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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Das Buch
Sie denken, Sie kennen alle Völker Tolkiens? Sie haben mit Orks Schlachten verloren, sind mit Zwergen durch die Dunkelheit gestolpert und haben mit Elfen und Trollen über die leidige Kleideretikette bei Hof diskutiert. Doch irgendwo im Nirgendwo lauert noch ein weiteres Volk und damit sind nicht etwa Halblinge, Oger, Kobolde oder gar Drachen gemeint. Dies ist die Geschichte des ober-geheimnisvollsten, ultra-gefährlichsten und absolut peinlichsten Volks der Fantasy – kein Wunder, dass J. R. R. Tolkien es verschwieg: die Anderen.

Der Autor
Boris B. B. B. Koch, geboren Ende des 17. Jahrhunderts, studierte vieles und nichts zu Ende. Der literarische Durchbruch gelang dem passionierten Erfinder unflätiger Ausdrücke mit emotionaler Bowlinglyrik und dem Besprühen fahrender Postkutschen. Aus offenen Briefen an Ludwig XVI. entstand 1924 die bahnbrechende, vierbändige Fantasy-Trilogie »Der schattige Herr des Schattenordens«. Boris B. B. B. Koch lebt mit seinen Frauen, Katzen, Kindern, Hunden und Ziermammuts im Kopf eines Anderen. Da können Sie ihn auch besuchen, aber auf eigene Gefahr:

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ACHTUNG!
Dieses Buch ist ein analog-interaktives Medium. Sie können es zwar leider nicht an das Internet anschließen, doch Sie haben mit dem Kauf dieses Buches auch die Lizenz erworben, über dieses Buch mit anderen Nutzern von »Die Anderen« zu reden. Diese Lizenz ist kostenlos und kann auch auf andere Personen übertragen werden, die dieses Buch nicht gelesen haben. Das ist nicht unerheblich, denn viele Leute reden gerne über Dinge, die sie nicht gelesen haben. Ich, zum Beispiel. Ich habe keine Ahnung von Wittgenstein und Niklas Luhmann, macht aber nichts.
Spannendes Bonusmaterial zu diesem analog-interaktiven Medium, darunter bewegende Einblicke in das Leben des Autors, finden Sie im Internet unter
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Prolog
Es war die kürzeste Nacht des Jahres, eine zutiefst magische Nacht, den alten Göttern heilig. Der volle Mond leuchtete in klarem Weiß über der äonenalten Kultstätte im Herzen der Welt, Wolken zogen im windigen Wind vorbei wie torkelnde Trinker unter der lunaren Laterne.
Das Herz der Welt war aus Stein. Ein einsamer Berg im Zentrum der bekannten Lande. Hoch ragte er über der Ebene der siebzehn Schlachten auf, steil, zerklüftet und kaum zu besteigen. Auf seinem Gipfel erhob sich ein Tempel mit dreiundzwanzig Säulen. Kein Lebender vermochte zu sagen, wer das Baumaterial hier emporgeschafft hatte, doch fast jedes Volk beanspruchte diese Leistung für sich; drei schreckliche Kriege waren über diesen Streit entbrannt und hatten zahllose Kämpfer und Historiker das Leben oder wenigstens ein paar Gliedmaßen gekostet.
Doch das war in dieser heiligen Nacht vergessen. Elfen, Zwerge, Trolle und Orks, jedes dieser Völker hatte einen Gesandten gesandt, um der Weisheit des Orakels zu lauschen und die Zukunft zu erfahren.
Von den Elfen war der edle Orgondondilbil gekommen, ein stattlicher Jägersmann, falkenäugiger Fährtensucher und dreifach prämierter Barde uralter Weisen.
Die rotbackige Glenda vom Stamm der Einundvierzigsten vertrat die Zwerge, und wie alle Einundvierzigsten war sie groß – für eine Zwergin, wohlgemerkt -, blauäugig und blond und hatte angewachsene Ohrläppchen.
Die Orkkriegerin Chain hatte Schnupfen und giftete nach jedem Nießer, daran seien nur die Menschen schuld, während der riesige Troll Joch sie immer höflich bat, ob sie ihm das aufschreiben könnte, er könne zwar nicht Lesen und Schreiben, aber er würde es gerne lernen.
»Hatschi!«, ging es wieder los.
»Gesundheit.«
»Verfluchte Menschen, daran sind nur die Menschen schuld.«
»Oh ja. Aber dürfte ich dich bitten, es diesmal für mich aufzuschreiben …«
»Schnauze!«, mischte sich Glenda ein. »Das Orakel spricht.«
Das Orakel war eigentlich kein Neutrum, sondern eine Frau, trotzdem sagte niemand die Orakel. So wie es eben auch das Mädchen heißt. Doch während ein Mädchen sich dadurch auszeichnet jung zu sein, war das Orakel auf dem Herzen der Welt uralt. Bucklig und faltig saß es – nicht sie, wohlgemerkt – in durchscheinende Tücher gehüllt auf einer schmalen Schaukel aus archaischem Arkholz, die über dem heiligen Schacht hing. Dieser Schacht führte vom Zentrum des Heiligtums in unergründliche Tiefen hinab, aus denen manchmal ein leises Schlagen und Pochen empordrang, immer jedoch ein beißender süßlicher Geruch, den das Orakel mit tiefen Zügen einsog.
