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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Buch
Nach zwanzig Ehejahren hält Claudia es bei Victor, ihrem selbstgerechten, geizigen und untreuen Mann, einfach nicht mehr aus. Wer etwas losläßt, hat zwei Hände frei – denkt sie sich und schickt Victor endlich in die Wüste. Doch es ist gar nicht so leicht, auf eigenen Füßen zu stehen: Claudia hat keine abgeschlossene Ausbildung, und der erboste Victor zahlt ihr zunächst keinen Pfennig Unterhalt. Ihr Wunschtraum, einen Roman zu schreiben, rückt erst mal in weite Ferne. Dennoch genießt sie ihre neu gewonnene Freiheit. Zum ersten Mal erfährt sie, was das heißt: ein Zimmer für sich allein …

Autorin
Mit ihren charmant-boshaften Romanen hat sich Claudia Keller seit Jahren in die Herzen ihrer Leserinnen geschrieben. Ihre Bücher erobern regelmäßig die Bestsellerlisten, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und erreichen inzwischen eine Gesamtauflage in Millionenhöhe. Die Verfilmungen ihrer Erfolgsromane wurden im ZDF alle mit überwältigenden Zuschauerquoten ausgestrahlt.
 
Weitere Romane von Claudia Keller bei Blanvalet:
Ich schenk dir meinen Mann! (43595)
Einmal Himmel und retour (35052)
Unter Damen (35373)
Liebling, du verstehst mich schon … (35733)
Die Vorgängerin (gebundene Ausgabe, 0035)

Für Lore, die immer sagt,
man müsse mit der Zeit gehen!

ERSTER TEIL
Aufbruch
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Hermann Hesse

Unsere Zweifel sind Verräter am Guten, das wir oft erringen könnten, wenn wir den Versuch nicht fürchten würden!
Shakespeare
So wird man unglücklich!
 
 
Als ich Victor mitteilte, daß ich beschlossen hätte, mich von ihm scheiden zu lassen, sah er kurz von seiner Zeitung auf und meinte trocken, ich solle ruhig gehen, wenn es mir nicht mehr passe, früher oder später würde ich ja doch auf allen vieren zurückgekrochen kommen. Dann vertiefte er sich in die Sportnachrichten.
»Hört mal, ich will mich scheiden lassen«, sagte ich wenig später zu meiner weiblichen Verwandtschaft, deren Erziehung dazu beigetragen hat, daß ich mich in meiner Ehe nie so ganz glücklich fühlte. Doch zu meinem Erstaunen brachen sie nicht in jene jubelnden Hochrufe aus, mit denen ich fest gerechnet hatte, sondern sahen sich verlegen an und machten allerlei Einwände, wobei die Fragen: »Hast du dir das Ganze denn auch wirklich gut überlegt?« und »Wovon gedenkst du denn zu leben?« variiert wurden. Dann bekam ich zu hören, daß Victor als typischer Ehemann wohl so seine Macken habe, im großen und ganzen aber doch ein recht verträglicher Mensch sei, wenn man davon ausgehe, daß er mich niemals grün und blau geschlagen noch gezwungen habe, mit einem Wesen vom Kaliber einer Brigitte Bardot Tisch, Bett und Sparkonto zu teilen. Auch habe er nie im Zuchthaus gesessen oder harmlose Spaziergängerinnen ins Gebüsch gezerrt, alles Dinge, die doch positiv zu bewerten seien, wenn man mal bedächte, daß er doch schließlich ein richtiger Mann sei.
Dies alles zu hören erstaunte mich nicht wenig, denn über dreißig Jahre hatte ich eigentlich von ihnen nur das eine vernommen: daß nämlich Männer unnütze, um nicht zu sagen gefährliche Wesen sind, und man sich als Frau tunlichst von ihnen fernzuhalten hat. Habe man sich, einem fatalen Irrtum zufolge, jedoch breitschlagen lassen, mit einem von ihnen die Ehe einzugehen, so gebe es ja glücklicherweise die wunderbare Möglichkeit, den lebensgefährlichen Fehler schnell wieder rückgängig zu machen und sich scheiden zu lassen, und das klügste sei folgerichtig eigentlich, die Scheidung gleich mit der Hochzeit in einem Aufwasch zu erledigen, denn früher oder später komme es ja doch dazu.
 
Für die weiblichen Mitglieder meiner Sippe hätte die ganze Emanzipationswelle eigentlich gar nicht stattzufinden brauchen, denn sie waren bereits emanzipiert, noch ehe sie überhaupt geboren waren, und daß ihr Bauch ihnen gehörte, war eine Tatsache, an der sie nie gezweifelt hatten.
Dieser Umstand war bereits meiner Urgroßmutter Ellen, genannt Oo, bestens bekannt gewesen, denn kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag verließ sie ihren Ehemann Karle, weil sie die zweifelhafte Gemütlichkeit des ehelichen Bettes nicht länger ertrug und das Gelüst verspürte, in Düsseldorf die Kunstakademie zu besuchen und Akt- und Porträtmalerei zu studieren, anstatt weiterhin zum Damenkränzchen zu gehen und Überschlaglaken und Paradekissen mit Knötchenstickerei zu verunzieren.
Sie verließ ein geordnetes Leben, einen geordneten Haushalt, eine gepflegte Villa mit Dienerschaft und Pförtnerhaus und mietete sich statt dessen in einem zugigen Atelier ein, in dem ein qualmender Kanonenofen mehr schlecht als recht den Raum erwärmte.
Karle starb wenig später sehr taktvoll an gebrochenem Herzen. Wenn die Rede auf ihn kam, so pflegte Oo zu bemerken: »Ich hab’ ihm zwei schöne Töchter zu verdanken, die ich ohne ihn nicht so gut hingekriegt hätte, aber als sie erst mal da waren, hätte Karlemann sich gern verabschieden und mir seine tolpatschigen Annäherungsversuche ersparen können. Wie gut, daß ich stures, märkisches Blut in den Adern und ein stabiles Rückgrat habe, sonst hätte ich die Jahre mit Karlemann ganz sicher nicht ertragen, ohne langsam, aber sicher zu verblöden.«
Mit Reden dieser Art wuchsen die Früchte von Karlemanns Bemühungen, Klärchen, genannt die Dede, und ihr zwei Jahre jüngeres Schwesterchen Illi heran. Illi widerstand jeglicher Annäherung von männlicher Seite außerordentlich lange, bis sie im Alter von 49 Jahren in einem kurzen Anfall geistiger Verwirrung Otto-Werner heiratete, einen charmanten Lebemann, der zehn Jahre jünger als sie und in der Damenwelt unter dem Namen »der flotte Djigi« bekannt war. Einmal verheiratet, wurde aus dem flotten Djigi »das Leinchen«, in Abkürzung von Djigilein, Djigichen, wie er von Illis Vorgängerinnen gern genannt worden war, und das flotte Draufgängertum und die Gewohnheit, stets eine weiße Nelke im Knopfloch zu tragen, hörten schlagartig auf. Leinchen machte am Hochzeitstag noch einen jugendlichen, beschwingten Eindruck, verlor jedoch bald an Lebenskraft und verbrachte eigentlich den ganzen Tag im Bett, wo er sich jedoch nicht mehr, wie in früheren Zeiten, amourösen Spielereien hingab, sondern – höchst unattraktiv anzusehen – in den Kissen ruhte und allenfalls mit kläglicher Stimme nach Nahrung und der Tageszeitung verlangte, bis er irgendwann überhaupt nicht mehr aufstand, woraufhin Illi ihn kurzerhand ins Gästezimmer verfrachtete, wo er unter dem unrühmlichen Namen »die Puppa« den Rest seines Lebens von früherem Draufgängertum träumte.
