001

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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 

Buch
Kristin Bye, Redakteurin beim Fernsehsender Kanal 24, weiß nicht, was sie mit dieser Videoaufnahme anfangen soll: Sie zeigt das Gesicht einer Frau und wurde von einem Unbekannten, der sich Aquarius nennt, an die Redaktion geschickt. Erst als eine zweite Kassette ankommt, wird der Ernst der Sache klar: Das Video zeigt dieselbe Frau, wie sie in einem Kellerverlies gefangen gehalten wird. Doch bevor die Polizei die Frau finden kann, erhält die Redaktion ein drittes Band, das die Ermordung der Unbekannten dokumentiert. Kurze Zeit später ist eine zweite Frau tot – auch ihre Ermordung wurde zuvor durch Videobänder angekündigt. Erste Spuren scheinen eine Verbindung zu einer Jahre zurückliegenden, nie aufgeklärten Mordserie nahezulegen. Ein Verdächtiger von damals, Rune Strøm, gerät auch jetzt wieder ins Visier der Polizei. Doch noch bevor Strøm festgenommen werden kann, taucht in der Redaktion eine weitere Aufzeichnung auf, die diesmal Kristin Bye selbst zeigt. Sie fürchtet um ihr Leben, aber die Gefahr scheint gebannt, als die Polizei Rune Strøm kurz darauf dingfest machen kann. Strøm leugnet die Tat, aber alle Indizien weisen auf ihn. Allein Kristins Kollege Gunnar Borg ist von der schnellen Aufklärung des Falls nicht überzeugt. Während Kristin sich in das Ferienhaus ihrer Eltern zurückzieht, stellt Gunnar Nachforschungen in Strøms Freundeskreis an. Und tatsächlich erhält er einen entscheidenden Hinweis auf die Identität Aquarius’, der die Unschuld Strøms belegt. Der Mörder ist also noch auf freiem Fuß, und Kristin schwebt in höchster Gefahr …

Autor
Tom Egeland, geboren 1959, arbeitet seit 1992 als Nachrichtenchef beim Fernsehsender TV2 in Oslo. Egeland ist bekannt für seine spannenden Thriller, mit »Frevel« gelang ihm ein internationaler Bestseller, der in viele Sprachen übersetzt wurde. Auf Deutsch liegen bereits vier seiner Bücher bei Goldmann vor, ein weiterer Roman ist in Vorbereitung.
 
Von Tom Egeland außerdem lieferbar:
Frevel. Roman (46092)
Wolfsnacht. Roman (46254)
Hexenbrett. Roman (46156)

Seht, nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte
sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es war ein böser Kobold!
Es war einer der allerärgsten, es war der Teufel! Eines Tages
war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht,
welcher die Eigenschaft besaß, dass alles Gute und Schöne, was
sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschwand, aber
das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat
und noch ärger wurde.
H.C. Andersen
 
 
 
Warum nennen Sie es Neuigkeiten?
Es ist doch immer das Gleiche.
THE NEW YORKER

Auftakt

AMMERUND, OSLO JULI 1976

Sie log: »Das macht nichts.«
Die Nacht war drückend und schwül. In dem Wäldchen unterhalb des Wohnblocks veranstalteten die Frösche und Vögel einen Mordsradau. Als sie vor einem halben Jahr hierhergezogen waren, hatte sie den Gesang des Bächleins exotisch und bezaubernd gefunden. Wie im Dschungel. Doch inzwischen vermisste sie die vertrauten Geräusche der Stadt: das Kreischen und Rattern der Straßenbahn, das Klackern der Absätze auf den Bürgersteigen, das dumpfe Bassdröhnen der Diskothek in der Nachbarschaft, die Sirenen.
Sie saß nackt im Bett. Verlegen hatte sie die Decke um sich geschlagen.
Er hatte ihr den Rücken zugedreht. Seine Muskeln warfen im Licht der Nachttischlampe Schatten.
Die Luft war dicht, fast greifbar. Wie Samt, dachte sie, genau wie seine Haut.
Sie kicherte: »Ich hätte niemals gedacht, dass es Ann-Reidun gelingt, Rune mit zu dieser dummen Séance zu schleppen.«
Er antwortete nicht.
»Sie kriegen offenbar nie genug davon«, fuhr sie fort. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Durch den Fensterspalt glühte der Mond wie eine japanische Papierlampe.
Er räusperte sich; leise, kaum hörbar. Sein Gesicht spiegelte sich matt im Fenster.
Sie wollte etwas sagen, ließ es dann aber sein. Schließlich sagte sie es doch: »Du... das macht doch nichts, echt nicht...« Sie verstand sich aufs Lügen. Es hörte sich wirklich so an, als meinte sie, was sie sagte.
Endlich drehte er sich um. In seinen hellblauen Augen konnte man beinahe ertrinken. Ein süßes Schaudern durchströmte sie. Als sie schluckte, war ein Klicken zu hören. Sie schlug die Decke zur Seite, streckte sich aus und sah ihn fragend an.
Kannst du es nicht wenigstens versuchen, bitte!!!
»Komm«, sagte er schließlich. Fast nur ein Flüstern. »Komm, lass uns ein Bad nehmen.«
Sie kicherte. »Ein Bad?«
»Du badest doch so gerne«, sagte er.
 
