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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Für Gottfried Adam und Walter Dietz

Ich bin genau so wie das Lüneburger Schwein.
Mein Denken ist eine Leidenschaft. Ich kann
vortrefflich für andre Trüffeln aufwühlen,
selbst habe ich an ihnen keine Freude. Ich
nehme die Probleme auf meine Nase; aber ich
vermag mit ihnen nicht mehr zu tun, als sie
nach rückwärts über meinen Kopf zu werfen.
SÖREN AABYE KIERKEGAARD

PROLOG
Der Club der falschen Propheten
«Mein lieber Sören, lassen Sie uns bei diesem weichen Wetter einen Spaziergang an den Strand unternehmen. Er erinnert mich aufs Angenehmste an die Sommerfrische auf der Kurischen Nehrung. Wir hatten in Nidden, ich weiß nicht, ob Sie es von hier oben verfolgt haben, ein sehr kommodes Ferienhaus. Vielleicht verflüchtet sich bei unserem kleinen Wandel auch mein leichtes Sodbrennen, denn ich habe gestern sehr unbedacht meinen Nachmittag damit vertan, allerlei Beeren und Trauben zu essen. Meine leichte Luftröhrenaffektion meldet sich zudem zurück. Und heute Abend erwartet mich der Heidenlärm eines Mozart-Konzertes. Der Maestro persönlich spielt auf seinem albern-mattweißen Flügel. Dieses genialisch-neckische Spiel! Wie er seine Leidenschaften ausstellt! Erschreckend!
Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten? Irdische Importware aus Bremen, Maria Mancini, meine kleine Favoritin, natürlich handgedreht, mausgraues Deckblatt, mit einem kräftigen blauen Leibring. Die Zigarre entfaltet eine gepflegte Blume, würzig, aber sehr fügsam auf der Zunge, nur gelegentlich gegen Ende etwas launisch. Ein kleiner Tipp, streifen Sie sie allenfalls zweimal ab, sie liebt es, wenn man sie wenig ascht. Bitte sehr.
Unsere Promenaden, die wir manches liebe Mal unternommen haben, sind mir sehr teuer geworden. Ich fühle mich hinterher aufgeräumt und von großem Tatendrang erfüllt. Sie, mein lieber Sören, sind so ganz anders als die himmlische, leider milde-überalterte Durchschnittsware, in deren Begleitung ich mich häufig durch den Tag quäle und gähne: Diese jugendlich-weiche Glätte Ihrer Wangen, Ihre melancholischverschatteten und doch Ironie signalisierenden Augen, das lebendige Muskelspiel Ihres gepflegt-verwöhnten Mundes, die gleichmäßig-maßvolle Nase, diese kühne und so kraftvolle Haartolle, die Ihre empfindlichen Schläfen betont und einen Blick freigibt auf Stellen, wo man die zartrosa Kopfhaut glaubt durchschimmern zu sehen und wo das Geistige so aufregend pocht! Dazu Ihre gewählte Toilette: die spiegelnden Lackstiefel, die raffiniert-einfache Frackhose, die perlmutterglänzenden Pailletten Ihres Hemdes, durch Ihren gemessenfedernden Schritt zum Tanzen verführt und choreographiert vom üppigen Gestenspiel Ihrer schmalen Hände – Sie spüren, wie Sie mich begeistern und eine irdisch-bezaubernde Sehnsucht in mir wecken! Sie sind nicht nur ein Aristokrat des Geistes, sondern auch der ungekrönte König der Mode. Sie sollten mehr Menschen mit Ihrer febrilen Geistesgegenwart beglücken! Sie leben so unnatürlich zurückgezogen! Man kann Ihnen kaum habhaft werden, dabei sind sie eine stolze Zierde für unseren Club! Weil ich nicht so eifersüchtig bin, Sie ganz für mich allein besitzen zu wollen, möchte ich Ihnen den Vorschlag unterbreiten, sich in den Vorstand wählen zu lassen, um den demnächst turnusmäßig frei werdenden Posten des Kassenwartes zu bekleiden.»
