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Inhaltsverzeichnis
 

DIE AUTORIN
Widmung
 

Kapitel 1 – MAREI
Kapitel 2 – HILDE
Kapitel 3 – LEO
Kapitel 4 – SAMIR
Kapitel 5 – GEMMA
Kapitel 6 – MALTE
Kapitel 7 – LEANDER
Kapitel 8 – MAREI
 

Copyright

DAS BUCH
Ein Dinner, eine heiße Gastgeberin, sechs Gäste, jede Menge erotische Verstrickungen, eine große Darkroom-Orgie, bizarre Sex-Maschinen, ein Ausflug in die Bollywoodszene New Yorks, ein sexy Live-Channel mit Ernie & Bert, Bibo und grünem Wackelpudding, eine romantische Entbubung, Brandstiftung, artistischer Sex im Flugzeug, lesbisches Gefinger im Badezuber und vieles mehr bietet der erste Roman von Sophie Andresky. Vögelfrei ist ein erotisches Roadmovie durch die Abgründe der Lust – modern, frech, angriffslustig und schamlos.

DIE AUTORIN
Sophie Andresky, geboren 1973, wurde mit ihren Kurzgeschichtenbänden zu Deutschlands meistgelesener Autorin in Sachen Erotik. Ihre Artikel erschienen u. a. in Magazinen wie Penthouse, Für Sie oder Young. Seit Anfang 2009 ist sie Kolumnistin für Cosmopolitan. Vögelfrei ist ihr erster Roman. Sie lebt in Berlin. Besuchen Sie die Autorin im Internet unter www.sophie-andresky.de
 

»Mit Liebe zum anatomischen Detail und einem eindrucksvoll differenzierten Vokabular für den geschlechtlichen Vollkontakt.«
 

FAZ
 

»Deutschlands führende Kolumnistin in Sachen Erotik.« WDR
 

»Im Bereich der erotischen Literatur eine sehr gelungene Ausnahmeerscheinung.«
Bücher

In Liebe für Marcus,

weil die Kater schnurren, wenn sie

dich sehen, und es mir genauso geht. Weil

du ernsthaft bist, aber nicht alles ernst

nimmst. Und weil wir immer noch so viel

miteinander zu lachen haben.
 

 

Herzlichen Dank an Eric Manussen

für all die Unterstützung und an

Katharina für ihre vielen hilfreichen

Anmerkungen und Vorschläge.
 

 

»Nicht die Penisse sind das Problem, es ist das,

was dranhängt. Das allerdings gibt es in

verschiedenen Größen (…) und Ärgernisgraden.«
 

IRVINE WELSH, Porno

1
MAREI
APERITIF:
 

Champagner

mit Holunderblüte in Sirup
 

 