»Hört die Innereien der Welt«, krächzte das Orakel mit glänzenden, rollenden Augen. »Hört, was die Götter durch ihre heiligen Dämpfe verkünden lassen. Die Welt ist in Aufruhr, eine Prüfung für die alten Völker bringen die kommenden Tage. Elf, Ork, Zwerg und Troll beschreiten die uralten Pfade, der Mensch schickt seine Heerscharen über eine einzige, breite, gepflasterte Straße und walzt andere Wege nieder, ohne die Vorfahrt zu achten. Noch werden die alten Lieder gesungen, Barden huldigen den Taten der vier alten Völker, doch bald werden Andere kommen und das Land an sich reißen. Hütet euch vor den Anderen, nur vereint können sie zurückgeschlagen werden. Alter Zwist muss begraben, ein neues Puzzle gelegt, die Mauer zwischen den Welten eingerissen werden. Der gemeinsame Griff zu den Sternen verschließt das Portal. Ewig geriegelt sei die Festung Jetzt, belagert von den schattigen Heeren der Ander… Huch!«
Das Huch war selbstverständlich nicht Teil der göttlichen Prophezeiung, sondern dadurch motiviert, dass das Orakel beim allzu dramatischen Deklamieren von der Schaukel rutschte und in den Schacht fiel.
»Verflucht!«, schrie Glenda.
»Oh, edles Orakel«, seufzte Orgondondilbil.
»Hatschi!«, kam es von Chain. »Drecksmenschen.«
»Hat jemand mitgeschrieben?«, wollte Joch wissen. »Ich kann nicht schreiben, und merken konnte ich mir das alles auch nicht.«
»Hallo?«, rief da das Orakel aus dem Schacht. »Könnte mir jemand die Strickleiter runterlassen? Sie liegt in der Kommode gleich neben der Tür.«
»Sofort, sofort, edles Orakel.« Der hilfsbereite Elf eilte nach der Leiter und hängte sie in den dafür vorgesehenen Haken neben der Schaukelaufhängung. Langsam kletterte das Orakel heraus.
»Was für ein Glück, dass Euch nichts geschehen ist!«
»Ach, mit Glück hat das wenig zu tun. Wir haben ein Netz im Schacht gespannt, nachdem vor Urzeiten drei Orakel in die Tiefe gestürzt waren und ihre Schreie dort langsam verklangen. Dezibel, der Priester mit dem göttlichen Gehör, hat den Aufprall eines jeden auf dem Grund des Schachts erst drei Tage später gehört. Die Dämpfe machen einen ganz schwummrig im Kopf, und die dämliche Schaukel wackelt furchtbar, man muss kein Orakel sein, um hier Unfälle prophezeien zu können. Aber wir können die Schaukel ja nicht einfach durch einen festen, bequemen Sitz ersetzen, sie hat Tradition.«
»Ihr seid wahrlich eine weise Bewahrerin göttlicher Traditionen!«, schwärmte Orgondondilbil.
»Hatschi«, sagte Chain. »Verdammte Menschen.«
»Du wirst nicht schreiben! Niemand wird schreiben!«, raunzte Glenda den Troll an, der daraufhin beleidigt zu Boden starrte und vor sich hin brummte.
»Ich kann gar nicht schreiben, das brauchst du mir jetzt wirklich nicht so reinzudrücken. Ist doch wahr …«
Darauf sagte erst einmal niemand mehr etwas. Das Orakel sah irritiert von einem zum anderen und zur Tür. Endlich ging diese auf, und zwei kahlköpfige Tempeldiener in bunten Roben eilten herein. Einer stützte sofort das alte Orakel, der andere trug ein eng sitzendes Krankenschwesternoutfit und bat die vier Gäste nachdrücklich zu gehen, der göttliche Zukunftsblick erschöpfe das Orakel immer sehr, es brauche nun absolute Ruhe.
»Nun, in diesem Fall«, säuselte Orgondondilbil, »werden wir uns selbstverständlich fügen. Habt Dank, wertes Orakel, für alles, was Ihr uns so selbstlos offenbart habt. Nur eine letzte Frage noch, bitte schön: Wie lautet der Schluss der göttlichen Botschaft? Ihr seid mitten im Satz, ähm, abgerutscht …«
»Wenn dem der Fall ist, so war dies der Wille der vielwilligen Götter. Dann erschien es ihnen nicht geraten, dass mehr enthüllt wird.«
»Ja, aber …«
»Nun, auch wenn ich wollte, ich könnte nicht. Niemals erinnere ich mich an die Worte, die ich in orakelhafter Ekstase von mir gebe. Ich bin nichts weiter als eine gottgelenkte Zunge, und die Zunge weiß nicht, was der Kopf denkt, der durch sie spricht, sie ist nur ein schlichtes Werkzeug.«
»Äh, ja, dann wisst Ihr also nicht, wer diese mysteriösen Anderen sind, die unsere Welt bedrohen?«
»Oh, ihr Unsterblichen! Unsere Welt wird bedroht? Ich glaube, mir wird ganz furchtbar schlecht …« Es begann zu zittern. »Was für ein Unglück, ihr Götter! Was für eine schmerzhafte Botschaft.«
»Raus jetzt!« Die Tempeldiener sahen sie unwirsch und zornesfaltig an. Der oberste Knopf des weißen Kittels sprang ab und der Ausschnitt wurde bedrohlich tief. »Das Orakel braucht Ruhe! Husch, husch, raus hier.«
»Aber …«
»Raus! Das ist der Wille der Götter!«
Wenn dem so war, konnten sie schlecht widersprechen. Grummelnd stapften die vier Gesandten aus dem Heiligtum in die Nacht hinaus und machten sich an den Abstieg.
 
»Meint ihr, die Kobolde sind die Anderen? Anders sind sie auf jeden Fall«, fragte Chain nach zwei Stunden Klettern, als sie auf einem kleinen Vorsprung rasteten. Orgondondilbil war hinter einem Felsen verschwunden, um Wasser zu lassen, und Joch versuchte mit einem Stock, etwas in den Stein zu ritzen, das er für Buchstaben hielt.
»Die Kobolde? So ein Schwachsinn. Die Kobolde sind doch schon hier, die werden nicht erst noch kommen. Und überhaupt sind die kleinen Stinker keine Bedrohung«, brummte Glenda.
