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Titel Seite

Bernd Rümmelein

UEBERREUTER

Das verlorene Volk

UEBERREUTER
UEBERREUTER

Prolog

In den Schatten sollst du suchen,
willst du ergründen das Geheimnis.
Gar schrecklich’ Taten wir vermuten.
Verschwunden, Flüstern im Verborgenen.
Verloren im grauen Nichts der Ewigkeit,
zu Schatten auserkoren.
Wirst Tag und Nacht verfluchen,
siehst du des bittren Schicksals Fratze.
Geschlagen mit den eig’nen Waffen,
war nur ein Herz aus Stein geblieben.
Fortan hält sich das Volk verborgen, hofft auf
Vergessenheit. Nie mehr auf morgen.
Wann kehrt er wieder? Des Volkes einz’ger Stolz,
der Sohn des Feuers?
Einst erstrahlt der Glanz im Licht der Sonnen,
verwöhnt von Ruhm und Ehre.
Vergangen die Zeichen Feuer, Kampf und Kraft.
In aller Munde war einst der Name des Volkes. Nno-bei-Maya.
Das verlorene Volk.



(Aus den vierten Reiseschriften des Lesvaraq Ulljan, Kapitel sieben, in der elften Sonnenwende nach Ruitan Garlaks Einigung der Klanlande)

Tarratar sprach mit sich selbst. Das tat er oft. Mit wem sonst sollte er sich unterhalten. Mit den Steinen und Statuen – Relikte einer längst vergessenen Zeit –, die ihn umgaben? Der Wächter des Buches hatte selten Gesellschaft. Er war allein und einsam.

»Ts … ts … ts. Chaos, Dunkelheit, Leid und Verzweiflung«, lamentierte der Narr. »Die Schatten sind unruhig. Nalkaar, Thezael und Madsick spielen ein gefährliches Spiel. Wissen sie, was es bedeutet, die Schatten zu rufen? Ich glaube nicht. Die Macht der Schatten ist verlockend, aber sie hat ihren Preis. Bald ist die Zeit der neuen Ordnung gekommen. Es ist und bleibt immer dasselbe. Erneuerung und jeder hat seine eigenen Ideen, wie eine Welt auszusehen hat. Nur die armen, einfachen Geschöpfe müssen erdulden, was sich die Mächtigen ausdenken. Wehe denen, die unsterblich scheinen. Ich unglückseliger Narr. Die Schlacht am Rayhin ist geschlagen. Wer hätte an ein solches Ende geglaubt? Das Blut der Gefallenen hat den dunklen Hirten aus seinem Schlaf erweckt. Der gute, alte Quadalkar besiegelte sein Schicksal und ging ins Land der Tränen. Bedauerlich! Irgendwie mochte ich ihn und seine Kinder. Gewiss, sie waren nicht ohne Fehl und Tadel. Tranken das Blut der Lebenden. Verflucht in ihrem Sein. Doch sie brachten Farbe ins Spiel. Aber am Ende war sein Tod doch für etwas gut. Er bannte den Fluch, der den weißen Schäfer im ewigen Schlaf festhielt. Und schon ist das Gleichgewicht wiederhergestellt. So einfach kann eine Lösung sein. Und doch ist sie es wiederum eben nicht. Ts … ts … ts.«

Der kleinwüchsige Mann schüttelte den Kopf, bis die Glöckchen an seiner Flickenkappe klingelten. Sein Blick wanderte zu einer Pfütze in der Nähe des steinernen Tisches, auf dem er seine Schreibutensilien ausgebreitet hatte. Im ruhigen Wasser erkannte er sein eigenes Spiegelbild, das ihm aus der Pfütze keck entgegenlächelte. Tarratar hatte sich nicht verändert. Keinen Tag war er in den letzten Sonnenwenden gealtert und wirkte keineswegs überrascht ob dieses Umstands. Denn er verfügte nicht nur über unschätzbar wertvolles Wissen, sondern wusste auch um seine Unsterblichkeit. Jedenfalls, solange seine Aufgabe nicht beendet war und ihn die Kojos über Kryson wandeln ließen.

