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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

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Für Carla Damiano

1. TEIL

1
«Deutsche Wochen?»- Alexander hatte die Einladung spontan absagen wollen: vier Wochen Amerika? Aus allem herausgerissen werden, nicht mehr im Büchergang auf- und abschreiten, nicht im Garten den Frauen zusehen, wie sie sich über das Unkraut bücken; Harke und Hacke sind an die weiße Mauer gelehnt? Die rosa aufdämmernden Tage, die dunkelroten Sonnenuntergänge, die Silhouetten der Bäume vor den gefärbten Wolken – ausgreifend und verzweigt … Einen Acht-Stunden-Flug ertragen über nachtdunklem Meer, eingeklemmt zwischen Rauchern und Tempotuchmenschen, von vorn Gestank in regelmäßigen Anblasungen und von hinten endloses Gerede? Dann:«drüben»von einer Stadt in die andere vagabundieren, beleuchtete Wasserfälle, nachgebaute Einwandererhütten, Bibliotheken, eine wie die andere, schlechte Hotels! – Und Tag für Tag Rede und Antwort stehen müssen für Dinge, die man nicht zu verantworten hat?
«Leugnen Sie auch den Holocaust?»
Vor Leuten, die noch nie etwas von einem gehört haben, geschweige denn gelesen?
«Warum schreiben Sie?»
«Welche Position nimmt der Erzähler in Ihrer Prosa ein?»Nein.
 
Andererseits: vier Wochen Amerika? Die täglichen Unannehmlichkeiten des Arbeitstages hinter sich lassen, der Roman kommt nicht von der Stelle, und die leidige Sache mit der Beleidigungsklage,«Dünnbrettbohrer», weshalb hatte er auch den an sich so liebenswerten Kollegen Mergenthaler aus Aschaffenburg einen Dünnbrettbohrer genannt?
Vier Wochen entrückt zu sein, Gast, immerfort eingeladen zu werden zu Essen und Trinken und zusätzlich pro Lesung noch zweihundertfünfzig Dollar in die Hand gedrückt bekommen? Und: auch sonst alles gratis? Wäre es nicht eine Sünde, ein solches Angebot auszuschlagen? Vier Wochen kreuz und quer den neuen Kontinent bereisen? Auf den Klippen des Pazifischen Ozeans sitzen und sich von Schaum umflocken lassen … Ausgebreitet schweben über Canyons und riesige Flüsse, die Highways hinauf-hinuntergleiten durch Wälder und Wüsten, je nachdem? – Und: würde man die Erwartungen des deutsch-amerikanischen Instituts nicht enttäuschen mit einer Absage? Wer konnte denn wissen, wer sich stark gemacht hatte für ihn:«Ich bin dafür, daß wir endlich mal den Sowtschick hinüberschicken …»
Eine Einladung war ja längst fällig gewesen.
Zum Dank für solch warme Fürsprache dann ein Nein! aus Sassenholz wie eine kalte Dusche?
 
Und: Wann käme man da mal wieder hin: New York, San Francisco, Boston, Denver … – Wo lag eigentlich Denver?
Ganze Kompanien deutscher Schriftsteller waren bereits drüben gewesen, Niels Pötting, Hinze aus Mölln, Kargus aus St. Peter – sogar Ellen Butt-Prömse, eine Verfasserin von Pferde-Lyrik, und Udo Scharrenhejm, dessen Mutter aus Spanien stammte und dessen Vater Isländer war. Leute, die man besser hätte zu Hause lassen sollen, statt sie als Botschafter des Landes nach drüben zu schicken, wo sie dann mit narrativem Kitsch aufwarteten und in politischer Hinsicht sonst was erzählten; aller Welt auf die Nerven gingen, also – irgendwie peinlich.
«Deutsche Wochen», da hatte man doch als ein deutscher Romancier eine Verantwortung zu tragen.
 
Sämtliche Dichter männlichen und weiblichen Geschlechts, die vom deutsch-amerikanischen Institut hinübergeschickt wurden, hatten danach ein Buch über ihre Reise veröffentlicht, die Klippen des Pazifischen Ozeans erwähnt und die Highways hinauf-hinunter, die gelben Taxis von New York und das Elend ethnischer Minderheiten. Auch das böte sich an, die Sache für eine abrundende Publikation auszunutzen. Warum nicht?
 
«Die Menschen da drüben freuen sich auf Sie», stand in dem Brief des Instituts, womit die Null-Komma-null-null-null-Prozent der amerikanischen Bevölkerung gemeint sein mochten, die überhaupt eine Ahnung davon hatten, daß es in Europa auch Schriftsteller gab. Oder einzelne Emigranten und Auswanderer, die ihre alte Heimat ganz anders in Erinnerung hatten, als sie in den neuesten Publikationen aus Frankfurt und München dargestellt wurde.
 
Die Beleidigungsklage – weshalb hatte er sich auch hinreißen lassen, den sensiblen Brockes-Preisträger Fritz-Harry Mergenthaler einen Dünnbrettbohrer zu nennen? Den Gedanken daran würde er mitnehmen müssen hinüber, der war nicht abzuschütteln.
Auch das wehe Gefühl in der Brust, das ihm manches Mal zu schaffen machte, und die gelegentlichen Schwindelanfälle würden ihn begleiten, Anwandlungen, die ihn sogar zwangen, sich an einer Wand festzuhalten?
 
Vielleicht doch lieber nicht aufbrechen«zu fernen Gestaden», das endlose Fliegen, Fahren, Sitzen, Warten … Außerdem: ein Romanmanuskript auf dem Schreibtisch, für das schon Vorschüsse kassiert worden waren.«Karneval über Lethe», der Roman, der wehmütige Abgesang an sein Publikum: Der Wagen rollt aus und kommt rüttelnd zum Stillstand. Es kam nicht recht vom Fleck, das Monstrum … Vielleicht würde eine längere Pause das so überaus empfindliche Gebilde für immer zerstören. Aber vielleicht würde die Pause der Arbeit ja auch zugute kommen. Abstand gewinnen, und nach der Rückkehr mit frischer Kraft und neuen Ideen das Werk vollenden, das leider schon angekündigt worden war in einer literarischen Wochenzeitung, obwohl doch erst ein paar Seiten vorlagen: Nun konnte man nicht mehr zurück.
 
Für eine Amerikareise sprach der Hinweis, der dann später der Vita würde hinzugefügt werden können:«1989 im Rahmen der ‹Deutschen Wochen› eine zweite ausgedehnte Studienreise nach Amerika … Gastdozent an verschiedenen Universitäten …»
Die Einladung hatte unanständig lange auf sich warten lassen, das war nicht zu leugnen.
 
Also annehmen die Einladung, Luft schöpfen und sich in der Neuen Welt umsehen und – warum nicht, hinterher, wie all die andern es taten – Reiseskizzen veröffentlichen, ganz unangestrengt Aufgesammeltes, Gelegenheitsnotizen und Beobachtungen.
«Unruhig in unruhiger Zeit», als Titel gar nicht schlecht.
«Highways – Unruhig in unruhiger Zeit»? Oder«Ruhig in unruhiger Zeit»? – Auf alle Fälle«Highways», das war schon mal festzuhalten.
 
