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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
 
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
 
Margit Sandemo – die unbekannte Bestsellerautorin
Vorschau
Copyright

Buch
Silje und Tengel leben nach den Irrungen und Wirrungen der
letzten Jahre wieder ruhiger und glücklicher mit ihren Kindern
bei Gut Lindenallee. Nur Tengels Nichte Sol Angelica, die bei
ihnen aufgewachsen ist, bereitet ihnen Kummer und Sorgen:
Sie hat die magischen Kräfte und dunklen Fähigkeiten ihrer
Familie geerbt. Die finsteren Mächte und eine unerklärliche
innerliche Unruhe treiben sie von zu Hause fort. Inzwischen
zwanzig Jahre alt und zu einer schönen jungen Frau herangereift,
begibt sie sich auf den Weg in die große Welt. Endlich ist sie
frei... Frei, um auf die Suche nach den Hexen bei Brösarps
Backar zu gehen. Frei, um den Fürsten der Dunkelheit anzubeten,
und frei, um endlich ihre lang gehegten Träume zu
verwirklichen. Aber Sol ist nicht nur vom Bösen besessen. Für
ihre Familie würde sie durchs Feuer gehen – und sogar ihr
eigenes Leben opfern...

Autorin
Margit Sandemo ist die meistgelesene skandinavische Autorin.
Ihre Bücher wurden weltweit mehr als 40 Millionen Mal
verkauft. Neben der Saga vom Eisvolk hat sie noch weitere
Romanserien geschrieben sowie diverse Einzelromane. Margit
Sandemo wurde 1924 geboren und lebt in Norwegen.
 
Von Margit Sandemo bereits erschienen:
 
Der Zauberbund (36745)
Hexenjagd (36755)
 
Weitere Romane aus der fesselnden »Saga vom Eisvolk« sind
bei Blanvalet bereits in Vorbereitung!

1. Kapitel
 
In den Baumkronen dröhnte ein schwerer Choral. Es brauste und murmelte in tiefen Tönen, als sänge ein Chor von Mönchen in einer riesigen Kathedrale düstere Lieder von Kummer und Unglück. Die Kiefern schwangen im Sturm hin und her, bogen sich, dass die Zweige knackten und knirschten. Ein bleicher Herbstmond lugte ab und zu hinter den über den Himmel jagenden Wolken hervor.
Sol lächelte, während sie durch den Wald lief. Das stürmische Wetter hallte in ihr wider wie ein Rausch.
Jetzt war sie erwachsen und frei, frei wie der Wind, der durch die Baumwipfel fegte. In der Hand hielt sie Hannas Bündel, das sie an diesem Tag von Tengel zurückbekommen hatte, hielt es fest an ihre Brust gedrückt. Vor ein paar Stunden hatte sie von allen zu Hause auf Lindenallee Abschied genommen.
Jetzt war ihre Zeit gekommen.
Ihr kleiner Bruder Are hatte sie auf dem Weg zum Hafen in Oslo begleitet, wo ein Schiff zur Überfahrt nach Dänemark abfahrtsbereit lag. Sie waren gemeinsam den Weg entlanggeritten, aber ungefähr auf halber Strecke hatte Sol plötzlich darauf bestanden, allein eine Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Are hatte schließlich nachgegeben, sich ihre Reisetruhe aufs Pferd geladen und war mit ihrem Pferd neben seinem weitergeritten, um dann am Ende des Waldes wieder mit ihr zusammenzutreffen. Er wollte trotz allem sichergehen, dass sie wohlbehalten am Schiff ankam.
Charlotte von Meiden hatte Sol zu einer Passage nach Dänemark verholfen. Das Mädchen sollte eine ältere adelige Dame begleiten, die sich ängstigte, die lange Schiffsreise ohne Gefolge zu machen. Die Familie hatte diesen Schritt gewagt, weil Sol sich die letzten fünf Jahre mustergültig betragen hatte. Doch nun war sie so rastlos, dass man sie nicht länger zurückhalten konnte.
Doch, sie hatte sich ordentlich betragen. Allein deshalb, um die Erlaubnis zu bekommen, sich ihrem geliebten Handwerk wieder widmen zu können – sobald sie erwachsen war.
Ach, es war oft schrecklich gewesen! Jedesmal, wenn sie am Wegesrand Bilsenkraut oder Wasserschierling stehen sah, hatte es ihr in den Fingern gekribbelt. Oder wenn sich jemand ihren Familienangehörigen gegenüber nicht anständig benommen hatte. Einmal hatte sie sogar eine Puppe angefertigt, eine Nachbildung einer der Damen bei Hofe, die sich verächtlich über Charlotte geäußert hatte. Sol war es gelungen, sich eine Haarsträhne dieser Edelfrau zu beschaffen, hatte sie in die Puppe eingenäht und wollte dieser gerade eine Nadel direkt ins »Herz« stechen, als sie sich im letzten Augenblick doch noch eines Besseren besann. Sie durfte das nicht, das hatte sie Tengel hoch und heilig versprochen. Sie hatte die Puppe vernichtet, und ihr gutes Gewissen war damit wieder hergestellt. Trotzdem grämte sie sich, weil sie nicht erfuhr, ob sie noch immer in Besitz ihrer besonderen Kraft war.
O ja, die besaß sie noch immer. Für immer! Tengel war sehr zufrieden mit der Arbeit, die sie unter den Kranken verrichtete. Mittlerweile vertraute man ihr genauso sehr wie ihm. Manchmal allerdings hatte sie zu allzu drastischen Mitteln gegriffen, um sie zu kurieren; doch sie war dabei so vorsichtig vorgegangen, dass niemand etwas bemerkt hatte.
Und sie hatte auch niemandem geholfen, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, auch nicht, wenn sie den Eindruck hatte, dass einige von ihrem Dasein in Krankheit und Leid befreit werden wollten. Bis auf wenige Male, aber das waren ja nur Bagatellen, die nicht weiter ins Gewicht fielen, dachte sie arglos. Sie hatte es auch nur getan, um nicht ganz aus der Übung zu kommen.
Aber jetzt war die Zeit des Stillhaltens vorüber.
Sie hatte nicht durch den Wald reiten wollen. Sie wollte den Wind in ihrem Gesicht und die Erde unter den Füßen spüren und wissen, dass all das ihr gehörte; sie wollte den Sturm um sich herum hören und dem Mond entgegenlachen.
»Ich bin frei, Hanna«, flüsterte sie. »Ich bin frei! Jetzt beginnt unsere Zeit!«
Ihre eignen Pläne der Dänemarkfahrt stimmten nicht vollkommen mit denen ihrer Familie überein …
Sie hatte gewisse Erkundigungen eingeholt. Gewiss wurden in Dänemark fast ununterbrochen Hexen gefangen genommen. Es handelte sich aber dabei nur um solche, die von den Nachbarn angezeigt worden waren, gewöhnliche Frauen, die nicht das Geringste von der Schwarzen Kunst wussten. Sol hingegen wusste, wo sich die echten Zauberer und Hexen aufhielten. Hanna hatte es ihr gegenüber einmal mit Achtung in der Stimme erwähnt.
