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JOE HALDEMAN

Herr der Zeit

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Buch

Hochschulabbrecher Matt Fuller schlägt sich als einfacher Forschungsassistent am Massachusetts Institute of Technology durch. Als er sich gerade mit den Quantenbeziehungen zwischen Gravitation und Licht beschäftigt, verschwindet plötzlich sein Kalibrator – und taucht eine Sekunde später wieder auf. Und jedes Mal, wenn Matt den Reset-Knopf drückt, verschwindet die Maschine zwölfmal länger.

Nachdem er mit dem Kalibrator herumexperimentiert hat, kommt Matt zu dem Schluss, dass er nun im Besitz einer Zeitmaschine ist, mit der er Dinge in die Zukunft schicken kann – einschließlich einer Schildkröte, welche die Reise unbeschadet übersteht.

Mit einem Job ohne Zukunft und einer Freundin, die ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hat, scheint nichts dagegenzusprechen, dass Matt selbst eine kleine Zeitreise unternimmt. Also leiht er sich ein altes Auto, stopft es mit Essen und Wasser voll und landet in der nahen Zukunft – auf der Suche nach einem Ort in der Zeit, an dem er sich in Ruhe niederlassen kann. Doch was ist, wenn solch ein Ort gar nicht existiert?

Autor

Joe Haldeman ist ein Vietnam-Veteran, dessen zeitlose Romane The Forever War und Forever Peace beide die seltene Ehre hatten, den Hugo und den Nebula Award zu gewinnen. Er war zweimal Präsident der Science Fiction & Fantasy Writers of America und arbeitet zurzeit als Assistenzprofessor am Massachusetts Institute of Technology, wo er Schreibkurse gibt.

Weitere Romane des Autors beim Mantikore-Verlag

1. Camouflage

2. Der Ewige Krieg

3. Tödlicher Auftrag

Joe Haldeman

HERR DER ZEIT

Roman

Aus dem Englischen
von Alexander Kühnert

Titel der englischen Originalausgabe
THE ACCIDENTAL TIME MACHINE

3. Auflage

Veröffentlicht durch den
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2013
www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Copyright der englischen Originalausgabe © Ace Books 2007
Text © Joe Haldeman 2007

Titelbild: Maximilian Jasionowski
Deutschsprachige Übersetzung: Alexander Kühnert
Lektorat & Satz: Thomas Michalski

ISBN: 978-3-939212-87-4

Für Susan Allison:

Es wurde Zeit.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

ANMERKUNGEN DES AUTORS

EIN INTERVIEW MIT JOE HALDEMAN

1

Die Geschichte wäre ganz anders verlaufen, wenn Matts Vorgesetzter ihn beobachtet hätte, als die Maschine das erste Mal verschwand.

Der alte Mann war über seinen Oszilloskopschirm gebeugt und starrte in den grünen Lichttümpel wie ein erhabener und korpulenter Raubvogel, während er an zwei Drehknöpfen herumfingerte und sich auf ein pulsierendes, helles Oval konzentrierte, das sich seiner Kontrolle entzog. Matt Fuller hätte in einem anderen Raum, einem anderen Land sein können.

Schneeregen trommelte gegen die dunklen Fenster. Matt legte seinen Schraubenzieher beiseite und drückte den RESET-Knopf des neuen Kalibrators, einer Maschine von der Größe eines Schuhkartons.

Die Maschine verschwand.

Er blickte für eine Sekunde verdutzt vor sich hin. Als er seinen Mund schließen und wieder öffnen konnte, sagte er: »Dr. Marsh! Schauen Sie!«

Dr. Marsh schob seine ganze Körpermasse widerwillig von dem runden Bildschirm fort. »Was ist, Matthew?«

Die Maschine war wieder zurückgekehrt. »Äh … der Kalibrator. Für einen Moment ist er … nun ja, er sah so aus, als wäre er weg gewesen.«

Dr. Marsh nickte langsam. »Als wäre er weg gewesen.«

»Ich meine, als wäre er verschwunden! Fort! Zack!«

»Er scheint jetzt aber da zu sein.«

»Also, ja, offensichtlich. Ich meine, er ist zurückgekommen!«

Der schwere Mann stützte sich hinten am Arbeitstisch ab, während die müden Federn in seinem Stuhl ächzend protestieren. »Wir sind beide schon sehr lange auf. Wie viele Stunden sind es bei dir?«

»Na ja, viele, aber …«

»Wie viele?«

»Vielleicht dreißig Stunden.« Er blickte auf seine Armbanduhr. »Vielleicht ein paar mehr.«

»Du fängst an Dinge zu sehen, Matthew. Geh heim.«

Er fuchtelte hilflos mit den Armen. »Aber er …«

»Geh heim.« Sein Vorgesetzter schaltete den Bildschirm ab und stemmte sich hoch. »Wie ich.« Er nahm seine Winterjacke, ein hellrotes Zelt, vom Haken und warf sie sich über die Schultern. An der Tür blieb er stehen. »Ich mein‘s ernst. Schlaf ein bisschen. Und iss was, aber keine Twinkies.«

»Ja, sicher.« Wer gibt hier wem Diättipps? Vielleicht lag es ja auch am Zucker und Kaffee und dem kleinen bisschen Speed nach dem Abendessen. Kalte Pommes, ein Schokokeks und Amphetamine – das kann durchaus dazu führen, dass man Dinge sieht. Oder eben für einen Moment auch nicht sieht.

Er wünschte dem Professor eine gute Nacht und setzte sich wieder vor den Kalibrator. Dieser sah hübscher aus als notwendig, aber Matt machte seine Arbeit auf diese Weise mehr Spaß. Er hatte im Lagerbehälter für »Vermischtes« ein Rechteck aus Eichenholz gefunden und die Metallteile zugeschnitten, damit diese bündig darauf passten. Die Kombination aus Holz mit mattem, schwarzen Metall und leuchtenden Digitalanzeigen gefiel ihm.

Er selbst sah immer recht ungepflegt aus, aber bei seinen Geräten war das etwas anderes. Sein Fahrrad fuhr so lautlos wie frisch geölt und man konnte die Speichen wie eine Harfe spielen. Sein eigenes Oszilloskop, das er auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hatte, besaß eine schärfere Anzeige als das des Professors und machte keine Pfeifgeräusche. Als er noch ein Auto hatte, einen Mazda Ibuki, war dieser immer makellos sauber und fuhr flüsterleise. Am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, brauchte er jedoch kein Auto, dafür aber jede Menge Geld, also machte jetzt irgendwer in Akron Matts ganze Handarbeit am Mazda zunichte. Er vermisste die Entspannung, die ihm die Fummelei daran verschaffte.

Er fuhr mit der Hand über die kalte Metalloberfläche der Maschine, die über dem Batteriefach leicht warm war. Er sollte sie wohl besser ausschalten und drückte den RESET-Knopf.

Die Maschine verschwand erneut.