Im Gegensatz zu anderen Begabten kannte er das Geheimnis, den Prozess des Alterns und langsamen Verfalls aufzuhalten. So musste sich Tarratar über solcherlei Schwierigkeiten schon seit langer Zeit nicht mehr den Kopf zerbrechen.

Tarratar legte seine Stirn in Falten und kramte eine alte, schon vergilbte Schriftrolle hervor, die seine Aufzeichnungen über das Wesen der Lesvaraq enthielt, so wie er die Träger der Macht sah. Er würde die Schriftrolle ergänzen müssen, denn der Zyklus hatte erneut begonnen. Verächtlich spuckte der Narr in einen Napf neben seinem Tisch.

»Täuschung, Verrat und Verzweiflung. Wie lange muss ich ausharren und die Torheiten der Sterblichen noch ertragen. Die Macht treibt ein grausames Spiel mit ihren Geschöpfen. Die Lesvaraq wurden wiedergeboren. Kallya und Tomal. Ihre Mütter mussten leiden. Schrecklich! Doch so lautet die Regel. Welch üblen Zug hat sich das Gleichgewicht für sie ausgedacht? Kallya, das Wesen des Lichts. So hell und rein sie ist. Verdorben ist ihr Geist. Und Tomal? Tag und Nacht vereint in einem Wesen. Hoi, hoi, hoi. Das kann nicht gut gehen. O nein. Er wird sich entscheiden müssen, will er seine Aufgabe erfüllen.«

Tarratar führte von jeher ein einsames Leben. Seit Tausenden von Sonnenwenden hatte er – bis auf wenige Ausflüge – nichts anderes getan, als zu warten, Fakten zu sammeln und niederzuschreiben. Sein Aufenthalt im Kristallpalast vor einigen Sonnenwenden hatte – wenn auch nur kurz – ein klein wenig Abwechslung in sein tristes Dasein gebracht. Ein Leben des Beobachtens. Ulljan hatte sich dieses Schicksal für ihn vor langer Zeit ausgedacht, und Tarratar war von Anfang an stets ein treuer Freund des letzten Lesvaraq gewesen, der seine Aufgabe meist aus dem Verborgenen erfüllte und sehr ernst nahm. Er wusste wohl, dass es noch andere Wächter gab. Die meisten seiner Schicksalsgefährten kannte er und beneidete sie nicht um ihre Aufgabe, die kaum besser war als seine eigene. Tarratar wollte sich nicht beklagen. Im Vergleich zu anderen Wächtern hatte er es gut getroffen.

Während er seinen Federkiel in die mit schwarzer Tinte gefüllte Phiole tauchte, zauberte er einige Worte auf die vor ihm ausgebreitete Schriftrolle. Er besaß eine schöne, schwungvolle Handschrift.

»Meine Wacht neigt sich dem Ende zu. Wie viel Zeit ist vergangen, seit ich antrat? Ich habe nicht darauf geachtet, zählte weder Sommer noch Winter. Und doch habe ich die Sonnenwenden kommen und gehen sehen. Jede einzelne. Zu viele. Wer weiß, wie lange ich tatsächlich warten musste? Es scheint mir unendlich zu sein. Aber der Auserwählte ist nah. Ich kann ihn mit jeder Faser meines Geistes spüren. Bald wird er kommen, Ulljans Buch von mir zu fordern. Werde ich ihm geben können, was er begehrt? Wird er der Prüfung gewachsen sein, die ich als Gegenleistung von ihm verlangen muss? Was wird geschehen, wenn er sie nicht besteht? Es widerstrebt mir, daran zu denken. Dann beginnt die Wacht erneut. Das Warten auf den Auserwählten über viele tausend Sonnenwenden.«

Der Wächter des Buches kratzte sich mit den Fingern unter der Flickenkappe am Kopf, bis die an der bunten Kopfbedeckung befestigten Glöckchen erneut klingelten.