Sowtschick nahm sich den Iro-Weltatlas vor, den von 1968, schlug die Seite sechs auf,«Nordamerika und Kanada», und fuhr mit dem Zeigefinger von einer Stadt zur nächsten, in derselben Reihenfolge, wie er die Stationen dann abfahren würde, eine nach der andern. Stadt, Land, Fluß, Berge. Die Rocky Mountains hinauf-hinunter – Bären an den Rastplätzen -, auf staubender Piste Kaktuswüsten durchrasen und über das breite, symphonische Geschlängel der Riesenflüsse hinwegziehen.
 
Eine Tournee durch fünfundzwanzig Städte: deutsche Kultur verbreiten, wo immer es gewünscht wird: in Washington ein Stehempfang, Lesungen vor deutschen Vereinen. Und im Mittleren Westen im Kreise properer College-Studentinnen Vorträge halten: Auf dem Rasen sitzen sie, die Sportsgeschöpfe, um ihn herum gruppiert, gut genährt und sauber, den Rock weit um sich gebreitet, und er selbst lehnt an einer Zeder, in weißem Anzug, mit weißen Schuhen, über seine Bücher hinwegsinnend, die es ihnen nahezubringen gälte. Ein Bändchen Heine-Gedichte gut sichtbar in der Rocktasche stecken haben für alle Fälle, ein Eckchen hervorzupfen das Dings, damit’s jeder sieht.
Heine kann nie schaden.
Heine oder Tucholsky. Kleist!
 
Den Feuilletons war zu entnehmen, daß in Amerika vorzugsweise Dichter aus Sachsen und Thüringen zu Worte kamen. Wie es schien, wurden in den von Kapitalisten ausgehaltenen Universitäten der Vereinigten Staaten die politisch Verblendeten der linken Szene besonders geschätzt. Von denen ging für die freie Welt ein Faszinosum aus, das ein in die Jahre gekommener Schriftsteller aus dem Landkreis Kreuzthal nicht bieten konnte. Neuerdings grasten die Leute mit dem blauen Paß auch in Bayern und in Westfalen Universitäten und Buchhandlungen ab, und Preise kriegten sie die schwere Menge.
 
Eine Einladung nach Borneo oder Brasilien würde Alexander«vorwändig»abgelehnt haben. Das feuchtheiße Klima war nicht seine Sache. Auch Japan nicht: Straßenschilder nicht lesen können und die Eßgewohnheiten dieser Leute! Im Schneidersitz rohen Fisch zu sich nehmen, der womöglich giftig ist?
Nein, da waren die freundlichen, gastfreien Amerikaner eine ganz andere Sache, verwandte Naturen, mit denen man doch so oder so in einem Boot saß.
Die Amerikaner hatten zwar Bombenteppiche über Barockkirchen abgeladen, dann aber Carepakete geschickt. Sie hatten sich Jahr um Jahr mit der Umerziehung des schuldig gewordenen deutschen Volkes abgemüht, um es in die Völkerfamilie zurückzuführen – nun würde zu demonstrieren sein, was aus dem Kindlein geworden ist.
 
Als Alexander beim wiederholten Lesen des Briefes feststellte, daß auch ein Abstecher nach Kanada geplant war, gab es für ihn kein Halten mehr. Kanada! Mit hüfthohen Stiefeln im Wasser stehen und Lachse angeln.
Er wählte die Nummer des Instituts und sagte:«Okay!»Aus vollem Herzen:«Okay!»Und seine gute Laune verfinsterte sich keinesfalls, als die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung ihn barsch anbellte, sie habe damit nichts zu tun, er möge seine Zusage schriftlich abgeben. Im übrigen könne er sich damit Zeit lassen, viel Zeit.
 
Als er noch im Iro-Weltatlas blätterte, kam ihm eine Erinnerung an die erste Reise nach Amerika. Er stieg nach oben in sein Kabinett, in die«Fluchtburg», wie er das Zimmerchen nannte, und kramte ein Foto hervor. Eine Friedhofsmauer mit einem Mädchen darauf. Das war«Freddy». Sie war zwar nur undeutlich zu erkennen, rief aber doch eine wehe Erinnerung in ihm hervor. In Santa Barbara war er ihr begegnet, vor vielen Jahren.
Um ein verschossenes Farbfoto handelte es sich, mit umgebogenen Ecken. Er klappte seine Brieftasche auf und schob es hinein in die unterste Abteilung: Direkt über seinem Herzen würde es liegen, ein Herzschrittmacher der besonderen Art. Damals hatte er sich noch an keine Wand lehnen müssen, und es hatten ihn keine grauen Tücher angeweht.
Damals hatte er sogar noch einen«Köpper»gewagt! Beim Arbeitsdienst gelernt und danach nie wieder praktiziert, von einem Felsen aus, ins klare Wasser, und Freddy hatte ihn gelobt dafür.
 
Eben zog er noch Schubladen auf, um zu sehen, was vielleicht noch an Anregendem zur Verfügung stand, da hörte er Marianne vorfahren in ihrem flotten Cabrio. Sie war in Bremen gewesen und hatte wieder einmal einen kleinen Belutsch günstig erwerben können, obwohl wiederholt gesagt worden war: Nun ist es aber genug mit dem Teppichkaufen, nun wollen wir mal abstoppen die Sache, das sieht hier ja schon aus wie in einer Jurte! Alexander steckte die Brieftasche ein und ging seiner Frau, mit der er nun schon über vierzig Jahre verheiratet war – von den Hunden jubelnd begleitet -, mit Brief und Weltatlas unter dem
Arm entgegen, was ihr gar nicht recht war, denn eigentlich hatte sie sich über den Hof ins Haus schleichen wollen und erst mal verstauen die Neuerwerbung und den Gatten vorbereiten auf den doch wohl voreiligen Kauf. Erst verstecken und dann einfach hinlegen das Dings und sehen, ob er es überhaupt merkt. Und wenn er es bemerkt, in die Hände klatschen und lachen und sagen:«Aber der liegt hier doch schon seit anderthalb Jahren!»Sie warf den kleinen braunen Teppich auf den Fußboden und stellte sich zu Alexander, wie er ihr den Atlas öffnete und in freudigem Durcheinander die Route seiner Reise erklärte, von der sie ja noch gar nichts wußte, einer Reise, die er allein würde unternehmen müssen, weil nur er eingeladen war.
 
