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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 

Für die Bamberger
Alexandra Ranner, Dieter Doležel,
Ryszard Kajzer

«Wissen Sie, was mein ganzer Ehrgeiz ist? Ich will, daß ein intelligenter, ehrlicher Mensch sich für vier Stunden mit meinem Buch einschließt, und ich werde ihm eine gehörige Dosis historischen Haschisch verpassen. Das ist alles, was ich will.»
Gustave Flaubert,
Aus den Tagebüchern der Brüder Goncourt

TEIL I
Die Salondame Herz

1
Dann wurde Jette Herz ganz unruhig. Sie ging im Salon auf und ab, zupfte an einem Spitzendeckchen, rückte einen Fauteuil gerade, entkorkte eigenhändig – viel zu früh – vier Flaschen Wein, bat wiederholt die Köchin, die Vorräte an Tee und Brot zu überprüfen, weil letzte Woche ein Gast über dünnen Tee und dünne Butterbrote gespottet hatte, griff schließlich nach einem Roman, hangelte sich an den Zeilen entlang, hoffte, die Lektüre würde ihr einen Rhythmus aufdrängen, der sie ruhiger werden ließ, wenigstens für Minuten, am liebsten für Stunden, bis endlich die Gäste kämen. Sie ließ die Tür zum Flur einen Spalt weit offen, weil die vertrauten Geräusche ihrer Bediensteten sie an ihre Kindheit erinnerten, wenn sie, an Stickhusten erkrankt, mit einem Buch versorgt das Bett hüten musste.
Doch heute verstand der Roman es nicht, sie zu fesseln. Sie entwand sich den Stricken, oder die Stricke waren zu dünn für ihre kräftigen, ja, leider! sehr kräftigen Gelenke. Vielleicht waren die Seiten auch zu klein bedruckt oder ihre Augen zu müde, sie verspürte jedenfalls keine Lust, mit den Figuren umherzuwandern, und durch die Geschichte trödeln wollte sie erst recht nicht. Vielleicht auch war die Strahlkraft ihres Helden über Nacht verglüht oder ihre Begeisterung für den Meister in langen Lehrjahren abgenutzt. Sie wählte deshalb ein anderes Buch, eine Reisebeschreibung, versuchte sich an den Seiten festzusaugen, rutschte aber immer wieder ab, fand heute keinen Halt, und sie würde, das wusste sie jetzt, bei keinem anderen Buch Erfolg haben, weil sie dem Besuch eines neuen Gastes entgegenfieberte, den ihr Alexander Graf zu Dohna angekündigt hatte. Ihr treuer Alex hatte geheimnisvoll getan, hatte gemurmelt, der Gast verhülle sich gerne unter Schleiern, sei jung zwar, aber von kolossaler Bildung, und sie hatte ihn gedrängt, wollte mehr wissen, aber Alexander hatte mit aufreizender Langsamkeit einen Apfel geschält – nur Alexander schälte den Apfel stets in einem Stück, sie kannte niemanden sonst! -, hatte die Schale hoch gehalten und gesagt,«Locken, ihn schmücken Locken!»Dann hatte er abrupt das Thema gewechselt, sich über seine ihn oft ermüdenden Aktenstudien beschwert, ganz unvermutet noch einmal gesagt:«Ihn schmücken Locken»und sich schließlich mit einem Versprechen verabschiedet:«Er wird Ihnen gefallen, Jette. Vielleicht war er im großen Salon bereits vor Jahren einmal anwesend, ohne dass er Ihnen auffiel, aber ich bin mir ganz sicher, ich werde Ihnen jetzt einen erblühten Freund zuführen, und er wird schon bald in Ihrer Gunst zu einem sehr engen Vertrauten aufsteigen.»
Jette Herz hatte während der letzten fünfzehn Jahre zahllose Gäste in ihrem Salon empfangen, junge Adelige, die sich in ihren Schlössern mit ihren Gemahlinnen schrecklich langweilten, Diplomaten, Minister, Offiziere, Gerichtspräsidenten, daneben Kunstsammler, Dichter, Maler, Komponisten, Philosophen, Theologen, Schauspieler. Kaufleute auch. Und immer war sie, versessen auf Geselligkeit, sehr unruhig geworden, wenn sich ein neuer Gast angekündigt hatte. Aber niemals hatte ihr Alexander mit dieser Festigkeit beteuert, er werde künftig einen Freund mit ihr teilen. Was hatte er unausgesprochen gelassen, was nur angedeutet?
Wohl nur Alexander wusste, dass sie ein Gemüt besaß, das sich im Lärm des Salons nach vertraulicher Nähe sehnte, nach ungeschützter Unmittelbarkeit, dabei auf Ausschließlichkeit bestand und kein Schweifen duldete. Sie verlangte, zumindest an den frühen Nachmittagen, ungeteilte Aufmerksamkeit und kleine, aber bitte mit Esprit vorgetragene Komplimente. Und warum glaubte Alexander diese Rolle nicht ausfüllen zu können? Und warum gelang es auch ihrem Mann nicht?
Ihr Mann.
Ja.
Marcus Herz.
Wenn überhaupt ein Mensch den Nachnamen Herz führen durfte, dann ihr Mann. Sie hatte sich zuerst in den Namen verliebt, weil sie ihren portugiesischen Mädchennamen de Lemos gerne gegen einen so sprechenden Namen eintauschen wollte, erst später in den beinahe siebzehn Jahre älteren Herz.
Sein Äußeres hatte sie nicht sofort für ihn eingenommen. Sie selbst fand ihn, als er sich ihr vorstellte, auf den ersten Blick gedrungen und hässlich, aber den zweiten Ehekandidaten, den ihr Vater ihr präsentiert hatte, verunstaltete ein Blutschwamm im Gesicht, und sein Name war zu schlicht und zu bedeutungslos. Also fiel die Wahl auf Marcus Herz. Außerdem hatte ihr Vater ihr erklärt, Herz sei Aufklärer. Sie verband zwar mit dem Wort wenig – mein Gott, sie war damals, als sie sich verlobte, noch nicht einmal dreizehn Jahre alt! -, aber häufig waren in dem Gespräch die Wörter Freiheit und Mündigkeit gefallen, und die hatten einen anziehenden Klang. Und schön war sie schließlich selbst.
Sie schenkte ihrem Mann stets teuerste seidene Halsbinden, aber der Kopf, ein leider früh kahl werdender Kopf, thronte zu unmittelbar auf dem Körper, gab seiner Gestalt etwas Kränkelndes.
Das ja.
Sie mochte sein geistreiches Gesicht, seine elegante Gestik, und wenn er den Mund öffnete, erschloss sich augenblicklich eine neue Welt. Er besaß einen funkelnden Witz, und sie war sich sicher, es war dieser Witz, der seine Patienten im jüdischen Hospital die Krankheiten vergessen machte und ihm als Professor der Philosophie half, den Studenten ihre Vorurteile zu entwenden.
Stolz?
Sie war sogar sehr stolz darauf, mit dem Lieblingsjünger – wer durfte das unwidersprochen von sich behaupten? – des berühmtesten deutschen Philosophen, Immanuel Kant, verheiratet zu sein.
Und hatte nicht er seiner jungen Frau die besten Lehrer besorgt, um sie aus der Unmündigkeit herauszuführen?
