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Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Danksagung
 
1 Rechtfertigung
 
2 Standortsuche
Atomtod, Du
Das Ende der Hominidenplage
Predigt zum Ostermarsch
Bürgerliche Wohltätigkeit
Rede zur Verleihung eines Kleinkunst-Preises
Der ungeladene Hochzeitsgast
 
3 Preuße sein – eine Geisteshaltung
Gedanken am Grab Friedrichs des Großen
Das preußische Erbe
 
4 Anmerkungen zur Revolution 1848
Die Bedeutung der Militärmusik bei den Scharmützeln im badischen Raum anno 1848
Die Paulskirchenlüge
Ein Besuch am Gendarmenmarkt
 
5 Oberstleutnant Sanftleben und der Krieg
Grundsätzliches zur Belastungsgrenze der Bundeswehr
»Die Deutschen müssen töten lernen!«
Ein offenes Wort unter Männern
 
6 Clausewitz und das Innovative am Balkankrieg
 
7 Der Sozialdemokrat – eine aussterbende Spezies
Der Sozialstaat, die SPD und Dieter Hildebrandt
Rotarier und Lioner
Fachsimpeleien über Schwule
Beim Metzgerschorsch zum Rinderwahn
Ostdeutsches Wachstum
Die Oderflut und Roberto Blanco – eine Naturkatastrophe
Ein Händedruck und zwei Urkunden
 
8 Der »Scheibenwischer«
Zum Auftakt ein Spendenskandal
Die Union sucht wieder mal die Leitkultur
Tag der Deutschen Einheit
Berliner Bankskandal? – Nein, Regierungsskandal!
Die Lüge im Wahlkampf
Die nationale Benzin-Konferenz
Auf zum Kreuzzug!
Wir brauchen Visionen
Wenn Nationalfeiertag, dann der 9. November
Ein starker Abgang
 
9 Das Volk braucht nicht viel
Der Lauschangriff und das bürgerliche Lager
Plädoyer für Hartz IV
Das Volk braucht nicht viel – sagt Platon
Über Sportmoderatoren
»Big Brother« und die Verblödung des Publikums
Volksbildung – wozu?
 
10 2005 – Schicksalsjahr und Schicksalswahl
Tsunami
Köhler muss weg
Ich setze auf Sieg der Konservativen
Die Schicksalswahl – September 2005
Das kluge Wahlvolk – Jahresrückblick 2005
Der Karikaturenstreit
 
11 Auf ein »Neues aus der Anstalt«
Radikale Veränderung – ein Tagtraum
Nachruf auf Friedrich Merz
Herr Kurnaz und das Neue Testament
Die RAF und der präsidiale Gnadenakt
 
12 Man muss an die Gesundheit denken
Ein Arzt auf der Flucht
»Das oberste Handlungsprinzip im deutschen Gesundheitswesen ist der Betrug«
Im Wartezimmer
 
13 Das Alter naht
Die Alterspyramide
Ich und Drewermann
Heiminsasse oder freilaufend?
 
14 Von der Diskussion zur Agitation
Aktionstag im Supermarkt
Ein Fehlschlag
Die Stammtischrevolte
 
Das letzte Kapitel
 
Alfred Dorfer
Dieter Hildebrandt
Copyright

Für August, meinen Vater.

 
Ich danke Dieter und Isa,
Anton und Ute

1 Rechtfertigung
»Der Strom der Zeit läuft seinen Weg doch, wie er soll,
und wenn ich meine Hand hineinstecke, so tue ich das,
weil ich es für meine Pflicht halte, aber nicht,
weil ich meine, seine Richtung damit zu ändern.«
Bismarck
 
 
 
