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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Christoph Peters bei btb
Widmung
 
1. Ein Idyll
2. Alle Wetter
3. Ins Blaue
4. Die Fremden
5. Der Wandhalter
6. Die Japaner
7. Gerda
8. Mädchen
9. Garn
10. Die Wölfe
 
Copyright

Buch
Heinrich Grewent ist Betriebswirt bei der Firma Prosan Hygienepapiere AG. An einem verregneten Oktobertag sieht er die Unterlagen zu einem neuartigen Wandhalter für feuchtes Toilettenpapier durch, das die Firma vor einiger Zeit auf den Markt gebracht hat. Doch an diesem Tag kommt er nicht recht mit der Arbeit voran. Immer wieder unterbrechen ihn Gedanken an seine Frau Gerda, die ihm seit kurzem merkwürdig gereizt begegnet. Auch im Büro zeichnen sich für Grewent zusehends unerfreuliche Entwicklungen ab. Vor allem Dr. Assmann, der neue Leiter der Marketingabteilung, in Grewents Augen ein »schnöseliger Lackaffe«, fordert, Traditionen über Bord zu werfen und einen »Paradigmenwechsel« in der Firmenstrategie einzuleiten. Als Grewent überraschend den Auftrag erhält, nach Hamburg zu reisen, um dort an Vertragsverhandlungen mit einem neuen Werbepartner teilzunehmen, brechen seine mit äußerster Selbstdisziplin in Schach gehaltenen Ängste und Obessionen durch. Schon auf dem Bahnhof findet er sich nur mühsam zurecht, jede Begegnung gerät ihm zur Bedrohung. Während der Zugfahrt verknoten sich Kindheitserinnerungen, Tagträume und Wahngebilde, die Furcht um Gerdas Liebe, Haß auf Dr. Assmann und die Ungewißheit, was ihn in Hamburg erwartet, zu einem Schreckensszenario, dem er womöglich nur noch mit einem radikalen Neuanfang entkommen kann.

Autor
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar (Niederrhein) geboren. Er hat von 1988 bis 1994 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe Malerei studiert. Für sein Romandebüt »Stadt Land Fluß« (1999) erhielt er u. a. den Niederrheinischen Literaturpreis und den »aspekte«-Literaturpreis. Christoph Peters lebt in Berlin.

Christoph Peters bei btb
Kommen und gehen, manchmal bleiben. Roman (73060)
Stadt Land Fluß. Roman (73274)
Das Tuch aus Nacht. Roman (73343)
Ein Zimmer im Haus des Krieges. Roman (HC 75129)

»Heinrich Grewents Arbeit und Liebe« erschien erstmals 1996 im Dreieck-Verlag, Mainz.
Für die vorliegende Ausgabe wurde der Text vom Autor neu durchgesehen.