Ja.
Hatte nicht er ihr Talent für Fremdsprachen und ihren Bildungshunger sehr nachdrücklich gefördert?
Aber ja.
Diese Chuzpe, ein jüdisches Haus zu einem, ach was, zu dem Mittelpunkt einer geistigen Elite in Berlin zu machen, in dem sich Angehörige unterschiedlicher Stände versammelten und in geselliger Gemeinschaft die neuesten Ideen besprachen. Musste Jette ihn nicht dafür bewundern?
Doch. Dafür bewunderte sie ihn.
Betrieb sie nicht dank seiner Großzügigkeit diesen Salon und war zur ‹Sehenswürdigkeit› – ein zwiespältiges, aber durchaus sehr angemessenes Kompliment, wie sie fand – von Berlin aufgestiegen?
Durchaus.
Und duldete nicht er auch ihre Leidenschaft für die empfindsamen Literaten, die sich häufig abends einfanden und sich, ein wenig verschwörerisch, wie ihr Marcus fand, in eine eigene Stube zurückzogen und der Lust der Lektüre frönten? Und verdankte sie nicht seiner Großmut, dass die junge Literatur endlich einen Ort gefunden hatte, wo sie gelesen und begeistert besprochen wurde?
Auch das. (Und vielleicht würden aus Leserinnen irgendwann auch Schriftstellerinnen. Darauf hoffte sie. Ohne diesen Wunsch ihrem Mann zu gestehen.)
Sie hatte allerdings häufig einen kleinen Anflug von Unmut gespürt, das wohl, denn ihr Mann übte seinen Witz an dunklen Passagen in den Texten ihrer Lieblingsautoren und empfahl sogar neulich seinem Freund David Friedländer, der eine undeutliche Stelle aus einem Gedicht von Goethe ausgelegt haben wollte:«Gehen Sie zu meiner Frau; die versteht die Kunst, Unsinn zu erklären.»Aber er hatte die sie umschwärmenden Männer in seinem Haus geduldet und klug gescherzt:«Zwei Kammern hat das Herz, liebste Jette. In der einen wohnt der aufgeklärte Verstand, in der anderen haust das warme Gefühl. Zusammen vereinigen wir ein ganzes Zeitalter.»
Nein. Eifersüchtig war er nicht. Wie sollte der Lieblingsschüler des Junggesellen Kant auch diese Regung erlernt haben!
Und war das nicht angenehm?
Das war oft angenehm. Sehr angenehm sogar.
Aber ihr Bedürfnis nach Nähe, ihre Sehnsucht, die großen Empfindungen zu teilen, die konnte ihr Marcus nicht stillen. Zu häufig sprach er von Pflicht und leider zu wenig von Neigung. Selbst wenn er sie lächelnd anschaute, spürte sie, wie er seine Leidenschaften im Zaum hielt, den Gemütsbewegen nur kleine Spaziergänge erlaubte und jede feurige Geste vor den Richterstuhl der Vernunft zitierte. Und er war weiß Gott ein strenger Richter. Was geht noch, was darf man zulassen, wann gewinnt der Körper die Herrschaft über den Verstand? Vor allem: Wann triumphiert die Begierde?
Jette wünschte sich entschieden häufiger einen Freispruch.
Wenn er sie berührte, dann hatte sie stets den Eindruck, er würde wie bei den Patienten allenfalls nach dem Puls fahnden. Seine dicken Hände mit den knotigen Gelenken waren für die Liebe einfach nicht geschaffen!
Ihr Marcus, ja.
Sie legte die Reisebeschreibungen endgültig zurück, riss die Fenster auf, ließ den Straßenlärm hereinschwappen, badete kurz in den lauten Geräuschen, atmete tief durch, dann schloss sie die Fenster, machte ausgiebig Toilette. Ihr turbanähnlicher Kopfputz – dafür war sie berühmt. Sie wählte einen apfelgrünen Seidenstoff. Ein Kleid aus bleifarbenem Atlas, mit Pelzwerk verbrämt. Stiefeletten, die die Füße kleiner erscheinen ließen. Zwei Spritzer Resedawasser. Oder besser: drei.
Heute Abend würden sie wieder einige wissenschaftliche Experimente durchführen. Dann stand sie, schweigend zwar, aber doch neben Marcus als seine Assistentin. Und das war unerhört in der Gelehrtenwelt: eine Frau, die sich in das Gebiet der Physik und Optik hineinwagte, die wusste, warum ein Kurzsichtiger sich konkaver Gläser bedienen musste und ein Weitsichtiger konvexer, die wusste, wie ein Fernglas funktionierte, die, das grenzte doch an ein Wunder!, mit stählernen Stäben eine sehr große magnetische Kraft erzeugen konnte, die auch mit viel Geduld den Zuhörern erklärte, was in einer Camera obscura für geheimnisvolle Dinge geschahen oder warum die Magnetnadeln an jedem Orte der Erde eine gewisse Richtung bevorzugt liebten.
Aber eine tiefe, eine leidenschaftliche Anziehung hatte sie, Jette Herz, noch nicht erlebt. Zwar hatte sie vor Jahren einen Tugendbund gegründet, ihn wie eine Geheimbündlerin mit hehren Statuten versehen, man hatte die Korrespondenz verschlüsselt, hatte das vertraute Du gepflegt, priesterliche Küsse ausgetauscht und sich geschworen, nichts voreinander zu verheimlichen, hielt sich für Freimaurer des Herzens. Die Humboldts hatten dazu gehört, Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen, Karl von La Roche, die Schriftstellerin Therese Forster-Huber (auf die Bezeichnung Schriftstellerin legte sie übertrieben großen Wert!), natürlich ihre Freundin Dorothea Veit, nur Rahel Varnhagen hatte schnippisch abgelehnt. Nun gut. Aber dann hatten sich Geheimniskrämereien eingeschlichen. Wilhelm von Humboldt, der doch sehr nachdrücklich für sie geschwärmt und mitten in einer Hebräischstunde vor ihr gekniet und lispelnd – das raubte der Szene ein wenig die Leidenschaftlichkeit – von großen Gefühlen gestammelt und ihr Gesichtsprofil als ebenbürtig mit den vollkommensten Kunstwerken griechischer Kunst gefeiert hatte, verliebte sich nur wenige Wochen später in Karoline von Dacheröden. Sie selbst hatte mit viel Talent die Eifersüchtige gegeben, und die engen Bande hatten sich gelöst. Aber eine leidenschaftliche Anziehung? Nein. Sie hatte mit großer Leidenschaft bisher allenfalls gespielt.
Und heute Abend hatte ihr Alexander einen Gast angekündigt, der auf sie eine gewaltige Anziehung ausüben sollte: einen verschleierten Gast.
Und hatte sie diese Erfahrung zu machen nicht endlich verdient?
Sie fand: Ja.
Ganz entschieden. Ja. Ja.

2
Ein Experiment!