»Heilige Scheiße!« Er stürzte zur Tür. »Professor Marsh!«

Dieser war am Ende des Korridors und setzte sich gerade seinen Hut auf. »Was ist es diesmal?«

Matt blickte über seine Schulter und sah, wie sich der Kalibrator wieder materialisierte. Er schimmerte für eine Sekunde und nahm dann wieder seine körperliche Gestalt an. »Äh … ja … ich schätze, so wichtig ist es auch nicht.«

»Komm schon, Matt. Was ist los?«

Er blickte erneut über seine Schulter. »Nun, ich hab mich gefragt, ob ich den Kalibrator mit nach Hause nehmen kann.«

»Was um Himmels willen willst du damit kalibrieren?« Er lächelte. »Hast du einen kleinen Gravitonengenerator zu Hause?«

»Nur ein paar Leiterplattentests. Ich kann sie genauso gut zu Hause machen.« Denk schneller. »Morgen vielleicht ausschlafen und mich nicht durch den Schnee hierher quälen.«

»Gute Idee. Vielleicht komme ich auch nicht.« Er zog sich seinen letzten Handschuh an. »Du kannst mir eine E-Mail schicken, falls etwas ist.« Er drückte die Tür gegen den starken Wind auf und blickte hämisch zurück. »Vor allem wenn das Teil wieder verschwindet. Wir brauchen es nächste Woche.«

Matt ging zurück, setzte sich neben den Kalibrator und nahm einen Schluck Kaffee. Er blickte auf seine Uhr und drückte den Knopf. Die Maschine schimmerte und verschwand, zumindest der Metallkasten; die Eichenholzunterlage blieb hier, ein konisches Holzschraubenloch in jeder Ecke. Genau das hatte sie auch beim letzten Mal getan.

Was würde passieren, wenn er seine Hand an die Stelle hielt, wo der Kasten gewesen war? Wenn dieser zurückkam, konnte er sie womöglich am Handgelenk abtrennen. Oder es gäbe eine große, nukleare Explosion, die alte Science-Fiction-Variante von dem, was passieren würde, wenn zwei Objekte versuchten, zur gleichen Zeit den gleichen Raum einzunehmen.

Nein, da waren genug Luftmoleküle gewesen, als der Kasten vorhin wiederkehrte, aber es hatte offensichtlich keine Nuklearexplosion gegeben.

Der Kasten kam schimmernd zurück und Matt überprüfte seine Uhr. Etwas weniger als drei Minuten. Das erste Verschwinden hatte etwa eine Sekunde gedauert, das zweite vielleicht zehn, zwölf Sekunden.

Seine Armbanduhr war eine Seiko für zwanzig Dollar aus einem Billigladen, aber er war sich ziemlich sicher, dass sie eine Stoppuhr-Funktion hatte. Er nahm sie ab und drückte wahllos auf den Knöpfen herum, bis sie sich wie eine Stoppuhr benahm. Er drückte den Knopf an der Uhr und gleichzeitig den RESET-Knopf des Kalibrators.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Das Trommeln des Schneeregens wurde zum leisen Flüstern von Schneeflocken. Die Maschine kehrte zurück und er drückte den Knopf seiner Uhr: 34 Minuten, 33,22 Sekunden. Also ungefähr 1, 10, 170, 2073 Sekunden. Er wechselte zum Tisch des Professors hinüber und stöberte nach einem halblogarithmischen Papier. Grob geschätzt verschwand das Teil bei jedem Mal zwölfmal länger, wenn er den Knopf drückte.

Mach den nächsten Versuch, etwa sechs Stunden, zu Hause. Er fand ein paar Plastikmülltüten, um die Maschine zu schützen, aber bevor er sie einhüllte, platzierte er eine Papphülse um den RESET-Knopf und fixierte sie mit Klebeband. Er wollte nicht, dass die Maschine in der U-Bahn verschwand.

Es war eine verdammt beschissene Nacht. Der Schneeregen hatte sich tatsächlich in Schnee verwandelt, aber da waren noch immer tiefe Pfützen voll eisigem Matsch, denen man nicht ausweichen konnte, und Matt hatte keine Stiefel angezogen. Bis er die rote U-Bahnlinie erreicht hatte, waren seine Laufschuhe durchgeweicht und seine Füße taub. Als er in East Lexington ausstieg, waren sie weit genug aufgetaut, um allmählich wehzutun, und der eigentlich zehnminütige Weg den Hügel hinauf dauerte zwanzig, die Gehwege vom Eis ganz rutschig. Selbst wenn er den Kalibrator jetzt fallen ließe, schlimm wäre es nicht. Er konnte innerhalb weniger Tage einen neuen bauen, sofern er die Teile dafür fand. Oder sein Nachfolger konnte es, nachdem man ihn gefeuert hatte.

(Alles, was der Kalibrator tun sollte, war es, ein Vergleichsphoton je Zeiteinheit zu liefern, wobei die Zeiteinheit dem winzigen, bisher nur vermuteten »Chronon« entsprach: der Zeitspanne, die das Licht benötigte, um den Radius eines Elektrons zurückzulegen. Das hatte nichts mit Verschwinden zu tun.)

Es gelang ihm, einen Handschuh auszuziehen, ohne die Maschine fallen zu lassen, und sein Daumenabdruck ließ ihn ins Wohnhaus. Er stapfte in den zweiten Stock hinauf und gelangte dank seines Daumens in seine Wohnung.

Kara war erst seit ein paar Tagen weg und den Großteil dieser Zeit hatte er im Labor verbracht. Dennoch nahm die Wohnung bereits Charakterzüge einer Junggesellenbude an. Der Stapel aus Zeitschriften und Ausdrucken auf dem Kaffeetisch hatte sich auf dem Boden verteilt und obwohl er ihn zweimal durchgesehen hatte, war er nicht auf den Gedanken gekommen, ihn wieder hochzustapeln. Kara hätte das als Erstes getan, wenn sie durch das Wohnzimmer gegangen wäre. Vielleicht passten sie einfach nicht zueinander. Dennoch. Er legte den Kalibrator auf die Couch und stapelte die Zeitschriften auf. Die Hälfte davon rutschte auf den Boden zurück.

Er ging in die Küche und schaute gar nicht erst in die Spüle. Er holte ein Bier aus dem Kühlschrank und nahm es zusammen mit der neuen Ausgabe des Physical Review Letters mit ins Bad. Er riss sich die Schuhe runter, ließ ein paar Zentimeter heißes Wasser in die Wanne laufen und legte glückselig seine Füße hinein, damit sie auftauten.

Im Letters stand nichts, das ihn speziell interessierte, aber die Zeitschrift zu lesen gab ihm das Gefühl, etwas Nützliches zu tun, während er sich vorwiegend damit beschäftigte, aufzutauen und Bier zu trinken. Natürlich klingelte das Telefon. Im Badezimmer gab es nur ein altmodisches Stimmentelefon; er lehnte sich hinüber und drückte unsanft auf die Taste. »Hier.«

»Matty?« Nur eine Person nannte ihn so. »Warum kann ich dich nicht sehen?«

»Kein Bild, Mutter. Ich bin am Telefon im Badezimmer.«

»Ich schicke dir Geld, damit du dir ein Telefon für das Badezimmer kaufen kannst? Ich hätte auch gern ein Telefon im Bad.«

»Es war bereits hier drin. Es würde extra kosten, es rauszubauen.«

»Dann benutze dein Handy. Ich will dich sehen.«

»Nein, willst du nicht. Ich sehe so aus, als wäre ich seit sechsunddreißig Stunden wach. Weil ich es bin.«

»Was? Du bringst dich um, weißt du das? Warum um Himmels willen würdest du so lange aufbleiben wollen?«

»Laborarbeit.« Tatsächlich wollte er nur ungern nach Hause in die leere Wohnung, das leere Bett kommen. Aber er hatte seiner Mutter nie von Kara erzählt. »Ich werde morgen ausschlafen, vielleicht auch gar nicht ins Labor gehen.« Er redete weiter und drückte für einen Moment die HOLD-Taste. »Ich krieg einen Anruf rein, Mutter. Ich ruf dich morgen mit dem Handy an.« Er legte auf und hob gerade das Bier an seine Lippen, als es kurz an der Wohnungstür klopfte. Sie ging knarrend auf.