Ich bin Romantikerin.
Und ich liebe das Schöne.
Aber der Sex an sich, zumindest, wenn er geil ist, wenn zwei glitschige, prall durchblutete Körperteile ineinandergleiten, wenn schweißnasse Körper so verknotet werden, dass sich an manchen Stellen Wülste rollen, an anderen Stellen die Knochen hervortreten, wenn sich die Gesichter verzerren, die Augenlider flattern und alle Beteiligten Grunzlaute erzeugen, die klingen wie eine Mischung aus angeschossenem Bär und kalbender Hirschkuh, dann ist das weder romantisch noch schön im Sinne des Musikantenstadls. Und trotzdem ist es großartig. Es hat nichts zu tun mit flatternden Negligés im Mondenschein oder süßem Gehauche wie gezuckerte Rosenblätter. Das ist dann echter Sex. Sex für große Mädchen. Und darum geht es. Um Fick-mir-das-Hirnraus-Sex.
Ich sehe mich um. Alles hier in meinem Palast, in dem wir das heutige Fest feiern werden, ist Musikantenstadlwunderschön: Die brennenden Kerzen auf den riesigen silbernen Ständern verbreiten eine flimmernde Schwüle, eine knisternde, flirrende Oasenluft in meinem Salon. Die Brokatstoffe türmen sich auf den Sofas und Sesseln, als wären sie von einer hastig beendeten Orgie übrig geblieben. Meine beiden dicken Kastratenkater räkeln sich schnurrend darauf und lecken sich die buschigen Schwänze und das weiche Pudelfell am Bauch. Ganz ähnlich klingen die vielen kleinen und großen, bunten und silbernen Dildos, die ich in den Blumenkübeln verteilt habe und die wie abstrakte Kunst aussehen. Von der Decke hängen die Vogelkäfige, die ich während der letzten Jahre auf Flohmärkten und Auktionen gekauft habe und in denen man Knäuel aus bunten Seidenstoffen, Gefäße mit dampfendem Trockeneis oder Blumen bewundern kann. Der Duft von Vanille und meinem Maiglöckchenparfüm schwebt im Raum, und auf dem üppig gedeckten Tisch sehe ich zwischen den funkelnden Bestecken, den Kristallgläsern und den Buketts aus Papageienblüten die Pomelo-Schnitze leuchten.
Auf jedem der sieben Plätze steht ein Schälchen mit bereits angerichtetem Salat und darauf – wie geöffnete feuchte Mösenspalten – das Fruchtfleisch der Pomelos. Die Gäste müssen jeden Moment eintreffen, und ich gebe Jannik ein Zeichen, damit er die Holunderblüten in die Gläser verteilt, kaum bedeckt vom Sirup, und dann den Champagner darübergießt. Der ist so kalt, dass die Gläser beschlagen. Seine weiß behandschuhten Hände stellen den Holunderblütenaperitif auf den kleinen Beistelltisch. Ich nehme mir noch ein Glas, als er mit dem Tablett an mir vorbeikommt.
Ich hatte schon das eine oder andere, aber angeschickert bin ich als Herrin des Hauses einfach am besten. Das ist ein Gesetz: Der Fisch in der Pfanne muss schwimmen, und die Gastgeberin an der Tafel auch. Dafür sorgen nicht unerhebliche Mengen Champagner – aber was soll’s, mein Mann bunkert genug davon im Keller. Auch unter der Tischkante, zwischen den Beinen der Gesellschaftsdame, hat es feucht zu sein.
Darum kümmert sich in meinem Fall der Caterer. Das hatte ich schon lange vorher bei der Planung dieses Festes beschlossen. Er ist sozusagen das Amuse-Gueule meiner Dinnerparty, der Gruß aus der Küche, und als solcher auch für mich eine Überraschung. Denn ich bin nicht vorher durch die Feinkostläden gezogen auf der Jagd nach dem attraktivsten Fahrer. Ich habe nicht weißteigige Metzgerhände verglichen mit den gebräunten schlanken der spanischen Aushilfen. Ich habe einfach das Dinner bestellt und gewartet, was auf mich zukommt. Wer auf mich zukommt. Heute Abend nehme ich als Auftakt jeden – das gehört zum Spiel. Ein letztes Blind Date zum Abschluss. Vögel-Roulette könnte man das nennen, rien ne va plus.
Der wird es also.
Er ist knapp eins sechzig groß und hat eine beginnende Halbglatze. Alle Gerüchte über den Zusammenhang zwischen männlichem Haarwuchs und Potenz, dass die mit dem Affenfell auch ficken können wie ihre Kumpels im Zoo, sind Quatsch. Zwar kenne ich kahlköpfige Männer, die aussehen wie wandelnde Riesenpenisse, doch zwischen ihren Beinen hängt bloß ein trauriges Würmchen, mit dem man vielleicht angeln kann, aber die yetiartig bestückten Zottelrastas halten auch nicht immer das, was sie versprechen. Letztendlich sieht man es einem Mann nicht an, was er bringt, man muss ihn schon testen.
