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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Der Dreißigjährige Krieg rast in einer Spur der Verwüstung
über Europa, von der auch das Eisvolk nicht verschont
bleibt. Während die Männer ihr Volk verteidigen müssen,
plagen die junge Cecilie von Meiden, Tengels Enkeltochter,
ganz andere Sorgen: Sie ist schwanger – von einem
verheirateten Mann, der obendrein noch Pastor ist.
Auch Cecilies guter Freund Alexander von Paladin ist in
großer Not. Gerüchte verfolgen ihn und bringen sein
Leben in Gefahr: Er soll eine unverzeihliche Sünde begangen
haben, die mit dem Tod bestraft wird...

Autorin
Margit Sandemo ist die meistgelesene skandinavische
Autorin. Ihre Bücher wurden weltweit mehr als 40 Millionen
Mal verkauft. Neben der Saga vom Eisvolk hat sie noch
weitere Romanserien geschrieben sowie diverse
Einzelromane. Margit Sandemo wurde 1924 geboren und lebt in
Norwegen.
 
Von Margit Sandemo bereits erschienen:
 
Der Zauberbund (Bd. 1; 36745)
Hexenjagd (Bd. 2; 36755)
Der Abgrund (Bd. 3; 36761)
Sehnsucht (Bd. 4; 36803)
 
Weitere Romane aus der fesselnden »Saga vom Eisvolk«
sind bei Blanvalet bereits in Vorbereitung!

In einer längst vergangenen Zeit, vor vielen hundert Jahren, wanderte Tengel der Böse hinaus in die Einöde, um seine Seele dem Teufel zu verkaufen.
Er wurde der Stammvater des Eisvolks.
Tengel wurden große irdische Reichtümer versprochen, um den Preis, dass mindestens ein Kind aus jeder Generation des Eisvolks in die Dienste Satans treten und böse Taten verüben sollte. Das Erkennungszeichen dieser Nachkommen sollten katzengelbe Augen sein, und sie sollten Zauberkräfte besitzen. Und eines Tages würde dem Eisvolk ein Kind mit größeren übernatürlichen Fähigkeiten geboren werden, als die Welt sie jemals gesehen hätte. Dieser Fluch sollte auf der Sippe liegen bis zu dem Tag, an dem der vergrabene Kessel mit dem Hexensud gefunden würde, mit dem Tengel der Böse den Fürsten der Finsternis heraufbeschworen hatte.
So berichtet es die Sage.
Ob sie wahr ist, weiß niemand.
Aber eines Tages im 16. Jahrhundert wurde dem Eisvolk einer dieser Verfluchten geboren. Er versuchte jedoch, das Böse zum Guten zu wenden, und wurde deshalb Tengel der Gute genannt.
Von seiner Familie berichtet diese Saga, vor allem von den Frauen seiner Familie.

1. Kapitel
Winter 1625 …
Cecilie von Meiden stand am Bug und sah zu, wie das Schiff auf Kopenhagens Reede zuglitt. Das Wetter war schlecht gewesen, und das Schiff lief stark verspätet ein. Die Dunkelheit des Februars hatte sich über Stadt und Meer gelegt, und raue Winterkälte zwang Cecilie, hin und wieder ihren Fingern Leben einzuhauchen, obwohl die in warmen Handschuhen steckten. Da sie nicht die teerschwarze Reling des Schiffes anfassen wollte, musste sie in den Krängungen im breitbeinigen Seemannsgang festen Tritt finden. Doch es war angenehm zu spüren, wie der Seewind ihr ins Gesicht blies. Sie hatte das Gefühl, als gehöre ihr die Welt, wenn sie so ganz weit vorn auf dem dahingleitenden Schiff stand.
Mit Unbehagen dachte sie an die letzte Zeit zurück. Was war ihr da nicht alles widerfahren? Aber es war doch nicht alles ihre Schuld gewesen?
Ich bringe es nicht über mich, Alexander von Paladin nochmals zu begegnen, dachte sie bestimmt schon zum hundertsten Mal. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen, ohne ihm zu verstehen zu geben, dass ich sein heimliches Laster kenne.
Nie hatte sie auch nur geahnt, dass dieses Wissen so schmerzlich sein würde. Cecilie hatte es sich niemals richtig eingestanden, was Alexander wirklich für sie bedeutete.
Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung... Verängstigt, verunsichert und traurig über die Botschaft von zu Hause über die Verheerungen der Pest, hatte sie nach ihrer Ankunft bei Hofe hier unten in Dänemark gesessen. Damals war Alexander von Paladin aus Versehen in ihr Zimmer getreten, und bei dieser kurzen Begegnung war es ihm gelungen, ihr neuen Lebensmut zu geben. Sie hatte ihn damals gerngehabt. Und er hatte ihr weiterhin Unterstützung zukommen lassen, in einer komplizierten Welt aus Ränken und Missgunst. Seine Gegenwart hatte sie stets mit Freude erfüllt.
Er war einer der Kavaliere des Königs, ein ungewöhnlich stattlicher Mann mit Stärke und Autorität. Das dunkle Haar, die edel männlichen Gesichtszüge und das wehmütige Lächeln... Ach, das Lächeln, das sie später auf so groteske Weise zu Fall gebracht hatte!
Alexander von Paladin war immer verschwiegen, zurückhaltend. Er hatte zu erkennen gegeben, dass er sie mochte – mehr nicht.
Ein Mann, auf den man sich verlassen konnte – ein echter Freund, der sich um sie sorgte. Warum sollte es dann so wehtun, sein Geheimnis zu kennen? Sollte nicht sie, eine Tochter des Eisvolkes und der genauso großzügigen von Meidens, genug Toleranz und Verständnis besitzen? Warum war sie so verstört? Es war der junge Tarjei, ihr Vetter mit den großen Begabungen und der ungewöhnlich guten Menschenkenntnis, der ihr den tödlichen Schlag versetzt, die Lösung zu Alexanders Rätsel geliefert hatte, als sie in Norwegen auf Besuch gewesen war.
