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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

»Warum müssen sich Menschen, die ganz offensichtlich über enorme intellektuelle Fähigkeiten verfügen, eine kriminelle Welt aufbauen, um in Würde leben zu können?«
Giovanni Falcone

Einleitung
Kann man Mafia sehen?
Sizilien und Palermo heute – Abgrenzung der Cosa Nostra zu anderen mafiösen Strukturen und deren Geschäften – Mythos Mafia
 
 
 
 
Renato Cortese, Leiter einer Spezialeinheit der Kripo Palermo, sitzt im ersten Fahrzeug der kleinen Wagenkolonne, die sich langsam in Richtung Corleone bewegt. Die Nerven des Commissarios sind zum Zerreißen gespannt. Am Rande des Ortes, am Hang einer Erhebung, die Montagna dei Cavalli genannt wird, soll sich der Gesuchte in einem kleinen Feldhaus versteckt halten. »Luchs«, ein Ermittler, der die Bilder einer Überwachungskamera kontrolliert, hat gemeldet: »Alles ruhig.«
Lediglich Giovanni Marino, ein kleiner, etwas schwerfällig wirkender Mann mittleren Alters, ist wie jeden Morgen zu seinem casolare, seinem Feldhaus, gekommen. Dort stellt er aus Schafsmilch Ricotta, eine Art Quark, und andere Käsesorten her, die in Corleone wegen ihrer Güte geschätzt werden. Vom gegenüber gelegenen Hügel aus, auf dem eine Statue des heiligen Bernardo über Corleone Wache hält, nähern sich die Zivilfahrzeuge der Polizeikolonne der Montagna dei Cavalli. Nach monatelangen Untersuchungen, stundenlangem Abhören von Telefonaten, schwierigen Überwachungen von Verdächtigen durch Videokameras sind die Ermittler sicher, dass sich außer Marino noch jemand anderer im Casolare befinden muss. Ist das der Mann, der sich seit 43 Jahren vor der Polizei versteckt? Den die Spezialeinheit von Renato Cortese seit acht Jahren sucht? In der langen Zeit seiner Flucht hatte er sich jeder Verhaftung entzogen, war es ihm immer wieder gelungen, im letzten Augenblick zu entkommen. In der Öffentlichkeit waren bereits Gerüchte im Umlauf, er sei längst gestorben. Jagt Renato Cortese ein Phantom?
Bei einem letzten Briefing ein paar Kilometer vor dem Ziel gibt der Commissario die Anweisung: Er und zwei, drei andere werden sofort ins Feldhaus stürmen, die anderen Männer sollen das Gelände möglichst weit umstellen, um Ausgänge eventueller unterirdischer Fluchtwege zu blockieren. »Möglichst weit, ist das klar?«
Plötzlich, vier Kilometer vor dem Ziel, meldet sich »Luchs«: »Halt, ein Fahrzeug kommt.« Nervosität befällt die Männer des Commissario. Was zum Teufel macht dieses Auto da? Wer sitzt drin? Sollte der Gesuchte wieder einmal im letzten Moment entwischen? Renato Cortese gibt der Kolonne Anweisung, sich langsam, nur im Schritttempo weiterzubewegen. Sekunden verstreichen, die eine Ewigkeit dauern. Dann meldet sich »Luchs« wieder: Alles in Ordnung, eine Person habe ein paar Worte mit Marino gewechselt, sich Käse geben lassen und sei wieder weggefahren. Der Commissario atmet langsam durch. Und gibt das Kommando: »Los!«
Es ist der 11. April 2006, 11.21 Uhr.

Ankunft in Palermo

Wenn ich Palermo anfliege, habe ich oft das merkwürdige Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren – eine absurde Empfindung, weil doch in Wirklichkeit genau das Gegenteil geschieht. Das Flugzeug senkt sich aus 10 000 Meter Höhe ab, das tiefblaue, in der Sonne glitzernde Meer kommt näher, bald kann man die leichten Schaumkuppen auf dem Wellenmuster gut erkennen, das von der Fahrspur einer weißen Fähre durchschnitten wird. Und wenn dann die Konturen Siziliens sichtbar werden, schwenkt die Maschine auf eine Route parallel zur Küste ein. Links zieht die Stadt vorbei, auf den ersten Blick eine helle Stein- und Betonmasse, die sich einen Weg durch die sie umgebenden Vorgebirge gebahnt hat und sich dann zwischen Bäumen, Sträuchern und Felsen verliert. Jetzt fliegen wir dicht über dem Wasser, vorbei an bedrohlich nahen Felsformationen, die mit kleinen Strandabschnitten wechseln und mit Häusergruppen, die in Orangenhaine eingebettet sind. Und während man glaubt, in die leichten Wellen greifen zu können, die unter dem Flugzeug dem Ufer entgegenlaufen, verschwindet das Wasser, braunes Gras kommt immer näher, eine Schnellstraße verläuft plötzlich quer zu unserem Anflug, dann noch ein Schienenstrang, und unmittelbar danach setzt die Maschine auf der Landebahn des Flughafens an der Landspitze der Punta Raisi auf.
Das ist wie ein Absturz aus sicherer Höhe zu einer Küste, die für alles Mögliche geschaffen scheint, nur nicht für die Landung von Düsenmaschinen. »Aeroporto Internazionale Giovanni Falcone e Paolo Borsellino« steht heute in großen blauen Lettern auf dem Flughafengebäude geschrieben, an dem die Maschine vorbei zu ihrer Halteposition rollt. Giovanni Falcone wurde am 23. Mai 1992 zusammen mit seiner Frau und seinen Leibwächtern auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt getötet, Paolo Borsellino und seine Bodyguards wenige Wochen später mitten in einem Wohngebiet von Palermo. Die beiden Justizbeamten waren Feinde der Mafia – der Cosa Nostra, wie sie hier auf Sizilien heißt. Ihre Todfeinde. Salvatore »Totò« Riina, damals Boss der Bosse, bevor ein Bernardo Provenzano an seine Stelle rücken und zum meistgesuchten Verbrecher Europas werden sollte, hatte ihre Ermordung befohlen. Ihnen zu Ehren, den Märtyrern im Kampf gegen das organisierte Verbrechen, wurde der Flughafen umbenannt.
Hinter dem Terminal wiegen sich erst vor wenigen Jahren angepflanzte Palmen im leichten Wind. Der Geruch der mediterranen Macchia steigt in die Nase, und ein warmer Tag umfängt den Ankommenden. Im vergangenen Sommer sprang im Abfertigungsgebäude noch eine große Werbetafel ins Auge, auf der »I love Corleone« stand – mit dem Untertitel: »Kultur – Legalität – Events«. Im September 2006 sollte eine Kulturwoche in der Heimatstadt Bernardo Provenzanos stattfinden. Von verschiedenen Seiten wurde der Kommunalverwaltung aber vorgeworfen, sie wolle sich mit der Maxime »Legalität« der Antimafia-Bewegung bedienen, um mit Musik-, Tanz- und Sportveranstaltungen das geschäftsschädigende Image einer Mafia-Stadt zu korrigieren.
Geschäftsschädigend fanden das Einwohner der besonderen Art. Die Tochter von Totò Riina, der seit dessen Verhaftung im Januar 1993 hinter Gittern sitzt, klagte gegen die Gemeinde. Natürlich nicht, weil sie durch die eher harmlose Kulturwoche ihre Ehre als Verwandte eines berühmt-berüchtigten Mafiosos in den Schmutz gezogen sah, sondern weil sie und ihr Mann das Logo »I love Corleone« bereits länger auf T-Shirts und coppole (die typisch sizilianischen Schirmmützen) drucken lassen und damit in ganz Europa glänzende Geschäfte machen. Das Logo, so die Familie Riina, gehöre ihr. Auf beiden Seiten sind jetzt Anwälte mit dem Vorgang beschäftigt.
Anwälte einer Mafia-Familie, die sich mittels Rechtsmitteln gegen den Staat wendet? Es scheint sich etwas radikal verändert zu haben seit den Zeiten, als Vater Riina mit mörderischer Gewalt den Staat bekämpfte, Giovanni Falcone und Paolo Borsellino umbringen ließ und Bomben nicht nur in Palermo, sondern auch in Rom, Florenz und Mailand explodierten. Vielleicht hat sich die Cosa Nostra in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten schneller gewandelt als je zuvor in ihrer rund hundertfünfzigjährigen Geschichte.