»Was schreibe ich? Unsinn! Nichts als schwülstiges Gefasel. Was würde ein Schriftgelehrter daraus schließen? Werden meine Worte überhaupt je gelesen werden?« Tarratar schüttelte unter leisem Glöckchengeklingel erregt sein Haupt. »Das Buch! Ich weiß nicht, ob ich es dem Auserwählten überlassen darf. Zum Glück entscheide ich das nicht alleine. Zu gefährlich ist das Wissen, zu viel Schaden könnte er damit anrichten. Was, wenn er entdeckt, wie er die Zeit damit beeinflussen kann?« Das Klingeln der Schellen wurde lauter. »Die Veränderungen wären verheerend, sollte er sich verstricken. Die Geschichte lässt sich nicht in wenigen Worten erzählen. Sie müsste neu geschrieben werden. Wehe uns … So vieles ist ungewiss im steten Kampf um das Gleichgewicht. Werde ich denn je selbst verstehen, welche Bedeutung Kryson für die Zeit, das Leben und die Ewigkeit hat?« Resigniert blickte der Kleinwüchsige himmelwärts. »Ich glaube nicht.«

Tarratar seufzte erneut und packte seinen Griffel fester: »Was soll’s?«, beschwor er sich selbst und begann seine Erinnerungen niederzuschreiben.

»Lange bevor das Gleichgewicht der Mächte die ersten Lesvaraq aus dem Land der Tränen nach Kryson schickte, herrschten vier Völker über den Kontinent Ell. Magische Völker. Mächtige Völker. Sie nannten sich die Altvorderen und huldigten den Kojos, die ihnen – aus Dankbarkeit für ihre Gebete – Geschenke machten. Die meisten Geschenke der Kojos waren einzigartig und von unschätzbarem Wert. Andere wiederum scheinbar nutzlos und gefährlich.

Die Gabe des Kriegers, ein langes Leben, das mehr als eintausend Sonnenwenden währte, die Verbundenheit und Beherrschung der Natur oder die Kunst der Bearbeitung von Felsgestein.

Im Lauf der Geschichte jedoch drohten die Namen der Altvorderen in Vergessenheit zu geraten.

Lediglich den Tartyk, dem Volk der Drachenreiter, war es dank ihrer seelischen Verbundenheit mit den Flugdrachen bis vor nicht allzu langer Zeit gelungen, ihre Gebiete gegen Eindringlinge zu verteidigen und ihre alten Stärken zu bewahren. Bis, ja, bis ihnen ein Schicksalsschlag jede Hoffnung nahm. Ein Todsänger brachte sie zu Fall. Es war ein gefährlicher, tödlicher Mann namens Nalkaar. Niemand weiß, woher er seine Macht nimmt, die nicht von dieser Welt stammt. Nicht sterblich und doch nicht lebendig ist dieser Nalkaar. Schrecklicher als der Fluch eines Bluttrinkers ist seine musikalische Gabe für die Opfer, deren Seelen der Seelenfresser mit sich nimmt und die ihm fortan auf Gedeih und Verderb dienen. Sie sind wahrlich für immer verloren. Nicht einmal das Reich der Schatten vergönnt er den Seinen. Ich sehe seine wachsende Stärke mit großer Sorge. Sein Gesang ist wie eine Seuche und er schart mit jedem Tag seines frevlerischen Treibens weitere seelenlose, tote Geschöpfe um sich. Es ist eigenartig. Seine Magie ist einzigartig und dem Gleichgewicht vollkommen fremd. Kein Mittel hilft dagegen. Wo soll das hinführen? Eines Tages wird er womöglich um die Seele eines Lesvaraq singen. Was geschähe, wenn ihm dies gelingen und er obsiegen würde? Das Gleichgewicht geriete aus den Fugen. Und zwar gewaltig, so viel ist sicher. Die Seele des Lesvaraq wäre verloren, gebunden an den Todsänger. Nalkaar würde allmächtig. Aber was will er? Ist er sich seiner Macht bewusst? Oder häuft er seine Macht nur an, um sich aus der Sklaverei Rajurus zu befreien, wagt es jedoch nicht, den entscheidenden Schritt zu gehen? Ich werde einschreiten müssen, sollten sich die Dinge meinen schlimmsten Befürchtungen entsprechend weiterentwickeln. Doch bin ich ihm und seiner Musik gewachsen? Reicht meine Macht, ihn zu besiegen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.

