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CHRISTINE GRÄN
Feuer bitte

 

 

 

 

 

 

 

Buch

 

Rauchen kann tödlich sein. Hätte Anna Marx nicht nach der Zigarette gegriffen, wäre ihr ein Unfall mit fatalen Folgen erspart geblieben. Doch so fährt sie ihren alten Jaguar zu Schrott und verliebt sich in ihren Unfallgegner. Martin Liebling ist die Verkörperung seines Namens, und er verdient viel Geld als Lobbyist in Brüssel – ausgerechnet für die Tabakindustrie. Doch wer zu viel weiß, lebt gefährlich, und Lieblings Leiche bringt Anna nichts als Ärger ein.

Als Detektivin am Rand des finanziellen Abgrunds sollte sie sich um ihren einzigen Auftrag kümmern: das Motiv für einen Selbstmord zu klären. Doch plötzlich scheint es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen zu geben. Anna Marx jagt einem Phantom nach, und in Brüssel wird weiter gemordet. Im Sumpf von Geld, Macht und Korruption sucht Anna unbeirrbar nach der Wahrheit. Doch sie hat ihren Preis, und Anna schafft es wieder nicht, von ihrer Sucht zu lassen.

 

 

Autorin

 

Christine Grän gehört seit Romanen wie »Die Hochstaplerin« und »Hurenkind« zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen. In den 8oer Jahren hat sie mit Anna Marx einen der ersten weiblichen Detektive in der deutschen Kriminalliteratur geschaffen. Eine Fernsehserie folgte – und eine lange Pause, bis die Detektivin mit »Marx, my love« wieder zum Leben erweckt wurde. Die Autorin lebt in München. Weitere Informationen zur Autorin und ihren Romanen im Internet unter:

 

Von Christine Grän außerdem bei Goldmann lieferbar:

 
Marx, my Love. Roman (46175)

Christine Grän

Feuer bitte

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 
1. Auflage
April 2008
Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © by C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3 -641 -01209-0

 

1. Kapitel

Es waren die teuersten zehn Sekunden ihres Lebens.

Anna Marx sah nach rechts auf den Beifahrersitz statt geradeaus auf die Straße. Suchte in ihrer Handtasche die Zigaretten, die sich dem tastenden Griff ihrer Hand entzogen hatten. Zehn Sekunden, in denen ein Wagen in die ampellose Kreuzung einfährt, die Anna in diesem Augenblick passiert. Als sie hochsieht und reagiert, ist es zu spät. Sie weiß es, während sie mit quietschenden Bremsen auf das Auto zuschlittert. Der Himmel ist so nah, und der andere Wagen groß und blau. Metall auf Metall kreischt gemein bei Feindberührung. Kann sie das Weiß in den Augen des anderen sehen, oder ist es nur der Reflex ihrer Angst? Der Gurt schneidet in ihr Fleisch beim Zusammenprall. Es gibt Geräusche, die Ohren nie berühren dürften. Augenblicke, die so bodenlos sind, dass man in ihnen versinken möchte. Sekunden der absoluten Stille. Anna schließt ihre Augen und wünscht sich an einen anderen Ort. Nicht die Hölle, vielleicht die Fidschi-Inseln oder die namibische Wüste. Denn sie lebt noch, sie kann sich fühlen, und alles scheint an seinem Platz zu sein. Nur der Ort ist falsch, die Zeit, die Umstände. Und wenn sie die Augen nicht öffnet, wird dann alles nur ein Traum sein?

Auf der kaum befahrenen Seitenstraße in Zehlendorf stehen zwei ineinander verkeilte Autos, ein neuer BMW und ein alter Jaguar. Der Mann steigt aus, er hält die Hand am Nacken, als wolle er seinen Kopf festhalten. Er betrachtet kurz die traurige Gestalt seines Wagens und öffnet dann vorsichtig Annas Tür. Er berührt ihre Schulter. »Sie sind doch nicht tot, oder?«

Anna öffnet die Augen und sieht durch die gesprungene Scheibe in den blauen Himmel. »Nein. Sie?«

»Wir leben noch«, sagt er, »und ich hatte Vorfahrt.«

Es ist Zeit, der Katastrophe ins Gesicht zu sehen. Es ist blass, irgendwo angesiedelt zwischen alt und jung, nicht gänzlich unsympathisch, obwohl sie ihn zum Teufel wünscht. »Ich weiß das. Sie hätten trotzdem bremsen können.«

»Hab’ ich, aber zu spät, wie Sie auch. Man darf sich nicht auf Vorfahrtsschilder verlassen. Und Sie sollten jetzt aussteigen. Vielleicht läuft ja Benzin aus, es war eine ziemliche Karambolage.«