Ich könnte mit einer Anekdote beginnen, etwas Leichtem, Persönlichem, mit etwas, das sich »hinter den Kulissen« abgespielt hat, zwischen Kabarettisten, die der Leser kennt. Der Kabarettist X soll seinen Regisseur Y vor Jahren öffentlich geohrfeigt haben, weil Y der Frau von X in dessen Beisein geraten hat, besser den Mund zu halten, statt von Dingen zu reden, von denen sie nichts versteht.
Wunderbare Geschichte, ich lasse sie mir von Augenzeugen immer wieder gern erzählen, weil ich X und Y kenne. Y kann mit sanfter Stimme Frauen beleidigen wie kaum ein Zweiter in unserem Gewerbe. Ich habe ihn mehrfach um diese Gabe beneidet. Die Anekdote könnte enden mit dem Satz: »Wir kommen später noch auf meine eigenen Erfahrungen mit Y zu sprechen.«
Das wäre ein Anfang ganz nach dem Geschmack der Leser. Aber will ich das? Mein erstes und – dessen können Sie gewiss sein – einziges Buch damit beginnen, ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern? Quasi in vorauseilender Altersmilde?
Mein Erfolg beruht doch zum beträchtlichen Teil darauf, eben nicht zu plaudern. Weder aus dem Nähkästchen noch über die politische Misere im Land. Ich habe eine gewisse Fähigkeit darin erlangt, den Eindruck zu erwecken, dass ich die Erwartungen der Zuschauer nicht erfülle, ja sogar gegen die Erwartungen agiere. Diese Haltung wirkt bei mir echter, als der Versuch zu plaudern. Ich kann also mit einem solchen Anfang nur verlieren.
Lassen Sie mich deshalb mit etwas beginnen, wovon mir mehr oder weniger nachdrücklich abgeraten wurde: mit einer Rechtfertigung. Ich weiß, dass ich mich für dieses Buch nicht rechtfertigen muss, trotzdem spüre ich ein starkes Bedürfnis, es zu tun. Die Ursache ist etwas Jenseitiges.
Beim Blick nach vorn ist bereits schemenhaft der Endpunkt meines Lebensweges auszumachen. Die schon zurückgelegte Strecke ist sehr viel länger als der noch vor mir liegende Rest. In meiner Phantasie werde ich beim Übergang ins Totenreich vor eine Art Richter treten müssen. (Nachdem ich Cerberus, den Höllenhund, links liegen gelassen habe, der sinnigerweise Namensgeber eines hochaggressiven Hedgefonds ist.)
Das Gericht wird aufzählen, was alles zu meinen Lebzeiten an politischen Widerwärtigkeiten geschehen ist, und dann fragen: »Was hast du dagegen getan?« Die Frage ist mir aus dem Diesseits vertraut. Diese Art der Selbstbefragung gehört zu meinem Einschlaf-Ritual, das sich über Stunden hinziehen kann, und meine Antworten befriedigen mich nur selten.
Wenn mein Lebensende nicht völlig überstürzt kommt, werde ich bis dahin dieses Buch fertig haben und es fortan immer bei mir tragen, damit ich im entscheidenden Moment sagen kann: »Hier steht es. Ich habe Buch geführt. Ich habe dazu Folgendes gesagt …« Meine öffentlich vorgetragene kritische, meist sogar scharf ablehnende Haltung ist damit als Beweismittel zu meinen Gunsten dokumentiert.
Sollte es sich um einen gnädigen Richter handeln, könnte er darüber hinwegsehen, dass ich »gesagt« mit »getan« gleichgesetzt habe. Ich würde auf Grund dieser mildernden Umstände auf Bewährung in ein halbwegs erträgliches Jenseits aufgenommen, wo man Leute trifft, mit denen man wenigstens vernünftig diskutieren kann. (In meinen Tagträumen hoffe ich auf solche Übergangswohnheime.)
Es gab zwar durchaus hin und wieder auch aktives Aufbegehren von mir, aber insgesamt doch weitaus seltener als verbalen Protest. Und meine Einzelaktionen waren auch nicht übermäßig erfolgreich. Wir kommen später noch auf meine Erfahrungen zu sprechen.
Es gibt also neben dem materiellen Reiz und dem guten Gefühl, als Buchautor immerhin einmal aus dem leichten Schoß der flüchtigen Muse Kleinkunst in einen schwereren Schoß gewechselt zu haben, einen weiteren, subjektiv gewichtigen Anlass für das Buch, womit ich das Kapitel Rechtfertigung abschließen könnte. Zum besseren Verständnis möchte ich aber noch ein persönliches Wort hinzufügen.
Mein Selbstbewusstsein wurde in den letzten Jahren durch einige mehr oder weniger richtige eigene Entscheidungen und therapeutische Hilfe erheblich gestärkt. Ich kann es mir deshalb leisten, eine von mir sorgfältig gehütete Personalie offen zu legen: Georg Schramm gibt es nicht. Präziser formuliert gibt es den Menschen Georg Schramm nicht, den Reserveoffizier und Diplompsychologen, der nach zwölf Jahren Berufstätigkeit in einer neurologischen Klinik ein erfolgreicher politischer Kabarettist wurde. Ich habe all die Jahre Georg Schramm als Pseudonym benutzt, seine Vita ist erfunden. Er, der Offizier Sanftleben und der alte Sozialdemokrat August sind Spielfiguren, Abspaltungen meiner Person, die ich auf der Bühne zum Leben erwecke, um der Widersprüchlichkeiten in mir und um mich herum besser Herr zu werden.
Im realen Leben gibt es nur mich, Lothar Dombrowski, und als dieser habe ich das Buch geschrieben, das vor Ihnen liegt.