Wie hatte sie reagiert? Schockiert und traurig war sie selbstverständlich gewesen, und das war auch nur natürlich. War es jedoch notwendig gewesen, sich dem jungen Pastor Martin in die Arme zu werfen, nur weil er das gleiche melancholische Lächeln hatte wie Alexander? Weil sie sich in so vielen Dingen ähnlich waren?
Nie im Leben hatte Cecilie etwas so inständig bereut wie diese flüchtige, stürmische Begegnung mit Martin. Wie erbärmlich war es doch gewesen! Zwei Menschen, gleich bitter einsam und enttäuscht, so voller Verlangen nach Liebe oder – um es brutaler auszudrücken – nach Paarung. Und nun war sie entehrt. Wenn sie je heiraten wollte, dann musste sie vor ihren zukünftigen Mann hintreten und gestehen, dass sie keine Jungfrau mehr war. Wie würde er da reagieren? Ihr den Rücken zukehren?
Das Schiff legte an.
Niemand stand am Kai, um sie abzuholen, obwohl bei Hofe ihre Ankunft bekannt war. Auch wenn das Schiff enorme Verspätung hatte, so konnte man doch vom Schloss aus problemlos erkennen, wann es einlief.
Nun musste sie sich allein zum Schloss begeben – vorüber an nicht erleuchteten Straßen, wo sich im Schutz der Dunkelheit allerlei Gesindel herumtrieb. Auch auf dem Schiff entdeckte sie niemanden, der sie hätte begleiten können.
Cecilie umklammerte fest ihre Reisetruhe, holte tief Luft, wie um sich selbst Mut zu machen, und ging an Land.
Mit Wehmut verließ sie das Gewimmel auf dem erleuchteten Kai und gelangte in menschenleere Straßen, in denen aller Handel für den Tag beendet war. Auf einmal hatte Cecilie von Meiden Angst. Sol vom Eisvolk, mit der sie so viel Ähnlichkeit hatte, hätte das als Herausforderung aufgefasst. Sol hatte Dunkelheit und Radau geliebt. Ihr wären die Wegelagerer sicher willkommen gewesen, allein um ihre wundersame Macht über sie auszuüben. Aber Cecilie besaß nicht die Macht des Eisvolkes, obwohl sie doch dazugehörte. Sie konnte sich auf nichts weiter verlassen als allein auf ihre jämmerlich kleine Gestalt.
Dennoch wusste sie, wie sich eine Dame zu benehmen hatte. Bei Hofe war sie mit jeder Faser ihres Körpers stets ganz Dame. Nur zu Hause bei ihrer liebenswürdigen, warmherzigen Familie konnte es geschehen, dass sie sich etwas gehen ließ.
Aber dass sie sich dem Pastor in die Arme werfen konnte... Cecilie senkte den Kopf – wie eine beschämte Schülerin vor ihrem Lehrer, oder wie ein Hund, der sich mit eingeklemmtem Schwanz verkriecht. Sie schämte sich abgrundtief über ihr Betragen unten im Schuppen beim Kirchhof!
Der einzige Trost war, dass es Herr Martinus war, der die Initiative ergriffen hatte. Hätte er sie nicht berührt, verführerische Worte von Einsamkeit und Sehnsucht geflüstert, dann wäre es niemals geschehen.
Aber das war ein schwacher Trost. Sie war willig, ach, so willig gewesen!
Cecilie kam das erste Stück Weges am Hafen glimpflich davon. Lediglich ein paar Freudenmädchen riefen ihr gehässig zu, sich aus ihrem Revier fernzuhalten.
Die Scherereien begannen erst an der letzten Straßenecke vor dem Kopenhagener Schloss.
Die Straße, die sie vor dem Schloss überqueren musste, schien von einem lautstarken Haufen lichtscheuer Gestalten bevölkert zu sein. Vagabunden, Trunkenbolde, Straßenmädchen und Verbrecher hatten mitten auf der Straße ein Feuer aus Stroh entfacht, an dem sie sich wärmten und über die Ungerechtigkeit des Lebens fluchten.
Cecilie zögerte, aber sie musste an ihnen vorbei. Das Herz schlug ihr bis in den Hals, als sie versuchte, sich so unsichtbar wie möglich zu machen und in raschem Tempo vorüberzueilen. Weit vor sich erahnte sie den offenen Platz vor dem Schloss. Dort leuchteten andere Feuer, dort befanden sich Pferde und Reiter, Leben und Treiben ganz anderer Art.
Nun war es aber nicht ganz so weit zu diesem offenen Platz, wie Cecilie angenommen hatte. Gerade in dem Augenblick jedoch, als sie vor Erleichterung hätte aufatmen können, hörte sie eine einschmeichelnde Stimme hinter sich und erstarrte.
»Nein, guck doch mal einer an!«, sagte die Stimme, und Cecilie merkte, wie jemand nach ihrem Umhang griff. Sie fuhr herum, sah einen zahnlos grinsenden Mund in einem frechen Männergesicht und erkannte, dass es keinen Zweck hatte, hier die vornehme, selbstsichere Adelige zu spielen. Hier hieß es: »Besser gut geflohen, als schlecht gefochten«. So riss sie sich denn los und lief davon.
 
Zwei Männer folgten ihr.
»Die Tugend dürfen Euer Gnaden behalten, wenn wir nur diesen Kasten kriegen«, sagte der eine und griff nach Cecilies Reisetruhe.
Cecilie reagierte mit den schlechteren Seiten des Eisvolkes. Sie sagte zwar nicht, dass sie bei ihrer Tugend zu spät kämen, aber sie schleuderte den Kasten mit aller Kraft auf den Mann. Da der Kasten aus Holz war, versetzte sie ihm einen kräftigen Schlag, so dass er nach hinten taumelte.
Doch nun war ein anderer Mann hinzugekommen, so dass noch immer zwei hinter ihr her waren. Sie lief so schnell, wie ihre Röcke es zuließen.