Annas Hände zittern, und er hilft ihr, den Gurt zu öffnen. Sie nimmt ihre Tasche, die an allem schuld ist, und hebt vorsichtig die Beine aus dem Wagen, fühlt Asphalt unter den Füßen und blinzelt in die unbeteiligte Sonne. Er stützt sie leicht am Arm, als sie steht, und führt sie auf die andere Seite. »Sieht ziemlich schlimm aus. Schade um den schönen, alten Wagen.«

Anna bringt es kaum fertig hinzusehen. Der Jaguar, der so viele Jahre ihr Lieblingstier war. Sie kaufte ihn, obwohl sie wusste, dass er ihre finanziellen Verhältnisse in eine einzige Mesalliance verwandeln würde. Diese hier ist abgründig: Der Wagen ist abgemeldet. Keine Versicherung. Der MK II stand die ganze Zeit über in der Garage, sie wollte ihn an diesem schönen Tag ja nur ein wenig ausführen, das Brummen des alten Motors hören, das Leder riechen ...

... und nun hat sie ihn zu Schrott gefahren und obendrein einen Unfall verursacht, mit Folgen, die sie nicht bezahlen kann. Anna wischt sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange. Eine Blutspur bleibt daran, sie hat sich ihren Handknöchel aufgeschlagen. Nur eine kleine Wunde, doch alles andere schmerzt schrecklich.

Er sieht sie besorgt an, nein, sie ist nicht der Typ, der anmutig in Ohnmacht sinkt. »Schöne Scheiße«, sagt sie und folgt ihm an den Straßenrand. Anna setzt sich auf einen Stein, der groß genug erscheint, und sucht in ihrer Handtasche nach den Zigaretten. Das Tatmotiv, ein Zeichen des Himmels, dass sie endlich aufhören sollte. Anna nimmt eine Zigarette und hält ihm die Packung hin. »Wollen Sie auch eine? Ich finde es nett, dass Sie nicht Ihr Wrack bejammern oder die Frau hinterm Steuer verdammen.« Das meint sie ernst. Es hätte schlimmer kommen können. Es kann immer noch schlimmer kommen ...

Er nimmt eine Zigarette und gibt ihr Feuer. Anna zieht den Rauch tief ein und sieht ihm in die Augen. Sie sind braun und von Fältchen umkränzt. Wird er lachen, wenn sie ihm sagt, dass sie nicht versichert ist?

Ihr Opfer bläst Rauch in Annas Richtung. Sein Lächeln erscheint sorglos. »Ich habe nichts gegen Frauen, auch nicht am Steuer. Autos sind nur Dinge, und die sind austauschbar. Dafür gibt es Versicherungen ... sollten wir nicht die Polizei rufen?«

»Nein.« Anna hält sich die Hand vor den Mund, denn es war ein Schrei, und er sieht sie zum ersten Mal misstrauisch an. Sein Gesicht ist hart geworden, es liegt mehr darin als nur Liebenswürdigkeit und die leichte Sicht der Dinge. »Haben Sie getrunken? Wie heißen Sie überhaupt?«

»Anna Marx. Und Sie?«

»Martin Liebling. Sehr angenehm wäre jetzt nicht die richtige Formel, oder? Was haben Sie gegen die Polizei?«

Ich habe vor einem Jahr einem Bullen in den Unterleib geschossen, denkt Anna, und dass es vielleicht klug wäre, dies nicht zu erwähnen. Die Wahrheit schmeckt nach Zyankali, und sie muss ihm das Gift in kleinen Dosen beibringen. Sie weiß nur nicht, wie. Schnell und schnörkellos: »Der Wagen ist nicht versichert. Er war abgemeldet.«

Anna sieht ihn an, während sie das sagt. Mit einem Blick, der um Gnade fleht, vielleicht sogar winselt. Sie hat schöne, grüne Augen, das weiß sie. Doch der Rest ist nicht unbedingt geschaffen, Männerherzen zu erweichen. Zu alt, sie ist fast einundfünfzig. Etwa sein Jahrgang, aber was heißt das schon im Geschlechterkampf? Dass sie ihn nicht gewinnen kann.