Er ging voraus und ließ das Wasser ein. Als sie sich zögernd näherte, die Arme vor der Brust verschränkt, zog er sie an sich und küsste sie. Fest. Voller Verlangen. Sie spürte, wie sich alles in ihr löste, entspannte.
Sie presste ihren Bauch gegen seinen. Noch immer... nichts.
Er schob sie zur Wanne. »Du zuerst«, sagte er.
Sie zögerte, wusste nicht, wie sie sich hinsetzen sollte. Was wollte er von ihr? Schließlich nahm sie in der Mitte der Wanne Platz, zog die Knie an und legte die Arme darum.
»Warte«, sagte er und verschwand.
Als er zurückkam, erkannte sie zuerst nicht, was er vor dem Gesicht hatte. Es surrte.
Er schaltete ein helles Licht ein.
Sie blinzelte. Eine Schmalfilmkamera?
Mit einem lachenden Aufschrei hielt sie sich die Hände vor das Gesicht, um das blendende Licht abzuschirmen. Spritzte ihm Wasser entgegen. Zog den halbdurchsichtigen Duschvorhang zu. Durch das beschlagene Plastik erahnte sie seine Konturen.
»Lächeln!«, rief er.
»Lass das!«
»Genau wie in Psycho! Die Szene in der Dusche!«
Der Vorhang verzerrte seine Züge schrecklich.
»Lass das! Ich meine das im Ernst.«
Er hörte auf zu filmen. Seine Silhouette stand still, wie festgefroren.
»Macht es dir was aus?«
»Ja! Du Dummkopf! Es könnte... jemand sehen!« Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie ihn an.
Er machte das helle Licht aus. »Ich hab nicht vor, das jemandem zu zeigen!«
»Das glaube ich dir ja. Aber ich will nicht, dass du mich filmst. Komm! Steig in die Wanne... komm schon...« Sie senkte ihre Stimme, ihren Blick und traute ihren eigenen Augen nicht: Er hatte eine Erektion. Das hatte sie noch nie gesehen. »Komm rein! Jetzt!« Bevor es zu spät ist? Komm, komm, komm!
Er legte die Kamera und den Scheinwerfer auf den Boden, stieg in die Wanne und glitt hinter sie. Sie lehnte sich an ihn. Schloss die Augen.
Seine Hände fanden ihre Brüste, drückten sie, hoben sie an. Ja, ja, o mein Gott, ja!
»Du?«, flüsterte er.
»Hm?«
»Hast du eigentlich Psycho gesehen? Von Hitchcock?«
Sie schlug die Augen auf. Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein! »Doch, schon«, murmelte sie. Ungeduldig presste sie seine Hände auf ihre Brüste.
Er küsste ihre Haare. Schloss seine Beine um sie. Fuhr mit seinen seifenglatten Händen in kleinen Kreisen über ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Schenkel.
O ja, bitte, mach weiter...
Ihr Atem ging stoßweise.
Weiter unten, weiter unten, ja, da!
Dann erstarrten seine Bewegungen. Wie sie es immer taten. Als verlöre er plötzlich das Interesse.
Sie saßen regungslos da. Sie atmete schwer, keuchend. Ihr Herz hämmerte wie wild.
»Du«, sagte er, »ich habe heute Werner in der U-Bahn gesehen.«
Was du nicht sagst! Werner? Gott, wie interessant! Ich hab auch gerade nichts Besseres zu tun, als an ihn zu denken! »Vermisst du ihn?«, fragte sie sauer.
Der Sarkasmus ging komplett an ihm vorbei.
»Wen? Werner?«
»Werner! Die anderen! Den Klan?«
»Ach, die...«
»Viele von denen hängen heute noch zusammen rum.«
»Diese Idioten.«
Sie spürte seinen warmen, schnellen Atem in ihrem Nacken.
»Das sind keine Idioten«, sagte sie.
Seine Fingerkuppen spielten mit ihr. Er biss ihr vorsichtig in den Nacken.
»Das ist so wunderbar«, seufzte sie, »so wunderbar.« Hör nicht auf, bitte.
»Rutsch ein bisschen weiter vor«, flüsterte er in ihr Ohr. Seine Finger waren überall.
Ja... o ja... da!
Sie schob sich nach vorn. Ihre Haut glühte und prickelte unter seinen Fingern. Sie schloss die Augen und ließ ihn weitermachen.
Mein Gott, ich halte das nicht aus!
Vielleicht hat er....
Kichernd schob sie ihre Hand hinter ihren Rücken, fand seinen Nabel, glitt nach unten.
Seine Muskeln strafften sich. Hart.
»Du, das tut ein bisschen weh«, sagte sie.
Dann drückte er sie nach unten.
 
Sie dachte, das sei ein Spaß, eines seiner zahlreichen, gewalttätigen Spielchen. Sie kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an, wollte mitspielen.
Aber er ließ sie nicht los.
Sein Körper umschloss sie wie eine eiserne Kralle.
Sie versuchte zu kämpfen...
... los!...
…versuchte, sich zu befreien.
Seine Beine verknoteten sich mit ihren.
... los!... Luft!...
Sie gab ein Gurgeln von sich, schrie... und ihre Lungen füllten sich mit Wasser.
... los!...
Dann wurde es still.
002
Er denkt: So schön! So unbeschreiblich schön!
Durch den Sucher der Super-8-Kamera sieht sie aus wie eine im Wasser schlafende Meerjungfrau.
Oder eine Nymphe.
So blass, denkt er, so wunderbar weiß und glatt. Wie Marmor im Regen.
Glänzend. Glatt.
Er drückt auf den Auslöser. Die Kamera summt monoton.
So unbeschreiblich schön, denkt er.
003
Dagbladet, August 1976
Der Verlobte verteidigt sich: »Habe Linda nicht getötet!«
VON GUNNAR BORG
 
»Linda fehlt mir so schrecklich! Dass mich die Polizei verdächtigt, sie getötet zu haben, macht meine Trauer nur noch schlimmer.«
Das sagte ein zutiefst aufgewühlter Rune Strøm (20) zum Dagbladet, als er gestern nach vier Wochen Untersuchungshaft wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
Strøm, der Verlobte von Linda Merethe Gabrielsen (20), die im Juli tot in der Badewanne der gemeinsamen Wohnung gefunden wurde, ist der Meinung, Linda habe einen Schwächeanfall erlitten und sei ertrunken. »Die Behauptung, ich hätte sie ermordet, ist vollkommen krank«, so der junge Mann aus Oslo.
Er berichtet, Linda hätte gerne gebadet und sei oft in der Wanne eingeschlafen: »Ich weiß nicht, wie oft ich zu ihr ins Bad gehen und sie wecken musste.«
Da die Polizei die Anklage nun zurückzieht, geht Strøm davon aus, dass der ganze Verdacht auf Mutmaßungen und Hypothesen beruhte. »Hätte ich Linda wirklich getötet, hätte ich sie doch nicht in der Wanne liegen gelassen und die Polizei gerufen«, so Strøm, der von der Polizei Entschädigung fordert. »Die können doch nicht einfach Leute ins Gefängnis stecken, bloß weil sie glauben, jemand wäre ermordet worden«, sagt er.
Gemeinsam mit seinem Anwalt will er Klage einreichen.
004
Er musste lächeln, als er den Artikel las.
Die Behauptung, ich hätte sie ermordet, ist vollkommen krank.
Das war ja zum Totlachen!
Später klebte er den Zeitungsausschnitt in sein Tagebuch und schrieb Nummer 1 daneben.
Danach saß er noch lange da und fragte sich, warum er das geschrieben hatte.
Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, es war einfach wie von selbst gekommen.
Nummer eins?

VESLETJERN, OSLO MAI 1981

Eine Schulklasse fand bei einem Ausflug die Leiche des Mädchens, die im Wasser trieb.
Sie war nur teilweise bekleidet. Für Passanten sah sie möglicherweise aus wie eine Taucherin, die tief Luft geholt hatte und am Grunde des Gewässers etwas Interessantes beobachtete.
Die Lehrerin scheuchte die Kinder weg …
»Schnell weg hier!... Geht nach unten zur Straße!... Schnell!«
…und watete in das eiskalte Wasser. Aber schon lange, bevor sie das Mädchen erreichte, die Finger um den dünnen Arm legte und es ihr gelang, den steifen Körper umzudrehen, war ihr klar, dass es zu spät war.
 
Das Mädchen war zwei Tage zuvor von einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche als vermisst gemeldet worden.
Die Pathologen stellten fest, was alle wussten: Sie war ertrunken. Es war unmöglich zu sagen, ob das auf einen Unfall zurückzuführen war oder ob jemand sie ertränkt hatte. Man konnte nicht ausschließen, dass sie ins Wasser gefallen war. Oder sich das Leben genommen hatte.
Mit rotem Stift hatte sie (oder eine andere Person) eine Zwei zwischen ihre kleinen, spitzen Brüste geschrieben. Niemand verstand, warum.
Die Polizei durchsuchte das Gebüsch rund um den See, doch keines der Fundstücke – vergilbte Zeitungen, eine zerbrochene Thermoskanne, ein Schnorchel, die Aluminiumfolie einer Super- 8-Kassette, der Stiel eines Papierfähnchens – konnte mit dem Mädchen in Verbindung gebracht werden.
Ihre Kleider wurden nie gefunden.
Die Ermittlungen wurden noch im gleichen Herbst eingestellt.