Das Land, wo die Zitronen blühn

Die Orangen- und Zitrushaine, die man vom Bus aus auf der Fahrt vom Flughafen nach Palermo sieht, zeigen es deutlich an: Dies ist das Land, »wo die Zitronen blühn«. Das Meer leuchtet hier blauer als anderswo, was Reisende immer wieder zu euphorischen Tagebucheintragungen verführt hat: »Roter Wein beim Anblick des Meeres und wunschloses Behagen«, notierte beispielsweise Ernst Jünger 1977. Mehr oder weniger gebildete Besucher haben diese Insel seit dem 18. Jahrhundert immer wieder beschrieben. Die Reisenden der Aufklärung hatten dabei auch die Lebenswirklichkeit der Sizilianer im Auge. Das Erlebnis der Klassik war für sie Quelle der Kritik an der jeweiligen Moderne, etwa an der Verquickung der Kirche mit dem Feudalwesen und am Prunk einer ökonomisch langsam ausblutenden Oberschicht. »Der palermitanische Adel hat prächtige Ställe, aber sehr hässliche Bibliotheken«, bemerkte etwa der dänische Theologe Friedrich Münter. Eine der vielfach zitierten Erinnerungen ist der berühmte Satz eines deutschen Dichters: »Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist der Schlüssel zu allem.«
Goethes Wort, dessen sich die lokalen Tourismusorganisationen stets gerne bedienen, bezieht sich allerdings auf das, was der Dichter in Italien suchte: Arkadien, die Antike. Keine Region Italiens prunkt mit so vielen sehenswerten Zeugen der griechischen Antike – Tempel, Theater und Ausgrabungen -, sogar mehr noch als in Griechenland selbst. Wer wie Goethe das griechische – und das römische – Sizilien sucht, muss die Insel nur langsam im küstennahen Raum umrunden: der dorische Tempel von Segesta, dann die Akropolis von Selinunt, das Tal der Tempel in Agrigent, die Theater in Syrakus (wo laut Cicero jeden Tag die Sonne schien) und Taormina, die archäologischen Felder von Tyndaris westlich von Milazzo bis zu den Ruinen Himeras an der Nordküste zwischen Termini und Cefalù. Dabei wird man aber auch auf Hinterlassenschaften der Araber, Normannen und Staufer, der Anjou, der Aragonier und Bourbonen stoßen. Und ebenso auf die Architektur des umbertinischen und faschistischen Italien und auf einen überraschend wenig eklektischen Jugendstil in Palermo.
Wer sich nach Sizilien begibt, bewegt sich immer in mehreren Kulturen gleichzeitig. Sie sind Zeugen der unterschiedlichsten Fremdherrschaften, die wie die Naturgewalten, die Vulkanausbrüche und Erdbeben, das Leben der Inselbewohner geprägt haben. Wie so viele Süditaliener erscheinen die Sizilianer auf den ersten Blick verschlossen, stolz und unnahbar. Die neapolitanische Unbekümmertheit ist ihnen fremd. Sie haben ein eher pessimistisches Naturell. Dennoch ist es immer wieder überwältigend zu erleben, wie Menschen ihre Häuser und Speisekammern öffnen, um dem Fremden ein möglichst angenehmes Bild von sich und ihrer Heimat zu vermitteln. Oder um eine Recherche wie diese, die sich überwiegend mit den Schattenseiten des Alltags beschäftigt, unterstützend zu begleiten. Ohne die vielen Hinweise, die freimütigen Interviews und die kleinen und großen Hilfestellungen vieler Bewohner Siziliens hätte ich diese Seiten nie schreiben können.
Rund fünf Millionen Menschen leben heute auf der Insel. Ihre Umrisse sind merkwürdig dreieckig. Aus dem Griechischen stammt der antike Name »Trinakría«, der auf diese Form Bezug nimmt. Mit seinen 25 710 Quadratkilometern Ausdehnung ist Sizilien flächenmäßig die größte Region Italiens und zugleich die größte Insel des Mittelmeers. Oft wird sie als kleiner, eigener Erdteil beschrieben, wo man hohe Berge wie flache Strände finden kann. Alpines Klima prägt den Ätna (3263 Meter). Subtropisch geht es dagegen an der Südküste zwischen Marsala und Capo Passero mit heißen Sommern und milden Wintern zu. Die Pelagischen Inseln, wie etwa Lampedusa, aber auch das zu den Ägadischen Inseln gehörende Pantelleria sind, geographisch gesehen, bereits ein Teil Afrikas, politisch werden sie den Provinzen Agrigent beziehungsweise Trapani zugeordnet. An der nördlichen Küste zum Tyrrhenischen Meer herrscht ein typisch mediterran mildes Klima, wobei es schon mal zu dem einen oder anderen Regenschauer kommen kann. Im Inneren wechseln Höhenzüge als geographische Fortsetzung des italienischen Apennins mit sanften Hügeln, fruchtbaren Tälern, kargen Hochebenen, zerklüfteten Tafelgebirgen und kahlen Pässen.
Fünf Millionen Menschen – das sind etwa ebenso viele Einwohner, wie in den norditalienischen Regionen Piemont und Ligurien zusammen leben. Doch finden auf Sizilien nur 1,3 Millionen Personen Arbeit, während es in den beiden norditalienischen Regionen doppelt so viele sind. Dieses Verhältnis von Arbeitsund Wohnbevölkerung – im Norden des Landes eins zu zwei, im Süden eins zu vier – zeigt drastisch das ökonomische Grundproblem des mezzogiorno, des Südens Italiens, und das von Sizilien ganz besonders: Es fehlt Arbeit. Genauer gesagt bezahlte Arbeit, denn wirklich untätig sind nur wenige. Ganz schlimm trifft es die Jugendlichen: 47 Prozent aller jungen Männer von 19 bis 25 Jahren sind ohne dauernde Beschäftigung, bei den Frauen der gleichen Altersgruppe sind es sogar 62 Prozent. Die Folge sind Armut (30 Prozent der Familien der Insel haben der Statistik nach ein monatliches Einkommen von weniger als 500 Euro) sowie Unterentwicklung und mangelhafte Bildung. Das ist ein ökonomisch-soziales Klima, in dem mafiöse Strukturen gedeihen können, die Arbeit und Unterstützung versprechen, wo die Sozialsysteme eines fernen und bürokratisch verkrusteten Staates nicht greifen. Die Bank gibt dir keinen Kredit, weil du keine Arbeit hast? Komm zu uns, wir fragen nicht nach Sicherheiten, und der Zinssatz ist nur ein wenig höher als am offiziellen Schalter nebenan. Und irgendwann wirst du uns einfach einen kleinen Gefallen erweisen, so wie wir ihn dir jetzt tun …
