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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Das Buch
Paula Zeisberg stehen harte Zeiten bevor. Privat steckt sie in einer Krise mit ihrem Freund Ralf und beruflich sieht sich die Leiterin der neunten Berliner Mordkommission mit einem ihrer schwersten Fälle konfrontiert: den Morden an drei Frauen, die vor allem Paulas Freundin, die Staatsanwältin Christiane Gregor, zutiefst verstören.
Als in Berlin-Mitte auf einer Parkbank eine Tote entdeckt wird, wie beim Taubenfüttern erstarrt, ist Chris Gregor schockiert: Genau in dieser Haltung sitzt sie Tag für Tag in ihrer Mittagspause auf exakt derselben Parkbank. Handelt es sich nur um einen schaurigen Zufall? Oder treibt der Installationskünstler Josef Heiliger, der Christiane am Tatort seine Karte zusteckt, ein böses Spiel mit ihr?
Kurz darauf wird eine zweite Frauenleiche gefunden. Auch diesmal handelt es sich um eine makabre Inszenierung, und wieder fühlt sich Christiane kopiert. Paula setzt sehr auf die Hilfe des forensischen Gutachters Professor Bach, doch die Ermittlungen scheinen sich im Kreis zu drehen …

Die Autorin
Andrea Vanoni, geboren 1963, war nach ihrem Studium als Assistentin am Wiener Burgtheater und als Dramaturgin am Kieler Opernhaus tätig. Heute arbeitet sie als selbstständige Agentin für Drehbuchautoren, Regisseure und Kameraleute. Nach »Totensonntage« ist »Im Herzen rein« ihr zweiter Roman.

Für Ernst

PROLOG
Woran dachte sie? Als die U-Bahn hielt und Leute hereinkamen, befürchtete er, es könnte sich jemand zwischen sie stellen. Aber das passierte nicht, er konnte sie weiter ungestört in der Spiegelung der Scheibe beobachten – ihre großen Augen, den weichen Mund.
Er stand hinter ihr, nur zwei Schritte entfernt. Er hätte noch näher gehen und ihren Duft einatmen können. Es wäre nicht einmal ein Risiko gewesen, direkt neben ihr zu stehen. Keiner nahm den anderen wahr. Eine Studentin las in ihren Unterlagen; der Mann mit der Aktentasche auf den Knien hatte seine Augen geschlossen; ein kleines Kind patschte mit den Händen an das Fensterglas; die Frau mit den vier Einkaufstüten stierte vor sich hin. Er liebte die Abgestumpftheit der Menschen in der Großstadt.
Die nächste Station war Kurfürstendamm. Als der Zug seine Fahrt verlangsamte, machte sie einen Schritt auf die Tür zu. Sie blieb stehen, ohne sich festzuhalten. Den Ruck beim Anhalten nutzte sie als Schwung zum Aussteigen.
Er folgte ihr.
Der Bahnsteig war voll; er brauchte nicht aufzupassen, sie würde ihn nicht bemerken. Sie trug schwarze Schuhe mit Absätzen, Nylonstrümpfe und einen Rock, der bei jedem Schritt hin und her wippte. Er beobachtete, wie sie die Treppe hinauflief und sich nach rechts wandte. Er nahm die letzte Stufe langsam, um nicht aufzufallen, und suchte sie. Sie wartete an der Ampel. Als das Licht auf Grün sprang, schlenderte sie über die Straße, wie jemand, der die Pflichten des Tages hinter sich hatte.
Es erregte ihn, dass sie unwissend vor ihm herging, nicht wusste, was auf sie wartete. Er spürte die Spannung im Nacken. Obwohl es Ende September war, wehte Sommerluft durch die Straßen, und die Menschen gingen leichtfüßig. Ja, dachte er, die Menschen bewegen sich im Sommer anders als im Winter, unabhängig von der Kleidung. Die junge Frau vor ihm ging jetzt entspannt am Biersalon vorbei. Sein Jagdfieber ließ ihn die Dinge überdeutlich wahrnehmen. Sein Blut pochte in den Schläfen. Die Vorstellung von dem Ereignis, das kommen würde, erfüllte ihn mit einem kribbelnden Gefühl. Die gute Laune der blonden Frau würde seine Verbündete sein.
Sie verschwand in der Passage zum Filmpalast. Vielleicht wollte sie ins Kino, dann würde er gleich im dunklen Raum in ihrer Nähe sitzen.
Er stellte sich vor den Schaukasten mit den Fotos, um den Eingang im Auge zu behalten. Als sie langsam wieder herauskam, machte er zwei Schritte auf sie zu, zeigte auf das Plakat und fragte, ob sie den Film schon gesehen habe. Sie lächelte, nein, sie habe sich gerade eine Karte gekauft. Er sagte, das werde er auch tun, er habe gehört, es sei ein schöner Film.
Nachdem er die Karte gekauft hatte, ging er wieder auf die Straße. Er sah sie am Verkaufsfenster des Donut-Ladens an der Ecke. Der Verkäufer mit einer weißen Schiffchen-Mütze flirtete mit ihr, wobei er seine Mütze abnahm und sie wie ein Boot auf Wellen durch die Luft bewegte. Sie lachte. Er setzte die Mütze quer auf, worüber sie noch einmal lachte, und stellte ihr einen Becher Kaffee und einen Schokoladen-Donut hin.
Während sie aß, bettelte ein junges Mädchen sie an. Sie hörte ihr freundlich zu, gab aber kein Geld, sondern kaufte dem Mädchen einen Donut mit Kakao. Beide aßen und redeten. Sie gab dem Mädchen dann doch noch eine Münze und ging zum Kino.
Er folgte ihr durch die Passage und das Foyer zum Einlass. Die Angestellte riss seine Karte ab, ohne ihn anzusehen.
Im Saal war es schon dunkel. Wo hatte sie sich hingesetzt? Das Licht auf der Leinwand wechselte. Er hatte ihre Silhouette vor Augen – unter Hunderten würde er sie erkennen. Das hintere Drittel war gut besetzt, da war sie nicht. Dann hatte er sie im Blick – sie saß weiter vorn, allein auf einem Mittelplatz. Er blieb in der Nähe des Eingangs und setzte sich an den Rand. Als der Film begann, rutschte sie tiefer und legte den Nacken auf die Rückenlehne des Sitzes. Er beobachtete sie – der Film interessierte ihn nicht.
Beim Abspann blieb sie noch sitzen. Er ließ sich von den anderen Zuschauern hinausschieben. Im Foyer wartete er an der Seitenwand und blätterte in den ausgelegten Flyern, bis sie an ihm vorbei war.
Vor dem Kino blieb sie unschlüssig stehen. Das war sein Moment. »Wie hat Ihnen der Film gefallen?«
»Sehr gut. Ich liebe romantische Komödien.« Sie strahlte.
»Ja«, sagte er, »ich auch. Sie machen gute Laune.« Sie lachte, da sei er anders als die meisten Männer.
Er nickte, zeigte auf den Haägen-Dazs-Laden direkt neben dem Kino. »Ein Eis?« Dabei betrachtete er ihren Mund.
»Gute Idee«, sagte sie, »Schokoladeneis mit Streuseln und eine Kugel Zitroneneis dazu – süß und sauer.«
Er brachte Waffeltüten mit Schoko und Zitrone, für sich dasselbe. Er machte sich nichts aus Eis. Er schaute ihr zu, wie sie das Eis schleckte, dabei plauderte sie. Sie war Bibliothekarin, hatte aber hier in Berlin keine Stellung gefunden und arbeitete in einer Firma zum Einscannen von Dokumenten. Abends ging sie gern ins Kino. Heute war sie schon um sechs gegangen, weil sie um neun noch zu einer Lesung wollte. Sie schwärmte von dem brasilianischen Autor, Paolo Gonzalez, der heute aus seinem neuen Bestseller las: Geschichten des Windes.