Im selben Augenblick, in dem sie den offenen Schlossplatz erreichte, hatten sie sie gepackt. Cecilie konnte noch erkennen, dass sich im flackernden Feuerschein eine Ansammlung von Soldaten zu Pferd bewegte, da presste auch schon der eine der Männer ihr die Hand auf den Mund und versuchte sie weg-, wieder in die Gasse zurückzuziehen, während der andere an der Reisetruhe in ihrer Hand rüttelte und zerrte.
Cecilie gelang es, sich dem Zugriff der Männer zu entwinden, und sie stieß einen kurzen und erstickten Schrei aus, ehe die Hand wieder auftauchte und sie erneut zum Schweigen brachte.
Einige der Reiter jedoch hatten sie gehört und ihre Notlage erkannt. Sie ritten aus dem Kreis der Soldaten heraus und kamen ihr zu Hilfe. Die Verbrecher ließen unverzüglich von ihr ab und verschwanden in die schützenden Schlupfwinkel der Gasse.
»Fehlt Euch etwas, junge Dame?«, fragte ein bärtiger Offizier.
»Nein, nichts, danke! Vielen Dank, allen zusammen«, keuchte sie. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.
Ein anderer Reiter ritt auf sie zu. »Aber das ist ja Cecilie!«, sagte eine vertraute Stimme. »Aber, liebes Kind!«
Sie schaute hoch. Im flackernden Licht des Feuers erblickte sie Alexander von Paladins hochgewachsene Gestalt und empfand eine ungeheure Freude über dieses Wiedersehen. In diesem Moment hatte sie sein fatales Geheimnis vollkommen vergessen, sie sah nur einen lieben Freund, stattlich und übergroß oben auf dem Pferderücken. In schimmerndem Harnisch und schwarzem Umhängemantel, mit ausladendem, federgeschmücktem Hut und hohen Stulpenstiefeln.
»Alexander!«, lachte sie über das ganze Gesicht.
Er beugte sich hinunter und ergriff ihre ausgestreckten Hände. »Kommst du soeben aus Norwegen?«
»Ja. Das Schiff hatte Verspätung, und niemand hat mich abgeholt.«
Er murmelte etwas von gedankenlosen Höflingen. »Ich wusste von nichts«, sagte er. »Und außerdem haben wir hier eine Musterung...«
Alexander wandte sich zu seinem wartenden Kameraden um und übertrug diesem das Kommando. Er müsse die Baronesse Meiden sicher ins Schloss geleiten, sagte er. Dann stieg er ab und übergab sein Pferd dem erstbesten Mann.
»Wie schön, dich wiederzusehen, Cecilie«, sagte er freundlich, während sie auf das Schlosstor zugingen. »Kopenhagen war leer ohne dich. Wie ist es dir ergangen?«
»Ach, es war herrlich, wieder für eine Weile zu Hause sein zu dürfen, Alexander!«
Sie lieferte eine lebhafte Beschreibung über das Leben auf Gråstensholm.
Alexander von Paladin legte ihr den Arm um die Schultern. »Schön, dich so munter zu sehen, meine liebe Freundin.«
Erst da kam ihr das Entsetzliche wieder in Erinnerung. Seine überwältigende Männlichkeit war nicht für sie gedacht. Unbewusst zog sie sich etwas zurück, und er ließ sie sogleich los. Schweigend schritten sie an der Wache vorüber in den rechten Flügel des Schlosses.
Als sie die Tür zu ihrem Zimmer erreicht hatten, blieb er stehen und sagte leise: »Ich sehe, dass du es weißt?«
Cecilie nickte. Im Schein der Wandleuchter sahen seine Augen schwarz und unendlich traurig aus. »Wer hat dir die Wahrheit erzählt?«
»Mein Vetter Tarjei. Der Heilkundige, von dem ich berichtet habe.«
»Natürlich. Und... wie hast du es aufgenommen?«
Ihr fiel es sehr schwer, darüber zu sprechen, sie wollte am liebsten in ihr Zimmer eilen und die Tür hinter sich schließen, aber eine solche Behandlung hatte er nicht verdient.
»Ich konnte es zunächst nicht verstehen. Deine... Situation, meine ich. Ich begriff nichts. Dann war ich... aufgeregt und...«
Sie verstummte.
»Und?«, fragte er leise und aufmunternd.
»Und traurig«, flüsterte sie.
Lange stand Alexander stumm da. Cecilie sah zu Boden. Ihr Herz pochte.
»Aber eben, als wir uns dort draußen begegnet sind«, sagte er leise. »Da sahst du froh aus? Froh, mich zu sehen?«
»Ich war froh. Ich hatte es vergessen.«
»Und jetzt?«
»Wie meinst du das?«
»Ich möchte auf keinen Fall deine Freundschaft verlieren, Cecilie.«
Konnte sie eine solche Freundschaft ertragen? War sie stark genug, ihr Missfallen zu verbergen? Wäre es nicht erniedrigend für ihn, wenn er ihre Verachtung, ihre stummen Vorwürfe spüren müsste?
Mit einem Mal erinnerte sie sich ihrer Geschichte mit Herrn Martinus, und Scham wogte in ihr auf. Was hatte sie für ein Recht, hochmütig zu sein?
»Meine Freundschaft ist dir sicher, Alexander«, antwortete sie mit belegter Stimme. »Das weißt du.«
»Danke, Cecilie.«
Sie lächelte und legte die Hand auf die Türklinke. Rasch begriff er den Wink und küsste ihr zur guten Nacht die Hand.
»Wann verlässt du die Stadt?«, fragte er.
»Um ins Kloster Dalum zu fahren?«
»Nein, nein, die Kinder des Königs sind auf Frederiksborg. Auf Besuch.«
»Ach, sind sie das? Ich weiß es nicht. Ich muss morgen nachfragen.«
»Tu das! Ich möchte gern Bescheid wissen. Gute Nacht, meine Freundin!«
Cecilie folgte seiner großen, stolzen Gestalt mit Blicken, als er den Korridor entlangschritt. Wie ein Gralsritter bewegte er sich – auch die Gralsritter waren Paladine genannt worden, und er machte seinem Namen alle Ehre.