So beugte sie sich denn über die Ausklappkarte, auf der die USA grün und Kanada gelb abgebildet waren, und sagte:«Schön! Herrlich! Das hast du dir verdient, mein Lieber – wo du immer so fleißig bist.»
Sie hätte nichts dagegen gehabt, ihn nach New York und San Francisco zu begleiten. Aber die Tiere! Wer sollte für die Hunde sorgen, die Hühner und die Schafe?
«Frauchen läßt euch nicht im Stich», sagte sie und entrollte den kleinen Belutsch, den sie durchaus noch wieder zurückgeben könnte -«Was glaubst du, wie billig der war!»-, und kniete sich hin und erklärte ihrem Mann, der sich für Teppiche nicht interessierte, die Webmuster und deren kunstvolle Kombinationen, das gepunktete Zickzack und die Zitterlinien, die einen Weiher darstellen mochten, in dem sich Schilfhalme spiegelten, und Alexander sagte, das sei richtig, daß sie sich den genehmigt hätte, er stehe voll dahinter, sonst hat man ja bald gar nichts mehr vom Leben. Insgeheim hoffte er, daß die Teppichleidenschaft sich nicht ausdehnte auf beduinischen Silberschmuck, der bei demselben Händler im Fenster lag, eine Sache, die leicht ins Ekstatische ausuferte und dann um sich griffe. Auch die Erwerbung verschiedener Samoware lag auf dieser Linie, die dann eben doch nicht funktionierten, geputzt werden mußten und dauernd umkippten.
Während sie leckere kleine Kuchen verzehrten, die Marianne aus Bremen mitgebracht und aus der fettigen Tüte in die Meißner Schale geschüttet hatte, dachte Alexander an das Mädchen Freddy im fernen Santa Barbara: Auf einer Mauer hatte sie gesessen und Eis gegessen, und nun ruhte es an seiner Brust, vom gleichmäßigen Pochen seines Herzens belebt. Sie hatte ihm zugelacht damals, als er den Köpper ins klare Wasser wagte, den letzten Köpper seines Lebens, und er hatte dieses Lachen nicht eingelöst, was noch immer an ihm nagte.
 
Marianne erzählte von dem orientalischen Teppichhändler, daß der mit einer Deutschen verheiratet sei und daß dessen Schwiegervater alle Bücher Sowtschicks gelesen habe und ganz wild darauf sei, ihn kennenzulernen. Sie dachte bereits an eine andere Brücke, ein zauberhaftes Stück, die sie sich hatte zurücklegen lassen, daß sie die vielleicht während seiner Abwesenheit auch noch kaufen würde und ihn, wenn er dann zurückkehrt, damit überraschen.
 
Sie dachte auch daran, daß sich die Schwägerin in Peine furchtbar ärgerte über die Teppiche, die an sich, das war klar, allesamt nicht viel wert waren, wie viel sie auch gekostet haben mochten, auf denen man sich jedoch hätte kuscheln können, wenn man sich hätte kuscheln wollen.
Einziges Haar in der Suppe, das sah Marianne über die Kaffeetasse hinweg, war der Farbwechsel am unteren Ende des Teppichs, da war der Knüpferin wohl die Wolle ausgegangen. Sie hatte mit was anderem weitergemacht, und das haute irgendwie nicht hin. Vielleicht hatte es sich um eine ausgebeutete Knüpferin gehandelt, aus dem feuchten Inneren des Landes herbeigelockt, in eine Arbeitskaserne gepfercht zusammen mit vielen anderen Frauen und auch Kindern, dicht an dicht, Stunde um Stunde. Vielleicht war sie ja an Entkräftung zugrunde gegangen, als sie an diese Stelle kam. War vor dem Gerät zusammengesunken, vor Hunger und Erschöpfung über dem halbfertigen Gewirk zusammengesackt, mit wunden Fingern und entzündeten
Augen, und dort verröchelt. Die gelben Hunde der Straße kommen herbei und nagen an ihren dürren Armen. – Man könnte die griechische Bodenvase darauf plazieren, das bot sich an, dann fiele das nicht so auf. Eine interessante Wechselwirkung: Kultur auf Kultur?
 
Auch Alexander, der seiner Frau den Brief des Instituts vorgelesen hatte, fand ein Haar in der Suppe: ein Vortrag, den er in Los Angeles würde halten müssen anläßlich eines Übersetzerkongresses! Daß der extra honoriert werden sollte, half ihm ja auch nicht weiter. Vorträge zu halten, das war nicht seine Sache. Er war zum Geschichtenerzählen geboren, nicht zum Zerpflücken theoretischer Sachverhalte. Einen Vortrag auszuarbeiten, bedeutete harte Arbeit, das Schreiben von Geschichten hingegen war in der Regel heiterer Zeitvertreib, mit dem sich außerdem sehr viel mehr Geld verdienen ließ als mit Analysen oder ähnlichem, von denen kein Mensch was wissen will. Geld, das sehr nötig war für die diversen Hobbys der Eheleute.

2
Die nächsten Tage gingen damit hin, daß man dies und das überlegte, vier Wochen USA? Da konnte viel passieren. Koffer wurden angeschafft, französische Hartschalendinger, und die wurden probeweise mal so und mal so gepackt. Marianne kaufte einen neuen«Kulturbeutel»für Alexander aus gesteppter Seide mit allerlei Blumen drauf, spezielle Fächer für Medizinen, Rasierapparat und Pinsel (der immer schön austrocknen muß, sonst riecht er faulig). Verschiedene Scheren und Nähzeug, wenn mal ein Knopf abspringt.
Chicago – wohnte da nicht ein Onkel? Die Eheleute forschten im Adressenkalender nach, ob nicht ein Onkel in Chicago wohnt.
 
Alexander betrachtete den«Kulturbeutel»mit Mißbehagen. Blumen? Und nach Bordellart gesteppt? Was hatte so ein Ding denn mit Kultur zu tun? – Aber er behielt seine Kritik für sich.«Necessaire». Warum nicht«Necessaire»sagen?
Die Schwägerin in Peine wurde angerufen, erst mal irgendwie nebenbei, wie’s ihr geht und wie’s den Kindern geht und dann, als der Chicago-Onkel dingfest gemacht worden war: daß Alexander nach Nordamerika fliegen müsse, beruflich, worüber er kreuzunglücklich sei. – Die Schwägerin ärgerte sich furchtbar darüber, denn ihr Mann war nur ab und zu unterwegs, zuweilen hatte er im Schwarzwald zu tun, das war aber auch alles. Daß man Jahr für Jahr nach Jugoslawien fuhr, war ja auch nicht gerade glanzvoll.
 
Kaum lösbar war die Frage, ob man den Tweedmantel mitnehmen sollte nach drüben, Kanada? Es konnte doch sein, daß dort klirrende Kälte herrschte. Aber in New York dann womöglich ungeahnte Hitzegrade! Da schleppte man sich dann mit dem Ding in den glühendheißen Straßen ab, schweißüberströmt, und die Leute gucken einem hinterher.
 
Engelbert von Dornhagen wurde konsultiert, der alte Freund, in Hamburg. Er freute sich von Herzen über das unglaubliche Glück seines Freundes, Amerika, wer hätte das gedacht! Im Alsterpavillon saßen sie zusammen und rührten in der Kaffeetasse. Dornhagen zog es mehr nach Frankreich. Jahr für Jahr fuhr er dorthin, Baguette und Rotwein, in den Archiven nachforschen: Napoleon! – Die Leute dort kannten ihn schon und behandelten ihn als einen der Ihren. Daß die Amerikaner das ehemals französische Besitztum Louisiana 1803 für einen Pappenstiel gekauft hatten, ärgerte ihn, obwohl ihn das doch gar nichts anging. -«Schlepp dich bloß nicht mit Koffern ab!»sagte er.«Eine Reisetasche genügt, da tust du das Nötigste hinein. Und was dir fehlt, das kaufst du dir.»Man hatte ihm gerade sechs Zähne gezogen, das machte die Verständigung problematisch. Es gäbe in Amerika billige Baumwollpflückerhemden, wahnsinnig praktisch, drei, vier Dollar, und wenn man sie nicht mehr braucht, läßt man sie einfach im Hotel liegen … Es wäre schön, wenn Alexander ihm ein paar davon mitbrächte, er selbst würde sie zwar nicht tragen, aber Gerti, seine Frau, bei der Gartenarbeit.
Anstelle eines Mantels empfahl er eine Mehrzweckjacke, einen Parka, wahnsinnig praktisch und unverwüstlich.
Schwer verständlich waren die Ratschläge, die aus dem Munde des versehrten Freundes zu Alexander drangen, aber sie hatten Hand und Fuß.
«Adieu», sagten sie und drückten einander fest die Hand. Würde man sich denn niemals wiedersehen?
 