BANKPLASSEN, OSLO OKTOBER 1986

Er betrachtete sie lange, bevor er sie rief.
Sie stand auf einer Steintreppe und versuchte, sich vor dem garstigen Herbstwetter zu schützen. Den ganzen Tag schon hatte ein böiger Wind geweht, und am Abend war dann noch Schneeregen dazugekommen. Nasse Flocken wirbelten in den Böen auf.
Sie hatte lange Beine und trug einen sehr kurzen Rock. Netzstrümpfe. Hohe Lackstiefel. Eine Pelzjacke.
Er zoomte sie heran und drückte auf den Auslöser. Vermutlich war es nicht hell genug. Aber wenn es ihm gelang, ihre Silhouette vor der Straßenlaterne einzufangen, ergab das sicher einen dramatischen Effekt. Wie in Hiroshima, mon amour.
Im Schutz der Dunkelheit in dem geparkten Auto beobachtete er sie. Die schmale Gestalt, ihren Atem, die immer wieder aufleuchtende Glut der Zigarette.
Er legte die Kamera auf den Boden und blinkte mit dem Fernlicht. Zweimal.
Die Zigarettenglut zeichnete einen weiten Bogen. Dann stöckelte sie ihm auf ihren hohen Absätzen entgegen.
Hübsches Mädchen. Um die zwanzig. Sicher nicht drogenabhängig.
Er kurbelte die Scheibe runter und lächelte sie an. Mit seinem Robert-Redford-Lächeln. Ihrem Blick entnahm er, dass sie ihn attraktiv fand... ganz anders als diese fetten, geilen Kerle, die sabbernd in ihren Volvos die immer gleichen Runden drehten.
»Eine Nummer?«, fragte sie geschäftsmäßig. Und fröstelte.
»Nummer drei«, sagte er. Frei heraus. Er lachte über sich selbst.
Sie sah ihn verständnislos an und neigte den Kopf.
»Ein Spaß. Vergiss es!« Er lächelte warm. Beugte sich hinüber und öffnete die Tür.
Wie eine Marktverkäuferin begann sie, ihm die Preisliste herunterzuleiern, bis er sie unterbrach und ihr einen Tausender extra bot, wenn sie für ein paar Stunden mit zu ihm nach Hause kam. Vielleicht sogar länger, sollte es zwischen ihnen funken.
Sie musterte ihn. Er hielt ihrem Blick stand. Lächelte. Ein ungefährliches, freundliches Lächeln.
»Okay«, sagte sie schließlich, zögernd.
 
Er fuhr mit ihr nach Hause, öffnete ihr die Tür, half ihr aus der Pelzjacke und führte sie ins Wohnzimmer.
Er legte eine Barry-Manilow-Platte auf und goss zwei Gläser Cognac ein.
Sie liebte Barry Manilow. Und Cognac.
Er sagte: »Na dann, prost. Auf Barry!«
Sie sagte ihm, ihr Name sei Mona. Sie sei eine alleinerziehende Mutter und erst seit wenigen Monaten als Prostituierte tätig. Sie brauchte das Geld, bis sie einen anderen, einen anständigen Job fände.
»Ich würde dich gerne filmen, Mona«, sagte er.
Zuerst antwortete sie nicht. Dann zuckte sie mit den Schultern und sagte: »Das kostet dich dann noch einen Tausender.«
»Geht in Ordnung. Warte, zieh dich noch nicht aus, bis ich zurückkomme.«
Er holte die Bauer-Kamera und drehte die Tausend-Watt-Birne in den Scheinwerfer. In dem grellen Licht kniff sie die Augen zusammen.
»Bereit?«, fragte er.
»Ready when you are, babe.«
Sie zog sich mit einer unbeholfenen Professionalität aus, die er beinahe rührend fand. Er filmte während der ganzen Zeit.
»Weißt du – du gefällst mir«, sagte sie. »Wirklich.«
Er antwortete nicht.
Sie kam nackt auf ihn zu. »Willst du dich nicht ausziehen?«, fragte sie neckisch und fingerte an seinem Gürtel herum.
Er hörte mit dem Filmen auf. Als er die Kamera vom Auge nahm, sah er unscharf.
»Ich möchte, dass wir erst ein Bad nehmen«, sagte er.
»Gerne«, erwiderte sie lächelnd.
 
Sie fanden sie nie.
Er hatte sich immer über Mörder gewundert, denen es nicht gelang, ihre Leichen zu verstecken. Als ob das ein Problem wäre. Wie er die Sache sah, bestand das Problem darin, dass die Mörder entweder Panik bekamen oder sich schlicht und einfach dumm anstellten.
Sie wurde im September als vermisst gemeldet. Ihr Zuhälter wurde verdächtigt und in Untersuchungshaft genommen. Die Polizei ist wirklich schrecklich fantasielos, dachte er voller Schadenfreude.
Nach vier Wochen kam der Zuhälter wieder frei. Eine Anklage wurde nie erhoben.
Einige Monate lang amüsierte er sich über die Zeitungsartikel: das »Mona-Mysterium«. Doch schließlich verloren sowohl die Polizei als auch die Journalisten das Interesse an dem Fall.
Aber er hatte ja noch den Film.
Aftenposten, August 1992
Noch immer keine Spur von vermisster Osloerin
Die Polizei hat noch immer keine Spur von der vermissten Eirin Granvik (23) aus Oslo, die Ende Juli von einem Bootsausflug nicht mehr zurückkehrte.
Die verheiratete Mutter dreier Kinder war alleine im Boot, als sie verschwand. Ihr Boot wurde vertäut an einem Gästeanleger im Yachthafen von Son gefunden.
Die freikirchliche Gemeinde, zu der die Familie gehört, hat eine Belohnung von 50 000 Kronen ausgesetzt für sachdienliche Hinweise, die zur Lösung des Falles führen.
Die Polizei hält es für unwahrscheinlich, dass sich die Frau aus freien Stücken abgesetzt hat. Granvik hat eine wichtige, ehrenamtliche Stellung in der Gemeinde und einen sehr engen Kontakt zu ihrer Familie.
Die Polizei geht davon aus, dass sie beim Vertäuen des Bootes ins Wasser gefallen ist.