Dorthin wollte sie, dorthin sollte sie!
Sie waren nicht viele, die echten Hexen. Konnten es auch nicht sein, so unerbittlich wie die Obrigkeit gegen sie vorging. Aber diejenigen, die noch lebten, waren wirklich echte Hexen.
Und sie war eine von ihnen. Eine von den wenigen. Sie und Tengel. Doch Tengel wollte ja nicht dazugehören. Er verschwendete seine Kraft lieber für »gute« Taten.
Dass er das über sich brachte! Fünf Jahre in Sitte und Anstand waren für Sol mehr als genug.
Sie musste für einen Moment stehen bleiben, um ihren kostbaren Besitz zu begutachten, den sie so lange hatte entbehren müssen. Sie lächelte glücklich und erwartungsvoll. Da war der Schädel des unglückseligen Neugeborenen, der vor hundert Jahren unter einem Fußboden gefunden worden war. Da der Finger eines gehängten Gesetzesbrechers. Das Herz eines schwarzen Hundes, Friedhofserde, Schlangenzungen …
Und da! Da war die Alraune, ein echtes Kleinod. Das Erbstück, gefunden vor einer Ewigkeit in einem Mittelmeerland, an einem Galgenberg aus der Erde gezogen, wo der Mörder im Augenblick des Todes seinen Samen vergossen hatte. Dort war die Alraune gewachsen, und die menschenähnliche Wurzel hatte so sehr ihr Weh geklagt, als sie aus der Erde gezogen wurde, dass der Zauberer, der sie in einer Donnerstagnacht bei Vollmond geholt hatte, von dem Schreien verrückt geworden war. So ging die Sage, und so hatte Hanna es Sol erzählt. Auf die Alraune musste sie gut Acht geben! Die war unbezahlbar.
Sol wog die bizarr geformte, vertrocknete Wurzel in der Hand. Sie war groß, länger als ihre Hand, trug aber Spuren, als habe am Wurzelende jemand kleine Stücke abgeschnitten. Vielleicht war es der gefürchtetste ihrer Vorfahren gewesen, Tengel der Böse, der etwas von der Alraune abgeschnitten hatte. Die Alraune stamme von ihm, hieß es. Sicher war in jedem Fall, dass die abgeschnittenen Stücke für geheimnisvolle Handlungen verwendet worden waren. Sol wusste, wozu die Alraune angewendet werden konnte. Es gab so unendlich viele Möglichkeiten. Als Liebeskraut zum Beispiel. Oder um Feinden zu schaden. Oder um dem Besitzer zu Reichtum zu verhelfen.
Ein dünner Lederriemen war an der Alraune befestigt. Sie nickte. Nun gehörte sie ihr, nun konnte sie sie dafür benutzen, wofür sie gedacht war.
Sie richtete den Lederriemen und hängte sich die Alraune so um den Hals, dass man sie nicht sehen konnte. Sie fühlte sich an der Haut auf der Brust schwer und steif an. Sol erschauerte. Die Alraune fühlte sich wie ein Lebewesen an. Doch sie gewöhnte sich schnell daran, sie am Körper zu tragen.
Nun wurde sie von dem mächtigsten Amulett, einem Talisman, beschützt, der auf der Welt das meiste Glück brachte.
Das vermittelte ihr ein Gefühl der Sicherheit – und ein wenig auch ein Gefühl von Feierlichkeit.
Dag war bereits in Kopenhagen. Es würde eine Freude sein, ihn wiederzusehen. Er studierte an der Universität, wollte Rechtsgelehrter werden, so dass er später eine gute Stellung bekommen würde, wenn er wieder nach Norwegen zurückkehrte.
Dag war seit anderthalb Jahren in Dänemark. Zu Hause vertraute man darauf, dass er Sol unter seine Fittiche nehmen würde. Vielleicht konnte diese Reise doch etwas Gutes bringen, eine gute Stellung oder nützliche Kontakte vielleicht? Unter nützlichen Kontakten hatte Silje sich eine passende Heirat vorgestellt, romantisch wie sie war. Dag könnte Sol den richtigen Leuten vorstellen, bei Hof und in anderen vornehmen Gesellschaften. Sie wusste, dass viele seiner Kommilitonen von hoher Geburt waren.
Einen Monat lang sollte sie bei ihm bleiben. Danach musste sie wieder nach Hause.
Sol kicherte, während sie weiter durch den seufzenden, stürmischen Wald eilte. Doch, es war angenehm, den Stiefbruder vor Ort zu haben. Aber die »richtigen Kreise«? Die musste sie doch selbst finden und wählen!
Aber... dennoch. Der Hof war nicht zu verachten. Dort konnte es ja tolle Männer geben. Sol hatte sich auf ehrbarem Terrain gehalten, seit sie als Vierzehnjährige den Knecht Klaus verführt hatte. Jetzt, fand sie, war es an der Zeit für ein neues Abenteuer, die Sache mit Klaus war im Grunde ganz und gar unbefriedigend verlaufen, eher ein Eroberungstriumph, aber mehr nicht. Sie wusste, dass es im Verhältnis zwischen Mann und Frau noch viel spannendere Gefühle gab.
Sie strich mit den Händen über ihren Körper. Doch, sie wusste, dass sie schön war. Allzu viele hatten es ihr gesagt.
Arme Hanna, dachte sie plötzlich wehmütig. Nie hatte sie Sols Möglichkeiten besessen. Hässlich, so hässlich war sie, dass die Leute vor ihr zurückwichen, und wie einsam und abgeschieden sie in dem kleinen Bergtal war …
Sol hatte das ganze Leben vor sich, die ganze Welt lag ihr zu Füßen!
Und wahrhaftig – sie würde ihre Gaben nutzen!
Zu Hause waren alle über ihre Abreise betrübt. Sie wussten jedoch, dass Sol die Freiheit brauchte, um nicht zu ersticken. Das vergangene halbe Jahr war sie recht anstrengend gewesen – ungeduldig und sehr leicht reizbar, das wusste sie. Tengel und Silje hatten sie beim Abschied fest an sich gedrückt. Und der kleinen Schwester Liv hatten Tränen in den Augen gestanden. Charlotte von Meiden war unten auf Lindenallee gewesen, um Abschied von ihr zu nehmen, mit vielen Grüßen an den geliebten Sohn Dag.
Und so waren sie und Are die Allee, Siljes Lindenallee, hinuntergeritten.
In der Allee fehlte ein Baum. Ein Baum war vertrocknet und abgestorben, und Tengel hatte ihn fällen müssen. Es war der Baum der verwitweten Baronin. Die alte Dame war verstorben, nun lag sie auf dem Friedhof von Gråstensholm begraben.