Also die französischen Schalenkoffer auf den Boden tragen und zwei federleichte Reißverschlußtaschen kaufen, eine größere und eine kleinere (die größere hatte sogar Rollen unten dran). Auch eine Mehrzweckjacke kaufte Alexander, an der allerhand Schnüre herunterhingen, mit vielen Taschen, schräg und grade, mit Klettverschluß und hinten eine Kapuze nach Art der Wichtelzwerge. Quer über dem Gesäß sogar ein Schlitz, in den man einen ausgewachsenen Taschenschirm schieben konnte! Die Frage stellte sich, wieso man nicht schon längst eine solche Jacke angeschafft hatte und eine dieser praktischen Reisetaschen, statt sich mit Koffern abzuplagen, an deren Verschluß einem die Fingernägel umglippten. Im übrigen: Am besten mal zum Flughafen fahren und gucken, womit andere Leute auf Reisen gehen. Vielleicht Reisetasche und Koffer? Auf gar keinen Fall einen Hut aufsetzen, Hüte sind auf Reisen ein Problem. Deshalb suchte sich Alexander in einem Hutgeschäft eine Prinz-Heinrich-Mütze aus für sein schütteres Haar, die er vor dem Spiegel mal nach links und mal nach rechts aufs Ohr schob und sich dann von der darüber herzlich lachenden Verkäuferin einpacken ließ.«Arbeiten Sie im Freien?»fragte sie, worüber er seinerseits lachen mußte.
«Das fehlte noch!»sagte er laut, als er den Laden verließ.«Das fehlte noch.»
 
Engelbert von Dornhagen hatte ihm noch einen weiteren Tip gegeben: Das Testament machen, und das hatte man ja schon immer vorgehabt, die Einladung nach Amerika war nun der letzte Anstoß. Den Kindern die Verteilung der einzelnen Antiquitäten vorgeben, es nicht darauf ankommen lassen, daß sie guten Willens sind. Beide Kinder eigentlich gutartig, Schitti und Klößchen, aber bei einer solchen Gelegenheit wahrscheinlich eben doch anfällig. Wenn man die Gelegenheit dazu hat, kann man den Rachen nicht vollkriegen. Königshäuser hatten sich wegen Erbschaften schon in den Haaren gelegen. Ein Zwist würde sich erheben, der die Erinnerung an die Eltern vergiftete.
Eines stand von vornherein fest: Soviel auch übrig sein würde: bloß niemandem etwas stiften! Von so was hat man nur Nackenschläge, und außerdem versickert das dann nach einiger Zeit. Steht in allen Zeitungen, daß man was stiftet, aber dann versickert das. Oder es werden Neigungen von Leuten davon finanziert, die überhaupt nicht auf der eigenen Linie liegen, die den Stifter zeitlebens insgeheim einen Tölpel nennen oder einen Dünnbrettbohrer. Dann schon lieber Teppiche kaufen oder meinetwegen Beduinenschmuck. Der half jedenfalls gegen den bösen Blick.
 
Dieser Meinung war auch Dr. Gildemeister, der Anwalt, der sich schon in anderen Fällen bewährt hatte. In seinem Privatbüro hingen gerahmte Fotos von Prominenten, die er erfolgreich vertreten hatte. Ob diese Leute auch alle vor dem Schreibtisch gesessen hatten?
Auch in der Dünnbrettbohrer-Angelegenheit würde sich Dr. Gildemeister bewähren. Er schob die Akte des Doppelmörders zur Seite, die auf seinem Schreibtisch lag, und machte für den Nachlaß sofort geeignete Vorschläge. Sie waren kurz und leicht zu kapieren, kurz, weil er sich nämlich entschlossen hatte, das Pauschaltestamentsmodell zu empfehlen. Er hatte keine Lust, sich die Vermögensverhältnisse des Schriftstellers anzuhören, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, zumal er wußte, daß dieser mildernde Umstände geltend machen würde, wenn es um die Anwaltsgebühren ginge.
Sowtschick seinerseits hätte sich über sein Vermögen ganz gern mal behaglich verbreitet, das Haus, das Grundstück, die Münzsammlung und die Teppiche seiner Frau. Er sah davon ab, weil er einen Anflug von Ungeduld bei seinem Rechtsanwaltsfreund beobachtete.
 
Die Kinder würden alles erben, das war klar, Schitti und Klößchen. Letzterer würde etwas mehr zuzusprechen sein, weil sie als Graphikerin immer noch nicht so recht Fuß gefaßt hatte in dieser kalten Welt. Und Schitti mit seiner gutgehenden Praxis in Stuttgart würde Verständnis haben dafür, daß seine Schwester etwas reichlicher bedacht wird. Oder? Vielleicht nicht? Da keimte dann womöglich Zwietracht auf? Über Erbschaften war schon so manche Familie zerbrochen. Vielleicht würde es eines Tages zu Verfluchungen kommen, nur weil man die Erbschaftsdinge nicht klar formuliert hatte. Vasen zu Boden geschleudert und dergleichen emphatische Auftritte; auf der Straße zur Seite gucken, wenn man der Sippe begegnet, und auch die Nachkommen tragen daran schwer.
 
Die Papiere wurden ausgefertigt – ändern kann man sie ja immer noch.
Zum Schluß wurde noch erörtert, wie man unter die Erde kommen möchte, verbrennen oder Erdbestattung? Für das erstere sprach, daß es ohne Pastor abginge, denn Sowtschick war schon seit Jahren nicht mehr Angehöriger der Amtskirche. Erdbestattung? Eingezwängt zwischen sechs Bretter und dann hinabgelassen? Der Gedanke, in eine Grube hinabgelassen zu werden, machte ihm nicht zu schaffen, aber die Aufbahrung in der Friedhofskapelle! Schrecklich! Kalte Tage und lange Nächte, in ein Regal geschoben auf die letzte Vorstellung warten! – Totenwache! Falls Marianne vor ihm stürbe, würde er die letzten Stunden an ihrer Seite verbringen und sie immerfort an schöne Zeiten erinnern.«Weißt du noch?»Und sie würde doch gewiss dasselbe tun. Aber danach?
Er sah sich nicht in Frack oder Smoking im Sarg liegen, sondern in seinem weinroten Schlafrock, die Hände gefaltet, brennende Kerzen um ihn her. Aber es war nicht Marianne, die bei ihm saß, er sah junge, gut gewachsene Menschenkinder, blond, und er sah sie lachen!
Man sollte ihn nicht in der Friedhofskapelle abstellen, in ein Regal schieben, dafür mußte gesorgt werden, sondern im Haus aufbahren, im Studio, wo er seine Bücher geschrieben hatte.«Kaum einen Finger breit»und«Herzschlag in Andante»dort, wo jetzt die ersten Seiten des neuen Romans lagen, kastenartig aufgestoßen zu einem kleinen weißen Papierblock. Und gut gewachsene blonde Menschenkinder müßten Wache halten.
 