Liebling schweigt, als ob er ihre Worte verdauen müsste. Anna verordnet sich Demut und Buße. »Ich weiß, dass es dumm von mir war. Es tut mir so Leid. Aber konnte ich ahnen, dass ich einen Unfall baue, wenn ich einmal in zwei Jahren mein Auto in Bewegung setze? Ich zahle den Schaden, das verspreche ich. Polizei würde die Sache nur komplizieren ... zumindest für mich. Ich unterschreibe alles, was Sie wollen.«

Sie schafft eine Träne, die, mit Mascara verbunden, über ihre Wange läuft. Er steht mit verschränkten Armen vor ihr, ein Fremder, der sie ruinieren wird, so oder so. Eigentlich ist es ihr egal, soll er doch die Polizei rufen, Anna hat keine Lust mehr auf bedingungslose Unterwerfung. Sie steht auf und zertritt die Zigarette mit der Schuhspitze. Rote Schuhe von Baldini, sie waren auch zu teuer. Für alles zahlt man, für jeden gottverdammten Fehler, und Anna könnte davon ein Lied mit vielen Strophen singen.

»Die Zigarette kann nichts dafür«, sagt Liebling, er ahnt ja nichts. »Also gut, lassen wir die Polizei. Aber es wird Sie eine Stange Geld kosten.«

»Spielt keine Rolle«, erwidert Anna, die vollkommen pleite ist. Seit Tagen, Monaten und Jahren. Seit sie ihren Job bei der Zeitung verloren hat und sich als Privatdetektivin durchs Leben schlägt. Marlowe lässt grüßen, aber der hatte zumindest aufregende Fälle, während sie sich überwiegend mit entlaufenen Katzen und Ehebrechern befasst. Nun, Marlowe ist eine Kunstfigur, und manchmal denkt Anna, dass sie auch eine ist. Erschaffen von einem Meister, der mit Verlierern Pingpong spielt. Sie ist einer seiner Lieblingsbälle, und dieser Aufschlag war zu hart. Sie würde gerne weinen, aus Selbstmitleid, und weil sie sich hier und jetzt vom Leben überfordert fühlt.

Martin Liebling hingegen sieht aus, als ob ihn wenig erschüttern könnte. Gut gefülltes Konto, gut gefüllter Bauch im guten Anzug, die richtigen Schuhe und ein nettes Auto, das schon mal besser ausgesehen hat. Warum musste er in dem Augenblick einbiegen, als sie für Sekunden unaufmerksam war? Shit happens, würde Sibylle sagen. Die beste Freundin, die ihr vielleicht Geld borgen kann. Bis Anna ihren Heiratsschwindler zur Strecke bringt und die Prämie kassieren kann.

»Eine schicksalhafte Begegnung«, sagt Liebling, während er sein Handy aus der Brusttasche holt. »Wir hätten beide tot sein können. Gott sei Dank bin ich einmal nicht zu schnell gefahren. Ich rufe jetzt den Abschleppdienst, wenn’s recht ist. Ich wage nicht, mir vorzustellen, was die Reparatur Ihres Wagens kostet. Meinen schätze ich so auf die zehntausend.«

Mark oder Euro? Anna bremst die Frage, bevor sie ihre Lippen erreicht. Sie winkt ein Auto weiter, das stehen blieb. Nein, sie brauchten keine Hilfe, keine Gaffer, kein Handy. Jeder hat heute eines, und Liebling weiß sogar die Nummer des Abschleppdienstes. Ein Mann, der alles im Leben unter Kontrolle hat, genauso sieht er aus. Eine schicksalhafte Begegnung? Sie wäre ihr zu gerne ausgewichen. Doch es ereilt dich immer, das Schicksal, weil du Fehler machst. Letztendlich ist es nur die Summe aller Dummheiten und Zufälle, und diese Summe ergibt null: den Tod. Ihm noch einmal entkommen zu sein, ist tröstlich, aber nicht glückbringend.

Ihr Crashpartner steht an seinem demolierten Wagen und telefoniert, während Anna ihr Auto ausräumt: Turnschuhe, eine Wasserflasche, leere Zigarettenschachteln, Zeitschriften. Sie stopft alles in ihre große Tasche, das Füllhorn ihres ungeordneten Lebens, und setzt sich dann wieder auf den Stein am Straßenrand. Rauchend. Anna Marx ist ihren Lastern treu ergeben und pfeift auf Himmelszeichen. Sie nimmt Abschied von ihrem geliebten MK II, und hierzu braucht sie eine Krücke.

Ein Glas Whisky wäre auch gut, aber mitten in der Pampa kaum zu kriegen. Und sollte er es sich überlegen und doch die Polizei rufen, wäre es auch nicht klug.