Die Naiki, aus ihrer Heimat vertrieben, verstecken sich im Herzen des Waldes Faraghad und kämpfen um ihr Überleben. Dort, wo sich außer den Tieren kaum ein Sterblicher hinwagt. Es heißt, Faraghad besäße ein eigenes Leben und das Herz schlüge langsam, aber beständig. Wer sich auf den Wald einlässt, kann seinen Atem spüren und den Herzschlag hören. Das ist wahr. Ich weiß es. Ich habe ihn gehört.

Die Burnter hingegen legten sich in ihre Felsengräber und lauschen den Steinen. Aber nun sind sie aufgewacht und mit ihnen ihre wundersamen Geschöpfe, die Felsenfreunde und die Eisprinzessinnen. Wann werden sie sich den Sterblichen offen zeigen und in den Kampf um das Gleichgewicht offen eingreifen?

Und die Nno-bei-Maya? Das verlorene Volk. Niemand außer den Wächtern des Buches weiß, was mit ihnen geschah und welches grausame Schicksal ihnen Ulljan einst zugedacht hatte. Ich weiß es. Ich habe es gesehen.

In einer Zeit, in der das Leben jedes einzelnen Wesens – ob klein, groß, bedeutend oder unbedeutend – noch einen sehr hohen Wert besaß, teilten sich die Altvorderen die Macht. Gleich und gerecht. Jedenfalls waren sie zufrieden mit dem, was sie hatten. Es würde mir gefallen, ließe sich dies über andere Völker in ähnlicher Weise sagen. Die Altvorderen waren sich zwar nicht immer einig und führten sogar den ein oder anderen Krieg gegeneinander. Kein Krieg wie ihn die Rachuren und Klan austragen sollten. Es gab selten Tote. Zu wertvoll war jedes einzelne Leben. Vielmehr handelte es sich um ein gefährliches Kräftemessen in einem gerechten Wettbewerb. Magie gegen Magie. Ein einzigartiges und über Wochen dauerndes Spektakel mit verschiedenen Kämpfen, in denen ihre Besten gegeneinander antraten. Aber meist lebten die Altvorderen friedlich in ihren Hoheitsgebieten nebeneinander und behelligten einander nicht. Es gab keinen Grund, sich in feindlicher Gesinnung gegenüberzustehen und zu töten. Ihre Fähigkeiten und Vorlieben waren zu unterschiedlich und standen sich nicht im Weg. Im Gegenteil, sie ergänzten sich in vielerlei Hinsicht.

Die Tartyk standen für Drachenmagie und die Beherrschung der Lüfte. Die Naiki waren stets der Natur, dem Wasser und den Wäldern zugetan. Aus Fels geboren waren die Burnter. Ihr Wissen über Kryson war groß und ihre Bauten ein Wunder. Mit Stolz trugen sie ihre Insignien zur Schau, die Stein, Stärke und Unverwundbarkeit bedeuteten. Die Nno-bei-Maya hingegen wurden für ihren Umgang mit dem Feuer, der Erhebung des Kampfes zur Kunst, der Kristallmagie, für ihre Anmut und sprachlichen Fähigkeiten bewundert. Doch das Leben der Altvorderen änderte sich. Wer weiß warum? War es die Langeweile der Allmächtigen oder nur eine Laune der Natur? Was auch immer sie sich gewünscht hatten, die Mächte des Gleichgewichts verfolgten andere Pläne mit ihnen. Längst hatten sich die Kojos von ihrem Lieblingsspielzeug abgewandt und sich nach neuen Herausforderungen umgesehen. Zu wenig hatte sich auf Kryson verändert. Die Evolution stand still. Die Huldigung und treue Ergebenheit ihrer Gläubigen war ihnen auf Dauer zu öde. Die Kojos suchten die Abwechslung. So hatten sie nichts dagegen einzuwenden, dass sich das Gleichgewicht einen Zyklus ausdachte, der fortan das Schicksal jeden Lebens auf Kryson beeinflussen sollte. Nur allzu gerne und mit Spannung sahen sie zu, als ginge es um ein Schauspiel zu ihren Ehren, wie sich die Dinge fortan entwickelten. Nicht alles verlief nach den Vorstellungen der Kojos und erst spät bemerkten sie, dass sie selbst immer mehr an Bedeutung verloren.