2 Standortsuche
Die Idee, mich eines Pseudonyms zu bedienen, entsprang keinem weitsichtigen strategischen Kalkül, sondern war die notwendige Konsequenz meines Scheiterns beim ersten Versuch, mir öffentlich Gehör zu verschaffen.
Es war die Zeit, in der die USA den Kalten Krieg zum Endsieg trieben und dabei Deutschland als nukleares Schlachtfeld einplanten. In Bonn kam es 1983 zu einer die Generationen übergreifenden Großdemonstration gegen die Stationierung nuklearer Gefechtsfeldwaffen. Damals kam ich in Kontakt mit einer Gruppe nonkonformistischer junger Menschen. Man lud mich ein, anlässlich einer alternativen Verlobungsfeier eine kleine Rede zu halten. Ich sagte zu und entschied mich für ein kleines Referat über die rechtliche Bedeutung des Verlobungskusses im Wandel der Zeit, dem ich mit dem Stilmittel der ironischer Brechung einen gewissen Witz geben wollte. (Bei der Konzeption konnte ich dabei auf das Büchlein Der Verlobungskuss und seine Folgen rechtsgeschichtlich besehen von Wolfgang Strätz zurückgreifen.)
Schon die Örtlichkeit der Feier hätte mich misstrauisch machen müssen. Ein kahler Mansardenraum ohne jedes Mobiliar inmitten einer ehemaligen Franzosenkaserne, deren Areal von Dutzenden vorwiegend studentischen Wohngemeinschaften besiedelt war.
Die Verlobungsgesellschaft bestand zu circa 75 Prozent aus mehr oder weniger jungen Frauen, die ihre Kleinkinder und Säuglinge mitgebracht hatten. Dem Bewegungs- und Artikulationsdrang der kleinen Rotznasen wurde mit größter Selbstverständlichkeit Vorrang eingeräumt. Der Begriff »Rotznase« ist hier keineswegs als Schimpfwort gedacht, sondern als Zustandsbeschreibung.
Mit etwas Souveränität hätte ich die Sinnlosigkeit meines kleinen Referates erkennen und rechtzeitig die Segel streichen müssen. Stattdessen versuchte ich wenigstens die Erwachsenen zur Räson zu bringen in der irrigen Hoffnung, sie würden sich für das störende Verhalten ihrer Brut verantwortlich fühlen und es unterbinden beziehungsweise mit ihr den Raum verlassen, wenn man sie schon nicht zum Schweigen bringen konnte.
Das Ergebnis meines Appells war nicht die von mir gewünschte Aufmerksamkeit, sondern eine ungeordnete Diskussion über Methoden der Kindererziehung, während der mit größter Selbstverständlichkeit die eine oder andere Brust entblößt wurde, um schon den leisesten Verdacht auf Hungergefühl im Keim der Muttermilch zu ersticken.
Der Disput uferte aus, wobei ich einräumen muss, dass ich bei der Wortwahl zunehmend die mir sonst eigene Zurückhaltung aufgab und laut wurde, um im anschwellenden Geschrei der Säuglinge überhaupt noch gehört zu werden.
Das Ganze endete damit, dass ich grußlos die Feier verließ, ohne auch nur die Hälfte meines sorgfältig ausgearbeiteten Vortrages an den Mann gebracht zu haben. Mein Abgang wurde von einer Mischung aus Empörung, Genugtuung und Gelächter begleitet. Von geordnetem Rückzug konnte keine Rede sein.
Nachdem ich mich von dieser Niederlage erholt hatte, ging ich daran, die Ursachen zu ergründen. Eine Form von Trauerarbeit, wie man im Psychologenjargon sagen würde, die unangenehm, aber notwendig war, um ähnliche Situationen künftig meiden zu können. Aus heutiger Sicht eine segensreiche Entscheidung. Es war nicht zu übersehen, dass meine Person eine Reizfigur darstellte für manche Zeitgenossen, und dass meine Toleranz gegenüber deren offenkundig geistlosen Äußerungen schnell erschöpft war. Für von vornherein auf Konfrontation ausgelegte Situationen mochte ich als Frontmann tauglich sein. Um mir aber bei Bevölkerungsgruppen Gehör zu verschaffen, die ich auf Grund tiefer gegenseitiger Abneigung argumentativ nicht erreichen konnte, bedurfte es der Hilfe einer anderen Person. Die Lösung war eine erfundene Spielfigur, ein Pseudonym (dem sich dann im Lauf der Zeit noch andere hinzugesellten).
So entstand der Psychologe Georg Schramm, deutlich jünger wirkend als ich, ein politisch ambitionierter Kabarettist von zeitgemäß eloquenter Einfühlsamkeit. Mit seiner Hilfe gelang es mir, in der so genannten Alternativszene und im Milieu der Grünen Fuß zu fassen und im Genre der Kleinkunst mit neuen Ausdrucksformen zu experimentieren.
Dabei erwies sich zum Beispiel der Einsatz von Lyrik rasch als untauglich. So ließ ich Georg Schramm auf dem Höhepunkt der Protestwelle nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 ein Gedicht vortragen, das die Betroffenheitshysterie persiflieren sollte. Das Gedicht entstand – wie damals üblich – im Kollektiv mit Hilde Schneider und Johannes Brand vom »Noie Para-Theater«, Konstanz, und wurde auch gemeinsam vorgetragen. Bei Veranstaltungen der Grünen und der Anti-AKW-Bewegung stieß das Gedicht auf breite Ablehnung.

Atomtod, Du

Früh kommst Du, kalter Freund

Kein Auge kann Dich sehen

Und es braucht Mut

Mit Angst sich Dir zu stellen

Atomtod Du, Atomtod Du.
 

Brennstab rein und Brennstab raus

Fertig ist der kleine Klaus

Der Krüppel spielt dann Blinde Kuh

Atomtod Du, Atomtod Du.
 

Wo überüll ist Tschernobyl?

Tschernobyl ist überüll!

Bleibt einzig Wyhl dann ein Idyll?

Da lachst Du nur dazu

Atomtod Du, Atomtod Du.
Selbst Biofood ist nicht mehr das

Vergiftet wie der ALDI-Fraß

Wird seiner Alm der Senn noch froh?

Atomtodilio, Atomtodilio.
 

Wer bist Du, dass Dich alle duzen?

Bei Fremden tut man Sie benutzen

Mit Dir vertraut sein werd ich nie

Atomtod Sie, Atomtod Sie.
 