Er trocknete seine Füße notdürftig auf dem Badvorleger und stolperte ins Wohnzimmer. Kara, natürlich; nur ihr Daumen konnte die Tür öffnen.

Sie war schön durchnässt, schön und durchnässt, und schenkte ihm einen Blick, den Matt nie zuvor gesehen hatte. Kein freundlicher Blick.

»Kara, es tut so gut, dich …«

»Ich habe es endlich aufgegeben, dich anzurufen und bin rübergekommen. Wo bist du seit gestern Morgen gewesen

»Im Labor.«

»Oh, klar. Du verbringst die Nacht im Labor. Hast vergessen, auf dein Handy umzuleiten. Mit der geheimen Nummer, die nicht mal ich anrufen kann.«

»Das hab ich wirklich. Ich meine, das habe ich nicht.« Er warf seine Arme zur Seite. »Ich meine, ich habe die Nacht im Labor verbracht und sie erlauben es nicht, dass man seine Anrufe dorthin umleitet.«

»Schau, mir ist es egal, wo du die Nacht verbracht hast. Wirklich, es ist mir vollkommen egal. Ich brauch nur etwas aus dem Bad. Würdest du bitte

Er trat beiseite und sie stampfte tropfnass hinein. Er folgte ihr, ebenfalls tropfnass.

Sie schaute in das Medizinschränkchen und knallte es wieder zu. Dann blickte sie in die Wanne. »Du badest in fünf Zentimeter tiefem Wasser?«

»Nur, äh, nur meine Füße.«

»Oh, natürlich, natürlich, deine Füße.« Sie riss eine Schublade auf. »Du bist seltsam, Matt. Trotz deiner sauberen Füße. Hier.« Sie holte eine himmelblaue Schachtel mit Verhütungsscheibchen heraus. »Frag nicht.« Sie richtete einen Finger auf sein Gesicht. »Frag ja nicht.« Ihr Gesicht war errötet und ihre Augen glitzerten mit zurückgehaltenen Tränen.

»Das würde ich nicht …« Sie drängte sich an ihm vorbei. »Willst du nicht auf eine Tasse Kaffee bleiben? Das Wetter draußen ist so mies.«

»Jemand wartet auf mich.« Sie öffnete die Tür. »Du kannst meinen Daumen jetzt aus der Tür löschen.« Sie hielt inne, als wollte sie noch etwas sagen, dann drehte sie sich um. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken.

2

Matt wusste ein paar Dinge über Zeitreisen, auch wenn es nicht sein Spezialgebiet war. Er hatte nicht wirklich ein Spezialgebiet, nicht mehr, auch wenn er nur ein paar anspruchsvolle Kurse und eine Dissertation von seinem Doktortitel in Physik entfernt war.

Jeder reiste durch die Zeit in die Zukunft, und zwar Sekunde für Sekunde, um es ganz einfach zu sagen. Und es war kein Paradoxon, sogar noch schneller zu reisen – tatsächlich war diese Möglichkeit in der modernen Physik seit Einstein sogar denkbar.

Dies würde jedoch – entsprechend der Zeitdilatation aufgrund der relativistischen Längenkontraktion – entweder äußerst hohe Geschwindigkeiten voraussetzen, oder aber die Möglichkeit, sehr kleine Zeiteinheiten zu messen. Es gab das »Zwillingsparadoxon«, wo ein Zwilling zuhause blieb, während der andere mit nahezu Lichtgeschwindigkeit nach Alpha Centauri und zurück flog. Das waren acht Lichtjahre, daher war der reisende Zwilling etwa acht Jahre jünger, sobald er zurückkehrte – aus seiner Sicht war der Zwilling, der zuhause geblieben war, acht Jahre in die Zukunft gereist.

Niemand kann ein Raumschiff bauen, das so schnell fliegt, aber man kann das Experiment in kleinerem Maßstab mit einem Paar äußerst genauer Uhren durchführen. Man schickt eine in einem Düsenflugzeug einmal um die Welt, und wenn sie zurückkommt, wird die reisende Uhr etwa ein Millionstel einer Sekunde langsamer sein als die Uhr, die an Ort und Stelle geblieben ist.

Matt war mit diesem Thema noch vor seiner Pubertät vertraut gewesen. Nach seiner Pubertät hatte er sich weiter mit Physik beschäftigt und sich den differenzierteren Zeitreisemodellen von Gödel, Tipler und Weyland zugewandt. Doch sie alle setzten große Verformungen des Universums voraus und machten sich schwarze Löcher und dergleichen zunutze.

Nicht vergleichbar mit dem einfachen Drücken eines Knopfes.

Matt wachte benommen und verspannt auf der Couch auf. Hinter den leeren Bierdosen auf dem Tisch flimmerte ein alter Film über den Fernsehbildschirm. Als er einschlief, war es noch ein Film von Fellini gewesen. Jetzt war dort Lucille Ball, begleitet von Gelächter aus der Lachkonserve. Er fand die Fernbedienung auf dem Boden und schickte Lucille zurück ins zwanzigste Jahrhundert.

Sein Füße waren kalt. Er schlurfte ins Bad und blieb lange Zeit unter der warmen Dusche stehen.

In seinem Schrank hatte er noch genug saubere Kleidung für mehrere Tage, Überbleibsel aus der Zeit, als hier noch eine Frau wohnte. Bügelte und faltete Kara jetzt die Wäsche eines anderen Mannes?

Der Kaffee war durch, als er sich fertig angezogen hatte. Er zuckerte die Tasse mit reichlich Honig und schaffte auf dem Küchentisch Platz, indem er ein paar alte Tageszeitungen beiseiteschob. Er stellte seine Tasche auf den Tisch und holte die Maschine hervor, welche noch immer in Mülltüten eingewickelt war, sowie sein Notebook und das Stück Millimeterpapier vom Schreibtisch des Professors.

Er schloss das Notebook an und scannte das Millimeterpapier mit den vier Datenpunkten darauf ein. Die ersten beiden hatte er nur geschätzt, der dritte war ein Annäherungswert und den vierten hatte er mit der Stoppuhr gemessen. Er zeichnete die entsprechenden Fehlerbalken mit einem Eingabestift ein und ließ das Notebook mit ihnen eine Fourier-Transformation machen. Wie erwartet, erhielt er eine Reihe von unwahrscheinlichen Lösungen, die über das ganze Bild schweiften, doch die sauberste war eine gerade Linie mit einem Anstieg von 11,8 – wenn er also das nächste Mal den Knopf drückte, sollte das Ding für 24.461 Sekunden verschwinden. Sechs Stunden und achtundvierzig Minuten, mehr oder weniger.