Er tat überrascht: »Ich habe auch schon überlegt, ob ich da hingehe.«
Es klappte. Sie biss an. »Ihnen hat der Film gefallen, da werden Sie die Geschichten von Gonzalez mögen. Kommen Sie doch mit.«
Sie hatte ihn aufgefordert, alles lief wie am Schnürchen. Er spürte, dass ihm heute alles gelingen würde. Er hatte die richtige Taktik.
Sie wollte zur U-Bahn gehen, er sagte, sein Auto stehe gleich um die Ecke.
»Dann nehmen wir Ihr Auto«, schlug sie vor.
Heute ist mein Tag, dachte er, als er aus der engen Parklücke fuhr, um ihr danach die Tür von innen zu öffnen, damit sie einsteigen konnte.
Vor der Ampel betätigte er die Zentralverriegelung, ohne dass sie es merkte.
Sie fuhren rechts in die Budapester Straße und dann in der Hofjägerallee auf die Siegessäule zu. Sie erzählte von ihrer langweiligen Arbeit und von einer Kollegin, die ständig Schokolade aß, obwohl sie abnehmen wollte.
Als er an der Siegessäule falsch abbog, war sie irritiert.
Sie versuchte, ihn zum Anhalten zu bringen. Dann schlug sie gegen die Scheibe und schrie. Er reagierte auch nicht, als sie weinte.
Er fuhr auf ein Gewerbegebiet, öffnete mit der Fernbedienung das Garagentor der Lagerhalle und fuhr hinein.
Mit einer Pistole zwang er sie, auszusteigen und durch die Stahltür in sein Atelier zu gehen. Mit der Geste eines charmanten Gastgebers zeigte er auf die Kücheneinrichtung an der Wand, die Badewanne und das große Bett mit den Arm- und Beinfesseln. »Sie sehen, es ist alles für ein komfortables Leben vorhanden.«
 
 
Er deutete auf einen der sechs Monitore, die überall im Raum verteilt waren. Auf den Bildschirmen war ein Käfig mit einer Pritsche zu sehen.
»Was ist das?«, fragte sie panisch.
»Eine Stätte der Andacht. Eine Kapelle. Für die Zeit, in der ich außer Haus bin.« Er lächelte, während er ein Exemplar von Paolo Gonzalez’ Geschichten des Windes aus dem Küchenschrank nahm und es ihr zuwarf. »Als Ersatz für die Lesung. Und ich kann Ihnen versichern, Sie verpassen nichts. Vorlesen kann er nicht.« Er rollte den Schrank aus Edelstahl zur Seite, öffnete die Eisenklappe im Boden, die vorher verdeckt gewesen war, und reichte ihr die Hand, damit sie vor ihm die Treppe hinunterging. »In diesem Luftschutzbunker ist im Krieg das MG 41 zusammengesetzt worden.«
Der Käfig mit der Pritsche, der auf dem Bildschirm zu sehen war, befand sich ganz hinten in dem Kellergewölbe. Die Tür stand offen. Aus der Truhe neben der Treppe nahm er Decken und gab sie ihr. »Die Liege ist etwas hart.«
Sie räusperte sich, schluckte und musste zweimal ansetzen, bevor es ihr gelang, die Worte auszusprechen. »Könnten Sie die bitte auflassen?« Sie deutete auf die Käfigtür.
Er überlegte kurz und stimmte zu.
Sie zögerte, den Käfig zu betreten. »Ich muss morgen wieder zur Arbeit.«
Er nickte. »Morgen früh werden Sie wieder draußen sein.« Auf dem Weg zur Treppe drehte er sich noch einmal um. »Ich werde nicht lange wegbleiben.«

1
»Dein erster Mordfall«, sagte sie stolz lächelnd zu ihrem Spiegelbild, während sie versuchte, ihre blonden Locken zu bändigen. Jeden Morgen standen sie ihr so wild vom Kopf ab, dass sie wie der Puppenteufel aussah, ohne den sie als Kind nicht ins Bett gegangen war. Ihr Haar war so kräftig und dick, dass ihre Mutter immer gesagt hatte, du hast richtiges Pferdehaar. Sie trug es im Nacken gestuft, manchmal mit Scheitel, wie ihre Brüder früher, aber heute kämmte sie es glatt nach hinten. Neuer Job, neue Strenge. Natürlich stellte es sich wieder auf, wenn es getrocknet war, da half dann Gel. Die Augenbrauen hatte sie gestern Abend noch gezupft. An den Wimpern musste sie nie viel machen, sie waren dicht und lang, und sie wurde gelegentlich gefragt, ob die künstlich seien. Sie hatte große Augen und volle Lippen. Sie wusste, dass Männer auf ihr Aussehen abfuhren. Trotzdem hatten ihre Brüder immer gesagt, du wirst nie einen Mann kriegen, du bist für Männer ungenießbar, viel zu grob und zu autark.
Chris freute sich über den Ruf zu ihrer ersten Leiche. Ihrem Antrag auf den Wechsel in die Mordabteilung war überraschend schnell stattgegeben worden. Die letzten vier Jahre war sie bei der Sitte gewesen, und sie hatte die Nase voll von Frauen, die sich immer wieder in die Hände von Männern begaben, von denen sie geschlagen, vergewaltigt und gefoltert wurden. Anfangs hatte sie versucht, sie aus diesen Umständen herauszuholen, ihnen sogar andere Wohnmöglichkeiten besorgt, obwohl das nicht ihre Aufgabe war. Aber ihre Bemühungen waren fast immer gescheitert, weil die Frauen wieder zu ihren Peinigern zurückliefen. Jetzt aber wurde sie zu einer gerufen, die nicht zurücklaufen konnte. Sie lag ermordet am Spreekanal.
Als sie ihren Wagen aus der Tiefgarage fuhr, dachte sie, dass es witzig war, dass in ihrem ersten Fall auch die Neunte zuständig war. Sie wurde von Paula Zeisberg geleitet, einer Freundin, die ihr von dem Wechsel in die Mordabteilung abgeraten hatte und nun im Urlaub war. Vertauschte Rollen, dachte Chris, sie ist irgendwo an der Ostsee, und ich stehe am Tatort und gebe Anweisungen. Es war klar, warum Paula ihr abgeraten hatte. In ihrer neuen Abteilung hatte es seit Jahren nur eine einzige Frau gegeben, die nun in den Ruhestand ging und an deren Stelle sie trat – eine dröge Jungfer mit immer dünner werdenden Haaren, die sie sich selbst kupferrot färbte. Sie hatte ihr gleich gesagt: »Wer hierherkommt, will keine Kinder und keine Familie.« Wie recht sie hatte! Nach ihren letzten Erlebnissen in puncto Liebe – oder besser: Sex – wollte sie nur noch eins: beruflichen Erfolg. Sie hatte schon zu viel versäumt. Während ihre Brüder in der Wirtschaft Karriere machten, hatte sie sich verzettelt mit Tennis, Kunst, Musik, Steilwandklettern und erotischen Abenteuern, die letztlich nichts brachten. Sie ahnte, dass sie eigentlich nach dem idealen Mann suchte, nach einem Typen, der mit ihr fertig werden konnte und außerdem selbstsicher und intelligent genug war, ihren Brüdern und ihrem Vater Paroli zu bieten. Dabei sollte er attraktiv sein und erfolgreich, möglichst als Künstler, und in der Steilwand nicht ganz unten hängen bleiben.