Nach dem atomaren GAU von Tschernobyl stieg die Sensibilität der Bevölkerung für von Menschen verursachte Katastrophen sprunghaft an. Im indischen Bophal erblindeten Zehntausende nach der Explosion eines amerikanischen Chemiewerks. Aber auch die Sturmtiefs »Vivian« und »Wiebke« verwüsteten als Vorläufer von Orkan »Lothar« ganze Landstriche. Die grassierende Zukunftsangst war Thema einer von mir konzipierten TV-SHOW »Dein Platz an der Sonne«. Die Hitliste der zehn größten Ängste der Deutschen wurde vom Psychologen Schramm fachkundig, aber unterhaltsam vorgestellt. Einer der Höhepunkte war die Präsentation der »Angsthasen des Monats«. Die Bewerber hatten drei Minuten Zeit, ihre Ängste in Worte zu fassen, eine Phonmessung des Publikumsapplauses ermittelte den Gewinner. Ich bin überzeugt, dass dieses Showformat, wie man heute sagt, aktueller ist als je zuvor und mühelos neben Bohlens, Heidi Klums und Kerners Besten bestehen könnte.
Der beim Publikum beliebteste »Angsthase des Monats« war ein vom Katastrophenwahn befallener Intellektueller.

Das Ende der Hominidenplage

tschernobyl – da war doch was.

nur eine schneeflocke,

die der nuklearen eiszeit vorauseilte.

bophal – nie was von gesehen.

nur finsternis in 100 000 inderköpfen.

vivian und wiebke – nie gehört.

nur ein hauch des windes, der zu neuen ufern führt.

der nächste krieg – weiß nicht, wann.

nur vertagt, bis die hungrigen kinder des islam ihn

führen können gegen den ungeist der moderne.
 

die uhren der vierten dimension stehen bereits auf fünf nach zwölf. allein die endliche lichtgeschwindigkeit gewährt uns noch aufschub. aber wenn uns die zeit erreicht, werden wir nicht einmal als farbenspiel einer supernova die galaxis erfreuen.
denn die büchse der pandora steht schon überall und sie ist spaltbreit offen.
zurückbleiben werden müllhalden, abschussrampen und kernkraftwerke
- als kathedralen des hasses und der sachzwänge einer untergegangenen epoche
- als letzte metastasen des fortschritts-krebses
- als wegweiser für den zug der sechs milliarden aufrechten lemminge zu den klippen.
unser gleichzeitiges ersaufen würde den meeresspiegel noch nicht einmal um einen tausendstel millimeter anheben.
vor 50 jahren töteten kz-ärzte im namen der wissenschaft unzählige frauen beim üben einer neuen methode der schnell-sterilisation. sie landeten nicht auf dem elektrischen stuhl, sie landeten auf dem lehrstuhl westdeutscher universitäten, und die von ihnen entnommenen organe sind noch heute im handel.
heute lassen sie abtreibung verbieten als menschenverachtung, züchten gleichzeitig hirnlose embryonen als lebende ersatzteillager und testen synthetische cholera als b-waffe in den krankenhäusern von armenvierteln. das sind die bausteine eures fortschritts.
aber es gibt einen trost:
dieser seuche kann eine ära aufblühenden erdenlebens folgen, in der kellerasseln und tausendfüßler als hyperintelligente gattungen herrschen werden
- über myraden von einzellern,
- umgeben von endlosen algen- und flechtenwäldern,
- in palästen aus witterungsbeständigen plastiktüten,
- und endlich ungestört durch die irrtümlich homo sapiens genannte art.
und im olymp der entwicklungsgeschichte werden krebs und hiv höchstes ansehen genießen als helden im abwehrkampf gegen die hominidenplage für eine befreite natur.
und sollte jemals in den annalen des universums unser kurzes gastspiel erwähnt werden, dann bleiben von uns vielleicht fünf zeilen übrig:
mensch, eine art, die sich selbst die denkende nannte. entwickelte ein hoch differenziertes zentralnervensystem, ohne die daraus resultierenden fähigkeiten arterhaltend nutzen zu können, und verschwand durch selbstzerstörung ihrer gen-struktur zugunsten anpassungsfähiger kleinstlebewesen.
 

Zu Beginn betrat ich als Georg Schramm die Bühne nur gelegentlich. Ich experimentierte mit ihm als Moderator bei bürgerlichen Festveranstaltungen, aber auch als Stimmungskanone bei den Ostermarschierern, die damals starken Zulauf hatten und der katholischen Kirche ein Dorn im österlichen Auge waren. Die Amtskirche führte zu dieser Zeit einen fanatischen Abwehrkampf, um die Aufhebung des Abtreibungsverbots zu verhindern, wobei sie von allen guten und heiligen Geistern verlassen blindlings um sich schlug. Georg Schramm sorgte zu Ostern 1988 bei den Ostermarschierern als katholischer Hassprediger für Stimmung. Die kursiv gesetzte Passage besteht aus den damals üblichen Tiraden katholischer Bischöfe.