Zum Schluß erfuhr Sowtschick noch, daß Mergenthaler, den er einen Dünnbrettbohrer genannt hatte, jüdisch«versippt»sei, das habe sich jetzt herausgestellt, eine Entdeckung, die in die Sache eine unangenehme Wendung bringen würde. Die Invektive «Dünnbrettbohrer»würde nun in einem gefährlicheren Licht erscheinen. Am besten sofort entschuldigen in aller Form? Das käme nicht in Frage, sagte der Anwalt, irgendwo müsse man auch Rückgrat zeigen, und wandte sich wieder seinem Doppelmörder zu, von dem wohl kein Foto an die Wand gehängt werden würde eines Tages.
 
Zu Hause holte Sowtschick die Aufstellung seines Vermögens behaglich nach: In Gegenwart seiner Frau füllte er Blatt um Blatt mit Zahlen, und Marianne leckte sich die Lippen.
Die großen Afghanen und die Belutsche würde man am besten durchnumerieren und dann unter den Kindern auslosen. Ebenso die verschiedenen Gemälde, die sich im Lauf der Jahre angefunden hatten, der Schafbock überm Sofa zum Beispiel und die Winterlandschaft im Schwimmgang. Zu vertrauten Hausgenossen waren die Bilder geworden, lustig damals, wie Phylax das Schaf anbellte (nun schon so lange tot) … Die Vorstellung, daß die Bilder nach Sowtschicks Ableben in Bausch und Bogen an einen Händler gingen, der sie dann brutal unter den Hammer nähme, wäre bitter. Nun, davon war ja erst mal nicht die Rede.
Den Schafbock könnte der Junge ja ins Wartezimmer hängen, dort würde er sich gut machen.
 
In Kreuzthal, wo er sich einen Adapter besorgte für seinen Rasierapparat – das hatte ihm von Dornhagen noch geraten, deutsche Stecker paßten drüben ja in keine Dose -, kaufte er auch gleich noch ein Teleobjektiv für seine Kamera. Eigentlich hatte er gehofft, Hessenberg, der Verleger, würde es ihm schenken. Der letzte Geburtstag wäre doch weiß Gott ein Anlaß gewesen für ein solches Geschenk? Er hatte es durchblicken lassen, mehr als einmal. Aber Hessenberg erwies sich als harthörig. Der wartete wohl auf den Siebzigsten, der war ja nicht mehr fern.
Auch zum Zahnarzt gehen, alles noch mal nachsehen lassen, links oben rührte sich was. Man brauchte sich ja nicht gerade auf Verdacht sechs Zähne ziehen zu lassen. Und ja nicht den Blinddarm rausnehmen prophylaktisch, so was konnte auch schiefgehen! Das war Vetter Christian so gegangen, der in die Urwälder Indonesiens hatte reisen wollen und sich vorsorglich den Wurmfortsatz rausschneiden ließ, ein Organ, das zwar überflüssig war und sich bis dato überhaupt nicht bemerkbar gemacht hatte, dann aber jahrelang näßte. Keine Frau gekriegt, weil das ja auch irgendwie stank …
Den Zahnarzt ließ er auf sich beruhen, aber den Hausarzt suchte er auf. Drüben ist alles gleich so furchtbar teuer, wenn mal was passiert. Er wollte zwar nicht in den Urwald gehen, und den Blinddarm hätte er sich auf keinen Fall herausnehmen lassen, aber das Blut untersuchen? Besser ist besser. Das war schon längst mal wieder fällig. – Er fuhr also zu seinem Freund, dem Hausarzt Dr. Schmauser. Und er wurde hintenrum eingelassen, am Geraune des Wartezimmers vorüber, und in ein Hinterzimmer geführt, wo alte Akten lagen. Hier war man ungestört. Dr. Schmauser nahm ihn in den Arm und blickte ihn treu an: Wo will’s noch hinkommen mit uns? – Was er zur deutschen Literatur sagt, ob die nicht langsam, aber sicher abnippelt? Ja? Als Alexander ihm antworten wollte, winkte er ab, schon gut, schon gut … Seine Frau liest im Augenblick den wie heißt er noch … Prack, ja, Prack, der ist doch immer wieder wahnsinnig gut.
 
Eine kalte Manschette wurde ihm um den Oberarm gelegt, Luft hineingepumpt und zischend wieder freigelassen, wobei der blaue Zeiger auf dem Instrument rasch in die Höhe kletterte, dort verharrte und wieder absank. Blutdruck nicht schlecht, aber gelegentlich mal ein Tages-EKG machen.
Der Brustkorb wurde beklopft, das Herz belauscht, der magere Zustand seines Unterleibs konstatiert, ob er denn dauernd fastet? Nein? In seinem Alter legten die Menschen entweder zu, oder sie nähmen ab, erfuhr Alexander, und er wußte nicht zu sagen, woran es bei ihm lag, daß er sich noch immer ganz gut hielt. Sein Vater war auch schlank gewesen, die Mutter sogar dürr … Konstitutionell sei er ein«juveniler Greis», sagte Schmauser und machte eine diesbezügliche Notiz in seinen Akten. Diese Leute fielen eines Tages einfach um.
 
Von dem feurigen Horn, das ihm manchmal auf der Netzhaut erschien, sprach Sowtschick jetzt nicht, und nicht von der Unruhe in seinen Beinen, da hätte er am Ende eine ängstigende Auskunft erhalten. Auch die grauen Tücher, die ihn gelegentlich anwehten, erwähnte er nicht. Das konnte man ja immer noch tun. Daß man sich gelegentlich an einer Wand festhalten muß, das war dem Arzt auch schon passiert.
Die stämmige Arzthelferin rammte ihm zur Blutabnahme die Kanüle in die Armbeuge, zog sie wieder heraus – häch! – und rammte sie erneut hinein. Die Sache würde sich grün und blau verfärben, damit war zu rechnen.
Eisenmangel war das letzte Mal festgestellt worden, nicht der Rede wert und zuviel Cholesterin, aber es ging grade noch. Und die Schilddrüse, die Schilddrüse? – Was ist denn mit der Schilddrüse los? – Nichts Schlimmes, aber auf die leichte Schulter nehmen darf man so was nicht.

3
Ein paar Tage vor dem Abflug reiste ein Lektor an, vom energischen Verleger in Marsch gesetzt, ein ernster Herr mit goldener Brille, ganz in Schwarz, etwas zittrig – aus Angst (Sowtschick galt als schwierig) oder aus Veranlagung? Mit dem zog sich Alexander ins Studierzimmer zurück:«Karneval über Lethe», der neue Roman. – Was ist mit dem neuen Roman? – Ja, was war mit dem Roman? Obwohl hochbevorschußt – auf dem Schreibtisch lag er, bis Seite dreiundsechzig jedenfalls. Und da war erst mal Schluß gewesen.
 