Er steht in der Sonne und sieht erbarmungswürdig aus. Fünfzehn Jahre ist es her, dass sie den Wagen kaufte, mit ihren ersten und letzten Ersparnissen, denn fortan war der alte Jaguar ihr Sparschwein, ein Gefährt von solcher Fragilität, dass ein plötzlicher Wetterumschwung ihn zum Erliegen brachte. Bei heftigen Regenfällen blieb er grundsätzlich stehen, und den Winter mochte er so wenig wie seine Fahrerin, sodass sie ihn meistens in der Garage ließ. Er war einfach nur schön, und vielleicht liebte sie ihn, weil er nicht perfekt funktionierte und kein austauschbares Ding war wie Lieblings Fahrzeug. Sie wird den nachtblauen Gefährten vermissen, obwohl sie ihn in Berlin so gut wie nie gefahren hat. Deshalb hat sie ihn ja auch abgemeldet, und welcher Teufel hat sie geritten, ihn an einem Samstagnachmittag aus der Garage zu holen?

Fjodor hat bei geöffnetem Fenster gesungen, das war ein Grund. Fjodor haust über Annas Wohnung und Büro, und er hält sich für Caruso mit russischem Akzent. Eva Mauz rief an und fragte, ob der Heiratsschwindler, der Mörder ihrer Schwester, schon gefasst sei. Der Wasserhahn tropfte, und auf dem Schreibtisch lagen unbezahlte Rechnungen. Draußen schien die Sonne. Straßenlärm kroch durch schmutzige Scheiben. Der Gummibaum grinste sie an, ach, es gab tausend Gründe, warum sie auf diese wahnwitzige Idee verfiel.

»Der Abschleppdienst ist in fünfzehn Minuten da. Meinen Termin habe ich abgesagt, er war ohnehin nicht so wichtig. Sollen wir irgendwo einen trinken gehen? Darauf, dass wir noch leben?«

Anna sieht Liebling von schräg unten an. »Ich habe auch Hunger. Die normale Reaktion meines Magens auf katastrophale Ereignisse.«

»Passieren die öfter?« Vielleicht wollte Martin Liebling gar nicht auf Annas Rundungen anspielen, doch so interpretiert sie seine Frage und funkelt ihn böse an. »Ich kann auch in meine Stammkneipe fahren und mir dort überlegen, wie ich Ihr blödes Auto bezahlen soll.« O nein, das war falsch. Sie will doch einen guten Eindruck machen, selbst in aussichtsloser Lage. »Nein, ich trinke gerne einen. Es muss der Schock sein. Ich bin böse auf mich und traurig, weil ich mir nie wieder ein so schönes altes Auto leisten kann. In Zukunft werde ich zu Fuß gehen ...«

»... aber nicht mit solchen Schuhen.« Liebling beginnt zu lachen und erwärmt damit Annas Herz. Sie ist ein Single mit Sexproblemen. No Sex. Er trägt einen Ehering, was nicht mehr viel heißt in treulosen Zeiten. Anna hat vor kurzem ernsthaft erwogen, sich einen Ring zu kaufen. Vorspiegelung falscher Tatsachen, aber Sibylle hätte dies ausgiebig kommentiert, und die Begründung »Ich wäre aber gern verheiratet« erscheint selbst Anna als abwegig.

»Sollen wir zu Fuß gehen oder ein Taxi rufen?«, fragt Anna, und sie entscheiden sich für einen Spaziergang durch Zehlendorf, bis sie eine Kneipe finden, die geöffnet hat. Anna wechselt schon einmal in die Turnschuhe, Fußbekleidung, die sie hasst, aber hier und jetzt ist ihr das egal. Wenn Männer zu beneiden wären, dann um ihre Schuhe, die immer Bodenhaftung haben. Liebling steht abseits und telefoniert, dies scheint seine Krankheit zu sein. Danach rauchen sie gemeinsam, diesmal seine Zigaretten, und sehen in den wolkenlosen Himmel, der von Sommer kündet und Tagen, nach denen sich alle sehnen, um dann unter der »Affenhitze« zu stöhnen.

Wie lebt man damit, Liebling zu heißen? Anna sieht ihn von der Seite an. Sein Gesicht ist nicht schön, aber sehr entspannt. Braune, freundliche Augen und graue Haare, die Nase ist zu groß, und die Lippen sind eine Spur zu schmal. Attraktivität unterliegt keinen Normen, zumindest nicht bei Männern. Er sieht aus, als habe er mit sich und der Welt Frieden geschlossen, ohne allzu selbstgefällig zu werden. Er raucht und trinkt, das ist beruhigend, und die sanfte Wölbung des Bauches unter dem schwarzen Jackett lässt darauf schließen, dass er auch der Völlerei nicht abgeneigt ist.

Menschen mit Lastern sind glücklicher, daran glaubt Anna Marx, und zählt sich also zu jenen, die vielleicht kürzer leben, aber länger genießen. Sport ist Mord. Wenn sie über eine Stunde radelt, fühlt Anna sich schon fast olympiareif. Nun, sie wird zumindest nicht mehr Auto fahren. Berlins Straßen werden sicherer. Ist es Glück zu nennen, dass sie einen gerammt hat, der Liebling heißt?