Karlemanns zweites Töchterchen, die Dede, hatte sich romantische Neigungen erlaubt und im Zuge dieser einen schönen, stolzen Mann geheiratet, welcher bis aufs Haar dem gängigen Schönheitsideal entsprach und mit dem durch die Stadt zu gehen ein wahres Vergnügen war. Er war über einsneunzig groß, blauäugig und ritterlich. Jedenfalls war er ritterlich, bis er verheiratet war, dann ließen seine Ritterlichkeit und Dedes Sinn für Romantik schlagartig nach, und mit ihm in die Stadt zu gehen war alles andere als ein Vergnügen, denn erstens weigerte er sich standhaft, sich von Dede für diese Ausgänge feinmachen zu lassen, zweitens grüßte er reichlich viele Damen, die Dede noch nie im Leben gesehen hatte, und drittens neigte er dazu, mit einer raschen Hüftdrehung bei »Eddi« oder im »Biereck« zu verschwinden, sobald Dedes Aufmerksamkeit mal für Sekunden nachließ.
Die beiden führten eine Ehe, in der täglich die Klingen gekreuzt wurden, bis der Kampf schließlich unentschieden ausging, weil Dede im Alter von achtzig Jahren starb.
In den wenigen Augenblicken ihrer fünfzig Jahre währenden Ehe, in denen sie ihren ebenso lange dauernden Streit einmal unterbrochen hatten, waren zwei liebreizende Töchter entstanden, Lissi, später T. L. genannt, und meine Mutter Soldi. Lissi hatte sich die verschiedenen Ehespiele der Sippe so betrachtet und war bereits im Vorschulalter zu der Überzeugung gekommen, daß es für sie lohnendere Ziele geben müsse, als auf allen vieren kriechend das Bad zu putzen, nachdem irgendein widerlicher Typ (der just in diesem Augenblick irgendwo in der Welt die Hosen naß machte oder den Spinat auf das Tischtuch spuckte) darin geduscht hatte. Ein regelmäßiges Gehalt, ein gut bestücktes Konto und eine anständige Rente waren, so fand sie, einem Ehemann unbedingt vorzuziehen. Sie blieb bei Dede, trat eine Stelle bei der Verkehrsgesellschaft an, verdiente ihr eigenes Geld, legte es gut und sicher an, schloß Zusatzrenten und Lebensversicherungen ab, unterstützte Dede im Ehekampf, als deren Kräfte nachzulassen drohten, und hielt unverdrossen Ausschau nach weiteren Beispielen weiblichen Siechtums infolge männlicher Vorherrschaft.
Soldi dagegen tanzte aus der Reihe. Zum Entsetzen der weiblichen Familienmitglieder fand sie Männer eigentlich ganz nett, und mit so langweiligem Kram wie Rente und Zusatzversicherung wollte sie sich schon gar nicht beschäftigen, sosehr ihr die Schwester das geradezu überirdische Glück, in dessen Genuß sie mit 62 Jahren kommen würde, wenn sie bis dahin nur tapfer und verzichtbereit und ohne nach links und rechts zu schauen arbeiten würde, auch anpries. Sie wurde erst Ballettschülerin und später an das Dortmunder Theater engagiert und schaute links und schaute rechts und entdeckte beim munteren Umherschauen auch den Mann ihrer Träume, einen Schauspieler, dessen Blick ihr ausnehmend gut gefiel. Da man sich nun einmal entdeckt hatte, wurde auch rasch geheiratet, und Soldi war es schnurzegal, daß sich ihre Schwester bei der Eröffnung, eine Hochzeit stünde ins Haus, mit allen Anzeichen des Ekels abwandte und anstelle einer Gratulation der zukünftigen Ehefrau kurz und prägnat mit dem Zeigefinger gegen die Stirn tippte, derweil Dede »huch« schrie und sich mit einem Schwächeanfall ins Bett legte, Illi jedoch Erkundigungen einzog, wie hoch die derzeitigen Scheidungskosten waren.
 
Kurze Zeit später wurde ich geboren. Wenn die Männer in unserer Familie im allgemeinen auch wenig geschätzt waren und man ihnen im Sinne der berüchtigten Gottesanbeterin nach dem Liebesakt am liebsten den Garaus gemacht hätte, so wurde ihre Fähigkeit, niedliche kleine Frauenspersonen zu fabrizieren, doch sehr geschätzt und des öfteren rühmlich erwähnt. Ich wurde zu Dede und Lissi in Pflege gegeben, und als ich erst mal ins lernfähige Alter gekommen war, unterrichtete mich Dede bis zu neun Stunden täglich über die Dinge des Lebens, und wenn T. L., wie ich sie nannte, später aus dem Büro nach Hause kam, so unterrichtete sie mich ihrerseits über die Dinge des Lebens, bis mir vor Erschöpfung die Augen zufielen.
»Ist genug für heute, Mutter«, hörte ich sie dann noch sagen, während sie meinen schlaffen Körper ins Bett trug. »Morgen früh hämmerst du ihr dann noch einmal ein, daß sie niemals mit einem Mann mitgehen darf, und laß es sie wenigstens hundertmal wiederholen, bis du ganz sicher sein kannst, daß es sitzt.«
Die Dinge, die mir so nachhaltig eingetrichtert worden sind, daß ich sie niemals vergessen werde und sie noch im Zustand der Bewußtlosigkeit herunterlallen würde, wenn man mir nur das Stichwort laut genug ins Ohr brüllt, sind deren drei:
1. Trinke niemals Wasser, wenn du Gurkensalat gegessen hast, weil man sonst entsetzlich leidet und schließlich qualvoll stirbt.