Anfangs ist der Caterer noch schüchtern, als er reinkommt und seine Styroporkästen und Taschen abstellt. Er verschlingt den ganzen Raum mit seinen großen, glänzenden Makakenaugen. Ich kann genau sehen, dass er überlegt, ob er wohl in einem Bordell gelandet ist. Vor allem Jannik irritiert ihn, obwohl der selbst keine Miene verzieht und wie ein schweigender, geschäftiger Pinguin hin und her läuft, ihm das Essen quittiert und mit seinen weißen Handschuhen eine einladende Geste in meine Richtung macht.
Was der Caterer nicht weiß: Er ist nicht nur der Auftakt für eine große Dinnerparty, er ist auch der letzte Unbekannte, den ich in diesem gerade vergangenen wilden Jahr ficken werde. Denn dies hier ist der krönende Abschluss meiner Vögelfreiheit. Ein Jahr lang hatte ich einen Freifahrtschein, mein Mann hat ihn selbst unterschrieben: Zwölf Monate lang darf ich ficken, vögeln, kohabitieren, lecken, lutschen und ganz allgemein tun und lassen, was ich will, mit wem ich will, wie oft ich will, wo ich will, wann ich will. Und ich hatte nicht nur die Erlaubnis. Ich hatte das Recht dazu.
So stehe ich jetzt an den Flügel gelehnt da in meinem engen schwarzen Kleid und lasse die nackten Arme ausgebreitet auf dem Instrument liegen. Die breite Narbe, die wie ein Stammeszeichen meinen rechten Oberarm vertikal durchschneidet, ist bei der schummrigen Beleuchtung mit den vielen flirrenden Farben und Spiegelungen kaum zu sehen, und sie geht ihn auch nichts an. Und obwohl von den Dutzenden winzigen Knöpfen an der silbernen Borte, die das Kleid vom Hals bis zu den Knöcheln zusammenhalten, kein einziger geschlossen ist, er also freien Blick hat auf meine nackte Haut, meine Brüste, meine blitzblank rasierte Möse, versucht er immerhin, mir ins Gesicht zu sehen. Das ehrt ihn, ist aber zwecklos, denn das Kleid hat am Rücken eine große weite Kapuze, die ich bis in die Stirn gezogen habe, sodass ich wie eine augenlose Priesterin am Flügel stehe und die Beine aneinanderreibe.
Er weiß nicht, was er tun soll, zwirbelt an seiner Uniformjacke herum, schluckt hart, tritt von einem Fuß auf den anderen. Ich lege den Kopf leicht zurück, nehme das Glas mit dem Champagner, trinke erst, lasse dann aber die Hälfte über meinen Körper fließen bis zu meinen nackten Füßen.
Ich trage niemals hochhackige Schuhe, auch nicht zur Abendrobe. Hohe Hacken haben Männer erfunden, die es lustig finden, wenn Frauen im Film auf der Flucht vor Aliens stolpern, sich in den Matsch werfen und dabei ihre Bluse zerreißen. So eine bin ich nicht. Vor mir hätten eher die Aliens Angst. Einem halb narkotisierten Opfer kalte Instrumente in den Popo schieben, dabei den kleinen grünen Alienpimmel melken und das Ganze Wissenschaft nennen, also bitte, ist das pervers?
Ich winke den Caterer zu mir. Er trippelt wie ein Rennpferd hinter der Absperrung und macht dann einen langen Schritt auf mich zu. Ich nehme sein Gesicht zwischen meine Hände, sehe ihm tief in die Augen, die ein überraschendes katzenartiges Grau haben, lächle ihn an und lecke ihm langsam und genüsslich übers Kinn: mal mit der breiten Zunge, mal nur mit der Spitze – manche Briefmarken schmecken besser -, bis ich an seinem Mund angekommen bin und zwischen seine Lippen züngele. Er steht stocksteif da und ist so erstarrt, dass er nicht auf meine Hand achtet, die vom Flügel gerutscht ist und ihm zwischen die Beine greift. Er atmet scharf ein und dreht seinen Blick wieder in Janniks Richtung, der ungerührt das Silber nachpoliert und Konfekt in eisgekühlte Schälchen verteilt. Ich stelle einen Fuß auf die Fensterbank neben dem Flügel, lasse den letzten Schluck Champagner über meinen Körper laufen und ziehe den Kopf des Caterers am Nacken zwischen meine Brüste.
Die Rötung der Laserbehandlung eine Handbreit über dem Herzen ignoriert er. Gehorsam fängt er an zu lecken, erst zwischen den Brüsten, dann lutscht er sehr schnell auch meine Nippel. Er schnappt danach, als wäre er in Sicherheit, wenn er erst richtig angedockt hätte. Hier haben Männer das gleiche Problem wie die Saugnäpfe im Bad. Die Wand ist immer stärker. Da liegen sie längst mit einem leisen Plopp abgefallen auf den Badezimmerfliesen, wo sie in einer klebrigen Schicht aus Katzenklokrümeln und Haarspray festpappen, aber die Wand steht. Und wenn sich der Mund auch noch so vakuumartig um die Brustwarze schließt: Die Frau, an der der Mann hängt, ist nicht seine Mama, und die Gefahr wird niemals vorbei sein.
Immerhin fühlt es sich angenehm an, wie er da saugt. Meine Zitzen werden hart und brennen. Er ist ein wirklich begabter Nippelnuckler. Bei manchen Männern hatte ich schon Angst, sie könnten sie mir abbeißen. Er aber saugt sie mit weichen Lippen ein, macht dabei den Mund ganz weit auf und spielt mit seiner Zunge an den harten Noppen, sodass ich leise stöhne und seinen Kopf tiefer drücke. Gehorsam leckt er mir über den Bauch, züngelt kurz im Nabel und kniet sich dann vor mich.