Es wurde beraten, für den Fall aller Fälle, wie man ihn notfalls würde abschließen können, wenn die Reise schiefginge, man mußte schließlich mit allem rechnen, aus Notizen und Skizzen das Fehlende ergänzen? Eine Werkausgabe mit graphischen Darstellungen und Fotos konnte ja auch ganz reizvoll sein … Sowtschick trug allerhand Mappen herbei mit verworfenen Ansätzen, Fragmenten und auch Abseitigem und blätterte das Zeug dem ratlosen Lektor auf, der filterlose Zigaretten rauchte und von Zeit zu Zeit unruhig wurde, weil Whisky nachgeschenkt werden mußte.
 
Wenn Marianne hereinkam, um Kaffee zu bringen oder andere Stärkung:«Was ist denn nun schon wieder …»sagen, damit sie sieht, daß es kein Kinderspiel ist, was man hier treibt.
Statt des Romans könnte man ja auch ein Buch über Amerika schreiben,«Highways – unruhig in unruhiger Zeit». Warum nicht? Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach. So ein Buch schreibt sich ja quasi von selbst. – Der Lektor war hocherfreut über den Reisebuchplan, den man aber immer noch realisieren könne, der laufe einem ja nicht weg, und er blies den Rauch seiner Zigarette schräg gegen die Decke und dann schräg nach unten aus beiden Nasenlöchern. Einem Mann wie dem alten Hessenberg wäre ein solches Vorhaben kaum zu vermitteln, Hessenberg war ein alter Hase.
 
Der Roman! Was war mit dem Roman? Der ungeheure Vorschuß und das Gewisper in den Gazetten? …«Karneval über Lethe». Guter Titel. Aber weshalb eigentlich nicht«… über der Lethe»? Oder«Fasching über dem Lethefluß»? – Oder alles auf Styx umpolen?
Nein,«Karneval über Lethe»würde das Buch heißen, auch wenn keiner kapiert, was das heißen soll. Schließlich wisse ja auch kein Mensch, was der Name«Sowtschick»bedeutet.
Der Whisky milderte die Nervosität der beiden Männer, und als Marianne dann eintrat und zu Sauerbraten mit Apfelkohl lud, -«Was ist denn nun schon wieder?»-, war der Lektor bereits ganz getrost, wenn ihm auch die Hände flogen. Auch Sowtschick war aufgeräumter Stimmung. Das mit dem Roman kriegte man schon noch hin … Bisher hatten noch alle Vorhaben zunächst einmal gestockt und dann doch wieder flottgemacht werden können.
Eine Flugreise nach Amerika sei ja nicht ganz ungefährlich, sagte Sowtschick und seufzte, im Falle eines Falles möge der Verlag kein großes Tamtam machen. Im übrigen: Den eventuell nötig werdenden Nachruf könne ja von Dornhagen schreiben.
Da sagte der stille, feine Verlagsmann:«Von so was wollen wir gar nicht reden …»
 
Alexander rief dann noch die Zeitschrift Globus an, Deutsche Wochen und so weiter, ob sie nicht einen Bericht über Amerika brauchen könnten? Als Titel vielleicht:«Highways …»Er rieb sich die Hände und sagte zu Marianne:«Weißt du was? Auf diese Weise kann ich die Reise noch ausmünzen! Und später mache ich dann ein Buch daraus …»
Und Marianne sagte:«Wie schlau du bist! Und auf was für Gedanken du kommst …»
Der zuständige Redakteur war zurückhaltend. Amerika? Bei ihm lägen schon eine Menge Amerika-Texte auf Halde … Ob es wahr sei, daß er neulich von den«Brüdern und Schwestern im Osten»gesprochen habe und von«unserm deutschen Vaterland»? – Das hatte Alexander zwar nicht getan, aber daß er so was dachte, traute man ihm zu. Und so was fiel schwer ins Gewicht. Das verriet eine Haltung zu den Dingen, die heutzutage nicht mehr ging.
Alexanders Angebot wurde auch deshalb abgelehnt, weil er vor Jahren mal einen Aufsatz über die Parteienlandschaft in der BRD nicht geliefert hatte, obwohl man ihn doch so herzlich darum gebeten hatte.
 
Hessenberg, ungleich robuster als der Lektor, meldete sich und riet, auf dem Flughafen drüben keinen Mietwagen zu ordern, da gäb’s dann so Pack, das einen abmurkst, die erkennen es am Nummernschild, daß in dem Wagen ein Tourist sitzt, den sie ausnehmen können. – Im übrigen, habe er recht verstanden? Alexander müsse dort vor Übersetzern einen Vortrag halten? Könne er den nicht vielleicht etwas ausführlicher anlegen und dann mit anderen Essays zusammen zwischen zwei Buchdeckel geben? Diese Sprichwörtersache zum Beispiel, die er vor einigen Jahren beim Buchhändlerkongreß zum besten gegeben habe, die würde drüben doch sicher interessieren -«Borgen bringt Sorgen», daß das Borgen beiden Seiten Sorgen bereite, dem Schuldner natürlich, das ist ja klar, aber auch dem Gläubiger, denn der schwitzt Blut und Wasser, daß er sein Geld auch wiederkriegt! Borgen bringe Sorgen …
Und er erinnerte an den Vorschuß, den Sowtschick für den zu schreibenden Roman erhalten hatte,«Karneval über Lethe», erst dreiundsechzig Seiten fertig? Sei er da richtig informiert? Man hatte ihn doch schon im nächsten Jahr herausbringen wollen, habe Alexander das nicht zugesagt? Müsse man denn nun das ganze Verlagsprogramm umstoßen?
Was den Titel betreffe, warum nicht«Charon im Boot»?
In den letzten Tagen vor der Abreise ging Alexander noch einmal durch das Haus und nahm Abschied von allem. Die Porzellane im Büchergang, die Kaktussammlung seiner Frau und die in Silber gerahmte Winterlandschaft im Schwimmgang.
Er verabschiedete sich von den Hunden, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und erzählte ihnen, daß das Herrchen weit, weit wegreist, und er versprach ihnen etwas Feines, wenn sie sich artig verhielten. Er verabschiedete sich auch von den Hühnern, die den Kopf skeptisch auf die Seite legten, und von den Schafen Sonja und Amalie. – Die Katze ließ sich nicht blicken, die war aushäusig.
 
Er setzte sich an den Flügel und spielte ein wenig Schubert. Aber er war nicht bei der Sache. Er ließ es bleiben und stieg hinauf in seine Fluchtburg, schraubte seinen Jubiläumsfüllfederhalter auf und schrieb einen Brief an seine Frau. Daß er sie sehr liebhat, schrieb er, und daß sie ihm in den fast vierzig Jahren eine gute Kameradin gewesen sei. Er klebte den Brief zu und legte ihn auf die Schreibplatte des Barocksekretärs. Oben drauf schrieb er:«An Marianne», und während er das schrieb, füllten sich seine Augen mit Tränen. Siegeln müßte man dieses Dokument, dachte er und griffelte aus einer der vielen kleinen Schubladen das Petschaft hervor, das er von seinem Vater geerbt hatte, diesem stillen, ernsten Mann, der ihn noch immer anblickte und leicht den Kopf schüttelte, der feine goldene Zwicker. Mit sechsundfünfzig als Greis gestorben.«Mußte das sein?»Der Satz stand über seinem Leben.
Das Petschaft fand sich, aber da war kein Siegellack, der war von den Kindern schon vor Jahren für irgendeinen Spaß verbraucht worden. Also ließ er es bleiben.
 
