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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Das Buch
Auf ihren nächtlichen Streifzügen stehlen sich die Zwillinge Cassie und Lissa heimlich in die angesagtesten Goth-Clubs in Washington D.C. Bis eines ihrer Abenteuer tödlich endet, als Lissa sich, voll gepumpt mit Drogen und in rasender Eifersucht, vor Cassies Augen selbst erschießt. Nach dieser Tragödie ziehen Cassie und ihr Vater aufs Land, aber das alte Haus, das sie in Virginia kaufen, hat eine unheimliche Vorgeschichte: Einst hat hier ein Satanist teuflische Rituale abgehalten, und so wurde das Haus zu einem Totenpass, einem Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Hölle. Als Cassie den Weg in die Unterwelt entdeckt, ist sie fest entschlossen, ihre Schwester zu finden. Doch die Mephistopolis entpuppt sich als eine ungeheure Großstadt, in der ein gewaltiger Krieg tobt. Bald muss sie nicht nur gegen Dämonen und höllische Schergen kämpfen, sondern sie trifft auch auf den Engel Ezoriel, der eine Rebellion gegen Satan anführt. Und Cassie erfährt, dass sie für die Bewohner der Hölle eine besondere Rolle spielt – sie ist die prophezeite Tochter des Äthers, die allein Luzifer besiegen kann...
 
»Inferno« ist der atemberaubende Auftakt der erfolgreichen Gothic-Kultserie aus Amerika.

Der Autor
Edward Lee wurde 1957 in Maryland geboren. Nach einer militärischen Karriere, die ihn auch nach Deutschland führte, arbeitete Lee zunächst als Polizist und Nachtwächter, bevor er mit seinen einzigartigen, düsteren Romanen erfolgreich wurde und sich ganz dem Schreiben widmen konnte. Heute gilt Lee als Meister der Gothic Fantasy. Der Autor lebt und arbeitet in Florida.

PROLOG
Es ist ein endloser Kreislauf menschlichen Lebens, 5000 Jahre alt:
Städte erheben sich, dann versinken sie.
Doch was ist mit dieser Stadt?
 
Der Mann schleppt sich mühsam die Straße hinunter. Auf dem Straßenschild steht: ISCARIOT AVENUE.
Er trägt einen abgetrennten Kopf auf einem Stab. »Haben Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich?«, fragt der Kopf die Passanten. Der Mann selbst kann nicht sprechen; sein Körper ist halb verwest. Eine Augenhöhle ist leer, kleine, mit Fangzähnen bewehrte Milben tummeln sich in seinem Haar. Seine Haut ist voller Pusteln, dank der neuesten städtischen Infektion, und die Zunge wurde schon vor langer Zeit von Ungeziefer in seinem Mund verzehrt.
Auf hochhackigen Schuhen stöckelt eine gut gekleidete Frau vorbei, die einen eleganten Hut trägt. Ihr mit Pelz gefütterter Trenchcoat ist aus gemusterter Menschenhaut, aus der glatten, schmalen Stirn sprießen winzige Hörner. Eine Dämonin aus einem der Villenviertel.
»Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich, Ma’am?«, fragt der Kopf.
Im Vorbeigehen legt die Dämonin dem Mann mit dem Kopf auf dem Stab ein glänzendes 25-Cent-Stück in die ausgemergelte Hand. Das Geldstück ist nicht mit dem Gesicht George Washingtons geprägt, sondern mit dem des Serienmörders Richard Speck.
»Vielen Dank auch«, ruft der abgetrennte Kopf der Dämonin hinterher.
 
Hier wird recycelt.
Trolle eines städtischen Altstoffsammeltrupps verfrachten jede Art von Leichnam von den Straßen in die riesigen Abfallcontainer einiger mit Dampf betriebener Fleischkipper. Irgendwann tuckern die Kipper dann durch das Eingangstor der Industriezone und entleeren ihre Fuhre in die Sammelbehälter einer typischen städtischen Wertstoffanlage. Das Blut wird zur Destillierung herausgefiltert, Fleisch als Nahrungsmittel filetiert, die Knochen getrocknet und zur Zementherstellung gemahlen. Verschwendet wird hier wahrlich nichts.
Lastkähne, gesteuert von Golems, treiben auf der braunen, zähen Oberfläche eines Flusses namens Styx und pumpen ungeklärte Abwässer in die häuslichen Wassertanks der Stadt hinein. Gewaltige Hochöfen verbrennen Schwefel ausschließlich zu dem Zweck, die Luft zu verpesten. Abzugsschächte in den Silos der Hochöfen leiten die dabei entstehende glühende Hitze um und halten damit die örtlichen Gefängnisse unerträglich heiß. Mit dem Haar der Toten werden Kissen und Matratzen für die dämonische Elite gestopft.
Selbst Seelen werden wieder verwendet. Wenn ein Körper hinlänglich zerstört ist, wird die Seele in eine niedrigere Spezies übertragen. Endloses Leben im ewigen Tod.
Die meisten Städte beziehen ihre Energie aus Elektrizität, aber diese Stadt bezieht sie aus dem Grauen. Das Leiden dient als wandelbare Energie; der Schrecken ist die wertvollste natürliche Ressource der Stadt und wird hier als Treibstoff erschlossen. Industriealchemisten und städtische Magier machen sich mithilfe fortschrittlicher Hexenkunst die synaptische Aktivität zunutze, die ununterbrochen zwischen den Neuronen zündet und deren Produktion überwiegend von Schmerz herrührt. In den summenden Kraftwerken werden die bedauernswertesten Bewohner der Stadt gefangen gehalten, kopfüber vor Steintafeln hängend und systematisch gefoltert. Die Folter endet nie – da die Bedauernswerten niemals wirklich sterben. Sie hängen einfach da, oft jahrhundertelang, und winden sich in unablässigem Schmerz, dessen Energie aus ihren freigelegten Gehirnen in die riesigen Generatoren geleitet wird.
Eine einzige menschliche Seele kann genug Energie erzeugen, um einen ganzen Häuserblock mit Licht zu versorgen – für immer.
 
Enthaupten, Ausweiden und Verstümmeln gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten im öffentlichen Dienst, und darin sind die Schergen wahre Meister. Ihre Klauen sind so verheerend wie frisch gewetzte Sensen, der Kiefer mit dem hundeähnlichen Gebiss kann durch ein Eisenrohr – oder einen menschlichen Hals – beißen, als sei es eine Papprolle.
Schergen sind eine von mehreren dämonischen Spezies, die speziell zum Einsatz bei städtischen Unruhen und Problemen mit öffentlichem Ungehorsam gezüchtet wurden. Im engeren Sinne Polizeibeamte.
Hier ist die Polizei allerdings kein Freund und Helfer; sie ist dazu da, den Terror durch unvorstellbare Grausamkeit aufrechtzuerhalten. Häufig werden ganze Bataillone von Schergen geschickt, um wahllos Bürger hinzurichten.
Sie halten das Volk auf Trab.
Aus der wie ein Amboss geformten Stirn krümmen sich spitze Hörner, statt Ohren haben sie Löcher und statt Augen schmale Schlitze. Die Haut ähnelt der einer Schnecke, sie weist dunkle Punkte auf und sondert einen zähen Schleim ab.
Sie sind extrem gefräßig, und ihr Blut ist schwarz.