Tengel hatte an der Stelle des alten Baumes eine neue kleine Linde gepflanzt. Sol erinnerte sich gut an diesen Tag. An Siljes seltsame Wut.
»Du darfst nicht noch mehr Bäume besprechen, Tengel«, hatte sie gesagt, während sie am ganzen Körper zitterte. »Ich ertrage diese ständige angespannte Aufmerksamkeit wegen der Bäume nicht länger.«
»Sie waren eine Hilfe für mich«, hatte er sich verteidigt. »Du weißt, dass ich durch sie versteckte Krankheiten aufdecken konnte.«
»Ja, das weiß ich, aber sie machen mir Todesangst! Sehe ich ein vergilbtes Blatt oder einen abgebrochenen Zweig, dann bin ich voller Furcht und Schrecken.«
»Wie du willst«, hatte Tengel gesagt. »Ich verspreche dir, dass ich keine Bäume mehr besprechen werde. Wir haben ja auch keine neuen Familienmitglieder, denen wir sie zueignen könnten.«
»Nein, aber unsere vier Kinder sind allmählich erwachsen geworden. Wir können schon in ein, zwei Jahren Enkelkinder bekommen.«
Tengel hatte sich bereitwillig einverstanden erklärt, die neuen Bäume einfach Bäume sein zu lassen.
Der Wald öffnete sich vor einem kleinen Dorf. Der Meeresduft im Wind verriet Sol, dass sie sich dem Fjord näherte. In weiter Ferne erkannte sie schemenhaft den Rauch vieler Häuser. Das musste Oslo sein – und weiter fort die Festung Akershus.
Es war früh im Morgengrauen. Der Mond war nach und nach verblasst, in gleichem Maße wie der Lichtstreif am Horizont stärker und breiter anwuchs. Nachdem sie aus dem Wald gekommen war, kam es Sol vor, als läge die Stadt in einem flimmernd grauen Schein, und nach dem Rauschen in den Baumkronen war die plötzliche Stille auf ihre Weise ohrenbetäubend.
Sie ging mit leichten, raschen Schritten an den niedrigen Häusern vorbei, die noch nicht zum Leben erwacht waren. Allein das Rauschen des Windes im Gras brach die überwältigende Stille. Sol langte am Kirchplatz an und blieb stehen. Ungeduldig strich sie sich die langen, schwarzen Locken zurück, die der Wind ihr ins Gesicht geblasen hatte.
Für einen Augenblick stand sie still, schaute sich um und drehte sich ein paar Mal. Sie erblickte einen Pranger, einen Staupsäule und eine Stätte, an der Menschen gesteinigt wurden. Weiter fort stand ein Hauklotz. Darauf hatten Verbrecher ihren Kopf für die Axt zurechtgelegt. Ein leerer Galgen befand sich etwas davon entfernt, aber für die Kirchgänger dennoch gut sichtbar.
Das alles sah sie. Doch Sol war imstande, darüber hinaus noch viel mehr wahrzunehmen. Sie stand reglos da – nun dem Wind zugewandt, so dass ihr Haar nicht mehr vor den Augen herumflatterte. Verwundert entdeckte sie, wie viel sie tatsächlich wahrnehmen konnte. Sie spürte die Angst, den Todesschreck all derer, die hier ihr Leben hatten lassen müssen. Sie spürte die Schmach wie einen flüssigen Dunst um den Pranger schweben, sie nahm die Trauer der Angehörigen wahr, die Neugier der Schaulustigen, die Schadenfreude und den geifernden Sensationshunger.
Sol hatte vor den Toten keine Angst. Einmal hatte sie, obwohl sie sich selbst nicht mehr daran erinnern konnte, laut aufgelacht, als sie einen Leichnam erblickte, der schaukelnd an einem Galgen hing. Silje hatte es irrtümlicherweise als die Unwissenheit eines Kindes aufgefasst. Die Nacht, die Dunkelheit und der Tod waren Sols Welt. Der Name Sol, Sonne, den sie zu ihrem Schutz erhalten hatte, war ihr nicht im Geringsten nützlich. Der Mond war ihr Leitstern, nicht die Sonne.
Ein einziges Mal hatte Sol Angst gehabt, als Tengel unglaublich wütend auf sie gewesen war. Damals hatte sie einen widerlichen Küster getötet, der ihrer Familie schaden wollte. Sie hatte aber auch unglaublichen Respekt vor Tengel, weil sie ihn unbeschreiblich gern hatte.
Genau diese Angst, seinem Zorn ausgesetzt zu sein, hatte bewirkt, dass sie sich so lange ruhig verhalten hatte.
Ansonsten gab es nichts, was Sol Angst einjagen konnte.
Sie war jetzt zwanzig Jahre alt. Man schrieb das Jahr 1599, und ihr wirkliches Leben konnte beginnen.
 
Are stand wie verabredet am Rand des Waldes. Er war Tengels einziger Sohn, mit dem halbfertigen Gesicht eines Dreizehnjährigen, breiten Backenknochen und rabenschwarzem Haar. Während Tengels und Siljes übrige Kinder und Pflegekinder vollendete Geschöpfe waren, konnte man Are nicht gerade als bildschön bezeichnen. Dafür strahlte er aber ein starkes Gefühl von Sicherheit aus. Und auf Dauer gesehen war das mehr wert, fand Sol.
Er begleitete sie bis zum Hafen und sorgte dafür, dass sie zusammen mit der alten Dame, die angenehm überrascht über ihre Begleiterin war, wohlbehalten an Bord kam. Wie schön, ein so unglaublich hübsches und wohlerzogenes junges Mädchen als Eskorte zu bekommen. Sol setzte sogleich ihr »freundlich-zu-alten-Damen«-Lächeln auf. Ihre Stimme blieb weich und respektvoll, und sie war unbeschreiblich entgegenkommend.
Lang stand sie an Deck und winkte Are, der vom Kai aus eifrig zurückwinkte. So nahm das Abenteuer seinen Anfang.
Ein heftiger Wind, der das Schiff hin und her warf, machte die Überfahrt nach Dänemark zu einer anstrengenden Reise. Sol hatte jedoch ein Mittel gegen Seekrankheit, wofür die alte Dame sehr dankbar war. Sie schien sich sehr tapfer zu fühlen, so wie sie dastand und sich Sol gegenüber damit großtat, dass sie anscheinend die einzigen Passagiere seien, die nicht der Seekrankheit zum Opfer fielen.
Doch wenn Sol bereits auf der Schiffspassage auf ein kleines Abenteuer gehofft hatte, wurde sie bitter enttäuscht. Alle männlichen Passagiere hingen entweder über der Reling oder lagen sich windend in einer Ecke, und die Besatzung bestand nur aus alten, kurzbeinigen Seebären ohne den geringsten Anflug von Anziehungskraft.