Ich gehe ins Hohlkreuz. Zwischen meinen Beinen ist es mittlerweile so nass, dass ich das Gefühl habe, ich würde von innen überschwemmt. Er zögert jetzt nicht mehr, sondern presst sein Gesicht direkt auf meine Möse. Seine Nase teilt meine Schamlippen, und sein Mund liegt über Möse und Klit wie eine feuchte, fickgeile Qualle. Wer hätte gedacht, dass dieser kleine, untersetzte Danny-DeVito-Klon seine Zähne derartig unter Kontrolle hat, dass ich sie nie spüre, an den Duttelknöpfen nicht und auch hier auf den Schamlippen nicht. Es gibt nur seinen saugglockenartigen weichen Mund mit der vorschnellenden und zuckend leckenden Zunge an meiner Klit. Ich denke an Mick Jagger und sein Riesenmaul. Wenn der jetzt hier knien und mich lecken würde, dürfte sich das anfühlen, als hätte ich einen Hausmeister-Pümpel zwischen den Beinen. Mein talentierter Caterer ändert das Tempo, löst sich etwas von mir und fährt jetzt nur noch mit der Zungenspitze zwischen den Schamlippen hin und her, und jedes Mal, wenn er über die Klit schleckt, zucke ich zusammen. Schließlich macht er seine Zunge ganz hart und stößt sie immer wieder so weit in mein Mösenloch, wie er kann. Und als er mir anschließend mit der breiten Zunge die Möse mit gleichmäßigen festen Strichen von unten nach oben bestreicht, kommt es mir, ohne dass ich auch nur mit den Lidern gezittert hätte. Das muss er gar nicht wissen.
Ich bin nicht die königliche Orgasmusverkünderin und Männer-Ego-Aufpoliererin. Aber nett bin ich schon. Gut geleckt bin ich immer nett.
Denke ich in dieser milden Stimmung an meinen Mann? Schon. Habe ich ein schlechtes Gewissen? Keinesfalls. Es ist ja nur Sex. Das war sein Wortlaut: »Nur Sex.« Inzwischen weiß ich, dass es niemals »nur Sex« ist. Es ist ja auch nicht »nur eine Kernspaltung«. Sex ist die größte, mächtigste und gefährlichste Kraft, die wir haben. Da muss man aufpassen, dass man nicht mal eben eine Welt zersprengt wegen ein paar Zuckungen. Mir jedenfalls passierte genau das, als er es sagte. Ich hatte bis dahin die perfekte Ehe. Den perfekten Mann. Das perfekte Glück. Die ganz große Liebe. Ja, es ist kitschig, aber deshalb ist es nicht weniger wahr. Dann kommt er eines Tages nach Hause, erzählt mir von einer Affäre, dass sie praktisch schon beendet sei, und entschuldigt sich mit dem miesesten aller Sätze: »Es war doch nur Sex.« Mein Liebster, ehrlich gesagt, es war mein Leben. Aber jetzt ist nicht der Moment, wieder wütend zu werden. Und nebenbei steht ja auch noch ein geschwollener Catererschwanz vor mir, der für all die Verwicklungen nichts kann.
Der Rest dieses Ficks ist also Höflichkeit. Ich verlagere das Gewicht Richtung Fensterbank, sodass ich mich mit dem Hintern darauf abstützen kann. Neben einigen Papieren und Folien liegen hier die Blechkronen der Champagnerkorken herum, die sich jetzt in meinen nackten Hintern pressen und auf meiner Haut ein Muster von kleinen Zahnrädern hinterlassen. Ein Uhrwerk auf leicht gebräuntem, saftigem Schinken, vielleicht als Symbol dafür, dass auch meine Zeit tickt und ich nicht ewig eine Sexgöttin bleibe, sondern irgendwann in das Zeitalter der »Dame« übergehe – was nicht bedeutet, dass ich ehrbarer würde, sondern nur von Jahr zu Jahr seltener gefickt. Solche Mahnmale auf dem Hintern sind weder geil noch romantisch. Aber noch gehören alle Männer dieser Welt mir, und ich nehme mir, wer mir gefällt.
Als der Caterer seinen Schwanz aus der Jeans befreit, ist Jannik sofort zur Stelle und reicht auf einem silbernen Tablett ein Kondom, das sich der Caterer hastig überstreift – nicht ohne sich mit einem Kopfnicken zu bedanken. Wir sind eben alle sehr höflich und kultiviert heute Abend.
Er dringt in mich ein, und ich fühle, wie die Metallkronen ihre uncharmanten Muster in mein Fleisch pressen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als wollten sie mich beißen. Ich denke darüber nach, ob ich mit Mitte dreißig wirklich noch moralisch dazu verpflichtet bin, einem Fremden, der mich gerade netterweise zum Orgasmus geschlabbert hat, auch noch einen Abschuss zu gönnen. Ich werde das heute zum letzten Mal tun. Die Zeit, in der mich derartige Konventionen interessiert haben, ist vorbei.