Wenn doch nur nicht ein hässlicher, unfassbarer Makel das makellose Bild des Ritters getrübt hätte!
Erst in ihrem Zimmer fiel ihr ein, dass sie nicht gefragt hatte, was es mit der Musterung von Soldaten vor dem Schloss auf sich hatte.
 
Bereits am nächsten Tag kam ihr das Gerücht zu Ohren. Alexander sitze nicht mehr fest im Sattel, und allein seine hervorragenden Eigenschaften als Offizier und die Gunst des Königs hätten ihn vor der tiefsten Schmach bewahrt. Es handelte sich um ein Gerichtsverfahren, sie konnte nicht eindeutig herausfinden, worum es dabei ging. Sie war seinetwegen ernsthaft in Sorge. Denn trotz alledem fühlte sie sich ihm zutiefst verbunden.
Cecilie war noch nicht lange wieder in Kopenhagen, als sich ihr ihr eigenes katastrophales Dilemma offenbarte. Das Abenteuer mit Martin, das so flüchtig und unbedacht gewesen war, hatte Folgen gehabt.
Es war der schrecklichste Tag in Cecilies jungem Leben.
Zuerst war sie wie gelähmt. Dann schwankte sie zwischen Hoffen und Bangen. Sie machte das durch, was junge Frauen zu allen Zeiten nach einem unüberlegten Liebesabenteuer durchgemacht haben. Bald rang sie die Hände derart heftig, dass ihr die Arme schmerzten, bald lachte sie beunruhigt über sich selbst und sagte sich, dass es noch zu früh sei, sie würde erst in ein paar Wochen Gewissheit haben.
Dann wieder tobte sie vor Wut. Verfluchte den jungen Pastor nach Leibeskräften, belegte ihn mit den schlimmsten Schimpfnamen, die ihr gerade in den Sinn kamen, bis sie sich damit beruhigte, dass es auch ihre Schuld war. Sie hatte nicht viel Widerstand geleistet, wirklich nicht.
Aber nun war guter Rat teuer.
Noch war die Sache nicht weit gediehen. Ja, ihr Stelldichein mit Martin war schließlich noch nicht mehr als vierzehn Tage her. Ganz sicher konnte sie da noch nicht sein.
Doch Cecilie verfügte über ein ausreichendes Maß an Intuition, um zu ahnen, dass die Lage ernst war.
Während sie auf ihre Abreise aus der Hauptstadt wartete, wollte sie ein Kleid für Anna Catherine, die Tochter des Königs und Kirsten Munks, fertig besticken. Doch es gelang ihr nur selten, die Perlen an der richtigen Stelle aufzunähen. Das Muster verschwamm vor ihren Augen, und sie sah abstoßende Zukunftsbilder vor sich, mit einem Kind, das niemand akzeptieren würde; verstoßen und verdammt, würde sie bestraft werden und …
Cecilie stöhnte und versuchte erneut, sich auf die Perlenstickerei zu konzentrieren.
In drei Tagen würde sie mit einem Pferdefuhrwerk nach Frederiksborg unterwegs sein.
Und hier saß sie nun, in einer äußerst peinlichen Situation. Würde ihr Zustand entdeckt, wäre wahrhaftig keine Gnade zu erwarten. Bestenfalls würde man sie des Hofes verweisen. Schlimmstenfalls käme sie an den Schandpfahl. Und danach wäre sie für das ganze Leben entehrt.
Cecilie hatte das Fatale am Morgen entdeckt. Sie hatte sich krank und elend gefühlt, und das, was sich vor einer Woche hätte einstellen sollen, war bisher noch nicht eingetreten. Und sonst war es immer auf den Tag genau gekommen!
Den ganzen Tag über hämmerte ihr Herz voller Panik.
Die wildesten Pläne wurden verworfen. Gewiss waren ihr diverse Abtreibungsmethoden bekannt – wie eine Besessene arbeiten, oder sich halbwegs zu Tode tanzen, schwere Gegenstände heben, bis der Rücken fast zerbrach, zu weisen Frauen gehen, verschiedene Mittel einnehmen …
Doch Cecilie war nicht dazu erzogen worden, Leben auszulöschen.
Als der Abend anbrach, hatte sie ihren Entschluss gefasst. Doch das beruhigte sie nur wenig. Wenn sie nur Zeit gehabt hätte, um die Sache vorzubereiten! Wenn es doch nur nicht so schrecklich eilte. Nicht einen Tag hatte sie zu verlieren.
Hartnäckig entschlossen, aber halb von Sinnen vor Angst, ging sie zu Alexander von Paladins Unterkunft.
»Seine Gnaden sind nicht zugegen«, antwortete sein treuer Diener, und Cecilie schwand der Mut noch mehr. »Er ist im Kavaliersflügel.«
»Aha! Wann kann ich ihn sprechen?«
»Ich weiß nicht, Baroness von Meiden. Er hat jetzt viel zu tun. Seine Majestät rüsten zum Krieg gegen die Katholiken, und große Heeresstärken werden zusammengezogen.«
Cecilie interessierten die Kriege Dänemarks im Moment wirklich nicht weiter. Sie wusste auch nichts vom Vorgehen der Werber in Norwegen und dem Schicksal ihrer Vettern. Das alles war ja nach ihrer Abreise von Gråstensholm geschehen. Sie konnte jetzt nur an ihre eigene Not denken.
Und sie, die sie sich noch kürzlich vor einer Begegnung mit Alexander gefürchtet hatte, sehnte ihn nun dringend herbei und ärgerte sich über diese Verspätung.
»Was soll ich nur machen?«, flüsterte sie mit bleichen Lippen vor sich hin. »Es eilt! Oh, es eilt so entsetzlich!«
Der Diener zögerte. »Wenn Ihr eintreten wollt, kann ich versuchen, Seiner Hochwohlgeboren eine Nachricht zukommen zu lassen.«
Cecilie dachte über die Alternative nach, über den Schandpfahl. Das war alles andere als eine verlockende Vorstellung.