Doch selbstverständlich war für die lebenslustige Sol die Schiffspassage an sich schon unermesslich spannend. So oft sie dazu Gelegenheit hatte, stand sie an Deck, und wenn die Wellen ihr übers ganze Gesicht spritzen, lachte sie laut auf. Tauchte das Schiff in schwindelerregende Wellentäler hinab, so, als ob es nach dem Meeresgrund suchte, kicherte sie hingerissen, und als es sich schwer wieder aufbäumte, von Salzwasser überspült, jubilierte sie aus tiefstem Herzen. Nun begriff sie, wie eintönig das Leben auf Lindenallee für sie wirklich gewesen war.
Als sie im Hafen von Kopenhagen einliefen, stand ein Wagen für die alte Dame bereit, und damit war Sols Auftrag ausgeführt. Die Dame war derart begeistert von ihr, dass sie Sol einen kleinen Beutel übergab, in dem Goldmünzen klimperten. Sol musste sich unglaublich zusammennehmen, um nicht sofort nachzuschauen, wie viel Geld denn nun darin war. Sie knickste und winkte dem abfahrenden Wagen nach.
Sie war sich jedoch nicht selbst überlassen. Dag stand am Kai bereit, um sie in Empfang zu nehmen.
Sol warf sich in seine Arme.
»Aber, Dag, wie elegant du geworden bist! Du bist ja erwachsen geworden, kleiner Bruder!«
Sie hielt ihn etwas von sich ab und sah zu ihm auf. Er hatte sehr männliche Gesichtszüge bekommen. Die lange, gerade Nase und das schmale Gesicht hatte er noch, aber seine Züge waren ebenmäßiger geworden. Die Augenbrauen waren kräftig und verglichen mit dem blonden Haar hellbraun, und die Augen waren metallgrau. Er trug jetzt moderne Kleider, nicht mehr die gewöhnliche wattierte Jacke, die nach unten spitz zulief, und auch nicht mehr den Pfeifenkragen um Hals und Handgelenke. Auch von den kurzen, ballonartigen Hosen war nichts mehr zu sehen. Nein, Dag wohnte jetzt in Kopenhagen und ging mit der Zeit. Er trug einen breitkrempigen Hut, an dessen einer hochgeschlagenen Seite eine Feder befestigt war. Der Kragen war heruntergeklappt, und Jacke wie Hose lagen enger an als früher, so dass seine gute Figur mehr betont wurde, und dazu trug er elegante Stiefel, die Sol kolossal imponierten. Er war elegant, einfach elegant!
Unmittelbar wechselte sie über zu weiblichen Dingen. Ihr Blick glitt hinüber zu den wenigen Damen, die sie im Hafen entdecken konnte. »So zieht man sich jetzt also an? Oh, wie muss ich altmodisch aussehen! Ich würde mich am liebsten verstecken, Dag!«
Er lachte. Die Bewunderung war freilich gegenseitig, ihrer einfachen, norwegischen Kleidung zum Trotz.
»Dazu gibt es keinen Grund. Oh, oh, was habe ich mir da nur eingebrockt.«
»Womit denn?«
»Dir die Bewunderer vom Leib zu halten!«
»Warum solltest du mir denn Bewunderer vom Leib halten?«, lachte Sol, und Dag fasste ihre Worte als Scherz auf. Aber sie hatte es keineswegs so gemeint.
»Ich wohne gleich in der Nähe, wir können das kleine Stück zu Fuß gehen. Lass mich deine Reisetruhe nehmen. Ach Gott, die ist ja überhaupt nicht schwer. Gib mir auch noch das Bündel!«
»Nein, das kann ich selbst tragen.«
Dag sandte ihr einen Blick zu, aber er bestand nicht darauf.
»Wie geht es zu Hause?«, fragte er eifrig, während sie den lebhaften Hafen verließen und zu einer stark befahrenen Straße gelangten.
Sol weiteten sich die Augen angesichts all des fantastisch Neuem – des Menschengewimmels, der Haustiere auf der Straße, des Geruchs von Fisch, Tang, Rauch, Abfall, Obst und Gemüse... Freilich war sie mit Tengel mehrmals in Akershus und Oslo gewesen, aber dies hier war etwas ganz anderes. Dies hier war die große, weite Welt!
»Zu Hause? Gut. Ich soll dich herzlich von allen grüßen und speziell von Charlotte natürlich. Ich habe Briefe dabei. Eine Menge Briefe. Und Geld.«
»Wunderbar«, murmelte Dag.
»Und Are hofft darauf, dass du ihm eins von diesen neumodischen Schnappschlossgewehren beschaffst. Oh, Dag, das ist alles so aufregend! Sieh einmal das Haus da! Wie riesengroß!«
Beim Reden schäumte sie vor Begeisterung fast über.
»Mama Charlotte ist wohl jetzt ganz allein?«
»Ja, sie wartet wohl schon ganz gespannt darauf, dass du hier fertig wirst und wieder nach Hause kommst. Aber sie und Silje treffen sich häufig.«
»Und die anderen? Wie geht es ihnen?«
»Tengel müht sich wie immer mit seinen Patienten ab, und er hat versucht, seine Arbeit auf ein paar Tage in der Woche zu beschränken. Aber das geht nicht so einfach. Die Leute kommen trotzdem, um seine heilenden Hände zu spüren, sie kommen von weither, und er hat ja noch nie nein sagen können. Im Winter hatten wir eine entsetzliche Epidemie, und er verbot den Kranken, zu uns nach Hause zu kommen, damit wir uns nicht ansteckten. Aber sie kamen trotzdem, wie die reinsten Fliegenschwärme, und Tengel war ganz verzweifelt. Trotzdem sind wir gut zurechtgekommen, fast alle. Das Eisvolk ist stark, weißt du. Nur deine Großmutter, die alte Baronin, hat es nicht überstanden.«
»Ja, ich weiß. Und du weißt, dass ich sie schrecklich vermisse.«
»Ich auch«, sagte Sol leise. »Sie war eine gute Frau. Tengel war damals ganz niedergeschlagen. Die beiden standen einander sehr nahe. Aber mit Tengel ist es merkwürdig. Das Alter scheint überhaupt keine Spuren bei ihm zu hinterlassen.«
»Erinnerst du dich noch an Hanna?«, fragte Dag. »Sie ist doch auch so unglaublich alt geworden.«
»Ob ich mich an Hanna erinnere?«, wiederholte Sol mit schneidendem Schmerz in der Stimme. Doch zugleich fing sie sich wieder und lachte laut auf. »Und deshalb werde auch ich uralt, kleiner Bruder. Ich werde euch alle noch überleben!«
»Das werden wir ja sehen«, sagte Dag, dem merklich unwohl zumute war. »Und Silje, wie geht es ihr?«
»Silje ist wie immer. Fröhlich und zuverlässig, solange sie Tengel hat. Sie malt und hat viel zu tun, und sie hat wohl etwas rundere Formen bekommen. Steht ihr aber gut. Und... Ja! Das habe ich ja noch gar nicht erzählt! Liv hat einen Bräutigam!«
Dag blieb mitten auf der gepflasterten Straße stehen. Ein Pferdefuhrwerk bremste hinter ihnen scharf ab, und sie sprangen zur Seite.