Ein wirksames Gegenmittel wäre wirtschaftlicher Aufbau unter dem Prinzip der Legalität – doch welcher Unternehmer will investieren, wo das organisierte Verbrechen nicht nur die Geschäfte, sondern auch ganze Gebiete kontrolliert, für Wasser- und Stromanschlüsse sorgt (oder nicht) und bestimmen kann, wer die nächste Gemeinderatswahl gewinnt? So ist auch ein gesellschaftlich-kulturelles Klima entstanden, in dem mafiöses Verhalten, wie beispielsweise Schutzgeldzahlungen, zum akzeptierten Alltag gehört. Ein teuflischer Kreislauf: Unterentwicklung, Bürokratie und fehlende Bildung begünstigen die Mafia, die wiederum dafür sorgt, dass sich an diesen Zuständen nichts ändert. In den vergangenen 150 Jahren ist Sizilien mehr als andere süditalienische Regionen ein Auswanderungsland gewesen. Manche Dörfer haben bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Hälfte ihrer Einwohner verloren, die es auf der Suche nach Arbeit und Brot in Richtung Norditalien, Mitteleuropa und die USA trieb. Auch Simone, ein Bruder von Bernardo Provenzano, hat viele Jahre in Willich unweit von Düsseldorf gewohnt und bei Thyssen gearbeitet, bevor er nach Corleone zurückkehrte. Darüber, warum Bernardo Provenzanos Söhne, die selbst ebenfalls jahrelang im Untergrund leben mussten, so gut Deutsch sprechen, kann man nur spekulieren.
Sizilien ist seit 1948 eine autonome Region Italiens mit einem Sonderstatut, was bedeutet, dass bis auf die nationale Interessen berührenden Zuständigkeiten (wie Verteidigung, Justiz, Polizei, Finanzsystem etc.) viele andere politische Angelegenheiten vom Regionalparlament selbst geregelt werden können. Um das zu finanzieren, wird die Region von der Zentralregierung in Rom finanziell unterstützt, und zwar mit enormen Summen, auf die sich eine gierige politische Klasse stürzt. Eine Grauzone, an deren Rändern die Übergänge zum organisierten Verbrechen fließend sind.
Noch heute werden ganze Gemeinderäte Siziliens wegen mafiöser Durchsetzung auf Antrag des Innenministeriums vom Staatspräsidenten zwangsaufgelöst (zwischen 1991 und 2005 waren es insgesamt 44). Und die Staatsanwaltschaft ermittelt gerade sogar gegen Salvatore Cuffaro, den gewählten Präsidenten der Region. Er steht unter dem Verdacht, die Cosa Nostra von außen unterstützt zu haben. Wenn man Mitglieder von Cuffaros Christlicher Zentrumspartei, der UDC, darauf anspricht, erwidern diese nicht selten, das sei nur eine Kampagne der politisierten italienischen Justiz, die eine Insel wie Sizilien nicht verstehen könne und wolle. Überhaupt sei die Mafia – und dabei wiegt man dann gedankenschwer den Kopf – ein ernstes Problem, doch diene es dem hochnäsigen Norden vor allem dazu, seine rassistischen Vorurteile zu bestätigen, alle Sizilianer in einen Topf zu werfen und die Insel in Abhängigkeit vom italienischen Festland zu halten.
Diese Argumentation von sizilianischer Seite hatte man so oder ähnlich immer dann hören können, wenn das Thema Mafia – meist kurzfristig und nur bei spektakulären Mordanschlägen – auch auf dem Festland, »dem Kontinent«, diskutiert wurde. Ein »Anderssein« gehört zum Grundgefühl der Insel, das sich mitunter bis hin zu separatistischen Tendenzen, wie etwa in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, steigern kann. Leonardo Sciascia (1921-1989), der bedeutendste Schriftsteller Siziliens des späten 20. Jahrhunderts und Autor der ersten Antimafia-Romane, hat versucht das Wesen seiner Landsleute mit dem Begriffspaar »Sizilianismus/Sizilianertum« (sicilianità/sicilitudine) zu erklären. In einem Gespräch sagte er: »Sizilianismus ist politisch und meint einen gewissen Separatismus, ein gewisses Für-sich-Bleiben, eine Ideologie Siziliens als Salz der Erde. Das Sizilianertum dagegen beinhaltet einen menschlichen Zustand, eine gefühlsmäßige Bindung, die nichts mit Ideologie, mit Sizilianismus zu tun hat. Sizilianismus ist im Großen und Ganzen die Mafia, Sizilianertum setzt auf einen eigenen Charakter. Ich halte nichts von Separatismus. So wenig Sizilien von Italien verstanden wird, ist doch Sizilien italienisch und der Sizilianer ein Italiener.«
Was auf den ersten Blick als Spitzfindigkeit erscheint, erweist sich als treffende Beschreibung der beiden Seelen Siziliens. Aber je länger ich mich mit der Insel beschäftige, desto mehr habe ich das Gefühl, dass mir das Verständnis für ihr Wesen entgleitet. Die brennende Sonne, die ausgetrockneten Hochebenen, der Ernst der Menschen kontrastieren mit ihrer Fähigkeit zur Ironie, der Heiterkeit eines Strandabends, dem fröhlichen Leben in den Straßen Palermos, der Geschäftigkeit der Märkte und den immer-grünen Bäumen, die Siziliens Regionalhauptstadt auch im Winter einen Hauch von Frühling verleihen.