Gumdrop ist eine ganz gewöhnliche Mischlingsfrau, halb Mensch, halb Dämon – ein Produkt höllischer Prostitution. Sie lebt in einem der riesigen öffentlichen Wohnkomplexe in den Ghettoblocks. Ihre Gesichtszüge sind zwar anziehend menschlich, doch die fleckig grüne Haut ist übersät von weißen Beulen. Immerhin sind ihre Brüste fest und haben viele Brustwarzen.
Wie die Mutter, so die Tochter: Gumdrop arbeitet ebenfalls als Prostituierte. Ihr Zuhälter ist ein fettleibiger Troll namens Fat-Bag, der sie durch jede nur vorstellbare Art der Erniedrigung und physische Gewalt diszipliniert. Außerdem sorgt er dafür, dass sie hoffnungslos drogensüchtig bleibt. In dieser Gegend heißt die Droge Zap, ein organisches Destillat, das über eine lange Nadel durch die Nase direkt in die Gehirnmasse injiziert wird. Fat-Bag hat Gumdrop fest im Griff.
Sie ist eine Straßennutte. Endlose Stunden läuft sie die heruntergekommenen Alleen von Pogrom Park auf und ab und bietet sich jedem erdenklichen Kunden an. Wenn sie Glück hat, nimmt ein Dämonenfürst sie mit. Dämonenfürsten zahlen gut.
Wenn sie nicht so viel Glück hat, wird sie von einer Gang halbwüchsigen Höllengezüchts beklaut und vergewaltigt.
Ein ganz normaler Tag im Leben einer Prostituierten in der Hölle.
Doch heute hat sie sogar noch weniger Glück: Als sie aufwacht, voll auf Turkey, und von der fleckigen Matratze auf dem Boden aufstehen will, fällt sie sofort wieder hin. Sie blickt an sich herunter und schreit vor Schreck laut auf: Eine Polterratte huscht weg, im Halbdunkel kaum zu erkennen. Während Gumdrop schlief, hat das Tier ihr das gesamte Fleisch von den Füßen gefressen und nur die Knochen übrig gelassen.
Wie soll sie denn nun die Straßen auf und ab laufen, ohne Füße?
Tja, dumm gelaufen, meine Liebe.
Fat-Bag wird ihren Körper missbrauchen, auf abartige Weise vollends zu Grunde richten und ihn dann an eine Wertstoffanlage verscherbeln.
 
Der Himmel leuchtet purpurrot; der Mond ist schwarz. Seit Jahrtausenden ist hier Mitternacht, und so wird es immer bleiben. Die Silhouette der Stadt dehnt sich schier ins Unendliche aus, Feuersbrünste toben grollend unter dem Gewirr der Straßen, Rauch und Dampf steigen aus unzählbaren Häusern und Wolkenkratzern auf.
Genauso endlos sind die Schreie, sie fliegen fort in die ewige Nacht, nur um unmittelbar von neuen Schreien abgelöst zu werden.
 
Es ist ein endloser Kreislauf menschlichen Lebens, 5000 Jahre alt:
Städte erheben sich, dann versinken sie.
Doch nicht diese Stadt.
Nicht die Mephistopolis.

002
ÄTHERKIND

KAPITEL EINS
Sie träumte von pechschwarzer Dunkelheit, von Tropfgeräuschen, von Schreien.
Doch davor …
Die Umarmung.
Die starken Hände, die ihren Körper durch den heißen schwarzen Satin hindurch streicheln.
Ich bin so weit, dachte sie. So habe ich mich noch nie zuvor gefühlt …
Ihre Brüste pressten sich an seinen muskulösen Oberkörper, sie konnte die Schläge seines Herzens fühlen, und es schien nur für sie allein zu schlagen. Ihrer beider Seelen verschmolzen mit jedem gierigen Kuss immer weiter miteinander. Schon bald spürte sie ein Kribbeln im ganzen Körper, sie glühte vor Hitze und Verlangen. Sie zuckte nicht zusammen, als er ihre schwarze Bluse hochschob, den schwarzen BH öffnete und seine Hände sanft auf ihre Brüste legte. Das Gefühl überwältigte sie; auf Zehenspitzen drängte sie sich näher an ihn heran, küsste ihn fordernder …
Doch da -
Ging das Licht an.
Die Schreie gellten.
Das Blut spritzte ihr ins Gesicht.
Sie sah alles wieder vor sich. Immer und immer wieder. In jeder einzelnen Nacht ihres Lebens.
Das Neonschild über dem Club – GOTH HOUSE – leuchtete unheimlich dunkelviolett. Ein vertrauter Anblick, in ihren Augen ein Erkennungszeichen. Die Schlange vor der Tür wand sich die halbe Straße hinauf – noch ein vertrauter Anblick -, ein Beweis für den Kultstatus des besten Gothic-Clubs in Washington D.C. Natürlich gab es viele, und noch viel mehr hatten über die Jahre geöffnet und wieder geschlossen, analog zu jeder Inkarnation und Reinkarnation der Bewegung. Alles andere schien sich zu verändern, jeder Aspekt der Stadt, ja, der ganzen Welt.
Aber nicht dieser Club.
Nicht das Goth House.
Für Cassie und so viele andere war der Club ein Tempel, ein Ankerplatz für das eigentümliche Schiff, auf dem sie alle segelten. Er war weit mehr als nur der neueste Hype in der Clubszene, und dafür war Cassie mehr als dankbar. In einer sich ständig verändernden Popgesellschaft, die jede Woche eine neue Version von Eminem präsentierte und zum Ausdruck einer Subkultur stilisierte, oder seichte Teenie-Glamourdiva-Schlampen mit Glitzerhosen und blondiertem Haar, die noch nicht mal Noten lesen konnten, geriet die Symbolik von Goth House nie ins Wanken. Die dunkle Musik und der Stil leidenschaftlicher, dunkler Gemüter. Hier herrschten Bauhaus und Christian Death, wie schon seit zwanzig Jahren. Es gab keine Dixie Chicks, keinen Ricky Martin. Keine Spice Girls.
Sie würden mindestens eine Stunde anstehen müssen, und außerdem waren Cassie Heydon und ihre Schwester drei Jahre zu jung: EINLASS AB 21 JAHREN stand auf einem unübersehbaren Schild an der Tür.
Cassie runzelte die Stirn. Es geht nicht darum, wen du kennst, es geht darum, wen du … Sie musste den Satz nicht zu Ende denken. Sie wusste, was ihre Schwester gerade machte; sie konnte ihren Schatten in der Seitengasse vor dem fetten, ungepflegten Türsteher knien sehen. Dank dieses Talents und ihrer Bereitschaft, es einzusetzen, hatte Lissa bereits einen gewissen Ruf an ihrer Schule. Das machte die Sache noch schlimmer.