Predigt zum Ostermarsch

Lasst mich nun, liebe Brüder und Schwestern, ein Wort sagen zum Frieden in der Welt. Der eine oder andere von euch hat schon einmal davon gesprochen, die katholische Kirche möge positiv Stellung beziehen für die so genannte Friedensbewegung. Als Seelsorger warne ich vor dem leichtfertigen Gebrauch dieser Worte und vor der Oberflächlichkeit derer, die jetzt wieder zu Ostern auf den Straßen bunt bemalte Kinder und Plakate herumtragen und ständig das Wort »Frieden« im Munde führen.
Ich sage euch:
Noch nie ist die katholische Kirche für irgendetwas auf die Straße gegangen.
Nicht in den schwersten Stunden der deutschen Geschichte und auch nicht heute. Noch stets haben wir uns ins Gebet vertieft und Gottes Ratschluss gesucht und haben so die Jahrhunderte gut überstanden.
Um die Festigkeit unseres katholischen Friedenswillens zu bekräftigen, werden wir uns von nun an vierteljährlich zum Friedensgebet in Münster treffen, wenn die Sirenen den ABC-Alarm verkünden. Das bischöfliche Bauamt hat einen Umbau genehmigt, und wir haben das Seitenschiff unseres Gotteshauses mit einem Bunker versehen; auch ein kleiner Kreißsaal ist dabei. Dort wollen wir dann eine Krypta-Vesper einnehmen. Bringt dazu alle aus dem Katastrophenschutzsortiment Gesangbuch, Kerzen, Wolldecke und ein Päcklein Studentenfutter mit, das wir dann stimmungsvoll miteinander knabbern wollen.
Was aber könnt ihr denen unter euch sagen, die nicht zu unserem Friedensgebet kommen und weiter die Straßen mit Menschenschlangen blockieren? Was für ein schreckliches Wort: »Menschenschlangen«.
Fragt sie doch einfach einmal, was das denn ist: Frieden. Frieden, was heißt das denn? Der wirkliche Frieden, wie wir ihn verstehen, ist im Grunde zwiefach bedroht. Vom Antichrist im Osten und vom Antichrist in uns.
Jener verbirgt sein kriegerisches Antlitz vor uns und ist noch immer unbesiegt. Und der Antichrist in uns, ist der besiegt?, müssen wir uns fragen. Die Antwort lautet: nein! Dreister denn je zuvor triumphiert er in vielen Herzen und rüttelt an den Grundfesten unserer Nächstenliebe!
Gerade unter denen, die sich selbst zu den neuen Aposteln des Friedens ernennen, finden wir die tausendfa chen Mörder ungeborenen Lebens! Krieg im Mutterleib! Tod der wehrlosen Leibesfrucht zum Zweck ungestörter Fleischeslust!
Nein, nein und nochmals nein!
Wer den Ausschabungslöffel im Kleide birgt, wage es nicht, die Worte »Liebe« und »Frieden« in den Mund zu nehmen.
Steht nun auf und empfangt den Schlusssegen:
Hütet euch vor der Straße und all ihren Versuchungen.
Schließt die Augen vor allem, was euch bedroht.
Geht eures Weges in Demut und werdet nicht schwach im Angesicht der Zukunft, die noch im Dunkeln liegt, aber eines Tages in gleißendem Licht aufgehen wird, heller als 1000 Sonnen!
Die Osterkollekte ist wie alle Jahre bestimmt für die von Hunger und Krieg Bedrohten in der Dritten und Vierten Welt.
 

Zur Einweihung der Konstanzer Kinderklinik 1988 wurde im Steigenberger Insel-Hotel – »unserem ersten Hotel am Platz«, wie das Bürgertum so etwas voller Stolz nennt – eine große Wohltätigkeitsgala zelebriert. Vom Erlös, der Eintritt kostete immerhin 150 Mark pro Person, sollte eine »kindgerechte Ausstattung« der Krankenzimmer und Flure des Neubaus ermöglicht werden.
Initiatoren waren Eltern, die dem rührigen Kinderarzt Professor Dr. Schwenk, dem zukünftigen Klinikleiter, Gesundheit und Leben ihrer Kinder verdankten. So betrachtet ein gelungenes Beispiel für lebendigen Bürgersinn.
Merkwürdig war, dass der Baubürgermeister der Stadt, Dr. Hansen von der CDU, die Schirmherrschaft übernehmen sollte. Der Mann, der dafür verantwortlich war, dass bei einem Bauvolumen von fast zehn Millionen ausgerechnet bei der kindgerechten Ausstattung der Kinderklinik 30 000 Mark fehlten!
Einer der Initiatoren vereinbarte mit mir, den Psychologen Schramm als offiziellen Festredner der Gala das vom ortsansässigen Pharmakonzern Byk Gulden gestiftete opulente Buffet eröffnen zu lassen. Es gelang, die selbstzufriedene Feststimmung der Gala so nachhaltig zu stören, dass sich die Gäste dem von mir eröffneten Buffet verweigerten. Ein Conférencier versuchte dann, die Gemüter zu beschwichtigen, und bat, meine Rede als Scherz zu betrachten und bitte mit dem Essenfassen zu beginnen. Für mich ein gelungener Abend.

