscheinen, Mr. Burgos. Ich betrachte das als freundliches Entgegenkommen Ihrerseits. Wenn Sie gehen möchten, ist das jederzeit möglich. Okay?«
Der Verdächtige zuckte mit den Achseln. »Schon in Ordnung.«
»Sehr gut«, sagte Paul laut. Joel beherrschte sein Handwerk. Er hatte den Verdächtigen darauf hingewiesen, dass er jederzeit gehen konnte, was bedeutete, Burgos befand sich offiziell nicht in Gewahrsam, und die Miranda-Rechte mussten nicht verlesen werden. Vorher hatte Joel ihm noch geschickt ein Essen auf Kosten des Hauses angeboten. Jetzt konnte er ein nettes, entspanntes Gespräch führen, in dem das Wort Anwalt kein einziges Mal zu fallen brauchte. Doch Terry Burgos würde bald merken, dass es auf dieser Welt so etwas wie ein Gratismittagessen nicht gab.
»Was haben Sie heute Morgen so getrieben, Terry?«
Der Verdächtige zuckte mit den Achseln. »Nicht viel.«
»Haben Sie zufällig Radio gehört?«
»Nur meine Musik.«
»Also kein Radio heute?«
»Nö.«
»Wie sieht’s mit Fernsehen aus? Mal reingeschaut?«
»Auch nicht.«
»Haben Sie mit jemand gesprochen? Nachbarn? Sonst irgendjemand?«
Burgos schüttelte den Kopf. »Niemand.«
Pauls Vertrauen in den Detective wuchs. Lightner hatte gerade ein paar mögliche Fallstricke ausgeräumt. Als die Polizei Burgos am späten Vormittag festgenommen hatte, hätte er bereits durch Radio- oder Fernsehnachrichten von den Morden erfahren haben können. Lightners Fragen aber hatten ergeben, dass er keine Nachrichten gehört hatte, also Kenntnisse der Tatumstände im Nachhinein nicht auf Fernsehen, Radio oder auch Nachbarn abschieben konnte. Alles was er aussagte, wusste er allein aus eigener Erfahrung.
»Sie haben gelegentlich in Mansbury gejobbt, ist das richtig?«, fragte Lightner.
»Stimmt.«
»Malerarbeiten, Straßen ausbessern, Blätter zusammenrechen, Schnee schippen. Solche Sachen.«
»Genau.«
»Reinigungsarbeiten?«
»Manchmal. Was die mir eben so aufgetragen haben.«
Joel kratzte sich an der Wange.
»Ich arbeite nicht mehr für die«, fügte Burgos hinzu.
»Sie arbeiten nicht mehr in Mansbury?«
Burgos schüttelte den Kopf.
»Warum nicht, Terry?«
»Keine Ahnung.« Burgos zuckte mit den Achseln. »Die haben mich gefeuert.«
Ein Uniformierter erschien mit der Coke, und Burgos lebte sichtlich auf. Er riss die Dose auf und trank einen Schluck. Paul hatte selbst noch nicht allzu viele Verhöre durchgeführt, aber die letzten Fragen schienen ihm wenig ergiebig. Er selbst hätte Burgos diese Informationen nicht aus der Nase gezogen, sondern ihn knallhart damit konfrontiert, um ihm zu zeigen, dass sie Bescheid wussten und sich nicht auf der Nase herumtanzen ließen. Lightner dagegen spielte den Dummen.
Doch es führten viele Wege zu einem Geständnis. Joel musste es auf seine Weise über die Bühne bringen, so gerne Riley sich auch eingeschaltet hätte.
»Als Sie noch dort gearbeitet haben, Terry«, sagte Lightner, »waren Sie da mal im Bramhall Auditorium?«
Burgos musterte die Coladose wie einen preisgekrönten Diamanten. Er leckte sich die Lippen und nahm noch einen Schluck. »Ja, war ich«, erwiderte er.
»Sind Sie auch unten im Keller gewesen? Wo die Reinigungsmittel lagern?«
Joel kam jetzt wieder mehr zur Sache, mit einer für die Vernehmung zweifellos entscheidenden Frage, egal ob die Antwort ja oder nein lautete.