Trimar war der Name des ersten Lesvaraq, der zur Wahrung des Gleichgewichts gegen Jimara angetreten und prompt von ihr besiegt worden war. Ein schlichter und brutaler Kampf, der nur einer einzigen Regel folgte. Leben oder Tod. Jedes Mittel war erlaubt. Doch die Lesvaraq setzten zu jener Zeit noch keine Magie gegeneinander ein, dachten sie doch, ihre Mittel wären sich ebenbürtig und brächten keine Entscheidung.

Dennoch bestimmte fortan der stete Kampf das Leben der Altvorderen, die plötzlich aufgefordert waren, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Ihre Bürde war es fortan, den Lesvaraq die Treue zu schwören.

Auf Trimar und Jimara folgten Qusador und Famir, die sich während ihrer Zeit die heftigsten und brutalsten Kämpfe unter den Lesvaraq lieferten und so das Bild des Kontinents Ell nachhaltig veränderten. Sie schufen Barrieren, Vulkane und rissen tiefe Schluchten in die Erde. Ihre unbändige Wut forderte blutigen Tribut unter den Altvorderen.

Menotab und Daila leiteten den nächsten Zyklus ein, nachdem Qusador im Kampf gefallen und seinen Kopf verloren hatte. Famir hatte sich aus Gram über den Verlust seines Gegners das Leben genommen. Wesentlich zu früh waren die beiden ins Land der Tränen gezogen und hatten eine Lücke in das Gleichgewicht gerissen.

Bevor schließlich die Lesvaraq Krangur und Haffjon geboren wurden, vollendeten Menotab und Daila ihr Werk, das im Gegensatz zu ihren von Krieg und Zerstörung besessenen Vorgängern durch einen bis dahin nie gekannten Ausgleich der Mächte und des Friedens geprägt war. Während ihrer Herrschaft entstanden legendäre Städte wie die Felsenstadt Gafassa oder die Hauptstadt der Maya, Zehyr genannt, und andere, die längst wieder versunken und in Vergessenheit geraten sind. Über eine Zeitspanne von eintausendzweihundertdreiundvierzig Sonnenwenden schenkten sie den Völkern neue Hoffnung. Und doch säten sie zu ihrer Zeit unbewusst genau die Saat, die den Altvorderen eines Tages zum Verhängnis werden sollte. Mit ihrer Hilfe, dem Fleisch und Blut eines jeden magischen Volkes und dem Wohlwollen der Kojos schuf das Gleichgewicht ein neues Volk, das den Altvorderen dienen sollte.

Die Nno-bei-Klan wurden von den Völkern der Altvorderen nach ihrem Erscheinen anfangs geduldet. Immerhin war es ein Geschenk der göttlichen Allmacht, das sie nicht ablehnen durften. Zwar ähnelten die Klan den magischen Völkern – mit Ausnahme der Felsgeborenen vielleicht – in Aussehen und Wuchs, aber sie besaßen weder deren Widerstandskraft noch erreichten sie auch nur annähernd deren Lebensspanne. Im Gegenteil, sie waren anfällig für allerlei Krankheiten und Seuchen, was Ihren Bestand zuweilen deutlich dezimierte. Zum Entsetzen der Altvorderen waren sie überaus kriegerisch und gewalttätig veranlagt, was mit einem unbändigen Eroberungsdrang einherging.

In dieser Hinsicht wiesen sie in den Augen der Altvorderen geradezu groteske Züge von Selbstzerstörung auf. Im Gegensatz zu ihren eigenen Veranlagungen scheuten die Klan nämlich nicht davor zurück, ihresgleichen anzugreifen und zu töten. Dieser beängstigende Hang zur Gewalt war den Altvorderen von jeher fremd gewesen. Sie beschuldigten die Lesvaraq, dieses Volk alleine zu dem Zweck geschaffen zu haben, ihren fortwährenden Kampf um das Gleichgewicht zu unterstützen, dem sich die Altvorderen nach einer langen Zeit verheerender Kriege schließlich verweigert hatten und der den Boden von Ell mit dem Blut der Gefallenen tränken und in einem nie endenden Krieg gipfeln würde.