2. Berühre niemals die Blüte des wilden Fingerhutes, denn das Gift dieser Pflanze könnte in den Mund geraten, woraufhin man entsetzlich leidet und schließlich qualvoll stirbt.
3. Laß niemals, auch nicht in Ausnahmefällen, ein männliches Wesen in deine Nähe, weil man sonst als direkte Folge dieser Unachtsamkeit entsetzlich leidet und schließlich qualvoll stirbt oder doch zumindest lebenslänglich dahinsiecht.
Die Ratschläge, auf Gurkensalat niemals Wasser zu trinken und an dem wilden Fingerhut stets in respektvoller Entfernung vorbeizugehen, habe ich immer beherzigt. Was den letzten Ratschlag allerdings angeht, den mir die guten Feen gaben, so muß ich gestehen, daß es mir geradeso wie dem unachtsamen kleinen Mädchen im Märchen erging, das es nicht lassen konnte, eines Tages die bewußte verbotene Tür zu öffnen, vor der es die gute Fee doch so eindringlich gewarnt hatte, jene Fee, welche überdies die schönsten Belohnungen in Aussicht gestellt hatte für den, der der Versuchung trotzig widerstand. Dabei war es mir anfangs noch relativ leicht gefallen, an der verbotenen Tür vorbeizugehen und sogar den heimlichen Blick durch das Schlüsselloch zu unterlassen.
Umgeben von einer stolzen Riege männerfeindlicher Weibsbilder, die keine Gelegenheit ausließen, mich auf dahinsiechende Frauen aufmerksam zu machen, Frauen, die noch vor kurzem bildschöne, strahlende Geschöpfe gewesen waren, bis irgendein Heinz oder Udo ihrem herrlichen Leben ein Ende bereitet hatte, wäre es mir in meinen Mädchenjahren niemals in den Sinn gekommen, daß Männer noch irgendeiner anderen Beschäftigung nachgehen könnten als der, unschuldige Mädchen vor den Altar zu locken und sie dann gleich nach der Trauung lebenslänglich in die Knie zu zwingen. Diese miesen Typen anzuhimmeln oder gar von ihnen zu träumen, wäre mir ebenso lächerlich erschienen wie etwa das Ansinnen, dem Nußbaumschrank im Wohnzimmer Liebesbriefe zu schreiben oder beim Anblick einer Bierflasche lustvoll zu seufzen.
Leider sollte es im Laufe der Zeit nicht vermeidbar sein, daß ich anfing, selbständig zu denken und die Reihe der unberührbaren Dinge eigenmächtig zu vervollständigen. Ich fügte still und leise und ohne groß zu fragen meine Schulbücher hinzu. Dies war nun weniger erwünscht, da sie ja schließlich das erste Glied jener Kette bildeten, deren letztes dann das sorgenfreie Alter nebst Rente und Zusatzversicherung gewährleistete. Mich interessierte das sorgenfreie Alter nicht im geringsten, und die Bücher blieben auf dem Bücherregal, und nichts auf der Welt hätte mich dazu bewegen können, den langweiligen Kram jemals zur Hand zu nehmen.
»Du wirst eines Tages noch in’nem möblierten Zimmer enden und Sozialhilfe beziehen«, mutmaßte T. L., »wenn du nicht ganz auf die schiefe Bahn gerätst und Ehefrau wirst«, womit sie meine traurige Zukunft ziemlich genau charakterisiert hatte, auch wenn ich in Umkehrung der Reihenfolge zuerst Ehefrau wurde und dann als Sozialhilfeempfängerin in dem möblierten Zimmer landete, doch das wußten wir damals noch nicht.
Zunächst einmal vermied ich, wie mir geheißen, Gurkensalat mit Wasser, den wilden Fingerhut und die männliche Gesellschaft, versagte, da ich die Schulbücher ebenso geflissentlich mied, in mehreren Schulen, beehrte schließlich in der Eigenschaft eines Schneiderlehrlings den Modesalon »Alwi Mess« mit meiner Gegenwart und fühlte mich, da ich den wirklich gefährlichen Dingen des Lebens ja geschickt aus dem Wege ging, eigentlich ganz wohl, auch wenn T. L.s Mahnungen, was Rente und Lebensversicherung betrafen, dringlicher wurden.
Aber dann öffnete ich die besagte verbotene Tür, und Victor lag dahinter bereits auf der Lauer, um mir Dinge zu zeigen, von denen ich bislang nur recht verschwommene Vorstellungen hatte.
Als ich meiner Familie mitteilte, daß ich vorhätte zu heiraten, befand man sich gerade in jener Starre, die der Erkenntnis folgt, daß sich das Kind, auf das man sämtliche Hoffnungen gesetzt hatte, durch eine geradezu erschreckende Talentlosigkeit auf allen Gebieten auszeichnet (wenn es sich überhaupt irgendwo auszeichnete) und sich die aufkommende Gewißheit, diesen Versager vielleicht lebenslänglich auf dem Hals zu haben, drückend auf die Seele legt.
So war dann der Schock, der der Eröffnung, daß ich heiraten wollte, folgte, nicht ganz so groß.
Ich war damals neunzehn und Victor zwanzig.
Er war schön, groß, blauäugig, ehrgeizig und außerordentlich schweigsam und hinterließ bei seinem ersten offiziellen Besuch den angenehmen Eindruck, daß er das Familienleben sicher nicht weiter stören würde und später ja den Platz von »Puppa« einnehmen könnte, der kürzlich gestorben war. Akutes Siechtum meinerseits war jedenfalls nicht zu befürchten, und wenn alle Stricke reißen sollten, so könnte man ja die Scheidung einreichen. Was außerdem sehr zu Victors Gunsten ausfiel, war die Tatsache, daß er fast niemals den Mund öffnete, um etwa ein Sätzchen zu formen, das über einige Brummlaute und kurzgefaßte Meinungskundgebungen wie »ja«, »nein« oder »finde ich nicht!« hinausging. Da in unserer Sippe alle außerordentlich redselig sind, sich gegenseitig ständig ins Wort fallen und überschreien und den anderen nur dann zu Worte kommen lassen, wenn dieser sich mit gezückter Pistole Gehör verschafft, empfand ich es als wohltuend, endlich jemanden gefunden zu haben, der mich niemals unterbrach und den Anschein erweckte, die Fähigkeit zu besitzen, mir Tage, was sage ich, Jahre, vielleicht sogar ein ganzes Eheleben lang zuzuhören. Heute glaube ich, daß es eben diese Fähigkeit war, der zufolge ich freudig nickte, als dieser schöne, schweigsame Junge eines Abends (ich hatte gerade den fesselnden Bericht aus dem Leben eines Schneiderlehrlings kurzfristig unterbrochen, um mir die Nase zu putzen) plötzlich und unerwartet ein Lächeln auf seine Lippen zauberte und diese sodann zu einem Wort formte: »Heiraten?« fragte er.