Sie war vorbei in dem Moment, als mein Mann seine Beichte beendet hatte und ich langsam, ganz langsam wieder Luft bekam. Was an diesem Abend sonst noch passierte, mag ich jetzt nicht erzählen, aber schließlich kam es zu folgendem Deal: Ein Jahr habe ich von ihm gefordert. Eine Revanche, einen Ausgleich, eine Buße. Ein Jahr, in dem ich alles tun darf, was ich will. Am Anfang war es nur Rache, dann Neugierde, inzwischen aber ist es Lust, denn seitdem weiß ich, dass »nur Sex« nie »nur Sex« ist, auch für mich nicht. Es hat immer in mir gesteckt, diese Kraft, diese Gewalt, dieser Hunger. Ich bin auf meine Kosten gekommen, könnte man sagen.
Da muss ich lächeln, während der Caterer mit kurzen, harten Stößen in meine Möse fickt und ich mich auf der Fensterbank abstütze und auf die Uhr sehe, ob uns gleich die Gäste überraschen. Im Grunde ist der Fick mit dem Caterer genau der richtige Aperitif, denn heute wird vieles zum letzten Mal passieren.
Es ist ein folgerichtiger, fast symbolischer, dazu wirklich angenehmer, ich möchte nicht sagen Höhepunkt, da würde ich den schnaufenden Caterer überbewerten, aber ein schöner Abschluss. Und ein gelungener Auftakt für den Abend und die Gäste, die jetzt prompt klingeln. Das passt mir gut, so muss ich keine Konversation mehr betreiben, sondern nur noch den entladenen Catererschwanz aus meiner Muschi entlassen, mir das Kleid zuknöpfen, die Kapuze zurückschlagen und den guten Mann mit einem freundlichen Kopfnicken verabschieden.
Er rafft seine Jeans in der Taille zusammen, dreht sich im Kreis, schaut nach, ob er irgendetwas vergessen hat, verbeugt sich mehrmals im Rausgehen, stößt dabei an einen Stuhl und macht einen so konfusen Eindruck wie diese hektisch durch Labyrinthe irrenden Figuren in Computerspielen. Jannik greift sich die Papiere und die Blechkronen von der Fensterbank und führt den Caterer Richtung Küche. Möge er sich dort wieder herrichten, damit er draußen nicht als Exhibitionist verhaftet wird.
Barfüßig, mit aufgetürmtem Haar, orientalisch geschminkten Augen und einem Glas Champagner in der Hand streiche ich mir über die feuchte Stirn. So erwarte ich die Gäste meiner Soiree, die, da bin ich sicher, ganz anders werden wird, als einige von ihnen erwarten.
Ich gehe in Gedanken noch einmal durch, wen ich eingeladen habe. Sechs Gäste, vier Männer und zwei Frauen, die alle etwas gemeinsam haben, nämlich mich. Allerdings wissen sie das nicht. Ich habe sie alle innerhalb dieses einen Jahres kennen-, manche lieben und manche hassen gelernt. Als ich daran denke, wer nicht mit uns am Tisch sitzen wird, steigt ein bitteres Gefühl in mir hoch wie schwarze Seifenblasen. Ich wäre gern abgebrüht, aber ich vermisse ihn in solchen Momenten immer noch, meinen Mann. Ich nippe am Champagner, doch die Dumpfheit in der Magengrube bleibt. Mit allen meinen Gästen habe ich geschlafen. Sex ist etwas, das ich kann; mein Körper ist dafür gemacht. Und mein Geist auch. Ich halte nichts davon, Sex mit viel Theorie zu überfrachten. Ficken soll man fröhlich – und fertig. Für mich ist es wie ein großer Energietank, den ich anzapfen kann und der mich am Leben hält.
Aber es gibt Nächte, da breiten sich Träume in meinem Kopf aus, die mich beunruhigen. Meine gespreizten Beine in Großaufnahme, in meine Möse schlüpfende Finger, Zungen auf meiner Klit und zwischen den Arschbacken, immer mehr Hände. Schwänze, die in mich eindringen, von vorn und von hinten, Muschis, die sich an mir reiben, die sich an mich pressen, Ströme von Saft und Sperma, Menschen, die zusehen, Anweisungen geben, alles kommentieren. Ich mittendrin, wie ich mich aufbocke, winde, anbiete. Und die Erregung ist so groß, dass ich glaube zu platzen. Die Szene wird immer wilder; ich bin in einem Bett, mitten in einem Lokal, auf der Bühne eines Theaters, man streichelt mich, fickt mich, mit Zungen, Fingern, Schwänzen. Und immer komme ich an den Punkt, wo es sich entladen muss, all diese aufgestaute Geilheit, am höchsten Punkt der Achterbahn, wo man nur noch die Hände hochreißt und sich hinunterstürzt mit schrillem Geschrei. Doch bei mir passiert in diesen Träumen nichts. Nichts.
Das Gefühl der Erregung scheint sich bis ins Unendliche steigern zu können, aber ich spüre keine Erlösung. Die Finger, die Zungen, die Schwänze stoßen heftiger, die Schnitte zwischen den einzelnen Einstellungen werden immer schneller, nur kann ich die Spannung nicht überwinden. Ich komme nie in diesen Träumen. Was mir, wenn ich wach bin, so leichtfällt, ist dann unmöglich. Irgendwann wache ich völlig gerädert auf, fühle mich malträtiert und benutzt, bin gereizt und aggressiv und bodenlos enttäuscht.
 