»Ja«, erwiderte Burgos.
Riley wandte sich an Chief Clark. »Sagen Sie Ihrem Beamten, er soll das Essen nicht reinbringen, bevor Sie ihm den Befehl dazu geben.« Eigentlich meinte Riley, bevor ich den Befehl dazu gebe, aber er wollte niemandem auf die Füße treten.
»Und hat da jeder Zutritt, Terry? Könnte zum Beispiel ich da einfach so reinspazieren und runter in den Keller gehen?«
»Sie brauchen den Schlüssel.«
»Haben Sie einen Schlüssel?«
»Als ich dort gearbeitet hab, hatte ich welche zu allen Gebäuden.«
Paul hielt den Atem an. Das war einer dieser Momente. Während einer Befragung suchte man immer nach dem Durchbruch. Manchmal kam er wie von selbst. Oft war es aber auch wie ein Spiel, in dem eine ganze Reihe von möglichen Fragen die Schleusen öffnen konnte. Der Job des Verhörenden bestand darin, im Damm herumzustochern, bis er das Loch fand.
Burgos war der Frage ausgewichen.
»Und jetzt?«, fragte Lightner. »Besitzen Sie die Schlüssel noch?«
»Ich hab sie zurückgegeben.«
Wieder ausgewichen. Natürlich hatte er die Schlüssel zurückgegeben. Aber hatte er sich vielleicht eine Kopie machen lassen?
Die Vermutung lag nahe – und mehr als vermuten konnte man hier nicht -, dass Burgos sich Nachschlüssel von allen Gebäuden in Mansbury hatte anfertigen lassen. Daher hatte die Dekanin des College, Janet Scotland, den Unterricht auf unbestimmte Zeit ausgesetzt und das Schulgelände zur Sperrzone erklärt, damit die Untersuchungsbeamten in sämtlichen Ecken und Winkeln nach weiteren Leichen stöbern konnten. Auf dem gesamten Campus herrschte Ausgangssperre. Die Studenten der Sommerkurse, die heute hätten beginnen sollen, mussten auf ihren Zimmern bleiben, Polizisten kontrollierten die Eingänge der Wohnheime. Zwischen dem Universitätsgelände und der Druckerei, in der Burgos gearbeitet hatte, fahndete fast das gesamte Police Department nach Leichen und Beweisstücken.
Lightner hatte sich offensichtlich dazu entschlossen, die Sache mit den Schlüsseln nicht weiter zu forcieren. Wie die Beamten im Observationsraum hatte auch er Burgos’ Empfindlichkeit in diesem Punkt registriert und sich entschieden, den lockeren Plauderton beizubehalten. Er erkundigte sich bei Burgos, was dieser in den letzten zwei Wochen so getrieben und wo er sich aufgehalten hatte. Der Gerichtsmediziner konnte mit einiger Bestimmtheit sagen, dass alle Morde innerhalb der letzen vierzehn Tage verübt worden waren. Das lief auf mindestens ein Opfer alle zwei Tage hinaus, vielleicht auch eines pro Tag.
Die Polizei hatte mittlerweile die Führerscheine der sechs Frauen gefunden, in einer Schublade in Burgos’ Schlafzimmer. Damit waren ihre Namen bekannt, und man hatte sie in den Computer eingespeist. Da waren zum einen die beiden Studentinnen, Ellie Danzinger und Cassie Bentley, und die vier anderen Frauen, die nicht in Mansbury eingeschrieben waren. Alle vier waren zumindest einmal wegen Prostitution aufgegriffen worden. Zwei Studentinnen und vier Huren also.
Nun waren sie auf der Suche nach Freunden der Opfer, um ein grobes Zeitraster zu erstellen. Es war häufig schwer zu ermitteln, wann eine Prostituierte genau verschwunden war, weil die üblichen Informationsquellen – Arbeitgeber, Eltern, Ehepartner – fehlten. Trotzdem bestand eine gewisse Chance, etwas zu erfahren, besonders von ihren Vermietern, vorausgesetzt, sie hatten einen festen Wohnsitz. Natürlich wäre es äußerst hilfreich gewesen, den Zeitpunkt ihres Verschwindens schon vor der Befragung des Verdächtigen zu kennen. Man hätte dann die Fragen nach Burgos’ Alibi präziser eingrenzen können.