«Ach, verehrter Herr Thomas! Sie sind in Ihrer Aufmerksamkeit nahezu unerschöpflich, überaus zuvorkommend, machen mir immer alles so angenehm wie möglich, verwöhnen mich mit köstlichem Räucherwerk, überhäufen mich mit recht artigen Komplimenten, es ist wohltuend und erheiternd, und ich bin versucht einzustimmen. Sie vernehmen auf meinem Gesicht eine flüchtige Röte, aber mich quält die Vorstellung, über Stunden in einem geschlossenen, schlecht gelüfteten Raum zu debattieren über Gegenstände, die ich am liebsten mit einem Bäh! quittieren würde. Das muss sorgfältig bedacht werden. Zudem bin ich uneins mit mir selbst, ob ich zu Recht vom Junior Ihrem Club zugeteilt worden bin. Der Junior belustigt sich gerne über das, was uns auf Erden oft das Heiligste war. Es entbehrt nicht feiner Ironie, wenn Der Junior alle Buchmenschen, die länger gelebt haben, als sie ein wenig hochmütig glaubten vorhersagen zu können, als irdische Longseller oder Backlist verspottet und dazu verdammt hat, Mitglied im Club der falschen Propheten zu werden. Die sattsam bekannten Gerüchte über meine Biographie erwecken zwar den flüchtigen Anschein, als gehörte auch ich in der Tat jener Spezies an, die den Zeitpunkt ihres vorlaut verkündigten eigenen Todes sehr deutlich überlebt hat, aber vielleicht hat Der Junior in meinem Lebensbuch nur oberflächlich gelesen …»
«Je, den Düwel ook! Sie machen mich neugierig, mein Freund. Lassen Sie uns diese Dünung hinaufsteigen, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe bereitet. Von diesem mürben Sandgletscher aus haben wir einen herrlichen Ausblick!»
«Gern. Fürs Erste möchte ich bekennen, dass ich zunächst mit einigem Erstaunen meinen Vater überlebte, mein Vater, der, auch nachdem wir uns etwas läppisch überworfen hatten, stets die Reling meiner stürmischen Jugend war – wir hielten auch später Beziehungen miteinander, lebten aber nicht mehr unter einem Dach. Aber noch größer war meine Verwirrung, als ich den vierunddreißigsten Geburtstag feiern musste, obwohl ich stets davon ausgegangen war – und es leider öffentlich kundgetan habe -, dieses Datum nicht zu erleben. Wahrhaftig, ich hätte meine Seele verwetten mögen, so sicher war ich mir, mit spätestens dreiunddreißig wie unser Heiland aus dem Leben abgerufen zu werden. Ja, ja, wir beide, teurer Herr Thomas, sind Überlebenskünstler, weil, das ist bekannt, das von Ihnen verkündete Ende mit immerhin stolzen siebzig Jahren ebenfalls verstrich und vertagt werden musste. Erst jüngst wurde dieses Gerücht wieder in der irdischen Presse lanciert.»
«Mein lieber Sören, ungern unterbreche ich Sie, aber ich darf doch mit einigem Nachdruck erinnern, dass ich mit siebzig sehr ernstlich an der Lunge erkrankte, und beinahe wäre mein Operationshemd mein Totenhemd geworden, wenn nicht professorale Kunst in der neuen Welt ein Wunder vollbracht hätte! Wenn ich recht unterrichtet bin, plagte Sie mit dreiunddreißig nicht einmal ein Katarrh.»
«Pardon, mein Herr! Ich war seit Geburt von zartester Konstitution!»
«Aber natürlich! Aber natürlich! Das ist doch bekannt. Ich wollte Sie nicht kränken. Entschuldigen Sie. Wir verstehen uns! Perfekt! Erledigt! Ein warmer Seewind kommt auf. Wir sollten das Schuhwerk ablegen, um den intimen Kontakt mit den Elementen zu genießen.»
«Der eigentliche Genuss liegt in der Vorstellung, verehrter Herr Thomas, aber ich will gerne mich bequemen und mich von meinen Stiefeln erleichtern. Wenn Sie mich vielleicht etwas abstützen würden?»
«Darin bin ich geübt!»
«Danke ergebenst. Ich möchte, wenn es erlaubt ist, noch einmal auf den soeben reflektierten Gegenstand zurücklenken. Meine erste Todeserwartung war die Folge einer weichen und verdorbenen Psychologie. Meine zweite Prophetie habe ich dann, so darf ich doch mit einigem Stolz bekennen, auf den Tag genau eingehalten.»
«Sie spannen mich richtig auf die Folter, lieber Sören. Ihre Biographie ist eine nie versiegende Quelle süßester Verwirrung. Geben Sie mir die Hand, dann geht der beschwerliche Anstieg etwas leichter. Ich möchte alle Termine verwünschen, um heute in Ihrer Nähe zu bleiben.»
«Ach, auch ich habe meine Händel.»
«Wie aufregend! Gestehen Sie!»
«Unter dem Pseudonym Victor Emeritus veröffentliche ich wöchentlich fromme Satiren. Ich lese dem deutschen Volk – Dänemark schien mir auf die Dauer doch etwas zu übersichtlich – die Leviten am Tag des Herrn, übrigens in einer Sprache, die auch die Halbgebildeten unter den Verächtern wohl oder übel verstehen.»