Es gab einen einzigen Mann in meinem Leben, neben dem ich, als ich ihn liebte, schlafen und träumen und im Traum kommen konnte. Bei dem ich nicht Tiefschlaf-frigide war. Als hätte seine pure Anwesenheit neben mir im Bett gereicht, um den Knoten zu lösen. Diese Orgasmen, die mich gleichzeitig geträumt und körperlich, bewusstlos und wach überkamen, sprengten mich und ließen ein körperloses, schwebendes reines Glück zurück. Ich habe ihm das nie erzählt. Er bemerkte nur meine besonders gute Laune am nächsten Tag.
Kein anderer Mann hat es geschafft, mich so tief zu berühren. Und ausgerechnet er ist heute Abend nicht unter meinen Gästen. Dabei hätte ich ihn zu gern an meiner Seite, will unter der Damasttischdecke sein Knie an meinem spüren und seine Hand an meinem Oberschenkel. Am liebsten wäre ich mit ihm allein heute Abend, würde meinen Kopf in seinen Schoß legen und die Augen schließen, aber das geht nicht. Erst muss ich diese Sache zu Ende bringen.
 

Und das am besten gut gelaunt, weil es nichts bringt, bei einem Fest, egal, welchen Anlass es hat, Trübsal zu blasen. Also trinke ich noch einen Schluck Champagner, stehe leicht schwankend auf nackten Füßen da und höre, wie sich Schritte auf der Treppe nähern.
Kurze, kleine Schritte mit einem leisen Klacken, das, wie ich gleich errate, von altmodischen Schnallenschuhen stammt. Hilde tänzelt herein. Meine Retterin. Meine Verräterin. Sie hat wie immer die Anmut und Eleganz eines Revuegirls aus den Zwanzigerjahren – eines verstorbenen oder spukenden Revuegirls, sollte ich wohl besser sagen, denn Hilde ist so blass, dass man glauben könnte, sie sei durchsichtig. Ihr kurzes pfirsichfarbenes Kleidchen schwingt bei jedem schwebenden Schritt, und ihre zum Bubikopf geschnittenen Haare fallen dicht wie ein Helm. Sie zeigt nie Haut. Ihre dünnen Beine stecken in silbrigen Strümpfen. Am Hals hat sie den Stehkragen bis unters Kinn zugeknöpft, ein langer Chiffonschal ist wie eine Krawatte darum gebunden. Die Ärmel gehen am Ellenbogen nahtlos in lange Satinhandschuhe über.
Hilde steht vor mir und schweigt. Sie weiß offenbar nicht, was sie von meiner Einladung zu halten hat, und überlegt, ob es eine Falle sein könnte. Aber ich bin froh, dass sie gekommen ist, denn ich habe nicht gern offene Rechnungen, und sie soll wissen, was ich weiß: Wir sind quitt. Ich trete auf sie zu und küsse sie, ohne etwas zu sagen, auf den Mund. Sie öffnet ihn sofort, nicht lustvoll, sondern leicht erschrocken. »Hilde«, sage ich nur, als ich mich wieder von ihr löse. »Schön, dass du da bist.«
Sie nickt, immer noch stumm, nimmt ein Glas Champagner entgegen und trippelt kaum merklich von einem Fuß auf den anderen wie ein kleines Mädchen, das mal zur Toilette muss.
»Da ist ja die berühmte Holzschatulle«, sagt sie schließlich und zeigt auf eine Nische hinter mir. Extra hingestellt und indirekt beleuchtet. Leicht angesengt, schon reichlich mitgenommen. Das schuhkartongroße Kästchen mit Vorhängeschloss war alles, was ich dabeihatte, als ich durchnässt und frierend, verletzt und blutend und so allein wie noch nie zuvor im Leben vor Hilde stand.
Ehe wir Erinnerungen austauschen können und das große Weißt-du-noch? anfängt, werden wir durch ein Blitzlichtgewitter unterbrochen, das in dem schummrig beleuchteten Raum wirkt wie ein Feuerwerk. Leo schießt als Begrüßung Fotos von uns mit seiner riesigen Kamera. Ich hebe mein Kleid hoch, ziehe eine Schnute und posiere wie ein Pornostar auf einer Gummidödelmesse. Hilde runzelt die Stirn und tritt aus dem Bild.
Leo kommt lachend auf mich zu, nimmt mich in die Arme und küsst mich wie im Hollywoodfilm so lange, dass mir der Atem wegbleibt. Mein Lippenstift ist danach völlig verschmiert, aber was macht das schon. Es ist ein Spiel zwischen uns, das angefangen hat, als wir für eine sehr kurze Zeit gemeinsam mit Sex Geld verdient haben.
Wenn wir uns heute anrufen, nennen wir oft nur irgendeinen versexten Zeichentricktitel und wissen dann beide sofort, ob es dem anderen gut geht. Leo ruft: »He!, da ist ja der Star aus Bibi Bummsberg – Sex ist keine Hexerei, und wer hat sie nicht gesehen in Benjamins Tröte – Blümchensex war gestern.« Ich antworte: »Und du? Leo Lolli, unvergessen in Captain Futloch – Schwarze Löcher im All und Dr. Schnackels und der Leckomat!« Ich muss so lachen, dass ich einen Schluckauf bekomme und Leo mir zeigt, wie man am besten mit Champagner gurgelt.
Wir giggeln noch, als Jannik Samir hereinführt, der als Maharadscha gekleidet ist. Er küsst mir die Hand, und ich knickse sogar. Sein Bild in den deckenhohen Spiegeln gefällt ihm offenbar, und er betrachtet sich ausführlich selbst, den großen, breitschultrigen dunkelhäutigen Mann mit samtschwarzem Haar. Sein violettes Seidenhemd mit der aufwendig bestickten Brokatweste knistert bei der kleinsten Bewegung. Er steht einfach nur da, nippt gelegentlich an seinem Aperitif und beäugt uns.
Niemand spricht. Zwischen Hildes Augenbrauen steht eine steile Falte. Natürlich hat sie Samir wiedererkannt, und sie ahnt, dass das heute Abend nicht einfach eine gewöhnliche Party werden wird, die Arme. Hilde ist immer so schnell mit allem überfordert, sie hält sich selbst für ein ganz zartes Pflänzchen, mit dem man vorsichtig und behutsam umgehen muss, weil sie sich sonst auflöst wie eine Pusteblume. Und dabei vergisst sie, dass der Löwenzahn ein ziemlich gewalttätiger Stängel ist, der sich sogar durch Asphalt bricht.