»Ja, danke.«
Im Hineingehen legte sie die Hand auf den Arm des Dieners. Er blieb sogleich stehen.
»Sag mir«, sagte Cecilie zögernd. »Mir sind so entsetzliche Gerüchte zu Ohren gekommen. Hat unser Freund, der Markgraf, im Augenblick große Sorgen?«
Das Gesicht des Dieners verzog sich fast unmerklich. Doch er kannte Cecilies Freundschaft zu Alexander, ihre herzliche Offenheit, und er sah die Wärme und die Besorgnis in ihren Augen.
»Sehr große, Baroness. Die Lage ist äußerst ernst. Eine Frist von wenigen Tagen. Dann ist es vorbei.«
Cecilie nickte. »Der Prozess?«
»Ja.«
Mehr musste nicht mehr gesagt werden. Er bedeutete ihr, in den eleganten Salon einzutreten, und entfernte sich.
Obwohl seine Worte ihre Lage erleichterten, empfand sie keinen Triumph. Sie musste lange warten, was sie wirklich nicht weiter beruhigte. Ihre Hände waren schweißnass. Sie nahm jedes Detail im Raum wahr, während sie rastlos im Zimmer auf und ab ging.
Alles war so erlesen. Hier standen ererbte Stücke von höchster Qualität, verzierte Renaissancestühle, eine Weltkarte, von der sie nicht viel begriff, schöne Bücher... Alexander von Paladin musste sehr wohlhabend sein. Doch nun halfen ihm all seine Reichtümer nichts.
Endlich waren seine eiligen Schritte auf dem Korridor zu hören, und Cecilie zuckte heftig zusammen, wie sie da vor den Ahnenporträts an der Wand stand. Alles Blut schien ihr in die Wangen zu steigen, und mit verkrampften Händen und großen, ängstlichen Augen blickte sie zur Tür. Nun hing alles davon ab, ob sie die richtigen Worte fand!
Die Tür wurde aufgerissen, und Alexander trat ein. Er sah recht grimmig drein.
»Was gibt es, Cecilie? Mein Diener sagt, es sei dringend, und ich saß mitten in einer Besprechung.«
Vor Angst war sie wie gelähmt. »Musst du gleich wieder zurück?«
»Ja, das muss ich.«
»Hast du eine halbe Stunde Zeit für mich?«
Er zögerte. »Am besten weniger, wenn es geht. Der Reichsrat war ungnädig, als ich gegangen bin.«
»Verzeih mir«, flüsterte sie mit gesenktem Blick. »Ich werde mich kurz fassen. Aber es handelt sich um eine Sache, die nicht im Handumdrehen zu lösen ist. Ich brauche eigentlich mehrere Tage dazu!«
»Nimm Platz«, sagte er milder und setzte sich ihr gegenüber. »Ich sehe, dass dich etwas quält. Worum geht es?«
Wie elegant er war, wie rein und aristokratisch seine Gesichtszüge, wie anziehend seine Augen waren! Doch gerade in diesem Moment hatte das keine Bedeutung. Sie, die sie so genau gewusst hatte, wie sie die Angelegenheit darlegen würde, konnte sich plötzlich an kein Wort mehr erinnern.
»Alexander... Wenn ich nun mit einem Vorschlag komme, dann darfst du nicht glauben, dass ich dir damit schaden oder dich verletzen will.«
Er hob die Augenbrauen.
»Keine Erpressung«, stammelte sie. »Ich weiß, dass du Probleme hast, aber ich stehe auf deiner Seite, vergiss das nicht!«
Noch immer wartete er ab, sie spürte die Distanz, die er zwischen ihnen entstehen ließ.
Cecilie kam ohne Umschweife zur Sache. »Ich brauche deine Hilfe. Dringend.«
Er schien sich unangenehm berührt zu fühlen. »Geld?«
»Nein, nein! Aber ich glaube, ich kann dir helfen – gleichzeitig.«
Ach nein, so ging es ganz und gar nicht. Bei ihren letzten Worten war er erstarrt.
Cecilie schlang die Finger ineinander, rang die Hände und stöhnte innerlich auf. »Ich weiß, dass du dich in einer schwierigen Lage befindest. Die Details sind mir nicht bekannt, aber...«
Nun wiederholte sie sich, das hatte sie bereits erwähnt.
»Sprich weiter«, sagte er reserviert. »Du brauchst meine Hilfe. In welcher Angelegenheit?«
Cecilie schluckte. »Ich muss ganz offen sein. Als ich zu Weihnachten zu Hause war, habe ich eine schreckliche Dummheit begangen, ich kann es noch nicht einmal vor mir selbst rechtfertigen oder erklären. Heute Morgen habe ich entdeckt, dass ich ein Kind erwarte.«
Alexander schnappte nach Luft.
»Es ist noch nicht allzu lange her«, sagte sie schnell. »Nicht mehr als zwei Wochen. Ich weiß auch, dass du deinen Abschied und vielleicht sogar den Kopf riskierst aufgrund deiner … Schwäche. Etwas scheint in meiner Abwesenheit vorgefallen zu sein.«
»Ja«, antwortete er nach kurzem Zögern und erhob sich, als könne er es nicht aushalten, ihr direkt in die Augen zu sehen. Er kehrte ihr den Rücken zu und sagte: »Kannst du dich noch an den jungen Hans erinnern?«
»Ja.«
»Er... hat mich wegen eines anderen verlassen.«
Wie seltsam das klang. Nach ganz gewöhnlichem Liebeskummer.