GRORUD-KIRCHE, OSLO JULI 1996

Der Lieferwagen steht im Schatten auf der Rückseite der Kirche. Sie bemerkt ihn nicht gleich. Der Splitt auf dem Asphalt knirscht unter ihren Füßen, und sie atmet die sommerlichen Düfte des Friedhofs ein. Durch das glitzernde Licht in den Baumkronen kann sie den Turm und die Kirchturmspitze sehen.
Es ist halb neun. Jetzt hat sie die Kirche zwei Stunden für sich.
Seit drei Monaten arbeitet sie als Organistin in der Gemeinde. Sie liebt die zerbrechlichen Töne der alten Orgelpfeifen. Den Widerhall in der Kirche, die Klangfülle.
»Entschuldigung?«
Sie zuckt zusammen.
Der Mann sitzt im Lieferwagen, die Beine aus der geöffneten Tür gestreckt. Er hat das Seitenfenster heruntergekurbelt und hält in der linken Hand eine Colaflasche.
»Sie scheinen hier zu arbeiten«, sagt er.
Sie meint, ihn irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Wie ein alter Klassenkamerad, den man vergessen hat. Ein attraktiver Mann, auf dem ihr Blick vielleicht einen Moment hängen geblieben wäre, wenn sie ihn an einem Sonntagnachmittag im Gemeindezentrum gesehen hätte.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie.
»Ich soll hier etwas liefern. Aber es ist keine Seele hier. Oh, entschuldigen Sie den Ausdruck.«
Er lacht. Sie lacht mit.
»Nur einen kleinen Augenblick«, sagt sie und tastet in ihrer Tasche nach den Schlüsseln. »Was denn liefern?«
»Die neuen Formulare.«
»Formulare?«
»Haben Sie denn nichts davon gehört? Alle Formulare müssen ausgetauscht werden. Abmeldungen, Anmeldungen, Hochzeiten, Taufen... alles. Ich komme gerade von der Druckerei. Für den Pastor.«
Schließlich findet sie die Schlüssel. »Er ist nicht da.« Sie schließt die Tür der Sakristei auf. »Sommerferien. Aber Sie können die Kisten hier reinstellen. Ich werde Bescheid sagen.«
»Sehr gut. Woher kommen Sie?«
»Aus Dänemark. Hört man das?«
»Ein bisschen.« Er folgt ihr hinein und sieht sich um. »Hier muss ich dann in die Höhe stapeln.«
»Geht das?«
»Ich denke schon.« Er zögert. »Wäre es vielleicht möglich, dass Sie mir helfen? Die Kisten sind ein bisschen umständlich aus dem Wagen zu bekommen. Sie sind nicht sonderlich schwer, aber für einen allein ziemlich sperrig«, fügt er rasch hinzu.
»Na klar.« Sie hängt ihre Tasche an die Türklinke und geht mit ihm nach draußen.
Er hilft ihr in den Laderaum des Lieferwagens. Die Kisten stehen ganz hinten. Sie sehen weder schwer noch sperrig aus.
»Wenn Sie die obere nehmen würden...«, sagt er und lässt sie vorbei.
Sie hebt die Kiste an. Sie ist viel zu leicht.
»Aber da ist doch nichts...«, beginnt sie.
Der Lappen legt sich ihr über Nase und Mund. Sie richtet sich auf und stößt mit dem Kopf ans Wagendach. Die Kiste fällt zu Boden. Sie versucht, sich loszureißen.
Der beißende Gestank des Lappens ätzt und bläht sich auf... ätzt und bläht sich auf...
Langsam und unter Schmerzen kommt sie wie nach der Blinddarmoperation vor drei Jahren wieder zu sich.
Sie kann nicht mit Gewissheit sagen, wo die Dunkelheit aufhört und das Bewusstsein anfängt. Nur, dass etwas weh tut. Und dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.
Sie blinzelt, stöhnt leise.
Ein Krankenhaus?
Das Zimmer ist kahl. Weiße Wände. Ein großer Spiegel. Ein Fernseher. Eine geschlossene Tür. Eine Glühbirne an einem Kabel unter der Decke.
Sie erinnert sich an den Mann. Den Lieferwagen.
Ich träume
Sie liegt auf einer Matratze. Jemand hat ihr ein steifes, weißes Nachthemd angezogen. Ihr linker Arm ist an einem Bügel in der Wand festgekettet.
... ein Albtraum.
Sie kneift die Augen wieder zu.
Festgekettet?
Das kann nicht sein. Ich muss weiterschlafen.
»Nummer fünf!«
Seine Stimme.
Das Herz explodiert in ihrer Brust. Die Muskeln spannen sich an. Sie reißt die Augen auf, holt hicksend Atem, sieht ihn nicht.
»Habe ich dich erschreckt?«
»Ja!« Ihre Stimme klingt dünn, wie die eines kleinen Mädchens.
Sie muss den Kopf nach hinten beugen, um ihn sehen zu können. Er sitzt auf einem Hocker direkt hinter ihr. An der Wand.
»Schmerzen?«
Sie schluchzt.
»Angst?«
Sie schluchzt wieder.
»Das verstehe ich, das verstehe ich gut.«
Er wird mich vergewaltigen, denkt sie. Erst vergewaltigen und dann töten. Wenn er mich am Leben lassen wollte, würde er eine Maske tragen. Oder ich eine Augenbinde.
Es wundert sie nur, dass er so nett aussieht. So normal. Genau wie... ja, wie alle.
Nur mit den Augen stimmt etwas nicht. Sie sind hellblau. Wenn man tief in sie hineinblickt, kann man... Es gelingt ihr nicht, die richtigen Worte zu finden. Aber irgendetwas dort drinnen scheint abgestorben zu sein.
005
»Ich habe dich gefilmt«, sagt er zufrieden. »Willst du mal sehen?«
Es sind ein paar Stunden vergangen. Sie sitzt aufrecht auf der Matratze und isst. Eine Scheibe Weißbrot mit Camembert und Paprika. Ein paar kleine säuerliche, grüne Trauben. Orangensaft.
Am liebsten würde sie Nein sagen, doch sie sagt: »Ja, gerne.«
Er richtet die Fernbedienung auf den Fernseher.
Sofort erkennt sie das Haus wieder, in dem sie ein Zimmer gemietet hat. Dann sieht sie sich selbst im Garten. Sie mäht im Bikini den Rasen. Ihr läuft ein Schauer über den Rücken – er muss hinter der Hecke gestanden haben!
Ein neues Bild: eine Straße. Irgendwo in Frogner. Boutiquen. Die Straßenbahn rattert vorbei. Ein Vogelnest. Bürgersteig. Sie nähert sich aus dem Hintergrund, Arm in Arm mit einem Mann.
Sie erkennt ihn nicht sofort.
Erlend?
Mein Gott, denkt sie, das war doch im Mai!

Erster Teil

Das erste Zeichen

1

Der erste Brief kam an einem Montagvormittag.
Wenn sie später an diesen Tag zurückdachte, erinnerte sie sich nur noch an die unwichtigen Details. An die Sonne, die durch die verstaubten Jalousien in die Redaktion fiel. An das Knacken eines Radios, bei dem der Sender nicht richtig eingestellt war. Das Klingeln eines Telefons. Sie erinnerte sich an den Geschmack des Mentholbonbons, das sie im Mund hatte, und an den leicht verbrannten Geruch, der aus der Lüftung kam.
Es war ein großer, braungelber Umschlag. Gefüttert. Ihr Name stand mit Blockbuchstaben darauf. Rot. KRISTIN BYE. Mit zwei roten Linien unterstrichen.
Tief in ihrem Inneren war etwas zu Eis erstarrt.
Sie wog den Umschlag in der Hand. Keine Bombe, so viel war klar. Vielleicht ein paar verfängliche Bilder? Man darf die Hoffnung nie aufgeben, dachte sie kichernd.
»Kristin?«
Mit dem langen Zeigefingernagel öffnete sie den Umschlag. Wieder zögerte sie. Und schauderte. Kristin, bitte, jetzt reiß dich aber zusammen, wirklich! Ohne aufzusehen, schüttete sie den Inhalt des Umschlags auf die Schreibtischplatte.
Ein VHS-Band. Ein zusammengefalteter Zettel.
»Kristin!«
Sie zuckte zusammen. Am anderen Ende des Redaktionsbüros winkte der Chef vom Dienst mit dem Telefonhörer.
»Für mich?«, rief sie.
Der Chef vom Dienst verdrehte die Augen. »Ein Tipp! Ein Überfall! Wie ist deine Durchwahl?«
Unbewusst steckte sie den Zettel in die Tasche ihres Rocks. Muss das sein?, fragte sie lautlos mit den Lippen.
Es musste.
 