Wenn Marcus Herz, mit frischer Halsbinde ausgestattet, der Gesellschaft ein Experiment ankündigte, dann wirkte er sehr konzentriert, beinahe entrückt, und diese Konzentration strahlte auf Jette aus, gab ihr Sicherheit, dann folgten die Hände, die oft wie aufgescheuchte Vögel an ihrem Körper herumflatterten, willig den Befehlen, dann wirkte ihr reizbares Gesicht gleichmütig, dann verstummten die Gespräche in ihrem Kopf. Aber heute taugte das Wort«Experiment»nicht, die Unruhe blieb, weil ihr Blick unfolgsam immer wieder den neuen Gast streifte, den ihr Alexander, dieser Scharlatan!, als Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher vorgestellt hatte,«Prediger an der Charité, von ältestem Denkadel, der als Erzieher vor allem meines jüngeren Bruders, so darf ich hoffen, auch noch mir einen kleinen Anteil vererbt hat». Sie hatte auf Alexander geblickt und gelacht und es versäumt, mit diesem Gast, der, so glaubte sie sich zu erinnern, verschüchtert vor Jahren einmal den Salon besucht hatte, ein paar Worte zu wechseln, weil ein anderer Gast ihre Aufmerksamkeit verlangte.
«In der letzten Woche, liebe Freunde, hatte ich bereits angemerkt, dass man, wenn man auf einen sehr hohen Berg steigt oder auf einen hohen, nein: gewaltig hohen Turm, die Luft weniger zusammengedrückt findet, weil alsdann das Gewicht der Luft über ihr doch merklich kleiner ist. Mit einem kleinen Experiment wollen wir diese Erscheinung außer Zweifel setzen. Wenn man eine Röhre nimmt …»
Mit jedem schnellen Blick schnappte Jette eine Eigenart des neuen Gastes auf: Der Überrock war zwar ordentlich gebürstet, aber er wirkte abgetragen, erschreckend ärmlich; die Halsbinde war frisch, aber etwas zu sehr gestärkt, als müsste sie dem Hals als Stützband dienen; seine Locken kringelten sich nicht ganz so elegant, wie Alexanders Spiel mit der Apfelschale vermuten ließ – vielleicht hatte der Gast sie vor Aufregung ungeschickt zu bändigen versucht?
Und was war mit seinen Händen? Warum verbarg er sie? Waren sie klein und dick? Von einem Ekzem verunstaltet?
«Jette, bist du mir bitte behilflich?»Jette erschrak kurz, lächelte. Marcus spitzte, kaum wahrnehmbar, die Lippen.«Also: Wenn man die Röhre nimmt und an dem oberen Ende mit dem Finger ordentlich verschließt, und wenn man dann diese Röhre mit einfachem Wasser füllt, sie dann umkehrt, so, dass das offene Ende nach unten zeigt, so wird nichts herauslaufen.»
Aufreizend langsam drehte Jette die Röhre um, ohne dass das Wasser den Weg durch die unverschlossene Öffnung nach draußen fand. Das Publikum klatschte. Einer der ältesten Freunde von Marcus, Johann Jakob Engel (auch dieser Name wäre für Jette bei der Wahl ihres Ehegatten von einiger Attraktion gewesen), ein Meister der menschlichen Mimik, sein Gesicht war immer in Bewegung, gab sehr überzeugend den ungläubigen Thomas, wurde prompt nach vorne gebeten, klopfte vorsichtig auf das Glasröhrchen, prüfte die Öffnung und sprach ein wenig theatralisch von Zauberei, ging dann unter erneutem Applaus auf seinen Platz zurück.
Jetzt war sich Jette sicher, die linke Schulter dieses Schleiermacher weigerte sich, mit der rechten Schulter in schöner Eintracht zu leben, und wurde auffällig, wenn Schleiermacher sich unbeobachtet fühlte. Aber diese Augen! In ihnen wohnte eine Sehnsucht, sich mit der ganzen Welt zu verbrüdern, darin siedelten Sinn und Geschmack, Leidenschaft und, ja, das auch, Leidensfähigkeit. Überdacht wurden diese Augen von einem schmalen Baldachin zart geschwungener Augenbrauen. Sie kannte solche Augen in dieser Reinheit nicht, sie kannte matte, gewitzte, ungezogene, tief unter Augenbrauen vergrabene und welche, die hervortraten, als habe man plötzlich beim Erdrosseln Einhalt geboten, aber nicht solche.
«Die Elastizität oder aber der Druck der Luft, liebe Freunde, der gegen das Wasser unten stößt, erhält die Flüssigkeit in der Röhre. Aber sobald man die Röhre oben freigibt, sogleich fällt die Materie herunter. Jette, bitte.»
Jette nahm ihren Daumen von der oberen Öffnung, und das Wasser spritzte durch die untere Öffnung in die auffangbereite Wanne.
«Vielleicht hat unsere Jette das Wasser betört», rief Friedrich Nicolai, der so lebensklug war, als Schriftsteller zugleich Buchhändler zu sein, und ergänzte, weil er mit der Reaktion des Publikums unzufrieden war:«Vielleicht auch hat Jette ihren Daumen mit einem starken Leim eingerieben, der wahre Wunder vollbringt. »
«Diesen Leim möchte ich erwerben, dann würde ich damit die Böschung an meinem Haus vor Hochwasser schützen», spottete ein anderer Gast, ein Komponist und gelernter Maurer, der seinen ursprünglichen Beruf nie ganz verleugnen konnte.
«Die Ursache», hob Marcus an, und sofort verstummten die Zwischenrufe,«nun, die Ursache ist, weil die Luft alsdann auch von oben sehr mächtig auf das Wasser drückt und es also mit aller Kraft heruntertreibt. Daraus sieht man, dass, solange die Röhre oben durch Jettes Finger geschlossen bleibt, die Kraft der äußeren Luft das Wasser in derselben erhielt.»
Seine Nase war stark, Ausdruck einer gesunden Willenskraft, aber auch empfindsam; ein fein geschwungener Mund, wie man ihn, ja, doch, eher an einer Frau vermuten würde; eine mächtige, denkstarke Stirn, die die empfindsamen Partien so herrlich ausbalancierte. Ein fast weiblicher Teint. Aber dann fielen ihr die starken Falten auf, die von den Nasenflügeln in einer tiefen Spur zu den Mundwinkeln führten und ein Magenleiden verrieten.
Und warum versteckte er seine Hände?
«Setzt man nun diese Röhre in ein Gefäß, aus dem man, Jette, ich darf dich bitten, mir noch einmal zur Hand zu gehen, durch eine Luftpumpe die Luft weggenommen hat, so fällt das Wasser sogleich aus der Röhre! Achtung! Jetzt!»
Und obwohl Jette die Glasröhre mit dem Finger verschlossen hielt, fiel das Wasser in den luftentleerten Glaskolben, sobald sie die Röhre hineinsteckte.
Erneuter Applaus.
«Und wenn wir, stehend auf einem hohen Berg, ein sehr langes Rohr in eine vor Wasser schwangere Wolke hielten und das andere Ende in diesen Glasballon führten, dem man vorher die Luft ausgetrieben hat, würde es dann regnen?»