Den Vorwurf des Eigennutzes wiesen die Lesvaraq strikt von sich. Sie erklärten den magischen Völkern, sie wollten Ell nur ein neues, in ihren Augen längst überfälliges Gesicht geben und den treu ergebenen Völkern einen Gefallen erweisen. Natürlich im Namen des Gleichgewichts. Denn das Geheimnis des Lebens war wie ein sich langsam und stetig fortbewegender Fluss. Nur in der Weiterentwicklung und Veränderung lag die Hoffnung. Stillstand führte nur zu den Schatten.

Sosehr die Altvorderen das neue Volk zunehmend fürchteten, umso widersprüchlicher und unsicherer standen sie ihm gegenüber. Sie waren sich uneins, wie sie mit den Nno-bei Klan umgehen und was sie mit ihnen anfangen sollten.

In mancherlei Hinsicht erwiesen sich die Nno-bei-Klan für die Altvorderen sogar als nützlich. Bar jeder magischen Begabung und in ihren Anlagen unterschätzt, wurden die Klan nicht wahrhaft als Konkurrenz für die magischen Völker gesehen. Trotz aller Nachteile in ihrem Wesen waren sie fleißig, handwerklich geschickt und benötigten offenbar nicht viel zum Leben. Sie galten vorerst als genügsam. Während sie sich unter argwöhnischen Augen munter vermehrten und sich langsam, aber stetig über den Kontinent Ell ausbreiteten, verstanden sie sich besonders auf die Erschließung und Besiedlung selbst unwirtlichster Gegenden. Bis in den hohen Norden und sogar am Rande der Eiswüste hinter dem Riesengebirge gründeten sie zum Erstaunen der Altvorderen ihre Städte, die wie giftige Pilze aus dem Boden schossen. Doch die stetig wachsende Neugier, die Freiheitsliebe und den Tatendrang dieses Volkes hatten die Altvorderen verkannt. Obwohl sie bis auf seltene Ausnahmen nicht in der Lage waren, Magie für sich einzusetzen, und sie diese daher aus Angst vor einer ihnen fremden und unbekannten Macht ablehnten, zeigten sie sich als kreativ und erfinderisch. Mit beinahe jedem Rohstoff wussten sie etwas anzufangen. Aus Eisen und Blutstahl schufen sie Waffen und verfeinerten ihre Methoden der Metallbearbeitung meisterlich. Besser als jedes andere Volk verstanden sie sich auf die Schmiedekunst, deren Ergebnisse sich die Altvorderen gerne zu eigen machten und die vorzeigbaren Ergebnisse der Klan magisch noch verbesserten. Die Klan bauten Hütten und Häuser aus Holz, Lehm und Stein und deckten ihre Dächer mit Laub und Stroh. Die Wolle der Tiere und die Fasern von Pflanzen verarbeiteten sie zu Stoffen.

Solange die Klan in weit versprengten Stämmen untereinander uneins waren, sich über Tausende von Sonnenwenden gegenseitig bekämpften und dadurch in ihrer Entwicklung immer wieder Rückschläge hinnehmen mussten, stellten sie für die Altvorderen in ihrem Herrschaftsanspruch keine Gefahr dar. Doch auch diese Wahrnehmung änderte sich spätestens zu der Zeit, als Ruitan Garlak, die Eisenhand, in Erscheinung trat und die zerstrittenen Stämme der Klan endlich einte.

Zu jener denkwürdigen Zeit, die das Ende der alten Welt und zugleich eine neue Ära einläutete, kämpften die Lesvaraq Ulljan und Pavijur erbittert um die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und der Traditionen.

Ulljan hatte die Zeichen der Zeit zuerst erkannt. Dennoch unterschätzte auch der Erzmagier die Stärke des Anführers der Klan, der, bar jedes eigenen magischen Talents, mächtige Verbündete wie den mit Magie begabten Quadalkar oder Kallahan um sich geschart hatte, obwohl er deren Fähigkeiten insgeheim fürchtete und sie deshalb zutiefst verabscheute. Die Gefahr für die magischen Völker verkennend und anstatt den Verbündeten mit ihrer Macht zur Seite zu stehen, verfolgten die Lesvaraq ihre höchst eigenen Ziele. Insbesondere Ulljan leistete dem Niedergang der magischen Völker bewusst – oder unbewusst – Vorschub, indem er sie beraubte, sich ihre Fähigkeiten zu eigen machte und ihnen damit schweren Schaden zufügte.