»Gern!« antwortete ich.
 
Heute kommt es mir so vor, als wenn unsere Ehe eigentlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen wäre und es eine wirklich bewundernswerte Leistung darstellt, daß wir tatsächlich 19 Jahre miteinander verheiratet waren, ohne uns gegenseitig umzubringen oder doch wenigstens den Versuch zu unternehmen.
Daß wir überhaupt so lange über die Runden gekommen sind, lag wahrscheinlich daran, daß Victor es von Anfang an vermieden hat, mir vorzugaukeln, daß das Leben an seiner Seite ein beschwingtes Vergnügen sei, nach dem sich Tausende von Frauen die Finger lecken. Victor ist in diesem Punkt außerordentlich ehrlich, und Versprechungen gleich welcher Art sind ihm zutiefst zuwider. So war meine Enttäuschung nicht allzu groß, als ich gleich nach der Hochzeit zur Kenntnis nehmen mußte, daß Victor für romantischen Blödsinn wie Liebesgeflüster, kleine Schelmereien oder etwa das Erfinden von Kosenamen keine Zeit und für unnützen Quatsch wie Hochzeitsreisen, Blumen, Kinokarten und jeglichen Weiberkram (womit er jeden Gegenstand meinte, der von der Industrie zum speziellen Gebrauch von Frauen auf den Mark gebracht wird, angefangen vom simplen Strumpfhöschen bis hin zum blauen Chinchilla) keinen Pfennig übrig hatte. Und da ich gar nicht erst die Hoffnung hegte, auf Rosen gebettet oder gar auf Händen getragen zu werden, hatte ich, im Gegensatz zu den meisten Frauen, mit Enttäuschungen dieser Art nicht zu kämpfen.
Nein, es war etwas anderes, das unserem Glück im Wege stand. Den ersten Schock erlebte ich, als ich Victor – es geschah so im zweiten oder dritten Ehejahr – zum erstenmal sprechen hörte und traurig feststellen mußte, daß sich seine Themen ausschließlich um die Firma, das Haushaltsgeld und den Sport drehten und darum, wie unnütz, um nicht zu sagen gefährlich, die Frauen sind, und es Zeit wird, etwas zu erfinden, das ihre Anwesenheit auf Erden ein für alle Mal überflüssig macht.
Diese Aussage stürzte mich in Verwirrung, bis ich dahinterkam, daß Victor haargenau dieselbe Erziehung genossen hatte wie ich selbst, nur daß es in seinen Lehrbüchern die Frauen gewesen waren, die den Männern Siechtum gebracht hatten, und nicht umgekehrt. Victor war in dem Glauben erzogen, daß es die Weiber von frühester Jugend an darauf anlegen, einen Idioten zu finden, der bereit ist, sich lebenslänglich für sie abzurackern, derweil sie selbst das Dasein in duftenden Schaumbädern liegend genießen und anschließend, hingegossen auf ein flauschiges Tigerfell, ihren Liebhaber erwarten oder bestenfalls stundenlang mit ihrer Freundin telefonieren. Hören sie den müden Schritt des Gatten nahen, so erheben sie sich geschwind, legen das Gesicht in Falten, streichen sich mit einer erschöpften Geste das Haar aus der Stirn und stöhnen, daß sie den ganzen Tag vor lauter Schufterei nicht zum Kochen gekommen seien, ehe sie eine Dose öffnen und deren Inhalt lieblos auf einen Teller klatschen. Während nun der von seinem Beruf schwer mitgenommene Mann mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf den Fraß in sich hineinschaufelt, darf er sich anhören, wie teuer doch alles geworden ist und daß die tausend Mark Haushaltsgeld, die er erst gestern ausgezahlt hat, leider für Suppengrün und Waschpulver draufgegangen sind. Hatte man dagegen eine Frau erwischt, die selbst berufstätig war, so mußte man Sorge tragen, daß sie einen nicht in den Schatten stellte und sich allabendlich mit Überstunden herausredete, um den Trottel von Ehemann ungestört mit dem Abteilungsleiter betrügen zu können, derweil besagter Trottel die Wäsche bügeln und den Mülleimer hinaustragen darf.
Gab sich das Weib dagegen häuslich und äußerte den Wunsch, ein Kindlein würde das Glück doch erst komplett machen, so war allergrößte Vorsicht am Platze, denn die listigen Weibsbilder neigen dazu, sich später mit dem Kindlein gegen den Papa zu verbünden und diesen zum Arbeitstier und heimlich belächelten Packesel zu degradieren, und die Reihe der Windelpakete, Stofftiere, Drei-, Zwei- und Vierräder, Zuckerstangen, Jeanshosen, Nickis, Luftballons, Zeichenstifte und Landschulheimaufenthalte, welche der Ankunft des Kindleins auf dem Fuße folgt, ist endlos und verschlingt astronomische Summen. Die sinnlosen Gegenstände, für die das sauer verdiente Geld draufgeht, überfluten schließlich das ganze Haus, so daß man kein einziges freies Plätzchen mehr findet, auf das man sein müdes Haupt betten könnte. Und wenn die Familie es endlich geschafft hat, einen ins Grab zu treiben, dann verpulvert sie jubelnd auch noch den Notgroschen, den man sich in der wahnwitzigen Hoffnung, sich vielleicht irgendwann einmal auch eine kleine Freude zu gönnen, beiseite geschafft hat.
Natürlich gab es auch andere Typen, die einem, wie Victor frühzeitig gelehrt worden war, das Leben restlos vergällen. Da gab es die spießige Hausfrau, die ihr Heim bei weitem mehr liebt als den Packesel, der ihr das Heim geschaffen hat, und die niemals gestattet, daß man während des Fernsehgenusses die Beine hochlegen oder etwa das Sofakissen verknüllen darf; da ist die sparsame Wirtschafterin, mit der man es zwar frühzeitig zum Eigenheim bringt, deretwegen man aber das Rauchen einstellen muß, weil sonst die zwei Mark Taschengeld nicht reichen, die sie einem allwöchentlich in die Hand zählt; da ist die Intellektuelle, die die unangenehme Angewohnheit hat, bei jedem Sätzchen, das man sich zu sagen traut, mit hochgezogenen Augenbrauen ironisch zu lächeln, und das an sich ganz niedliche Dummchen, das mit seinen Bemerkungen leider verhindert, jemals den Chef mit nach Hause bringen zu können.