Doch dazu war keine Zeit. Jeden Augenblick konnte Burgos die Unterstützung eines Anwalts erhalten, und der würde ihm mit Sicherheit als Erstes einen Maulkorb verpassen. Also musste Joel ihn über jeden einzelnen Tag der letzten zwei Wochen ausquetschen.
Die Befragung ergab ein typisches Muster, wie es wahrscheinlich im Leben von jedem Menschen existiert. Terry arbeitete tagsüber nicht, da man ihn in Mansbury gefeuert hatte, jobbte aber nachts von Montag bis Freitag in der Druckerei von Professor Frank Albany.
»Mit wem arbeiten Sie in der Druckerei zusammen?«
»Normalerweise bin ich allein – jedenfalls nachts.« Er schwenkte die leere Coladose, rülpste laut und kicherte.
»Und das soll unser Serienmörder sein?«, murmelte einer der Staatsanwälte im Observationsraum.
»Wie sind Ihre Arbeitszeiten, Terry?«, fragte Lightner.
»Kommt drauf an.«
»Was heißt, kommt drauf an?«
»Was eben so ansteht. Normalerweise fang ich abends um sechs an. Dann mach ich so lange, wie sie mich brauchen.«
Obwohl Lightner mehrfach nachhakte, konnte der Verdächtige keine genauen Angaben darüber machen, wann er in den letzten beiden Wochen in der Druckerei gearbeitet hatte. Diese für den Fall entscheidende Information würde jedoch leicht zu ermitteln sein.
Noch weniger auskunftsfreudig zeigte sich Burgos, als es um seine Beschäftigung tagsüber ging. Er sei zu Hause gewesen, manchmal mit dem Truck raus aufs Land gefahren, doch auf irgendwas Konkretes an einem bestimmten Tag ließ er sich nicht festnageln.
»Wie notieren Sie Ihre Arbeitsstunden in der Druckerei?«, fragte Joel, das Thema wechselnd. Eine übliche Verhörtechnik. Zu einem unbequemen Thema zurückkehren und die Reaktion beobachten. »Tragen Sie sich in eine Liste ein, oder haben Sie eine Stempelkarte?«
»Ich trag mich ein.« Burgos rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Entweder ein kleiner klaustrophobischer Anfall, oder der Hunger setzte ein.
»Das Ganze läuft also auf einer Art Vertrauensbasis, sehe ich das richtig? Wenn Sie sich eintragen und dann gleich wieder verschwinden würden, bekäme das keiner mit, oder?« Joel zuckte mit den Achseln. »Schließlich arbeiten Sie da nachts ganz alleine.«
»Vermutlich könnte ich das«, stimmte Burgos zu, rascher, als Paul es erwartet hätte.
Riley blickte auf seine Uhr. Es war zwanzig nach zwei. »Bringt ihm sein Mittagessen«, wies er den Chief an. Kurz darauf erschien ein Beamter im Raum, in der Hand zwei Essenstüten, die er im Kantinenofen warm gehalten hatte.
Sie brauchten eine kurze Auszeit, um das weitere Vorgehen festzulegen. Joel sah das offensichtlich ähnlich, denn er verließ das Verhörzimmer. Als er den Observationsraum betrat, seufzte er und lockerte seinen Nacken. »Der Kerl ist nicht dumm«, sagte er zu Riley. »Er weiß genau, was er zugeben darf und wo er sich rausreden kann. Der Typ hat tagsüber keine Verpflichtungen und arbeitet nachts allein in einer Firma.«
Riley schaute sich im Raum um. »Irgendwelche Vorschläge?«
Es hagelte Ideen vonseiten der Staatsanwälte und Detectives, denn jeder wollte bei diesem Fall mitreden. Hart in die Mangel nehmen. Ihm die Verbrechen auf den Kopf zusagen. Tun, als wäre er gar nicht verdächtig, sondern ein Zeuge. Ihn um Mithilfe bitten. Jeder der Vorschläge konnte möglicherweise zu einer Lösung führen.