Alexander Sowtschick stellte den Fernseher an: Korruptionen waren aufgedeckt worden in Gewerkschaftskreisen, was Sowtschick«mal wieder typisch»fand, und Bilder waren zu sehen aus Berlin. Da wurden junge Leute von Volkspolizei am Betreten einer Kirche gehindert, also Brüder und Schwestern. Kerzen anzünden und aufs Trottoir stellen, das wurde ihnen grade eben noch gestattet. Die Polizisten hätten diese Dinger gern umgestoßen, das sah man ihnen an. Aber lieber nicht. Gegen das Aufstellen von Kerzen ließ sich nicht viel einwenden. Und außerdem schaute das Westfernsehen zu.
 
In der letzten Nacht warf es Alexander hin und her. Er hatte schon zu oft in falschen Zügen gesessen, als daß ihm eine solche Reise nicht angst gemacht hätte: eine so weite Reise in seinem Alter?
Wieder und wieder stand er auf, machte Licht, nahm sich seinen Paß vor und blätterte ihn durch, Indien, Ägypten … Das vielfarbene US-Visum, da war es eingestempelt, und es berechtigte zu unbegrenzt häufiger Einreise. Falls es mal einen ernsteren Weltkonflikt geben würde zwischen Ost und West, würde man mit diesem Paß ohne weiteres und jederzeit über den Atlantik fliegen können, zur Rettung von Haut und Haar.
Aber Marianne? Die hatte ein solches Visum nicht. Warum hatte er daran noch nie gedacht?
 
Einen Vortrag erwartete man von ihm? Das machte ihm zu schaffen. Er hatte keine Ahnung, worüber er sich vor den Übersetzern würde verbreiten können. Die Sprichwörtersache eignete sich ja nun ganz und gar nicht.«Not lehrt beten»- Formulierungen, über die jeder Deutsche ohne weiteres sofort lacht, würde man den Leutchen dort erst langatmig erklären müssen. Und das ginge natürlich in die Hose. Es sei denn, man nähme englische Sprichwörter und wiese damit nach, daß auch die Angelsachsen Humor haben, wenn auch einen sehr seltsamen. Aber das war ja nicht der Sinn der Sache.«Deutsche Wochen», um die Deutschen ging es, die sollten nun endlich mal ins rechte Licht gerückt werden.
«Galgenhumor.»- War es das?
 
Er zählte alle Unannehmlichkeiten, mit denen er es momentan zu tun hatte, an den Fingern her: erstens, zweitens, drittens … Die Affäre Mergenthaler, der kaum begonnene Roman, der Übersetzerkongreß und die grauen Tücher, die ihn gelegentlich anwehten.
Schwer wälzte er sich im Bett herum, trotz zunächst einer, dann einer zweiten und schließlich einer dritten Pille.
«Kommt Zeit, kommt Rat»- oder:«Eile mit Weile …», das waren auch so Sprichwörter.
Vielleicht einen Vortrag halten über die Schwierigkeit, einen Roman zu schreiben? Daß das gar nicht so einfach ist?«Übermut tut selten gut»anstelle von«Karneval über Lethe», auch nicht schlecht, aber eben doch letztlich ganz unmöglich.
 
Gegen Morgen träumte er von einem Bildwerfer, mit dem er ein Foto in einen dunklen Gang hineinwarf, aber das Bild traf nirgends auf, es verlor sich im Dunkel.
 
Heiß gebadet und frisch rasiert fuhr er mit Marianne zum Flughafen, und er sah ihre lieben Hände auf dem Steuerrad. Und als sie dann Abschied nahmen voneinander, fiel es ihm ein, daß er sie schon lange nicht mehr in seinen Armen gehalten hatte. Sie hielten sich fest umschlungen, wie junge Leute das tun, und keiner wollte den anderen lassen.
Den Menschen, die um sie herumgingen, war es klar: Das sind zwei Eheleute, die sich noch immer von Herzen gut sind.

4
Beim Einchecken fing man ihn ab. Er soll sich mal an die Seite stellen, wurde ihm von einer älteren Flughafenbeamtin mitgeteilt, die einen sonderbaren Hut trug. Nicht gerade barsch, aber doch mit fester Stimme.
Das war nicht das Rechte für einen Mann mit cholerischem Temperament! Als geschnappter Emigrant stand Sowtschick an der Wand in seiner nagelneuen Mehrzweckjacke, an denen die Strippen herunterhingen, die Bordkarte in der Hand. Die Hand tastete nach der Brieftasche – gottlob wohlversorgt: herrliche Schecks und auch Bares in Mark und Dollar. Paß, Visum, alles in Ordnung. Zum letzten Mal war es ihm bei der Gefangennahme passiert, daß er so an der Wand stehen mußte. Seinen Mantel hatte man ihm damals aufgeknöpft! Und nun als ein erwachsener Dichter.
 
Da stand er nun, und sämtliche anderen Fluggäste wurden an ihm vorübergeschleust, all die Braven mit Kind und Kegel, ordnungsgemäß und der Reihe nach. Man musterte ihn: Geschnappt? Wollt’st dich wohl wegschleichen, was? Betrügerischer Bankrott? Geldwäscher? – Kuck mal, Hannelore: Sieht ganz nach Geldwäscher aus …
Als endlich auch der letzte an ihm vorübergetrottet war, unter dem vielfältigen Gegonge der Flughafenansagen, kam eine Flughafenoberbeamtin geschritten, den letzten Selbstverteidigungskurs mit Erfolg abolviert und heute schon zweimal geduscht: Wie er da steht an der Wand! Ihn am Ohr vom Schulhof in die Klasse ziehen? Was machen wir mit diesem da?
 
Sie fragte ihn, ob er der Schriftsteller Alexander Sowtschick sei, geboren dann und dann? Sie könne ihm die Mitteilung machen, daß man ihn«upgegradet»habe, sein Flugschein sei zu Lasten eines Herrn Hessenberg von der Touristikklasse auf die erste Klasse umgebucht worden. Ob er das akzeptieren könne? Bei Schriftstellern weiß man ja nie so recht. Die haben’s manchmal gern primitiv! Rollkragenpullover und Loch in der Hose. Vielleicht wollte dieser Mann ja zwischen gewöhnlichem Volke sitzen und Studien treiben? Und sähe es als Zumutung an, herausgehoben zu werden aus der Masse?
 