Jette Herz bestaunte immer den Mut, mit der Dorothea Veit die seltsamsten Fragen stellte. Sie gehörte mit Rahel Levin zu ihren engsten Freundinnen seit Kindertagen. Beide hatten nach Jette ebenfalls die Chance ergriffen, durch einen eigenen Salon ihre Langeweile abzukürzen – Rahel empfing Gäste in ihrer Dachstube, und Dorothea unterhielt jede Woche einen Leseabend. Dorothea. Ja. Seit einigen Jahren nannte sie sich nicht mehr Brendel sondern Dorothea. Seht her! Ich gehöre zu euch. Zwar käme niemand auf die Idee, Dorothea eine Sehenswürdigkeit zu nennen, ihr Kopf war zu groß, und die Augen traten zu vorwitzig hervor, ihr fehlten sehr sichtbar schöne Haare oder elegante Hände, und die weiblichen Attribute waren nur, wie sie Jette einmal ganz offen zugegeben hatte, kümmerlich ausgebildet, aber sie besaß eine mädchenhafte Stimme, und manchmal sprengte sie wie auf einer Schimmelstute durch den Salon und hinterließ einen mächtigen Eindruck. Vor allem auf Männer einen übermächtigen Eindruck. Wirkte gleichermaßen anmutig und angriffslustig. Verletzlich und dann wieder wenig zimperlich.
«Frau Veit taugt zur Wettermacherin, meinen Respekt», bemerkte Engel,«wir sollten sie auf eine kleine Exkursion schicken, bliebe nur noch die Frage zu klären, wie wir das lange Rohr in den Harz transportieren.»
«Wir errichten auf dem schönen Brocken eine Glashütte, vielleicht gelänge es uns dort dann auch, fliegende Besen zu erfinden. Die wären dann bereits vor Ort.»Nicolais Vorschlag wurde mit gut gelauntem Gelächter quittiert. Sein Blick verriet Zufriedenheit.
Dorothea verschränkte mit großer Geste ihre Arme und schloss die Augen. Jette biss sich auf die Zunge. Nicolai. Natürlich! Der hatte Dorothea und sie noch letzte Woche als«Goethe-Sklavinnen»verhöhnt. Wann würde Nicolai sie endlich ernst nehmen!
«Meine Freunde», unterbrach Marcus,«die Alten, denen diese Eigenschaft der Luft noch so gänzlich unbekannt war, sagten, dass die Natur, wohl zufolge der Furcht oder gar des Abscheues, den sie vor dem leeren Raum hege, die Flüssigkeit in der Röhre erhalte. Also, die Furcht vor dem Leeren war nach der Meinung der Alten das, was die Flüssigkeit letztlich verhinderte hinabzufallen. Wir»- und dabei verwies er auf Jette und verbeugte sich leicht -«haben nun gezeigt, dass es die Kraft der Luft ist, die die Flüssigkeit so kräftig zu halten vermag. Da aber diese Kraft, meine lieben Freunde, nicht unbegrenzt ist, so kann sie auch nur eine genauer zu messende Menge halten.»
Dieser Schleiermacher lachte vornehm, mit einer sehr privaten Wärme ausgestattet, mit einer Milde, die an Charme grenzte und gar nicht süßlich wirkte. Sie wollte ihn kennen lernen, sie musste ihn kennen lernen, sobald Marcus, der unbeirrt weiter ausführte, dieses Experiment beendete – endlich, wie sie fand, sie wollte sich endlich setzen, man konnte die gelehrten Ausführungen auch entschieden übertreiben, auch wenn sie manchmal den Eindruck hatte, als ob ihr Marcus diese einfacheren Experimente häufig nur veranstaltete, um die anwesenden Frauen im Salon behutsam zu bilden.
«Man hat durch vielfaches Experimentieren herausgefunden, dass, wenn die Röhre höher als 33 Fuß mit Wasser gefüllt ist, das Wasser nicht hängen bleibt, sondern auf genau 33 Fuß absinkt. Da nun dieselbe Kraft das ganze Gewicht der Atmosphäre erhält, so dürfen wir daraus mit Klarheit schließen, dass die Atmosphäre so viel wiegt als eine Säule von 33 Fuß hoch. Nimmt man nun statt des Wassers eine andere Flüssigkeit, sagen wir Quecksilber, das doch präzise vierzehn Mal schwerer ist als das Wasser, dann kann die Kraft der Luft das Quecksilber nur in einer Höhe von 28 Zoll erhalten. Eine solche Röhre nun ist das uns vertraute Barometer. Durch das Barometer hat man gesehen, dass die Atmosphäre nicht immer gleich schwer ist. Steigt das Quecksilber in der Röhre etwa sichtbar, dann ist die Luft in unserem Dunstkreise also etwas leichter geworden. Steigt es, dann dürfen wir Sonne erwarten, dem Wissenden aber, meine Freunde, scheint stets die Sonne, unabhängig davon, was das Barometer uns prophezeit. »
Damit verbeugte er sich, Jette tat es ihm nach, man applaudierte, dann wurde Räucherwerk ausgeteilt, Wein oder Tee – dieses Mal ein kräftiger Tee – getrunken und die Konversation in kleinen Zirkeln fortgesetzt.
«Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, uns näher bekannt zu machen», sagte Jette. Erst jetzt registrierte sie, wie klein er war. Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, aber ihr gefielen kleine Männer. Sehr sogar.
«Ich gönnte mir bereits die Muße, Sie ein wenig zu studieren.»Schleiermacher deutete eine Verbeugung an.«Und Alexander hat mir bereits viel von Ihnen berichtet. Es ist für mich eine Ehre, hier zu sein.»
Alexander sollte Recht behalten.
Er war es, auf den sie immer gehofft hatte.
Nicht sehr stattlich. Aber diese Hände! Als seien sie aus dem Paradies herausgeschmuggelt worden.
Zu schmal und zu zart, um mit ihnen zu arbeiten.
Gewiss, sie taugten für andere Dinge.

3
Das war nachmittägliches Glück.
Wie er den Dampf des Tees einsog. Wie seine zierlichen Finger so wunderbar mit dem schmalen Henkel der Tasse harmonierten. Wie seine Oberlippe nahezu unmerklich wegen des heißen Tees zuckte. Wie er sagte:«Darauf freute ich mich seit den Morgenstunden.»Er stellte die Tasse vorsichtig ab.«Ihre Haut hat die herrliche Farbe einer frisch geschälten Birne, liebste Jette.»
Das hatte noch keiner gesagt. Sie liebte ausgefallene Komplimente. Und sie liebte die Sorglosigkeit, mit der Schleiermacher sie präsentierte.
Schleiermacher streichelte sie. Das stand ihr doch zu. Oder?
Als ob sich jede Regung, als ob sich jede zierliche Empfindung gewissenhaft in seinem Gesicht zeigte, als wären seine Augen wahrhaftig ein Spiegel der Seele, so glaubte Jette schon nach Wochen in seinem Gesicht lesen zu können. Würde doch nur bald eine Erfindung gemacht, diese Augen als Brennglas zu schleifen, um damit Schleiermachers Empfindungen in andere Seelen einzubrennen. Dann wäre diese Welt schon morgen, spätestens übermorgen, die beste aller möglichen Welten. Da war sie sich ganz sicher.
Und vielleicht besäßen dann auch bald, sofern sich der Körper nach dem Geist richtete, alle Menschen schöne Hände. Auch ihr Marcus. Und vielleicht hätte er dann auch nächtens mehr Geschick.
Schleiermacher hielt nichts zurück, und Jette hoffte sehr, er möge diese Gradheit noch lange bewahren, sich nicht vorschnell auf dem Wege in Amt und Würden eine Maske aufsetzen und dahinter erstarren. Wie ein Schwamm schien er alle Gespräche in sich aufzusaugen, denn wenn sie den Abend des Vortags Revue passieren ließen, erinnerte Schleiermacher, ohne damit zu prahlen, beinahe jede Redewendung, genoss sie in der Wiederholung und schmeckte sie ab wie eine gute Köchin.