»Was hast du da gerade gesagt?«, entfuhr es ihm. »Aber mein Gott, sie ist doch noch ein Kind!«
»Sechzehn, fast siebzehn Jahre alt. Und so sanft und süß, dass kannst du dir gar nicht vorstellen. Silje war nicht viel älter, als sie sich in Tengel verliebte.«
Dag hörte nicht mehr zu. Seine Gesichtszüge waren erstarrt. »Meine kleine Schwester hat einen Bräutigam? Was ist das für ein Kerl?«
»Nun reg dich doch nicht so auf! Tja, was soll ich sagen? Er stammt aus einer feinen Familie. Nicht adelig, natürlich, denn das ist Liv ja auch nicht, aber seine Eltern sind wirklich reich. Kaufleute. Der Vater ist tot. Und Laurents tritt in seine Fußstapfen.«
»Gefällt er dir?«
Sol zuckte die Schultern. »Nicht mein Typ«, antwortete sie ausweichend.
Sie setzten ihren Weg fort. Dag ging lange, ohne ein Wort zu sagen. Er maß dem, was Sol über Menschen sagte, großes Gewicht bei, denn niemand war so hellsichtig wie sie. »Und Liv? Was sagt sie dazu? Heb das Kleid nicht so hoch, Sol, so schmutzig ist es hier nun auch wieder nicht!«
»Tja, Liv sagt im Grunde nicht so viel. Ich weiß eigentlich nicht, wie sie darüber denkt. Und du hast auch vor, zu heiraten, habe ich gehört. Ist die Hochzeit bald?«
»Ich? Wer hat das gesagt?«
»Charlotte. Es war eine Baronesse Trolle, wenn ich mich recht erinnere.«
»Hat Mutter das gesagt? Zu Liv?«
»Zu uns allen. Sie war sehr glücklich.«
»Aber meine Liebe«, lachte Dag entmutigt. »In ein paar Briefen habe ich bloß erzählt, dass sie zu meinem näheren Bekanntenkreis gehört, und dass sie ein reizendes und nettes Mädchen ist. Zugegeben, ich war an ihr interessiert, aber sie war nicht die Einzige für mich. Ich habe sie seit Wochen nicht gesehen! Mutter ist doch eine richtige Kupplerin.«
Da er nichts mehr sagte, fuhr Sol fort:
»Und Are ist ein lieber Junge. Zuverlässig und freundlich. Patenter als jemand sonst von uns. Er entwickelt sich gut.«
»Sicher! Weißt du, ich vermisse sie alle! Und du, Sol? Hast du einen Bräutigam?«
»Ich?«, lachte sie laut, wobei sie von der Hauptstraße in eine vornehme Seitenstraße abbogen. »Nein, woher sollte ich den denn haben?«
»Ach, nun übertreibst du aber! Du musst doch wohl einen ganzen Schwarm von Bewunderern haben?«
Sie wurde ernst. »Kann schon sein. Aber die interessieren mich nicht. Dag, ab und zu habe ich Angst. Anscheinend kann ich mich in niemanden verlieben.«
Er schaute sie lange schweigend an. Dann sagte er einfach: »Du hast bestimmt noch nicht den Richtigen getroffen. Und du kannst doch Menschen in dein Herz schließen, das weiß ich.«
»O ja. Meine Familie. Aber du verstehst, mir scheint, als übertreffe Tengel alle anderen Männer. Versteh mich jetzt nicht falsch, ich bin nicht in ihn verliebt, nein, ganz und gar nicht! Aber er steht einfach wie ein Ideal da, wenn du verstehst, was ich meine. Niemand kommt ihm gleich – ich vergleiche alle jungen Männer mit ihm, und dabei fallen sie hoffnungslos durch.«
»Ja, das ist klar! Es gibt nur einen Tengel.«
»Ja. Das macht die ganze Sache ja so schwierig.«
Dags Gesicht bekam einen gedankenvollen Ausdruck. »Nun könnte man ja sagen, dass du nach einer Vaterfigur suchst, weil du selbst nie einen Vater gehabt hast. Aber so ist es wohl nicht. Nicht nach einem Mann mit Tengels Güte suchst du, Sol, sondern nach einem mit seiner Autorität und seiner dämonischen Kraft!«
»Da hast du ganz recht«, sagte sie kleinlaut.
»Aber da muss ich dir eins sagen, meine liebe Sol. Nicht in Tengel liegt die Stärke. Die holt er sich bei Silje!«
Sol schwieg lange. »Ja«, sagte sie endlich. »Aber ihre Stärke beruht wiederum darauf, dass sie seine Liebe besitzt.«
»Das ist auch richtig.«
»Die beiden können ohne einander einfach nicht leben.«
»Nein. Wir haben Glück, du und ich, dass wir bei solchen Eltern aufgewachsen sind. Und nun sind wir da. Bei dem Tor dort!«
»Das ist bestimmt ein vornehmes Haus«, sagte Sol und bewunderte die schöne Stukkatur und das fächerförmige Dekor in Gold und Blau über dem Eingangsportal.
»Ja, und ich wohne bei netten Menschen. Du bekommst ein eigenes Zimmer während deines Aufenthaltes hier. Aber leider kommst du zu einem ungünstigen Moment. Denn sie haben ihren kleinen Sohn verloren.«
»Tot?«
»Nein, nur verloren, wie ich schon sagte. Er ist seit drei Tagen verschwunden.«
»Oh«, klagte Sol. »Wie schrecklich! Das ist schlimmer als alles andere.«
»Die Ungewissheit, ja. Die arme Mutter ist kurz davor, den Verstand zu verlieren. Sie haben hier überall gesucht. Nun glauben sie, dass jemand das Kind mitgenommen hat. Schließlich ist es ganz spurlos verschwunden.«
Sie befanden sich nun innerhalb des Hauses und konnten das Gespräch nicht fortsetzen. In dem Moment, als sie den Salon betraten, erhoben sich die Herrschaften und gingen zur Begrüßung auf die beiden zu. Dag hatte nicht übertrieben. Der jungen Frau zitterten die Hände, und ihr Gesicht trug Spuren von unzähligen Tränen.
Dag stellte sie mit gedämpfter Stimme vor. »Das ist meine Stiefschwester Sol Angelica, und dies sind meine freundlichen Gastgeber, Graf und Gräfin Strahlenhelm.«
»Deine Schwester ist aber bezaubernd«, sagte der Graf und nahm die Hand der tief knicksenden Sol. »Hast du gesehen, Henriette, was für Augen sie hat! So eine Farbe habe ich noch nie gesehen. Bernsteingelb!«
Der Ehefrau gelang es lediglich, blass zu lächeln und zu nicken.