»Schwachsinn? Ich rede also Schwachsinn?«
»Ja, tust du. Aber kannst ja nichts dafür, Orks haben nun mal kleine Gehirne.«
»Ach ja? Wenigstens haben unsere Stämme Namen, wir nummerieren sie nicht einfach durch.«
»Wie auch, wenn ihr nicht zählen könnt!«
»Ich kann prima zählen, Bart-Tussi: ein toter Zwerg, zwei tote Zwerge, drei tote Zwerge, fünf tote Zwerge, vier …«
Es ist schwer nachzuvollziehen, weshalb die Orks und Zwerge keine Diplomaten, sondern cholerische Rassisten auf eine solche Mission geschickt hatten, aber es war so. Der Monarchen Wege sind eben unergründlich.
Glenda jedenfalls schnallte sich ihre Axt vom Rücken, und Chain riss den Morgenstern aus dem Rucksack. Sie packten gleichzeitig ihre Waffen, stürmten gleichzeitig aufeinander los, holten gleichzeitig aus, schlugen gleichzeitigzu und bemerkten gleichzeitig, dass sie Rüstung und Schild unten bei den Pferden gelassen hatten, weil diese sie beim Klettern zu sehr behindert hätten (sowohl Schild und Rüstung als auch die Pferde). So waren beide Hiebe tödlich, und beide starben – natürlich – gleichzeitig. Weder Joch noch Orgondondilbil, der gerade erst wieder hinter dem Felsen auftauchte, konnten rechtzeitig eingreifen.
»Oh, Kameraden, das ist nicht kameradschaftlich …«, stammelte Orgondondilbil. »Gemeinsam, hat das Orakel gesagt, gemeinsam. Wie sollen denn unsere Völker, wenn schon wir, nur ein kleiner Ausschnitt der Welt, exemplarisch quasi für das Zusammenleben der Völker...«
Weiter sprach der bestürzte Elf nicht, denn Joch folgte einem uralten Instinkt der Trolle, angeboren und so alt wie das Volk selbst. Er ließ sein Stöckchen fallen, der Wunsch zu schreiben war vergessen. Schmatzend sprang er zu den beiden Toten und machte sich mit Heißhunger über sie her. Schon lange hatte er nichts Ordentliches mehr gegessen. In seiner Gier schlang er abwechselnd eine Pranke voll Chain und eine Pranke voll Glenda runter. Er kaute nicht, er stopfte nur immer nach in seinen weit aufgerissenen Rachen. Es war die Art der Trolle, gefallene Kameraden zu ehren. Joch ehrte sie jedoch so inbrünstig, dass er versehentlich eine Rippe quer in den Hals bekam und daran erstickte.
Orgondondilbil konnte ihm nicht helfen. Er klopfte dem Troll so fest er es vermochte auf den steinharten Rücken, doch die Rippe wollte nicht wieder heraus. Joch hustete und würgte bis zum Schluss, dann flüsterte er: »Ich kann noch nicht einmal Schreiben«, und starb traurig.
»Mit Messer und Gabel wäre das nicht passiert«, dachte der zivilisierte Orgondondilbil. Nur eine Pinkelpause, und er verblieb als Einziger, die vier Völker vor drohendem Unheil zu warnen. Was hatte sich das Schicksal nur dabei gedacht?
Vorsichtig kletterte er weiter. Der Mond schien hell, seine Augen waren scharf, er sah den Weg gut vor sich. Manchen steilen Felsen musste er hinab, dann stieg er wieder über Geröll oder balancierte ein schmales Sims entlang. Immer näher kam er dem Fuß des heiligen Berges. Doch seine Gedanken weilten weder dort noch bei seinen eigenen Füßen, sondern beim schrecklichen Ende seiner Gefährten.
»Warum auch du, Joch, warum auch du? Du wolltest doch nur Schreiben lernen …«
Ein Gott hätte aus einer Rippe Leben erschaffen können, ein Troll verliert durch eine Rippe sein Leben, was beweist, dass Trolle keine Götter sind, dachte er unvermittelt und wunderte sich gleichzeitig über seine orakelhaft absurden Gedanken. Wahrscheinlich war der süßliche Rauch aus der heiligen Stätte daran Schuld, der ihm noch immer in der Nase hing.
Trolle waren auch keine Elfen, konnten also Elfen Götter sein?
Was für eine verquere Frage und verschlungener Versuch der Beweisführung, doch Elfen waren bekannt für ihren philosophischen Heißhunger und ihre unsterbliche Geduld, wenn es darum ging, Dingen auf den Grund zu gehen oder sogar noch tiefer zu bohren. Durch jeden Widerstand hindurch, indem man das Bohren wörtlich nahm und sich einfach immer schneller um sich selbst drehte.
Konnten also Elfen Götter sein? Um das zu ergründen, müsste er umkehren, sich eine der übrig gebliebenen Rippen holen und versuchen, daraus einen Elfen zu formen. Oder besser gleich eine Elfe, eine große, elegante, wunderschöne, eloquente, zärtliche, liebreizende Elfe, eine erhabene Königin, eine … eine nackte Elfe, denn er trug natürlich keine angemessene Kleidung für eine Elfe bei sich. Warum sollte er auch? Über diese Gedanken an eine nackte Schönheit an seiner Seite errötete der Elf, denn er war wohlerzogen und ein anständiger Mann.
Nun, er errötete also, aber er konnte die Gedanken nicht von ihr lassen, achtete nicht mehr auf den Weg und rutschte unvermeidlich aus. Er stürzte in ein ausgetrocknetes Flussbett; in ein furchtbar steiles Flussbett. Immer schneller rutschte, purzelte, rollte und schlitterte er in die Tiefe. Von Fels zu Fels prallte er, seine einstmals hautenge Kleidung zerriss und flatterte in Fetzen um ihn her, begleitet von dem ein oder anderen Stückchen Haut.