«Reizend. Ganz reizend. Wie fühle ich mich geehrt, dass Sie ausgerechnet mir das Geheimnis preisgeben. Übrigens: Auch Martin glaubte, Sie als Autor erkannt zu haben, obwohl Ihre Sprache in diesen schmalen Texten betont dem Zeitgeist entspricht, aber selbstredend doch geübt satirisch daherkommt.»
«Sie sagten: Martin? Den etwas barocken …»
«Nein, nein. Ich meinte nicht den Wittenberger, bei Gott, dieses genitale Kraftgenie ist mir verdächtig. Heute kann ich es mir gar nicht mehr erklären, warum ich lebenslang mich mit einem Plan trug, eine Novelle über Luther zu schreiben! Nein, ich sprach darüber mit dem gebürtigen Schwarzwälder Martin Heidegger, nicht urban, aber von gutem Wuchs und mit einem gottgleichen Schalk im Blick. Er ist hier oben bei der Führung sehr beliebt, weil er vor dem irdischen Ende altersstarrsinnig wiederholte: Nur ein Gott kann uns noch retten!»
«Ich will Heidegger weder schmähen noch preisen, aber ich bin auf ihn nicht gut zu sprechen, verehrter Herr Thomas, kennt er sich doch zeilengenau in meinen Werken aus, ohne sich jemals öffentlich zu mir bekannt zu haben.»
«Sie haben ja so Recht, lieber Sören. Öffentliche Bekenntnisse, wenn sie nicht gefallsüchtig und schmeichelnd-katzbuckelnd Gott persönlich betrafen, waren seine Sache, wie wir wissen, leider nicht.»
«Das ist gewisslich wahr. Darf ich gestehen – ich getraue mich kaum -, dass ich mir erlaube, nun endlich eine Romanbiographie erscheinen zu lassen, die einige törichte Fehler, die über meinen Lebenslauf kursieren, berichtigt?»
«Sie haben aber doch nicht etwa einen groben Missgriff getan und aus Gewohnheit ein latinisiertes Pseudonym gewählt? Latein ist völlig aus der Mode!»
«Aber nein! Wo denken Sie hin! Ich entschied mich für ein holländisches Pseudonym. Holländer sind beim großen Publikum ganz unverdächtig. Holländer üben sich meistens in der Kunst des Eisschnelllaufs und des Balltretens. Sehr elegant, dieses Volk, sehr elegant!»
«Köstlich, köstlich, mein lieber Sören. Sie sollten noch einen Belgier, einen Franzosen, einen Spanier und einen Engländer in Ihr Buchprojekt einschmuggeln, um die Kultivierung der ehemaligen Kolonialmächte voranzutreiben. Das rechnet sich in jeder Hinsicht. Ich habe übrigens jüngst mein Leben verfilmen lassen. Das mit langem Fleiß produzierte Kunstwerk wurde mit sehr honorigen Einschaltquoten belohnt. Von meinem Double war ich äußerst angetan, ein heiter-tiefsinniges Spiel, allenfalls das Klacken der Teilprothese empfand ich als störend. Lassen Sie uns hier Platz nehmen und von der Düne aus aufs Meer hinausschauen. Manchmal sieht man den Heiligen Geist dort schweben – gleichermaßen faszinierend wie erschreckend. Wenn er bei Laune ist, zeigt er sogar einige seiner aparten Kunststückchen.»
«Hoffentlich keinen Salto mortale. Gerne wäre ich Zeuge seiner Darbietungen. Pardon, ich möchte mir mit einer Socke den leidig störenden Sand zwischen den Zehen entfernen, wenn es erlaubt ist!»
«Mit welcher Grazie Sie es tun! Man traut sich nicht zu fragen, ob man assistieren darf.»
«Aber vielleicht, lieber Thomas, wollen Sie mir beistehen in der aufreibenden Arbeit am Roman, der bald in Druck gehen soll? Also, ich empfände es als außerordentliche Höflichkeit Ihrerseits, wenn ich Sie mit einigen Fragen behelligen dürfte.»
«Es wäre mir ein Fest. Es wäre mir ein Fest. Ich liebe bekanntlich Geschichten, die mit historischem Edelrost überzogen sind. Und erfahre ich dann endlich, warum Sie glauben, unrechtmäßiges Mitglied im Club der falschen Propheten zu sein?»
«Es ist so!»