Aber warum vergeudete er seine Fähigkeiten und griff nicht entschiedener selbst zur Feder? Verfolgte er keinen Zweck außerhalb der Geselligkeit?
«Ohne meine tägliche Ration an Besuchen verbuschel ich den ganzen Tag, tändle herum, fliehe liebend gern den Schreibtisch und meine Studien, werde zum Ende hin noch ganz schwermütig», hatte er ihr neulich gestanden – und das hatte sie auf die Idee gebracht. Sie wollte nichts falsch machen. Nein, sie wollte nichts falsch machen, aber wie wäre es, wenn sie Schleiermacher mit Friedrich Schlegel verbündete, der seit einigen Wochen, auf eine wie immer untrügliche Empfehlung des rührigen Hofkapellmeisters Reichardt hin, in ihrem Salon verkehrte? Würde das harmonieren?
Friedrich Schlegel.
Sein Ruf war ihm aus Jena vorausgeeilt, wo er mit seinem Bruder August Wilhelm einen Kreis von jungen Literaten um sich versammelt und an der Zeitschrift Deutschland mitgearbeitet hatte, die von Schiller befehdet wurde. In Berlin suchte er Wahlverwandte und Anregungen, um eine eigene Zeitschrift zu gründen.
Diese Frisur! Das war so mutig. Er trug sein braunes Haar kurz geschnitten, ungepudert und glatt, wirkte, unterstrichen durch große, oft verwundert dreinblickende Augen, noch kindlich. Er schien nie müde zu werden, war ein krankhaft reizbares Genie, unstet, manchmal auch, wie alle Frühbegabten und Frühvollendeten, anstrengend vorlaut, aber voller Ideen, die er gar nicht alle realisieren konnte. Beobachtete Jette ihn, dann schien er den stärksten Beweis für die Vermutung ihres Freundes Alexander von Humboldt zu liefern (warum machte der sich neuerdings rar?), dass die Hummel zu den ältesten fliegenden Wesen zu rechnen sei. Das war eine, wie Engel einmal gutmütig gesagt hatte, tollkühne Idee, aber Alexander verfolgte sie mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, sammelte alle möglichen Hummelarten und stellte sie in einem kleinen Kabinett aus. Jette fürchtete sich vor Hummeln, hatte nur einmal einen Blick auf diese kuriose Sammlung geworfen und«beeindruckend»gemurmelt.
Jette prüfte ihre Idee. Sie wollte nichts falsch machen. Schleiermacher und Schlegel waren sich in Feßlers Mittwochs-Gesellschaft bereits kurz begegnet und offenbar füreinander geschaffen.
Jetzt ging Friedrich wieder unruhig im kleinen Salon auf und ab. Man konnte dieser Geburt eines neuen Gedankens mit Augen und Ohren beiwohnen.
«Wenn die Windbüchse in der Lage ist, die Luft zu verdichten, nahezu unendlich viel Kraft zu speichern und eine Kugel auf den Weg zu schicken, wie wir gestern von Jette und ihrem Mann erfahren durften», Friedrich machte eine kleine Pause, damit das Kompliment seine Wirkung entfalten konnte, er gab sich erst zufrieden, als Jettes Wangen pflichtschuldigst mit einer schwachen Röte antworteten,«ich sagte, eine Kugel auf den Weg zu schicken, die Schicksale – oder wenigstens ein Mittagsmahl – entscheiden kann, dann müssen auch wir, meine Freunde, unsere Kräfte verdichten, dann müssen auch wir leisten, was wir zu leisten imstande sind, dann dürfen wir nicht nur Verse schmieden, sondern dann sollten wir, wie die großen Physiker, bei den Alten in die Lehre gehen und von dort her neue Wege erschließen. Und was könnten wir der Welt Größeres schenken als eine Übersetzung der Werke Platons!»
Den Namen«Platon»schrie er förmlich hinaus und warf dabei die Arme – eine Spur zu gekünstelt, wie Jette fand – nach oben.«Schon einmal hob eine Revolution mit einer Übersetzung an, Luther übersetzte uns die Bibel und entdeckte uns den freien Menschen, mein Bruder schenkt uns eine Übersetzung Shakespeares, und wir übersetzen den göttlichen Platon, um unsere ästhetische Revolution zu befördern, und geben dem freien Menschen Anmut und Würde und eine Ahndung für das Schöne zurück, die uns Luthers Revolution leider! leider! geraubt hat. Vielleicht, ja vielleicht, liebe Freunde, muss hernach unsere ästhetische Revolution von einer neuerlichen religiösen Revolution begleitet werden.»
Friedrich setzte sich, nein, er sprang eher wie ein junger Hund auf das Sofa und schaute gespannt in die Runde. Den ersten Zuspruch erntete er von Dorothea Veit, aber ihr Beifall war nicht entscheidend, denn Dorothea stimmte, vom ersten Auftritt Friedrichs in ihrem Salon an, ihm zu, sobald er einen neuen Vorschlag in die Welt hinaus entließ. Und er entließ viele Vorschläge in die Welt hinaus. Aber Jette wollte sich jetzt nicht über Dorothea Gedanken machen. Der fünfundzwanzigjährige Friedrich und die mehr als sieben Jahre ältere Dorothea. Nein. Darüber wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Das konnte warten.
Alexander zu Dohna nickte stumm, vielleicht prüfte er auch leise seine Kenntnisse in Altgriechisch. Carl Gustav von Brinckmann, Dichter und soeben («Herzlichen Glückwunsch!») als Legationssekretär der schwedischen Gesandtschaft nochmals bestätigt, ein alter Studienfreund Schleiermachers (Warum hatte Brinckmann ihr diesen Schleiermacher so lange vorenthalten?), lächelte, wie Jette wahrnahm, in dessen Richtung.
«Ach! Es ist ein göttlicher Einfall, den Platon zu übersetzen, und ich bin gewiss, dass außer uns nur sehr wenige dazu imstande sind, aber es muss wohl bedacht werden, und es bedarf gründlicher Vorarbeiten und Studien. Die Echtheit der Dialoge, ihre chronologische Reihenfolge, die Bekämpfung der neuplatonischen Pest – wir werden viel zu forschen und zu wagen haben», dämpfte Schleiermacher die Begeisterung.
«Nur zu! Nur zu!», ermunterte Schlegel und zog einen Text aus einer Tasche und schwenkte ihn herum,«schaut her, was ich uns mitgebracht habe, von unserem lieben Tieck und unserem Bruder Wackenroder, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, und natürlich, liebste Herz, hat er bei dem Titel an Sie gedacht.›»Schon stand er wieder mitten im Raum und trug die ersten Seiten laut vor.
Über Platon kein Wort mehr. Monatelang. Die Idee bis auf weiteres im Archiv abgelegt.
Hörte man Friedrich lesen, dann glaubte Jette zu sehen, wie er den Witterungen einzelner Worte nachspürte, sie beschnupperte und dann den verborgenen Sinn freilegte wie ein Trüffelschwein. Er spornte die anderen an, es ihm nachzutun, bis alle durch den Text schnüffelten, bis jeder eine Spur aufnahm und sein Fündlein glücklich präsentierte.