Anstatt uns also glücklich ins Öhrchen zu flüstern, wie schön das Eheleben doch sei, und wertvolle Zeit mit albernen Liebesbeteuerungen zu vergeuden, beäugten wir uns vom Hochzeitstage an mißtrauisch aus den Augenwinkeln, um festzustellen, welchen der angezeigten Typen wir denn nun erworben hatten und entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen, und es dauerte gar nicht lange, da hatten wir den anderen dann auch identifiziert:
Victor war ein zum Geiz neigender, mauliger Pascha und ich eine grünäugige, spitzzüngige Schlange, die immer das letzte Wort haben will und das Geld zum Fenster hinauswirft.
Nachdem wir diesen grundsätzlichen Punkt erst einmal geklärt hatten, begannen wir unser Eheleben.
Victor ließ sich nicht lumpen und machte es seinen Vorgängern nach, indem er eine sehr niedliche Miniemanze produzierte, die von den großen Emanzen jubelnd in Empfang genommen wurde. Die folgenden Jahre nutzte er dann, in seiner leisen, unauffälligen Art eine leise, unauffällige Karriere zu starten, und ich gab meinen eigentlichen Wunsch, Kostümbildnerin zu werden und die Theaterwelt mit immer neuen Kreationen in Atem zu halten, wortlos auf, obwohl ich die schlimme Zeit der Schneiderlehre eigentlich nur mit diesem Wunsch vor Augen hinter mich gebracht hatte. Ich widmete mich also, weniger emanzipatorischen als traditionellen Leitbildern folgend (und vor allem auch aus dem Grunde, weil Victor klipp und klar gesagt hatte, er würde lieber sterben, als sich von mir zur Mithilfe im Haushalt zwingen zu lassen), Kathrines Erziehung. Ich hielt mich stets in Rufnähe und gab nach und nach sämtliche außerhäusigen Interessen auf, was immer günstig ist, weil die Miniemanze dann nämlich von frühester Jugend an mitkriegt, daß auch eine Mutter, die Simone de Beauvoir liest, selbst keinen intimeren Freund als ihren Staubsauger hat, mit dem sie nicht nur sehr viel Zeit, sondern nach einigen Jahren auch das geistige Niveau teilt.
Als Kathrine größer wurde und mich eigentlich nicht mehr so sehr brauchte (was erschreckend früh der Fall war), mußte ich dann gewaltige Anstrengungen unternehmen, um meine immer größer werdende Unzufriedenheit zu bekämpfen und nicht eines Tages zu jenen Frauen zu gehören, die mit allen Tricks versuchen, ihre Kinder an sich zu fesseln, und doch ohnmächtig mit ansehen müssen, wie die einzige Aufgabe, die sie jemals hatten, unaufhaltsam aus ihrem Leben hinauswächst. Ich besuchte also jegliche Art von Volkshochschulkursen, lernte Autofahren und rannte zur Gymnastikstunde, las beinahe täglich ein Buch und schrieb schließlich selbst zwei Bücher, in denen ich das beschwingte Leben an Victors Seite schilderte, aber unser Eheleben war immer müder und immer trostloser geworden und beschränkte sich schließlich auf ein knappes »Hallo«, wenn wir uns gelegentlich im Flur trafen.
Dann wurde Kathrine richtig erwachsen, und ihre Sätze begannen immer häufiger mit der beiläufigen Bemerkung: »Nach dem Abi, wenn ich ausgezogen bin«, und ich war beinahe vierzig und dachte, daß es weiß Gott an der Zeit sei, ebenfalls meinen Auszug und den Beginn eines neuen Lebens vorzubereiten, wenn ich nicht eines Tages zu jenen miesen Schrauben gehören wollte, die das Zusammensein mit der erwachsenen Tochter dahingehend ausnutzen, ihr immer und immer wieder zu erzählen, was der Papa in der vergangenen Woche wieder angestellt hat, und lüstern auf das erste Enkelkind zu warten, das sie dann wie ein lange entbehrtes Spielzeug an sich reißen.
Ich spürte die Gefahr, in die Falle hineinzutappen.
Obwohl er in den letzten Jahren immer wieder behauptet hatte, ich solle mir ja nicht einbilden, daß er mich zu irgend etwas brauche, stand Victor meinem Scheidungswunsch letztendlich ablehnend gegenüber und verkündete nun, ich solle ja nicht glauben, seine Zustimmung oder jemals einen einzigen Pfennig Unterhalt zu bekommen.
Kathrine meinte, sie würde mich verstehen, und je eher ich auszöge, desto eher könne ich damit beginnen, ein neues Leben anzufangen. Sie riet mir mit einigem Enthusiasmus zum sofortigen Neubeginn, und ich glaube, die Angst, anderenfalls lebenslänglich »wieder gutmachen zu müssen, was der Papa der Mama angetan hat« (ein Schicksal, welches ja viele nette Töchter netter Mütter ereilt), saß ihr ebenso in den Knochen wie mir.
Meine weiblichen Familienmitglieder jedoch, deren zum kritischen Denken anregende Erziehung ja eigentlich der Nährboden meines hanebüchenen Verhaltens bildete, schauten betreten drein. Mit ihrer niemals nachlassenden Bereitschaft, sich Victors schändliche Taten anzuhören und mich wahlweise zu bedauern oder aber zu bewundern ob des Mutes, mit welchem ich diese schändlichen Taten ertrug, hätte ich lebenslänglich rechnen können, die Zustimmung zur Beseitigung des Problems (und zur Aufgabe eines liebgewordenen Themas) zu geben, war eine ganz andere Sache.
»Ja, und was wird aus dem Kind?« fragte man.
»Das Kind ist doch erst achtzehn.«
»Und wovon willst du leben?«
»Und wohin wirst du gehen?«
»Du wirst doch wohl hoffentlich in unserer Nähe bleiben und das Kind mitnehmen!«
»Und hast du dir schon einmal überlegt, was ist, wenn Victor keinen Unterhalt zahlt und es für die Ergreifung eines Berufes zu spät ist? Und wie peinlich das alles dann sein wird?«
Ich beruhigte die Gemüter damit, daß man ja später leicht behaupten könnte, zur Entfaltung des Genies, welches man einst besessen habe, sei es zu spät gewesen, da große Teile davon während der Ehe zerstört worden seien, und daß mir die Möglichkeit des Zurückkriechens auf allen vieren ja immer noch offenstünde, falls alles andere versagte.
Auch versuchte ich klarzumachen, daß es sich bei dem Gedanken, mich von Victor zu trennen, ja keineswegs um eine Spontanidee handelte, die mir heute morgen beim Zähneputzen eingefallen war.