Ulljan war ein äußerst kluger Geist mit visionären Vorstellungen. Er erkannte die sich ihm bietende Gelegenheit und fand plötzlich Gefallen an dem noch jungen, aufstrebenden Volk, dem in seinen Augen die Zukunft von Ell gehören sollte. Obwohl sie keinerlei magische Begabung besaßen, spielten sie in seiner Vorstellung bei der Neuordnung des Kontinents – seiner Ordnung – und bei der Wahrung des Gleichgewichts eine entscheidende Rolle. Behandelte er sie richtig, würden sie ihm huldigen, ein Denkmal schaffen und ihn über seinen Zyklus hinaus verewigen. Ulljans Geist würde nach seinem Ableben in ihnen fortleben. Nach ihm würde es nie wieder einen anderen seiner Art geben. Der letzte Lesvaraq. Doch selbst der klügste Kopf kann sich irren.

Verzweifelt, ihr Ende vor Augen, kämpften die Völker der Altvorderen gegen den Ansturm der Nno-bei-Klan um ihr Überleben. Obwohl sie Schlachten für sich entschieden hatten und den Klan über Sonnenwenden hinweg immer wieder verheerende Niederlagen beibrachten, war es für einen erfolgreichen Widerstand bereits zu spät. Zu lange hatten sie auf ihre Überlegenheit vertraut und die Klan gewähren lassen. Die Altvorderen wurden mit jedem vehement vorgetragenen Ansturm weiter zurückgedrängt. Die Klan machten ihnen ihre angestammten Hoheitsgebiete streitig; ohne jeden Zweifel die besten und fruchtbarsten, die es auf Ell zu besiedeln gab. Zu groß war die Zahl der Feinde für die Altvorderen inzwischen geworden. Zu viele Waffen standen gegen sie. Selbst ihre Magie konnte nur noch wenig gegen die Klan ausrichten, die insgeheim von Ulljan, Quadalkar, Kallahan und dessen neu gegründeten Orden der Bewahrer und den Orna unterstützt wurden. Den Altvorderen blieb am Ende nichts weiter übrig, als sich der Übermacht zu beugen und sich zurückzuziehen. Sie hatten den Kampf verloren. Im Verborgenen würden sie zumindest überleben können. So hofften sie.«

Tarratar sprang plötzlich auf und streckte sich, bis Knochen und Glieder knackten. Er glaubte, etwas Bewegung täte ihm gut und frische seine Erinnerungen auf. Hüpfend und springend wanderte er zwischen mannshohen steinernen Statuen hindurch, die aussahen als wäre eine Armee für einen Festakt aufgestellt und schließlich in Stein verewigt worden. In der Tat glichen sich die steinernen Krieger in Rüstung und Bewaffnung, doch unterschieden sich ihre Gesichter voneinander. Jede Statue war offenbar einem einzigartigen Krieger nachgebildet worden.

»Hoi, hoi, hoi … meine lieben steinernen Freunde«, rief Tarratar halb singend, während er sich tänzelnd an den Statuen vorbeidrehte und jede von ihnen geradezu liebevoll mit den Fingern streichelte, »wie lange schon seid ihr mir treue und stumme Gefährten gewesen. Leider habt ihr in all den Sonnenwenden unseres Zusammenseins keine meiner Fragen beantwortet. Und doch gabt ihr mir von Zeit zu Zeit das Gefühl, nicht einsam zu sein. Das ist mehr, als ich erwarten durfte. Dafür bin ich Euch dankbar.«

Die Reihe der Krieger endete vor einem Thron, auf dem eine Frau in prächtig ausgearbeiteten Gewändern saß. Ihr Blick war stolz.