Wanderungen in der Gehirnkammer und rosige Finger
«Er verstand es durchaus, verehrter Thomas, die Zeit auszufüllen, zumal wenn ein Gast erschien, mein Vater, der sich früh von allen Geschäften aus der Strumpf- und Kolonialwarenbranche zurückgezogen hatte. Dann kam eine frische Lebendigkeit in seine Züge, dann kehrte der Witz zurück, die Zunge erinnerte sich der Bildung, hören Sie …»
 
… die Zunge erinnerte sich der Bildung, man sah ihm an, wie er die Gedanken formte, erwog und abschmeckte, bedächtig, ohne Hetze; erst dann wurden sie mit Liebe aufgetragen, so wie ein Koch seine Gerichte zubereitet und zunächst sein eigener strenger Richter ist, der auf einen anderen Richter trifft, den Gast, dessen Mienenspiel ein erstes Urteil fällt, manchmal Begeisterung, manchmal Reserve, selten Ablehnung signalisiert, und Sören verhielt sich still in einer Ecke des Zimmers, vergaß sein Spielzeug, sah sich satt an den Trüffeln, die sein Vater aus der Gehirnkammer hervorholte und seinem Gast vorsetzte.
Diese Gehirnkammer schien nie leer zu werden, spendete auch überreichen Trost, wenn sein Vater ihm untersagte auszugehen, entschieden Tändeleien und Ablenkungen unterband. Dann nahm er ihn, um die Stimmung zu retten, an die Hand und ging mit ihm auf der Diele spazieren, fragte freundlich, wohin es gehen sollte. Bettelte Sören: zum Lustschloss, dann sagte Michael Pedersen Kierkegaard: Es werde ein Lustschloss!, und es ward ein Lustschloss vor Augen gemalt, bevor sie die Diele halb durchschritten hatten. Sören erkannte das gusseiserne Tor mit dem fein ziselierten Wappen. Sie gingen über den knirschenden Kies. Sören stellte sich auf die Zehenspitzen und riskierte einen verstohlenen Blick auf den festlich gedeckten Tisch, zählte die Kronleuchter, entdeckte einen Sprung in einem Weinglas, rügte kopfschüttelnd die schlampige Dienerschaft, fragte nach der Bedeutung des abgetrennten Kopfes auf dem mächtigen Wandgemälde. Sie umkreisten mehrmals das geheimnisvolle Schloss mit den vielen Fenstern und Türen. Sören grub mit den Händen einen vermutlich von einem Hund ausgebuddelten Rosenstock wieder ein und grüßte am Tor freundlich einen Mann, den sie für den Gärtner hielten. Auf dem Rückweg wäre der vor Aufregung tänzelnde Sören beinahe unter eine Kutsche geraten; das Rattern der Räder war so laut, dass er den warnenden Ruf seines Vaters überhörte und nur knapp einem Unglück entging. Um den Schrecken zu lindern, durfte er bei der Kuchenfrau, die in der Nähe des Hafens ihren Stand betrieb, kandierte Früchte kaufen, die ihm so gut schmeckten, dass er beim Mittagessen keinen Hunger verspürte. Nach einer halben Stunde war Sören von den phantastischen Abenteuern, die er erlebt hatte, ohne einen Schritt vor die Tür gemacht zu haben, so erschöpft, dass er sich für den Rest des Tages erholen musste.«Nächstens gehen wir zum Strandweg», sagte Sören, wie um seinen Vater zu trösten.
Oft aber saß sein Vater zusammengekauert am Fenster und starrte stundenlang nach draußen. Sören erkannte zwar die an den Schläfen ergrauten Haare, die, sorgfältig gekämmt, die Geheimratsecken verdeckten, die großen, mächtig hervortretenden Augen, die dem Gesicht ein leichtes Staunen auferlegten, den dünnlippigen Mund, der Sören auf den Spaziergängen verzaubern konnte, aber alle Energie war aus dem Gesicht gewichen; die Augen wirkten müde, die Wangen waren eingefallen, die Blässe und Schlaffheit des Gesichts zog alle Kraft aus dem Raum. Nur gelegentlich rollte sein Vater mit dem Kopf, als könne er sich nicht entschließen, auf seine eigenen forschenden Fragen mit einem Ja oder einem Nein zu antworten.
Sein Vater hatte sich zurückgezogen, ging in seinem Innern durch die Räume, erprobte die Fundamente und die Substanz, klopfte, horchte, bohrte, lüftete das Dachgeschoss, prüfte Herz und Nieren, tastete die Milz ab, das kleine, von Alkohol nahezu unbeschwerte Pankreas, stieg ab in die Kanalisation, kletterte wieder zurück, warf einen verstohlenen Blick in sein Lustschlösschen, machte kehrt, kam noch einmal zurück, trat über die Schwelle, schlenderte durch den Spiegelsaal, hielt sein Antlitz bedeckt. Angst schwoll an, er hastete durch die Räume, sperrte ab, sprang über den Graben, Wasser spritzte auf, er spielte mit dem Schlüssel, schüttelte den Kopf, wollte ihn in den Burggraben schleudern, holte weit aus, aber seine Faust verkrampfte, hielt den Schlüssel fest umschlossen, gab ihn nicht frei, ein Krampf, der ein Beben auslöste, wie Sören feststellte, weil der Kopf seines Vaters jetzt leicht zitterte und die Zähne knirschten. Sprach Sören ihn dann leise an, dann bewegte sein Vater wie unter großer Anstrengung den Kopf, seufzte und nickte.