Doch Riley musste ständig daran denken, dass der Kerl bereits seit zwei Stunden auf dem Revier hockte und noch kein einziges Mal gefragt hatte, warum er eigentlich hier war. Vieles in diesem Job lief letzten Endes auf reines Bauchgefühl hinaus.
Riley musterte die Wand mit den Fotografien der sechs Opfer. Von jedem der Mädchen gab es über ein Dutzend Aufnahmen, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Entfernungen. »Holt mir eine neue Mappe«, sagte er zu niemand Bestimmtem. In der Zwischenzeit wählte er von jedem Opfer ein Foto aus und reduzierte so die Zahl von über sechzig auf sechs. Diese sechs Aufnahmen schob er in die neue Mappe. Er studierte sie einen Moment und entfernte dann das Foto des ersten Opfers, Ellie Danzinger.
Blieben fünf Aufnahmen, von den Opfern zwei bis sechs.
Riley hatte einen weiteren Einfall und arrangierte die Fotos der Leichen in einer anderen Reihenfolge, als sie auf dem Kellerboden gelegen hatten.
»Zeigen Sie ihm die Aufnahmen, während er isst«, wies er Joel an.
»In Ordnung.«
»Aber notieren Sie vorher, wie die Bilder jetzt angeordnet sind«, ergänzte Paul. Lightner nickte, und die Übrigen im Raum schauten ihm zu, als er die Reihenfolge auf einen Notizblock kritzelte. Plötzlich stutzte er.
»Sie sind falsch angeordnet.« Er blickte Riley aus schmalen Augen an. »Und wir lassen Ellie raus.«
»Genau.«
»Gefällt mir.« Joel ging kurz zur Toilette, während Riley und die anderen Terry Burgos beim Verspeisen seiner Tacos beobachteten. Burgos ging dabei mit großer Sorgfalt vor, fügte jeweils einen kleinen Spritzer Chilisoße hinzu und löffelte zu jedem Bissen eine mundgerechte Portion Guacamole.
Joel kam mit der Mappe ins Verhörzimmer und platzierte sie so vor Burgos, dass dieser die Fotos im Blick hatte. Doch der Verdächtige aß ungerührt weiter. Also erhob sich Joel wieder und schlenderte um den Tisch herum auf Burgos’ Seite. »Was halten Sie von den Bildern, Terry?«
Burgos schob sein Essen und seine frische, Kondensperlen schwitzende Coke beiseite. Er wischte sich die Hände an der Serviette ab, fächerte die fünf Fotos vor sich auf und unterzog sie einer genaueren Begutachtung. In seinem Gesicht spiegelte sich weder Abscheu noch Wiedererkennen. Als ob er mit der Szene vertraut wäre, schoss es Riley durch den Kopf. Burgos musterte jedes Bild ausgiebig und wischte sich dann erneut die Hände an der Serviette ab, bevor er mit den Fingern langsam über die toten Frauen auf den Hochglanzvergrößerungen fuhr. Er murmelte irgendwas Unverständliches. Dann reckte er, noch immer leise murmelnd, einen Finger und tippte einmal leicht auf jedes Foto. Joel Lightner ließ den Verdächtigen nicht aus den Augen, sprach ihn aber nicht an. Noch war nicht der richtige Zeitpunkt.
Burgos nahm jetzt die Fotos und begann sie neu zu sortieren.
Rileys Herz pochte. Er konnten nicht erkennen, in welcher Reihenfolge Burgos die toten Mädchen arrangiert hatte, wusste aber instinktiv, dass sie nun der Anordnung auf dem Kellerboden des Bramhall Auditorium entsprach.
Burgos warf einen neugierigen Blick auf Joel, dann sah er wieder hinab auf die Fotos. Er hob die Mappe an und schaute darunter nach. Dann bog er die Ecken jedes einzelnen Abzugs um, als prüfte er, ob ein weiterer darunterklebte.