»Ich mache es ständig«, hatte sie Cassie vorher erklärt. »Es macht irgendwie Spaß, und außerdem ist es die einzige Möglichkeit für uns, da reinzukommen. Du willst doch rein, oder etwa nicht?«
»Schon, aber …«
»Du willst dich doch wohl nicht in dieser Schlange anstellen?«
»Nein, aber …« »Schon gut. Überlass das einfach mir.«
Punkt. Damit war die Angelegenheit geregelt, Cassies Einwände zerstreut. Sie versuchte, sich nicht bildlich vorzustellen, was gerade in der Seitengasse vor sich ging. Stattdessen stand sie an der Ecke und klopfte mit den hochhackigen Schuhen auf das Pflaster, während sich langsam die Dämmerung über die Stadt senkte. Die Geräusche von Sirenen in der Ferne vermischten sich mit den Sounds, die aus den anderen Clubs auf die Straße strömten. Dies war die Hauptstadt der Gewalt. Nur ein paar Straßen weiter hatte ein ehemaliger Bürgermeister in einer Stripbar ein paar Prostituierte aufgegabelt und mit ihnen Crack geraucht. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis war er wiedergewählt worden. So was gibt es nur in D.C., dachte Cassie sarkastisch. Wenn man zwischen den Hochhäusern rechts hindurchspähte, konnte man das Weiße Haus unmittelbar neben verwahrlosten Reihenhäusern entdecken, in denen sich die Junkies dieser Gegend regelmäßig zum Fixen trafen. Ein weiteres Wahrzeichen, prachtvoll erleuchtet und für jedermann gut sichtbar: das Washington Monument. Erst letzte Woche hatte wieder ein Terrorist versucht, es mit einem um die Brust geschlungenen Dynamitgürtel in die Luft zu sprengen. So etwas passierte etwa zweimal im Jahr, und weder das noch die Schießereien, noch der aggressive Straßenverkehr, noch die Politiker, die sich eher wie Mafiabosse verhielten, konnten die Bevölkerung noch schocken. Zumindest war D.C. ein sehr interessanter Ort zum Leben.
Jetzt komm schon, beeil dich, dachte sie und klopfte immer noch nervös mit dem Fuß auf den Boden. Ein weiterer schneller Blick in die Seitengasse zeigte ihr, dass die Bewegungen ihrer Schwester rascher wurden, der Kopf der knienden Silhouette bewegte sich immer schneller vor und zurück. Selbst wenn Cassie einen Lover hätte – was noch nie der Fall gewesen war -, würde sie bestimmt niemals tun, was sie da gerade beobachtete. Wenn nicht die Liebe eines Tages ihre bitteren Gefühle ändern würde.
Klar, dachte sie zynisch. Eines Tages.
Ein paar Minuten später erhob sich Lissas Schatten wieder. Das wurde aber auch Zeit!, dachte Cassie. Ihre Schwester winkte sie zu sich in die Seitengasse und flüsterte: »Komm schon, wie müssen zum Hintereingang rein.«
Die Seitengasse stank; Cassie zog eine Grimasse, als sie hindurchstakste. Hoffentlich würde sie sich nicht die nagelneuen schwarzen Stilettos versauen. Und hoffentlich kamen diese quietschenden Geräusche nicht von Ratten. Eine Spritze zerbrach knirschend unter ihrem Absatz.
Während er noch seine unförmige Hose zumachte, zwinkerte der Türsteher ihr zu. Vergiss es, Fettsack, dachte sie. Lieber springe ich von der Wilson Bridge. Die dumpfe Musik wurde plötzlich dreimal so laut, als sie hinter Lissa durch die Tür trat. Anti-Christ, Superstar, hatte jemand an die Tür gesprüht, und daneben Lucretia My Reflection.
Bald darauf standen die Schwestern mitten in dem überfüllten Club. Die wogende Masse schwarz gekleideter Gestalten tanzte enthemmt zu ohrenbetäubender Musik. Heute war Oldies Night: Killing Joke, Front 242,.45 Grave und so weiter. Cassie hatte schon immer die Bands bevorzugt, von denen die Bewegung begründet worden war, statt dem poppigen Zeug, das nun ihr Ende einläutete. Blendend weißes Stroboskoplicht zerhackte die Szene auf der Tanzfläche in eine Abfolge von Standbildern. Nacktes Fleisch und schwarzer Stoff. Vampirgesichter und blutrote Lippen. Unmenschlich weit aufgerissene Augen, die niemals zu blinzeln schienen. In Käfigen über den Köpfen der Menge tanzten Goth-Mädchen mit ausdruckslosen Gesichtern, mehr oder weniger ausgezogen. In den stilleren Ecken hatten sich Pärchen zurückgezogen, die sich wild und hemmungslos leidenschaftlichen Küssen ergaben. Wellen dröhnender Musik erschütterten den Raum.
Cassie fühlte sich sofort wie zu Hause.
»Hier rüber!« Ihre Schwester zog sie an der Hand durch die dichte Menge. Als sie sich etwas vom Gedränge der Tanzfläche entfernt hatten, wandten sich ihnen mehr und mehr Köpfe zu.
Na klar, dachte Cassie mürrisch.
Sie und Lissa waren eineiige Zwillinge. Man konnte sie nur an winzigen Kleinigkeiten unterscheiden: Jede von ihnen hatte sich einen weißen Streifen in die ansonsten identisch glatten schwarzen Haare gefärbt, Cassie auf der linken Seite, Lissa auf der rechten. Der einzige andere Unterschied war der zierliche Stacheldraht, den Lissa um den Nabel tätowiert hatte. Cassies Nabel hingegen zierte ein filigraner halber Regenbogen. Aber es war Lissa, die immer darauf bestand, dass sie sich exakt gleich anzogen, wann immer sie heimlich in einen Club gingen. Exakt gleiche schwarze Samthandschuhe, exakt gleiche kurze schwarze Krinolinenröcke und schwarze Spitzenblusen. Selbst ihre Stilettos und die Handgelenktäschchen aus Ziegenleder waren exakt gleich. Ihren Vater trieb das in den Wahnsinn, doch selbst Cassie begann es allmählich zu langweilen; zudem schien es die allgemeine Aufmerksamkeit nie auf sie selbst zu lenken, immer nur auf Lissa.
Heute Abend hing sie diesem Gedanken nicht weiter nach; solche Grübeleien führten zu nichts als dem Kern ihres eigenen mangelnden Selbstwertgefühls und gestörten Selbstbilds, das hatte sie schon vor langer Zeit gelernt. Manchmal kochte ihr stiller Neid auf Lissa zu wahrem Hass hoch; sie würde nie verstehen, wie zwei Menschen, die sich äußerlich so ähnlich sahen, so unterschiedliche Persönlichkeiten haben konnten. Lissa, extrovertierter Männermagnet und Partygirl; Cassie, griesgrämiges Mauerblümchen. Fünf Jahre Psychotherapie und einige Monate stationär in einer psychiatrischen Klinik gaben ihr gerade eben genug Kraft, um weiterzumachen. Doch es war ja nicht nur Lissa, es war alles um sie herum. Es war die ganze Welt.
Verflucht noch mal, schalt sie sich selbst. Jetzt versuch doch wenigstens mal, dich zu amüsieren.
Irgendwann hatten es die Schwestern an die Bar geschafft. »Sieht aus, als wäre heute unser Glückstag!«, rief Lissa, immer noch Cassie im Schlepptau.
»Was?«
»Radu arbeitet. Das heißt, wir können umsonst trinken.«
Radus richtiger Name war Jim; aber er kam nicht von seinem Vampirtrip runter, obwohl das inzwischen für echte Goths ein Stigma war. Sein Oberkörper war nackt und der Kopf geschoren, er sah aus wie Max Schreck in Nosferatu – nur mit Muskeln. Er und Lissa waren schon seit ein paar Monaten zusammen, doch wie ernst es zwischen ihnen war, blieb Cassie ein Rätsel. Radu musste von Lissas zweifelhaftem Ruf an der Schule wissen, und Cassie vermutete, dass sich auch ihre Technik, die Schlange vor dem Einlass zu umgehen, unter den männlichen Mitarbeitern des Clubs herumgesprochen hatte.