Niemand hatte richtig verstanden, warum Kristin Bye beim Dagbladet aufgehört hatte, um beim Fernsehsender Kanal 24 anzufangen. Sie verstand es ja selbst kaum. Manchmal fühlte sie sich wie eine Deserteurin.
Auf dem Weg zum Übertragungswagen im Hinterhof dachte sie mit gemischten Gefühlen daran, dass es heute auf den Tag genau vier Monate her war, dass sie die Tür der Feuilletonabteilung hinter sich zugezogen hatte. Der Abschied von ihren Kollegen bei der Zeitung war rührend gewesen; Tränen und Reden, Glückwünsche und Umarmungen, Rotwein bis weit in den Morgen. Der Chefredakteur hatte ihr einen vergoldeten Füller geschenkt und ihr versichert, die Tür vom Dagbladet werde ihr immer offen stehen, sollte ihr die Fernsehbranche zu hart werden. Die Nachrichtenredaktion hatte eine Zeitungsseite mit dem Titel »Toi, toi, toi, Kristin« über einem scheußlichen Bild von ihr gestaltet. Im Handumdrehen war dieser Abschnitt ihres Lebens vorbei gewesen. Sie lächelte nachdenklich; man schreibt eine Kündigung, jemand hält eine Rede, und schon wartet ein neues Leben auf einen. Ein spannendes Leben, auch wenn man das alte vermisst.
»Kristin, pleeeeease, quatsch mich bloß nicht tot!«
Roffern – sein richtiger Name war wohl Rolf, nur dass ihn niemand so nannte – legte die Finger um das Lenkrad und sah sie amüsiert an. Er war ein magerer Mann Ende zwanzig. Süß auf eine seltsame Weise, fand Kristin. Intensive Augen. Pferdeschwanz, zwei Goldringe im Ohr, Ziegenbart. Voller Ideen und Enthusiasmus. Auf einem Betriebsfest hatte er ihr anvertraut, dass er gerne mal einen Spielfilm drehen würde oder wenigstens Kurzfilme oder Popvideos. Doch die letzten zwei Jahre hatte er als Kameramann und Fotograf für die Nachrichtensendung »24 Stunden!« von Kanal 24 gearbeitet.
»Entschuldigung«, sagte sie verlegen, »ich war wohl mit den Gedanken woanders...«
»…bei deinem Filmsternchen?«
»Marcus? Filmsternchen?« Die Frage kam kurz und ungehalten.
Sie streckte Roffern die Zunge raus, um ihre Reaktion zu überspielen. »An den denke ich ganz bestimmt nicht.«
»Hat er viel Geld erbeutet?«
»Marcus?«
»Der Räuber, du Gans!«
»Keine Ahnung.«
»Irgendeine Aktion?«
»Ich weiß nicht. Ich war schon froh, dass mir die Polizei überhaupt die Adresse genannt hat, du Ganter!«
Es war ihr fünfter Raubüberfall für »24 Stunden!«, und sie hasste diese Aufträge. Genervte Polizisten, die immer gleichen Zettel im Fenster (wegen Raubüberfall geschlossen) und die Schaulustigen, die vor der Kamera herumrennen und die Bilder kaputtmachen mussten.
»Veitvetcenter...«, sagte Roffern. »Ich war mal mit einem Mädchen aus den Selvaag-Blocks zusammen.«
»Das bezweifle ich nicht, Roffern, wirklich nicht.«
 
Drei Polizeiwagen sperrten die Sackgasse vor der Postfiliale ab. In dem scharfen Sonnenlicht war das Blinken der Blaulichter kaum zu sehen. Ein Krankenwagen stand schräg auf der Straße. Die übliche Schar von Gaffern – Schüler mit Ranzen über der Schulter, rauchende junge Männer und Hausfrauen mit Kinderwagen – schlenderte um die Absperrungen.
Roffern fuhr hinter dem VG-Wagen auf den Bürgersteig. Er nahm die schwere Fernsehkamera mit und reichte Kristin ein rotes Mikrofon mit einer goldenen 24 darauf. TV2- und TvNorges-Übertragungswagen parkten hinter ihnen. Kristin hielt nach den Leuten von der größten Nachrichtensendung »Dagsrevyen« Ausschau. Vermutlich würden sie über diesen Raub gar nicht berichten, nicht nach der Sommerdebatte über die Nachrichtenprofile der einzelnen Fernsehsender. Eine kurze Meldung, wenn’s hochkam, und nur, wenn die Beute außerordentlich hoch ausgefallen sein sollte.
Roffern zeigte auf den Polizeiwagen mit der Aufschrift Einsatzleitung. Ein Polizist mit grauen Haaren saß in der Tür des Wagens und sprach in ein Funkgerät.
»Rødberg. Der Einsatzleiter. Achtung, ein echter Mistkerl«, flüsterte Roffern und schob sie in Richtung des Polizisten.
Kristin nickte ihm vorsichtig zu, als er aufsah, und wartete, bis er das Funkgerät wieder in die Halterung gesteckt hatte. »Guten Tag, entschuldigen Sie? Kristin Bye von ›24 Stunden!‹ – Können Sie schon etwas sagen?«
»Nicht viel«, seine Stimme war ebenso abweisend wie sein Blick. »Rufen Sie in ein paar Stunden die Pressestelle an.«
»Der Betrag ist noch nicht bekannt?« Wenigstens das hatte sie gelernt, es dauerte immer Stunden, bis sie eine Ahnung hatten, wie viel wirklich gestohlen worden war.
»Er hat nichts mitnehmen können.«
»Nichts?«
»Der Raubüberfall konnte vereitelt werden.«
»Uih, was ist passiert?«
Er schüttelte den Kopf.
»Sind Personen verletzt worden?«
»Nein.«
Kristin warf einen fragenden Blick in Richtung Krankenwagen.
»Nichts Gravierendes, reine Routine.«
»Aber was ist passiert?«
Wieder zögerte er, bevor er sagte: »Ein Kunde hat versucht, den Täter aufzuhalten. Er wurde niedergeschlagen, nichts Ernstes. Aber der Räuber ist daraufhin abgehauen. Ohne Geld. Nichts Dramatisches, das ist keine Schlagzeile wert.«
»Ist es möglich, mit ihm zu reden? Mit dem Kunden, meine ich.«
Der Polizist seufzte ärgerlich.
»Nicht?«
Er starrte durch sie hindurch.
»Entschuldigung?« Sie blieb beharrlich. »Ich würde gerne ein Interview mit ihm machen!«
Er stand abrupt auf und sah sie an. »Junge Frau!«
Er hörte sich an wie ein alter Oberlehrer, und sie konnte ein resigniertes Lachen nicht zurückhalten. »Lieber Herr Sheriff, bitte nennen Sie mich nicht...«
Er knallte die Autotür zu. »Er hätte getötet werden können!«
»Ja, aber...«
»Und ihr Journalisten habt natürlich nichts Besseres zu tun, als einen Helden aus ihm zu machen! Einen verdammten Helden, auf dass dann irgendein anderer Dummkopf genau den gleichen Fehler begeht und erschossen wird und schließlich auf euren Titelseiten landet.«
Sie sah ihn sauer an. »Entschuldigen Sie, ich versuche nur, meine Arbeit zu machen.«
»Na, herzlichen Dank.«
»Außerdem arbeite ich für das Fernsehen...«
»Das ist doch alles der gleiche... Mist!«
»…wir haben keine Titelseiten!«
Ohne ihr zu antworten, ging er an ihr vorbei und stieg über das rot-weiße Absperrband.
»Ihnen auch einen schönen Tag!«, rief sie ihm nach.
Während Roffern die üblichen Aufnahmen machte – Einsatzfahrzeuge, Absperrungen, den besagten Zettel, die Gruppen der Schaulustigen – rief Kristin den Chef vom Dienst an und erstattete darüber Bericht, was sie bis jetzt hatten. Nicht viel. Sie hoffte, zurückbeordert zu werden, aber der Dienstchef bat sie zu warten und den Kunden zu interviewen, der den Raub verhindert hatte. Genau wie sie befürchtet hatte; nach vier Monaten beim Fernsehen konnte sie die Gedanken der Redakteure lesen, noch ehe diese sie selbst gedacht hatten. »Bähhh!«, sagte sie und fragte, ob er wirklich darauf bestand. Das tat er.
In einem Kiosk kaufte sie eine Cola light von einem Mann, der sie fragte, ob er sie möglicherweise auf TV2 gesehen hätte. Sie setzte sich neben Roffern auf den Bürgersteig. Der Krankenwagen fuhr weg. Dafür kam ein weiterer Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene. Ein dreizehn- oder vierzehnjähriger Junge kam zu ihr und bat um ein Autogramm. Sie wurde rot, als sie seinen Ranzen signierte.
Roffern murmelte: »Fifteen minutes of fame.«
 