»Jetzt wird’s spannend«, flüsterte Riley.
Der Chief sagte: »Was macht er …«, aber Riley legte ihm rasch die flache Hand auf die Schulter und bewegte sich sacht in Richtung Spiegel.
Terry Burgos spähte zu Joel empor. »Wo ist die Erste?«, fragte er. »Wo ist Ellie?«

4. Kapitel
14.20 Uhr
Zwei der Detectives im Raum klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Der Chief klatschte erleichtert in die Hände. Riley hatte über die Jahre hinweg an zahllosen Vernehmungen teilgenommen und diesen Augenblick in vielen Variationen erlebt. Den Durchbruch. Den Moment, in dem der Verdächtige auspackte, aus Eitelkeit, schlechtem Gewissen, Frustration, aus Erleichterung oder aus Angst.
Dann kommt jetzt der harte Teil, dachte er. Im Grunde hatte Burgos’ Schuld außer Frage gestanden, seit sie einen Blick ins Innere seines Hauses geworfen hatten. Bei dem, was jetzt folgte, ging es um etwas völlig anderes.
»Ich habe Ihnen die Fotos von sechs ermordeten Frauen vorgelegt«, sagte Detective Joel Lightner, dem offenbar eingefallen war, dass das Tonband nichts aufzeichnen konnte, was nicht zu hören war. »Sie haben sie in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet. Und Sie haben gefragt …«
»Wo ist die Erste? Ellie?« Terry Burgos wedelte mit einem der Fotos herum und klatschte es dann auf den Tisch. Er sprang von seinem Stuhl auf und starrte in die Ferne. Riley hätte alles gegeben, um sein Gesicht besser sehen zu können. Dass Burgos ihm nur das Profil zuwandte, war Rileys eigenes Versäumnis. Eigentlich hätte der Verdächtige frontal zum Einwegspiegel sitzen sollen.
Außerdem konnte Riley immer noch nicht erkennen, in welcher Reihenfolge Burgos die Fotos sortiert hatte, obwohl er sich inzwischen hundertprozentig sicher war, dass sie genau der Abfolge der Leichen im Putzraum entsprach.
Drinnen begann Burgos mit einem Mal zu keuchen, obschon er weiterhin wie angewurzelt verharrte. Im Observationsraum waren bei Burgos’ heftiger Reaktion sofort einige Männer aufgesprungen, aber Riley hob die Hand. Joel Lightner, ganz der Profi, zeigte sich nicht im Mindesten beeindruckt von Burgos’ kleinem Ausbruch, auch wenn er seine Pistole vor der Tür gelassen hatte.
Er wusste, dass auf den kleinsten Wink hin ein Dutzend Beamte hereinstürzen würden.
Immer noch aufrecht vor seinem Stuhl stehend deutete Burgos auf das erste Foto der Sequenz, vermutlich das zweite Opfer, da Paul Ellie Danzigers Foto herausgenommen hatte. Es war das Mädchen, dessen Kehle aufgeschlitzt worden war.
»Columbian necklace«, sagte Burgos.
»Kolumbianische was?«, flüsterte Chief Clark.
Columbian necklace. Kolumbinanische Halskette. Paul zog sich den Finger quer über die Kehle. Slang. Eine Redewendung unter Drogendealern. Die Kolumbianer schlitzen ihren Konkurrenten die Kehle auf.
Burgos wandte sich dem nächsten Foto zu, vermutlich das dritte Opfer. »Assault with a battery.«
Assault and battery war im Englischen der juristische Fachausdruck für einen tätlichen Angriff. Darum schien es Burgos aber nicht zu gehen. Er hatte nicht gesagt assault and battery. Er hatte gesagt assault with a battery, Anschlag mit einer Batterie. Das dritte Opfer war mit Säure verbrannt worden.
»Batteriesäure«, murmelte Riley. »Nehmt euch seine Bücher vor«, rief er in den Raum hinein. »Und seine Musik. Es könnte auch ein englischer Song sein, den er da zitiert. Sofort.« Riley hörte, wie hinter ihm Befehle erteilt wurden und jemand den Raum verließ.