Aber dann fand sich doch noch ein Trumpf-As, in Form eines Problems, mit dem ich mich noch nicht beschäftigt hatte und auf das ich daher keine Antwort wußte.
»Und was ist mit Weihnachten?« fragte jemand.
Das war am 31. März.

Hundert Menschen sprechen für einen, der denkt.
John Ruskin
Kein Geld, keine Wohnung, keine Stelle, kein gesellschaftliches Ansehen oder Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
 
 
Es besteht ein gewaltiger Unterschied darin, ob man hier und da verlauten läßt, daß man die ewige Bevormundung seines Ehemannes herzlich leid sei und seinen geradezu krankhaften Geiz und/oder letzten Seitensprung eigentlich damit beantworten müßte, unverzüglich die Scheidung einzureichen, oder ob man vor seine Gemeinde tritt und kühn zur Kenntnis gibt, nun sei es soweit, für morgen habe man einen Termin beim Anwalt.
Dieselben Leute, die einem früher die Stange hielten, indem sie einem in allen Punkten recht gaben und in das Lied der geknechteten Ehefrau freudig mit einstimmten, weichen bei der Ankündigung, daß man im Begriff stünde, die Prophezeiungen in die Tat umzusetzen, ebenso entsetzt zurück, wie dies etwa die Kollegin im Büro täte, wenn man ihr eines Tages mitteilte, das ewige Gejammer über den miesen Charakter des Chefs habe man satt, und ihr den Dolch zeigt, mit dessen Hilfe man das Problem ein für alle Mal aus dem Weg schaffen will. Als ich verlauten ließ, daß ich im Begriff stünde, die eheliche Gemeinschaft aufzulösen und mitnichten zu warten, bis daß der Tod uns scheidet, machte man nicht nur in der eigenen Familie einen diskreten Rückzieher, auch mein weiblicher Bekanntenkreis reagierte geradeso, als ob ich ein mieser Typ wäre, der aus dem amüsanten Gesellschaftsspiel »Hasch den Räuber«, bei dem wir uns gefunden und so außerordentlich wohl gefühlt hatten, eine bierernste Tragödie inszenieren wollte, und ihnen künftig »der dritte Mann« für die Runde fehlen würde. Auch hier bekam ich den Rat, es mir doch lieber noch einmal gründlich zu überlegen.
»An sich« war Victor doch ganz nett.
Ich hatte doch ein gesichertes Dasein, eine wunderschöne Wohnung, einen eigenen Wagen und so viele freie Stunden, wie sich ein Mensch nur wünschen kann. Kurz, »an sich« ging es mir doch geradezu unverschämt gut. Außerdem bekam ich zu hören, daß es schließlich überall mal ein Problem gebe, daß es keinen Sinn habe, alles einfach hinzuwerfen und abzuhauen, und ich mir um Gottes willen nicht einbilden solle, in meinem »neuen« Leben auf Rosen gebettet und von aller Mühsal befreit zu sein.
Im Gegenteil! »An sich« war ich doch ziemlich verwöhnt, nicht gewohnt, einer geregelten Arbeit nachzugehen, ganz abgesehen davon, daß ich ja gar keine Arbeit hatte und nicht die geringste Aussicht bestand, jemals eine zu bekommen.
Keinen Job, keine Wohnung, kein Geld, keine nennenswerten Talente und keinen neuen Mann, der bereit war, nun seinerseits für mich ackern zu gehen, um mir sein Herz, sein Gehalt und später Rente und Lebensversicherung zu Füßen zu legen, und sooo jung war ich ja auch nicht mehr.
»Wieso?« fragte ich pikiert.
»Ja, glaubst du denn im Ernst, daß du noch immer so taufrisch aussiehst, wenn du nach neunstündiger Fabrikarbeit hundemüde in dein möbliertes Zimmer schleichst?«
Dann bekam ich furchtbare Berichte von Frauen zu hören, die einer kleinen Verfehlung seitens des Ehemannes wegen kopflos die Flucht ergriffen hatten; z. B. von einer, die ein sicheres, warmes, gut behütetes Leben unbedacht aufgab und Jahre später als Klofrau in jenem Nobelhotel wieder auftauchte, in dem sie einst, als Frau Schulze-Berkenrath, die Kellner hatte springen lassen. Nun durfte sie der neuen Frau Schulze-Berkenrath die Klobrille abledern und hatte nur Glück, daß sie niemand erkannte, so abgehärmt und graugesichtig, wie sie aussah.
»Abhauen is nich«, faßte Liz, mit der ich die ganze Ehemisere besonders gern und besonders häufig durchgesprochen hatte, die Angelegenheit kurz und prägnant zusammen. »Kannst deinem Schicksal nämlich nicht entgehen, das Schicksal kommt hinterher«, was mir stark nach eifriger Gazettenlektüre klang.
Wenn man ernsthaft vorhat, sich scheiden zu lassen, sollte man Gesprächen dieser Art tunlichst aus dem Wege gehen, denn die Vorstellungen, die einen anschließend bewegen, sind alles andere als motivierend.
Man sieht sich graugesichtig und fröstelnd im Gang des Arbeitsamtes sitzen und auf die Tür mit der Aufschrift »Arbeitsvermittlung« starren, bis sich die Tür schließlich öffnet und man aufgerufen wird. In der nun folgenden Szene schüttelt ein glattrasierter Typ mit gelber Gesichtsfarbe und unbeteiligten Fischaugen zum hundertsten Mal den Kopf, woraufhin man händeringend auf die Knie sinkt und sich ein geflüsterter Disput entwickelt, nach dem der Typ mit den fahlen Fischaugen schließlich ein Kärtchen mit der Adresse des Sozialamtes über den Tisch reicht und einen mit der Bemerkung: »Melden Sie sich bei Fräulein Hakkenreuther und bestellen Sie ihr einen schönen Gruß von mir« in ein ungewisses Schicksal entläßt.
Man sieht sich graugesichtig und fröstelnd morgens, so gegen sechs Uhr, an einer Straßenbahnhaltestelle stehen, um an einen Arbeitsplatz zu fahren, den man bis Jetzt nur aus sozialkritischen Filmen kennt, mit der tröstlichen Gewißheit, daß man ja nur noch 23 Jahre an dieser Straßenbahnhaltestelle stehen wird, um an diesen Arbeitsplatz zu fahren, bis man in den Genuß der Pension kommt.
Man sieht sich graugesichtig und fröstelnd auf der Bettkante sitzen, in einem öden anonymen Apartment, das sich in einem öden, anonymen Hochhaus befindet, den Kopf in den Händen vergraben und unablässig »Was soll nur werden?« murmelnd, ehe man sich entschließt, der Beantwortung dieser Frage dadurch aus dem Wege zu gehen, daß man entschlossen aus dem Fenster springt.