Als sie vor vier Jahren beim Dagbladet angestellt wurde, hatte sie geglaubt, sie würde dort ewig bleiben. Trotzdem hatte sie das Angebot von Kanal 24 wie die selbstverständlichste Sache der Welt angenommen. Es war fast so, als gäbe es zwei widerstrebende Kräfte in ihr, die sie am Laufen hielten: das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität und der Drang nach Veränderung und Spannung.
Trotzdem... deswegen den Traumjob beim Dagbladet dranzugeben?
Schon als kleines Mädchen hatte sie mit Begeisterung geschrieben. Abends hatte sie sich nach den Hausaufgaben und dem Handballtraining in ihrem Zimmer eingeschlossen und kleine Gedichte, Novellen und Skizzen zu Papier gebracht. Sie konnte sich noch gut an das Kribbeln in ihrem Bauch erinnern, als die Lokalzeitung mehr als eine halbe Seite für eine Weihnachtserzählung von ihr einräumte, die sie eingeschickt hatte. Als sie auf die weiterführende Schule ging, hatte sie abends einen Nebenjob bei ebendieser Zeitung, und als sie als Austauschschülerin in den USA war, schrieb sie für die Schulzeitung. So war sie beinahe zufällig und ohne irgendwelche Ideale oder Enthüllungswünsche zum Journalismus gekommen.
Sie hatte vier Jahre für eine Zeitung in Trondheim gearbeitet, als sie sich für die Stelle als Feature-Journalistin beim Dagbladet bewarb. Ein Traumjob. Gunnar Borg hatte ihr damals den Tipp gegeben. Und sie hatte die Stelle bekommen. Sie verstand nicht, warum. Sie hatte Gunnar gefragt, eine der Eminenzen der Zeitung, doch der hatte nur auf seine übliche Weise mit den Schultern gezuckt und gesagt, sie sei wohl die Beste gewesen. Die Beste? Okay, sie schrieb gut, war kreativ und teamfähig, aber ehrlich: Es hatten insgesamt hundertachtundsechzig Bewerbungen auf dem Stapel gelegen. Einhundertachtundsechzig! Da den gewünschten Job angeboten zu bekommen, war wie ein Sechser im Lotto, weshalb sie sich wie eine Verräterin vorgekommen war, als sie gekündigt und bei Kanal 24 angefangen hatte.
Sogar ihren Freundinnen gegenüber rechtfertigte sie sich, beteuerte, das habe nichts mit Exhibitionismus zu tun. Dabei wusste sie sehr gut, dass das einen wesentlichen Teil der Spannung ausmachte. Aber da war noch so viel mehr: die Form des Mediums... die Geschwindigkeit... Aktualität... Bildsprache... die Dramaturgie... diese intensive Nähe... und die unmittelbare Verbindung zu den Zuschauern. Die kommerziellen Sender hatten eine neue Medienepoche in Norwegen eingeleitet, an deren Entwicklung sie teilhaben wollte. Ihre Freundinnen lachten über sie. Für sie war die Fernsehbranche etwas Minderwertiges. Dabei lasen sie nicht einmal das Dagbladet. Aus Prinzip. Nicht dass ihre Meinung für Kristin eine Rolle spielte, sie traf sie ohnehin so gut wie nie mehr. Immer hatten sie einen giftigen Kommentar über ihre Arbeit auf den Lippen, und Kristin fragte sich, ob sie überhaupt noch irgendetwas mit ihnen gemeinsam hatte. Im Grunde waren sie eher Bekannte als Freunde. Die alte Schulclique aus Nissen. Eine Schar perfekter, eitler und ein bisschen radikaler Mädchen aus dem ach so vornehmen Westen des Landes. Stuck-Adel. Gut situierte Rotweinsozialisten. Besessen von Literatur, Psychologie und Sex. Musik und Film. Und Sex. Umweltschutz. Der Kluft zwischen Arm und Reich. Philosophie. Gleichstellung. Und Sex.
Eigentlich nicht ihr Typ. Aber das begann sie erst jetzt so richtig einzusehen.
 
Der Kunde spazierte eine Dreiviertelstunde später aus der Postfiliale.
Eine Polizistin mit Pferdeschwanz schickte sich an, ihn unter dem rot-weißen Absperrband hindurchzulassen, das sie mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen bewachte. Wie die Lemminge stürzte sich die Gruppe der Pressefotografen beinahe geschlossen in einen kleinen Busch, um den Kunden und die Polizistin auf ein Bild zu bekommen. Es klickte und summte, als sie das Absperrband anhob.
Der junge, dünne Mann sah die Journalisten gleichermaßen erschreckt und erwartungsvoll an, als sie ihn umringten. Nein, er sei gar nicht erst dazu gekommen, Angst zu verspüren. Nein, »Held« sei wohl ein bisschen zu hoch gegriffen. Nein, verletzt sei er nicht, sein Kiefer schmerze bloß ein bisschen, aber das sei alles. Doch, er sei sich bewusst darüber, wie gefährlich es gewesen war, den Räuber anzugreifen, aber Sie wissen ja, wie das ist, he, he, he.
Als die Zeitungsjournalisten fertig waren, zog Kristin ihn vor der Nase der TV2-Reporter weg. Sie sagte ihm, wer sie war, worauf er nervös lachte und sagte, das wisse er. Er würde jeden Dienstag und Donnerstag »24 Stunden!« gucken, denn danach käme immer FBI Inc.
Er wich ihrem Blick hartnäckig aus.
Sie ging ein Stück mit ihm über den Bürgersteig, damit Roffern das Interview mit der Postfiliale im Hintergrund filmen konnte. Während Roffern die Kamera bereit machte, plauderte Kristin mit dem jungen Mann, beruhigte ihn und machte ihn mit Mikrofon und Fernsehkamera vertraut.
Er war kein guter Redner. Er stotterte, unterbrach sich selbst, führte seine Sätze nicht zu Ende und schaute immer wieder grinsend zu den imaginären Zuschauern hinter der Kamera. Erst nach zwanzig Minuten waren Kristin und Roffern einigermaßen zufrieden.