Bürgerliche Wohltätigkeit

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Liebe Wohltäterinnen und Wohltäter!
Wir erleben in vielfacher Hinsicht einen bemerkenswerten Abend. Ein exquisites Buffet, schöne Frauen und große Weine einer alten Kulturlandschaft, zusammengeführt in einer festlichen Ballatmosphäre, die wir nicht zuletzt der sorgfältigen Auswahl der Gäste verdanken: Wo gibt es das heute noch? Und: Wem verdanken wir dieses kulturelle Kleinod?
Es lohnt sich, dieser Frage kurz nachzugehen. Auf den ersten Blick ist es ein scheinbarer Missstand, der diesen glanzvollen Abend hervorbringt. Beim millionenteuren Bau der neuen Kinderklinik fehlen am Ende ein paar zehntausend Mark für die kindgerechte Ausstattung. Professor Schwenk, der Klinikleiter, hat uns ja den unmittelbaren Anlass dargestellt.
Aber lassen Sie uns noch für einen Moment der Frage folgen, weshalb derartige Ereignisse wie der heutige Wohltätigkeitsball so selten geworden sind.
Es hat ja zu allen Zeiten die großen Bälle der Burschenschaften, der Logen, Rotarier und Lions Clubs gegeben, die wesentlich der Unterstützung und Förderung des männlichen akademischen Nachwuchses dienten. Auch die Stahlindustrie hat zu Beginn des Jahrhunderts, in den schweren Zeiten der Weimarer Republik und in der Krisenzeit der siebziger Jahre den notleidenden und bedrängten Parteien Unterstützung zukommen lassen.
Gänzlich unvergessen aber die Hilfe im Kleinen: Die unzähligen Feste und Basare rühriger Bürgersfrauen, die sich die Finger wund strickten für die wärmende Winterkleidung der einfachen Soldaten, die zum Wohle des aufsteigenden Bürgertums ins Feld zogen.
Natürlich brauchen wir heute keine Pulswärmer mehr für die Infanterie zu stricken. Und ein Ball wie dieser mit einer Spendensumme von 20 bis 30 000 Mark könnte gerade mal den Sitzgurt vom Schleudersitz des neuen Abfangjägers der Luftwaffe finanzieren.
Fraglich ist auch, ob die von uns so beschenkten Kampfflieger die Spende auch mit einem dankbaren Leuchten ihrer dunklen Kinderaugen und einer kleinen Flugvorführung mit dem neuen Spielzeug vergelten würden.
In diesem Bereich ist also aus gutem Grund die Gemeinschaft aller Steuerzahler notwendig, und – dies sei anerkennend hinzugefügt – sie wird in diesem Bereich ihrer Aufgabe auch gerecht.
Aber wenn man oben den wehrhaften Arm des Volkskörpers mit der finanziellen Decke wärmt, werden unten die Füße kalt. Die Decke fehlt an der Basis des Gemeinwesens.
Auch hier gibt es jedoch Grenzen des für die Spendenbereitschaft so wichtigen guten Geschmacks. Stellen Sie sich vor, die oben genannte Summe fehlt im benachbarten Etat: Beim Dienstwagen des Landrats reicht es nicht für die S-Klasse. Der Landrat wäre gezwungen, einen nur mit dem unbedingt Erforderlichen ausgestatteten VW oder Opel fahren zu lassen mit allen schädlichen Konsequenzen für seine psychische Entwicklung. Ein Wohltätigkeitsball mit Tanzeinlage der Schreibkräfte und Tombola des Personalrats wäre kaum denkbar, das Spendenaufkommen eher gering.
Der adäquate Platz von Wohltätigkeitsveranstaltungen ist deshalb ohne Zweifel der soziale Bereich. Nur hier ist eine finanzielle Lücke sinnvoll und trifft auch auf das schlummernde Bedürfnis potenzieller Spender.
Und noch ein anderer, sehr wichtiger Aspekt soll hier erwähnt sein: Wir dürfen nicht nur einseitig den Nutzen der Spende für den Beschenkten sehen, sondern auch den Output für den Spender.
Professor Schwenk hat in seinem Einladungsschreiben zu Recht auf das in den USA sehr viel weiter verbreitete und bewährte System privater Spenden und »Welfare«-Veranstaltungen hingewiesen, die heute ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens höherer Schichten in den USA geworden ist.
Wie groß der allseitige Nutzen daraus ist, belegt vielleicht am besten die Äußerung eines berühmten New Yorker Psychoanalytikers: »Viele Manager und beruflich Selbstständige können ohne ihr soziales und finanzielles Engagement in Welfare-Organisationen die Kälte des Berufslebens nicht mehr ertragen. … Das soziale Elend ist geradezu notwendig, um dort durch Wohltätigkeit Schuldgefühle abzubauen und der Freizeitdepression und Drogen- und Therapieabhängigkeit Besserverdienender vorzubeugen.«
Eine eindrucksvolle Symbiose.
In unserem Land ist es in der Wiederaufbauphase nach dem Krieg zur Errichtung eines so umfassenden öffentlichen Sozialnetzes gekommen, dass ein Verfall des Wohltätigkeitsstrebens in bürgerlichen Kreisen die Folge war. Und der kleine Mann auf der Straße gewöhnte sich daran, soziale Leistungen als ein forderbares Bürgerrecht anzusehen.
Erst jetzt dringt wieder ins Bewusstsein aller – und unser Abend leistet in diesem Sinne einen wichtigen Dienst -, dass bestimmte soziale Leistungen eine Gabe sind, die erst dann gewährt werden kann, wenn bestimmte Spielregeln wie steuerliche Entlastung Besserverdienender und Verzicht auf ihre Diffamierung eingehalten werden.
Dieses neue gesellschaftliche Verständnis wird auch uns hier Versammelte mit dem Obulus von 150 Mark Eintritt aus der Anonymität namenloser Steuerzahler herausführen und uns zu in der Lokalpresse gefeierten Wohltätern unserer Gesellschaft machen.
Und wir können dadurch nicht nur unsere gesellschaftliche und politische Position festigen, sondern steigern auch unser persönliches Selbstwertgefühl.
Zusammenfassend sollten wir in diesem gelungenen Abend eine Gelegenheit sehen, den Wirkmechanismus eines modernen Staates zu demonstrieren: das Nehmen und Geben der bürgerlichen Führungsschichten.
Oder wie der von uns allen so verehrte Kurt Tucholsky sagte: Wir nehmen die Mark, aber wir geben den Pfennig.
So löst sich der scheinbare Widerspruch, liebe Festgäste.
Und wenn sich Ihnen nun das Buffet öffnet, denken Sie daran: Mousse au Chocolat ist etwas Feines, aber was Sie heute Abend erhalten, ist mehr, ist Humanismousse au chocolat, Wohltat mit Geschmack.
Guten Appetit.
 