Der Vater.
Sören hing an seiner Mimik, studierte den Kanon der kleinen und kleinsten Regungen: Wie er bei einem Gespräch vornehm nickte; wie er den Kopf zweifelnd wiegte (mit geringen Neigungsgraden, die nur Sören messen konnte); wie er die linke Augenbraue leicht anhob, um Erstaunen zu signalisieren (heimlich übte Sören, bis er den Muskel entdeckte, der die Augenbraue, ausschließlich die linke Augenbraue, in Bewegung setzte); wie plötzlich eine Falte, die Missfallen bedeutete, zwischen den Augenbrauen auftauchte (als Sören einmal ein Salzfass umwarf, erschien diese energische Furche wie ein Ausrufezeichen auf der Stirn, dann fiel der dunkle Satz: Du bist ein verlorener Sohn); wie – endlich – das Grübchen auf der Wange Wohlwollen bedeutete – ja, Sören kannte die Sehnen und Muskeln in diesem Gesicht, ihre Anzahl und Lage, er war ein Meisteranatom. Obwohl er noch nie einen Fuß in eine Schule gesetzt hatte, las er in diesem Gesicht wie in einem offenen Buch. Er rannte bereits zur großen Truhe, wenn seines Vaters Gesicht verriet, er finde jetzt die Muße, mit ihm in einer Fibel zu blättern, die sie an einer Krambude erstanden hatten, diese Fibel, die er, obwohl abgegriffen und abgestoßen, über alles liebte: die Fibel der Helden.
Sören saß auf dem Schoß seines Vaters und betrachtete sein Lieblingsbild. Auf einem starken Schimmel, dessen Muskeln bereits angespannt waren, um loszustürmen, thronte ein Mann; das Gesicht war reine Entschlossenheit, konzentrierter Wille, die Augen hatten das Ziel fest im Blick, der Arm, diese energische Verlängerung des Willens, deutete für die Umstehenden die Richtung an und war gleichermaßen Befehl: vorwärts, dorthin, und man glaubte die jubelnde Masse der Soldaten zu hören, die Kaiser Napoleon die Treue schworen. Und dann erzählte der Vater Anekdoten über diesen großen Franzosen. Er sagte immer: der große Franzose, und Sören fragte, was Arm, was Pferd, was Nase auf Französisch heiße – und konnte sich nicht satt sehen an der Kraft dieses Gesichts.
Noch bevor der Vater umblätterte, wusste Sören, welcher Held jetzt seinen Auftritt feierte: in grüner Jägertracht, in der Rechten die Armbrust, der Blick eine Mischung aus Tatkraft und Sorge, Fiebern und Zittern, entschlossen, den Schuss auf den Apfel zu wagen, und bekümmert um die Unversehrtheit des eigenen Sohnes, an dem er Wohlgefallen hatte. Wilhelm Tell, der große Schweizer, sagte sein Vater, und erzählte vom bösen Landvogt, vom Freiheitskampf Tells, und Sören spazierte an der Hand seines Vaters über die Alpen, stand in der zugigen hohlen Gasse und hätte vor Aufregung beinahe Tell verraten.
Auf der nächsten Seite tauchte dann plötzlich dieses ganz andere Bildnis auf, das nicht in die Reihe dieser Helden passte, eine kleine, von seinem Vater begangene Mogelei. Es zeigte einen misshandelten Mann, dessen Hände und Füße auf einem Kreuzbalken festgenagelt waren, das dornengekrönte Haupt erschöpft und von Schmerzen entstellt. Der Vater nannte das Kreuz ein Schandholz, weil rohe Verbrecher die Todesstrafe auf dieser kleinen Anhöhe, Schädelstätte genannt, den Menschen zur Warnung öffentlich erleiden mussten. Sören deutete auf die Buchstaben oberhalb des Kreuzes, und sein Vater buchstabierte INRI, Iesus Nazarenus Rex Iudaorum, Jesus aus Nazareth, König der Juden. Sören wiederholte die Wörter, neigte dabei etwas den Kopf und lernte so die ersten lateinischen Begriffe. In seinen Augen las der Vater ein: Warum?, und erklärte ihm, dies sei ein Spottvers gewesen, weil die Menschen nicht begreifen wollten, dass der Heiland der Welt nicht als Held erscheine, sondern in Knechtsgestalt. Und wieder fragten die Augen: Worin bestand dann aber sein Verbrechen?