Der nächste Gast kommt herein.
Malte, der es wie üblich nicht für nötig gehalten hat, sein Designerhemd zu bügeln oder seinen grauen Sechstagebart zu rasieren. Schlunzig kommt er auf mich zu, sieht sich um, entdeckt die surrenden Dildos überall im Raum und grinst.
Ich hauche ihm einen Luftkuss entgegen und flüstere ihm beruhigend zu, dass das wirklich nur ein Dinner ist und es sicher nicht zum Austausch von Körperflüssigkeiten kommen wird. Er sieht zu der üppig gedeckten Tafel, reibt sich den Bauch und grummelt etwas Zustimmendes. Ich stelle ihn mit seinem Glas neben Leo, der offensichtlich rätselt, woran Malte ihn erinnert, aber er kann nicht darauf kommen. Weil keiner etwas sagt, zeigt Malte auf die halb verkohlte Geisha-Maske, die an der Wand hängt, und sagt mit seiner rauchigen Stimme: »Hast du die also retten können.«
Ich nicke.
Er schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn, als hätte er jetzt alles verstanden, und ruft anerkennend: »Na klar, das hier wird ein Phönixfest! Heißer Abriss! Und die Versicherung war üppig, ja?«
Er macht eine weite Bewegung, die den ganzen Raum einschließt. »Da musst du aber unglaublich geschickt gewesen sein, wenn das keiner bemerkt hat! Normalerweise recherchieren die bei Bränden mehr als bei Mordfällen. Wegen des Geldes.«
Ich schüttle den Kopf und sage: »Kein Phönixfest« und proste allen noch einmal zu.
Wir sind fast komplett. Unauffällig und still hat sich Leander an meine Seite gesellt. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie er hereingekommen ist. Er trägt zwei Gläser in den Händen – meines scheint schon wieder leer zu sein – und stößt mit mir an. In seiner Gegenwart fühle ich mich immer noch, als wäre ich eine schüchterne, aber plötzlich erhitzte Jungfer, die zum ersten Mal ahnt, welche Freuden noch auf sie warten. Er ist der Mangaprinz aus dem japanischen Comic, mit langem schwarzen Haar und geschminkten Augen, dünn und trotz seiner hochhackigen Stiefel kaum größer als ich. Ich küsse ihn lange, und mein Herz schlägt schnell, während sich unsere Zungen berühren. Ich würde gern meine Stirn an seine legen und meine Hand auf sein Herz, ihn fragen, wie es ihm geht, und mir dabei wie immer, wenn er mich umarmt, vorstellen, dass sich aus seinem Rücken zwei große nachtschwarze Flügel auffalten. Ich würde jetzt gerne seinen mädchenhaften, leichten Körper auf mir spüren und fühlen, wie er in mich eindringt und mich dabei ununterbrochen ansieht und mir zuflüstert, wie schön ich bin, um darauf zu erwidern: »Nein, du bist schön.«
Während wir ineinander versunken dastehen und uns die Gesichter streicheln, schlägt die große Tür zu, und Gemma steht im Raum. Natürlich ist sie die Letzte. Gemma braucht den ganz großen Auftritt, und sie macht ihn gut. Ich sehe sofort, dass Hilde sich an sie erinnert. Sie wird sie aus dem kleinen Lokal in ihrem Viertel kennen. Auch Leander zuckt zusammen bei ihrem Anblick, fängt sich aber schnell wieder.
Gemma ist die Gundel Gaukele der städtischen Erotikszene. Ihr Privatclub, in dem es von Latextango-Partys bis zu ausgefeilten S/M-Inszenierungen alles zu erleben gibt, was man sich nur vorstellen kann, ist berühmt und berüchtigt. Gemma versteht sich als Hure aus Passion. Sie weiß, dass Sex Macht bedeutet, und das berauscht sie. Ihr glatt rasierter Kopf und die Piercings fallen selbst in einer Stadt wie unserer auf. Ihr durchtrainierter Körper mit den vielen Tattoos steckt in einem schlichten bodenlangen Kleid aus schwarzem Nylon, eigentlich einem Schlauch, der spektakulär aussieht, weil er komplett durchsichtig ist. Man sieht die halterlosen Strümpfe darunter und sonst nichts außer nackter Haut. Gemma trägt nie Unterwäsche. Der Ring durch ihre Brustwarze glänzt, sie stakst auf mich zu wie die Herrin der Hölle, und ich neige huldvoll und ehrerbietig den Kopf. Dann nehme ich sie feste, ganz feste in die Arme, und an mich geschmiegt wird diese harte, strenge Herrin weich und schwesterlich, küsst mich auf die Wange, drückt mich noch einmal und kichert wie ein Schulmädchen. Gemma ist die praktischste, patenteste, gradlinigste Frau, die ich kenne. In ihrer mageren, tätowierten, gepiercten Brust schlägt das größte Herz, das man sich vorstellen kann, und ihr Verstand ist so scharf wie die Klingen, die sie bei ihren besonderen Dienstleistungen benutzt.
Da sind sie, meine Gäste. Sie stehen im Halbkreis um mich herum und warten. Samir als misstrauischer Maharadscha, Leo, der ununterbrochen Fotos schießt, Malte wie immer sehr darauf bedacht, niemandem zu nahe zu kommen, Gemma in ihrer Fetischpelle, die mir zuzwinkert, Leander dicht an meiner Seite, scheu und schön wie ein aus seinem Königreich verstoßener Prinz, und Hilde, die die Lippen aufeinanderpresst und an ihrem Krawattenschal nestelt. Und ich.
Ich muss jetzt dringend etwas essen, sonst bin ich bald völlig betrunken. Ich gebe Jannik ein Zeichen, dass wir beginnen, und bitte zu Tisch.