»Willkommen im Goth House, meine Damen«, begrüßte Radu sie und schob ihnen zwei Dosen Holsten hin. Lissa beugte sich sofort über die Theke, um ihn zu küssen, und gewährte ihm dabei tiefe Einblicke in ihr Dekolletee. Cassies Wangen färbten sich vor Verlegenheit rosa, als der Kuss sich in eine wilde Zungenschlacht verwandelte. »Meine Güte«, sagte sie lauter als nötig. »Ihr zwei klingt wie ein paar Bernhardiner am Chappi-Napf.«
»Meine kleine Schwester ist nur neidisch«, flüsterte Lissa Radu zu und zeichnete mit dem Finger sein Drachenorden-Tattoo nach. Seine ausgeprägten Brustmuskeln zuckten reflexartig.
Innerlich kochte Cassie vor Wut. Eigentlich war sie sieben Minuten älter als Lissa, doch Lissa bezeichnete sie beharrlich als kleine Schwester. Und ja, sie war tatsächlich neidisch, aber sie hörte es nicht besonders gern. Sei einfach du selbst, versuchte ihr Psychiater ihr für 250 Dollar die Stunde einzutrichtern. Hör auf, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, weil du nicht jemand anders bist. Cassie vermutete, dass das prinzipiell ein guter Rat war, aber er erwies sich stets als schwer anwendbar.
»Hey, kleine Schwester!«, ließ sich Radu vernehmen. »Lass noch was für die Alkoholiker übrig. Die müssen sich auch besaufen.«
Ohne es richtig zu merken, hatte Cassie ihr Bier schon geleert und die Dose auf die Theke zurückgestellt. Hab ich etwa gerade eine ganze Bierdose in fünf Minuten runtergeschüttet?
Die Antwort lautete Ja.
Weißer Schaum spritzte heraus, als Radu eine weitere Dose für sie öffnete. »Brauchst du einen Strohhalm? Oder wie wär’s mit einem Trichter?«
»Ich hab eine bessere Idee«, kicherte Lissa. »Leg dich doch einfach mit dem Mund unter einen der Zapfhähne und saug daran.«
Sehr witzig, dachte Cassie, wenn man mal überlegt, woran dein Mund noch vor kurzem gesaugt hat. Sie wünschte, sie könnte es laut sagen, aber sie traute sich nicht. Das würde nur wieder Streit geben, und das wollte sie auf keinen Fall. Also wandte sie sich wieder der Tanzfläche zu und nippte an ihrem Bier, während Lissa und Radu weiterhin alberne Gespräche führten. Jetzt lief »Bela Lugosi’s Dead« von Bauhaus. Die Menge war außer Rand und Band. Der Song war älter als Cassie, doch er übte nach wie vor eine unwiderstehliche Magie aus. Das Stroboskop passte sich dem schaurigen Ticktack am Anfang des Stücks an und verwandelte die Tanzfläche in einen Abgrund abgehackter Bewegungen und blendender Lichtblitze. Cassie betrachtete die Tanzenden. Ganz vorne streichelten sich völlig ungeniert zwei Mädchen in schwarzen Netz-Ganzkörperanzügen, in einer Ecke rieben zwei Typen in schwarzem Leder ihre Unterleiber aneinander. Das Publikum war heute sehr unterschiedlich. Manchmal genoss Cassie es, einfach zu beobachten; aus irgendeinem Grund machte es sie glücklich, andere Leute glücklich zu sehen. An anderen Tagen aber – so wie heute – drohte sie in Depressionen zu versinken. Es hob ihre Stimmung auch nicht gerade, als ein gut aussehender Typ in einem Blackaciddevil-T-Shirt von Danzig auf sie zustürmte und fragte: »Hey, willst du tanzen? Du bist doch Lissa, oder?«
»Nein, ich bin ihre Schwester.«
Woraufhin er meinte: »O, sorry«, und wegging.
Das ist ja ganz reizend, du Arsch!
Die zwei Bier auf leeren Magen taten ihre Wirkung. Scheißegal, betrinke ich mich eben. Sie ging zurück zur Bar und bedeutete Radu, dass sie noch ein Holsten wollte.
»Hey, kleine Schwester, der Bierschluck-Wettbewerb ist doch erst nächste Woche!«
»Halt die Klappe und gib mir einfach noch eins.«
Nun zog er eine Augenbraue hoch. »Wie heißt das Zauberwort?«
»Gib mir noch ein Bier, bitte, du glatzköpfiger Vampir-Wichser.«
Er warf den Kopf zurück und lachte. »Schon viel besser.« Er schob ihr noch eine Dose hin.
Lissa packte sie grob am Arm. »Jetzt entspann dich mal! Du wirst dich nicht wieder total besaufen und auf dem Heimweg in Dads Cadillac kotzen, wie die letzten beiden Male.«
»Nein. Versprochen, diesmal kotz ich aus dem Fenster. Ich hoffe nur, dass wir dann gerade auf der Pennsylvania Avenue sind. Dann winke ich Bush zu.«
Lissa seufzte resigniert. »Cassie, bitte tu das nicht.«
»Was soll ich nicht tun? Ich trinke hier nur ein Bier und sehe mich ein bisschen um.«
»Ja, und immer wenn du das machst, kommst du in eine deiner Stimmungen
»Meine Stimmungen sind meine Angelegenheit. Und wo wir schon dabei sind: Warum kümmerst du dich nicht einfach um deine eigenen?«
»Sei nicht immer so eine Spaßbremse. Ich komm mir vor wie dein Babysitter.«
»Gehört es bei Babysittern zum Job, dem Türsteher einen zu blasen?«
»Ich hab dich hier reingebracht, oder etwa nicht?«, fauchte Lissa beleidigt zurück. »Manchmal frage ich mich, warum ich mir überhaupt die Mühe mache, dich mitzunehmen. Wenn ich nicht wäre, würdest du immer noch da draußen in der Schlange stehen und trübselig auf deine verdammten Schuhe starren wie Alice im Wunderland. Das nächste Mal kannst du dem Türsteher einen blasen.«
»Genau, so weit kommt’s noch.« Cassie lachte gequält.
»Manchmal bist du echt eine Nervensäge, Cassie. Ich hab es so satt, mir den ganzen Abend Sorgen um dich zu machen.«
»Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen. Du machst dein Ding und ich meins.«
»Dein Ding? Was soll das denn sein, in der Ecke abhängen wie eine Stehlampe?« Lissa deutete auf die überfüllte Tanzfläche. »Warum mischst du dich nicht einfach mal unter die Leute? Lernst jemanden kennen. Einen Typen. Geh tanzen und dich amüsieren.«
»Ich amüsiere mich doch«, sagte Cassie schlecht gelaunt und trank noch einen Schluck Bier.
Ohne Vorwarnung nahm Lissa ihr die Dose weg. »Hier, nimm das. Das hellt deine Stimmung auf.« Sie hielt ihr eine kleine blaugrüne Pille mit einem aufgeprägten Playboy-Häschen hin.