Okay, diesmal sollte es wissenschaftlich sein. Er holte den Digitalwecker aus seinem Schlafzimmer und stellt ihn so ein, dass er die Sekunden anzeigte. Er steckte einen frischen Acht-Stunden-Speicher in sein Handy und stellte es auf fortwährende Aufnahme. Dann platzierte er es auf einem Stapel Bücher, so dass es die Uhr und die Maschine im Blick hatte. Nach kurzem Überlegen räumte er den Müll vom Tisch, der hinter dem Kalibrator zu sehen war, und startete das Handy. Das würde in die Geschichte der Physik eingehen. Es sollte also ordentlich aussehen.

Er durchstöberte die Allzweckschublade in der Küche und fand das Multimeter aus seiner Grundstudienzeit. Die Energiequelle der Kalibratormaschine war eine Madhya-Zwanzig-Volt-Tiefentladungsbrennstoffzelle und das Multimeter verriet, dass sie zu 99,9999 Prozent geladen war. Er hielt das Ergebnis in die Kamera. Mal sehen, wie viel Energie das Teil verbrauchte, während es weg war.

Es war genau 9:58, daher entschied er, bis 10:00 zu warten, bevor er den Knopf drückte. Aus reiner Neugier holte er eine Zweidollarmünze aus seiner Tasche und legte sie auf die Maschine. Dies würde sein dramatischer Begleitsound werden: Das Klimpern der Münze, die nach dem Drücken des Knopfes auf den Tisch fiel.

Die Augen auf die Uhr gerichtet, konnte er spüren, wie sein Herz hämmerte. Was, wenn nichts passierte? Nun, niemand würde die Aufzeichnung je zu Gesicht bekommen.

Einen Sekundenbruchteil vor zehn Uhr drückte mit seinem Daumen auf den Knopf.

Die Maschine verschwand pflichtgemäß.

Sie nahm die Zweidollarmünze mit. Kein Klimpern.

Das war interessant. Sowohl er als auch die Münze hatten die Maschine berührt, doch die Münze lag auf dem Metallkasten und nicht auf dem nichtleitenden Kunststoffknopf. Was wäre passiert, wenn er stattdessen das Metall berührt hätte?

Er hätte das Handy auf der Maschine platzieren sollen, statt von ihr entfernt. Um aufzuzeichnen, was mit ihr passierte, während sie nicht hier war. Nicht hier und jetzt.

Nächstes Mal halt.

Natürlich klingelte das Telefon. Er schielte auf die ID des Anrufers. Seine Mutter. Als es aufgehört hatte, zu klingeln, rief er sie aus dem Bad zurück.

»Du rufst schon wieder aus dem Bad an«, sagte sie.

»Irgendetwas stimmt mit dem Handy nicht.« Er brauchte seiner Mutter nichts von der verschwindenden Maschine zu erzählen. »Warum hast du mich angerufen?«

»Wieso, hast du geschlafen?«

»Nein, ich war wach. Warum hast du angerufen?«

»Der Sturm, Dummerchen. Geht es dir gut bei dem Sturm?«

»Sicher.«

»Was meinst du mit ›sicher‹? Hast du Wasser und Strom?«

»Ja, natürlich.« Er ging zu dem kleinen Fenster am Ende des Raums und zog die Jalousie hoch. Draußen war alles grau. Der Schnee war so dicht, dass kein Licht hindurchkam.

»Nun, wir nicht. Der Strom fiel aus, gleich nachdem ich aufgestanden bin. Und jetzt erzählen sie den Leuten, dass sie ihr Wasser kochen sollen, bevor sie es trinken.«

Er starrte einfach nur auf das Fenster. Drei Meter hoher Schnee?

»Matthew? Hallo?«

»Nur eine Minute, Mom.« Er setze das Telefon auf dem Wannenrand ab und ging in den vorderen Raum. Er spähte durch die Lamellen der Jalousie.

Dort lag Schnee, gut so weit, aber nur mehrere Zentimeter. Der Wind war stürmisch und rüttelte an den Fensterscheiben. Das war alles. Das Badfenster blickte auf ein derzeit unbebautes Grundstück. Der Wind, der von Norden kam, konnte auf einer Länge von über hundert Metern ungehindert heranwehen. Dadurch hatte sich der Schnee entlang der Nordwand aufgehäuft, das Badfenster eingeschlossen.

Er nahm das Telefon. »Was ist denn bei dir los?«, sagte seine Mutter.

»Habe nur nachgeschaut. Hier scheint es nicht so schlimm zu sein. Kann ich irgendwas tun?«

»Wenn du ein Auto hättest vielleicht.«

»Tja.« Es war ein Schulabschlussgeschenk gewesen und er hatte es verkauft, als er zurück nach Boston zog.

»Könntest du nicht eins mieten?«

»Nein. Bei dem Wetter ohnehin nicht. Du kennst doch die Autofahrer in Boston. Brauchst du irgendwas?«

»Kerzen, Milch. Ein bisschen Wein könnte nicht schaden.« Sie lebte in einem langweiligen Vorort, Arlington. »Ein paar Flaschen Wasser – wie soll ich das denn kochen? Ohne Strom?«

»Ich werde mal nach der U-Bahn sehen. Falls sie fährt, kann ich dir ein paar Sachen rüberbringen.«

»Ich will nicht, dass du …«

»Mach eine Liste und ich ruf dich in ein paar Minuten noch mal an.« Er legte auf und rechnete nach. Wenn seine Hochrechnung stimmte, würde die Maschine kurz vor fünf Uhr wieder erscheinen. Genug Zeit, selbst bei dem Wetter.

Er sollte erst mal etwas essen. Nichts im Kühlschrank außer Bier und einem vertrockneten Stück Cheddarkäse. Er öffnete seine letzte Dose mit Boston Baked Beans – hergestellt in Ohio – und erhitzte sie in der Mikrowelle, während er nach einem Stück Papier und einem Stift für die Einkaufsliste suchte.

Kerzen, Wein, Milch, Wasser. Er rief zurück und sie fügte Brot, Erdnussbutter und Marmelade hinzu. Rote Johannisbeere, falls sie die hatten. Ein paar Sardinen und Dijon-Senf – keine Sorge, sie würde bezahlen. Fisch? Sie würde definitiv bezahlen.

Er schüttete die Bohnen auf eine Scheibe Brot, die trocken, aber nicht schimmelig war, und kippte etwas Ketchup drüber. Er öffnete ein weiteres Bier und schaute den Wetterkanal, während er aß. Bis Mittag sollte es aufhören zu schneien. Morgen dafür noch mehr Schnee. Der richtige Zeitpunkt für ein langes Wochenende zu Hause.

Er versuchte nicht an seine Kuschelstunden mit Kara zu denken, während draußen der Schnee fiel. Heißer Kakao, hach. Das aufregende Erforschen der Grenzen der Liebe. Vielleicht …

Die Bohnen waren inzwischen kalt. Er aß auf und zog sich dick an, bevor er hinausging, um sich den listigen Lebensmittelgeschäften zu stellen.