Als sie die Paulstraße hinunterfuhr, erreichte sie die Querstraße Alt Moabit bei Gelb, sah im letzten Moment, wie die Ampel auf Rot schaltete, und gab Gas. Schuldbewusst murmelte sie: »Mist.« Sie wusste nicht, ob auf dieser Kreuzung geblitzt wurde, aber sie hatte Glück.
Sie parkte ihren Mini Cooper an der Luther-Brücke kurz vor dem Schloss Bellevue und ging schnell den Spazierweg zum Spreekanal Richtung Kanzleramt hinunter. Sie trug Jeans und Turnschuhe und unter ihrem leichten Trenchcoat eine Sportbluse mit Reißverschluss. Hier unten am Fluss war die Luft noch morgendlich kühl, aber die durchdringende Wärme der Sonne war schon zu spüren. Es war eine belebende Mischung, und sie spürte, wie ihr die Luft über das Gesicht und den bloßen Hals strich. Sie steuerte auf eine der Parkbänke zu, auf der sie immer ihre Mittagspause mit einer Latte macchiato verbrachte. Das Moabiter Gericht war nur zehn Minuten zu Fuß entfernt, einschließlich des kurzen Stopps im Bistro, wo sie sich den Kaffee holte, um ihn hier auf der Bank zu trinken. Sie liebte es, das Glitzern auf dem Wasser zu beobachten, während sie das Sandwich, das sie meistens nur halb aß, an die Tauben verfütterte.
Der Menschenauflauf war direkt in der Nähe ihrer Bank. Nachdem sie sich durch die Neugierigen bis zum Absperrband und zur Polizei gedrängt hatte, sah sie, dass die Spurenexperten schon ihre Fähnchen gesteckt hatten. Jenseits der Wiese, links von ihr, lag die Beamtenschlange, der Wohnblock für Regierungsbeamte. Sie sah die Leiche genau hinter ihrer Mittagsbank liegen: eine zusammengekrümmte Frau. An ihrem Kopfende stand ein Supermarktwagen mit Tüten. Auf der Bank davor saß eine Frau im blauen Kleid. Sie war ihr mit dem Rücken zugewandt. Sie wunderte sich darüber, dass niemand diese Frau auf der Bank beachtete, die trotz der Leiche hinter ihr seelenruhig dasaß und die Tauben vor sich fütterte. Chris sah, dass sie etwa ihr Alter hatte. Aber wer war sie, dass sie hier in all dem Trubel so ungerührt saß und die Vögel fütterte? Sie trat einen Schritt näher und blickte in ein Gesicht von ätherischer Zartheit, die blassblauen Augen in einem seltsam verklärten Blick erstarrt, und begriff, dass sie in die Augen einer Toten sah. Diese Erkenntnis war fast wie eine körperlich unangenehme Berührung. Im nächsten Moment bemerkte sie auch, dass die Tauben ebenso erstarrt waren wie die Frau, die sie scheinbar fütterte.
»Sie hat keine Papiere bei sich, nichts, rein gar nichts. Wir wissen nicht, wer sie ist«, sagte jemand neben ihr.
Chris drehte sich um und schaute in dunkle Augen, die sie anlächelten. Der Mann trug, wie die anderen, einen Schutzanzug, aus der Kappe quoll dichtes braunes Haar hervor, dazu kräftige Augenbrauen und eine gerade Nase.
»Ich nehme an, Sie sind Staatsanwältin Gregor«, sagte er mit warmer Stimme.
Sie nickte und hielt ihm die Hand hin.
Er zog schnell den Handschuh aus. Sein Händedruck war kräftig und warm. »Ich bin Oberkommissar Marius Seefeld.«
Sie nickte. »Geht es hier um zwei Tote?«
»Diese schöne Schaufensterdekoration ist die Tote.« Er zeigte auf die Frau im blauen Kleid. »Die hinter der Bank ist nur betrunken. Wahrscheinlich eine Alkoholvergiftung, meint Dr. Kirch. Der Krankenwagen wird gleich da sein. Wir werden sie vernehmen, wenn sie wieder nüchtern ist. Herbert! Hier ist Frau Staatsanwältin Gregor.«
Der Angesprochene, etwa fünfzig, mit grauen Augen, kam zu ihnen. »Ich bin Hauptkommissar Justus, stellvertretender Leiter der Kommission.«
Die Staatsanwältin gab ihm die Hand.
»Merkwürdig, nicht? Sie sieht aus, als ob sie noch lebt«, sagte Justus. »Mitten in der Bewegung erstarrt. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nur als Wachsfigur im Kabinett bei Madame Tussaud in London.« Er wandte sich wieder seinem Team zu.
»Bis später«, sagte Marius Seefeld und ging dem Krankenwagen entgegen, der langsam angefahren kam.
Sie ging zögerlich um die Tote herum und spürte einen beklemmenden Druck auf der Brust. Das Opfer saß auf ihrer Bank und hatte ihr Alter und ihre Figur. Etwas über dreißig, schlank, blondes Haar. Neben ihr stand der gleiche Kaffeebecher, wie sie ihn mittags immer im Bistro holte. Mit Deckel, sodass nichts überschwappte. Dieser hier hatte auch einen Deckel und stand genauso rechts neben der Toten, wie sie ihn immer hingestellt hatte. Das kann doch alles nicht wahr sein, dachte sie. Und die Tote fütterte Tauben, genau wie sie – die linke Hand mit dem Sandwich im Schoß und die rechte Hand ausgestreckt. Chris erinnerte sich, wie die Tauben mit Trippelschritten auf die hingeworfene Krume zugelaufen waren. Die erste hatte sie aufgepickt, die anderen hatten dann versucht, sie ihr wegzuhacken. Diese Tauben hier waren in der Bewegung erstarrt – genauso wie die Frau mit dem ausgestreckten Arm. Chris fröstelte. Sie hatte das Gefühl, ihrem Spiegelbild gegenüberzustehen.
»Hoch mit ihr!«, wies der Sanitäter seinen jüngeren Kollegen an, und sie hievten die Trage mit der betrunkenen Obdachlosen in den Wagen. Chris verfolgte mechanisch, wie sie die Doppeltür zuwarfen, sich von Herbert Justus ein Papier auf einem Holzbrett unterschreiben ließen, einstiegen und langsam abfuhren, aber ihre Gedanken waren woanders. Möglicherweise war das alles nur Zufall und Einbildung. Klar war, dass dieser Fall kompliziert und spektakulär war und dass sie Paula von Anfang an als Ermittlerin dabeihaben wollte, um nicht mit diesem Herbert Justus in einer Sackgasse zu landen. Ohne zu zögern, rief Chris ihre Freundin an, erreichte aber nur die Mailbox. Zum Glück hatte sie den Namen des Hotels, wo Paula und Ralf Urlaub machten.

2
Paula öffnete die Tür zum Balkon und schaute auf die sanfte Brandung der Ostsee. Die Wellen kräuselten sich und rollten auf den Strand. Sie liebte dieses Rauschen – wie das Meer sich zusammenzog und sich mit einer neuen Welle wieder streckte. Dann war für einen Moment Stille.