2

»Eins dreißig, höchstens!«
Toralf Skaug lehnte sich auf seinem wippenden Bürostuhl zurück und sah blinzelnd auf den Ablaufplan auf dem Bildschirm. Er hatte viele Spitznamen, Diktator, Serbe, Herrgott, aber er war der Chef vom Dienst. Ein untersetzter Mann mit schütteren Haaren, rasselndem Atem und Schweißflecken unter den Achseln. Kristin hatte ihn einmal als Modell für eine Reportage über Herzinfarkt benutzt.
»Komm schon!«, nörgelte Kristin. Sie saß auf dem Rand des Layout-Tisches und wippte mit den Beinen. »Ich brauche mindestens zwei Minuten!«
»Verdammt, Kristin, du bist nicht eingestellt worden, um Spielfilme zu drehen! Die Sendung ist zu voll!« Er tippte mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm. »Naher Osten, Ärztekrise, der Mord in Tromsø, der ganze politische Scheiß!«
»Dann musst du halt Prioritäten setzen«, gurrte sie zuckersüß.
»Meine liebe Freundin«, äffte er sie ebenso zuckersüß nach, »genau das tue ich gerade.« Seine Stimme senkte sich wieder. »Eins dreißig! Und wir wollen dich bei der ersten Sendung gemeinsam mit Ninni im Studio haben.«
Nina »Ninni« Nilsen war die feste Sprecherin der Achtzehn-Uhr-Sendung. Die Verantwortlichen ließen sie in der Regel einen der anderen TV-Reporter über ein aktuelles Thema interviewen. Sie meinten, die Sendung werde so etwas lebendiger, außerdem gab das den Reportern ein wenig der Autorität, die sie so dringend brauchten. Die Hauptsendung um zweiundzwanzig Uhr wurde von der jungen Ninni gemeinsam mit dem gut gebauten NRK-Veteranen Arve Arnesen geleitet. Die Absicht des Chefredakteurs war es, die Zuschauer glauben zu lassen, die zwei hätten ein Verhältnis.
Skaug schnippte eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie in den Mundwinkel, zündete sie aber nicht an. Er hatte den oberen Hemdknopf geöffnet, und der Schlipsknoten hing schlapp auf seiner Brust.
»Eins fünfundvierzig?«, versuchte Kristin fragend.
Skaug schob seine Brille zurecht und nahm einen Pseudozug. »Fräulein Fellini, schauen Sie mir mal auf die Lippen: Einsdreißig. Basta! Regieraum zwei. Pronto!«
Der Regisseur spulte die Videobänder im Schnelldurchlauf ab und verharrte auf einem beinahe vom Boden aufgenommenen Bild der Postfiliale mit einem Einsatzfahrzeug der Polizei im Vordergrund.
»Tolle Perspektive«, sagte er. »Beinahe wie im film noir. Sollen wir damit starten?«
»Okay-dokay. Wie viel kann ich bei diesem ersten Bild sagen?«, fragte Kristin.
»Deine ganze Lebensgeschichte, Baby. Vier Sekunden, maximal fünf.«
»Nimm die Zeit: Unmittelbar nach der Öffnung am Morgen stürmte ein Räuber in die Postfiliale Veitvet.«
»Sechs Sekunden. Soll das ein abendfüllender Spielfilm werden?«
»Sechs? O je, Mist!« Sie kicherte. »Versuchen wir es mal so: Überfall auf die Postfiliale in Veitvet direkt nach Geschäftsöffnung.«
»Genau vier Sekunden, wenn du ein bisschen schneller sprichst.«
»Überfallaufdie Postfilialein Veitvetdirektnach Geschäftsöffnung!«
»Zwei Sekunden. Olympischer Rekord. Aber vielleicht doch nicht gaaaanz so schnell?«
Sie prusteten beide los.
So setzten sie weiter Bilder und Worte zusammen, Sequenz für Sequenz. Wie üblich musste sie einen Großteil des Textes streichen. Eine der ersten Lektionen, die sie lernen musste, nachdem sie im Fernsehen begonnen hatte, war, höchstens Platz für ein Drittel von dem zu haben, was sie eigentlich sagen wollte. Entweder hatte sie nicht genug Bilder, oder die Bilder passten nicht zum Text. Die Kameraleute versuchten sie immer damit zu trösten, dass die Bilder doch viel mehr sagten als Worte. »Ach ja?«, brummte sie dann sauer. »Dann zeig mir doch ein Bild der Zehn Gebote!«
Sie brauchten anderthalb Stunden, um die Reportage zu redigieren. Sie wurde kürzer, als Skaug es gefordert hatte: eins fünfundzwanzig.
Kristin öffnete die Tür des Regieraumes und pfiff auf den Fingern, um die Aufmerksamkeit des Chefs vom Dienst zu bekommen. »Die Reportagezeit beträgt eins fünfundzwanzig«, rief sie. »Dann habe ich morgen aber fünf Sekunden gut!«
Skaug warf ihr einen Luftkuss zu.

3

Ein Haus. Ein großes, weißes Haus mit einem Apfelgarten, einem schmiedeeisernen Tor und einer hohen Hecke. Etwas entfernt, eine weiß gestrichene Bank. Im Garten: eine Frau im Bikini. Die Kamera zoomt sie heran. Sie scheint etwa zwanzig zu sein. Hübsch. Sie blickt auf, in Richtung Kamera, winkt aber nicht. Dann beginnt sie, den Rasen zu mähen.
Kristin drückte auf den Stop-Knopf und spulte zurück. Sie verstand nichts.
Hinter ihr fluchte der Chef vom Dienst und rief: »Hat sich jemand nach diesem Feuer in Bærum erkundigt? Keiner? Verdammt! Caspar, kümmer du dich darum! Fahr hin, wenn was los ist.«
Kristin drückte auf die Play-Taste und sah sich die Bilder noch einmal an. Dieses Mal ließ sie das Band weiterlaufen.
Eine Straße in einer Stadt. Geflickter, grauer Asphalt, eine Bürgersteigkante. Kristin kam es irgendwie bekannt vor, sie konnte die Straße aber nicht platzieren. Frogner? Oder Briskeby?
Eine Straßenbahn. Ein Vogelnest. Der Bürgersteig.
»Die Polizei in Bærum bestätigt, dass da ein Wohnhaus brennt!«, rief Caspar. »Haben wir ein Foto?«
Die Kamera fokussiert eine Frau, die gemeinsam mit einem Mann auf die Kamera zugeht. Die gleiche Frau wie zuvor.
Das war alles.
Kristin stutzte. Sie hatte irgendeinen Höhepunkt erwartet, irgendein besonderes Bild oder Geschehnis, das erklärte, warum man ihr diese Kassette geschickt hatte. Sie winkte Ninni zu sich, die in die Redaktion gefegt kam. »Skaug, haben wir was über das Feuer in Bærum?«, rief Ninni dem Chef vom Dienst zu.
»Unter Kontrolle«, antwortete Skaug.
»Kontrolle?«, brummte Caspar sauer. »Wir haben keinen freien Kameramann!«
Kristin zog Ninni zu sich, während sie das Band zurückspulte. »Schickes Kostüm! Ist das neu? Du, schau dir das mal an, bitte!«
Schweigend betrachteten sie die Aufnahmen. Ungefähr nach der Hälfte kam Skaug und stellte sich hinter sie.
»That’s it«, sagte Kristin. »Sagt dir das irgendetwas?«
Ninni schüttelte den Kopf.
Unten im Flur rief Caspar ungeduldig nach Roffern.
»Und was soll das sein?«, fragte Skaug.
»Kennt ihr die Frau?«
»Sollte ich?«, fragte Ninni.
Im Hintergrund begannen zwei Telefone gleichzeitig zu klingeln.
»Ich dachte, das wärst du«, sagte Skaug. »Hast du eine Schwester?«
»Ich? Toralf, putz dir mal die Brille!« Kristin sah zu Ninni und schnitt eine Grimasse.
»Ich denke, er will dir ein Kompliment machen«, amüsierte sich Ninni. »Willst du mir nicht mal erklären, was der Kram da soll?«
Kristin zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung! Das hat mir einer geschickt. Ich weiß nicht, warum. Ich dachte, ich hätte irgendetwas übersehen. Bestimmt nur ein dummer Scherz.«
»Ich hätte gern die Telefonnummer von deiner Schwester«, sagte Skaug.