»Na super. Du machst mich hier an, weil ich Bier trinke, und jetzt willst du, dass ich Ecstasy schlucke.«
»Jetzt komm schon, das ist eine Party. Alle nehmen es.«
»Vielen Dank, ich verzichte. Ich lasse meine Neuronen lieber intakt. So ein Gehirn ist ein empfindliches Organ, damit sollte man vorsichtig umgehen.«
»Davon kriegst du gute Laune.«
»Ja, und mein Gehirn schrumpft in ein paar Jahren auf die Größe einer Walnuss.« Sie hielt die Holsten-Dose hoch. »Wenigstens hält meine Leber noch ein paar Jahrzehnte durch. Nach der Transplantation hör ich mit dem Trinken auf.«
»Bitte schön«, zischte Lissa. »Dann behalt doch deine schlechte Laune. Besauf dich und kotz und mach dich lächerlich. Sollen dich doch alle für einen hoffnungslosen Fall halten. Wenn du dich nicht amüsieren willst, dann lass es. Du willst es doch gar nicht anders haben. Guck traurig und zieh die Stirn in Falten, damit jeder Mitleid mit dir hat. Bu-hu, die arme kleine Cassie, niemand versteht sie.«
Cassie hatte die Nase voll; sie drehte sich um und brach den Streit damit abrupt ab. Lissa stürmte zurück zu Radu, der ihren Wortwechsel stirnrunzelnd mit angesehen hatte, doch das war Cassie egal. Sie ergab sich der Musik, und bald schon fühlte sie sich auf angenehme Art und Weise betäubt; sie mochte dieses Gefühl, wenn die Zeit stillzustehen schien. Gelassen lächelte sie und sah der im Licht des Stroboskops zuckenden Menge zu. Sie musste nicht Teil von alldem hier werden – sie musste sich nur auf den Teil ihres Ich konzentrieren, den sie mochte, sei er auch noch so winzig. Natürlich war das reine Theorie, doch der Alkohol half ihr, diesen Zustand zu erreichen.
Niemand nahm sie wahr – und wenn schon.
Niemand interessierte sich für Lissa Heydons »kleine« Schwester – na und?
Allein hier in dieser Menge zu stehen war sicherer, als ein Teil dieser Menge zu sein. Da draußen gibt es genauso viel Traurigkeit wie hier drinnen. Allein zu sein war etwas völlig anderes, als einsam zu sein.
Zumindest redete sie sich das ein.
Die Musik glitt in gleichmäßigen Wellen über sie weg: Skinny Puppy, Faith and the Muse, This Mortal Coil, Joy Divison. Sie tanzte ein paar Nummern allein vor sich hin, und plötzlich war sie selbst Teil der Menge, sie wurde zum Teil des Ganzen, man akzeptierte sie. Exotische weiße Gesichter blitzten in der wunderbaren Düsternis des Clubs auf; Augen funkelten sie an, manche ekstatisch von Drogen oder Lust, andere einfach ekstatisch vom Leben. Ein Mädchen, das sie nie zuvor gesehen hatte – lange Beine, eng sitzende rote Korsage -, strich um sie herum, die karmesinroten Lippen zu einem entrückten Grinsen verzogen. Sanft streichelte sie Cassies Gesicht, bevor sie wieder in der Menge verschwand. Ein Junge in Schwarz musterte sie sehnsüchtig; er lächelte sie an, doch schon verschwand sein Gesicht wieder im Flackern des Stroboskops. Kaum erkennbare Pärchen küssten und streichelten sich – und nicht nur das – im Schutz der abgelegensten Winkel des Clubs, halb sichtbar wie waghalsige Gespenster. Cassies tiefschwarzes Haar fiel ihr über das Gesicht wie ein Schleier und gab ihr nur in rhythmischen Abständen ein Stück Sicht frei. Nun folgte härtere, ohrenbetäubendere Musik – aber es gefiel ihr. White Zombie, Tool, Marilyn Manson. Sie zuckte gequält, wenn fremde Körper sie anstießen, lächelte träumerisch, wenn eine Hand ihr versehentlich über Rücken oder Arme glitt. Die weniger versehentlichen Berührungen machten sie heute nicht so wütend wie sonst; sie fand es interessant, sogar anregend. Musik und Bewegung erreichten einen Höhepunkt, kurz bevor die letzte Runde ausgerufen wurde. Als sie sich wieder an der Bar einfand, gab Radu ihr noch ein Bier aus, aber sie konnte Lissa nicht entdecken. Er rief ihr etwas zu, als wollte er ihre Abwesenheit erklären, doch seine Stimme ging in den dröhnenden Riffs und Rhythmen unter.
Normalerweise wurde sie nach so viel Bier langsam depressiv; so war es immer. Doch nicht heute. Sie fühlte sich vielmehr belebt, hatte sich heute Abend wirklich amüsiert, trotz der ätzenden gegenteiligen Prophezeiung ihrer Schwester. Der nächste Song war ein Stück von Death in June, einer Band, die Cassie noch nie gemocht hatte. Ihr kamen die Texte kryptofaschistisch vor, deshalb schlenderte sie in den hinteren Teil des Clubs, überlegte, ob sie aufs Klo gehen sollte, scheute aber vor der Schlange schwatzender, kichernder Mädchen vor der Tür zurück.
Ziellos wanderte sie herum. Spät nach Hause zu kommen würde heute keine Probleme geben – ihr Vater war in New York, wieder einmal auf einer Geschäftsreise. Aber Lissa würde fahren müssen. Ich bin zu betrunken. Apropos: Wo war Lissa denn eigentlich?
Sie konnte sie nirgends entdecken. Vielleicht auf dem Klo? Seitlich stand eine Tür einen Spalt auf, und Cassie schlüpfte hindurch.
Keine Lissa. Es war nur ein Hinterzimmer, ein Vorratsraum, dunkel, voller Schachteln und leeren Getränkekisten. Und dann – würg! – breitete sich ein bitterer Geschmack in ihrem Mund aus, gleichzeitig spürte sie etwas Körniges auf der Zunge. Als sie ihre Holsten-Dose unters Licht hielt, sah sie darin eine halb aufgelöste blassgrüne Pille schwimmen. Diese Arschlöcher, dachte sie. Sie warf die Dose weg, und ihr wurde klar, warum sie sich heute so angenehm melancholisch gefühlt hatte. Was soll’s, ich werd’s schon überleben. Dann ertappte sie sich dabei, wie sie ein altes Bauhaus-Poster an der Wand anstarrte, auf dem die vier Bandmitglieder in einer Art-déco-Gruft posierten.
»Kannst du das fassen? Das sind auch schon alte Knacker. Vierzig mindestens.«
Radus Stimme schreckte sie auf. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Der unerwartete Anblick seiner nackten Brust und der sich abzeichnenden Bauchmuskeln brachte sie noch mehr aus der Fassung als seine Stimme. Er sieht so gut aus, schoss es ihr durch den Kopf. Draußen hörte sie die ersten Takte des letzten Songs für heute: »The Girl at the End of My Gun« von Alien Sex Fiend.
»Du hast mir das Ecstasy ins Bier getan, oder?«
Er hielt die Hände hoch.