Zwei Jogger liefen am Wasser entlang. So früh morgens war es frisch, doch gegen elf wurde es warm wie im Sommer. Und das in der zweiten Septemberhälfte. Die alte Frau kam wie jeden Morgen mit ihrer Tüte, um die Möwen zu füttern, die ersten Kinder planschten in den Wellen, und das junge Paar bezog seinen Strandkorb. Ralf schlief noch, und Paula genoss es, auf dem Balkon zu sitzen und zu spüren, wie langsam im Urlaub die Zeit verging.
Das Telefon klingelte. Sie ging hastig ins Zimmer, damit Ralf nicht aufwachte. Die Rezeption wusste doch, dass sie keine Anrufe wollten.
»Zeisberg.«
»Guten Morgen, Paula. Chris hier. Entschuldige, dass ich störe.«
»Chris! Das ist ja eine Überraschung.« Sie sprach so leise wie möglich und sah zu Ralf hinüber, der aber noch schlief. »Was ist? Willst du uns besuchen kommen? Es ist schön hier.«
»Gute Idee, geht aber leider nicht. Meine Versetzung hat überraschend schnell geklappt.«
»Du bist jetzt in Eins Kap
»Seit heute – und ich stehe schon vor einer Leiche. Ich musste für einen Kollegen einspringen.«
Ralf drehte sich knurrend auf die andere Seite.
»Aber deswegen rufe ich dich nicht an. Ich rufe an, weil ich dich um etwas bitten möchte.«
»Und das wäre?«
»Es ist ein merkwürdiger Fall. Die Tote sitzt auf der Bank, als ob sie noch leben würde. Die linke Hand hat sie im Schoß mit einem Sandwich, den rechten Arm hält sie ausgestreckt, als ob sie Tauben füttert. Und Tauben sind auch da. Die sehen aus, als ob sie picken, sind aber auch tot. Eine Szene wie im Wachsfigurenkabinett.«
»So sitzt die Tote vor dir?« Paula versuchte, sich das vorzustellen.
»Ja, ganz seltsam. Sie ist aber hier nicht umgebracht worden – sie wurde in dieser Haltung hierhergebracht.«
»Mit der ausgestreckten Hand?«
»Ja.«
»Und was ist deine Bitte?«
»Die Bank, auf der sie sitzt, ist an der Spree zwischen Bundeskanzleramt und Schloss Bellevue. Die Medien werden sich auf den Fall stürzen.«
Paula schaute aufs Meer. Was Chris erzählte, war weit weg.
»Du müsstest sie sehen! Sie sieht aus, als ob sie noch atmet. Sie ist frisiert und trägt Lippenstift. Ganz natürlich, aber tot. Mitten in der Bewegung erstarrt. Und das im Regierungsviertel.«
»Du hast immer noch nicht gesagt -«
»Dein Team hat den Fall, Paula. Alle sind hier. Nur du nicht.«
»Montag bin ich zurück und übernehme. Dann arbeiten wir das erste Mal zusammen. Du als meine Chefin.« Paula konnte sich diesen Hinweis nicht verkneifen.
»Heute ist erst Mittwoch. Gerade am Anfang können entscheidende Fehler gemacht werden. Dein Vertreter ist diesem Fall nicht gewachsen, Paula.«
Ralf war aufgewacht und gab Paula Zeichen, mit dem Telefonieren aufzuhören.
»Justus hat Erfahrung. Er hatte sich damals auch auf meine Stelle beworben.«
»Du hast sie aber bekommen, nicht er. Routine reicht hier nicht. Alle Fehler, die jetzt gemacht werden, gehen nachher auf dein Konto. Alles, was jetzt passiert – oder eben nicht passiert. Ich informiere dich als deine Freundin, Paula.«
»Hast du ein Problem?«
»Nein. Aber wenn dieser brisante Fall falsch angefangen wird -«
Paula sah Ralf gestikulieren, hatte am Hörer die drängende Chris und fragte genervt: »Gibt es denn irgendwelche Anhaltspunkte dafür?«
»Wofür?«
»Dass etwas falsch läuft.«
»Nein, nein. Ich meine nur -« Und dann hörte Paula sie hektisch sagen: »Ich kann jetzt nicht weiterreden.«
Sie hörte ein Rascheln, Stimmen im Hintergrund und die Aufforderung, den Typen wegzuschaffen.
»Hallo, Chris, hallo … Hörst du mich noch?«
»Ich muss Schluss machen.«
»Was ist denn da los?«, fragte Paula alarmiert.
»Justus hat ein Problem«, sagte Chris, dann brach das Gespräch ab.
Ralf saß jetzt aufrecht im Bett. »Das glaub ich nicht.« Seine Stimme vibrierte. »Nicht in diesem Urlaub. Honeymoon zum Zehnjährigen. Erinnerst du dich? Deswegen fünf Sterne. – Wer war das überhaupt?«
»Chris. Vom Tatort. Mein Team hat den Fall, und sie ist die ermittelnde Staatsanwältin.«
»Sie ist doch gar nicht in deiner Abteilung.«
»Ist auch ganz neu.«
»Und die will, dass du jetzt kommst?«
Sie verstand, dass er sauer war, wenn sie jetzt abfahren würde. Aber er wusste seit zehn Jahren, dass sie diesen Beruf hatte und dass sie keine Beamtenseele war. Außerdem hatte sie noch nichts von Abfahren gesagt.
»Ich arbeite jetzt mit ihr zusammen.«
»Herzlichen Glückwunsch. Hast du sie dazu überredet?«
»Im Gegenteil, ich habe das nicht gewollt.«
»Das hast du ihr aber nicht gesagt, oder?«
»O doch. Aber ich kann es ihr nicht verbieten.« Sie ärgerte sich über Chris’ Entscheidung, und nun nahm Ralf sie deswegen auch noch unter Beschuss.
»Warum hat sie das gemacht? Ist sie geil auf Leichen?« Sein Ton war böse.
Paula blieb ruhig. »Die Eins Kap ist für Staatsanwälte die Möglichkeit, Karriere zu machen. Das heißt, sich gegen 300 Staatsanwälte durchzusetzen. Berlin ist die größte Staatsanwaltschaft in Europa.«
»Und was will sie? An die Spitze?«
»Wahrscheinlich. Sie ist ehrgeizig. Als Frau zur Eins Kap zu gehen bedeutet: Ich verzichte auf Kinder. Schwanger werden darf man da nicht und andere private Verpflichtungen haben auch nicht. Sonst ist man weg vom Fenster.«
»Und was will sie nun von dir?«
»Sie will, dass ich komme.«
»Ach nee! Und warum, bitte schön?«
»Sie ist beunruhigt über den Fall.«
»Ihre erste Leiche, und nun sollst du Händchen halten?«
»Ich denke, die Leiche lässt sie kalt. Ich glaube nicht mal, dass sie bei einer Obduktion mit der Wimper zuckt.«
»Was dann?«
»Sie traut Justus nichts zu.«
»Justus! Um Justus geht es bestimmt nicht.«
War er eifersüchtig? Das musste es sein. In den letzten Monaten hatte er nichts dagegen gehabt, wenn sie Überstunden machte oder weg musste und keine Zeit hatte. Aber ihm passte es nicht, dass sie eine Freundin hatte, die nicht in einer festen Beziehung lebte, das wusste sie. Sie nahm den Koffer aus dem Schrank und begann, ihre Sachen hineinzuwerfen.