Er jagte über eine Kante, über die einst ein herrlich frischer und übermütiger Wasserfall gesprudelt war, und wünschte sich, irgendwo dort unten, wo er gleich landen würde, wäre wenigstens noch ein bisschen Wasser verblieben.
Da war aber keins.
Er klatschte auf einen felsigen Hang, rollte sich ab, so gut es ging, brach sich aber dennoch zahllose Knochen, und rollte weiter, immer weiter. Bis er schließlich gegen eine Eiche prallte, die auf einem Felsvorsprung stand, und halb um sie gewickelt liegen blieb.
Nie wieder würde er aufstehen, das spürte er. Mühsam schielte er nach unten. Gut fünfzig Schritt unter ihm war das Lager, wo sein Freund Lendilon und die Freunde seiner jetzt toten Kameraden auf ihn warteten. Der Tag würde bald erwachen, es dämmerte bereits, und im Lager schlief niemand mehr. Was für ein unglaubliches Glück im Unglück, hier gelandet zu sein, gnädiger Wille der Götter! Er konnte die Mission noch erfüllen, er konnte die Warnung noch weiterleiten.
Mit letzter Kraft hob er den Kopf und schrie hinab: »Das Orakel hat gesagt, Andere werden kommen! Nur gemeinsam können wir die Gefahr abwenden. Zwist begraben, Puzzeln und mit Sternen Portal verschließen. Sonst Heerscharen der Anderen, keine Kobolde, keine Menschen. Für uns keine Bardenlieder mehr. Und Trolle sind keine Götter …«
Seine Stimme versagte, sein ganzer Körper schmerzte, doch er hatte die Prophezeiung noch weitergegeben. Er hatte nicht versagt, hatte seine Pflicht erfüllt. Noch einmal dachte er an die nackte Elfe, die er beinahe erschaffen hätte, und verstarb mit einem Lächeln auf den Lippen und geröteten Wangen.
 
»Was hat er gesagt? Ich konnte ihn kaum verstehen«, fragte der blonde Lendilon.
»Ich kann nicht schreiben, tut mir leid«, entschuldigte sich der Troll an seiner Seite, als würde das alles erklären.
»War ja klar«, sagte der grinsende Ork, der Parrot hieß. »Aber ich kann mir Dinge merken, deshalb komme ich in solchen Fällen auch immer mit. Und mein Gehör ist ausgezeichnet.«
Was seine Fähigkeit anbelangte, Dinge korrekt nachzuplappern ohne zu denken, hatte Parrot recht, nur sein Gehör überschätzte er gewaltig.
»Der Elf hat gebrüllt: Das Orakel hat gesagt, an der Wende kommen Uhr’n. Geh einsam, König, irdig fahr ab. Wende Zwist bergab. Fasel mit Sternenport. Aalvers lies, sonst herrschen Darmander, keine Kobolde, keine Menschen. Führ uns in’ne Bar, denn Lieder, Meer und Rollen sind keine Retter.«
»Das hat der gute Olo…, Olo…, der gute Dingsda gesagt?«, mischte sich der Zwerg Prahlin zweifelnd ein, der eben sein Frühstücksbier über dem Feuer erwärmte. Ein Morgenmuffel, wie er in den Schriftrollen stand. Oder vielleicht auch an manchen Höhlenwänden, aber da sind sich die Schriftgelehrten nicht sicher.
»Ganz sicher«, war sich dagegen Parrot.
»Verflucht!«, schimpfte Prahlin, während er mit dem Finger die Biertemperatur fühlte. »Dass diese Drecksorakel immer so orakelhaft sein müssen. Kann sich da nicht eines mal klar ausdrücken? Ist doch nicht zu viel verlangt, wenigstens einmal! So was wie: Feind kommt in 27 Tagen aus Süd-Südwest, hat zehntausend Krieger dabei und einen cholerischen, pyromanischen Zauberer, der eure Städte in Brand stecken wird. Also passt auf und haltet genug Wasser zum Löschen bereit. Nein, sie babbeln irgendeinen Mist daher, den keiner versteht, und wenn dann die Städte abgebrannt sind, stellen sie sich hin, nicken wichtig und sagen: Hab ich doch gleich gesagt, aber auf mich wollte ja wieder keiner hören. Scheinheilige Drecksäcke, sag ich!«
»Beruhig dich, Prahlin. Immerhin wissen wir, dass demnächst irgendwelche Darmander auftauchen, was auch immer das für Wesen sind, und dass irgendwer was trinken soll, das ist doch ein Anfang«, brummte der Troll. »Alles andere finden die Weisen unserer Völker schon heraus.«
»Wahr gesprochen, großer Freund. Und nun lasst uns die Prophezeiung nach Hause bringen, wie uns unsere Herrscher geheißen. Ehren wir unsere gefallenen Kameraden, indem wir unsere heilige Aufgabe mit angemessenem Ernst zu Ende bringen. Ehre sei dir, gefallener Kamerad!« Lendilon sah zu Orgondondilbil hinauf und reckte ihm die Arme zum letzten Gruß entgegen.
Langsam löste sich Orgondondilbil aus der Eiche und plumpste schnurgerade in ihre Mitte.
»Oh«, sagte Lendilon und schlug bestürzt die Hand vor den Mund.
»So so, gefallene Kameraden«, brummte Prahlin. »Hältst du das wirklich für die rechte Wortwahl?«
»Und wer sagt denn, dass die anderen auch tot sind? Nur weil ein Elf vom Weg abkommt, müssen das die anderen noch lange nicht. Orkische Fehltritte sind seltener.« Herausfordernd blitzte Parrot den Elf an.