Und Schleiermacher? Er besaß einen sehr ausgeprägten Spürsinn und wusste, auch heute, als bereits alle die Suche aufgegeben hatten und sich an ihren Schätzen erfreuten, noch einen Fund zu machen, den keiner für möglich gehalten hatte. Aber mit diesen Funden zu wuchern verstand er nicht, er steuerte in ihren Runden nichts eigenes bei, obwohl jeder, wie Jette ahnte, es ihm zutraute.
Schleiermacher und Schlegel.
Sie wollte nichts falsch machen.
Und Schleiermachers Geburtstag bot eine ideale Gelegenheit.
Sie entließ ihn gut gelaunt, steckte ihm eine Knopflaterne an seinen Überrock, damit er den Weg durch die dunklen Gassen nach Hause leichter finden konnte, und bereitete in den nächsten Tagen alles vor.
Das Vorhaben musste gelingen.
Schleiermacher sollte der Held ihrer Geschichte werden.
Schleiermacher.
Diese wunderbaren Hände.
Mein Gott. Diese Hände!

4
Sie hatte sich nicht getäuscht, nein, in Schleiermacher konnte man sich nicht täuschen. Wenn sich an ihm doch die Spezies Mann ausrichten könnte, dachte Jette, dann müsste man sich in der Wahl des Mannes nicht auf seinen eigenen Geschmack oder auf den des Vaters verlassen.
Er stand, in ein abgetragenes Negligé gehüllt – Jette hatte in der Eile vergessen, einen Blick auf seine verwachsene Schulter zu werfen – an der Tür und schaute entgeistert (wenn sein Gesicht einen solchen Ausdruck überhaupt hergab, dann heute) in die Gesichter seiner Freunde, die sich über ihre gelungene Überraschung unbändig freuten.
Sie sangen einen Geburtstagskanon, zweistimmig, nicht ganz fehlerfrei – nur Dorothea besaß eine ausgezeichnete Stimme -, dann besetzten sie die schmale Stube. Ein Staatsstreich. Eine heilige Revolution.
Auf Besuche war Schleiermacher nicht vorbereitet. Er besaß nicht einmal ein Teeservice. Jette und Dorothea durchstöberten den einzigen Schrank, suchten einige Tassen zusammen, denen sie zutrauten, flüssigen Inhalt zu bergen, dann deckten sie den Tisch, teilten den mitgebrachten Kuchen – ein Baumkuchen, um die Erinnerung an die Natur in diesen dunklen Novembertagen nicht zu unterlassen -, legten Süßigkeiten auf die Teller.
Schleiermacher hatte sich inzwischen einen abgetragenen Gehrock angezogen. Sie würde sich auch noch um seinen Kleiderschrank kümmern müssen. Diese ärmliche Kleidung konnte sie ihm ganz und gar nicht durchgehen lassen!
«Zuerst wickelt er meine Geschenke aus!», befahl Dorothea.
Schleiermacher nickte gehorsam, griff dann das falsche Geschenk, Dorothea schlug ihm kurz auf die Finger, wie man einem kleinen ungezogenen Kind auf die Finger schlägt, und legte ihm ein anderes Geschenk in die Hand. Auch dafür war er dankbar, er empfand es offenbar als Zuwendung. Er löste vorsichtig die Schleife. Die ihn umstehenden Freunde schauten gespannt, beinahe atemlos zu, Jette hatte den Eindruck, als würde ihnen allen mit dieser Geste – die Geschenke mochten wenig bedeutend, mochten läppisch sein, sei’s drum – ein Gefühl von Verbundenheit beschert, als wären sie alle die Beschenkten.
«Ein herrlicher Weinpokal», staunte Schleiermacher.«Wie kann ich Ihnen, verehrte Dorothea, nur danken.»
«Indem Sie, liebster Ernst, bei jedem Schluck ganz kräftig an mich denken.»
«Nun ist Ihr Haushalt beinahe vollständig», stellte Friedrich augenzwinkernd fest.
Als würde Schleiermacher jeden Geburtstag mit einer Geschenk-Cour bestreiten, als wäre er von Kindesbeinen nichts anderes gewohnt, packte er die Gaben aus und bedankte sich mit warmen Worten: ein Paar Handschuhe, ebenfalls von Dorothea (zwei Geschenke, das war etwas übertrieben, wie Jette fand), edles Büttenpapier von den Dohna-Brüdern mit einem Wasserzeichen des Anwesens auf Schlobitten, als sollte Schleiermacher, ihr ehemaliger Hofmeister, mit diesem Zeichen heimlich geadelt werden, eine Uhrenkette von Jette – sie hatte quälend lange über mögliche Geschenke nachgedacht, hatte sich dann für eines entschieden, das einerseits an ihre gemeinsamen Verabredungen erinnern sollte, aber auch als Warnung diente, seine Stunden nicht, wie nannte es Schleiermacher auch noch?, ja richtig: zu verbuscheln.
Er dankte überschwänglich.
Und Friedrich schenkte ihm einen Flakon mit Parfüm.
Schleiermacher reagierte ohne Befremden, aber Jette stutzte. Schleiermacher verströmte häufig einen säuerlichen Mundgeruch, das ja, er hatte offensichtliche Probleme mit dem Magen, aber musste man dieser kleinen Schwäche so entschieden öffentlich begegnen? Oder war das Geschenk eine natürliche Folge von Friedrichs Unbefangenheit?
Sie tranken Kaffee, aßen den Kuchen – die Marmelade schmeckte etwas zu stark hervor, wie Jette fand -, ließen den Weinpokal kreisen, dann erhob sich Friedrich auf einen Wink von Jette hin:«Ich darf heute dich, da ich dich im Nachthemde angetroffen habe, mit einem vertrauten Du anreden. Heute, am 21. November 1797, jährt sich dein Geburtstag zum neunundzwanzigsten Mal, und noch immer hast du nichts gemacht!»
«Pfui, pfui», schrien alle.
«Deshalb nennen wir dich ab heute in unserer vertrauten Runde unseren Schleier, rauben dir das Wörtchen ‹machen›, bis du nicht nur ein Schleier bist, sondern auch einen Schleier zu machen und zu weben verstehst.»
«Schleier, ab heute heißt er Schleier», riefen alle, als hätten sie die Szene seit Tagen einstudiert. Nur Dorothea hinkte etwas hinterher.
«Und wir ziehen nicht eher von dannen, bis du uns deine Hand darauf gibst, ab heute immer schön fleißig zu sein und Bücher zu schreiben.»
Und alle streckten die Hand aus, und Schleiermacher ging zu jedem, gab jedem die Hand und versprach, noch heute mit dem Bücherschreiben zu beginnen.