1. Ein Idyll
Die Straßenbahn der Linie neun wartete in ihrem grellen Orange am zweiten Haltestellenschild der Endstation. Oberhalb der Frontscheibe hatte die Fahrtzielanzeige bereits gewechselt. Es war kurz vor acht, der Fahrer las Zeitung. Er rechnete nicht mit vielen Gästen. Um diese Zeit drängten die Menschen zur Arbeit ins Industriegebiet, aber kaum einer hatte Grund, jetzt zurück in die Innenstadt zu fahren, wie auch: Außer dem einen oder anderen Pförtner wohnte hier niemand.
Obwohl der erste Morgen noch einen lichten Oktobertag angekündigt hatte, zog sich gerade kräftige Bewölkung zusammen, die einstweilen der Sonne von Osten her Löcher ließ, so daß rasch wechselnd eine Baumgruppe, eine Fertigungshalle, ein Abschnitt des träge dahinfließenden Rheins in Licht getaucht wurde.
Den Hintergrund bildete eine dunkle Wolkendecke, die anzeigte, daß in Kürze mit einem Schauer zu rechnen sei, auf den satter Landregen folgen würde, um den ganzen Tag anzudauern und erst gegen Abend wieder einem ähnlich aufgerissenen Himmel zu weichen. In der Luft hing ein stechender Geruch von der benachbarten Chemiefabrik her, dem sich, wenn der Wind drehte, Schwaden der gegenüberliegenden Kaffeerösterei unterschoben. Zusammen bildeten sie ein so bestimmendes Gemisch, daß der Rhein seinen andernorts beherrschenden Flußgeruch aufgegeben hatte. Von der Haltestelle lief die Straße an dem aus Rohren und Schornsteinen dampfenden Heizkraftwerk vorbei auf das alle übrigen Gebäude überragende Lagerhaus der Firma Prosan Hygienepapiere AG zu. Unmittelbar vor der Werkseinfahrt teilte sie sich und führte zwischen Umzäunung und Wasser um das beträchtliche, eher locker bebaute Firmengelände herum. Vor der Verladerampe am linken Teil des Bürotraktes, der auch den Eingang zum Lager bildete, stieg ein schnauzbärtiger Mann aus seinem Lastzug, nahm die Treppe in zwei Sätzen, um sich in der Verwaltung seine Lieferscheine abzeichnen zu lassen und ein paar Worte mit dem Lagerangestellten zu wechseln, ehe er mit dem Entladen seines Wagens anfing.
Im vierten und damit obersten Geschoß des Bürotrakts saß Heinrich Grewent an seinem Schreibtisch. Da er ein Eckzimmer hatte, konnte er durch ein Fenster auf den Rhein und durch das andere zur Straßenbahnhaltestelle schauen, wo sich der Fahrer von der durch ein neuerliches Wolkenloch brechenden Sonne derart geblendet sah, daß er seine Zeitungslektüre unterbrach und ausstieg, um vor der Fahrt noch eine Zigarette zu rauchen.
Für Grewent war es der Moment zwischen dem Abschluß der Arbeitsvorbereitungen und dem Beginn der Arbeit selbst. Er hatte die neuen Unterlagen vor sich ausgebreitet. Sie betrafen die Entwicklung eines speziellen Wandhalters für das feuchte Toilettenpapier, das Prosan anderthalb Jahre zuvor erfunden hatte. Er selbst hatte das Projekt angeregt. Daraufhin waren von Markt- und Meinungsforschungsinstituten Umfragen und Analysen erstellt worden. Die Kostenrechnungsabteilung hatte verschiedene Investitionskonzepte kalkuliert. Grewent wollte sich heute einen ersten Überblick verschaffen. Gewöhnlich erhielt er zudem zweimal täglich neue Unterlagen über die Hauspost. Dringend benötigte Informationen holte seine Sekretärin, Frau Saibling, persönlich für ihn, wenn die zuständige Abteilung ihm zuvor zugesichert hatte, sie umgehend herauszusuchen. Von anderen Sekretärinnen beigebrachte Akten schließlich nahm Frau Saibling in Empfang, damit er nicht häufiger als nötig gestört wurde.