Und schon herrschte dicke Luft im Lager, von der Frische des heraufdämmernden Morgens und der herrlichen Bergluft, die jedem Kurort zur Ehre gereicht hätte, war nichts mehr zu spüren.
Doch dann geschah es plötzlich. So unwahrscheinlich es auch klingen mag – doch bedenken Sie, die fünf standen oder lagen am Fuß des Herzens der Welt und dort waren die Magie und der Wille der Götter außerordentlich stark -, Orgondondilbil hob plötzlich seinen Kopf, sah schmerzvoll in die Runde und sagte: »Oh doch, sie sind alle tot. Ich konnte nichts dagegen tun. Und nun eilt euch, zaudert keine Sekunde, die Anderen kommen.«
Dann sackte sein Kopf wieder zu Boden und er starb endgültig. Aber diesmal lächelte er nicht.

Erstes Kapitel
Doro Elle saß in der warmen Frühlingssonne an der silbern plätschernden Quelle mitten im tiefen, viellaubigen Elfenwald. Sie trug ihren knappen, Lindenblättern nachempfundenen Bikini aus grün glänzender Seide und bräunte ihre makellose Haut. Im Schatten hinter ihr saßen zwei stattliche Elfenkrieger und sahen sie mit strahlenden Augen versonnen an.
»Willst du nicht lieber zu uns in den Schatten kommen? Nicht, dass deine blendend hymnische Schönheit durch einen schmerzhaft grellen Sonnenbrand Schaden erleidet. Natürlich könnte nichts deiner Schönheit tatsächlich etwas anhaben, keine Haut schält sich so elegant wie deine Alabasternheit, nur sorge ich mich tiefstherzlich um dich«, flötete der ansehnliche Fahrdahin, der in seiner ausgesprochen geschmackvollen und angesagten, jedoch langärmeligen Minnetracht furchtbar schwitzen musste.
Er hatte Doro Elle in dreimonatiger Arbeit das Modell eines Palastes aus wohlriechenden Waldblumen geflochtenund heute zum Geschenk gemacht. Er hoffe, ihr eines Tages einen solchen Palast als wirkliches Gebäude erbauen zu können, hatte er wohlklingend ausgeführt, bis dahin solle das Modell sie zu prunkvoll tanzenden Tagträumen einer lyrischen Zukunft inspirieren. Die Blumen waren derart kunstvoll ineinander verflochten, dass sie ein Gedicht dufteten, wenn man gemessenen Schrittes das zwölf Fuß durchmessende Modell gegen den Lauf des Mondes umrundete.
Fahrdahin entstammte einer äußerst angesehenen Familie, die zahlreiche Baumeister, Heiler, Gesetzesausleger und königliche Berater hervorgebracht hatte. Er beherrschte alle Standardtänze, sieben Sprachen und jede Form der höfischen Etikette; gesellschaftliche Fehltritte waren ihm fremd. Er bewegte sich mit schlafwandlerischer, lächelnder Sicherheit unter den Mitgliedern der bedeutendsten Familien und hatte immer einen freundlichen Scherz auf Lager. Die Form seiner blank gewienerten goldenen Schuhschnallen harmonierte perfekt mit dem Schwung von Doro Elles Augenbrauen, ein subtiles, aber dennoch sichtbares und kultiviertes Zeichen seiner Wertschätzung ihrer Person. Kurz gesagt, er war eine ausgezeichnete Partie und ein stilvoller Werber.
Ganz anders der Elf an seiner Seite, Nur’a’mann, der letzte Spross einer abgehalfterten Familie aus Abenteurern, Einzelgängern und Harz-Empfängern. Er trugeine schwarze Hose aus dem glatten Leder eines rauchschnaubenden Drachenschweins und ein lässiges froschgrünes Hemd, bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Sein braunes Haar wallte gewagt und ein bisschen rebellisch auf seine kräftigen Schultern herab, während er sehnsuchtsvolle Weisen von ziemlich wahrer Liebe und beinahe wahnhaftem Begehren sang. Begleitet wurde er von einem trommelnden Specht, geigenschmachtenden Hornmeisen und stolzen, den Refrain wiederholenden Echopapageien, die er in einer Hafenstadt der Menschen gekauft und abgerichtet hatte. Er schlackerte mit den Beinen nach rechts und links und schwang wahrhaft königlich seine Hüfte, während er dramatisch »Liebe mich sanft« in einen Tannenzapfen hauchte, den er sich vor den Mund hielt.
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Doro Elle versuchte aus der Symbolik der Handlung schlau zu werden, konnte aber keine Verbindung zwischen dem Tannenzapfen und einer potenziellen Werbung Nur’a’manns herstellen. Aber der Mann war schließlich ein Rebell, und als solcher tat er eben unübliche Dinge. Mochten die elfischen Hofdamen auch öffentlich über ihn spotten, hinter verschlossenen Türen dachten sie ganz anders von ihm. Sein kantiges Gesicht mit der gebogenen Nase und den sowohl schwermütigen als auch stechenden Augen widersprach natürlich jeglichen ästhetischen Prinzipien von der Weichheit und Fröhlichkeit edler Züge, doch sprach es die tief in vielen Hofdamen schlummernde Lust nach Abenteuer an, bei anderen wiederum den Wunsch, eben jene zu sein, die diesem Rebellen den wilden Blick austrieb und ihm sanfte Wangen ins Gesicht päppelte.