4

»Noch fünf Minuten bis zur Sendung!«
Inmitten des Wirrwarrs aus flimmernden Bildschirmen, Kabelbündeln und ferngesteuerten Kameras versuchten Kristin und Ninni, sich zu konzentrieren. Kristins Hände zitterten. Obgleich sie bestimmt schon zwanzigmal gemeinsam mit Ninni im Studio gesessen hatte, war sie jedes Mal aufs Neue angespannt.
Ninni schnitt eine Grimasse und babbelte unverständliches Zeug, um die Gesichtsmuskulatur um ihren Mund herum zu lockern. Auf dem Teleprompter vor der Kamera rollte ihr Text in großen Buchstaben ab. Kristin sah verstohlen zu ihrer Kollegin hinüber. Ninni hatte die seltene Eigenschaft, sich durch die Kameralinse winden zu können und zu Hause bei den Zuschauern wie eine allwissende Göttin aufzutreten. Es gab wirklich nicht viele Reporter, die genug Glaubwürdigkeit, Selbstsicherheit und fachliches Wissen hatten, um Nachrichtensprecher zu werden. Die Nachrichten lesen konnten viele, aber die wenigsten waren in der Lage, sie so zu vermitteln, als wären sie Herr dieser Nachrichten, als bestimmten sie darüber und stünden selbst im Mittelpunkt der Geschehnisse. Ninni war eine davon.
Das offene Nachrichtenstudio wurde dominiert von dem länglichen Pult mit der leuchtenden Uhr. Alles im Studio war rot. »Letzte News von der Blutbank«, hatte einmal ein Fernsehkritiker geschrieben.
»Noch vier Minuten bis zur Sendung!«, rief der Produzent. Er saß zur Linken des Programmleiters vor einer Wand von Fernsehbildschirmen und einem Kontrolltisch, der aussah, als käme er aus einer Raumfähre.
Kristin warf einen Blick auf den großen Monitor neben der Kamera und betrachtete sich selbst. Schob die Haare zurecht. Sie erkannte sich im Fernsehen nie richtig wieder. Sie wurde zu einer Fremden, einer Schauspielerin, die TV-Reporterin spielte.
Ein Journalist für Internationales kam mit einem Telegramm ins Studio gerannt, auf dem die Zahl der Toten nach dem Bombenanschlag in Beirut korrigiert wurde. Ninni notierte es auf einem Blatt, das vor ihr lag.
»Drei Minuten bis zur Sendung!«
Kristin holte ein paar Mal tief Luft. Ninni las die Headlines der Sendung mehrmals in unterschiedlichen Stimmlagen zur Probe. »Stoppte den Täter und wurde niedergeschlagen« – »Autobombe in Beirut.«
Die starken Scheinwerfer wurden eingeschaltet.
»Ich kann nicht begreifen, warum Skaug die Sendung mit diesem Kinderkram startet«, flüsterte Kristin.
»Gefühlsduselei«, sagte Ninni, »er liebt solche Sachen. Wir haben jetzt schon vier Tage lang mit Außenpolitik angefangen, da kriegt er langsam die Krise.«
»Mädels, vergesst nicht, dass ich jedes Wort höre, das ihr sagt«, kam Skaugs Stimme durch den Studiolautsprecher. »Und denkt dran, der Chef vom Dienst ist die wahre Instanz in eurem Leben, näher könnt ihr Gott nicht kommen!«
Ninni drehte sich zur Kamera und warf ihm eine Kusshand zu.
Unter dem Tisch faltete Kristin so fest die Hände, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass sich gleich vier- oder gar fünfhunderttausend Zuschauer hinter den schwarzen Kameralinsen befanden.
»Zwei Minuten, Ruhe im Studio!«
Mit dem Zeigefinger drückten sich Ninni und Kristin die Ohrstöpsel in die Ohren, durch die sie während der Sendung die Anweisungen des Produzenten erhielten.
»Noch eine Minute bis zur Sendung!«
Die Stille in Regie und Studio war erdrückend, aufgeladen.
Die Hauptkontrolle meldete sich über den Lautsprecher: »HK an News – dreißig Sekunden.«
Kristin füllte die Lungen mit Luft und atmete langsam wieder aus.
»Zehn Sekunden... fünf – vier – drei …«
Die brausende Fanfare von »24 Stunden!« dröhnte donnernd aus den Lautsprechern der Regie. Auf dem Fernsehschirm leuchtete die Uhrzeit über einer metallischen Weltkarte auf.
Kamera eins fokussierte auf Ninni, die mit klarer Stimme sagte: »Willkommen in unserer Sendung ›24 Stunden!‹, heute mit diesen Themen...«
Auf dem Bildschirm entstand ein Mosaik aus kleinen Bildern, die immer deutlicher ein Bild des Mannes zeichneten, den Kristin am Vormittag interviewt hatte.
»Dieser Mann stoppte den Täter und wurde niedergeschlagen.«
Das Bild löste sich erneut in einem Mosaik auf, das dann einen Kriegsschauplatz zeigte.
»Autobombe in Beirut, mindestens acht Tote.«
Die metallische Weltkarte verwandelte sich in den Schriftzug »24 Stunden!«, und die Fanfare erstarb.
Ninni wandte sich zu Kamera zwei: »Und dann geht es in dieser Sendung auch noch um den Papagei Pharo, der heute Nachmittag während eines dramatischen Brandes in Bærum gerettet wurde. Pharos Aussage dazu«, sie flirtete mit den Zuschauern, »nun, die werden Sie später zu hören bekommen. Aber zuerst nach Veitvet in Oslo, wo ein Postkunde heute Morgen einen dramatischen Überfall vereitelt hat. Was er vielleicht besser nicht getan hätte.«
»MAZ ab«, kam die Stimme des Produzenten durch den Ohrstöpsel.
Während des Films gingen Ninni und Kristin noch einmal die Fragen durch. Beide sprachen leise und konzentriert. Ninni erinnerte sie daran, kurze Antworten zu geben. Passt mir ausgezeichnet, dachte Kristin.
Die Stimme des Produzenten: »Fünf – vier – drei – zwei...«
Die rote Lampe an Kamera eins ging an. Ninni wandte sich routiniert an Kristin.
»Kristin Bye, Sie waren vor Ort. Die Polizei war erstaunlicherweise nicht so dankbar über den Einsatz des Mannes?«
Kristin spürte, wie ihr Körper erstarrte. Die Knie unter dem Tisch zitterten unkontrolliert. Trotzdem lebten ihr Kopf, die Zunge und Lippen ihr eigenes Leben, vollkommen losgelöst vom restlichen Körper.
»Das ist richtig, Nina, was aber nicht weiter verwunderlich ist. Die Polizisten, mit denen ich heute am Tatort gesprochen habe, fürchten nämlich Nachahmer. Und das könnte früher oder später schiefgehen.«
»Sie meinen, dass die Täter Menschen, die eingreifen, einfach erschießen?«
»Genau! Die Polizei bittet die Menschen, sich bei einem Überfall ruhig zu verhalten und alles genau zu beobachten. Das Wichtigste ist schließlich, dass es keine Todesopfer gibt.«
»Es ist also nicht wert, für Geld zu sterben?«
»Auf keinen Fall!«