2. Kapitel

Das Bier ist kalt, und die Buletten sind genießbar. Die Kneipe, die sie nach halbstündigem Fußmarsch fanden, ist vom alten, schäbigen Berliner Schlag, eine Orgie in holzgetäfeltem Mief, jedoch mit einem kleinen Garten, in dem Kastanienbäume Schatten werfen. Die lokalen Trinker stehen drinnen an der Theke, während Anna und Martin Liebling auf unbequemen Stühlen in der Sonne sitzen. Anna tankt Wärme, die sie braucht, um nicht zu frieren angesichts der finanziellen Lage, in die sie sich gefahren hat. Sie trinkt Bier in langen, durstigen Zügen.

Liebling hat sein Jackett über den Stuhl gehängt und seinen Bauch ihren neugierigen Blicken preisgegeben. Er ist annehmbar, ein sanft gewölbtes Monument des Genießens, und Anna weiß nur zu gut, dass nicht alles möglich ist: der perfekte Körper und die Erfüllung leiblicher Begierden.

Er ist ein Mann, der gut zuhören kann. Sie hat ihm auf dem Fußmarsch die Geschichte des MK II erzählt, es war ein Nachruf, den sie brauchte, um Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen: Das Wrack an der Kette und auf dem Transporter, und das Letzte, was sie sah, war ein blaues Hinterteil mit einem ungültigen Nummernschild. Beide Wagen wurden in eine Werkstatt gebracht, die Liebling ausgesucht hat. Ihr ist es egal, Anna weiß, dass sie die Reparaturkosten für den Jaguar nie bezahlen kann.

Alkohol verflüssigt Skrupel, und Anna spricht aus, was nicht zu verschweigen ist. »Ich weiß nicht, ob ich das Geld auf einmal aufbringen kann. Wären Sie denn mit zwei, drei Ratenzahlungen einverstanden?« Du hast keine Wahl, Liebling, also sag Ja: Anna sieht ihm in die Augen und leckt sich Bierschaum von den Lippen. Ihr Glas ist leer, genau wie ihr Bankkonto. Der Kühlschrank, den sie letzte Woche kaufen musste, fraß das magere Guthaben. Anna lebt von der Hand in den Mund, und für unvorhergesehene Ereignisse gibt es keine Reserven aus bedrucktem Papier.

»Was machen Sie beruflich?«, fragt er, um Zeit zu gewinnen. In diesem Augenblick bereut er, dass er nicht doch die Polizei gerufen hat. Er ist ein Spieler, was daran liegen mag, dass er sein Geld zu leicht verdient. Doch dieses Spiel nimmt Wendungen, die ihm missfallen. Wie kann sie einen alten Jaguar fahren, wenn sie pleite ist?

»Freischaffende Detektivin«, murmelt Anna.

»Wie bitte?«

»Privatdetektivin. Schnüfflerin. Private Eye. Man kann davon leben ... zur Not.« Anna wendet ihr Gesicht zur Sonne und schließt die Augen. »Und was tun Sie für Geld?«

»Berater, ich arbeite in Brüssel, habe aber hier meinen ersten Wohnsitz. Eine Riesenaltbauwohnung in der Potsdamer Straße. Ich habe sie von meiner Großmutter geerbt, und da ich sie nicht zu einem anständigen Preis vermieten kann, wohne ich halt selbst darin, wenn ich in Berlin bin.«

Der Ärmste. Annas Großmutter hinterließ einen Rosenkranz aus Elfenbein, das war’s auch schon. Berater von was und für wen? Anna denkt sofort an windige Geschäfte, sie hat eine kriminelle Phantasie. So ein dummes, kleines Vorfahrtsschild: Hätte es nicht ihn treffen können, wenn er schon so viel mehr hat als sie? Das Leben ist nicht fair. Das hat sie schon oft gedacht, und es ging weiter, das Leben, ohne Rücksicht auf Anflüge von Weltschmerz oder Zweifel an irdischer Gerechtigkeit.

Liebling scheint immer noch zu überlegen, wie er ihrer Bitte begegnen könnte. »Vielleicht kann ich mir das Geld auch borgen, es wird schon irgendwie gehen. Machen Sie sich keine Sorgen! Soll ich irgendwas unterschreiben? Ein Schuldanerkenntnis?«

Liebling nimmt einen Bierdeckel und zieht einen silbernen Kugelschreiber aus seinem Jackett. Er schreibt: Am 30. Mai hat Anna Marx Martin Lieblings Auto zu Schrott gefahren. Sie zahlt.