Die Kampfstiefel, die er in Akron gekauft hatte, waren schwerfällig, aber trocken und boten bergab genug Halt. Der Wind hatte ein bisschen nachgelassen und er konnte den Spaziergang beinahe genießen. Vielleicht genoss er es auch, nicht alleine in der Wohnung rumhängen zu müssen.

Keine Kerzen im Lebensmittelladen, außer diesen kleinen Votivkerzen. Er kaufte ihr eine Packung mit zwei Dutzend davon sowie einen Fünf-Liter-Karton mit billigem, kalifornischem Wein. Er würde sich auf dem Rückweg auch einen holen. Zwei Kanister Wasser. Alles außer dem Wasser passte in seinen Rucksack. Er stapfte zur Roten Linie davon.

Seine Mutter wohnte nur zwei Haltestationen weiter, allerdings musste er dann noch über eine Meile zu Fuß laufen. Bis er dort ankam, hatte er die zweite Gallone Wasser bereits bereut. Mom konnte ihre Zähne auch mit Wein putzen.

Sie freute sich ihn zu sehen, auch wenn er keine Streichhölzer für die Kerzen gekauft hatte. Er schaute sich um und fand ein paar in der alten Werkstatt seines Vaters, in die dieser manchmal geflohen war, um Haschisch zu rauchen. Sie saßen in der Küche, tranken ein Glas Wein und aßen etwas Schokolade, bis er sagte, dass er zurück an die Arbeit musste, was stimmte, wenngleich die Arbeit nicht mühseliger Natur war.

Auf dem Rückweg holte er Wein und etwas zu essen für ein paar Tage sowie ein billiges Kamerahandy in einer Sichtverpackung. Er hätte auch zum Harvard Square zu Radio Shack gehen können, um sich eine kleine Knopfkamera zu kaufen, da er kein neues Handy benötigte, aber die hätte mindestens genauso viel gekostet. Und er wollte es nicht verpassen, wenn das Ding wieder auftauchte.

Der Wind und der Schnee hatten wieder zugenommen, als er aus der U-Bahn stieg und sich auf den Heimweg machte. Er zitterte, bis er wieder drinnen war. Ein flüchtiger Blick verriet ihm, dass die Maschine noch immer dort war, wohin auch immer sie verschwunden war, daher ging er direkt in die Küche, um Kaffee zu machen und seine Hände zu wärmen.

Noch etwas mehr als eine Stunde war übrig, als er sich mit dem Kaffee auf die Couch setzte. Er nahm sein Notebook, öffnete das Taschenrechner-Programm und fertigte eine Liste an:

1. (1,26 s) (zurückgerechnet)

2. (15)

3. (176)

4. 2073 s

5. 24.461 = 6h 48m

6. 3,34 Tage

7. 39,54 d

8. 465 d

9. 5493 d = 15 y

Also musste er vorausplanen. Wenn er das nächste Mal den Knopf drückte – sofern diese einfache und lineare Rechnung aufging – würde das Teil über drei Tage verschwinden. Danach über einen Monat; dann über ein Jahr. Dann fünfzehn Jahre und danach weit in die Zukunft.

Es war also eine Zeitmaschine, wenngleich eine recht nutzlose. Außer er fand einen Weg, den Vorgang umzukehren – fünfzehn Jahre in die Zukunft reisen und mit den dortigen Aktienkursen zurückkehren. Oder mit einer Liste der jährlichen Sieger der Baseball-Liga. Aber nur einfach so in die Zukunft reisen? Das konnte man auch tun, indem man einfach nur herumstand. Kein Profit dabei, solange man nicht auch zurückkommen konnte.

Er berechnete noch die nächsten beiden Zahlen, 177,5 und 2094 Jahre. Wenn man so weit reiste, wäre das, als würde man einen anderen Planeten besuchen. Aber man konnte nicht zurückkehren, so wie der Kerl in Wells‘ Roman, um alle vor den Morlocks zu warnen. Und es konnte dort recht einsam werden, wenn es niemanden außer den Morlocks gab.

Vielleicht würde es auch eine hoch technologisierte Zukunft sein und man wusste dort, wie man den Prozess umkehrte.

Nein. Wenn sie das könnten, hätten sie uns schon besucht. An der Börse investieren, Pferdewetten machen.

Aber sie müssten nicht unbedingt viel anders aussehen als wir. Vielleicht waren sie schon die ganze Zeit rückwärts gereist – ein paar Dollar verdient und dann zurück in die Zukunft. Natürlich gab es noch den Ray-Bradbury-Effekt. Selbst die kleinste Veränderung hier konnte die Zukunft grundlegend beeinflussen. Tritt niemals auf einen Schmetterling.

Während ihm all das durch den Kopf ging, starrte er auf die betreffende Stelle. Vier Uhr achtundvierzig und nichts passierte. Er geriet in Panik, doch dann kehrte sie schimmernd zurück, kurz vor 4:49. Er würde die Gleichung etwas anpassen müssen.

Die Zweidollarmünze war dort, wo er sie hingelegt hatte. Er hätte eine Uhr daneben platzieren sollen. Einen Käfig mit einem Meerschweinchen. Und die Kamera.

Er überprüfte die Madhya-Brennstoffzelle und sie lag bei 99,9998 Prozent, eine Entladung von einem Hundertstel eines Prozents. Das konnte auch ein automatischer Kapazitätsverlust durch das Unterbrechen des Stromkreises sein. Mal sehen, was der nächste Datenpunkt sagte.

Drei Tage und acht Stunden beim nächsten Mal. Er zählte es an den Fingern ab. Kurz nach Montag Mitternacht. Er konnte sich an dem Tag krank melden. Marsh würde ihn nicht vermissen.

Er würde jedoch die Maschine vermissen. Konnte er bis Dienstag ein Duplikat zusammenbauen? Kein Problem, sofern er alle Bauteile vor sich liegen und eine entsprechend bestückte Werkbank hatte. Aber es war schwierig, all diese Sachen übers Wochenende zusammenzusuchen, während das Institut und die Stadt quasi im Ruhemodus waren. Außerdem konnte man nicht einfach in die Drogerie gehen und sich ein Gramm Galliumarsenid kaufen.

Selbst wenn das Institut offen war, musste er eine Menge Papierkram ausfüllen. Wenn man sich die Sachen aber einfach nur ausborgte

Matt war bisher fünf Jahre lang als Student am MIT gewesen und noch mal drei als Angestellter. Er ging zurück zur Allzweckschublade und holte einen großen Schlüsselbund heraus, dessen Schlüssel alle mit kleinen Papieraufklebern gekennzeichnet waren.

Einer davon würde neun von zehn Türen am MIT öffnen, aber das waren zumeist uninteressante Klassenräume und Labors. Die anderen waren spezielle Büros und Lagerräume.

Die meisten Studenten, die schon lange Zeit am Institut waren, hatten einen ähnlichen Schlüssel oder kannten zumindest jemanden wie Matt. Das MIT hatte eine altehrwürdige Tradition des arglosen Einbrechens. Als er noch ein Studienanfänger im zweiten Semester war, hatte man Matt auf eine Mitternachtstour durch die Hinterzimmer des MIT mitgenommen. Er kroch durch halb geheime Gänge, in denen Ozon und öliges Kondensat zischten, und schlich sich auf Zehenspitzen an unfertigen Experimenten vorbei – anschauen, aber nicht anfassen – durch Räume mit millionenschweren Apparaturen, die nur vom Ehrenkodex der Scherzbolde geschützt wurden. Man treibt keinen Unfug mit der Arbeit anderer Leute.