Ralf moserte. »Wie oft haben wir uns mit diesem Urlaub getröstet, wenn du wieder mal ein Wochenende durchgearbeitet hast. Schon vergessen?«
»Nein. Aber ich habe auch nicht vergessen, dass du dafür sorgen wolltest, dass kein Anruf durchgestellt wird. Warum ist das überhaupt passiert? Mein Handy war jedenfalls aus!«
»Ich erwarte einen Anruf von meinem Zürcher Galeristen«, gab Ralf zu.
»Aha. Aber nun war es nicht dein Galerist.« Sie lief hin und her und sammelte alles ein. »Ich würde auch lieber tagsüber mit dir im Strandkorb sitzen und abends schön auf der Seebrücke.«
»Sieht aber gar nicht danach aus.« Ralf schlug auf das Kissen, sagte dann aber sanft: »Nur noch drei Tage, dann bist du sowieso in Berlin.«
Paula verstand ihn, und es war ja auch liebevoll, dass er so für ihre gemeinsame Zeit kämpfte. Sie hatten es gerade in diesem Urlaub sehr schön gehabt. Es war wie ein zweiter Honeymoon gewesen, das machte ihr die Abreise schwer. Sie wollte es gar nicht an sich heranlassen. Wenn sie jetzt auf ihn einginge, würde es ihr noch schwerer fallen zu fahren. Aber nachdem ihre Freundin das Gespräch so abrupt abgebrochen hatte mit den Worten »Justus hat ein Problem …«, konnte sie nicht mehr bleiben. Sie musste Ralf abwehren und bei ihrer Entscheidung bleiben, da führte kein Weg dran vorbei.
Sie nahm ihre Wäsche aus der untersten Schublade. »Das ist ein spektakulärer Fall, den schafft Justus nicht – da hat Chris recht. Und wenn er Fehler macht, geht’s später auf mein Konto. Wenn ich hierbleibe, habe ich nachher unnötigen Stress und viel mehr Arbeit. Davon wärst du dann auch betroffen.«
»Ich bin jetzt betroffen. Mich interessiert, was jetzt ist«, beharrte er. »Wer weiß schon, was später ist.«
Sie sah ihn im Bett sitzen – wie Struwwelpeter: kerzengerade, mit beiden Fäusten auf der Bettdecke – und musste lachen.
»Ich zähle wohl gar nicht mehr«, sagte er resigniert.
Mit diesem Ton kriegte er sie sonst immer. Sie ging schnell ins Bad, um ihre Toilettensachen einzusammeln.
»Du machst einen großen Fehler!«, rief er.
»Wenn ich in meinem Job einen großen Fehler mache, bin ich tot«, rief sie zurück.

3
Chris konzentrierte sich darauf, ein neutrales
Gesicht zu machen, um in ihrer neuen Position gelassen zu wirken. Sie ärgerte sich, dass sie wegen dieses Idioten das Gespräch hatte abbrechen müssen. Er war über das Band gesprungen und hatte mit ein paar Schritten vor ihr gestanden. Es war so schnell gegangen, dass sie gar nicht wusste, wie ihr geschah. Noch während sie telefonierte, war er so aufdringlich geworden, dass sie ihn gepackt hatten, um ihn wegzubringen, aber er hatte sich gewehrt und ihr seine Karte so dreist vor die Nase gehalten, dass sie sie nehmen musste, und dabei war ihr das Handy heruntergefallen. Groß, ein sportlicher Typ, mit Strickmütze tief in die Stirn gezogen; und er hatte behauptet, er habe Informationen zu dem Fall. Die zwei Beamten beförderten ihn aus dem Sperrbezirk, und er verschwand zwischen den Schaulustigen. Sie überlegte, ja, er hatte gesagt, er müsse ihr etwas Wichtiges sagen.
Justus und die zwei Beamten hatten das nicht gehört. Sicher war sie sich auch nicht, sie hatte ja versucht, Paula zu verstehen. Es war sowieso ein solcher Trubel, denn auch Journalisten, Fotografen und Kameraleute hatten sich bis zum Absperrband gedrängelt und sie fotografiert. Morgen würden die Medien sicher berichten: »Jogger attackiert Staatsanwältin«. Sie spürte immer noch seinen stechenden Blick. Sie sah sich um, ob jemand sie beobachtete. Sicher konnte man ihr den Schrecken ansehen. Jedenfalls war es ein unangenehmer Zwischenfall gewesen, und eigentlich müsste sie sich bei Herbert Justus bedanken, denn er hatte geistesgegenwärtig den Beamten befohlen, ihn vom Tatort zu entfernen.
Sie ging zu ihm, aber er winkte ab und murmelte: »Irre gibt’s überall«.
»Passiert denn so etwas öfter?«
»Hatten wir schon ein paarmal.«
Okay, also hatte es nicht an ihr gelegen, dass ein Zuschauer verrücktspielte. Gerade heute bei ihrem ersten Auftritt war ihr das wichtig. Sie lächelte Justus kurz zu und ging zur Tagesordnung über: »Ist der Gerichtsmediziner schon da?«
»Ja, dort drüben.« Er zeigte auf einen hageren, mittelgroßen Mann. »Herr Doktor Kirch«, rief er laut.
Der Gerichtsmediziner kam auf sie zu und stellte sich vor. Mit dunklen Knopfaugen sah er sie aufmerksam an.
»Ist die Frau am Herzschlag gestorben?«, fragte sie.
»Nein, dann wäre sie umgefallen. Die Todesursache scheint ein Nadelstich zu sein. Schauen Sie, hier.« Er zeigte ihr einen roten Glasknopf, genau in der Mitte der linken Brust.
Chris durchzuckte es, als sie die Nadel an dieser empfindlichen Stelle sah.
»Der Knopf ist das Ende einer Stahlnadel, die ihr vermutlich ins Herz gestoßen wurde. Die Frau ist eindeutig länger als zehn Stunden tot, die Leichenstarre ist voll ausgebildet. Sie beginnt in Teilen des Körpers nach etwa vier Stunden, je nach Gewicht und Außentemperatur, und ist dann nach acht bis zehn Stunden ganz ausgebreitet. Zwei bis drei Tage später löst sie sich wieder mit dem Zerfall der Muskeln. Davon gibt es hier noch keine Anzeichen. Sie muss schon in dieser erstarrten Haltung hergebracht worden sein. Wann wollen Sie die Obduktion?«
»Ich rufe Sie an. Ich warte noch auf Nachricht von Frau Zeisberg. Ich möchte sie dabeihaben.«
Kirch schrieb ihr seine Handynummer auf. »Wissen Sie, dass der Name Moabit auf die Hugenotten zurückgeht?«
Chris wusste es nicht, obwohl sie in diesem Stadtteil schon seit Jahren arbeitete.
»Die französischen Glaubensflüchtlinge nannten ihren neuen Wohnsitz Terre de moab, in Anlehnung an das Alte Testament, weil sie hier genauso Zuflucht gefunden hatten wie die Israeliten im Land der Moabiter nach ihrem Auszug aus Ägypten.«
Wann würde sie so viel Routine haben, dass sie angesichts einer Leiche über die Herkunft von Namen reden könnte? Im Moment fehlte ihr nicht nur die Routine – sie war aufgewühlt von der Toten auf ihrer Bank.
»Kann die Leiche abtransportiert werden?«, wollte Herbert Justus wissen.
»Von mir aus, ja«, sagte Kirch und sah Chris fragend an.
»Einverstanden, wenn der Polizeifotograf mit den Fotos fertig ist. Ich brauche Fotos aus allen Perspektiven und aus unterschiedlichen Abständen«, sagte sie.