Er würde die Blätter unter diversen ökonomischen Fragestellungen durcharbeiten: Zunächst mußte er feststellen, welche Gesetze von Wichtigkeit sein könnten, dann, welche Konsequenzen daraus hinsichtlich des anstehenden Projekts in verschiedenen Szenarien gezogen werden müßten, angefangen bei einer optimal verlaufenden, über eine nachteilige, bis hin zu einer außer Kontrolle geratenen Entwicklung, erstens des Projekts, zweitens des Unternehmens, drittens der Zulieferbetriebe, viertens der Gesamtkonjunktur sowie der wichtigsten Währungen. Er würde Prognosen wagen, mit welchen Problemen zu rechnen sei, und Stützungsmaßnahmen vorschlagen, mit denen das Unternehmen auf Unerwartetes reagieren könnte. Heinrich Grewent würde also die Unterlagen bearbeiten, indem er anhand dieser Erwägungen Worte, Sätze, hin und wieder ganze Abschnitte mit seinem breiten gelben Filzschreiber hervorhob, oder indem er mit dem Kugelschreiber Bemerkungen, die er lautlos, nur an der Bewegung der Lippen erkennbar, vor sich hinsprechend formuliert hatte, an den Rand oder zwischen die Zeilen schrieb. Sobald er einen Teilbereich durchgesehen hätte, würde er aus den bearbeiteten Unterlagen neue Unterlagen herstellen. Dazu war es notwendig, die entsprechenden Papiere in ihrer Gesamtheit vorzunehmen, sie in Gruppen, Blöcke oder Reihen zu ordnen, dickere Stapel in Unterstapel aufzuteilen. Einzelne Blätter, die für den Vorgang zentrale Informationen enthielten, mußten aussortiert und gesondert gelegt werden. Wenn dabei der Platz auf dem Schreibtisch nicht reichte, wich er auf den Fußboden aus, wo er mit Lineal und farbigen Stiften zwischen den Blättern kniete oder kroch. Allein deshalb war es gut, daß Frau Saibling unangemeldete Besucher abfing. Die Abschnitte wurden umrahmt, eingekreist, in Kästen gezwängt, damit er sie später mit Hilfe unterschiedlicher Pfeilarten rauf und runter und quer, auch über Blattgrenzen hinweg verschieben konnte. Oder er legte mittels mehrerer einander über- und untergeordneter Numerierungssysteme Reihenfolgen fest, bis die Struktur der künftigen Unterlagen seinen Vorstellungen entsprach. Ließ sich wegen der Fülle des Materials auf diesem Weg keine Ordnung herstellen, nahm er seine kleine Schere aus dem Stifthalter. Im Schneiden hatte er durch die Übung eine gewisse Meisterschaft erlangt. Es erfüllte ihn jedes Mal mit kindlichem Stolz, wenn er bei sehr engen Zeilenabständen die Schnitte sauber durchgeführt hatte, ohne den kleinen g’s, j’s, p’s, q’s und y’s ihre unter die Grundlinie reichenden Glieder abzutrennen. Über diese Schnipsel konnte er nach Gutdünken verfügen. Selbst wenn sich die Wörter, Zeilen und Absätze hartnäckig gegen seine Numerierungsversuche gewehrt, sich gegen ihre Festsetzung in Kästen gestemmt, dem Befehl der Pfeile verweigert hatten, jetzt mußten sie ihm zu Willen sein. Waren endlich alle Vorbereitungen für die neuen Unterlagen abgeschlossen, holte Heinrich Grewent das Diktiergerät aus der Schublade. Dabei murmelte er etwas wie ›Die Zeit der Debatten ist um!‹ und machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung der auf dem Boden verteilten Blätter.
Das Diktieren war ihm die liebste Tätigkeit. Zunächst, weil in diesem Augenblick alle Mühen vergessen waren: die Niederlagen, wenn sich eine Konzeption, über der er tagelang gebrütet hatte, auf einmal als unpraktikabel erwies; die Angst zu scheitern; der kalte Schweiß auf der Stirn bei dem Gedanken, Dr. Kronberg, seinem Vorstand, gegenübertreten zu müssen mit dem Bekenntnis: ›Ich bin der Sache nicht gewachsen.‹ Vor allem der Nacht für Nacht wiederkehrende Alptraum, morgens ins Büro zu kommen, und sämtliche Blätter lägen als ein akkurater Stapel auf seinem Schreibtisch, daneben stünde die Putzfrau, übers ganze Gesicht strahlend: ›Herr Grewent, ich habe ein bißchen aufgeräumt.‹ Das lag hinter ihm, wenn er im Schneidersitz mit dem Diktiergerät in der Hand zwischen den geordneten Papieren saß.