Die Hoffnung lässt sich nicht wegsprengen

Vor einem Wohnhaus in der vom Verkehr durchfluteten Via Notarbartolo steht ein Baum, ein Ficus. Genauer gesagt krümmt er sich vom Gebäude weg hin zu etwas mehr Licht und Luft. Auch wenn das Viertel nicht einer diskreten Eleganz entbehrt und die Auslagen der Geschäfte auf einen gewissen Wohlstand der Anwohner schließen lassen, gehört es doch zum neu gewachsenen Palermo, in dem die Jagd nach Grundrenditen nur wenig Platz für ein bisschen Grün gelassen hat. In diesem Haus haben Giovanni Falcone und seine Frau Francesca Morvillo, Richterin auch sie, gewohnt. Heute ist der Stamm des Ficus mit Botschaften gespickt, mit Erinnerungen an Falcone und Borsellino, mit kleinen Briefen und Fotos.
Einmal im Jahr, am 23. Mai, kurz vor 18 Uhr, versammeln sich hier Menschen zu einer kleinen Demonstration. Es sind Vertreter von unterschiedlichen Vereinigungen, die zur Antimafia-Bewegung gehören: zum Beispiel die »Solidaria«, die sich um die Angehörigen der Opfer von Mafia-Verbrechen kümmert. Junge Leute von der Gruppe »Addiopizzo« gehören dazu, die in einer Stadt, in der angeblich 80 Prozent aller Kaufleute und Händler an die Cosa Nostra Schutzgelder zahlen, Bewusstsein für eine kritische Käuferhaltung wecken wollen. Andere wiederum bieten Hilfe für Personen an, die in den Strudel von Wucherzinsen geraten sind. Aber auch Lehrer mit ihren Schulklassen kommen, und schließlich Familien und Einzelpersonen aus den unterschiedlichsten Schichten der Stadt.
Sie wollen an Giovanni Falcone erinnern, der ein Hoffnungsträger war für alle, die an ein Palermo, an ein Sizilien glaubten, in dem die Cosa Nostra und das organisierte Verbrechen immer weniger Macht und Einfluss haben. Sie wollen demonstrieren, dass diese Hoffnung nicht mit Bomben weggesprengt werden kann, wie um 17.58 Uhr im Jahr 1992 das Autobahnstück bei dem Badeort Capaci, wo Falcone, seine Frau und die Männer seiner Begleitmannschaft ums Leben kamen. Sie wollen nicht nur erinnern, sondern auch zeigen, dass die Stadt heute mehr denn je bereit ist, sich gegen das Übel zu wehren, das sie im Griff hält.
Wirklich heute mehr denn je? Seitdem die Cosa Nostra ihre Strategie des frontalen Zusammenstoßes mit dem Staat aufgegeben hat und lieber still im Untergrund ihre Geschäfte tätigt, als durch spektakuläre Verbrechen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, lässt auch der zivile Widerstand gegen das organisierte Verbrechen nach. Viele Menschen sind wieder zur Tagesordnung übergegangen, bei der es mehr um die Probleme des Alltags geht, um Arbeit, Familie und das kleine Glück. »Die Cosa Nostra will nicht, dass man über sie spricht«, sagt Pietro Grasso, der leitende Staatsanwalt der nationalen Antimafia-Behörde in Rom.

Eine Stadt voller Narben

In der Stadt Palermo leben heute rund 700 000 Menschen, im Großraum sind es etwas mehr als eine Million. Mit einer Bevölkerungsdichte von durchschnittlich 4251 Personen pro Quadratkilometer gehört Palermo damit nach Neapel und Mailand zu den Gegenden mit den größten Menschenansammlungen Italiens. Während es in der Stadt eng zugeht, bietet die restliche Insel viel Platz: Auf Sizilien verlieren sich im regionalen Durchschnitt nur 198 Personen auf einem Quadratkilometer. Palermo liegt, einer Muschel gleich, von den Armen eines Vorgebirges der Madonie geschützt an der nordwestlichen Küste Siziliens. Diese lichtdurchflutete Conca d’oro (»Goldene Muschel«) wurde von den Reisenden früherer Jahrhunderte immer wieder hymnisch beschrieben, Goethe nannte den Monte Pellegrino »das schönste Vorgebirge der Welt«.
Die ehemalige Gartenlandschaft mit ihren Zitrusplantagen und Adelsvillen, mit Maulbeerbäumen, Steineichen und Feigenkakteen ist inzwischen auf weiten Flächen unter Betonüberwucherungen verschwunden. In den fünfziger und sechziger Jahren wuchs Palermo durch Zuzug aus der ganzen Insel unverhältnismäßig schnell, und entsprechend groß war das Bedürfnis nach Wohnraum. Zwischen 1959 und 1963 vergab das Stadtparlament unter dem christdemokratischen Bürgermeister Salvo Lima und seinem Baudezernenten Vito Ciancimino tausende Baugenehmigungen an immer dieselben fünf »Unternehmer«. Das waren fünf Bauarbeiter [sic!], die bekannten Mafia-Firmen als Strohmänner dienten. Diese Zeit ist als sacco di Palermo (»Plünderung Palermos«) in die Geschichte eingegangen. Herrliche Villen wurden abgerissen oder von Betonklötzen umzingelt, und die schönsten Gärten der Stadt verschwanden unwiederbringlich. Ciancimino, Sohn eines Barbiers aus Corleone, der 1970 sogar Bürgermeister der Stadt wurde, war ein Mann der Cosa Nostra.
Palermo ist eine Stadt voller Narben. Und wer sie sich von kundigen Einheimischen zeigen lässt, bekommt nicht nur die kulturellen Höhepunkte zu sehen, normannische Paläste und barocke Kirchen, sondern auch die Orte berühmter Verbrechen: So wurde zum Beispiel hier auf dem Fußweg (Via Cavour) 1980 der Oberstaatsanwalt Gaetano Costa erschossen, da drüben (Via Carini) 1982 der Carabinieri-General Alberto Dalla Chiesa ermordet und dort (Via Vittorio Alfieri) 1991 der Unternehmer Libero Grassi. Die Liste der Namen und Schauplätze ist lang. Seit Bestehen der Cosa Nostra schätzt man die Zahl ihrer Opfer auf mehr als 5000. Ihnen allen wurde auf der Piazza XIII Vittime, einer Verkehrsdrehscheibe am Hafen, ein Monument aus hohen, winklig versetzten Eisenstelen errichtet mit der Inschrift: Ai caduti nella lotta contro la mafia – »Den Gefallenen im Kampf gegen die Mafia«. Die Piazza selber trägt ihren Namen nach 13 Opfern eines republikanischen Aufstands von 1860, kurz bevor Garibaldi in Palermo einmarschieren und damit die erste große Stadt des Südens für das neue, geeinte Italien gewinnen konnte.