Justus rief dem Fotografen zu: »Hast du alles?«
»Alles im Kasten.« Scholli zeigte den aufgerichteten Daumen.
»Gut, dann ab mit ihr.«
Zwei Männer kippten die Leiche in Sitzhaltung auf die Trage mit dem Leichensack und zogen den Reißverschluss zu. Mit diesem Geräusch streckte Kirch der Staatsanwältin die Hand hin. »Dann bis später.« Er lächelte knapp und ging Richtung Absperrung.
»Ich muss weiter«, sagte Justus.
Sie wurde auch nicht mehr gebraucht. Ein Polizist bahnte ihr eine Gasse durch die Neugierigen. Sie nickte ihm zu und ging zur Lutherbrücke, wo ihr Wagen parkte.
Sie ließ sich auf den Sitz fallen und zog die Autotür zu. In diesem geschützten Raum überfiel sie noch einmal der Schrecken. Sie sah die Tote vor sich, in ihrem blauen Kleid auf der Parkbank, mit den blonden Haaren, aber mit ihrer Frisur und mit ihrem Gesicht: Sie sah sich selbst als Tote dort auf der Parkbank sitzen. Sie starrte aus dem Fenster und ermahnte sich zur Vernunft: Chrissie, du bist eine intelligente Frau, die sachlich und analytisch denken kann, deswegen bist du erfolgreich als Staatsanwältin. Du stehst mit beiden Beinen im Leben, bist weder schreckhaft noch paranoid, sondern ausgesprochen realistisch. Dies ist ein ganz normaler Tag in der neuen Abteilung. Du hast deiner ersten Leiche gegenübergestanden, die ein bisschen ungewöhnlich aussah. Zufällig saß sie auf derselben Bank, auf der du gewöhnlich deine Mittagspause verbringst. Sie fütterte Tauben, wie viele Spaziergänger es dort jeden Tag tun. Auch auf dieser Bank. Und viele Frauen Anfang dreißig sind schlank und haben blondes Haar – und im Übrigen: deines ist ja in Wahrheit gar nicht blond, sondern blondiert. Außerdem stellt jede Rechtshänderin den Kaffeebecher automatisch rechts neben sich. Und als ihre innere Stimme ihr entgegenhielt, der Killer habe die Situation ja eben gerade deshalb so inszeniert, verdrängte sie diesen Einwand. Reine Fantasie, keine Realität. Sie startete ihren Mini Cooper und drehte die Musik von Pop auf Klassik.
Sie fuhr nicht direkt ins Büro, sondern erst einmal in die entgegengesetzte Richtung, einfach, um zu fahren und abgelenkt zu werden. In ihrem Mini fühlte sie sich wohl, sie fuhr gerne herum. Neulich hatte sie gelesen, dass die Deutschen lieber Auto fahren als alle ihre europäischen Nachbarn, und fühlte sich mit dem Gedanken angenehm normal. Sie wollte noch ein Stück fahren und dann beruhigt ins Büro gehen.
Sie hupte, als ein Auto vor ihr scharf bremste.
Sie würde auf keinen Fall irgendjemandem sagen, dass sie den Eindruck hatte, der Täter würde sie spiegeln. So ein Verdacht, ohne Indizien, geäußert von einer Staatsanwältin, die neu in der Mordkommission war, würde sie in ein merkwürdiges Licht stellen. Nicht belastbar, wäre das Harmloseste; eher würde man sie für verrückt halten.
Für sie war es selbstverständlich, dass Paula ihren Urlaub abbrach, aber sie war nicht sicher, ob sie heute noch kam. Aber auch ihr würde sie nicht sagen, wo sie ihre Mittagspause verbrachte. Vielleicht würde sich Paula daran erinnern. Im Radio kam der Wetterbericht. Es sollte weiter schön bleiben, obwohl es auch jetzt schon der wärmste Herbst seit hundert Jahren war. Sie hatte nichts dagegen, sie liebte blauen Himmel.
Sie wendete und fuhr zur Staatsanwaltschaft. Als Erstes würde sie in das Aktenarchiv ihrer früheren Abteilung gehen, um alle Verurteilungen noch einmal durchzusehen. Wenn es tatsächlich jemand auf sie abgesehen haben sollte, dann könnte das Motiv Rache sein. Bei den Angeklagten, die ihre Krankheiten und Defekte mit Gewalt an Frauen ausgelassen hatten, hatte sie sich stets für ein hohes Strafmaß eingesetzt, und einige der Verurteilten hatten ihr übel gedroht. Damals hatte sie das kaltgelassen, aber jetzt fiel es ihr wieder ein.
Sie drehte die Musik lauter, um den Gedanken zu verscheuchen, die Versetzung in die Abteilung für Mord könnte ein Fehler gewesen sein.

4
»Eine Stahlnadel ins Herz?«, fragte er erneut.
»Ja.«
»Christiane, da hast du ja gleich beim ersten Mal einen wunderbaren Fall.«
Fand sie nicht, aber bitte.
»Und die Tauben – waren sie aus Plastik oder echt?«, fragte er interessiert.
»Echt.«
»Also präpariert. Gibt es Firmen, die solche Tierpräparationen machen?«
»Weiß ich nicht.«
Was für ein glücklicher Zufall, hatte sie gedacht, als sie auf dem Flur des Moabiter Gerichts in Hubertus Bach gerannt war. Die Koryphäe für Tätermotivation bei Mordfällen. Der Beste in Deutschland, wahrscheinlich in Europa.
Sie kannte ihn vom Studium. Nach vielen Jahren hatte sie ihn vor drei Monaten hier im Gericht wieder getroffen. Er war zurückhaltend wie früher, hatte sie gesiezt und schien sich nicht besonders an die gemeinsame Zeit zu erinnern. Sie hatte ihn gefragt, wie lange sie sich nicht gesehen hätten. Dreizehn Jahre waren es gewesen. So lange, und er hatte sich kaum verändert. Er war immer noch der jungenhafte Typ mit den strahlend blauen Augen und trug noch das gleiche Eau de Cologne, das nach Zitrone und Thymian duftete.
Hubertus Bach hatte eine erstaunliche Karriere gemacht, und dennoch ging wie damals Ruhe und Gelassenheit von ihm aus.
Er bewohnte die Mansarde unter dem Dach und sie das Zimmer einen Stock tiefer; sie bereitete sich auf das Referendarexamen vor, und er schrieb an seiner Habilitationsarbeit. Sie trafen sich oft in der Küche der Vermieter, weil die Frau mit Krebs im Krankenhaus lag und sie abwechselnd dem Vater die Betreuung der beiden kleinen Kinder abnahmen. Da sie sich die Bücher in der Bibliothek ausliehen und mit nach Hause nahmen, konnten sie zugleich ein Auge auf die Kleinen haben. Hubertus machte das gewissenhaft und hatte, anders als sie, dabei keine Konzentrationsschwierigkeiten. Er konnte sich zweiteilen, und ihm gelang beides perfekt. So war auch seine Karriere weitergegangen – perfekt. Es dauerte nicht lange, da war er der jüngste Professor für forensische Psychiatrie in Deutschland, ging bald darauf in die USA, arbeitete mit dem FBI zusammen und löste einige spektakuläre Fälle. In den USA hatte sein Job darin bestanden, aus den Bauteilen des Verbrechens den »Architekten« herauszulesen, wie er kürzlich im Fernsehen gesagt hatte. In Deutschland war das noch unüblich.