Alexander fuhr fort: »Beide wurden auf frischer Tat ertappt, und Hans’ neuer Freund hat meinen Namen ausgeplaudert. Behauptet vor Gericht, Hans habe von mir erzählt. Hans ist loyal genug, um alles zu leugnen, und dafür bin ich ihm dankbar. Aber meine Lage ist verzweifelt, Cecilie.«
Nun hatte er sich ihr zugewandt und setzte sich wieder, wagte, ihr ins Gesicht zu sehen, da das meiste gesagt war. »Die Sache kommt binnen weniger Tage vor Gericht, und dort muss ich Rede und Antwort stehen. Auf die Bibel schwören. Und ich bin ein sehr gläubiger Mann. Meineid kommt nicht in Frage.«
»Dann kann dich noch nicht einmal der König retten?«
»Er vertraut auf mein Wort – noch. Erfährt er, dass ich ihn belogen habe, dann bin ich verloren.«
Cecilie nickte. Sie konnte nichts mehr sagen. Sie begriff, was eine solche Schmach für einen Edelmann wie Alexander bedeutete. Allem und jedem ausgeliefert zu sein, Gefahr zu laufen, auf offener Straße verprügelt zu werden …
»Wer war es?«, fragte er leise.
Mit einem Mal hatte er den Schwerpunkt der Unterredung auf ihr Problem verlagert. Das versetzte ihr einen kleinen Schock. Einen Augenblick lang hatte sie ihr Anliegen vergessen.
Doch sein Funke an Interesse wärmte sie.
Aus Ekel vor sich selbst und dem, was passiert war, wandte sie den Kopf ab. »Ein Pastor, der schrecklich unglücklich verheiratet war. Der nach menschlicher Nähe hungerte. Das Ganze war so schmutzig. So unnötig!«
»Aber warum, Cecilie?«
»Wenn ich das nur wüsste! Damals schien es absolut notwendig.«
Alexander lächelte steif, aber belustigt. »Du drückst dich sehr amüsant aus. Aber ich weiß, was du damit sagen willst. Bisweilen scheint dergleichen sehr notwendig.«
Er schaute sie lange und prüfend an. »Ich muss mehr über die Eigenschaften dieses Mannes wissen, das verstehst du gewiss. Intelligent?«
»Oh ja! Eine vornehme und edle Gesinnung. Er stand unter dem Druck einer unerträglichen Situation. Seine Frau verweigerte ihm alle ehelichen Rechte. Ich kann niemandem die Schuld daran geben.«
»Ist er vollkommen anders als ich?«
»Nein, oh, überhaupt nicht, im Gegenteil«, sagte sie eifrig. »Gar keine Frage.«
Sie verstummte errötend.
Alexander biss sich in den Finger. »Ich verstehe, was du vorschlagen möchtest. Aber bist du sicher, dass du es willst?«
»Sonst wäre ich jetzt nicht hier. Dieser Schritt ist mir nicht leichtgefallen, das kannst du mir glauben!«
»Das glaube ich dir. Aber du hast die Sache erst seit heute Morgen überdacht?«
»Die Zeit ist ein wesentlicher Faktor, das verstehst du doch.«
»Natürlich. Doch da gibt es noch etwas, was mir Sorge macht.«
»Was denn?«
»Wie konntest du nur auf ihn hereinfallen?«
»Warum sollte dir gerade das Sorge machen?«
»Begreifst du das nicht? Denk doch einmal nach, Cecilie!«
Er hatte es erkannt! Die Ähnlichkeit zwischen ihm und Martin.
Sie straffte den Rücken. »Ich muss zugeben, dass es eine Zeit gab, da deine Distanziertheit mich verwirrt und traurig gemacht hat. Aber glaube mir, alle Gefühle und Hoffnungen, die ich in Bezug auf dich gehabt haben könnte, starben eines sehr raschen und kalten Todes, als Tarjei mich über deine Neigungen aufgeklärt hatte.«
»Und dennoch hast du dich einem Mann hingegeben, der mir ähnlich war?«
»Nennen wir es das letzte Auflodern der Flamme, die definitiv mit dieser Tat erloschen war. Ich bin geheilt und geläutert, Alexander. Und ich bin stark. Ich werde dich nie behelligen. Du könntest dein Leben leben und ich meins.«
»Das ist dir gegenüber nicht gerecht. Du bist jung, und...«
Sein offensichtlicher Widerstand war zu viel für Cecilie. Die Schande brannte in ihr. Sie sprang auf.
»Verzeih mir«, murmelte sie. »Vergiss mein taktloses Ansinnen!«
Sie eilte zur Tür, aber er war schneller. Seine Hände lagen wie Schraubstöcke um ihre Unterarme, und er schaute sie aus brennenden Augen an.
»Cecilie, fühle dich nicht erniedrigt, bitte nicht! Nicht du, die mir so lieb ist. Ich nehme dein Angebot mit offenen Armen an, du bist wie der rettende Strohhalm für einen Ertrinkenden, verstehst du das denn nicht? Jetzt, in dieser Schicksalsstunde, haben deine Worte mich glücklich gemacht und mir neue Hoffnung gegeben. Aber ich denke an dich, meine liebste Freundin. Du weißt ja gar nicht, worauf du dich da einlässt!«
»Was habe ich denn für eine Wahl?«
»Nein, das stimmt. Du musst mir mein Zögern verzeihen, es muss für dich unglaublich verletzend gewesen sein. Ich werde dir die Erniedrigung ersparen, weiter um meine Hilfe betteln zu müssen, es ist an mir, die abschließenden Worte zu sprechen, die bisher noch nicht ausgesprochen worden sind. Und meine Freundschaft ist dir sicher, ganz und gar, das weißt du. Aber du weißt auch, dass du nie, nie meine Liebe bekommen kannst. Keinen … Vollzug der Ehe.«
»Das weiß ich. Ich kann ohne leben.«
Er sah sie unschlüssig an. »Kannst du es? Das ist ein großes Opfer. Ein größeres, als du vielleicht ahnst.«
»Ich habe vor vierzehn Tagen reichlich Ekel vor der Erotik mitbekommen. Der Ekel hält einige Jahre vor, glaube mir!«
Alexander nickte abwesend. Er schaute sie an, doch in Gedanken schien er weit fort zu sein.