Er schiebt ihr den Bierdeckel hin, und Anna stutzt nur kurz, bevor sie lachend unterschreibt. »Jurist sind Sie offenbar keiner.«

»Doch, zumindest ansatzweise. Nachdem ich durchs erste Examen gefallen bin, habe ich mit Politologie weitergemacht. Ich mag Ihr Lachen. Sie sind die erste Detektivin meines Lebens. Sind Sie gut?«

Es gibt Fragen, auf die weder Wahrheit noch Lüge passen. Anna entscheidet sich für die ausweichende Antwort: »Gut genug, um Ehebrecher mit ihren Geliebten zu fotografieren. Meistens regnet es, wenn ich vor einer Absteige stehe und darauf warte, dass sie für mich posieren. Und viele Klientinnen weinen, wenn ich ihnen die Fotos zeige. Es ist ein trauriges Gewerbe, überwiegend.« Anna sieht auf seinen Ring: »Ich hoffe, dass Sie mir nie auf diese Weise begegnen. Ein Zusammenstoß reicht mir.«

»Ich bin geschieden«, erwidert Martin Liebling. »Meine Frau ist mit dem Golflehrer abgehauen. Immerhin hat sie inzwischen ein beachtliches Handicap.«

Seine Augen lächeln nicht, während er das sagt. Verrat ist eine Wunde, die nie ganz verheilt. Warum er den Ehering immer noch trägt, verrät er nicht. Anna tippt auf das Naheliegende: Der Ring ist eine gute Abwehrwaffe gegen heiratswütige Frauen. Nett von ihm, dass er sie nicht dazuzählt. Oder er denkt, dass sie schon zu alt ist, um davon zu träumen. Falsch gedacht: Frauen bleiben bis ins Greisenalter romantisch und von der Idee besessen, dass ihr Ritter in strahlender Rüstung noch zu ihnen unterwegs ist. »Ich habe nie geheiratet. Um ehrlich zu sein: Es hat mich nie einer gefragt. Was zu bedauern wäre, wenn ich an die Institution der Ehe glaubte.«

Liebling hat den Bierdeckel mit Annas Unterschrift in seine Jackentasche gesteckt. Sie deutet es als eine Geste des Aufbruchs, doch er bestellt noch zwei Gläser Bier. Das ist gut, weil Annas Durst groß ist und sie nie wieder überlegen muss, ob Alkoholpegel und Autofahren zusammenpassen. Sie holt eine Visitenkarte aus ihrer Handtasche, schließlich muss der Mann wissen, wo er sein Geld eintreibt.

Welches Geld? Liebling studiert die Karte, als ob sie ihm Aufschluss gäbe über Anna Marx im Besonderen. »An welchem Fall arbeiten Sie gerade?«

Anna öffnet einen Knopf ihres T-Shirts. Nicht, um ihn zur Heirat zu verführen, sondern um Sonne an ihre Haut zu lassen. Dieser Tag wäre wunderschön, wenn sie rechtzeitig auf die Straße geschaut hätte, statt nach Zigaretten zu suchen. Sein Blick ist schwer einzuschätzen, doch böse ist er nicht. Es scheint ihn wenig zu berühren, dass sein Wagen demoliert ist. Ein Mann, der nicht an Dingen hängt, das gefällt ihr. Und so erzählt sie ihm unter Weglassung der Namen die Geschichte des Heiratsschwindlers, den sie unbedingt finden muss, um Eva Mauz ihren Seelenfrieden zurückzugeben. Und eine Prämie zu kassieren, auch dieser Aspekt ist von Bedeutung, besonders jetzt.

»Die Schwester meiner Klientin hat sich umgebracht, das war vor vier Wochen. Nennen wir sie Helga. Helga war siebenundfünfzig, als sie sich in ihrem Wohnzimmer erhängte. Es war Selbstmord, und die Schwester ist überzeugt, dass ein Mann daran schuld ist. Einer, dem Helga ihr Erspartes anvertraut haben muss, denn es ist nichts mehr auf den Konten. Ungefähr eine halbe Million, die Schwestern hatten ein Grundstück geerbt und es verkauft. Meine Klientin kennt diesen Mann nicht, sie hat ihn nur einmal von weitem auf der Straße gesehen. Helga war eine Frau, die ihr Privatleben sehr unter Verschluss hielt. Sie war einsam, sie hatte keinen Freundeskreis, und die Schwestern verstanden sich auch nicht besonders gut. Das ist zumindest mein Eindruck. Doch der Selbstmord hat Schuldgefühle ausgelöst. Sie will diesen Mann unbedingt finden, denn sie braucht einen, der verantwortlich ist. Vielleicht will sie auch nur das Geld zurück, ich weiß es nicht, aber es spielt für den Auftrag ja auch keine Rolle. Ich durchkämme also Berlin nach einem Heiratsschwindler, von dem ich weder weiß, wie er heißt, noch, wie er aussieht.«

Anna hält in ihrem Redefluss inne, um einen Schluck zu trinken.