Die Cosa Nostra und die anderen Mafien

Die Geschichte der sizilianischen Mafia lässt sich in vier Phasen gliedern: in die sogenannte Protomafia des Übergangs von feudalen zu bürgerlichen Wirtschaftsformen, die landwirtschaftliche Mafia, die städtisch-unternehmerische Mafia und schließlich die Finanzmafia. Die Entstehung der Organisation fällt in die Zeit der Bildung des italienischen Nationalstaats, der um 1861 in Süditalien die von Neapel aus regierenden Bourbonen verdrängte. Sie hat sich besonders in Westsizilien entwickelt, in den Provinzen Palermo, Caltanissetta, Agrigent und Trapani, wobei Stadt und Provinz Palermo eine herausragende Stellung einnehmen. Mafia-Gruppen gibt es aber heute auf der ganzen Insel.
Der Begriff »Mafia«, der vermutlich auf ein volkstümliches Theaterstück mit dem Titel »I mafiusi di la Vicaria« aus dem Jahr 1862 zurückgeht, war von Anfang an schillernd. Mal wurde mit mafia ein stolzer, aber gleichermaßen selbstherrlicher Mann, mal auch Straßenräuber und Wehrdienstverweigerer, dann ein Nichtstuer bezeichnet. Später diente der Ausdruck als Metapher für alles, was unvereinbar war mit den Werten des Staates des 19. Jahrhunderts. Erst langsam wandelte er sich zu dem, was wir heute unter Mafia verstehen: das kriminelle Netz- und Wirtschaftsgefüge einer geheimen und mehr oder weniger hierarchisch strukturierten Organisation, die eine Art Parallelstaat zur legalen Ordnungsmacht aufgebaut hat.
Aber Mafia ist heute vieles. Man spricht in der Öffentlichkeit und in den Medien von »Mafia«, wenn man Lobbyisten beschreibt oder Korruptionssysteme meint, Untergrundorganisationen oder Netze von Klientelismus und Illegalität. Außerdem spricht man beispielsweise von einer türkischen, russischen, albanischen, kolumbianischen Mafia. Die Leichtfertigkeit, mit der heute der Begriff gebraucht wird, hatte bereits Giovanni Falcone kritisiert: »Während man früher davor zurückscheute, das Wort ›Mafia‹ auszusprechen, benutzt man es heute sogar zu häufig. Es gefällt mir nicht, dass man fortwährend von ›Mafia‹ spricht, um etwas sehr Allgemeines zu beschreiben, denn dabei vermischt man nur Phänomene, die zwar in der Tat zum organisierten Verbrechen gehören, mit der eigentlichen Mafia aber wenig oder gar nichts zu tun haben.« Wenn alles Mafia ist, kann man Mafia nicht mehr erkennen.
In Italien bezeichnet heute »Mafia« oder »Cosa Nostra« die organisierte Kriminalität auf Sizilien, »Camorra« diejenige von Neapel und der Region Kampanien und »’Ndrangheta« die in Kalabrien, wobei der sizilianische Mafia-Zweig in den USA ebenfalls »Cosa Nostra« genannt wird. Außerdem spielt eine Camorra-Gründung in Bari und dem apulischen Raum unter dem Namen »Sacra Corona Unita« eine wichtige Rolle. Zudem ist auf Sizilien noch die »Stidda« aktiv, eine Gruppe Mafia-Rebellen, welche die Vorherrschaft Palermos nicht anerkennt und eine Art föderales System fordert.
Während die sizilianische Mafia vor allem (aber nicht nur) auf dem Land entstand, war die neapolitanische Camorra eine rein städtische Gründung des frühen 19. Jahrhunderts mit dem Ziel, sich der Kontrolle der Märkte, Spielhöllen, Versteigerungen und dergleichen zu bemächtigen. Als Mafia, das heißt als kriminelle Vereinigung mit der Charakteristik einer parallelstaatlichen Ordnungsmacht, bildete sich die Camorra erst nach dem Zweiten Weltkrieg heraus. Dabei spielten sizilianische US-Emigranten, so etwa Lucky Luciano, eine gewisse Rolle. Der Boss der amerikanischen Cosa Nostra wurde von der Regierung der USA nach seiner vorzeitigen Haftentlassung ausgewiesen und nach Neapel gebracht. Luciano fand Gefallen an der Stadt, importierte das sizilianisch-amerikanische Modell und passte es den lokalen Gegebenheiten an. Zu denen gehört, dass die Camorra keine hierarchischen Strukturen entwickelt hat (wie sie etwa die Cosa Nostra mit ihrer »Kommission« als eine Art Provinzialregierung kennt), sondern aus mehr oder weniger gleichrangigen Clans besteht.
Als in den siebziger Jahren der Boss Raffaele Cutolo, genannt »O’Professore«, die Camorra als »Nuova Camorra Organizzata« (NCO) unter seiner Führung hierarchisieren wollte, kam es zu blutigen Kämpfen zwischen den Clans, die mehrere hundert Tote kosteten und mit der Niederlage der NCO endete. Ohne innere Ordnung führten und führen Konflikte zwischen den neapolitanischen Clans schneller zu gewalttätigen Auseinandersetzungen als etwa auf Sizilien. Zuletzt herrschten in den Jahren 2005/2006 in Neapel und Umgebung fast kriegsähnliche Zustände.
Laut Schätzungen der römischen Antimafia-Behörde DIA setzen die verschiedenen italienischen Mafia-Organisationen heute rund 100 Milliarden Euro pro Jahr um, was einem Anteil von 7,5 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts entsprechen würde – oder rund dem Doppelten vom Umsatz des Fiat-Konzerns. Davon entfallen rund 30 Milliarden Euro allein auf die sizilianische Mafia. Allerdings sind solche Zahlen nur grobe Richtwerte, denn weder die Cosa Nostra noch die Camorra führen Geschäftsbücher.
Wirtschaftsinstitute sprechen von einem Reingewinn der Cosa Nostra, der etwa 35 Prozent des Umsatzes ausmacht. Kostenfaktoren sind unter anderem die Garantiegehälter für »Ehrenmänner«, die sonst keine eigenen Einnahmen haben, die Unterstützungszahlungen für einsitzende Mafiosi und ihre Familien, die Investitionen in Waffentechnologien und Schutzeinrichtungen (kugelsichere Autos, abhörsichere Handys etc.) – und natürlich die Schmiergelder für Politik und Verwaltung. Die machen aber, wie Pietro Messina im Limes-Heft über die Mafia beschreibt, nicht mehr als drei Prozent der Kosten aus.
Der Leiter der Behörde, Staatsanwalt Pietro Grasso, hat einen Rückgang der Aktivitäten von Cosa Nostra im internationalen Drogenhandel beobachtet. Das ist vermutlich den Anstrengungen der Justizbehörden zu verdanken, die in den beiden letzten Jahrzehnten vor dem Millenniumswechsel besonders die sizilianische Mafia ins Visier genommen hatten. Totò Riina verfolgte damals die Strategie der offenen bewaffneten Konfrontation mit dem Staat – und der wehrte sich: Bessere Fahndungsmethoden führten zu mehr Festnahmen, Gesetze wurden verschärft, nach harten Urteilen in mehreren Großprozessen wanderte eine ganze Generation von Mafiosi hinter Gitter, und ihre Besitztümer (vor allem Immobilien und Bodenflächen) wurden eingezogen und teilweise Kooperativen von Jugendlichen zur neuen Nutzung überlassen.
Riinas Nachfolger, Bernardo Provenzano, war ab Mitte der neunziger Jahre bemüht, die Cosa Nostra aus den Schlagzeilen zu bringen. Provenzano ließ die Organisation – »das Spielzeug«, wie sie im inneren Mafia-Jargon genannt wird – abtauchen, um im (stillen) Untergrund ungestörter ihren Aktivitäten nachgehen zu können. Bei dieser Strategie des Schweigens, der »Pax mafiosa«, des angeblichen Friedens, verfolgte man Interessen, die sich wieder mehr dem ureigenen sizilianischen Terrain zuwandten und zum Beispiel in Bereichen wie Schutzgelderpressung, Wucher, Kontrolle öffentlicher Ausschreibungen, bei Bautätigkeiten und schließlich im Gesundheitssystem erhebliche Gewinne erzielten. Wobei die Mafia mittels Erpressung und Wuchermethoden gelegentlich Unternehmen ausbluten ließ, bis sie diese schließlich selbst übernehmen konnte, um damit – scheinbar – ganz legale Geschäfte zu machen. Dabei bedient sie sich in zunehmendem Maße bürgerlicher Kreise: Steuer- und Finanzberater, Bankangestellte, Verwaltungsbeamter, Ärzte, Politiker. Die Mafia trägt längst weiße Kragen. Und während die Korrumpierbarkeit der Gesellschaft durch die »Verbürgerlichung« der organisierten Kriminalität zunimmt, wird die Cosa Nostra immer »legaler«.
Das internationale Feld etwa des Drogenhandels hat man teilweise der’Ndrangheta überlassen. Die kalabresische Mafia ist in den vergangenen Jahrzehnten weniger mit Anschlägen und Attentaten auf hochgestellte Persönlichkeiten in die Schlagzeilen geraten und folglich nicht so deutlich ins Blickfeld der Öffentlichkeit und der Justizbehörden gerückt. Was aber interne »Kriege« nicht ausgeschlossen hat. Mit eisernem Griff und brutaler Gewalt kontrollieren die Familien der’Ndrangheta große Teile der regionalen Wirtschaft Kalabriens. Der fremd anmutende Name geht vermutlich zurück auf das griechische andragathía, was sich mit »Männlichkeit« oder mit »Mut« übersetzen ließe.
Anders als die Cosa Nostra ist die’Ndrangheta oft in reinen Blutsfamilien organisiert. Auch deshalb erweist es sich als schwieriger, in Kalabrien etwa sogenannte pentiti (wörtlich: »Reuige«) als eine Art Kronzeugen wie auf Sizilien zu finden, wo sich Mafiosi besonders während der Herrschaft Riinas von der »brutalen« Strategie der Organisation losgesagt und gegen Schutzgarantien und Zusagen finanzieller Unterstützung der Justiz als Mitarbeiter zur Verfügung gestellt haben. Trotz einiger spektakulärer Erfolge der Ermittlungsbehörden hat die’Ndrangheta sich deshalb immer weiter ausbreiten können. Und im internationalen Geschäft ist die frühere »kleine Schwester« der Cosa Nostra sogar der sizilianischen Mafia über den Kopf gewachsen. Allerdings liegen der DIA Erkenntnisse vor, dass die Cosa Nostra über Joint Ventures an vielen internationalen Geschäften der’Ndrangheta beteiligt ist und auch logistische Hilfestellung leistet.