Zu einer unbeabsichtigten Störung des Betriebsfriedens kam es bei der Preisverleihung des deutschen Kleinkunst-Preises 1991 im Mainzer »unterhaus«. Ich ließ Georg Schramm einen Fernsehunterhaltungsredakteur parodieren, der sich über den Niedergang des politischen Kabaretts, seine überalterten Protagonisten und das gleichaltrige Publikum lustig machte. Während bei der öffentlichen Generalprobe mit einem für Kabarettverhältnisse jungen Publikum von Selbstzahlern noch alles glatt ablief, fühlte am Abend bei der Fernsehaufzeichnung das aus geladenen Ehrengästen bestehende Seniorenpublikum sich und ihr Idol Hanns Dieter Hüsch persönlich angegriffen und reagierte mit heftiger Ablehnung bis hin zu Verbalinjurien gegen meine Person beim anschließenden kalten Buffet. Meine Interpretation eines oberflächlichen »Zeitgeist«-Redakteurs wurde danach in der Presse als zu wenig überzeichnet kritisiert, man habe Georg Schramm mit einem echten Redakteur verwechseln können!
Dieses Missgeschick wiederholte sich ein Jahr später bei der Verleihung des Kabarettpreises »Salzburger Stier«. Mein »Redakteur« hielt die Laudatio auf den Preisträger Georg Schramm, also auf sich selbst, in Form einer kritischen Abrechnung mit dem politischen Kabarett. Erneut wurde ich mit einem echten Redakteur verwechselt, diesmal von einem österreichischen Kabarettisten, der als Preisträger des Vorjahres Ehrengast war. Er unterbrach meine Laudatio und kam auf die Bühne, um mit dem Publikum über das aus seiner Sicht skandalöse Verhalten eines Unterhaltungsredakteurs zu diskutieren.
Ein wohlmeinender Beobachter der Kabarettszene riet mir danach, bei solchen Parodieversuchen sicherheitshalber eine rote Nase aufzusetzen, um das Kabarettpublikum nicht zu überfordern.
Seit dieser Zeit interpretiere ich Unterhaltungsredakteure nur noch als Clown mit roter Nase.