Aber Nur’a’mann hatte nur Augen für Doro Elle, auch wenn er meist schüchtern an ihr vorbei blickte oder höchstens verstohlen zu ihr hinüberlinste. Denn mochte er auch den harten Rebellen geben und unter Männern um keine Antwort verlegen sein, mochte er wilden Ebern und Bären auch mit bloßen Händen und einem abfälligen Lächeln entgegentreten, mochte seine Hand am Bogen auch niemals zittern, wenn er auf die giftigen Killereichhörnchen schoss – sobald eine Frau und Gefühle ins Spiel kamen, war seine Selbstsicherheit dahin. Er sang für sie und brachte ihr jeden Herbst zahllose Bärenfelle von selbst erlegten Tieren für den winterlichen Kamin, aber er wagte es nicht, sie zu berühren oder gar zu fragen: »Zu dir oder zu mir?«
Nicht einmal Alkohol enthemmte ihn so weit. Doro Elle hatte mehrmals versucht ihn abzufüllen, und er hatte stets artig getrunken, wenn sie das Glas erhoben hatte, bis er albern und kindisch geworden war und schließlich müde. Angefasst hatte er sie nie.
Doro Elle räkelte sich in ihrem knappen Bikini in der Sonne und lächelte. Sie hoffte mehr zu provozieren als weitere Poesie. Sie konnte es nicht mehr hören. Nicht noch einen Reim auf ihr »strahlend Augenlicht, dem es nie an Glanz gebricht«, keine weitere Hymne auf ihr »gülden Haar im Windespiel, das bricht der männlich’ Herzen viel«.
Zwanzig Jahre warben die beiden jetzt schon um sie, doch keiner machte den entscheidenden Schritt. Sie durfte ja nicht, sie war nur das ewig lockende und ewig wartende Weib, der erste Schritt war Männersache. Sie hatte es so satt! Zwanzig Jahre, und nichts war passiert, außer dass die beiden jetzt dicke Freunde waren. Trafen sich ja jeden Tag, während sie um sie herumscharwenzelten. Keine Eifersucht, nur gegenseitiges Verständnis und Schulterklopfen: »Hast einen guten Geschmack, Junge, ehrlich.«
In zwanzig Jahren hatten sie sich nicht einmal wegen ihr geprügelt, noch nicht mal gestritten. Zwanzig Jahre zu dritt rumhängen und alleine heimgehen; sie hatte es so dermaßen satt. Hatten die Männer von heute überhaupt keine Triebe? Vor zwei-, dreitausend Jahren musste das anders gewesen sein, wenn sie den Warnungen ihrer Großmutter glauben konnte. Glückliche Zeiten, damals. Ihr war es fast egal, wer von beiden den ersten Schritt machte, sie war auf beide scharf. Und weitere zwanzig Jahre wollte sie auf keinen Fall warten. Aber sie befürchtete das Schlimmste.
»Ein wundervoller Palast«, hatte Nur’a’mann seinen Nebenbuhler und besten Freund gelobt, als er das blumengeflochtene Modell gesehen hatte. »Vielleicht sollte ich einen dazu passenden wildromantischen Garten basteln? Spiegelbildlich zu deinem Meisterwerk – du nahmst Blumen für tote Materie – könnte ich die Bäume und labyrinthischen Hecken aus einzeln bemalten Kieselsteinchen kleben.«
Was, dachten die beiden, sollte sie damit tun? Sie spielte nicht mehr mit Puppen! Doch ihre Verärgerung warf keinen Schatten auf ihr lächelndes Gesicht.
Da schallte unvermittelt das tiefe Dröhnen eines Horns durch den Wald.
»Die Königin!«, schmetterte Fahrdahin und sprang auf die Beine. Zum Glück nur auf seine eigenen, Nur’a’mann zog die seinigen rasch genug hinfort. Mit rebellischer Gemächlichkeit erhob auch er sich, schlenderte zu Doro Elle und reichte ihr lächelnd die Hand. »Mag seine Königin auch in der Ferne das Horn blasen lassen, ich helfe erst der meinen auf, bevor ich mich dem Ruf weltlicher Herrscherinnen beuge.«
Doro Elle lachte und ergriff die dargebotene Hand. Sie ließ sich von ihm hochziehen, kam ihm ganz nah, trippelte sogar noch einen Schritt näher, doch Nur’a’mann wich zurück, sodass ihre Körper sich nicht einmal flüchtig berührten. Trottel!
»Nun, dann werde ich mir schnell etwas Hochgeschlossenes anziehen, damit ich züchtig bei Hofe erscheine«, sagte Doro Elle eisig und stapfte davon.
»Was bekümmert sie denn?«, fragte Nur’a’mann seinen Freund, während er der davoneilenden Elfe hinterher starrte. »Hätte ich das mit der Königin nicht sagen sollen?«
»Nein, nein«, erwiderte Fahrdahin. »Das war zwar gewagt, aber damit hast du sicher ein paar Punkte bei ihr gemacht. Ihre plötzliche Missstimmung hat ihre Ursache wohl im Ruf der Königin, da sie nun ihr Sonnenbad unterbrechen musste.«
»Das ist aber auch ärgerlich«, nickte Nur’a’mann mitfühlend, während die beiden Männer dem Hörnerruf Folge leisteten.
 
Prächtig war der Palast mit seinen tausend ewigen, sternengleich brennenden Kerzen, prächtig die Königin selbst, die ein schimmerndes, tief ausgeschnittenes Kleid in allen Farben des Waldes trug. Mit jeder Operation waren ihre Züge aristokratischer geworden, vor allem ihre Nase, die nun gerader war als eine frisch geeichte Wasserwaage. Majestätisch stand sie vor den versammelten hohen Elfenfamilien und sprach mit klarer Stimme.