«Er war der an Liebe reichste Mensch der Welt, aber die Welt konnte diese Liebe nicht ertragen», antwortete sein Vater, schlug das Buch zu, streichelte ihm über den Kopf, nahm ihn von seinem Schoß, stand auf und verließ das Zimmer.
Und Sören bewegte alle diese Worte in seinem Herzen.
 
Der Panzer der Schwermut zersprang manchmal, wenn man abends bei Tische saß; dann wurde seinem Vater leichter ums Herz, die Nerven entspannten sich, sein hell lodernder Geist züngelte nach allen Seiten, nur Schlacke blieb zurück. Seine Frau trug dann Schüsseln auf. Rohes und Gekochtes. Seine Frau. Er durfte sie nicht anschauen, wollte er seine geistigen Auftriebskräfte nicht erneut mit Blei beschweren. Wenn er sie sah, dann hörte er das Geräusch, mit dem die Schnüre des Mieders rissen, auf dem Rücken Druckstellen wie Peitschenstriemen und dunkelrote Flecken wie Ventile einer Posaune. Sie schwieg meist, glühte allenfalls, wenn sich ihre Söhne und Töchter lebhaft am Gespräch beteiligten, vor Stolz, vielleicht vor Bewunderung, so wie man einen Kronschatz bewundert und sich nicht vorstellen kann, woher der Reichtum rührt. Ihr Mann streifte sie höchstens mit einem Blick, nickte stumm als Dank für die Gerichte, musterte gelassen seine Kinder und verteilte gelegentlich Kopfnoten: Peter Christian bekam in Verhalten und Fleiß ein: vorzüglich, Ordnung: genügend; Sören Michael war etwas ungestüm und unbedacht, also im Verhalten eine milde Rüge; Nicoline Christine, Ordnung, Fleiß und Betragen: höchstes Lob; Maren Kirstine, Niels Andreas und Petrea Severine ernteten jeweils eine lobende Erwähnung; Sören Aabye, sein Jüngster, erhielt in Betragen: vorlaut.
Jetzt wieder: Wie die Augen nicht satt wurden, wie Sören mit der Gabel den Teller voll schaufelte, wie der Vater sagen musste:«Sören Aabye, nun ist es genug. Der Teller quillt über. Lege die Gabel zur Seite!»
Sören stutzte kurz. Er schaute seinen Vater an, die Augen funkelten:«Ich kann die Gabel nicht beiseite legen, denn ich bin eine Gabel, und ich werde Euch und die ganze Welt stechen. »
Nicoline Christine applaudierte als Erste, lachte lauthals:«Sören ist eine Gabel, eine Gabel. Er wird uns alle aufspießen. »
Sören schwenkte die Gabel wie einen Degen. Dann lachten alle, auch sein Vater. Fleiß: vortrefflich. Ordnung: vortrefflich. Betragen: vorlaut. Man scherzte den ganzen Abend.«Gabel darf mit den anderen im Hof noch Kreisel treiben», erlaubte sein Vater.
Als die Kinder lärmend mit den Kreiseln und den Peitschen nach draußen stürmten, verdüsterte sich der Blick von Michael Pedersen Kierkegaard erneut, denn er musste an die Striemen auf dem Rücken seiner Frau denken, an die Druckstellen auf dem herrlich weichen Fleisch, diese verschwenderische Masse, die, vom Panzer befreit, überzuquellen schien, ein verbotenes Geschenk, das immer größer wurde, das ihn zu begraben drohte bei lebendigem Leib, wenn er nicht mit der Gabel hineinstach und sich an diesem Manna satt aß.
Aber auch das Volk Gottes hatte sich einst am Manna verekelt. Und er hatte das Manna geraubt.
 
 
Das Gesicht war geschwollen. Erst hatte der dänische Regen die Farbe verschluckt, dann sein Vater den Regen. Dessen Körper glich einer Zisterne, die Augen wie Dachtraufen, die die Fluten kanalisierten und immer wieder überliefen, eine Windböe schien sich in den Haaren verfangen zu haben; der Sturm nahm ihm den Atem, ein Schnappen nach Luft, ein wundes Krächzen, braune Schatten umlagerten die Augen, in schmerzhafter Anstrengung hielt er die Hände gefaltet, wollte die Macht behalten über seinen Körper, wollte ihn zensieren, wollte die Kontrolle nicht abgeben, vertraute sich dem Trost alter weiser Sätze an, aber die Linderung schien aus den Wörtern ausgewaschen. Er sammelte noch einmal alle Kraft, kratzte die letzte Reserve zusammen; seine Lippen formten sich zu einem Kuss, als wolle er die Posaune des Jüngsten Gerichts blasen, aber die Lippen, blau vor Anstrengung, fingen an zu beben. Sören glaubte das Wasser in der Zisterne schwappen zu hören, denn sein Vater hob die Arme, legte sie übereinander, deutete ein Schaukeln an, als wolle er das Kind wiegen, das Gewicht seiner Schuld, dieses Kind, sein Sohn Sören Michael, das im Nebenraum lag, einem Unfall zum Opfer gefallen, mit einem dunklen Anzug bekleidet, geputzt zur Hochzeit, blass vor Aufregung, aber die Spielmänner, die die Braut begleiteten, dengelten mit ihren Sensen.