Der Film, welcher unterdessen in jenem Hause abrollt, welches man so unüberlegt verlassen hat, und der mir unverdrossen von meiner Sippe vorgespielt wurde (er schien in Anlehnung des bekannten, sozialkritischen Märchens »Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern« entstanden zu sein), ist nicht weniger trostlos.
Da sieht man das verlassene Kind schleppenden Schrittes die Treppe hinaufgehen und mit Tränen in den Augen den Schlüssel hervorkramen, um eigenhändig jene Tür aufzuschließen, welche von nun an nie mehr von »Mummi« geöffnet werden wird. Der Tisch ist nicht mehr wie früher liebevoll gedeckt, statt dessen schleppt sich das verlassene Kind in die Küche, um sich mit Tränen in den Augen eine harte, trockene Brotscheibe mit jenem Rest ranziger Margarine zu bestreichen, welche neben einem verwelkten Salatblatt den einzigen Kühlschrankinhalt bildet. Dann schüttelt das verlassene Kind mühsam fünf Groschen aus der Spardose, welche sich (noch aus besseren Zeiten!) in seinem Besitz befindet, und schleppt sich zum Supermarkt, um »für morgen« einzukaufen, und wenn dann die freundliche Dame an der Kasse nichtsahnend fragt, was denn mit der Mutti los sei, die man so lange nicht gesehen habe, so stürzt das verlassene Kind tränenblind davon, um weiteren peinlichen Fragen aus dem Wege zu gehen. Irgendwann erscheint die Oma auf dem Plan. Die Oma ist schon älter und von Rheuma reichlich geplagt und eigentlich nicht mehr einsatzfähig, auch hat sie nach den Stürmen des Lebens ja an sich auch ein bißchen Ruhe verdient, aber sie ist noch von der alten Generation, kann das Elend nicht länger mit ansehen und kommt, zwei Henkeltaschen mit Obst und Gemüse mit sich tragend.
Das verlassene Kind steht in der Tür, preßt mit versagendem Stimmchen ein »Papi und mir geht es doch gut« hervor und führt die alte Dame mühsam über Müll- und Wäscheberge hinwegsteigend in das Wohnzimmer, wo auf dem Couchtisch jener verblühte Tulpenstrauß vor sich hingammelt, den sie der Familie vor drei Monaten, als es Muttern noch gab, einmal mitgebracht hat. Der Anblick der entblätterten Tulpenstiele gibt ihr den Rest. Zwar schafft sie noch Ordnung und bügelt die Wäsche, entfernt wohl auch noch die Spinnweben, die einem inzwischen beim Essen in die Suppe hängen, doch dann bricht sie zusammen.
Als nächstes erscheint eine psychisch und physisch gleichermaßen gestählt wirkende Dame; sie ist von der Fürsorge. Mit einem Blick erkennt sie die untragbare Situation. In der Küche findet sie ein bis zum Skelett abgemagertes kleines Mädchen, welches sich bemüht, aus einem von Weihnachten übriggebliebenen Rest Gänseschmalz und etwas eingetrockneter Maggiwürze eine Suppe zu kochen, im Wohnzimmer sitzt ein zum Skelett abgemagerter Greis, mit zehn Wochen altem Bart, der sich, die Whiskyflasche in der Hand, mit stierem Blick dem Fernsehgenuß hingibt.
Dann wandert das Kind in ein Heim, den Ehemann übernimmt eine weibliche Verwandte, die Möbel kommen ins Versatzhaus, die kleineren Gegenstände werden verschenkt, der Rest wandert auf den Müll. Zurück bleiben ein defekter Regenschirm und der Goldfisch, den niemand haben will und der dann schließlich auch verreckt. Dieses bedrükkende Sittengemälde bekam ich von meinen Verwandten an die Wand gemalt. Mein sanfter Einwand, daß das Kind, welches ich »verließ« (es schien sich um ein Verlassen zu handeln, das die Möglichkeit ausschloß, sich jemals im Leben wiederzusehen), daß dieses Kind 18 Jahre alt war und ebenfalls in Kürze ausziehen würde, fand kein Gehör. Verlassene Kinder, einerlei, ob sie drei, dreizehn oder dreißig Jahre alt waren, verkamen, landeten erst auf der Straße, dann in der Gosse und schließlich in den Armen eines Zuhälters. Basta. Die einzige Möglichkeit, den Fall zu regeln, bestand nach alter Sitte darin, sich täglich über sein Los zu beklagen, mit seinen Mitschwestern Schicksalsgemeinschaften zu gründen und tapfer auszuharren. Dies beinhaltete noch den pikanten Nebeneffekt, daß man lebenslänglich behaupten konnte, man habe ja eigentlich das Zeug gehabt, Marlene Dietrich, Madame Curie oder doch wenigstens Lady Di zu werden, wenn einen der miese Typ, dem man leider ins Netz gegangen war, nicht daran gehindert hätte.
Läßt man aber verlauten, daß man mit diesem perversen Ungeheuer namens Gustav-Hermann keine einzige Nacht mehr unter einem Dach verbringen wird, so hat die Oma auf den Plan zu treten. Sie sagt energisch: »Jetzt ist es aber genug!«, packt schweigend und ohne Gustav-Hermann, der tölpelhaft im Weg steht und dumm fragt, warum es denn heute kein Essen gibt, weiter zu beachten, die Koffer, reißt auch den Eierkocher, ein Geschenk zum letzten Geburtstag, noch an sich und schlägt die Tür von außen zu. Kind und Enkelkind quartiert sie bei sich ein, womit sie zwar die Unannehmlichkeit auf sich nehmen muß, daß Couch und Spiegelablage von nun an stets belegt sind, dafür aber gleich zwei Kinder ihr eigen nennt, die kuschen müssen, denn zumindest das große Kind hat ja bewiesen, daß es ohne Oma nicht, zurechtkam und nicht mal imstande gewesen ist, einen so lächerlichen Hanswurst wie Gustav-Hermann zum Ehemann zu erziehen. Das größere Kind wird entmündigt, ein Akt, bei dem ihm schmerzlich bewußt wird, daß es eigentlich gleich hätte Ehefrau bleiben können, und taucht dann schließlich auf irgendeinem Arbeitsplatz unter, streng bewacht, ob es auch ja pünktlich vom Arbeitsplatz nach Hause zurückgeeilt kommt und sich nicht etwa dem Freiheitsrausch hingibt, demzufolge womöglich wieder ein Drama ins Haus steht, aus dem sie, die Oma, das unvernünftige Mädchen dann erneut befreien muß; das kleinere Kind geht so total in Omis Besitz über, daß es in der Mutti über kurz oder lang eigentlich eine Art Schwester sieht, die man nicht ganz ernst zu nehmen braucht und allenfalls gelegentlich um Geld anhaut. Und zweimal täglich kriegen das kleinere und das größere Kind zärtlich verpaßt, wo um Gottes willen sie denn wohl geblieben wären, wenn sie sie, die Oma, nicht gehabt hätten.