2
HILDE
VORSPEISE:
 

Sauerampfersalat

mit frischen Pomelos
 

 

Malte stopft sich die Damastserviette in den Ausschnitt seines zerknitterten Hemdes, wie für Spaghetti oder Spareribs. Früher nahm mich meine Tante immer mit in eine fürchterliche Steakhouse-Kette; eigentlich war es eine auf mexikanisch getrimmte Rinderverwertungsanstalt mit zähen Fleischlappen und dubiosen Beilagen, die entweder nach Hasenlosung oder Diarrhö aussahen – und das Ganze derart gewaltig portioniert, als sollte man gleich anschließend in schweren Ketten in einer Mine Erz schürfen. Zum Essen gab es Hemdenschoner, die um den Hals geknotet wurden, und auf denen stand: »Fett mag mal spritzen, doch bleib nur ruhig sitzen. Wir halten es fern und schützen dich gern.« Ich habe mich damals schon gefragt, wie man nach einem Essen mit einem Mann in diesem Lokal noch mit ihm ins Bett gehen sollte, nachdem man ihn den ganzen Abend belatzt und bekleckert gesehen hatte wie ein Riesenbaby.
Malte hebt das Schälchen mit dem Salat an die Nase und schnuppert daran. Auch Gemma und Leo sehen hungrig aus. Ich proste ihnen zu. Es ist gut, wenn rund um diesen Tisch mit Lust und Laune gegessen wird. Hilde hält die Gabel linkisch in der Hand, scheint nicht genau zu wissen, was sie damit tun soll. Malte stößt sie mit dem Ellenbogen an, hat bereits ein Salatblatt im Mund, und während er ein Stück Feige aufspießt, sieht er sich im Raum um. Schließlich zeigt er auf die hölzerne Schatulle.
»Was ist das eigentlich für eine Kiste?«, fragt er mich, »die passt so gar nicht zum Dekor.«
»Der Schatz der Marei van den Brouck«, verkündet Hilde, als würde sie einen Filmtitel zitieren. Malte nickt.
»Gesehen hab ich die auch schon mal, aber ich meine, was ist drin?«
Bevor ich etwas sagen kann, klärt Hilde ihn auf. »Eine kleine Schaufel. Ziemlich dreckig. So eine, mit der man Blumen in Beete pflanzt.«
Malte schaut mich erstaunt an, und auch die anderen warten auf Erklärungen, aber die gibt es nicht. Noch nicht. Stattdessen erzähle ich ihnen, wieso Hilde das überhaupt weiß, denn ich trage die Schatulle zwar immer bei mir, wenn ich unterwegs bin, aber ich öffne sie nie.
»Ich habe den Schlüssel dazu erst gekauft, nachdem ich Hilde getroffen hatte«, fange ich an, »und das war vor ziemlich genau einem Jahr.«
»Ganz genau vor einem Jahr, heute vor einem Jahr«, unterbricht Hilde mich mit leicht beleidigtem Unterton.
Gemma hebt ihr Glas: »Oha, wir feiern ein Jubiläum, einen Freundinnenjahrestag«, toastet sie und trinkt, obwohl ich mit den Schultern zucke und den Kopf schüttle. Hildes Absatz war abgebrochen, und sie saß unglücklich auf der Treppe vor einem großen Mietshaus. In der nächsten Zeit würde ich feststellen, dass beides öfter passierte: die kaputten Schuhe und das große Unglück. Sie hatte einen Tick für antike Mode, besonders für die der Zwanzigerjahre, kaufte Stoffe, Kleider und vor allem Schuhe auf Flohmärkten und Auktionen. Manche von diesen Dingen konnte sie restaurieren, andere waren schon so abgetragen, dass sie ihr buchstäblich am Körper wegstarben. Auf einer Party hielt ich einmal plötzlich einen Ärmel ihres Chiffonkleids in der Hand, nur weil ich sie im Gedränge kurz festgehalten hatte. Einmal wollte ich ihr in den Mantel helfen, und sie zerriss sich dabei den Rückeneinsatz ihrer Abendrobe. Aber am meisten enttäuschte es sie, wenn sie Charlestonschuhe entdeckt hatte, die auf den ersten Blick stabil und intakt wirkten und die ihr dann irgendwo auf der Straße im Gehen wegbrachen. Das nahm sie ihnen persönlich übel. Anfangs dachte ich, dass Hilde deshalb so dünn war und ich sie nie etwas lustvoll essen sah, weil sie ihr Gewicht für ihre kostbaren Pumps möglichst gering halten wollte.
Hilde hockte also mit Leichenbittermiene auf diesen Treppenstufen. Es war schon etwas dämmrig, und als sie mich sah, fiel ihr glatt ihr kostbarer Schuh aus der Hand. Sie kam auf mich zu und hielt mich an den Schultern fest.
»Vergessen wir den blöden Schuh. Kommen Sie, ich kümmere mich um Sie«, war das Erste, was sie zu mir sagte. Und das tat sie dann auch. Einen Arzt wollte ich nicht, aber Hilde fragte mich erst gar nicht, sondern hakte mich unter und nahm mich mit in ihre Mansardenwohnung, die mit Stoffen, Kleidern und alten Möbeln vollgestopft war.
Es sah weniger aus wie ein Museum, eher wie ein Lager. Hilde schob ihre Nähmaschine auf dem Küchentisch beiseite, drehte die tulpenförmige Lampe in meine Richtung und sah sich zuerst mein Gesicht an. Von der Schläfe bis zum Jochbein verlief eine große, blutige Schramme. Sie holte eine scharf riechende Flüssigkeit und Gaze aus einer Schublade, dazu eine Pinzette und fing an, die Wunde zu säubern. Ich zuckte mehrmals zusammen, und sie sagte jedes Mal sanft: »Schon gut, jetzt ist alles gut, ich bin ja bei Ihnen.« Schließlich tupfte sie Jod auf die Haut und wollte sich gerade daranmachen, meine blutigen Fingerknöchel zu desinfizieren, als sie bemerkte, dass Blut an meinem Arm herunterlief. Sie zog mir vorsichtig die Jacke aus, knöpfte meine Bluse auf und betrachtete meinen Oberarm. »Das ist eine Stichwunde«, sagte sie.
Ich nickte, aber mehr würde ich ihr nicht erzählen. Ich konnte es ja selbst kaum fassen. Vor wenigen Stunden hatte mir die Liebe meines Lebens gestanden, dass er mich betrogen hatte, und jetzt war ich plötzlich allein und vogelfrei.
»Sie müssen eine Tetanusspritze bekommen, und die Wunde muss genäht werden. Ich werde jemanden anrufen, der das kann.« Noch auf dem Weg zum Telefon fragte sie: »Auch die Polizei?«, und ließ die letzte Silbe zwischen uns stehen, bis ich den Kopf schüttelte.
Sie versuchte nicht, mich zu überreden, und eine Viertelstunde später saß ein junger, schweigsamer Araber mit Turban in der Küche vor mir, streifte sich Handschuhe über, setzte mir eine Spritze und nähte die Wunde. Hilde gab ihm Geld im Flur; ich hörte sie noch leise etwas sagen, aber da war ich schon so benommen, dass es mich nicht mehr wirklich interessierte. Ich habe sie auch später nie gefragt, wer das eigentlich war, und wieso er sich zu diesem doch etwas merkwürdigen Hausbesuch bereiterklärt hatte.
Hilde packte mich in ein quietschendes Bett, das unter einer Dachschräge stand, unter ein so dickes Federbett, dass ich nur dann darüberblicken konnte, wenn ich es schaffte, den Kopf anzuheben. Als Krankenschwester war sie großartig. Am Nachmittag des nächsten Tages sah ich, dass sie meine Kleider gewaschen und geflickt hatte. Meine Bluse war am Ärmel zerrissen gewesen und mein Rock völlig mit Erde verkrustet – ordentlich gebügelt lagen sie über einem Stuhl, zusammen mit frischer Wäsche aus weißem Leinen und glänzenden langen Nylonstrümpfen mit Spitzenrand und Strapsgürtel.
Daneben standen die Holzschatulle, die ich dabeigehabt hatte, und meine Handtasche. Das war alles, womit ich gekommen war.
Zu dem Zeitpunkt dachte ich, Hilde sei vielleicht Kostümbildnerin, aber als sie mit einem Tablett hereinkam und mir einen Teller dampfenden Milchreis vorsetzte, erzählte sie mir, dass sie Kurse in einem Stadtteilzentrum gebe.
»Von jeder Sorte Hilfe etwas«, sagte sie, »Nähen, Rechtsberatung, Lebenshilfe, Turnen, Nachhilfe, Deutschunterricht, Erste Hilfe.«
»Aber was machen Sie beruflich?«, hakte ich nach.
»Hilde. Wir sollten uns wirklich duzen, Marei.« Sie küsste mich mit flaumig weichen Lippen etwas länger als unbedingt nötig auf die Wange, direkt unter die große Schramme, während sie ihre Hand warm und leicht um meinen Hals legte.
Ich überlegte währenddessen, woher sie meinen Namen kannte, aber natürlich hatte sie in meinem Ausweis nachgesehen.
»Du kannst hierbleiben«, sagte sie.
Ich drückte ihre Hand und nickte. »Erst mal, bis ich weiß, wie es weitergeht. Vielen Dank.«
Davon wollte sie nichts wissen: »Ach was, es ist ein Glück für mich, dass du jetzt da bist. Ein echtes Glück.« Aber da war ich auch schon fast wieder eingeschlafen.