Cecilie blieb stumm stehen, und mit zarten Fingern nestelte sie an ihren Handschuhen. Sie dachte darüber nach, was sie zu erwarten gehabt hätte, wenn sich Alexander ihrer nicht erbarmt hätte. Natürlich hätte sie nach Hause fahren, ihre lieben, warmherzigen Eltern der Schande aussetzen können. Die Tochter des Amtsrichters … Sie würden ihr wohl vergeben und sie und das Kind aufnehmen, so wie sie alle einmal Sol und ihre kleine Tochter Sunniva aufgenommen hatten. Doch konnte die Familienehre noch weitere Skandale ertragen? Großmutter Charlotte war die Erste gewesen, die einen »Bastard« geboren hatte, Cecilies Vater Dag. Dann kam Sol mit Sunniva nach Hause. Und nun sie, Cecilie, mit ihrer kleinen Katastrophe. Auch wenn es in der Familie Tradition zu werden schien, wäre es nicht recht gegen diese großzügigen Menschen gehandelt, sie derart schwer zu belasten.
Schlimmer als alles andere wäre es, nach Hause, nach Gråstensholm zurückzukehren, wo der verheiratete Pastor Herr Martinus lebte. Cecilie wollte ihn nicht wiedersehen. Nie im Leben! Ein lieber und freundlicher Mensch war er, vornehm in jeder Hinsicht. Doch ihr gemeinsames Vergehen, das lediglich ihrer Einsamkeit entsprungen war, hatte sie getrennt, so wie zwei Wassertropfen auf eine heiße Eisenplatte fallen und in unterschiedliche Richtungen davonjagen.
Außerdem... Würde Martins Ehebruch entdeckt, dann würde zumindest sie den Kopf verlieren, vielleicht auch er.
Alexanders Stimme riss sie aus ihren Überlegungen: »Bevor wir noch weiterreden: Wie stellst du dir das nun weiter vor? Mit dir und mir.«
»Du meinst – rein praktisch?«
»Ja.«
»Ich habe es mir folgendermaßen überlegt«, sagte Cecilie rasch. »Wenn es sich einrichten lässt, dachte ich, dass wir beide je unser eigenes Schlafzimmer bekommen. Nebeneinander, damit kein Misstrauen aufkommt, doch das Zimmer des anderen ist für jeden von uns Privatsphäre. Daran ist doch nichts Besonderes, oder?«
»Nein, ganz und gar nicht«, sagte er abwartend.
»Aber um eins bitte ich dich. Ich verstehe, dass du deine Veranlagung nicht ändern kannst. Willst du mir die Rücksicht erweisen, deine … Freunde nicht mit in dein Schlafzimmer zu nehmen? Wenn es sich einrichten lässt, kann man vielleicht ein anderes Zimmer... benutzen? Eins, das weiter fort liegt.«
Dass sie sich traute, so frank und frei zu sprechen! Sie war über sich selbst erstaunt. Doch sie mussten klare Grenzen abstecken, deshalb zwang sie sich, ihren Widerwillen zu verbergen.
Alexander dachte über ihre Worte nach. »Das sind angemessene Bedingungen«, nickte er. »Davon abgesehen hast du Anspruch auf größere Diskretion meinerseits als bisher. Ich muss ohnehin in Zukunft vorsichtiger sein, auch wenn in diesem Fall eigentlich Hans der Nachlässige war. Ihn hat es nie gekümmert, ob ihn jemand gesehen hat.«
Wieder verzog er schmerzlich das Gesicht, wieder war Cecilie über ihn erstaunt. Alexander kam ihr so liebevoll vor. Gegen ihren Willen war sie etwas gerührt.
Er fuhr fort: »Nun lässt sich das hier in meiner Wohnung nicht so regeln. Aber meine Familie verfügt über ein Gut außerhalb von Kopenhagen, nicht allzu weit von Fredriksborg entfernt, übrigens. Es heißt Gabrielshus. Wir können dorthin ziehen...«
»Aber macht dir das nicht viele Umstände?«
»Nein, nein, das macht mir Freude. Außerdem weißt du sehr wohl, dass ich dich immer schon gern angesehen habe. Deine Schönheit ist von seltenem, etwas mystischem Charakter, mit diesen schrägen, verträumten Augen, der reinen Haut und dem kupferroten Haar. Mir gefällt es. Aber du gestattest mir die Freiheit... Freunde zu treffen. Wie steht es mit dir?«
»Du meinst, du bittest mich um meine Diskretion, wenn ich beabsichtige, hinter deinem Rücken andere Männer zu treffen? Oder bittest du mich um absolute Treue?«
»Ich habe kein Recht, dir den Zölibat aufzuerlegen, wenn du mir gegenüber derart großzügig bist.«
»Aber meiner Diskretion willst du sicher sein? Und dass ich bei der Wahl meiner Freunde vorsichtig bin?«
Er nickte, mit angespanntem Gesicht.
Da lachte Cecilie. »Ich sagte dir eben erst: Ein Fauxpas meinerseits wird nicht vorkommen. Und sollte es vorkommen, dass ich zu einem anderen Mann Zuneigung fassen sollte, dann können wir es zu gegebener Zeit besprechen. So offen, scheint mir, können wir zueinander sein. Doch im Augenblick habe ich den Hals voll von allen Männern und Liebesdingen.«
Alexander holte tief Luft. Er sah im Grunde recht ergriffen aus.
»Nun denn! Cecilie von Meiden, kleines starkes, ungewöhnliches Mädchen... Willst du meine Frau werden? Mit all den Schwierigkeiten, die das für dich mit sich bringt?«
Ihre Lippen bebten ein wenig. »Ja, gern, Alexander, das will ich schrecklich gern! Du weißt, dass das eine Vernunftehe wird. Davon gibt es viele – und viele davon sind glücklich.«
Alexander ergriff ihre Hände. »Ich glaube, du und ich, wir haben alle Chancen, glücklich zu werden. Bei den verzweifelten Voraussetzungen, von denen wir ausgehen, und bei den Prämissen, die wir aufgestellt haben. Eine andere Sache ist die, dass ich wahrscheinlich sehr bald in den Krieg ziehen muss.«
»Oh nein!«, entfuhr es Cecilie spontan.