Mythos Mafia

Mario Puzo lässt seinen berühmten Roman »Der Pate« mit einem Fest zur Hochzeit der Tochter des Padrino Don Vito Corleone beginnen. Die Figur dieses amerikanischen Mafia-Bosses sizilianischer Abstammung ist eine gelungene Erfindung. Schon sein Name bezieht sich spekulativ auf die Mafia-Hochburg Corleone, ein Städtchen in der Provinz Palermo. Das glänzende Fest in einem großen Haus auf Long Island mag wenig mit der Realität der sizilianischen Mafia zu tun haben. Die setzt zwar Milliarden von Euro um, sieht sich aber großenteils dazu gezwungen, im Untergrund zu agieren oder zumindest ihren Reichtum nicht zu auffällig zur Schau zu stellen. Dennoch feiern die Mafia-Familien in Palermo und Umgebung auch heute Feste, verheiraten ihre Kinder (in der Regel nur mit Kindern anderer Mafiosi) oder begehen die religiösen Festtage mit dem auf der Insel üblichen Aufwand. Und einige, wie etwa Luciano Liggio, der in den siebziger Jahren mit Sonnenbrille und Zigarre im Mundwinkel in der Öffentlichkeit auftrat, orientierte sich sogar in seinem Gehabe offensichtlich an Marlon Brandos filmischer Interpretation des Padrino in »Der Pate«.
Bei einer Großrazzia im Noce-Viertel von Palermo konnten im Januar 2007 einige untergetauchte Anführer des herrschenden Clans verhaftet werden. Dabei fielen den Ermittlern auch Unterlagen über Schutzgeldzahlungen in die Hände. Den pizzo, wie das Schutzgeld im Jargon heißt, zahlt man nicht nur in Heller und Pfennig, sondern manchmal auch in Naturalien. Zum Beispiel hatte sich die größte Bäckerei des Viertels bereit erklärt, alle Feste des Clans mit Torten und anderen Süßspeisen auszustatten. So finanzierte übrigens auch Mario Puzos Padrino in Übersee die Hochzeit seiner Tochter: »Der Barkeeper war ein alter Kamerad, dessen Hochzeitsgeschenk darin bestand, dass er den ganzen Alkohol spendierte und sich selbst mit seinen fachlichen Qualitäten für das Fest zur Verfügung stellte.«
Es ist abwegig, das Bild der Mafia, wie es Mario Puzo in seinem Roman zeichnet und Francis Ford Coppola in der Verfilmung noch ausmalt, auf die Gegenwart zu übertragen. Der Mythos ist ein Feld, auf dem sich die Mafia selber gerne bewegt, das Bild von der onorata società, der »ehrenwerten Gesellschaft«, führt ihr heute noch Anhänger aus den unteren Schichten der Bevölkerung zu. Dabei ist sie nichts anderes als eine gewalttätige und verachtenswerte Verbrecherorganisation. Doch werfen Puzo/ Coppola durchaus Streiflichter auf die Beziehungen zwischen Amerika und Sizilien. Im Zuge der Emigrationswellen am Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten auch Teile der Organisation, die damals auf Sizilien Namen trug wie cosca (»Clan«), società (»Gesellschaft«) oder einfach fratellanza (»Bruderschaft«), in die Neue Welt aus. Der Begriff »Mafia« ist innerhalb der Organisation ein Unwort. Kein Mafioso würde sich als solcher bezeichnen.
In Amerika bildete sich der Ausdruck »Familie« für den inneren Kern der Organisation heraus, was nicht mit einer Blutsverwandtschaft zu tun haben muss. Oft zerreißen Mafia-Familien die Blutsfamilien. Kinder ermorden ihre Eltern, Geschwister werden zu Todfeinden, oder der eine Bruder weiß überhaupt nicht, dass der andere zur Mafia gehört. Denn es handelt sich bei ihr um ein geheimes Syndikat des Verbrechens, das aus dem Untergrund heraus operiert – in New York gestern wie in Palermo heute. Der Aufbau »familiärer Bindungen« im melting pot von Brooklyn oder den Vorstädten Chicagos war Ausdruck einer Art landsmännischen Traditionalismus zum Schutz der Identität. Es war die Suche nach einer »heilen Welt«, die typisch für die italoamerikanische Mafia ist.
So ist vermutlich auch die Bezeichnung »Cosa Nostra« zunächst in Amerika entstanden, wo man sich gegen die Belange anderer Völkergruppen absetzen wollte und »unsere Sache« (cosa nostra) schützen musste. Erst als die Mafia nach der Landung der angloamerikanischen Truppen auf Sizilien im Sommer 1943 wieder aufblühte, setzte sich die Bezeichnung auch auf der Insel durch. Für den Historiker Salvatore Lupo ist das ein Anlass, »das übliche Schema, nach dem Sizilien Archaismen exportiert, umzudrehen, und zu fragen, wie viele Archaismen in Amerika geschaffen werden, um in die Alte Welt zurückgetragen zu werden«.