Sie war auf dem Weg ins Archiv, um die Prozessakten durchzusehen, in denen der Richter sich ihrem hohen Strafmaß als Anklägerin angeschlossen hatte.
Jetzt hoffte sie, Hubertus Bach könnte ihr irgendetwas über den Täter sagen. »Was für ein Typ ist denn überhaupt zu so etwas fähig?«
Er überlegte. »Ein Serienmörder«, sagte er.
»Wie bitte?«
»Ein Serienmörder«, wiederholte er. »Dieser Mörder hat sicher schon vor dieser Tat Gewaltdelikte begangen. Habt ihr schon etwas herausgefunden?«
Er warf einen kurzen Blick auf sein Handy, steckte es aber gleich wieder weg. Hatte er nach der Uhrzeit gesehen? Sie wusste, dass er sehr beschäftigt war, wollte ihn aber jetzt nicht gehen lassen.
»Wir sind erst am Anfang der Ermittlungen. Wie kommst du darauf, dass es ein Serienmörder sein könnte?«
Er klemmte seine Aktentasche unter den Arm. »Wie du die Tat beschreibst, steckt in der Durchführung des Verbrechens so viel Energie, dass ich mit weiteren Auftritten rechne. Dieser Mann hat nicht im Affekt eine Nachbarin erschlagen – er hat eine Welt herausgefordert.« Er überlegte einen Augenblick. »Oder eine Person.«
»Wie meinst du das?«
»Er könnte seine Mutter hassen. Ich kenne einen Fall, da hat der Täter sechs Frauen das angetan, was er eigentlich seiner Mutter antun wollte.«
»Wie habt ihr das herausgefunden?«
»Die Mutter war sein siebentes Opfer.«
»Grauenhaft.« Chris schoss durch den Kopf: Und wenn so einer sie als Opfer im Visier haben sollte?
»Man muss erst einmal das gerichtsmedizinische Gutachten abwarten. Wann ist die Obduktion?«
»Am Nachmittag.«
»Und wer macht sie?«
»Der Gerichtsmediziner, der am Tatort war, Dr. Kirch.«
»Ach der.«
»Was heißt ach der
»Es gibt hochintelligente Menschen, mit denen man solche schwierigen Fälle lösen kann. Der homo normalus hingegen fabriziert die Fehler selbst, an denen er dann scheitert.«
»Und wer ist so ein zuverlässiger Mann in der Gerichtsmedizin?«
»Professor Klaus Posch. Er ist der Leiter der Gerichtsmedizin an der Charité.«
»Was kann denn bei einer Obduktion schiefgehen?«
»Im schlimmsten Fall kann übersehen werden, dass die Frau schon tot war, bevor die vermeintliche Mordwaffe eingesetzt wurde. Es kann auch sein, dass diese Inszenierung auf der Parkbank der Verschleierung des eigentlichen Verbrechens dienen soll. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Der Gerichtsmediziner muss alle Spuren an der Leiche genau erkennen und richtig deuten. Davon hängt die Aufklärung ab. Nach der Obduktion kann ich dir vielleicht mehr sagen.« Er schaute zur Uhr. »Du hast meine Handynummer.«
Sie ging Richtung Treppe und drehte sich noch einmal um. Bach stand immer noch da und sah ihr nach.
»Du gehst doch zur Obduktion?«, rief er.
»Natürlich.« Sie winkte ihm zu und rannte die Treppe hinunter zum Archiv.
 
Dort verbrachte Chris die Zeit bis zum Mittag. Alle Verfahren, die sie in den letzten drei Jahren bis zur Verurteilung des Täters geführt hatte, betrafen Delikte gegen Frauen. Sie versuchte sich an die zu erinnern, die mit Wut und Hass auf das Urteil reagiert hatten. Manche saßen noch in Moabit ein. Von ihrem neuen Büro aus konnte sie die Strafvollzugsanstalt sehen. Der Leiter hatte ihr oft von Drohungen der Strafgefangenen berichtet. Sie interessierte sich aber nur für die Entlassenen.
Sie ging systematisch und gründlich vor, Akte für Akte.
Auf dem Deckblatt jeder Akte standen die Daten, die Chris für ihre Erinnerung reichten. Hinter den Urteilen verbargen sich bittere Wahrheiten: sexueller Missbrauch, Misshandlungen, Schizophrenie, Wahnvorstellungen – die ganze Vielfalt des Bösen. Bach hatte ihr zu Anfang des Gesprächs gesagt, der Mörder habe sicher schon vorher Gewaltdelikte begangen.
Einen Fall las sie ausführlich. Er war ihr damals schon nahegegangen. Das Opfer war eine Chilenin. Eine freundliche Frau mit sanften Augen. Sie war aus ihrem Heimatland emigriert und hatte die Eltern zurücklassen müssen, weil sie als Opfer des Regimes schon zu krank waren. Gleich bei ihrer Ankunft in Deutschland hatte sie im Zug einen Mann kennengelernt, der sich als Kaufmann ausgab und bereit war, ihr zu helfen und eine Wohnung zu besorgen. Sie war nicht misstrauisch, weil sie aus Chile solche Hilfsbereitschaft gewöhnt war. Wenn sich die Menschen dort nicht gegenseitig halfen, hatten sie keine Chance. Doch hinter der freundlichen Fassade dieses Mannes verbarg sich die Hölle, in der sich Misshandlung und Missbrauch steigerten. Die Frau hatte Abgründe erfahren, die sie nicht einmal wiedergeben konnte, als Chris sie, unterstützt von einer Psychologin, stundenlang anhörte, um ihr zu helfen, sich aus dieser Verstrickung zu befreien. Es gelang ihr schließlich mithilfe von zwei Zeuginnen, den Kerl, der die Chilenin gefoltert hatte, für drei Jahre ins Gefängnis zu bringen. Ein Jahr Untersuchungshaft war bereits vergangen, als das Urteil rechtskräftig wurde. Chris rechnete damit, dass er mit guter Führung schon nach zwei Dritteln seiner Strafe auf freien Fuß kommen würde. Sie warf einen Blick auf das Datum des Urteils – dieser Zeitpunkt war bereits überschritten. Er könnte schon seit ein paar Monaten wieder draußen sein.
Sie erinnerte sich, wie hoffnungslos Vilma de la Fuente dreinschaute, als zwei Wachleute ihren Peiniger nach der Urteilsverkündung abführten und er ihr noch etwas auf Spanisch zurief. Chris hatte sie anschließend danach gefragt. Es war eine Drohung gegen sie als Staatsanwältin gewesen, und Vilma hatte ihr geraten, das ernst zu nehmen. Ihr eigenes Schicksal schien ihr ohnehin besiegelt, sobald er wieder entlassen würde. Sie konnte es sich nicht anders vorstellen.
Chris notierte sich den Namen des Verurteilten und auch die Anschrift Vilmas. Zur Mittagspause beschloss sie, nach Hause zu fahren, bevor sie Paula vom Zug abholen würde.

5
Paula stand auf dem Bahnhof von Usedom und hatte noch fünf Minuten, bevor der Zug kam. Der Himmel war strahlend blau. Die Fähnchen auf dem kleinen Bahnhof flatterten im Wind. Sie atmete noch einmal die Meeresluft ein.
Sie hoffte, dass Ralf die letzten Tage trotzdem noch genießen würde. Er könnte ihr dann alles erzählen – wer beim Frühstück war, wer am Strand, wie oft er gebadet hatte und ob die Eltern dem Kind einen neuen Ball gekauft hatten. Er beobachtete stets alles genau, weil er Fotos und Skizzen für seine Bilder machte.