Und man stiehlt nicht. Aber es wäre doch kein Diebstahl, wenn man die Sachen für ein Institutsprojekt benutzte, oder?

Er öffnete ein Schaubild am Computer und machte eine Liste der Bauteile, die er nicht in seinem eigenen, oder vielmehr Professor Marshs Labor mitnehmen konnte. Er wusste, wo er all diese Dinge finden würde, da er das Teil schon einmal zusammengebaut hatte.

Samstagnacht in einem dichten Schneesturm. Falls er irgendjemanden traf, dann waren es Scherzbolde auf einer ähnlichen Mission. Oder ein Hausmeister oder das Sicherheitspersonal, von denen keiner ein großes Problem darstellen sollte. Er hatte die Tour bereits Dutzende Male mit Studienanfängern gemacht und nur in zwei Fällen hatten sie rennen müssen, als sei der Teufel hinter ihnen her.

Er füllte eine Thermoskanne zur Hälfte mit dem Rest des Kaffees und schmierte zwei Erdnuss- und Marmeladenbrote. Das alles packte er zusammen mit dem Computer und dem Schlüsselbund in seinen Rucksack. Er schüttete ein Multivitamin-Glas aus und kramte zwischen den verschiedenen Pillen umher. Er brach eine große Ritalin-Tablette entzwei und schluckte die eine Hälfte. Die andere faltete er in einen Fetzen Papier und steckte diesen in seine Hemdtasche. Sein Vorhaben würde die ganze Nacht dauern.

Was er wirklich tun wollte, war, die Maschine mit einer Kamera und einer Uhr auszustatten und sie in die Zukunft zu schicken. Aber nicht, bevor er nicht ein Duplikat hatte.

Er musste lächeln, als er sich den Ausdruck auf Professor Marshs Gesicht vorstellte, sobald er den RESET-Knopf des Duplikats drückte. Er versuchte, diesen Gedanken festzuhalten, als er in die stürmische Kälte hinausstolperte.

3

Wie sich herausstellte, sollte es länger als die ganze Nacht dauern. Er musste sich in vierzehn verschiedene Labors und Lagerräume schleichen, bevor er alle Teile in seiner Tasche hatte. An einigen Orten ließ er Entschuldigungszettel zurück; an anderen ging er davon aus, dass die Leute den einen Widerstand oder das eine Thermoelement nicht vermissen würden.

Ein hagerer, grauer Wintermorgen schielte durch das Fenster herein, als er die Teile auf seiner Werkbank auslegte. Leider entsprachen nicht alle Sachen exakt seinen Vorstellungen – all die elektronischen und optischen Komponenten hatten die richtigen Eigenschaften, aber sie waren nicht alle von den gleichen Herstellern wie die Teile der ersten Maschine, was aber keinen Unterschied machen sollte. Andererseits hätte die Maschine ohnehin nicht verschwinden dürfen.

Er hatte eine Kiefernholzplatte anstelle der hochwertigen aus Eichenholz, welche er sich stibitzt hatte. Das würde sicher keinen Unterschied machen, eine neutrale Unterlage halt. Er schnitt sie mit einer Tischkreissäge auf die richtige Größe, dann fand er die Pappschablone, die er als Vorlage benutzt hatte, und bohrte Löcher in die Platte, um die verschiedenen Komponenten festzuschrauben. Er nahm die Platte mit zum Dunstabzug und besprühte sie mit zwei Schichten schwarzen Hochglanzlacks. Obwohl dieser schnelltrocknend war, stellte er einen Kurzzeitwecker auf eine halbe Stunde und legte sich für ein Nickerchen auf den Labortisch, seine mehr oder weniger trockenen Stiefel zu einem Kissen gefaltet.

Er wachte nicht unbedingt erholt auf, warf sich den Rest der Ritalin-Tablette ein und erhitzte ein halbvolles 1000-ml-Becherglas mit Wasser, um Kaffee zu machen. Während es aufkochte, legte er alle Bauteile sortiert neben die gebohrte und lackierte Platte und suchte sich dann die Werkzeuge und Materialien zusammen, die er brauchte, um alles zusammenzusetzen.

Dieser letzte Arbeitsschritt war der befriedigendste, wenngleich er aufgrund der Vertrautheit mit dem Gerät und seiner Müdigkeit hierbei die schlimmsten Fehler machen konnte. Er goss einen großen Becher mit Kaffee auf und starrte auf die übersichtliche Anordnung der Bauteile, während die Tablette langsam anfing zu wirken und seine Müdigkeit vertrieb. Er baute den Kalibrator in Gedanken zusammen und schrieb sich die einzelnen Schritte nacheinander auf einen gelben Notizblock. Er betrachtete die Liste ein paar Minuten, krempelte dann die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit.

Es war ein Prozess, der ihn an seine Kindheit erinnerte, als er Stunden mit dem akribischen Zusammenbauen von Modellflugzeugen und -raumschiffen verbracht hatte, während seine Begeisterung die Müdigkeit in Schach hielt. Jetzt wie auch damals fühlte er sich ein bisschen niedergeschlagen, als er die letzte Naht verschweißte und das letzte Schräubchen anzog, und die Müdigkeit sofort zurückkam.

Er schob die Brennstoffzelle in Position und befestigte die Kontakte daran. Den RESET-Knopf drücken oder nicht?

Er musste es versuchen. Er stellte bei seiner Armbanduhr wieder die Stoppuhr-Funktion ein und drückte die beiden Knöpfe gleichzeitig.

Nichts passierte. Oder aber der Kalibrator stieß ein Photon je Chronon aus, so wie er sollte. Dr. Marsh konnte diesen hier haben.

Große Müdigkeit überkam ihn. Er machte sich erneut auf dem Labortisch lang. Der Gedanke an sein weiches Bett zuhause war verführerisch, aber vor sieben würde am Sonntag keine U-Bahn fahren. Er blickte auf seine Uhr, doch sie war noch immer auf Stoppuhr eingestellt und addierte pflichtgemäß die Sekunden. Er ließ sie machen.

Drei Stunden und sieben Sekunden später streckte er sich, stöhnte und setzte sich auf. Es war neun Uhr durch, gut.

Er ließ den Kalibrator auf dem Regal zurück und ging nach draußen, um sich dem Winter von Cambridge zu stellen. Es war bewölkt und bitterkalt, irgendwas um die minus zehn Grad. Kein Neuschnee, aber genug von dem alten. Er konnte irgendwo auf dem Unigelände eine Schneefräse hören, aber sie hatte es nicht bis zum Green Building geschafft. Er kämpfte sich durch den Schnee, der bis über seine Knie reichte, und ging zur Roten Linie. Der Duft von Sonntagmorgen-Kaffee lockte ihn ins Starbucks.

Er kippte genug Zucker und Sahne in den Kaffee um es Frühstück zu nennen, und überlegte sich die nächste Stufe seines Experiments. Die Maschine würde für drei Tage und acht Stunden weg sein. Das Kamerahandy würde die Umgebung der Maschine aufnehmen und er würde seine Armbanduhr hineinlegen, um die verstrichene Zeit zu messen – oder eine noch billigere kaufen, die er nicht vermissen würde, falls sie verloren ging.