»Ich gestehe. Deine Schwester hat mich angestiftet. Es war auch nur ganz wenig, und außerdem wirkt es wie ein Anti-Depressivum. Deine Schwester meinte, du wärst deswegen beim Seelenklempner.«
Verflucht noch mal. »Das geht dich einen Scheißdreck an.« »Aber du hast dich doch heute amüsiert?«
Pause. »Schon …«
Er kam einen Schritt näher, lässig, man konnte die Bewegungen seiner Muskeln unter der straffen Haut sehen. »Deshalb sind wir doch hier, um uns zu amüsieren.«
Seine Stimme klang weit entfernt. Sie wollte sich nicht von seinem durchtrainierten Körper so nah bei ihr ablenken lassen, doch als das Bild wieder vor ihr auftauchte, Lissa und er, die sich küssten, da sah Cassie ihren eigenen Mund auf seinem. Sie fragte sich, wie es wohl wäre. Süße achtzehn und noch nie geküsst worden, dachte sie. Dafür wieder mal betrunken. Alles wie gehabt.
»Wo ist Lissa überhaupt?«
Sein Lächeln vermischte sich mit einem Stirnrunzeln. »Wir haben uns vorhin gestritten. Eine meiner Exfreundinnen kam rein und fing an, mit mir zu flirten. Normalerweise macht Lissa so was nichts aus, sie ist ziemlich abgeklärt. Aber heute ist sie stinksauer abgerauscht.«
»Wehe, sie ist ohne mich gefahren«, murmelte Cassie.
»Sie muss hier noch irgendwo sein. Sobald sie sich beruhigt hat, kommt sie zurück.« Er zuckte die Achseln, als wollte er seiner Unschuld Ausdruck verleihen. »Unser Arrangement war sowieso ihre Idee.«
Arrangement? »Was meinst du damit?«
Noch ein Achselzucken. »Ach, du weißt schon. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir auch mit anderen Leuten was haben können, total unverkrampft. Ist ja nichts Neues. Sie akzeptiert meine Bedürfnisse, und ich akzeptiere, dass sie noch so lange Jungfrau bleiben will, bis sie bereit ist.«
Die beiläufige Bemerkung versetzte Cassie einen Stoß. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt. »Soll das heißen, ihr beide habt noch nie …«
»Nein. Sie will es im Moment so. Und ich respektiere das. Ich liebe sie.«
Cassie war vollkommen verwirrt.
Dann fügte Radu hinzu: »Wir machen … andere Sachen, und das ist okay so. Ich bin sicher, sie hat dir das alles erzählt …«
»Nein«, kam es wie aus der Pistole geschossen.
»Ach, das muss sie doch. Sie hat mir sogar gesagt, es wäre in Ordnung. Sie hätte nichts dagegen, wenn …«
»Wenn was?«
»Du weißt schon. Wenn du und ich was miteinander hätten.«
Ein noch heftigerer Stoß. Doch Cassie konnte nichts tun, außer wie gelähmt dazustehen, wie in einem Traum.
Warum widersprach sie nicht? Warum ging sie nicht einfach weg?
»Ach komm, ich weiß doch, dass du schon länger auf mich stehst. Das ist sehr schmeichelhaft.«
Sie stand einfach nur da, völlig benommen.
»Ich steh auch auf dich, aber das weißt du ja sicher.«
Er lügt, war ihr erster Gedanke. Niemand hatte je auf sie »gestanden«, nur auf Lissa, ihr temperamentvolles Alter Ego.
Doch dann schlichen sich die Zweifel ein.
Es gab keine Vorwarnung, kein Wort, keine Geste, keine vorsichtige Annäherung. Plötzlich küsste er sie, und das Einzige, was sie daran schockierte, war, dass sie nicht zurückzuckte. Sie kam gar nicht auf die Idee. Ihre Sicherungen brannten durch, das Verlangen, das seit der Pubertät tief in ihr brodelte, brach sich Bahn. Cassie konnte es beinahe in ihrer Seele knistern hören. Rückhaltlos erwiderte sie den Kuss.
Was bin ich nur …
Ihre Haut prickelte unter dem schwarzen Satin-Top; seine Haut fühlte sich ebenfalls heiß an, als ihre Hände auf seinem nackten Rücken auf und ab strichen. Sie zuckte nicht zusammen, als er ihr die schwarze Bluse hochschob und ihre Brüste von dem Spitzen-BH befreite – im Gegenteil, sie gierte nach mehr, sie wollte, sie musste berührt werden, gespürt werden, ganz von ihm umschlungen werden. Als er nach ihrer Hand griff und sie abwärts, unter seine Taille schob, zog sie ihre Finger nicht weg. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn noch fordernder.
Sein leises Flüstern war warm an ihrem Ohr. »Du bist auch noch Jungfrau, oder? Wie Lissa?«
Sie wollte den Namen ihrer Schwester nicht hören – nicht in diesem Augenblick.
»Ja«, stieß sie hervor. »Aber das ist mir egal. Ich will es nicht mehr sein.«
»Das könnte ich dir nie wegnehmen, auf keinen Fall.« Er wirkte so rücksichtsvoll, so lieb. »Ich müsste schon sicher sein, dass du es wirklich willst …«
Ich bin so weit, dachte sie. So habe ich mich noch nie zuvor gefühlt …
Ihre Gefühle spielten verrückt. Schon drohten die Schuldgefühle diese wundervolle Nähe zu zerstören, den Moment zu zertrümmern, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte.
Doch dann fiel ihr wieder ein, was er erzählt hatte, dass Lissa gesagt hatte, es sei in Ordnung.
»Ich bin mir absolut sicher«, versprach sie. »Ich will es.«
Seine Augen durchbohrten sie geradezu. »Komm hier rüber …« Eine starke Hand zog sie zu einigen Kisten in der Ecke. Aus der Gesäßtasche zog er ein Kondom. Cassie küsste ihn noch einmal, ihre entblößten Brüste pressten sich heiß an seine Brust. »Tu es jetzt, jetzt sofort.« Sie bettelte beinahe.
Er wollte sie gerade auf den Boden legen, als …
»WAS TUT IHR DA?«
Lissa.
Cassie war wie versteinert. Hektisch schob Radu sie von sich weg, als ob sie plötzlich Lepra bekommen habe.
»Lissa, ich dachte, du wärst es!«, rief er. »Sie hat mich angemacht, Süße, ich schwör’s dir, sie hat so getan, als sei sie du!«
Lügner!, wollte Cassie schreien, doch ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Sie stand einfach nur zwischen den Kisten, starr vor Schreck.
Die Wut verzerrte Lissas Gesicht zu einer unheimlichen Maske. Mit blutunterlaufenen Augen sah sie zu, wie das Kondom auf den staubigen Boden fiel. »Schwachsinn!«, schrie sie, ihre Stimme klang hysterisch, wahnsinnig. Aufgewühlt von Drogen, Alkohol und nun auch noch Betrug schien Lissa wie besessen zu sein.
»Lissa«, versuchte es Radu. »Süße, beruhige dich doch …«
»HALT DIE KLAPPE!« Das verzerrte Gesicht wandte sich Cassie zu. »Und du, du hinterhältige SCHLAMPE! Meine eigene SCHWESTER!«
Cassie konnte die Lippen kaum bewegen. »E-es tut mir so Leid«, sagte sie mit dünner Stimme, »ich …«
Lissa zitterte am ganzen Körper. Ihr Gesicht war hochrot, die Augen funkelten vor Hass durch Ströme von Tränen.