Sol kam nicht umhin, verstohlen ihre Kleider zu bewundern. Sie trug einen Spitzenkragen, der so groß war wie ein Mühlrad, eine perlenbestickte Haube und unter dem Brokatkleid musste sie Hüftpolster von unendlicher Größe haben, denn sie konnte ihre Arme darauf ablegen.
Der Graf wandte sich Dag zu: »Du möchtest Sol vielleicht jetzt ihr Zimmer zeigen, Dag, danach servieren wir gleich eine kleine Mahlzeit. Ich muss euch beide bitten, meine Frau zu entschuldigen. Sie muss sich etwas zurückziehen, momentan ist es ihr alles etwas zu viel.«
»Natürlich, ich verstehe«, sagte Sol leise.
Gleichzeitig bekam sie ein gewaltiges, unbekanntes Gefühl, eine Gewissheit, die sie ungeheuer erregte und nahezu ungeduldig werden ließ.
Das Taschentuch vors Gesicht gepresst, entfernte sich die Gräfin aus dem Salon.
Als sie draußen war, wandte Sol sich an den Grafen.
»Mein Zimmer kann warten. Ich kann Euch bei der Suche nach dem Kind vielleicht behilflich sein.«
»Sol!«, rief Dag in einem warnenden Tonfall aus.
Sein Gastgeber jedoch hob die Hand und bedeutete ihm zu schweigen. »Was meint Ihr damit, junge Dame?«
»Dag, ich weiß, dass ich das nicht sagen sollte, aber versteh doch, die Zeit drängt!«
»Wovon redet Ihr?«, fragte der Graf. »Wisst Ihr etwas?«
Dag stellte sich zwischen sie. »Das ist für meine Schwester ungeheuer gefährlich. Ich zweifle nicht daran, dass sie helfen kann, aber dafür könnte sie ihr Leben verlieren. Alles hängt von Eurer Diskretion ab.«
»Erklärt Euch!«
»Ihr habt die Augen meiner Schwester gesehen, Graf Strahlenhelm. Die kommen nicht von ungefähr. Wenn Sol sagt, dass die Zeit drängt, dann bedeutet das, dass sie fühlt, dass das Kind lebt. Zumindest noch. Und dass sie abgewartet hat, bis Eure Frau aus dem Zimmer war, bedeutet, dass sie fühlt, dass Eure Frau nicht imstande ist, Stillschweigen zu bewahren.«
Der Graf schaute ausdruckslos von einem zur anderen.
»Das Leben meines Kindes bedeutet alles für mich.«
»Schwört Ihr dann, dass Ihr niemals ein Wort über das verlieren werdet, was Ihr gleich erleben werdet?«, fragte Sol. Sie war so ungeduldig, dass sie kaum stillstehen konnte. »Dass Ihr mich niemals ausliefern werdet?«
»Ich schwöre es.«
»Gut. Dann gebt mir etwas, ein Kleidungsstück, das das Kind kürzlich getragen hat und das danach noch nicht gewaschen worden ist! Aber vergesst nicht, ich kann nicht garantieren, dass ich ihn finde. Nur, dass ich mein Bestes geben werde.«
Ein tiefer Seufzer entfuhr dem mageren, hochgewachsenen Mann. »Ich bitte Euch, Jungfer Sol. Für den geringsten Hinweis würde ich Euch auf Knien danken.«
»Und ich kann mich auf Eure Diskretion verlassen?«
»Ich begreife schon, was mit Euch geschehen würde, sobald die Behörden etwas von Euren… Fähigkeiten erführen. Doch meine Frau hat bereits ihrem Wunsch Ausdruck verliehen, dass ich eine sogenannte weise Frau zurate ziehe, aber wir kannten keine, und ich wagte es nicht. Lasst meine Dankbarkeit Garantie genug sein für meine Verschwiegenheit!«
»Und wenn ich keinen Erfolg habe?«
»Dann gilt meine Dankbarkeit Eurem Versuch. Aber meine Frau oder jemand von den Bediensteten könnten kommen.«
Sol suchte in ihrer Tasche. »Gebt Eurer Frau sogleich dieses Schlafmittel! Achtet darauf, dass sie alles auf einmal hinunterschluckt. Und es wird Euch wohl gelingen, die Bediensteten fernzuhalten.«
Der Graf sandte Dag einen fragenden Blick zu. »Davon hast du nie etwas erzählt, Dag.«
Dag lächelte etwas betreten. »Über solche Talente spricht man nicht laut, Euer Gnaden.«
»Nein, nein, da hast du wohl recht.«
Mit dem Pulver in der Hand eilte er aus dem Zimmer.
»Das hättest du nicht tun dürfen, Sol«, murmelte Dag.
»Hätte ich nicht?«
Er seufzte. »Nein. Hast du Erfolg, ist dir seine Freundschaft fürs Leben sicher. Und er ist mächtig, Sol! Mächtiger als du dir vorstellen kannst.«
»Ja, was ist er eigentlich?«
»Richter. Einer der höchsten Rechtsgelehrten Dänemarks.«
»Ach!«, rief Sol aus und schlug sich die Hand vor den Mund. »Da habe ich mir ja was Schönes eingebrockt!«
»Ja. Kein Wunder, dass er keine weisen Frauen kennt! Er hat sie alle zum Tode verurteilt. Deshalb habe ich dich gebeten, den Mund zu halten.«
»Aber ich konnte nicht anders, Dag. Ich fühle, dass das Kind noch lebt, und dass es ihm schlecht geht. Das war im ganzen Zimmer zu spüren. Es ist, als wehklagte es aus allen Wänden.«
»Wir können nur hoffen, dass du den Jungen auch findest«, sagte Dag mit beunruhigter Stimme.

2. Kapitel
 
Der Graf kam zurück. »Ich habe meiner Frau das Mittel gegeben«, sagte er kurz. »Und ich habe den Dienern gesagt, dass wir ungestört sein wollen. Ihr habt recht, in Henriettes hysterischem Zustand würde sie sofort alles zum Fenster hinausschreien. Hier habe ich ein kleines Spielzeug gefunden, das mein Sohn beim Schlafen immer im Arm hält. Alles andere ist gewaschen.«
Sol nahm die weiche Flickenpuppe entgegen. »Die ist aus Stoff, das ist gut. Darf ich mich hinsetzen?«
»Selbstverständlich. Verzeiht meine Unaufmerksamkeit!«
Sie setzte sich. »Und nun muss ich Euch bitten, still zu sein.«
Im Zimmer wurde es totenstill. Die Geräusche von der Straße konnten nicht eindringen. Für lange, lange Zeit war es still. Sol hielt die Flickenpuppe hoch an ihr Gesicht. Mit geschlossenen Augen saß sie unruhig da.
Endlich sprach sie. Ihre Stimme klang monoton, sie flüsterte fast. »Dunkelheit... Kälte. Es ist eng.«
Der Graf wollte fragen, ob sein Sohn noch am Leben sei, aber er beherrschte sich.