Ein Meerschweinchen. Mal sehen, ob ein Lebewesen durch die Zeitverschiebung oder was auch immer beeinflusst würde.

Ein richtiges Labortier wäre recht viel Aufwand; Käfig und Wasser und alles. Er dachte daran, eine Küchenschabe zu fangen, doch hatte er keine von denen mehr gesehen, seit Kara ihn gezwungen hatte, den Ungeziefermann zu holen.

Etwas, das drei Tage ohne Verpflegung überleben konnte. Etwas, das er günstig kriegen oder sich borgen konnte …

Eine Schildkröte. Als er mit Kara in die Burlington Mall gegangen war, um neue Kissen zu kaufen, hatte sie ihn in den Tierladen geschleppt. Sie hatten dort ein Terrarium voll mit diesen kleinen Rackern.

Sonntags würde der Laden aber nicht geöffnet sein. Er spielte mit dem Gedanken, dort einzubrechen und mehrere Monate Gefängnis für eine Zwei-Dollar-Schildkröte zu riskieren. Nein. Das war nicht das MIT. Die Wachleute würden ihn nur einmal anschauen, einen struppigen, von Drogen benebelten Kerl in der Kleidung eines Obdachlosen, und ihn einfach erschießen.

Das Starbucks besaß ein Telefonbuch, ein abgenutztes Bündel dreckigen, gelben Papiers. Er fand die Nummer, tippte sie in sein Handy.

»Fahr zur Hölle«, sagte die Stimme einer Frau. Er überprüfte die Nummer, aber nein, er hatte nicht aus Versehen Kara angerufen. »Entschuldigung?«

»Oh! Tut mir leid!«, lachte sie. »Ich dachte, Sie wären mein Freund. Wer sonst würde Sonntagmorgen hier anrufen?«

»Ich wollte nur … nun ja, ich hab mich gefragt, ob Sie Sonntagmorgen geöffnet haben.«

»Ich muss herkommen und meine Babys füttern und hinter ihnen sauber machen. Die wissen nicht, dass der Schnee draußen zwei Meter hoch liegt.«

»Es ist Ihr Laden? Sie führen ihn?«

»Ja. Versuchen Sie mal, jemanden einzustellen, der das hier machen kann. Der einen höheren IQ hat als die Tiere.«

»Was, wenn ich etwas kaufen wollte?«

Eine kurze Pause. »Sie brauchen Sonntagmorgen plötzlich ein Haustier?«

»Kein Haustier, nicht wirklich.« Klammere dich an Halbwahrheiten. »Ich bin Forscher am MIT. Wir brauchen eine kleine Schildkröte für … für ein Stoffwechselexperiment.«

»Also … Sie sind gerade unten am MIT?«

»Im Starbucks, um genau zu sein, direkt an der Roten Linie am Kendall Square. Ich könnte in weniger als einer Stunde bei Ihnen sein.«

»Dann viel Glück.« Sie lachte erneut, ein angenehmes Geräusch. »Passen Sie auf. Ich gebe Ihnen genau eine Stunde. Dann decke ich meine Babys zu und geh‘ heim.«

»Bin schon auf dem Weg.« Er blieb gerade lang genug stehen, um einen Deckel auf seinen Kaffee zu machen, dann rannte er die Treppen zur U-Bahn hinunter.

Und wartete. Das einzige, was er lesen konnte, waren die Kontakt- und Privatanzeigen im Boston Phoenix. Er studierte den Abschnitt FRAUEN SUCHEN MÄNNER, doch keine von ihnen stand auf mittellose Hochschulabbrecher. Nun, er konnte jederzeit selbst eine Anzeige aufgeben: »Mittelloser, zotteliger Hochschulabbrecher sucht nach Ersatz für ein unglaublich schönes Mädchen. Bringe eigene Schildkröte mit.« Wenn nur die Bahn kommen würde.

Als sie schließlich kam, war sie natürlich mit Leuten vollgestopft, die andernfalls mit dem Auto gefahren oder auch gelaufen wären. Es roch nach Kirchenparfüm, was angenehm war, als er einstieg, aber schon dreißig Sekunden später lästig wurde. Die Menge war ungewöhnlich angespannt und leise. Regelrecht andächtig. Vielleicht fragte sie sich, warum ihr ein liebevoller Gott so etwas an einem Sonntagmorgen antun würde.

Der Bahnsteig lag auf der falschen Seite der Mall und er war bereits fünf Minuten zu spät, also rannte er. Sie wartete in der Tür und hatte schon ihren Mantel an. »Hey, immer langsam«, rief sie. »Ich verschwinde schon nicht.«

Sie war eine kleine, schwarze Frau mit einem breiten Lächeln und sie trug enge, violette Jeans und ein Shirt mit der Aufschrift TÖTET PFLANZEN UND ESST SIE. Sie gab ihm einen weißen Pappkarton mit Henkel, ähnlich wie man ihn beim Chinesen für Essen zum Mitnehmen bekommt, und ein Gefäß mit Baby-Reptilienfutter. »Fünfzehn Dollar; drei für das Futter. Keine Kreditkarte; die Kasse ist geschlossen.«

Er kramte zwei Fünfdollar- und zwei Zweidollarscheine hervor, und nachdem er alle drei Taschen überprüft hatte noch ausreichend Kleingeld für den Rest. »Hey, Sie können auch später noch bezahlen.«

»Nein, ich wollte ohnehin zum Geldautomaten.« Aus einem Impuls heraus: »Soll ich Sie zum Mittag einladen?«

Sie lachte. »Herzchen, Sie brauchen kein Mittag; Sie brauchen Schlaf. Geben Sie Hermann etwas Wasser und ein Stück Salat, und dann legen Sie sich schlafen.«

»Ist das sein Name?«

»Ich nenne sie alle Hermann. Oder Hermine. Wie lange sind Sie schon auf?«

»Ich hab heut Morgen ein Nickerchen gemacht. Sicher? Wegen dem Mittagessen?«

»Mein Freund macht Eierkuchen. Wenn er herausfindet, dass ich mit einem Schildkröten-Cowboy vom MIT essen war, wird er mich sofort verlassen. Außerdem liebe ich seine Eierkuchen.«

»Oh. Okay. Danke.«

Sie ging in die entgegengesetzte Richtung davon zum Parkplatz. Er öffnete den Karton und die Schildkröte starrte ihn an. Wo sollte er an einem Sonntagmorgen denn bitte Salat herbekommen?

Er ging zum Geldautomaten und fand schließlich einen Mini-Markt, der noch belegte Baguettes von gestern im Kühlschrank hatte. Er nahm die Salatblätter für Hermann herunter und spritzte Senf auf den Rest des Baguettes, das er auf dem Weg bis zur U-Bahnstation halb aufgegessen hatte. Er wickelte die andere Hälfte wieder ein und ließ sie auf dem Rand eines Mülleimers liegen. Irgendein Obdachloser würde sie finden und seinem Glücksstern dafür danken. Bis er das Papier öffnete. Bäh, Senf.

Er konnte in der ratternden U-Bahn nicht nachdenken, aber sortierte sich auf dem Fußmarsch nach Hause ein paar Gedanken zurecht.