»Zur Hölle mit euch BEIDEN!«, brüllte sie, und im nächsten Moment zog sie eine kleine Pistole aus ihrem Handtäschchen.
»Verdammte Scheiße!«, rief Radu und wollte wegrennen.
PENG!
Cassie schrie auf, die Welt stürzte über ihr zusammen. Die Kugel traf Radu mitten in den Hinterkopf. Er fiel nach vorn. Innerhalb von Sekunden breitete sich fächerförmig Blut um seinen Kopf aus und umgab ihn wie einen Heiligenschein.
Lissas rotes Gesicht wandte sich um, der Lauf der Waffe war nun auf Cassie gerichtet.
»Es tut mir Leid, es tut mir Leid!«, schluchzte Cassie.
»Meine eigene Schwester …« Lissas Stimme glich dem Röcheln einer Sterbenden, die Augen, mit denen sie Cassie ansah, schienen bereits tot. »Wie konntest du mir das antun?«
Lissa setzte die Pistole an ihre eigene Schläfe.
»Nein!« Cassie schrie wieder und stürzte sich auf ihre Schwester. Sie umklammerte Lissas Schultern, versuchte, nach der Waffe zu greifen.
PENG!
Lissa brach zusammen, tot, Cassie taumelte rückwärts, Gesicht und Brust voller Blut und Gehirnmasse.
Sie fiel auf die Knie und schrie, bis sie bewusstlos wurde.

KAPITEL ZWEI

I

Sie schoss im Bett hoch, ihr Herzschlag war dumpf, unregelmäßig. Hektisch umklammerten ihre Hände das Laken, um sich Blut und organische Masse vom Gesicht zu wischen.
Sie zitterte, ein stiller Schrei lag auf ihren Lippen, dann fiel sie zurück auf das Kissen. Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam; sie betrachtete das Laken.
Kein Blut.
Keine Gehirnmasse.
Nur der Fluch der Erinnerung.
Zwei lange Jahre, und noch immer suchte sie der Albtraum mindestens einmal die Woche heim. Besser als jede Nacht, sagte sie sich, wie früher, bevor sie hierher gezogen waren. Nach Lissas Selbstmord hatten sich Cassies psychische Probleme gewaltig verschlimmert; es waren nicht nur die Albträume, sondern auch ihre noch stärkere Abkapselung, zwei gescheiterte Selbstmordversuche und ein Monat in einer psychiatrischen Privatklinik, wo die Behandlung mit psychotropen Medikamenten sie zu einem taumelnden Zombie gemacht hatten. Die Narben an ihren schmalen Handgelenken waren die einzig sichtbaren Folgen. Gruppentherapie, Hypnose und Narkoanalyse hatten ebenfalls versagt. Ironischerweise war es die Idee ihres Vaters gewesen, aus alldem auszubrechen. »Zur Hölle mit all diesen ärztlichen Spinnern und ihren Pillen«, hatte er vor ein paar Monaten plötzlich gesagt. »Lass uns einfach die Stadt verlassen, dieses Haifischbecken. Vielleicht ist das die beste Medizin für uns beide.« Cassie hatte keinen Grund gehabt, zu widersprechen, und damit ließ ihr Vater, der berühmte William F. Heydon, Partner in einer der drei erfolgreichsten Anwaltskanzleien des Landes, seinen einflussreichen – und sehr lukrativen – Job mit einem knappen Kündigungsschreiben hinter sich. Die juristischen Machtzirkel in D.C. hatten das Äquivalent eines schweren epileptischen Anfalls erlebt, und ihr Vater kehrte nie in seine Firma zurück. Ganz eindeutig hatten ihm die zwei leichten Herzinfarkte und die wiederholten Angioplastien das Licht gezeigt. »Jeder Tag über der Erde ist ein guter Tag, mein Schatz«, erklärte er. »Keine Ahnung, warum ich so lange gebraucht habe, um das zu begreifen. Wir haben doch alles, was wir brauchen. Außerdem hängt mir der Chauffeur zum Hals raus, das Mittagessen im Mayflower jeden Tag hängt mir zum Hals raus, und die Redskins sind sowieso Scheiße. Wer braucht schon diese Stadt?«
»Aber was ist mit all deinen Freunden in der Firma?«, hatte Cassie gefragt, und er hatte nur gelacht. »Freunde in einer Anwaltskanzlei – so was gibt es nicht, meine Kleine. Nur noch mehr Haie, die dich ohne mit der Wimper zu zucken auffressen würden. Ich wünschte, ich könnte miterleben, wie sie sich um den fetten Brocken streiten, den ich ihnen in den Schoß geworfen habe. Ich möchte wetten, diese Blutsauger prügeln sich sogar um meinen Schreibtischstuhl.«
Ihr war es nur recht; Cassies eigene Unsicherheiten hatten ihr selbst jegliche wahre Freundschaft verwehrt. Wer wollte schon mit jemandem befreundet sein, der ununterbrochen von Psychopillen benebelt war? Welcher Typ wollte mit einer »Thorazin-Queen« ausgehen? Und die Gothic-Szene der Stadt war für sie gestorben.
Sie wusste, sie könnte niemals wieder in einen Gothic-Club gehen; alles würde sie nur an Lissa erinnern.
Der spontane Entschluss ihres Vaters hatte funktioniert. Seit dem Tag, als sie in Blackwell Hall eingezogen waren – das war vor mittlerweile einem Monat -, schienen sich ihre Emotionen auszugleichen. Der nächtliche Albtraum vom Tod ihrer Schwester kam nur noch einmal wöchentlich. Die Angst vor dem Besuch bei ihrer Psychiaterin verflüchtigte sich; sie ging einfach nicht mehr hin. Die Befreiung von den ganzen Batterien von Antidepressiva und anderen Psychopharmaka belebte sie in einem Ausmaß, das sie nicht für möglich gehalten hätte.
Sie fühlte sich lebendiger, hatte mehr Energie als je zuvor.
Vielleicht wird wirklich alles wieder gut, dachte sie. Vielleicht werde ich das alles überwinden und eines Tages ein richtiges Leben führen.
Schnell lernte sie, dass man am besten einen Schritt nach dem anderen macht.
Sie glitt aus dem hohen Himmelbett, zog die schweren Vorhänge beiseite und hielt sich sofort die Hand vor die Augen. Gleißendes Sonnenlicht drängte in ihr Zimmer. Sie öffnete die Flügeltüren und seufzte genussvoll, als die frische Luft sie sanft streichelte. Bedenkenlos stand sie nur in Unterhose und BH auf dem Balkon – Wer sollte sie schon sehen?
In D.C. wäre das eine ganz andere Sache. Aber das hier war das flache Land. Die einzigen Zuschauer ihrer spärlichen Bekleidung waren sanfte Hügel und weit entfernte Wiesen. Die Sonne ging über den Bergen auf; Singvögel – nicht diese Müll fressenden, linkischen Tauben – flogen vom Geländer auf, als sie heraustrat.
Es war wirklich eine fremde Umgebung: Die nächtliche Silhouette der Stadt war Cassie normalerweise lieber als in Sonnenlicht getauchte Äcker und Wälder. Aber sie wollte sich nicht beklagen. Das ruhige Landleben war es, wonach ihr Vater sich zur Erholung gesehnt hatte, und Cassie würde sich einfach daran gewöhnen müssen. Man darf eben nicht so wählerisch sein, ermahnte sie sich selbst. Immer noch schöner als der Ausblick aus dem Fenster der Psycho-Ranch.