»Er schläft«, sagte Sol, und nun war ihre Stimme wieder normal. »Oder er ist bewusstlos, ich weiß es nicht. Ich spüre Angst, eine enorme Furcht und Einsamkeit. Aber die ist alt, davon merkt er jetzt nichts.«
Oh, mein Gott, dachte Graf Strahlenhelm. Mehr zu denken, war er nicht in der Lage. Alles erschien ihm so unglaublich, und dann diese junge Frau, die ihm eine verzweifelte Hoffnung gab, die er aber eigentlich hätte verurteilen müssen. Was sollte er tun? Nein, jetzt war er vor allem Vater. Der Beruf war unwesentlich, vollkommen unwichtig in diesem Augenblick.
Gleichwohl bereitete ihm das Gewissen Qualen. Er war außerstande, diese Gedanken weiter zu verfolgen, aber dennoch waren sie vorhanden. Was war mit allen anderen solcher Frauen – die er ohne Gnade im Namen der Gerechtigkeit verurteilt hatte?
Sol sprach. Ihre Worte waren eine Mischung aus Fragen an sie und aus Worten, die nur ihr selbst galten.
»Er ist blond. Schlank, flaumiges Haar. Er kann zwischen einem und zwei Jahren alt sein? Eher zwei, glaube ich. In Samt gekleidet. Purpurroter Samt. Ein breiter Spitzenkragen...«
Der Graf sandte Dag einen fragenden, verwunderten Blick zu.
»Ich habe nichts gesagt«, flüsterte Dag die Antwort.
Es schien, dass der unglückliche Vater bei diesen Worten neuen Mut schöpfte. Er streckte seinen Rücken, und Hoffnung entzündete sich in seinen Augen, die deutliche Anzeichen von durchwachten Nächten trugen. Er war auf seine Weise ein eleganter Mann. Viel älter als seine Frau, asketisch mager, gepflegt, mit scharfem Blick. Nun blickte er seinen sonderbaren Gast gespannt an.
Sol genoss die Situation. Sie durfte ihre Gaben einsetzen, sie stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die missliche Lage des Kindes jedoch quälte sie, Unruhe zerrte an ihren Nerven.
»Die Zeit drängt«, sagte sie ungeduldig. »Die Zeit drängt fürchterlich!«
»Aber wo ist er?«, rief der Graf.
»Ich weiß es nicht«, zischte Sol. Sie hatte ihre guten Manieren nicht mehr unter Kontrolle.
»Hat ihn jemand mitgenommen?«
»Nein, ich spüre nichts Böses. Halt jetzt den Mund, ich habe etwas!«
Auch der Graf war von dem Geschehen derart in Anspruch genommen, dass er die Weise, in der Sol mit ihm sprach, überhörte.
Dag war sowohl stolz auf seine Schwester als auch besorgt darüber, wie das Ganze wohl ausgehen mochte. Er war zwar mit Sols und Tengels eigentümlichen Fähigkeiten aufgewachsen, hatte sich aber dennoch nie daran gewöhnen können. Zudem waren solche Fähigkeiten seiner eigenen Persönlichkeit vollkommen fremd. Plötzlich stellte er fest, dass er die Hände rang. Worauf hatte Sol sich da nur eingelassen? Wenn das nur gut ausging!
»Ich sehe einen Haken«, sagte sie nervös und befingerte die Flickenpuppe. »Einen Haken, der ins Schloss gefallen ist.«
»Hat ihn jemand eingesperrt?«, fragte der Vater des Kindes heiser.
»Nein, der Haken liegt im Dunkeln.«
Er wollte schon fragen, wie sie all das zu sehen vermochte, wenn es dunkel war, doch er hatte Angst, die Frage könnte zu naiv wirken.
»Er hat sich selbst eingeschlossen«, entschied sie. »Und dann konnte er die Tür nicht wieder öffnen.«
Der Graf saß wie auf glühenden Kohlen. Seine Augen leuchteten wie von Sinnen.
»Hier im Haus?«
Sol war sich nicht sicher. »Das glaube ich nicht. Ich spüre seine Nähe nicht. Aber er kann nicht weit gekommen sein, so klein wie er ist! Wie ist er Euch abhanden gekommen?«
»Ich saß hier nebenan im Arbeitszimmer, zusammen mit Dag, der seine Hausarbeiten machte. Meine Frau hatte ein paar Freundinnen zu Besuch. Sie saßen zum Plaudern im Salon zusammen. Der Junge saß hier auf dem Fußboden und spielte. Das Kindermädchen war oben in seinem Zimmer und legte alles zum Umziehen zurecht. Als sie ihn holen kommen wollte, fragte sie nach ihm – und erst da stellten die Damen fest, dass er fort war.«
»Wie lange...?«
»Sie glaubten vielleicht eine Viertelstunde. Er ist ein sehr ruhiger Junge, der viel für sich allein spielt. Jungfer Sol... findet ihn! Ich bitte Euch... tut das Äußerste!«
Sie nickte. »Wo saß er?«
Der Graf zeigte es ihr. »Dort. Auf dem Boden beim Kamin.«
Sol erhob sich und ging hin. Sie kniete sich hin und berührte die Bodendielen leicht mit der Handfläche. Sie sah verwirrt aus.
»Etwas muss geschehen sein. Etwas, was Ihr vergessen habt.«
»Das ist nicht möglich. Wir sind alles tausend Mal zusammen durchgegangen, haben in jedem Winkel des Hauses gesucht...«
»Er ist nicht im Haus.«
Der Graf seufzte. »Wir können nichts vergessen haben.«
»Wie aber ist er hinausgekommen? Konnte er die Tür allein öffnen?«
»Nein. Aber wie Ihr seht, stehen alle Türen zwischen den Zimmern offen. Das Tor kann er unmöglich aufbekommen haben, und die Tür zum Garten ist abgeschlossen. Deshalb haben wir geglaubt, dass jemand ihn mitgenommen hat. Aber das stimmt wohl nicht?«
Sol stand auf. Sie zitterte vor Aufregung und Irritation.
»Hier ist etwas... Habt Ihr einen Hund?«
»Ja«, antwortete der Graf überrascht. »Eine große deutsche Dogge.«
»Kann der Hund die Türen öffnen?«
»Die Tür zum Garten, ja. Aber die war beim Verschwinden des Jungen zu.«
Dag erhob sich sofort und ging ins Zimmer nebenan. Dort befand sich eine Tür, die die Damen nicht hatten sehen können. Die beiden anderen folgten ihm.