Und er, Michael Pedersen Kierkegaard, der angesehene Kopenhagener Kaufmann, weit gereist in jungen Jahren, jetzt Privatier, Besitzer von sechs imposanten Gebäuden, belesen und gebildet, ein Genie des Gesprächs, hielt sich die Ohren zu und schrie innerlich: Hätte ich doch die Sense gegen mich gerichtet, damals, nach dem Tode meiner Frau; warum bin ausgerechnet ich den plumpen Reizen meiner Magd erlegen, habe sie, als sie mit den Augen winkte, mit tierischer Lust hart angefasst, an ihrem warmen Hintern mich gerieben und die Trauer meiner Frau geschändet. Rissig ist mein Geist, er tröpfelt nach, ich wollte, ich hätte Stacheldraht gespannt, um mich und andere zu schützen; ein schlechter Hirte bin ich, ich bin mein eigener Wolf, verflucht ist meine Brut, ich zeuge, um zu begraben, das Sterben meiner Kinder ist der Sünde Sold. Ich, ich, ich vererbe die Sünde ins nächste Glied und muss mich selbst dafür hassen. Der da vor mir hockt, das ist mein Sohn, mein Spiegelbild, und in diesem Spiegel kann ich mich erkennen. Er ist geschlagen mit der gleichen Schwermut, so zart und jung, noch ahnt er nur, was ich ihm eingepflanzt. Auch er wird mich nicht überleben. Ich werde alle meine Kinder zu Grabe tragen müssen. Spätestens im Todesjahr des Herrn, der für unsere Sünden starb, wird auch er von mir gehen; ein Lebenswechsel auf höchstens dreiunddreißig Jahre kann ich zeichnen; ich bin ein schlechter Haushalter, ein verruchter Bankrotteur, um mich herum regiert der Tod und ich, ich bringe ihm jährlich neue Nahrung. Auf ewig verflucht sei der Tag meiner Geburt!
Sören hockte versunken in stiller Verzweiflung, deshalb merkte er nicht, dass jemand zu ihm getreten war und mit beiden Händen seine Wangen streichelte. Ein Mann wie eine Säule – stark, gerade, unbeugsam, ein ebenmäßiges, fein poliertes Haupt, das diesen Körper krönte, Gesten von ausgesuchter Harmonie. Die Realität des Lebens, Tod und Schmerz und die Dunkelheit in den Leidenschaften hatten in dieser edlen und erhabenen Gestalt keinen Platz. Sören deutete eine Verbeugung an und blickte zu seinem Vater auf, der sich streckte und unmerklich schüttelte. Sein Vater strich die Haare glatt, stolperte unsicher ein paar Schritte, als müsse er bei geändertem Körpervolumen das Gehen neu erlernen, fing sich, brachte die Kleider in Ordnung, achtete auf seine Atmung, legte die Hände auf den Rücken und folgte Pastor Mynster, der gemessenen Schrittes ins Nebenzimmer ging, wie sein betrunkener oder von Schwindelanfällen heimgesuchter Schatten.
In diesem Augenblick fiel ein schräges Sonnenlicht in die gute Stube.
 
Wenn sein Vater Sören in späteren Jahren zur Schule schickte, fuhr er ihm nicht zärtlich und ein wenig stolz durchs Haar, sondern hob allenfalls die linke Hand -«Meine Rechte ist heute Nacht verdorrt», murmelte er -, eine halbherzige Geste, die von fern an den Segensgruß erinnerte. Er überwachte nie Sörens Aufgaben, kontrollierte nicht die Beugung der lateinischen Verben, erkundigte sich weder nach Lehrern noch Schülern, stellte aber an jenem Morgen, als Sören zum ersten Mal in die Lateinschule aufbrach, fest: Am Ende des Monats bist du die Nummer drei in der Klasse. Und Sören nahm die Tasche mit den neuen Büchern, sog die Energie dieses Satzes in sich auf und rannte hinaus in den Regen, vorbei am Rathaus, vorbei am Bankhaus, erreichte die Schule mit dem Glockenläuten. Seit Jahren erreichte er stets mit dem Glockenläuten die Schule.