Zwar konnte sie die Begeisterung ihres Vaters für die Landschaft nicht ganz teilen, aber sie war hin und weg von dem Haus. Blackwell Hall, wie es genannt wurde, thronte auf einem bewaldeten Hügel über vierzig Hektar nicht genutztem Grasland. Am Fuße der Anhöhe plätscherte das Blackwell-Flüsschen, das schließlich – wer hätte das gedacht – in den Blackwell-Sumpf mündete. Als Cassie ihren Vater gefragt hatte, wer Blackwell war, hatte er mit einem Schulterzucken geantwortet: »Wen interessiert das schon? Vermutlich irgend so ein reicher Plantagenbesitzer, der hier vor dem Bürgerkrieg gelebt hat.« Seine Kanzlei hatte das Haus bei einer Eigentumsschlichtung geerbt, und seine Partner hatten es ihm mit Freuden bei seinem Abschied überlassen; dafür hatte er ihnen seine Mandantenliste ohne Gegenleistung ausgehändigt. Er hatte einfach nur weg gewollt, und die Millionen, die er im Laufe seiner Karriere angelegt hatte, warfen nun mehrere zusätzliche Millionen pro Jahr an Zinsen ab. Mit anderen Worten: Dad hatte ausgesorgt, und egal, wer oder was hier vorher zu Hause gewesen war, Blackwell Hall stellte genau die Art von Rückzugsmöglichkeit dar, die sie beide seiner Meinung nach dringend brauchten.
An das ursprüngliche typische Südstaatenhaus war offenbar im Laufe der Zeit angebaut worden, allerdings etwas exzentrisch. Vom Winde verweht trifft auf die Addams Family, dass war ihr erster Gedanke, als sie die Bilder sah. Nicht, dass sie etwas dagegen gehabt hätte. Die Stirnseite des Originalbaus mit seinen polierten Säulen aus weißem Granit war nach Westen ausgerichtet, und darum herum war der restliche Teil dieses wundervollen Ungetüms erbaut worden: ein dreistöckiges Herrenhaus mit Mansardenfenstern, Dachboden, einem eisernen Geländer am Dach, einem Steingesims, Brüstungen und Erkern mit bunten Fenstern. Efeu rankte sich an der echten Mahagoniverkleidung empor, und große Bogenfenster komplett mit funktionstüchtigen Läden waren in die Wände des komplett aus Naturstein erbauten ersten Stockwerk eingelassen. Es gab sogar ein altes Oculus-Fenster in der mittleren Dachkammer des Anwesens.
Dieses Haus ist so gruselig, es ist einfach GROSSARTIG!, war Cassies erster Gedanke.
Innen war das Haus mit Anleihen am Kolonial- sowie im Edwardianischen Stil renoviert worden. Überall fanden sich Stuckdecken und mannshohe offene Kamine. Wen störte es schon, wenn die Feuerstellen neun Monate im Jahr nicht benutzt wurden? Sie sahen einfach toll aus. Die Gänge des Hauses bildeten ein faszinierendes Labyrinth, seltsame Korridore verzweigten sich in die unterschiedlichsten Richtungen, Räume führten in kleinere Räume, die wiederum in noch kleinere Räume mündeten, überall gab es stumme Diener und sogar Wandschränke, die sich hinter Bücherregalen verbargen. Die alten Gaslampenschirme waren erhalten geblieben und mit elektrischen Birnen ausgestatten worden; fast zwei Meter hoch angebrachte Wandleuchter ließen Platz für Statuen berühmter Südstaatler wie Jefferson Davis, Lee und Pickett sowie weitere, finster dreinblickende, nicht identifizierbare Figuren. In den dreißig Zimmern des Hauses prallten die verschiedensten Klischees aufeinander und beschworen Visionen von sich Luft zufächelnden Südstaatenschönheiten neben schlecht gelaunten Räuberbaronen aus den Zwanzigerjahren.
Und dazu fanden sich überall schwere Vorhänge, die das Innere des Hauses in Dunkelheit hüllten – genau wie Cassie es gern hatte.
Als Wohnzimmer wurde eine Art Atrium genutzt, das alleine fast 100 Quadratmeter groß war. Exotische Teppiche bedeckten das frisch polierte Naturholzparkett. Es gab ein Studierzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Esszimmer und auch eine Bibliothek, ganz zu schweigen von der riesigen Wohnküche, die ihr Vater mit den modernsten Gerätschaften hatte ausstatten lassen.
Natürlich bot das Haus noch weitere Luxusgegenstände: einen Whirlpool, ein Heimkino mit 135-cm-Bildschirm, geräumige Badezimmer aus schwarzem Marmor und vieles mehr. Zu guter Letzt kam das Kellergeschoss: nicht einer, sondern eine ganze Reihe von Kellern, lange, schmale Gewölbe aus beinahe einhundertjährigem Backstein, die Decken so niedrig, dass ein groß gewachsener Mensch sich ducken musste. Der perfekte Aufbewahrungsort für die juristischen Fachbücher ihres Vaters, die er ganz offensichtlich nie wieder anzufassen gedachte.
Ihr eigenes Badezimmer war auch ziemlich cool. Ein Messingduschkopf hing über der antiken Wanne mit den Löwenfüßen, ein Spiegel mit verziertem Holzrahmen war über einem Waschbecken mit Sockel angebracht.
Cassie duschte sich gemächlich mit lauwarmem Wasser, dann schlenderte sie auf und ab, während sie sich anzog. Ihr Zimmer war, wie alle Räume im Haus, riesig – mit dunkler Holzvertäfelung, handgeschnitzten Verzierungen und aufwändig geprägten Deckenfliesen aus Messing und Zinn. Manchmal fühlte sie sich winzig in der Leere des Zimmers; sie hatte keine Möbel von zu Hause mitgebracht, hatte sich bewusst entschieden, mit dem wenigen Mobiliar vorlieb zu nehmen, das schon hier war. Das große Himmelbett, eine Chaiselongue aus dem vorvergangenen Jahrhundert, ein einfacher Tisch und ein Rohrstuhl, das war alles. Mehr brauchte sie nicht, und sie hatte das Angebot ihres Vaters abgelehnt, den Raum nach ihren Vorstellungen zu möblieren, wie sie auch sein Angebot abgelehnt hatte, ihr eine teure Stereoanlage zu kaufen. Ihr alter Ghettoblaster reichte völlig. Aus dem alten Haus in der Stadt hatte sie nur ihre Kleider und CDs mitgebracht.
Mit dem Komfort, den ihr Vater ihr mühelos bieten konnte, hatte sie sich nie so recht wohl gefühlt, das war sogar jahrelang ein Streitpunkt zwischen ihnen gewesen. Die meisten ihrer Klamotten nähte sie selbst, aus Stoffresten und Altkleidern; sie hatte sich zu einer richtigen Designerin entwickelt und glaubte, das wollte sie auch werden, wenn sie erst »erwachsen« wäre, was immer das heißen mochte. Doch sie wusste, dass sie sich darum erst Gedanken machen musste, wenn sie sich wieder gefangen hatte.