»Die Welt ist schlecht«, sagt Liebling, und sieht so aus, als ob er wüsste, wovon er spricht.

»Und viele Leute leben gut davon«, erwidert Anna. Sie lächeln einander an. Sie wissen nichts voneinander. Darin liegt die Erotik jedes Anfangs – und vielleicht die Tragödie jedes Endes. Anna fühlt ihren Bauch, das ist ein schlechtes Zeichen. Das letzte Mal war es ein schöner Jüngling mit schlechtem Charakter, der chemische Reaktionen auslöste. Man kann sich nicht auf sie verlassen. Vielleicht wäre Helga alias Julia Mauz noch am Leben, wenn sie ihren Bauch ignoriert hätte. Oder sie hätte sich eines Tages aus Einsamkeit umgebracht ... es gibt viele Gründe, das Leben nicht zu lieben ... und keinen einzigen, der gegen die Liebe spricht.

Immerhin bin ich noch keinem Heiratsschwindler aufgesessen, denkt Anna. Einer Reihe von Männern mit guten Manieren und fragwürdigen Eigenschaften, aber sie haben mich nicht umgebracht. Nicht einmal das Prinzip Hoffnung haben sie getötet ...

»Wenn Sie die erste Rate bezahlt haben, lade ich Sie zu einem guten Essen ein«, sagt Liebling. »Es gibt ein paar nette Lokale in Berlin oder Brüssel.«

Es klingt gleichermaßen drohend und verlockend. Ich werde hungern müssen, um meine Schulden zu bezahlen, denkt Anna. Eine Nulldiät wäre angebracht. Sie sieht über den Glasrand hinweg in seine braunen Augen. »Das wäre nett.«

»Ich bin nicht nett.« Er blickt zurück, und Anna senkt als Erste die Augen. »Aber ein Heiratsschwindler bin ich nicht – und wenn, würde ich mir keine darbende Detektivin aussuchen, die ein Auto zu Schrott fährt, das sie sich nicht leisten kann.«

Eine Wolke schluckt die Sonne, und Anna friert plötzlich und greift nach ihrer Jacke. »Ich könnte verstehen, wenn Sie böse auf mich wären.«

Wovon ich mir nichts kaufen könnte, denkt Martin Liebling. Sie ist anziehend. Nicht mehr jung, nicht stromlinienförmig, doch mit schönen Augen und Zähnen, die sie oft zeigt, weil sie gerne lacht. Ein bisschen verrückt, doch eine wohltuende Abwechslung von den dynamischen jungen Frauen, die Brüssels Büros und Betten säumen. Eine Armee von Glücksritterinnen: Sie wollen entweder Karriere machen oder einen heiraten, der es an ihrer Stelle tut. Gott, er ist ein abgebrühter Hai, der die Goldfische nur noch aus Gewohnheit mitnimmt. Alles gelebt und genossen, das ist eine Lebensformel, die ihm zunehmend aufstößt. »Ich bin nicht böse. Ich wollte mir sowieso einen neuen Wagen kaufen. Und wenn Sie Ihre Schulden abstottern, ist das schon in Ordnung. Das wirklich Komische daran ist, dass ich zu einem Termin unterwegs war, den ich abscheulich fand.«

»Warum?«, fragt Anna. Ein Marx-Wort von starker Frequenz.

Martin Liebling sieht in eine Ferne, in die Anna ihm nicht folgen kann. »Ach, ist nicht so wichtig. Ich bin froh, dass ich ihm ausgewichen und Ihnen reingefahren bin. Ehrlich! Und darauf sollten wir noch einen trinken.«

»Sie sind ziemlich schräg.«

Er mustert sie auf eine Weise, die sie unverschämt finden könnte. »Sie auch. Was machen wir nun mit diesem angebrochenen Karambolage-Samstag?«

»Nicht das, was Sie denken«, erwidert Anna. Ihre raue Stimme kann sehr spitz werden. Sie knöpft ihr T-Shirt zu und verhüllt sich in ihrer Jacke. Er grinst, als ob er ihre Bemerkung komisch fände. Seine Augen sind hart in manchen Augenblicken. Sie muss auf der Hut sein: vor sich selbst und anderen. Eine Einstellung, die zu nichts führt außer Einsamkeit in schmerzfreier Zone. Julia Mauz hatte den Sprung ins Leben gewagt und war tödlich enttäuscht worden. Anna versteht sehr gut, warum sie abgehoben hat ohne Netz und Seil. Sie muss nur noch herausfinden, für wen sie es tat. Nicht in Wirtschaften sitzen, Bier trinken und das alte Spiel spielen. Bube sticht Dame, das war schon immer so. »Ich denke, wir sollten uns auf den Weg machen. Die Sonne ist weg.«