Kann man die Mafia sehen?

Die Mafiosi tragen keine Uniformen, ihre Autos haben keine besonderen Kennzeichen, und auf ihren Häusern wehen keine schwarzen Piratenfahnen. Wenn man etwa mit Deutschen spricht, die in Palermo leben, heißt es, man habe keine Angst, man wisse zwar um die Mafia, lese auch hier und da in den Zeitungen etwas über sie, aber man sei noch nie in Berührung mit ihr gekommen, sie spiele im Alltag der Stadt keine spürbare Rolle. In den Straßen werde auch nicht (mehr) geschossen. Keine Frage – es lässt sich in Palermo, einer der schönsten, aber auch widersprüchlichsten Städte Südeuropas, wunderbar leben, ohne dass man von der organisierten Kriminalität behelligt wird. Cosa Nostra – das ist eine andere Welt, eine andere Stadt.
Ist sie das wirklich? Natürlich kann man der Baustelle nicht ansehen, ob auf ihr mafiöse Unternehmen tätig sind. Man bemerkt nur Menschen, die arbeiten. Und der Bäcker, bei dem wir unser Brot kaufen, zahlt er den Pizzo? Wenn man in die Via Libertà, die lange und elegante Ausfallstraße von der Piazza Politeama Richtung Westen einbiegt (dort, wo die Stadtpläne der meisten Reiseführer aufhören), blickt man in die Vitrinen von Luxusgeschäften, passiert eine Bankfiliale nach der anderen, liest auf blank geputzten Messingschildern die Namen von Rechtsanwälten und Ärzten und sieht hoch zu gepflegten Fassaden. Das geht nicht nur wenige hundert Meter so, das sind mehrere Kilometer, die eher nach Mailand gehören als nach Palermo. Und das soll eine Stadt sein, die dem Anteil am Bruttoinlandsprodukt nach auf Platz 95 von 103 Provinzen steht und damit offiziell zu den ärmsten Orten Italiens gehört?
In Palermo kann man bei einem Spaziergang neben der Luxusstraße die heruntergekommene Gasse finden, das elegante Wohnhaus neben der Abrissbude, die gepflegte Parkanlage neben dem verdreckten Platz, exotische Vögel in den Gärten des Palazzo D’Orleans neben streunenden Hunden im Altstadtviertel Kalsa. Erste und Dritte Welt wohnen hier gleichsam Tür an Tür. Es wäre anmaßend, in den wohlhabenden Winkeln der Stadt immer gleich ihre verbrecherischen Seiten zu vermuten. Aber man fragt sich schon, warum es in einer statistisch armen Stadt so viele Bankfilialen gibt.
Der Schriftsteller Roberto Alajmo wohnt in einer kleinen Villa direkt an der Strandstraße von Mondello, einem eleganten Vorort von Palermo und gleichsam der Strand der Stadt. Roberto Alajmo erachtet es als wichtig, einen kleinen Abstand zur Stadt zu haben, die zum Resonanzboden seiner Geschichten, Beobachtungen, Reflexionen geworden ist. Kann man Mafia sehen? Für Alajmo ist sie vor allem ein Geruch, »besser: ein Gestank«. Als würde man in sein lange Zeit ungelüftetes Landhaus kommen und diesen Gestank von Verwesung wahrnehmen. Irgendwo muss sich ein Tier, eine Maus, zum Sterben verkrochen haben. Unter dem Schrank oder sonst wo. »Du weißt nicht genau, wo, aber der Gestank sagt dir, dass irgendwo eine tote Maus liegt. Das ist für mich Mafia: der Gestank einer versteckten toten Maus.«

Ist die Cosa Nostra am Ende?

Die sizilianische Mafia ist oft totgesagt worden, stand manchmal kurz vor der Auflösung – und hat sich doch stets neu zu organisieren vermocht. Kann ihr das auch diesmal wieder gelingen, nachdem Bernardo Provenzano, der letzte Padrino der Corleonesen, im April 2006 verhaftet wurde? Oder bedeutet sein Ende vielleicht nicht auch das Ende der Cosa Nostra?
Diese Fragen sind das Leitmotiv der folgenden Untersuchung. Sie versucht, für eine nicht spezialisierte Leserschicht zu beschreiben, was denn die mythenumrankte sizilianische Mafia überhaupt ist. Und in welchem Umfeld sie sich bewegt. Ausgangspunkt sind der Heimatort des letzten Paten, Corleone, und die Rolle des Ortes in der Geschichte des organisierten Verbrechens. In Corleone war die Spezialeinheit unter der Leitung des Commissario Renato Cortese schließlich auf die banale und zugleich entscheidende Spur gestoßen, die zu Provenzanos Festnahme führte: die Spur der Wäsche. Es folgt ein kleiner historischer Überblick über die Entstehung und die Entwicklung der Mafia, der die Grundlagen zum Verständnis der folgenden Kapitel legt. In diesen werden vor allem die Entwicklungen und Verwicklungen innerhalb der Cosa Nostra durch die Biographie ihres letzten Paten gespiegelt. Nach einem Blick ins Innere der Mafia (soweit das bei einer Geheimorganisation überhaupt möglich ist) wird es um das Verhältnis und die Symbiose von Mafia, Politik und Gesellschaft gehen – ein wirklich dornenreiches Kapitel. Abschließend folgen zwei Arten der »Antimafia«: die »professionelle« der Ermittlungsund Justizbehörden und die »freiwillige« einiger (aber leider immer noch zu weniger) Gruppen der Zivilgesellschaft. Die Mafia ist ein vielschichtiges und verzweigtes Unternehmen. Der Übersichtlichkeit halber beschränkt sich diese Untersuchung auf Palermo und den Raum um die sizilianische Regionalhauptstadt, wo die Mafia entstanden ist und wo sich heute noch ihr Zentrum findet.
Das ist eine journalistische Untersuchung, keine wissenschaftliche. Das heißt, der Autor hat Personen besucht und befragt, die es besser wissen als er. Oder er hat ihre Veröffentlichungen gelesen und in seine Erzählung ebenso eingebaut wie die Berichte und Analysen italienischer Kollegen der Tages- und Wochenpresse. Wobei im Text auch journalistisch-literarische Mittel wie Reportage, Interview oder »historische Nachstellungen« auftauchen. Bei größtmöglicher Genauigkeit sollte zugleich eine breite Verständlichkeit erreicht werden. Auf Anmerkungen wurde verzichtet. Die Belege ergeben sich aus den jeweiligen Zusammenhängen und sind im Literaturverzeichnis am Ende des Textes getrennt angegeben. Ein Glossar der im Text erwähnten Hauptakteure soll die verwirrende Vielfalt der handelnden Personen überschaubar machen.
 