«Symphilosophie, lieber Schleier, lautet die Formel, die ich mit meinem Bruder ausgegeben habe!»Schlegel baute sich in der Raummitte auf und breitete die Arme aus.«Symphilosophie, das meint: gesellig zu philosophieren. Jeder kluge Kopf, und es gibt viele kluge Köpfe, soll mitarbeiten, keiner wird ausgeschlossen, wenn es darum geht, einen neuen geistigen Kosmos zu schaffen. Wir müssen die Grenzen überwinden, müssen Wissenschaft, Philosophie, aber auch Kunst»- und jetzt lächelte er, eine Andeutung nur, in die Richtung von Jette, weil ihr Mann und seine Freunde diesen letzten Schritt nicht mitgehen, weil sie diese Gattungsgrenzen nicht niederreißen wollten, weil sie auch der Literatur nicht trauten, die Enzyklopädie des Geistes trefflich darzustellen -«in einer progressiven Universalpoesie versammeln. Ein künftig zu schreibender Roman, der zu romantisieren versteht, muss die unendliche Welt unseres geistigen Lebens einfangen. Nur wenn es uns gelingt, Philosophie, Kunst, Ethik, und, lieber Schleier, durchaus auch die Religion zu vereinen, dann werden wir nicht länger in kalten Verstandesbegriffen befangen bleiben, dann hat das kalte Argumentieren ein Ende, dann werden wir fühlen, wie das Unendliche auf uns wirkt, wie wir das Unendliche im Endlichen darstellen, wie sich in uns die Welt spiegelt. Den Weltgeist zu lieben und freudig seinem Wirken zuzusehen ist das Ziel unserer Poesie. Dann, meine Freunde, wird die Welt wärmer werden, und dann werden wir in geselliger Eintracht hochgestimmt leben. Und ich frage dich, lieber Schleier, ob du daran mitarbeiten willst.»
Schleiermacher nickte, von Friedrich wie ein Bräutigam umworben, stumm vor Rührung.
«Und wie verhindern wir, dass die tückische Trägheit erneut sich einschleicht, und du deinen leisen Gang beibehältst?»Er trat einen Schritt näher, schaute ihm tief in die Augen und senkte die Stimme.«Und wie verhindern wir, dass du heimlich deinen kritischen Geist lieber am Gängelbande spazieren führst, anstatt ihn uns für die ernste Literatur zu leihen? Und wie verhindern wir, dass du dich in der Universalität deiner Bildung am Tage einschließt und nur abends, im geselligen Gespräch, die Dachkammern ein wenig lüftest?»
Jette hatte es Friedrich überlassen, Schleiermacher – er heißt ab heute Schleier, verbesserte sie sich – im Augenblick größter Feierlichkeit ein Versprechen abzunehmen, denn so viel war sicher, wenn die Religion überhaupt noch einen Wert besaß, wenn in den Ruinen ein Geist überlebte hatte, dann in der Macht eines Versprechens, das man einem Chor von Freunden gab, sofern, wie sie wusste, größte Zuneigung (sollte man es Liebe nennen?) im Spiel war. Dann konnte Schleier nicht anders, dann musste er die Ängstlichkeit opfern, dann musste er in das Konzert der anderen einstimmen. Und wie großartig Friedrich agierte!
Schleiermacher schaute ein wenig hilfesuchend zu Jette, mochte aber nichts sagen, um die Stimmung des Augenblicks nicht zu zerstören.
«Die Antworten auf meine Fragen liegen so sehr auf der Hand, dass du sie offenbar nicht sehen kannst.»Er trat noch einen Schritt näher an Schleiermacher heran.«Du bewohnst doch drei kleine Kammern in dieser äußerst angenehmen Wohnung vor dem Oranienburger Tor, lieber Schleier, nicht unnötig mit Möbeln voll gestellt, mit viel gutem Licht nach Süden hin, um die Augen zu schonen. Ach, leider. Ich wohne sehr beengt, bei guten Menschen zwar, aber oft kann ich meine schönen Vorsätze nicht ausführen, weil es mir an Platz zum Arbeiten gebricht. Zöge ich zu dir, so nähme ich eine Kammer in Beschlag, in der Stube könnten wir symphilosophieren und unsere Arbeiten verrichten. Es würde mich keine Zeit kosten, deine Fortschritte zu überwachen, und ich nehme auch ganz gewiss keinen Anstoß, wenn du bis zur Mittagszeit im Negligé deine Aufgaben erledigst. Was immer uns im Kopf herumgeht, wir können es geschwind durchnehmen, mir jedenfalls ist nicht bange ob des Erfolges. Ich wäre sehr neugierig darauf, wie du die Dinge anfasst und zu einem schnellen Ende bringst. Und mir würde es in meiner angespannten finanziellen Lage auch ein wenig Entlastung schaffen, obgleich ich mich gerne bereit erkläre, einen kleinen Obolus zu leisten.»
Jette hatte die ganze Zeit in Schleiers Augen gelesen und längst die Antwort buchstabiert. Schleier stimmte zu, willigte ein in den gemeinsamen Haushalt, war augenscheinlich froh – und auch ein wenig besorgt – mit dem Feuerkopf Friedrich, der tagelang ausgelassen war, dann aber auch plötzlich in Schwermut versinken konnte, die Wohnung zu teilen. Und ein Frühaufsteher war er auch. Es war wichtig, es war richtig, beruhigte sie sich, auch wenn diese kleine Inszenierung einer Überrumpelung gleichkam, und als Schleier sie jetzt kurz mit einem Blick streifte, wich sie diesem Blick aus, prüfte scheinbar abwesend den Sitz ihres Eheringes und rieb ihn verstohlen blank.
Die Idee, bei Schleier einzuziehen, hatte Friedrich Schlegel gehabt, die anderen waren über diesen Teil des Plans vorher nicht informiert worden. Schlegel, der immerhin einige Monate Lehrzeit bei einem Leipziger Bankier absolviert hatte, besaß bei aller laut vorgetragenen Courage offensichtlich noch immer genügend finanzielle Vernunft, um seine Haushaltskasse, wo es ging, zu schonen. Über Geld, das wusste Jette, würde niemals geredet werden.
Wie lange diese geistige Ehe halten würde, fragte sie sich, jetzt abwechselnd den Blick auf beide lenkend. Friedrich war zu sprunghaft, um lange an einem Ort zu verweilen, es deutete sich, für alle sichtbar, auch eine heftige Liaison zwischen Dorothea und ihm an, aber auch ein Jahr könnte bereits hinreichen, um Schleier die Wonnen des Schreibens zu vermitteln. Und wer einmal, so hieß es, diese Wonnen erlebt hatte, wer einmal einen gedruckten Text in Händen hielt, konnte davon künftig nicht mehr lassen. Vielleicht würde sich auch ihr Verhältnis zu Schleier ändern, vielleicht käme er jetzt oft zum Tee, um sich von den Höhenflügen mit Schlegel zu erholen, vielleicht gelänge ihnen jetzt ein noch vertrauterer Umgang als bisher.
Schlegel und Schleier lagen sich in den Armen.
Das galt als Mietkontrakt.
Die anderen applaudierten. Dorothea schüttelte etwas ungläubig den Kopf.
Jette rieb noch immer ihren Ehering blank.
Sie hatte nichts falsch gemacht.
Diesmal hatte sie nichts falsch gemacht.