»Aber der Hund war nicht im Haus«, wandte der Graf ein. »Der war an seinem Platz unter dem Küchenfenster angebunden.«
»Draußen im Garten?«
»Ja. Um die Ecke, beim Küchengarten.«
»Habt Ihr ihn dort angebunden?«
»Nein, ich weiß nicht, wer das gemacht hat. Ein Diener wahrscheinlich.«
»Dann habt Ihr das also nie überprüft?«
»Nein, der Hund wurde nie in Betracht gezogen, weil er angebunden war.«
Sie schauten auf die Tür zum Garten. Die Türklinke war für ein Kleinkind zu hoch. Aber …
Dag legte seine Hände auf die Klinke, als wären sie die Pfoten eines großen Hundes. Dann ließ er sie wieder los.
Das Schloss war aufgesprungen, und sie konnten sich mühelos vorstellen, wie der Körper eines großen Hundes die Tür aufgeschoben haben konnte. Dag blieb einen Augenblick lang ruhig stehen und betrachtete die Tür. Langsam und lautlos glitt sie wieder zu, und das Schloss schnappte mit einem leisen Knacken ein. Die Tür war wieder geschlossen.
»Ja, aber der Hund war angekettet«, wandte der Graf ein.
»Die Frage lautet: Wann wurde er angekettet?«, sagte Dag. »Das kann geschehen sein, nachdem der Junge verschwunden ist, und bevor die Damen entdeckt haben, was passiert ist.«
»Ich werde das sofort feststellen«, sagte sein Gastgeber. »Wer den Hund angebunden hat und wann. Ihr versteht, wir sind schließlich die ganze Zeit davon ausgegangen, jemand sei durch das Tor ins Haus gekommen und habe den Jungen in einem unbeobachteten Moment mitgenommen. Wartet kurz, dann werde ich die Bediensteten fragen...«
»Nicht jetzt«, sagte Sol schnell. »Wir haben keine Zeit, uns mit unwesentlichen Dingen zu befassen. Ich habe die Mitwirkung des Hundes bei der Sache gefühlt, und das wird sich aufklären. Lasst uns in den Garten gehen!«
Der Garten war nicht groß, umgeben auf der einen Seite von einem hohen Nachbarhaus, einer dichten Hecke geradeaus, und zu ihrer Rechten standen einige niedrige Schuppen, die ans nächste Grundstück angrenzten. Sie gingen zu den Schuppen hinüber, und dort sahen sie rechts den Küchentrakt. Dort lag der Hund bei seiner Hundehütte. Er stand auf und wedelte mit dem Schwanz. Dag ging zu ihm und streichelte ihn ein wenig.
Sol hatte sich bereits drangemacht, die Schuppen abzugehen. Ein eifriges Gegacker verriet, dass einer davon ein Hühnerstall sein musste. In einem anderen grunzte ein Schwein.
»Wir haben selbstverständlich hier überall gesucht«, sagte der Graf. »In jedem einzelnen Schuppen.«
Sie nickte. »Hier ist er nicht. Habt ihr den Hund seine Witterung aufnehmen lassen?«
»Selbstverständlich. Aber das ist kein Spürhund, und selbst wenn wir einen von Bekannten leihen, wäre die Spur jetzt zu alt. Es hat die ganze Nacht geregnet, nachdem der Junge verschwunden ist.«
Die Wand des Nachbarhauses war undurchdringlich. Allein die Hecke blieb noch als letzte Möglichkeit.
Sol kroch auf allen vieren daran entlang, hin und wieder legte sie sich flach auf den Bauch.
»Eure Kleider!«, sagte der Graf. »Die ruiniert Ihr Euch.«
»Darauf pfeife ich!«, fauchte sie. »Hier geht es um ein Menschenleben. Sucht mit!«
Die beiden Männer gehorchten.
»Die ist zu dicht«, sagte der Graf. »Wir haben sie schon abgesucht.«
»Ein Kind ist zu den unglaublichsten Dingen imstande«, antwortete Sol.
Dag hatte die Hand durch die Dornen gesteckt. »Ist das zu eng, was glaubt ihr?«
Die beiden anderen schauten nach. Sol lag, flach wie ein Pfannkuchen, halb in der Hecke.
»Das sieht nicht so aus, aber wenn er hindurchgekommen ist, dann muss es hier gewesen sein«, sagte sie. »Wir kommen nicht da durch. Aber ein Zweijähriger? Ist er für sein Alter klein, Euer Gnaden?«
»Ja, das kann man wohl sagen. Und er ist nicht älter als neunzehn Monate. Aber trotzdem könnte er hier nicht durchgekommen sein, das ist unmöglich!«
»Doch, stellt Euch vor, ihm sei es gelungen«, sagte Sol und schlängelte sich wieder aus der Hecke hervor. »Seht Euch das doch einmal an. Das hing an den Dornen.«
Sie öffnete die Hand und zeigte ihnen eine dünne, blonde Haarsträhne.
»Albrekt!«, rief der Graf aus. »Die erste Spur von ihm!«
»Steckt den Kopf hier herein«, sagte Sol, »dann werdet Ihr sehen, wenn er rechts in die Hecke gekrochen ist, dann könnte er an der anderen Seite wieder herausgekommen sein.«
Der Graf gehorchte. »Ja, so könnte es gewesen sein. Aber in Wirklichkeit ist das kaum vorstellbar!«
»Kinder machen kaum vorstellbare Dinge. Was ist dahinter?«
»Der Hinterhof einer Werkstatt.«
»An was für einem Wochentag ist er verschwunden?«
»An einem Sonntag. Aber wir haben auch dort gesucht. Das ganze Viertel hat nach dem Jungen gesucht.«
Sol setzte sich auf. Sie war schmutzig, im Gesicht zerkratzt und überaus hinreißend.
»Er ist hier hindurchgekrochen, darauf verwette ich mein Seelenheil«, sagte sie.
Für sie wäre das ein Kinderspiel, dachte Dag böse. Soweit er wusste, hatte Sol sich nie um ihr Seelenheil geschert.
»Könnt Ihr seinen Aufenthaltsort nicht etwas besser beschreiben?«, bat Graf Strahlenhelm.
»Nein. Da war ein Geruch, den ich gerochen habe, den ich nicht einordnen kann. Ich habe den Geruch vorher schon einmal gerochen, aber im Moment kann ich mich nicht erinnern, wo das war.«
»Kannst du denn nicht die Umgebung sehen?«, fragte Dag leise. »Davor?«
»Nein, davor sehe ich nichts. Und in dem engen Verschlag waren so wenige Gegenstände. Da stand etwas Großes, Schwarzes in der Ecke, glaube ich. Aber ich erinnere mich nicht genau, denn jetzt sehe ich nichts. Das ging nur dort drinnen, als ich die Puppe in der Hand hatte.«
»Ich hole die Puppe«, sagte der Graf.
»Nein, ich habe schon alles gesehen, was ich damit sehen konnte. Aber das schwarze Ding ist es, das so riecht. Ich glaube es ist aus Holz. Pfui Teufel, es ist doch zu dumm, mir fällt die ganze Zeit immer nur der Begriff Daumenschrauben ein.«
Die beiden Männer sahen einander an.
»Eine Art Presse?«, fragte Dag.