Erster Klasse? Nun, das war eine Frage! Der alte Hessenberg hatte das arrangiert, schau an. Für eine Überraschung war er immer gut, der alte Herr. Zu Ostern Käfer-Konfekt und zu Weihnachten regelmäßig eine Kiste Wein vom besseren? Obwohl – wie oft soll man’s noch sagen – Sowtschick keinen Wein trank, weil er ihm nicht bekam … Sitzt in seinem Büro, reibt sich die Hände und greift zum Telefonhörer:«Jetzt wollen wir dem Sowtschick mal eine Freude machen.»Und Fräulein Kowalski, die Sekretärin, freut sich mit.«An so etwas hat er bestimmt nicht gedacht.»
Ja, ein solches Geschenk war ungewöhnlich, aber Hessenberg würde es von der Steuer absetzen können, ohne Frage. Hinsichtlich des noch zu schreibenden Romans würde es gutes Klima machen.
Sowtschick raffte sich zusammen: So reiste man denn nun als Herr über den Atlantik, nicht dicht an dicht mit streng riechenden Globetrottern, zusammengequetscht auf schmalen Sitzen, mit Armlehnengerangel: in Reihen zu zehnt. Schreiende Kinder oder eine plattdeutsche Sippe mit Käsebroten auf dem Schoß.
 
Sowtschick wurde in die Kabine geleitet, wie einen Kranken faßte man ihn unterm Ellbogen, damit er nicht falle – blauer Samt allüberall und vielfach verstellbare Klubsessel der größeren Sorte. Eine Stewardeß half ihm aus der Jacke: Nun war es eben doch schade, daß er den Tweedmantel nicht mitgenommen hatte. Das Wegtragen der Mehrzweckjacke mit den lotrecht herunterhängenden Strippen war ja direkt peinlich. Aufgehängt wurde sie auf einem Bügel.
 
Alexander machte es sich in dem breiten Samtsessel der SAS-Maschine bequem. Allerlei Unterhaltungsknöpfe neben und vor sich, die sich zwar knipsen ließen, vorderhand jedoch keinen Mucks von sich gaben. Es war die Frage, ob das generöse Arrangement des Verlegers auch für die Rückreise galt. Es fragte sich ferner, ob Hessenberg mit seinem Geschenk auf irgend etwas Verbindliches zielte, das es abzuarbeiten galt, irgendeine schwer abzuwehrende Sondersache? Die Sprichwörter-Angelegenheit? – Der Roman natürlich; der Roman war gemeint, diese Aufraffung zur Krönung seines gesamten Werks.«Karneval über Lethe». Feurige Kohlen sollten auf sein Haupt gesammelt werden. Riesenvorschuß eingesteckt und nichts dergleichen getan?
 
Nun baute sich ein Steward in Golduniform vor Sowtschick auf, salutierte und sprach ihn mit Namen an! Ob’s ihm gutgeht, und ob er irgendwelche Wünsche hat? Ein Kissen vielleicht? Und er überreichte ihm ein Paar grüne Socken und ein ledernes Necessaire.
Die Bordmusik abstellen? – Das geht leider nicht. Wieso abstellen? Wo gibt’s denn so was? Liebt er denn keine Musik? Die Musik werde von den Fluggästen sehr geschätzt.
Nein, Sowtschick hatte sonst keine Wünsche. Er verzichtete, darauf hinzuweisen, daß er als Schriftsteller unglaublich sensibel sei und diese Art Musik eben nicht abkönne. Und er log dem Mann auch nicht vor, wie er es schon öfter getan hatte, daß er selber Musiker sei …
 
Alexander hoffte, daß es bald losginge. Acht Stunden Flug – das war keine Kleinigkeit für einen älteren Herrn, zwar immer noch ganz gut in Schuß, abgesehen von dann und wann auftretenden diskreten Schwierigkeiten, aber acht Stunden wollten hinter sich gebracht sein. – Er nahm die Brieftasche heraus und blätterte die Banknoten durch, und er nahm sich auch eine der neuen Visitenkarten vor und ließ sie durch den Finger schnippen.«AKADEMIE»und«PEN», das würde seine Wirkung nicht verfehlen, nun doch schade, daß er aus dem Lions Club ausgetreten war.
Das Foto aus Santa Barbara steckte er zum Führerschein, das hatte zwischen den Banknoten und Schecks nichts zu suchen.
 
Dann durchsuchte er das SAS-Reisenecessaire, kein gestepptes Blumending, sondern echt Offenbacher Leder mit Wegwerfzahnbürste und Wegwerfrasierzeug und kleinen schmucken lindgrünen, fruchtgelben und violetten Fläschchen, auf denen in goldenen Lettern«Body Lotion»stand,«Bath Gel»und«Conditioner». Alles höchst luxuriös. Auch Pantoffeln standen neben dem Sitz, einstweilen noch hygienisch in Zellophan verpackt, ebenfalls aus Leder. Und Schlafdecken offenbar aus erstklassiger Wolle. Nachtmützen standen nicht zur Verfügung. Sowtschick räkelte sich … Er mußte an seine Friseuse denken, die ihm gelegentlich den Kopf massierte. Eine solche Massage könnte jetzt nicht schaden, dachte er. Und eine Kumme mit heißem Wasser für die Füße. Wie gern hätte er seine Füße jetzt in heißes Wasser gestellt! – Ach, wie gern!
Wie wunderbar war es doch, wenn ihm Annette, die Friseuse, den Nacken massierte, mit beiden Daumen links und rechts!
 
Das rege Leben und Treiben auf dem Flugplatz versetzte ihn in eine Art Trance. Er nahm nichts Einzelnes wahr, nur das geschwinde Hin und Her der kleinen Service-Fahrzeuge und das verdammt nahe Vorüberrumpeln der schweren Jets. Nun wurde von einem flinken Elektrowagen noch etwas Gepäck gebracht und zugeladen, in letzter Minute. Alexander konnte das nicht so recht verfolgen, weil die Tragfläche ihm die Sicht versperrte. Aber er meinte, einen Sarg gesehen zu haben, mit einer Plastikplane zugedeckt. Voll oder leer? Das war die Frage. Handelte es sich um eine Überführung? Eine Leiche darin in Habtachtstellung oder die Hände gefaltet, den Kopf auf einem Sägespänekissen gebettet und die toten Augen starr auf den Sargdeckel gerichtet?
 
In der ersten Klasse, zu der Sowtschick nun ganz ordnungsgemäß gehörte, saßen nur drei Leute. Vorn ein jüngerer Mann mit Handstock, der sein linkes, offenbar steifes Bein auf den Nebensitz gelegt hatte, und rechts hinten zwei schwedische Herrn mit halber Brille, über auseinandergefaltete Pläne gebeugt. Männer der Wirtschaft, die für Wachstum und Beschäftigung sorgten. Leute, von denen also nichts Böses zu erwarten war. Mit Planungen für Werkshallen hatten sie zu tun, und sie wollten, wie Sowtschick, nicht gestört sein.
Der junge Herr mit dem steifen Bein rauchte eine Zigarette aus einer langen Spitze, und in der Rechten hielt er ein sehr kleines Buch weit von sich weg, als sähe er in einen Spiegel. Alexander blätterte in der Bordzeitschrift: Wie man bei Druckabfall die Sauerstoffmaske anlegen soll, stand da drin.
 
Nun öffnete sich der Vorhang in der Rückwand, und eine Stewardeß führte drei laut lachende Männer und eine Dame in rotem, lackledernem Rock herein. Auch sie hatte man«upgegradet», aber nicht weil ihnen das jemand spendiert hatte, sondern wegen einer Überbuchung der Economyclass, Deutsche vom Niederrhein waren das, die sich sofort lärmend ausbreiteten, die Aschenbecher aufklappten und von einem Sessel zum anderen sprangen, ob der besser ist oder der.