HK, im Sommer 2007

Erstes Kapitel
Die Spur der Wäsche: Jagdszenen aus Corleone
Corleone, Hochburg der Mafia und der Antimafia – Familie Provenzano taucht auf – Wie man einen Paten fängt
 
 
 
 
 
Mit dem Abend des 10. März 1948 neigte sich ein frühlingswarmer Tag seinem Ende entgegen. Ein kräftiger Mond schien vom wolkenlosen Himmel über Corleone. Man traf sich in den erleuchteten Straßen um die zentrale Piazza Garibaldi, redete, flanierte müßig auf und ab. Placido Rizzotto hatte einen Bekannten nach Hause begleitet und wollte gerade zu seinem Elternhaus gehen, als ihn sein Nachbar Pasquale Criscione, der Feldaufseher des ehemaligen Feudalbesitzes »Drago«, überredete, zusammen noch quattro passi, ein paar Schritte, zu machen.
Gleichsam aus dem Nichts tauchte Luciano (»Lucianeddu«) Liggio neben ihnen auf. Placido erkannte den jungen Mafioso sofort, obgleich der eine tief ins Gesicht gezogene Kapuze über dem Kopf trug. »Was willst du?«, fragte der Gewerkschafter und versuchte Ruhe zu bewahren. Klar, Criscione hatte ihn nicht zufällig zu diesem Spaziergang eingeladen. »Beweg dich!«, herrschte ihn Lucianeddu an. »Wir müssen nachdenken.« Und unter seinem Umhang drückte er den Lauf einer Pistole in die Hüfte von Placido Rizzotto. »Gehen wir dorthin, wo es ruhiger ist.«
Ragionare, nachdenken, abwägen, gehörte zum Alltag in den von der Mafia beherrschten Orten. Man dachte über alles nach: über die Dinge, die man zu tun hatte oder die man besser lassen sollte, über die Dinge, die den amici, den »Freunden«, gefielen oder auch nicht. Und vielleicht erwartete Placido Rizzotto wirklich einen Hinweis, eine Warnung der Cosa Nostra. Der Gewerkschafter hatte unter anderem erreicht, dass das ehemalige »Drago«-Land aufgrund des neuen Landwirtschaftsgesetzes, dem zufolge unbebaute oder schlecht genutzte Anwesen der allgemeinen Nutzung anheimfallen sollten, den Kleinbauern von Corleone übereignet werden sollte. Jemand wie Michele Navarra, ein ortsbekannter Arzt und Direktor des Krankenhauses, der hinter der Maske des Gutbürgers die des Mafia-Capos und mächtigsten Mannes des ganzen Landstrichs verbarg, konnte nicht mit ansehen, wie hier Land ohne seine Einwilligung verteilt wurde. Einige Leute in Corleone hatten offensichtlich nicht gründlich nachgedacht. Lucianeddu war der Richtige, es ihnen beizubringen.
Placido Rizzotto stolperte zusammen mit seinen Begleitern dem Ortsausgang zu. Wo sie vorbeikamen, verschwanden plötzlich die Leute von der Straße, Fensterläden wurden zugeschlagen, in den Schlössern der Türen drehten sich hastig die Schlüssel. Placido begriff, riss sich los und floh in eine Seitengasse – nur um dort anderen Männern in die Arme zu laufen. Er schrie um Hilfe, doch sie warfen ihm Decken über den Kopf, schlugen auf ihn ein und zerrten ihn zu einem Auto, das bereits in der Nähe der Kirche San Lorenzo mit laufendem Motor wartete. Ohne Licht verschwand der Wagen dann Richtung Norden, wo sich unterhalb des 1600 Meter hohen Gipfels des Rocca Busambra eine Hochebene erstreckt …

Corleone, ein ganz normales Städtchen?

Corleone, das knapp 12 000 Einwohner zählt, liegt rund 60 Kilometer von Palermo entfernt im gebirgigen Hinterland Westsiziliens an der alten Verbindungsstraße SS (Strada Statale) 118 von Palermo nach Agrigent. Dieser strategisch günstigen Lage verdankt das Gebiet um Corleone seine Besiedlung, die bereits zu vorgeschichtlichen Zeiten einsetzte und deren Spuren in einem kleinen Heimatmuseum zu besichtigen sind: Hier stößt der Besucher auf interessante Funde, die bis in die Bronze- und Eisenzeit zurückreichen. Zu sehen ist außerdem ein Meilenstein aus dem Jahr 252 v. Chr., der belegt, wie wichtig die Straßenverbindung bereits in der Antike war. Inzwischen wurde deren Rolle von einer Schnellstraße übernommen, die weiter östlich verläuft und Corleone etwas ins Abseits gedrängt hat.
Umgeben von einer streckenweise wildromantisch anmutenden Landschaft mit kleinen Wäldern, ausgedehnten Hochebenen, mächtigen Felsvorsprüngen und rauschenden Wasserfällen, wird der muschelartig zwischen den Hängen der umgebenden Berge angelegte Ort von einem Sarazenenturm sowie von einer mittelalterlichen Burg beherrscht, in der heute Franziskaner leben. Aus der arabischen Besiedlung Siziliens ab 800 n. Chr. hat sich das filigrane Straßen- und Gassennetz des Ortskerns erhalten. Die vielen Kirchen belegen die religiöse Bedeutung Corleones seit der Normannenzeit – allen voran die Chiesa Madre, die Hauptkirche an der Piazza Garibaldi neben dem Rathaus, die aus einem Bau im arabischen Stil hervorgegangen ist. Die mehrfach umgebaute Kirche erhielt ihre endgültige Prägung im Spätbarock des 18. Jahrhunderts, als ihr eine große Kuppel aufgesetzt wurde. In ihrem Inneren birgt sie zahlreiche Kunstwerke, die aus anderen, inzwischen aufgelösten religiösen Einrichtungen stammen, zum Beispiel eine schöne frühbarocke Holzstatue des heiligen Sebastian.
Der Heilige, der in Corleone neben dem Ortspatron San Leoluca am meisten verehrt wird, ist San Bernardo, ein Kapuziner, geboren 1605 in Corleone, der 1768 selig- und von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 heiliggesprochen wurde. Sein Bildnis findet man überall und besonders in der Chiesa Madre. Am Rande des Zentrums, unweit des Rathauses, stößt man auf die Villa Comunale, eine kleine, botanisch interessante Parkanlage voller Dattelpalmen. Corleone ist von ausgedehnten landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben, auf denen vor allem Getreide, Wein und Öl angebaut werden. Dazu kommt Weideland für Schafe. Spitzen- und Klöppelarbeiten gehören wie anderswo in der Provinz Palermo zur handwerklichen Tradition, spielen aber im lokalen Wirtschaftsgefüge keine große Rolle.