»Danke für deine angsterfüllten Augen, Cecilie! Sonst wäre es wohl für dich eine perfekte Lösung, nicht wahr? Wenn ich auf dem Schlachtfeld bliebe?«
Ihre Augen sprühten Funken. »Das war das Gemeinste, was du mir je gesagt hast! Ich hätte nie geglaubt, dass du so sein könntest!«
»Nein, nein, Unsinn, ich habe es nicht ironisch gemeint. Nur zurückhaltend konstatierend.«
»Du weißt sehr wohl, dass ich unendlich viel von dir halte – als Freund. Diesen Freund will ich nicht verlieren.«
Diese Worte schienen ihn zu wärmen. »Ich habe ja die Absicht zurückzukehren.«
Sie lächelte ihn erleichtert an. Dann erinnerte sie sich. »Alexander, deine halbe Stunde!«
»Ach, vergiss den Reichsrat! Dies hier ist wichtiger. Aber du hast recht, ich muss jetzt wohl gehen. Bis bald!«
Cecilie blieb noch eine Zeitlang mit geschlossenen Augen stehen. Ein unendlich langer Seufzer entrang sich ihr. »Danke, lieber Gott«, flüsterte sie leise.
Aber sie war sich nicht vollkommen sicher, ob diese Ehe eine gute Lösung war. Jedenfalls keine perfekte Lösung.
Aber eine perfekte Lösung gab es wohl nicht, wenn man in einer solchen Klemme steckte wie sie und Alexander.

2. Kapitel
Alexander von Paladin kehrte zum Reichsrat zurück, und die Herren schauten wegen seines langen Fernbleibens sehr missmutig drein. In der Zwischenzeit hatte sich der König, Christian IV., eingefunden.
Alexander packte den Stier bei den Hörnern und wandte sich direkt an den König.
»Darf ich untertänigst um ein Gespräch mit Euer Majestät ersuchen, sobald diese Sitzung beendet ist?«
»Sei Euch gewährt«, nickte Christian kurz und betrachtete seinen verlegenen Kavalier forschend.
Der Kriegsrat konnte fortgesetzt werden.
Nachdem der König seinen Willen nahezu durchgesetzt hatte – er war eifrig darauf bedacht, in den katholisch-protestantischen Krieg im Deutschen Reich einzugreifen -, nahm er Alexander von Paladin mit in einen kleinen Raum.
»Was habt Ihr auf dem Herzen, Markgraf?«
Beide wussten sehr wohl, dass Alexanders Leben davon abhing, wie das Gerichtsverfahren in vier Tagen ausfallen würde.
»Euer Majestät«, sagte Alexander gemessenen Tones. »Ich werde schon nächste Woche mit dem Heer nach Holstein versetzt. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, und ich hätte gern die Erlaubnis Euer Majestät zu heiraten. Schon morgen, wenn es sich einrichten lässt.«
Die Augenbrauen des Königs fuhren in die Höhe. Einen Augenblick drückte sein Gesicht bloße Enttäuschung aus. Dann fasste er sich wieder.
»Wer ist die Auserwählte?«, kam es träge hervor.
»Baroness Cecilie von Meiden.«
Es trat allmählich ein erheiterter Schimmer in die Augen des Königs.
»Natürlich! Das norwegische Hoffräulein meiner Frau. Oder eher die Gouvernante meiner Kinder. Ein entzückendes Mädchen, das mir aufgefallen ist. Auch begabt. Ihr Großvater war der legendäre Herr Tengel, der heilkräftige Hände hatte. Ich bin ihm nie persönlich begegnet, aber meine Männer in Norwegen waren des höchsten Lobes voll über ihn. Aber... ich weiß nicht, ob diese Sippe wirklich von ausgesuchtem Adel ist? Die von Meidens, ja, die schon, aber die Zahl ihrer Mesalliancen ist Legion. Ihr pflegt schon lange Umgang mit der Baroness von Meiden, nicht wahr?«
»Seitdem sie bei Hofe ist, ja. Das sind nun vier, fünf Jahre, Euer Majestät.«
»Selbstverständlich.«
König Christian schaute aus dem kleinsprossigen Fenster. Triumph lag in seinem Blick, und allein Alexander kannte den Anlass dafür. Wie gewöhnlich lag der König mit seiner Gemahlin Kirsten Munk im Streit, und wie gewöhnlich beruhte das auf ihren allzu deutlichen Tändeleien mit anderen Männern. Früher einmal hatte sie versucht, Alexander von Paladin für sich zu gewinnen. Er war schließlich ein ungewöhnlich anziehender Mann, und die Gerüchte über ihn waren ihr noch nicht zu Ohren gekommen. Er hatte sie außerordentlich brüsk abgewiesen und sie an ihre Ehe mit Christian IV. erinnert. Der König hatte zufällig Alexanders Worte an sie mitgehört, und als sie zu ihrem Mann ging, um sich wie Potiphars Weib zu beklagen, dass Alexander von Paladin sie begehrt habe, konnte der König das ganze Spektakel kaltschnäuzig aufklären. Kirsten Munk hatte sich damals aus der Sache gewunden mit der Behauptung, sie habe Alexanders Loyalität zu seinem Herrn auf die Probe stellen wollen. Seitdem war sie Alexanders Todfeindin, und die Hauptursache ihrer gehässigen Ausfälle gegen Cecilie war ebendie Tatsache, dass er sich oft mit der jungen Norwegerin traf und sie offensichtlich Kirsten vorzog. Das konnte die schöne Frau nicht zulassen. Sie wollte glauben, dass er sich aus Frauen nichts machte. Und genau dieser Gedanke war es, der König Christian freute.
Er wandte sich an seinen Kavalier.