»Metaphorisch gesprochen?«

Anna schaut in den blassen Himmel. »Nein, tatsächlich. Und ich kann auch kein Bier mehr trinken.«

Martin Liebling zieht sein Jackett an, es sieht leicht und teuer aus. Er könnte ein Hochstapler sein, denkt Anna, oder ein Mafioso. Kein Mann, den sie jemals kannte, ging mit größeren Summen so sorglos um. »Haben Sie sehr viel Geld?«

Liebling sieht sie an, als wäre sie ein kleines Mädchen, das lustige Fragen stellt. »Nein, aber genug. Wir könnten auch irgendwo anders hingehen und Champagner trinken.«

Anna winkt dem Kellner, der sich in den Garten verirrt hat. »Davon kriege ich erst Schluckauf und dann Kopfschmerzen. Ich war nie der Champagnertyp. Womit verdienen Sie Ihr Geld?«

Während sie bezahlt, zündet sich Liebling noch eine Zigarette an. Er will nicht gehen, sondern mit ihr sitzen bleiben, bis es dunkel wird und so kalt, dass sie einander wärmen müssen. Vielleicht liegt es gar nicht an ihr, sondern daran, dass es Tage gibt, an denen er nicht allein sein kann. In dem Augenblick des Zusammenpralls dachte er, dass er sterben müsse. Dass Engel rothaarig sind und Oldtimer fahren, erschien ihm logisch, und dass Shit sein letztes Wort gewesen wäre, auch. Sie bezahlt mit einem Hunderter, dem einzigen Schein in ihrem Portemonnaie. Und sieht ihn dann fragend an. Womit verdient er sein Geld? Er spricht nicht gern darüber, aber sie würde ohnehin nicht lockerlassen.

»Mit Wissen, Beziehungen und Kontakten. In Brüssel sitzen Parlamentarier und Bürokraten, und sie werden umschwirrt von Lobbyisten. 6000 sind registriert, aber tatsächlich sind es viel mehr – Vertreter von Industrien, Verbänden und Vereinigungen, die ihre Interessen in der EU vertreten. Es ist ein Spiel, bei dem es um sehr viel Geld geht. Ich berate sie – gegen Honorar natürlich. Stillt das Ihren Wissensdurst?«

Anna steht auf und blickt auf ihn herab. »Ein Lobbyist der Lobbyisten? Das ist fast so komisch wie Detektivin. Ich wäre nie darauf gekommen.«

Er sieht sie von unten fast zärtlich an. »Geld ist nie komisch, Anna Marx. Das sollten Sie in Ihrem zarten Alter schon gelernt haben.«

Er berührt ihren Unterarm, als er aufsteht, und Anna zuckt zurück. Es geht nicht, denkt sie, und an das nie mehr nach dem letzten Scheitern. In Turnschuhen ist sie fast auf gleicher Höhe wie er, sie ist eine große Frau, die immer klein und zierlich sein wollte. Das Hirn ist ein Traumspeicher. Doch immerhin befiehlt es ihren Beinen, sich zu bewegen. »Rufen wir zwei Taxen?«, fragt Anna und rekapituliert das noch verbliebene Bargeld.

Martin Liebling hat sein Handy in der Hand. Es hat ein paarmal in seiner Jackentasche vibriert, während sie unter dem Kastanienbaum saßen, doch er hat es ignoriert. »Wir nehmen eines, und ich setze Sie ab.«

»Ich liege nicht auf Ihrem Weg.« Gott, geht es noch zweideutiger? Anna greift an ihre Nase, das tut sie immer, wenn sie verlegen ist. Doch er telefoniert schon, während Anna mit den Füßen im Kies schart. Vielleicht hätte sie doch mit ihm Champagner trinken sollen, statt auf Aufbruch zu drängen. Wenn etwas zu Ende geht, ist sie immer traurig. Also jeden Abend, wenn sie in ihr Bett fällt, das zu groß für eine Person ist. Wer die Mär vom fidelen Single erfunden hat, ist nie alt genug geworden, um die Grausamkeit des Alleinseins zu begreifen. Sibylle hat zumindest ihr Baby. Jemand, mit dem sie reden kann, während es schreit. Jonathan hat kräftige Lungen, und er ist das hässlichste Baby, das Anna je gesehen hat. Und seine Mutter findet ihn schön. Das ist Liebe.