»Unser Bruder Lendilon ist mit dunkler Botschaft vom Orakel zurückgekehrt, mit zwei dunklen Botschaften gar. Denn, und dies ist die erste, sein Gefährte Orgondondilbil ist nicht mit ihm zurückgekehrt, sondern tödlich gestürzt, als er die Worte des Orakels vom Berg herabbrachte. Leider nicht in Steinplatten gemeißelt oder anderweitig festgehalten, und so muss uns eine sinngemäße Wiedergabe der Worte genügen. Und dies ist die zweite dunkle Botschaft, denn nun sind es nicht mehr nur die Menschen und ihr neuer Glaube, die unsere Freiheit bedrohen, sondern auch fürchterliche Darmander. Sie sind so fremd und schrecklich, so andersartig und leben so tief in fernen dunklen Regionen, dass nichts über sie bekannt ist. Keinerlei Aufzeichnungen über sie existieren in der gesamten Palastbibliothek, und so werden wir sie in Zukunft einfach die Anderen nennen, oder auch Die-die-nicht-genannt-werden-dürfen. Besser ist es, den Namen des dunklen Feindes zu verschweigen, solange wir seine dämonischen Kräfte nicht kennen. Wer weiß, ob ein unbedacht geäußerter Name ihnen nicht Port und Portal öffnet. Niemand wird also diesen Namen aussprechen, während wir ab morgen mit der Aufrüstung und verstärkten Waffenübungen beginnen. Alle Reservisten erscheinen bei Sonnenaufgang auf dem Exerzierplatz Waldesruh. Wir werden gerüstet sein, wenn sie kommen. Also, die Anderen, nicht die Reservisten.«

Zweites Kapitel
Mit klangvollen Sprüngen tanzte der Hammer rhythmisch über das glühende Eisen auf dem Amboss. Den schwungvoll drehenden Schritten eines traditionellen Tempeltänzers gleich lief das schwere Werkzeug über das Eisen, formte es, verlieh ihm Gestalt. Eine wie von Zirkelhand gezogene Rundung ließ erahnen, was für ein herrlicher Schild, Topf, Axt oder Türbolzen dies in naher Zukunft werden würde.
Es war eine kräftige, haarige Zwergenhand, die den Hammer so akkurat im Takt auf den Amboss schlug. Bis … nun, bis der schmiedende Zwerg plötzlich niesen musste. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die Banalitäten des Lebens, die einen gestandenen Mann oder einen schweren Hammer aus der Bahn werfen. Der Hammer traf das Eisen nicht mehr zentral, sondern auf der himmelwärts gewölbten Kante und drosch diese auf den Amboss. Das Eisen rollte sich blitzschnell über die Wölbung ab und wurde von der ungeheuren Energie wie von einem Katapult in die Luft geschleudert, direkt auf die Tür zu, die – natürlich – in eben jenem Augenblick schwungvoll geöffnet wurde.
»Dungdill!«, rief eine zarte Stimme nach dem Zwerg, als das Eisen auf die sich öffnende Tür traf, von ihrer Bewegung in die andere Ecke der Schmiede gefeuert wurde und dort eine an die Wand gelehnte Hellebarde umriss, welche wiederum die neben ihr stehende umstieß, und diese die nächste und so weiter, bis schließlich die siebzehnte Hellebarde langsam an der Wand entlangrutschte und den Haken, an dem der gerahmte Meisterbrief Dungdills hing, traf. Dieser fiel zu Boden, der Rahmen brach entzwei und der Meisterbrief selbst wurde von einem Windstoß erfasst, der durch die nun offene Tür hereinwehte, und flatterte ins Schmiedefeuer.
»Hunderttausend Eberhunde!«, fluchte Dungdill. »Das ist jetzt der zehnte zerstörte Meisterbrief in fünf Jahren. Das dauert jedes Mal ewig, bis ich einen neuen habe, mit beglaubigter Kopie und allen erforderlichen Stempeln und Siegeln. Ohne gültige Geburtsurkunde bist du in der Bürgerverwaltung komplett aufgeschmissen, da rennst du dir die Hacken ab, besonders wenn du kein Mensch bist und noch dazu nicht von hier.«
»Tut mir ehrlich leid«, sagte das Mädchen, das eben hereingestürmt war. Es war die Tochter einer Dienstmagd und außerdem Dungdills Patenkind und konnte sich nicht erinnern, irgendetwas falsch gemacht zu haben, doch sich zu entschuldigen war ein anerzogener Reflex.
»Ist nicht deine Schuld«, brummte Dungdill freundlich und ließ den Hammer zu Boden gleiten, direkt auf einen kleinen, vergnüglich gepunkteten Glückskäfer, der ahnungslos durch die Schmiede gekrochen war. Dungdill bekam vom lautlosen Tod des trächtigen Insekts nichts mit. »Was gibt’s, Soja?«
»Ein Zwerg, ein Zwerg ist gekommen!«
»Ein Zwerg? Ein echter Zwerg? Mit richtigem Bart, Kettenhemd, roter Trinkernase, Zipfelmütze und allem Drum und Dran?« Dungdill konnte es kaum fassen. Die Reiche der Zwerge waren fern, noch nie in seinem Leben hatte er einen getroffen. Alles, was er über die Kultur und Geschichte seines Volkes wusste, stammte aus den weisen Folianten, die er hier in die kurzen dicken Finger bekommen hatte. Was er über ihr Aussehen und ihre Tracht wusste, stammte aus einem glänzend bunten Heftchen mit Bildern von Skulpturen glücklicher, arbeitender Zwerge mit knallroten Zipfelmützen. Ein Heftchen, das bei einem magischen Experiment über Dimensionsreisen im Labor des Magiers Jod-Loden aufgetaucht war, und dessen fremdartige Schriftzeichen niemand hier entziffern konnte.