Rede zur Verleihung eines Kleinkunst-Preises

Meine sehr verehrten Damen und Herren Ehrengäste, liebe Zuschauer!
Bevor wir zur Verleihung des Kleinkunst-Preises 1991 in der Sparte Kabarett kommen, möchte ich mit Ihnen einen Blick voraus ins 3. Jahrtausend werfen. Feiern wie diese sind immer auch Momentaufnahmen des Zeitgeistes, der Reflexion, der Standortbestimmung. Die 25-Jahr-Feiern der traditionsreichen deutschen Kabarettbühnen und -ensembles sind längst absolviert, und ihre Protagonisten nähern sich dem Rentenalter oder überschreiten es ungehindert.
Die Kabarett-Veteranen beklagen Verflachung und Entpolitisierung der Satire und reagieren auf das Wort »comedy« ähnlich wie unsere Eltern auf das Wort »Hippie«.
Der Satz »Satire darf alles!« war eine Kampfansage zu Zeiten, da noch vieles verboten war. Wenn Sie heute mit tucholsky-schwangerem Unterton zu jungen Leuten sagen: »Satire darf alles!«, dann sagen die: »Ja und? – Wir auch!«
Also: Ziel erreicht, verdienter Ruhestand?
In der klassischen Definition des deutschen Kabarettarchivs heißt es tapfer: »Kabarett besitzt keinen Erlebnis-, sondern Erkenntnischarakter.« Aber der moralische Zeigefinger ist tot, wir leben im Zeitalter des Infotainments. Die Comedy boomt, während manche Jury schon verzweifelt nach gehfähigen Kabarettisten sucht, die ihren Preis noch nicht haben.
Man kann den hier in der ersten Reihe versammelten ZDF-Oberen nur gratulieren und neidlos konstatieren: Das ZDF hat die Zeichen der Zeit erkannt. Die vor zwölf Jahren verordnete Denk- und Sendepause für Kabarett und Satire soll demnächst abgerundet werden mit einer Serie »Die Geschichte des Kabaretts«, Sendezeit um Mitternacht, und danach ist einfach Schluss.
Respekt. Das ist die konsequente Umsetzung der Handlungsmaxime: »Bewährtes wiederholen und erhalten, nicht mehr Zeitgemäßes abschließen.«
Sigmund Freuds düsteres Unbehagen an der bürgerlichen Kultur muss durch ein helles Behagen an der Kultur der Postmoderne abgelöst werden.
Wie sagte schon Lothar Späth zur Eröffnung der »Caterina-Valente-Entertainment-Highschool« in Mannheim: »High Tech braucht High Culture!« Wir brauchen einen integrativen Kulturansatz: nicht kommerzielle Kunst, sondern künstlerischer Kommerz. Konsumgut als Kulturgut begreifen, die Ladenpassage von heute ist das Kulturzentrum von morgen.
Von Alessi, dem König des Küchen-Ambiente, stammt der Satz: »Design-Produktion ist anthropologische Kulturarbeit.«
Design bedeutet Freiheit durchs Objekt, bedeutet die Übertragung der Produktphilosophie auf den Käufer.
Wir gehen ja auch nicht mehr einfach Bier trinken, sondern wir gehen zur Erlebnisbrauerei. Die Bistrokultur mit der kleinen, schnellen Mahlzeit zwischen zwei Einkäufen hat die schwere deutsche Mehlsoße am heimischen Tisch abgelöst. Und dazu ein Kurz-Event in der UV-geschützten Ladengalerie, Wortartistik in der Länge eines Glases Champagner im Stehen, statt sich zwei Stunden auf harten Klappstühlen das schlechte Gewissen abzusitzen – das ist Lebensqualität 2000 für junge, dynamische Menschen.
Kleinkunst durchdringt den Alltag.
Alltag wird zur kleinen Kunst.
Wo Sie sind, da ist Auftritt und Bühne.
Ihr Outfit ist Ausdruck Ihrer Lebenskunst.
Wenn wir unter diesem Aspekt die hier im »unterhaus« versammelten Ehrengäste betrachten, dann sieht es düster aus.
Fazit: Vom traditionellen Kabarettbesucher ist wenig progressive Kulturdynamik zu erwarten, vom hoch subventionierten Theaterabonnenten schon gar nicht. Es klafft also eine Angebotslücke im Bereich des professionellen und Lifestyle-kompatiblen Entertainments für junge, kaufkraftstarke Zielgruppen.
Und bei allem Respekt kann der Conférencier des heutigen Abends diese Lücke auch nicht schließen. Der hochverehrte Herr Hüsch macht ja schon fast trotzig all das, wofür ein Anfänger der »Caterina-Valente-Highschool« schon bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen wäre. Ein farbloses Outfit ohne einen einzigen Kostümwechsel, sparsamste Bewegungsabläufe und ein vielfach verschachtelter Satzbau. Es soll Abende geben, da setzt er sich mit 130 Seiten und zwei Akkorden an die Orgel und sagt: »Da müssen Sie jetzt durch!«
Manche sehen in Hüsch eine Art Karl Dall für Altphilologen, andere halten ihn für den Vorlese-Opa der im Reihenhaus ansässig gewordenen Protestgeneration.
Ein Mann, der Erbsensuppe kochen für eine Kunst hält und Bananen »indisch« für Teufelswerk, der passt nur noch in eine Kellergruft wie das »unterhaus«, wo die Speisekarte aus Würstchen und Schmalzbrot besteht. Aber Sie hier lieben ihn, lieben dieses Ambiente, lieben die Sozialromantik eines Schmalzbrots, und spätestens, wenn Sie das Durchschnittsalter hier im Saal schätzen, werden Sie erkennen: Hanns Dieter Hüsch ist einer von uns.
Steigen Sie also ein in den Nostalgiezug mit der kabarettistischen Dampflok Hüsch, die schon fuhr, als man noch Zeit hatte, am Rhein die Schiffe zu zählen.
Und wenn jetzt unserem Altmeister jemand auf die Bühne hilft, dann kann ich nur noch sagen: Zurücktreten, der Zug fährt ab.
 

Ich selbst, die »Reizfigur« Dombrowski, betrat die Bühne zunächst auch eher zögernd. Mein misslungener Vortrag über den Verlobungskuss war mir eine Warnung. Zukünftige Auftritte bedurften der Umstrukturierung. Der zwischen mir und den alternativen Müttern zutage getretene Erziehungs- und Generationenkonflikt musste direkt thematisiert werden, dessen war ich mir sicher. Ich stellte die Thematik in den Mittelpunkt und wählte Veranstaltungsorte, an denen ich vor Säuglingen und stillenden Müttern sicher war. Um eine von mir gewünschte Streitkultur zu begünstigen, verzichtete ich auf die Benutzung der Bühne und trat im erleuchteten Zuschauerraum direkt vor das Auditorium, was an gelungenen Abenden eine von mir als produktiv empfundene Unruhe und herzerfrischende Streitereien zur Folge hatte.

Der ungeladene Hochzeitsgast

Gespräch mit einem jungen Paar im Zuschauerraum
 

Entschuldigen Sie, wenn ich hier so reinplatze. Guten Abend. Ich suche das Brautpaar. Ach, da seid ihr ja. Ich nehme an, Sie sind die Braut. Das muss man heutzutage ja fragen. Früher war es möglich, dass sich die Braut auch schon mal vor der Hochzeit vorgestellt hat. Aber heute ist das alles anders.
Dann stelle ich mich eben vor. Mein Name ist Dombrowski, Lothar Dombrowski. Ich bin der Patenonkel vom Bräutigam. Sein Vater ist ja im Krieg draußen geblieben, wie man sagt. Er war quasi Halbwaise, ich habe mich etwas um die Mutter gekümmert, und er kam ja dann auch bald.