Auch das Diktieren selbst bereitete ihm Freude. Er artikulierte jedes Wort mit Respekt, berücksichtigte seinen Zusammenhang zum vorigen und zum folgenden. Es gab Gründe, deretwegen es dort stand, und Heinrich Grewent hätte sie nennen können. Er las langsam, betonte die einzelnen Phrasen so, daß Frau Saibling anhand der Hebungen und Senkungen seiner Stimme in der Lage gewesen wäre, Satzzeichen zu setzen. Gleichwohl sagte er ›Komma‹, ›Punkt‹ und ›Ausrufezeichen‹, schon damit Rückfragen unterblieben. Manchmal schlug er während des Sprechens mit der flachen Hand einen gleichförmigen Rhythmus auf den Teppich, der über wichtigen Passagen zum Rhythmus der Worte wurde. Wenn er ›Punkt‹ sagte, richtete sich sein Oberkörper ruckartig auf, und für einen Moment verharrte der Zeigefinger als Befehl im Raum.
Grewent schaute auf die Uhr. Es war zehn nach acht. Im Nebenraum klapperte die Schreibmaschine. Er hatte, als er mit seiner jetzigen Position auch Jutta Saibling als Sekretärin übernahm, sie gebeten, wie er selbst pünktlich mit der Arbeit zu beginnen, obwohl es den Tatbestand der Unpünktlichkeit seit der Einführung flexibler Arbeitszeiten eigentlich nicht mehr gab. Grewent begann dennoch immer um acht Uhr, und er blickte mit Skepsis, in die Verachtung gemischt war, auf Kollegen, die Schwierigkeiten mit dem Aufstehen hatten und deshalb erst gegen neun Uhr dreißig stachen – kurz bevor die Flexibilität an ihre Grenze stieß. Frau Saibling war seinem Wunsch nicht nur widerspruchslos nachgekommen, sondern hatte sich im Verlauf ihrer Zusammenarbeit seiner Beurteilung der Frage angeschlossen, so daß sie ihn, wenn er im Winter frühmorgens durch ihr Büro ging, oft mit den Worten begrüßte: ›Wir beide, Herr Grewent, sind wieder die einzigen, die vor Sonnenaufgang schon an Arbeit denken.‹ Und Grewent entgegnete: ›Das wird sich rächen, Frau Saibling, langfristig rächt sich das, glauben Sie mir.‹ oder ›Was denken Sie, weshalb uns die Japaner den Rang abgelaufen haben, Frau Saibling.‹
Nebenan hatte sie jetzt bereits die Kopfhörer auf und schrieb. Er sprach mit ihr. Sie entgegnete nichts, fiel ihm nicht ins Wort. Schweigend übersetzte sie sein Sprechen in Anschläge. Sein Sprechtempo war auf ihre Anschlagsfrequenz abgestimmt, so daß sie fast nie unterbrechen mußte, um das Tonband zurückzuspulen und einen Satz, den er zu hastig gesprochen hatte, noch einmal zu hören.
Er mochte Frau Saibling, sie war eine tüchtige Kraft. Tüchtig, zuverlässig und ein wenig fürsorglich. Sie achtete darauf, daß er zumindest einen Teil der ihm zustehenden Pausen wahrnahm. In einer Stunde würde sie klopfen, sein ›Herein‹ abwarten, daraufhin geräuschlos die Tür öffnen und fragen, ob er Kaffee wünsche. Sie fragte jeden Tag, obwohl er jeden Tag Kaffee trank. Und er würde antworten: ›Gern, Frau Saibling, mit anderthalb Löffeln Zucker bitte und …‹
›... und ohne Milch, das weiß ich doch, Herr Grewent.‹
Dabei würde sie nachsichtig lächeln, um nicht zu sagen zärtlich, mütterlich zärtlich.
Ähnlich lächelte jetzt auch Heinrich Grewent, denn sein Blick fiel auf die Schere, die kopfüber in der höchsten Röhre des Stifthalters baumelte und zweimal mit sauberem Ton an deren Innenwand schlug, weil er mit einer Rolle seines Stuhls gegen das Tischbein gestoßen war. Bei dem Geräusch fühlte er sich, wie man sich beim Gedanken an Schwierigkeiten fühlt, die einem vor langer Zeit unüberwindlich erschienen waren, die man am Ende aber gemeinsam in den Griff bekommen hatte. Er schüttelte den Kopf und nickte der Schere kurz zu.
Heinrich Grewent sah noch einmal aus dem Fenster. Tatsächlich regnete es inzwischen. Das störte ihn nicht. Gerda, seine Frau, hatte ihn, bevor er aus dem Haus gegangen war, auf den gestrigen Wetterbericht aufmerksam gemacht (›Tagsüber besonders in den Flußniederungen zum Teil länger anhaltender Regen‹), und er hatte daraufhin die festen Schuhe angezogen und den Schirm eingepackt. Da konnte es ruhig regnen.
Gerda war Grundschullehrerin, und heute begannen ihre Herbstferien.

2. Alle Wetter