Er musste methodisch vorgehen. Dieser Versuch würde etwas mehr als drei Tage dauern. Dann ungefähr einen Monat und dann ein Jahr. Danach fünfzehn Jahre, in denen es nett wäre, wenn die Welt kurz auf ihn warten würde. Dann würde er berühmt sein und eine Festanstellung bekommen.

Nach drei weiteren beweisführenden Versuchen sollte man ihm besser ein unwiderstehliches Angebot machen.

Er musste bei diesem Versuch unbedingt überprüfen, wie viele Sachen die Maschine mitnehmen konnte. Eine Münze war interessant, aber eine Kamera, eine Uhr und eine Schildkröte konnten tatsächlich nützliche Daten liefern.

Er würde die Schildkröte in einen Metallbehälter setzen und diesen dort platzieren, wo die Münze gelegen hatte. Aber er würde auch einen größeren Metallbehälter, seinen Tischmülleimer, mit einem leitfähigen Draht an der Maschine befestigen. Und irgendetwas Schweres hineintun.

Da die Münze mitbefördert wurde und die Holzplatte nicht, nahm er an, dass stromleitende Dinge transportiert werden, nichtleitende Dinge dagegen nicht. Vielleicht lag es auch daran, dass die Münze auf der Maschine lag und die Platte darunter. Das würde er testen müssen, indem er einen nichtleitenden Gegenstand obendrauf legte.

An seiner Tür klebte ein Notizzettel und für ungestümen Moment hoffte er, dass er von Kara war. Aber es war nur der Vermieter, der ihn daran erinnerte, den Gehweg freizuschippen. Also das wäre ein Grund, in die Zukunft zu reisen. Frühling.

Hermann hatte sich in seinen Panzer zurückgezogen, was verständlich war. Er hatte wahrscheinlich sein ganzes bisheriges Leben im Schaufenster eines Tiergeschäfts verbracht. Dann wurde er in ein Pappkartongefängnis geworfen und in einen Rucksack gestopft, um eine lange U-Bahnfahrt und einen taumeligen Spaziergang zu ertragen, während die eisige Kälte zu ihm durchdrang. Das Schildkröten-Äquivalent zu einer Entführung durch Aliens.

Eine Reise durch die Zeit wäre nichts im Vergleich dazu.

Matt setzte ihn in eine große Schüssel mit einem Glasdeckel voll Wasser und dem welken Salatblatt dazu, dann platzierte er ihn unter der Schreibtischlampe, damit er sich aufwärmen konnte.

Er durchstöberte die Küche und fand eine Kastenform aus Metall, die als Hermanns Zeitreisegefährt herhalten konnte. Sie klebte leicht; er säuberte sie für Hermann und die Nachwelt. Eines Tages würde sie im MIT-Museum liegen.

Sollte er sie mit Folie abdecken? Das würde aus ihr einen faradayschen Käfig machen, ein geschlossenes Gefäß umgeben von elektrischen Leitern. Aber das war zuvor nicht nötig gewesen. Alles, was mit einem Metallgegenstand in Berührung stand, der sich an der Außenseite der Maschine befand, sollte ausreichen.

Die Kastenform kam also oben auf die Maschine, darin ein größerer Deckel mit Wasser und fünf Pellets Baby-Reptilienfutter. Er holte das billige Handy aus der Sichtverpackung. EINHUNDERT STUNDEN UNUNTERBROCHENER BETRIEB, stand drauf. FÜR DIE ÜBERWACHUNG GEEIGNET. Oder für Voyeurismus. Oder um einen Nobelpreis zu gewinnen. Er schaltete es an und es funktionierte. Es landete direkt neben der Kastenform. Dann die Armbanduhr, mit der Seite nach unten, damit Metall und Metall sich berührten. Einen Bleistiftstummel als Nichtleiter – nein, das wirkte viel zu planlos. In der Allzweckschublade fand er eine weiße Schachfigur aus Plastik, einen Bauern.

Den Metallmülleimer zu befestigen, stellte sich als kleines Problem heraus. Im Labor konnte er einfach Krokodilklemmen verwenden (um mal bei den Reptilien zu bleiben), aber hier musste er improvisieren. Er benutzte ein Computer-Netzkabel und jede Menge Klebeband. Das Multimeter bestätigte, dass sie einen geschlossenen Stromkreis bildeten. Irgendetwas Schweres zum Reintun? Einen Vier-Liter-Plastikkanister; er füllte ihn bis zum Rand mit Wasser. Mal sehen, wie viel davon verdampfte.

Hermann trank gerade etwas, den Kopf über den Glasdeckel gebeugt. Matt ließ ihn fertig trinken und siedelte ihn dann in sein neues Heim um.

Die Stunde der Wahrheit. Er stellte das billige Kamerahandy auf DAUERBETRIEB und platzierte es so, dass es auf den Radiowecker blickte. Dann baute er seine eigene Kamera auf, damit sie ihn beim Drücken des Knopfes filmte.

»Dies ist der sechste Durchlauf«, sagte er in die Kamera. »Wir gehen davon aus, dass das Gerät für ungefähr drei Tage und acht Stunden verschwinden wird.« Wir, das sind ich und Hermann, entschied er.

Er drückte Punkt Mittag auf den Knopf. Die Maschine verschwand. Der weiße Bauer fiel mit einem Klacken auf die Holzunterlage und prallte von ihr ab.

Alles andere war verschwunden, einschließlich des schweren Mülleimers.

Er ging in die Küche und öffnete sich leise ein Bier, wohl wissend, dass die Nachwelt lauschte.

4

Matt verbrachte den ganzen Montag damit, eine Abhandlung über das Ding zu schreiben, das er inzwischen Zeitmaschine nannte. Er konnte den Namen zu etwas weniger Fantastischem ändern, bevor jemand den Text las. Die verschwindende Maschine? Nicht viel besser.

Er würde die Abhandlung natürlich nicht fertigschreiben können, bevor er nicht eine lebende Schildkröte und genug Videomaterial hatte. Oder eine tote Schildkröte und eine leere Aufzeichnung, oder so.

Es gab nicht viel, das er über die physikalischen Hintergründe sagen konnte, über den Mechanismus des Verschwindens und des Zeitreisens, vor allem da sich durch den Nachbau der Maschine der Effekt nicht reproduzieren ließ. Es musste eine zufällige Eigenheit der Konstruktion sein.

Allerdings widerstrebte es ihm, sie auseinanderzunehmen, was verständlich war. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er nichts Eindeutiges finden, und wenn er sie dann wieder zusammensetzte, wäre sie vielleicht einfach nur wieder ein Photonen-Kalibrator.

Der Bericht war nur fünf Seiten lang und er musste sich selbst eingestehen, dass er nicht allzu beeindruckend war. Er hätte den Versuch besser vorbereiten können. Die Maschine würde Mittwochabend um 8:16 wieder in seiner schäbigen Wohnung auftauchen. Er hätte sie zurück ins Labor bringen können und sie dort um zehn Uhr morgens auf dem Tisch von Professor Marsh auftauchen lassen. Oder in der Mitte des Rundbaus von Building One, zur Mittagszeit, mit Hunderten von Studenten als Zeugen.

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