Als ich meinem Bekanntenkreis mitteilte, daß ich nicht gewillt war, mich durch die Schilderung des Schicksals, welches Frau Schulze-Berkenrath ereilt hatte, von meinen Plänen abbringen zu lassen, und meine Sippschaft zur Kenntnis nehmen mußte, daß weder Omis noch Fürsorgerinnenin dem neuen Spiel tragende Rollen spielen sollten, zog man sich allgemein pikiert zurück und sagte, man hoffe nur, daß ich diesen Schritt nicht eines Tages bitter bereuen würde (die Kränzchenschwestern), daß … man … trotzdem … immer für mich da sei, wenn … ich … Hilfe … bräuchte … (mit tränenerstickter Stimme die Sippe), und daß ich mich nicht irremachen und meinen Weg gehen solle, denn ich hätte den Humor, die Fähigkeit und die Stärke dazu (die wenigen, die die Spreu vom Weizen trennten).
Was also die guten Ratschläge betrifft, die man zu erwarten hat, wenn man vorhat, sich scheiden zu lassen, so kann ich nur raten, in ähnlichen Fällen gar nichts verlauten zu lassen und die Veränderung der Sachlage einfach per Zeitungsanzeige bekanntzugeben: Bin weggezogen, Gruß C.

Liebst du das Leben?
Dann verschwende keine Zeit,
denn daraus ist das Leben gemacht.
Benjamin Franklin
Zuffenhausen, vierter Stock oder Der Anfang (wovon?)
 
 
Vielleicht hätten es Victor und ich doch noch zu dem Silberhochzeitsfoto gebracht, auf dem der Ehemann gewöhnlich jovial lächelnd in die Linse blickt und seine kleine Frau so tapfer zu ihm aufschaut, eine schöne Erinnerung an viele glückliche Jahre, die wir uns dann gerahmt auf das Vertiko hätten stellen können, wenn ich in jenem Sommer, den ich hier einmal etwas hochtrabend als meinen »Schicksalssommer« bezeichnen möchte, nicht Annes Bekanntschaft gemacht hätte.
Ich befand mich damals in jener Phase lähmender Starre, in der man sich angesichts seines Ehemannes Tag für Tag sagt, daß es »so« nicht weitergehen kann, und baß erstaunt ist, daß es dennoch so weitergeht, einfach immer so weitergeht...
Ich neigte zu jener Zeit dazu, gleich nach dem Aufstehen die Frage zu stellen, wofür ich das Bett eigentlich noch verließ, und warum ich nicht gleich, am besten für immer und ewig, darin liegen blieb, und an besonders trüben Tagen fragte ich mich sogar, warum zum Teufel ich überhaupt noch lebte, wo es doch im Grunde niemanden gab, der allzu großen Wert darauf legte. Dann erfrischte ich mich mit Aussteigergedanken und malte mir eine bessere Zukunft aus, in der das morgendliche Aufstehen wieder einen Sinn haben sollte, bloß ich wußte nicht, wohin ich denn steigen sollte und wie, und wenn ich meinen Aussteigergedanken einmal Ausdruck verlieh, so wurde ich von meinem Ehemann milde belächelt, wie eine Oma, die trotz ihres hohen Alters noch Klarinette spielen lernen will. Ich kam mir immer öfter völlig unfähig und an manchen Tagen reichlich alt vor. Kathrine sah mich zuweilen besorgt an und sagte: »Werde bloß nicht wie Trudis Mutter, die den ganzen Tag darauf wartet, daß Trudi nach Hause kommt, und am Fenster steht, wenn sie weggeht, weil Trudi nämlich neuerdings lieber abends in die Teestube möchte, als wie früher mit ihr Scrabble zu spielen, und die einfach nicht begreifen will, daß ihre selbstgebackenen Krapfen nicht mehr dieselben Begeisterungsstürme hervorrufen wie noch vor drei Jahren. Trudi sagt immer, ihrer Mutter wegen habe sie ein richtig schlechtes Gewissen, aber auch Wut, weil es schrecklich ist, daß sie immer sofort die Tür öffnet, wenn Trudi nach Hause kommt, noch ehe sie überhaupt geklingelt hat.«
Ich versprach ihr in die Hand, niemals so zu werden wie Trudis Mutter, und stellte mir insgeheim die Frage, wie oder was ich denn dann werden sollte. Denn obwohl ich Trudi sehr gut verstehen konnte, war es schon ungeheuer schwer, zuerst den Mann und dann die Kinder an Leute und/oder Dinge zu verlieren, die so viel interessanter waren als man selbst, und ich stellte mir Trudis Mutter vor, wie sie mit ihren verschmähten Krapfen ganz allein in der Küche zurückblieb.
Meine vernünftig veranlagte Freundin Bele sagte mir immer, daß es doch sinnvoll wäre, mir mal das Buch »Scheidung heute« von P. G. Moll zu besorgen und etwas über die Materie zu lernen, wenn ich schon gewillt war, mich von Victor zu trennen, und T. L. empfahl mir Fortbildungskurse, die mir das Gefühl vermitteln würden, nicht untätig herumzusitzen, sondern etwas Sinnvolles zu tun, und eine weniger gute Freundin machte die ganze Scheidung gar von einer gut bezahlten Stellung abhängig, die ich angeblich erst einmal haben müßte, ehe ich überhaupt eine Trennung in Erwägung zog.
Und alle waren sie, wie ich später feststellte, davon überzeugt, daß alles ja nur Spaß und ein anregendes Thema für den Kaffeeklatsch war. Ich kaufte mir das Buch »Scheidung heute« von P. G. Moll und vertiefte mich in die einzelnen Fälle, aber so viele Fälle Herr Moll auch aufzeichnete und zur sicheren Scheidung führte, mein Fall war nicht dabei, und bald erging es mir wie seinerzeit in der Schule, wo es mir ja auch unmöglich gewesen war, gewisse Dinge geistig in mich aufzunehmen. So wanderte »Scheidung heute« bald in das Bücherregal, und Begriffe wie »Zugewinn« und »einstweilige Verfügung« blieben mir weiterhin unverständlich.
Aber dann traf ich Anne.