Außer ihr warteten nur eine Mutter mit zwei Kindern und eine alte Dame auf die Bäderbahn nach Züssow. Dort würde sie in den ICE nach Berlin umsteigen. Als der Zug hielt, half sie der alten Dame beim Einsteigen und setzte sich in den hinteren Teil. Ein Schwarm Möwen überflog den Zug in Richtung Meer.
Nach dem Umsteigen saß sie allein im Großraumwagen. Es tat ihr leid, dass sie zu Ralf so schroff gewesen war. Aber wie hätte sie ihm sonst standhalten sollen? Ganz sicher verstand er als Künstler nicht, dass sie diesem Druck im Job nachgeben musste. Aber vielleicht würde er sie mit seinem beginnenden Erfolg mehr verstehen lernen.
Sie lehnte sich zurück und schaute aus dem Fenster. Die Landschaft mit Wiesen und Maisfeldern glitt vorüber, und sie dachte daran, was sie in Berlin erwartete.
Ihr Team rechnete erst Montag mit ihr. Ohne Chris’ Anruf säße sie jetzt nicht im Zug. Ein anderer Staatsanwalt hätte ihr nicht nahegelegt, den Urlaub abzubrechen, und aus dem Team hätte auch niemand darum gebeten; Justus schon gar nicht, weil er den Fall lieber ohne sie bearbeiten würde, und die anderen nicht, weil sie ihr den Urlaub nicht vermasseln wollten.
Es war typisch für Chris. Ihr Ehrgeiz trieb sie in etwas hinein, und dann mussten gleich alle Mittel und Kräfte eingesetzt werden, um das Problem zu bewältigen. Aber in diesem Fall hing ihr Erfolg als Staatsanwältin von der Arbeit der Ermittler ab. Und natürlich wird sie wollen, dass ihr erster Fall in der Mordkommission schnell gelöst wird. Nur – wie wird sich das auf die Zusammenarbeit auswirken? Es wird nicht einfach werden, die richtige Abgrenzung zu setzen, dachte Paula besorgt.
Sie nahm das Handy und rief Justus an.
»Welchen Fall bearbeitet ihr gerade?«
»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Paula, wir kommen klar.«
»Was für ein Fall ist es?«
»Wir sind noch am Tatort, um uns ein vollständiges Bild zu machen. Waldi spricht gerade mit der Frau, die die Tote entdeckt hat.«
»War das die Obdachlose?«
»Nein. Die ist im Krankenhaus, die hat gar nichts mitgekriegt. Aber was willst du? Das ist alles Routine.«
»Die wesentlichen Fakten, Herbert«, sagte sie ungeduldig. Sie konnte förmlich sehen, wie er nach Luft schnappte. Natürlich, korrekt wie immer, in Anzug und Krawatte. Ihr war klar, dass er sich sträubte, sie jetzt schon zu informieren.
»Du kommst doch erst Montag wieder.«
»Die ermittelnde Staatsanwältin hat mich gebeten, meinen Urlaub abzubrechen.«
Unwirsch gab er nach: »Der Fall ist heute um neun reingekommen. Die Ermordete ist noch nicht identifiziert. Sie sitzt auf einer Parkbank. Ist aber nicht hier umgebracht worden, wie Kirch meint.« Aus seinem Mund klang es nach einem alltäglichen Mordfall. »Wir haben alles im Griff, Paula. Du kannst deine letzten Urlaubstage genießen.«
»Herbert, ruf die Gerichtsmedizin an und bitte um einen Obduktionstermin für 14.30 Uhr! Ich werde dort sein.« Justus schien geschockt, aber bevor er etwas sagte, fügte Paula hinzu: »Staatsanwältin Gregor werde ich selbst benachrichtigen. Also dann bis morgen früh bei der Besprechung.« Sie drückte das Gespräch weg.
Dann rief sie ihre Freundin an. »Ich sitze bereits im Zug und komme 14.07 Uhr an. Die Obduktion habe ich um 14.30 Uhr angesetzt.«
»Hoffentlich kann er dann.«
»Wer?«
»Professor Posch. Er wird sie selbst durchführen. Ich habe mich persönlich darum bemüht. Ich will mit den Besten zusammenarbeiten. Wir können uns keine Fehler leisten.«
Die typische Unsicherheit des Neulings, dachte Paula, die Besten als Allheilmittel. »Wenn es ihm nicht passt, sag mir bitte, welche Zeit er vorschlägt.« Ihr Ton war kühl.
»Ich hole dich vom Bahnhof ab«, sagte Chris und verabschiedete sich.
Paula sah, wie ein Bauer mit dem Trecker seine Egge über das Feld zog. Eine Staubwolke folgte ihm.
Chris fing schon an, sich einzumischen.
Die gestörte Ordnung der Dinge erregte Paula. Auf einer Parkbank zu sitzen war Ausdruck alltäglichen Lebens, und den hatte der Killer benutzt, um mit einem Mord zu schockieren. In nächster Zeit würde sie sich immer wieder fragen, was macht der Täter gerade? Auf diese Weise würde er bei ihr sein. Ralf hatte sich schon ein paarmal beklagt: Du lebst mehr mit dem Mörder als mit mir. Sie wusste aber, so würde sie ihm näherkommen, Schritt für Schritt. Wie würde er sich ihr das erste Mal zeigen? Ein Satz Sigmund Freuds kam ihr in den Sinn. »Wer, wie ich, böse Dämonen aufweckt, um sie zu bekämpfen, muss darauf gefasst sein, dass er in seinem Ringen selbst nicht unbeschädigt bleibt.« Paula fühlte deutlich, dass sie diesmal bereit sein müsste, Schaden in Kauf zu nehmen. Schaden, der vielleicht auch ihre Freundschaft zu Chris betreffen würde?
Die Landschaft hatte sich verändert, Kartoffelfelder wechselten mit Mischwäldern. Als der Wald aufhörte, kam hinter einer Kiesgrube ein Stoppelfeld, auf dem Kinder Drachen steigen ließen.
Ihre Gedanken kehrten zu Chris zurück. Freundschaften zwischen Polizisten und Staatsanwälten gab es selten. Eigentlich waren es zwei Klassen. Selbst in der Freizeit waren die Welten verschieden, in denen sie sich normalerweise bewegten. Außer auf den Weihnachtsfeiern und Sommerfesten traf man sich nicht außerhalb des Dienstes.
Sie hatte Chris vor vier Jahren auf einer Vernissage kennengelernt. Eigentlich hatte Paula keine Lust gehabt, dort hinzugehen, solche Events waren nicht ihre Sache. Aber Ralf hatte sie überredet. Sie zog sogar das enge grüne Kleid an, das er ihr gerade geschenkt hatte, und die Sandaletten mit den hohen Absätzen.
Die Galerie war in der Dircksenstraße in Mitte, und sie fanden keinen Parkplatz in der Nähe. Sie liefen Arm in Arm, und Ralf passte sich ihrem Schritt mit den hohen Absätzen an. Die Galerie in den S-Bahn-Bögen war voll mit Besuchern. Ralf traf gleich Kollegen, und sie sah sich die Bilder an. Sie waren großformatig und zeigten Männer und Frauen in verschiedenen Posen, die Szenen waren mit Texten versehen wie bei Comics.
»Sie sind die Einzige, die sich die Bilder ansieht. Sie sind bestimmt Kunstkritikerin.« Eine Frau, Chris nämlich, hatte sie mit offenem Blick angelächelt.