5
Seine Demut. Seine Geduldigkeit. Seine Leidensfähigkeit. Als Jette so auf ihn hinabsah – sie vermied es, so gut es ging, indem sie stets einen Sitzplatz suchte, wenn sie nebeneinander standen -, schienen ihr diese Eigenschaften, die sie bisher weiß Gott an niemandem geschätzt hatte, seine Stärke auszumachen, denn seine Demut verhinderte, dass er, wie es manchmal an Friedrich auffällig war, gleichsam auf Stelzen durch die Literatur schritt; seine Geduldigkeit verhinderte, dass eine fiebrige Rastlosigkeit die Reife verdarb; seine Leidensfähigkeit verhinderte, dass er, unter starken Druck gesetzt, von seinen Plänen abließ, sondern sie umso beharrlicher verfolgte. Und schlossen sich nicht diese Demut, Geduldigkeit und Leidensfähigkeit zu einem ganz eigentümlichen Charme zusammen? Und übertraf dieser Charme nicht den Reiz – wer wollte ihn verschweigen -, den die Selbstverliebtheit, Fiebrigkeit und Durchsetzungsstärke von Friedrich verströmten?
Jette empfand diesen Charme an manchen Tagen wie einen Saum, der ihre Gegenwart einfasste. Friedrich stachelte ihre Reizbarkeit an, das ja, aber erst in der Gegenwart von Schleier wurde diese Reizbarkeit zu einer Bereitschaft, die Welt in sich aufzunehmen. Und wo Friedrich mit kindischer Eifersüchtelei über einen guten Einfall wachte, schenkte Schleier seine Einfälle her, als wären sie ihm nur geborgt worden. Und wo Friedrich als Priester dem Freundschaftsbund vorstehen wollte, pflegte Schleier einen niederen Kult, war allen gleich Freund und fühlte sich – nun gut, das verstand sich wohl von selbst – nur zu ihr ein wenig stärker hingezogen.
Die Gespräche mit ihrem Schleier erlebte sie als eine Gnade, erlaubten sie doch vorsichtige Blicke in das Allerheiligste der Wissenschaft. Dann spannte sich ihre Haut vor Aufregung, es überfielen sie, wie nach dem Schauder des Fiebers, ein Wechsel und Schweiß und ungewohnte Hitze, und sie fühlte sich jedes Mal, nachdem sie vorsichtig in ihre alte Welt zurückgeglitten war, verwandelt. Durch ihn gewann sie an Selbstbewusstsein, gewann an Ausdehnung, fühlte, wie sich alle geistigen Keime entwickelten, wie die Berührung mit der ganzen Welt gelang. Und gewann im Gegenzug nicht Schleier durch sie an Einheit und klärte sich nicht endlich sein Charakter? Korrigierte sie nicht behutsam manche kleine Unvollkommenheit? Sorgte sie nicht für eine harmonische Ausbildung seiner Anlagen? Aber ja. Saßen sie in größerer Runde beisammen, dann genoss sie unbeschwert seine Erscheinung. Alle Regenbogenfarben seines Gemüts.
Seit Stunden beratschlagten sie jetzt. Sie wollten eine Zeitschrift gründen, verlangten nach einem Sprachrohr, um sich Gehör zu verschaffen. Sie wussten nur um das«dass», stellten Bedenken über finanzielle Risiken zurück – viele Zeitschriften stritten um die Aufmerksamkeit der Leser, Raubdrucke ruinierten häufig jeden kraftvollen Beginn, die Leser, auch die begeisterten, blieben zuweilen lange säumig, die Verleger betrieben die Verbreitung oft nur halbherzig; oder die Herausgeber wurden zu eigenmächtig, wie Schlegel durch die kurzzeitige Mitarbeit an Reichardts Zeitschrift Lyceum der schönen Künste hatte erfahren müssen. Und doch! Auch Jette konnte sich diesem«und doch!»Friedrichs nicht entziehen und ließ sich von dessen Enthusiasmus anstecken. Das Kind verlangt nach einem Namen! Als ob es schon auf der Welt wäre.
«Ich spüre diese ungeheure Kraft in mir, die Zeitschrift im Verein mit meinem Bruder mit lauter Fragmenten zu füllen, die von der Anstrengung künden, die allumfassende Universalpoesie in immer neuen Anläufen einzufangen, durchsäuert von der Ironie, die bezeugt, dass wir um die Unmöglichkeit wissen, das Unendliche in einem sehr endlichen Kunstwerk darzustellen, und wie wir doch nicht müde werden, das progressive Spiel voranzutreiben. Darauf zielte unser Plan bereits länger, jetzt aber scheint mir der Zeitpunkt günstig. Zwei Naturen, ein Organ. Ein Organ unserer philosophischen Lehrjahre!»
Jette bewunderte einmal mehr die Courage, mit der Friedrich die Idee für eine Zeitschrift präsentierte und zugleich mögliche Beiträger ausbootete. Vielleicht traute sich Friedrich auch deshalb, weil Schriftsteller wie Tieck, Novalis und Kleist – Schon wieder! Besuchten sie häufig andere Lesegesellschaften? Wurden sie untreu? – in der Runde fehlten.
«Als Name für unsere Zeitschrift denke ich etwa an Schlegeleum
Friedrich hatte sich mit vielen hier in Berlin verknotet, und jetzt wollte er diesen starken Knoten durchhauen und die zarten Familienbande wiederbeleben. Konnte er ernsthaft erwarten, dass alle in Jubelrufe ausbrechen würden?
Alexander, der am wenigsten daran interessiert sein durfte, in der Zeitschrift zu veröffentlichen, deutete bereits durch den Tonfall seiner ersten Worte die Reserve an:«Auch wenn wir uns den Namen im Geist gleich mehrfach vorsagen, so gewinnt er nicht an Eingängigkeit. Die Endung deutet zwar die Vorliebe für die Antike an, aber der Name will dazu nicht recht passen. Und mir ist leider entfallen – und es wird, so fürchte ich, anderen nicht besser ergehen – was ‹Hühnerschlegel› auf Griechisch bedeutet. »
Es war ein befreiendes Lachen, das Alexanders Worte auslösten. Wer wie Friedrich auf den Klang der Sprache so großen Wert legte, konnte sich nicht ernsthaft dem Einwand entziehen, wenn gesagt wurde, dem Namen mangele es an Eingängigkeit und vor allem an Erhabenheit.
«Wenn ihr gestattet, dass ich als Kabinettssekretär von Herrn Friedrich Schlegel einen Vorschlag unterbreiten darf.»Alle lachten erneut. Und auch in dieses Lachen mischte sich keine Beschämung oder ein Unbehagen. Alle wussten es. Schleier akzeptierte ganz willig seine Rolle. Und alle wussten um seinen langen Atem.«Mir scheint der Name Parzen angemessen, weil doch in dieser Zeitschrift der literarische Lebensfaden von Autoren, die nicht auf der Höhe der Zeit sind, abgeschnitten wird.»
Jette missfiel der Name beim ersten Hören. Er klang zu hart, zu unversöhnlich. Mit diesem Namen verband niemand eine positive Empfindung. Nun gut. Vielleicht war es unumgänglich, in einer Zeitschrift, die sich gegen andere Zeitschriften behaupten wollte, Fragmente einzurücken, die Autoren anderer Zeitschriften als veraltet brandmarkte. Aber musste man diese hässliche Notwendigkeit zum stolzen Namen erheben?
Jette blickte zu Schleier. Er ergänzte noch etwas, wohl um das Schweigen zu übertönen, aber sie hörte nicht richtig hin, vernahm nur den Klang, eine Beteuerung, wie bei Kindern, die längst wissen, dass ihnen kein Gehör mehr geschenkt wird.