Hier, das waren der Turm des großen Magiers Jod-Loden und die dazugehörigen Gesindehäuser, Werkstätten, Stallungen, Trinkhalle und Kegelbahn. Dungdill war als Säugling in einem Weidenkorb nach einer stürmischen Nacht mit bösem Hochwasser vor dem Turm des Magiers gefunden worden. Flennend und ziemlich ramponiert hatte er auf einem durchnässten zerfledderten Kissen gelegen, überall Schürfwunden, ein Ärmchen gebrochen und von einem wärmenden Kuhfladen bedeckt. Jod-Loden hatte ihn aufgenommen, und so war Dungdill als einziger Zwerg unter Menschen aufgewachsen. Meist glücklich, doch immer wieder von der Frage nach seiner Herkunft gequält. Irgendwann würde er nach seinen leiblichen Eltern forschen, würde schließlich seinen Stamm besuchen, seinen Clan, seine Familie, seine Heimat. Dass man ihn dort in einem Körbchen ausgesetzt hatte, musste ein dummer Zufall gewesen sein, ein Versehen, keine Absicht, und wenn er zurückkehrte, würde er bestimmt mit viel Liebe und großem Hallo empfangen werden.
»Ja, ein richtiger Zwerg. Mit Axt und stählernem Maßkrug am Gürtel«, bestätigte Soja. »Aber er ist schwer verletzt.«
»Verletzt? Oh, ihr Götter. Bring mich zu ihm! Rasch!«
»Jod-Loden ist bei ihm«, sagte Soja, während sie Dungdill voranstürmte. Sie rannten durch die Gänge des Gebäudekomplexes, vorbei an Laboratorien und den Unterrichtsräumen für die Schüler des Magiers. Hinter einer Tür explodierte etwas, Stimmengewirr wurde laut und ein Famulus schrie: »Das war ich nicht! Der Zwerg hat vorhin meine Tiegel vertauscht!«
Dungdill bremste ab, riss die Tür auf und brüllte in den dichten giftgrünen Nebel hinein: »Verlogener Sack! Du hast doch angefangen, du hast heute Nacht meine Matratze in Pudding verwandelt und ich wäre fast an Vanille-Erstickungen gestorben!«
Der Nebel stank furchtbar und biss ihm in die Nase. Also schlug Dungdill die Tür wieder zu und raste weiter hinter Soja her.
Doch alle Eile half nichts, am Ende ihrer Hetzjagd wurden sie nicht eingelassen. Sojas Mutter patrouillierte vor dem Gästezimmer, sah streng auf sie herab, als sie keuchend vor ihr zum Stehen kamen, und verschränkte entschlossen die Arme. »Jod-Loden ist bei ihm und wirkt seine Heilmagie. Dabei darf er unter keinen Umständen gestört werden.«
»Steht es so schlimm?«
»Oh ja. Der arme Kerl lallte nur und stöhnte vor Schmerz, als er ankam, und überall auf seinem Körper fanden sich Spuren einer wilden Reise und harter Kämpfe. Die linke Schulter ist verbrannt, ein tiefer ausgefranster Schnitt im rechten Arm, das linke Knie zerschmettert und voll getrocknetem Lindwurmspeichel, auf dem Rücken das Brandzeichen eines verrückten dämonischen Rinderbarons der Westlande und auf dem Bauch ein riesiger Knutschfleck, der von einem Riesen stammen muss. Vielleicht auch von einem Troll. Das eine Auge geschwollen und nach innen gedreht, sodass er sich dank der berühmten Nachtsicht der Zwerge selbst beim Denken zusehen kann, was ihn vermutlich in einen partiellen Wahnsinn getrieben hat. Zwei Schneidezähne fehlen und ein Eckzahn ist außergewöhnlich lang und versteinert. Beide Füße waren mit Hufeisen beschlagen, und mit der Rechten umklammerte er einen Kompass, dessen Nadel verbogen und dessen Beschriftung verblasst und völlig unleserlich ist. Ja, ich würde sagen, es steht schlimm. Aber er scheint ein zäher Bursche zu sein.«
»Ein wahrer Zwerg eben«, sagte Dungdill voller Stolz.
»Heh! So-, So-, … Dingsdas Mutter! Hol mal den Dingsdill! Den Dungdings!«, rief plötzlich der Magier durch die verschlossene Tür. Jod-Loden war weithin für seine Zauberfertigkeit bekannt, jedoch nicht für sein Namensgedächtnis.
»Schon da«, trällerte Dungdill freudig und stolperte gegen den Türrahmen. Mit einem festen Griff renkte er seine Nase wieder ein und schritt durch die Tür. Also nicht wortwörtlich – er war ja nicht der Magier -, sondern ganz normal und unfallfrei. Dann schloss er sie wieder hinter sich.
»Komm her, Ziehsohn.« Jod-Loden klopfte auf den freien Hocker neben dem Bett. »Unser Gast hat nach einem Zwerg gefragt. Sein Name ist Pra-Dingsda.«
»Prahlin …«, röchelte der Zwerg im Bett. Er war in einen dicken Verband eingewickelt, nur die rote Nase, der breite Mund und der versengte Bart sahen zwischen den Bandagen hervor.
»Prahlin! Welche Freude, dich zu treffen. Meine Name ist Dungdill.« Voll überschäumender Freude ergriff der Zwerg mit beiden Händen die eingewickelte Rechte seines Kameraden, der ein schmerzerfülltes Röcheln ausstieß. Erschrocken ließ Dungdill sie wieder fallen. »Oh! Entschuldige!«
Währenddessen murmelte Jod-Loden vor sich hin: »Dilldung also, interessanter Name. Oder war es Dilldong? Dodill? Verdammt, ich frag nachher einfach die … die Dingsda, eben.«
»Kein Problem, Kamerad«, flüsterte Prahlin. »Komm näher, damit ich dir etwas Wichtiges mitteilen kann.«
Und Dungdill beugte sich vor, bis sein Ohr fast auf den Lippen Prahlins lag.
»Ich werde durchkommen, hat mir der nette verwirrte Mann mit den grauen Haaren und dem spitzen Hut versichert. Aber meine Genesung wird zu lange dauern. Ich bin mit einer wichtigen Botschaft unterwegs, es geht um das Überleben all unserer Stämme. Du musst sie für mich zu unserem Großkönig bringen. Du musst, hörst du?«