Der Klassenraum war eng. Äste der Kastanie zwängten sich ins Zimmer, wenn man die Fenster öffnete. Es roch nach nassen Wollsachen. Befeuerte der Schuldiener den Ofen, begann der Holzfußboden zu knacken, als würden die Holzwürmer aus dem Winterschlaf aufgeschreckt. Auf dem Pult lag sein Lateinbuch, die Seiten gewellt, als habe Sören die weite Kühnheit des Meeres ins Schulhaus gerettet, um leichter übersetzen zu können nach Rom oder Athen. Fuhr er mit dem Finger die Wellen nach, dann nahm seine Phantasie den schaukelnden Rhythmus auf und begab sich auf große Fahrt, bis Professor Jörgensen vor ihm stand: Er sah den leicht abgewetzten Gehrock; sah die gestärkten Manschetten; identifizierte die schwieligen Finger, die grauen Koteletten, das gutmütige Lächeln unter der mächtigen Nase, die Augenbrauen wie Baldachine, die die tranigen Augen verschatteten. Kein Zweifel möglich. Es war in der Tat Professor Jörgensen, Lehrer für Latein.
«Ist Er wieder vorausgereist an den Tiber? Und versteht Er auch, was Er hört? Nun denn: Sprechen!»
Der Tonfall verriet gute Laune, deshalb stand Sören ohne Angst auf. Das Abhören von Vokabeln erinnerte ihn an die Tage im Bett, wenn der Arzt mit dem Holzzylinder seine Bronchien und Lungen abhorchte und zufrieden nickte.
«Dicere, dico, dixi, dictum.»
«Gehen!»
«Cedere, cedo, cessi, cessum.»
«Laufen!»
«Currere, curro, cucuri, cursum.»
Um Sören herum breitete sich eine Welle der Hoffnung aus, er möge immer weiter abgehört werden.
«Setzen, stellen, legen!»
«Ponere, pono, posui, positum.»
«Führen!»
«Ducere, duco, duxi, ductum.»
«Werfen!»
«Iacere, iacio, ieci, iactum/iectum.»
Die Vokabeln sprangen erleichtert aus dem Mund.
«Brav. Sehr brav. Nun zur lateinischen Additionslehre», sagte Professor Jörgensen und suckelte an seinem Kautabak.«Wir wollen jetzt die Verben mit der Präposition ex verbinden, und euch wird ein Licht aufgehen. Auf einen Schlag werdet ihr erneut in die Welt der Fremdwörter und damit in die Welt eurer Väter eindringen. Auf, Kierkegaard, welches Wort entdeckt Er, wenn Er ein ex zu dicere, dictum hinzufügt?»
Es war sehr still im Klassenzimmer.«Edikt», antwortete Sören leise.
«Exzeptionell», lobte Professor Jörgensen.«Und kennt Er die Stelle?»
«Es ging ein Edikt vom Kaiser Augustus aus, dass alle Welt sollte geschätzt werden …»
«Ausgezeichnet. Cedere, cessum addiert mit ex?»
«Exzess?»
«Ganz erstaunlich. Und wollen wir aus dem Ruder laufen? Das wollen wir nicht. Currere, cursum mit dem Präfix ex?»
«Exkursion!»Sörens Stimme gewann an Sicherheit.
«Jawoll, wir werden nächstens, wenn Helios uns gewogen ist, einen kleinen Ausflug zum Sund unternehmen.»
Niemand grölte, weil niemand auffallen wollte.
«Ponere, positum plus ex.»
«Exposition.»
«Trefflich. Und kennt Er auch ein deutsches Schauspiel Goethens, das eine wackere Exposition bietet?»
«Goethens Egmont
«Exorbitant. Und glaubt Er eines Tages, auch Stücke wie diese zu schreiben?»
Kierkegaard senkte vorsichtig den Kopf, halb als Geste der Scham, halb als Zustimmung zu deuten.
«Nun denn, sage Er mir noch: Ducere, ductum schließlich vermählt mit dem ex?»
«Edukation.»
«Cum laude, Kierkegaard. Ja, ja. Ich will euch bilden und herausführen aus der Dunkelheit der Kinderjahre. Setzen!»
«Sie haben noch iacere vergessen, Herr Professor», meldete sich Christian, ein Bäckersohn, dem nicht ganz aufgegangen war, wann es zu schweigen galt.
Professor Jörgensen, seit dreiundzwanzig Jahren an dieser Lehranstalt beschäftigt, bekam einen hochroten Kopf, stützte sich am Pult ab, atmete schwer. Sören meinte ihm zur Hilfe kommen zu müssen, sagte:«Exacution oder Ejacution? »