»Meine Königin!« Tarratar deutete eine tiefe Verbeugung an und zog dabei seine Flickenkappe vom Kopf. »Ich verneige mein Haupt und ziehe meine Kappe vor Eurer Schönheit. So blendend. Ihr seid das wahre Kunstwerk dieses vergessenen Reiches, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.«

Tarratar richtete sich auf und blickte der Statue geradewegs in die Augen. Leblose, steinerne Augen. Er rang seinen Lippen ein gequältes Lächeln ab und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Ach was«, sagte er, »warum rede ich mit Euch, als würdet Ihr unter den Lebenden weilen. Ihr seid nichts weiter als ein Stück kalter Fels. Tot wie all die anderen Statuen. Die Kojos hatten Euch einst reich beschenkt. Doch sie entzogen Euch ihre Gnade. Die Gabe des Kriegers gehört einem anderen, obwohl sie mehr Bürde als Vergnügen scheint. Ein Krieger – oder sollte ich ihn als einen Sklaven des Krieges bezeichnen? – nennt diese Last nun sein eigen. An seinen Händen klebt viel zu viel Blut, um sich davon jemals wieder reinwaschen zu können. Wie seht Ihr das, meine Königin? Das wahrhaft Böse ist der Krieg. Vom Anbeginn der Zeit an war dies nie anders. Die Mutter allen Übels zeigt sich erst und in ihrer ganzen Pracht, mit all ihren Facetten und hässlichen Fratzen in der Gestalt des Krieges. Ist es nicht so?«

Er erhielt keine Antwort, zuckte daraufhin gleichgültig mit den Schultern und gähnte lautstark.

»Hoi, hoi, was bin ich müde«, stellte Tarratar fest. »Seid Ihr etwa die Mutter des Krieges, weil die Kojos Eurem Volk einst die Gabe verliehen?« Tarratar gab sich die Antwort gleich selbst.

»Nein. Ihr könnt es nicht sein. Denn Ihr seid tot. Der Krieg jedoch lebt und wird stärker denn je über Ell toben. Nicht die Altvorderen, Klan oder Rachuren verändern Kryson. Nicht die Lesvaraq – selbst wenn sie das glauben sollten – und auch nicht die Saijkalrae. Einzig der Krieg verändert unsere Welt. Das ist höchst bedauerlich, sollte es doch die Liebe sein, die unser Leben bestimmt. Gibt es sie noch? Aus Freunden werden Feinde, aus guten Kindern schlechte. Und die Krieger sind die Ärmsten unter den Armen – selbst die mit Stärke und Macht gesegneten. Sie sind zutiefst zu bedauern. Was seht Ihr mich so an? Hegt Ihr Zweifel an meinen Worten?«

Die Statue regte sich nicht. Natürlich nicht. Tarratar grinste breit.

»Ihr solltet Mitleid mit ihnen haben. Sie sind die Diener des Bösen. Nicht aus freien Stücken. Sie haben keine andere Wahl. Das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen. Niemals! Findet Ihr es nicht eigenartig, wie sehr auch wir uns immer wieder davon treiben und anstecken lassen. Das Leben könnte so schön sein, würde es den Krieg nicht geben.«

Tarratar schüttelte den Kopf und eigenartigerweise stimmten die Glöckchen an seiner Kappe ein trauriges Lied an. Er wusste, dass ihn die Statue nicht hören konnte. In solchen Momenten wurde ihm die Einsamkeit seiner fortwährenden Wacht schmerzlich bewusst.

»Bei nächster Gelegenheit sollte ich mich wieder unter die Klan begeben. Die Gesellschaft der Lebenden suchen. Nur für eine Weile, sonst werde ich noch verrückt«, seufzte Tarratar. »Aber zuvor sollte ich die erste Prüfung für den Auserwählten vorbereiten.«

Er schnalzte mit der Zunge.

»Ja, das ist eine ausgezeichnete Idee!«

Pfeifend wandte sich Tarratar von den Statuen ab und seinen Aufzeichnungen zu.

»Meine Wacht neigt sich dem Ende zu. Ich bin frohen Mutes, dass der Auserwählte die erste Prüfung bestehen wird. Das Rätsel des Blutes und des Mutes …«

Reise in die Vergangenheit

Die Augen des Kaptan brannten vor Anstrengung. Des Öfteren musste er die Tränen wegblinzeln, die sich in den letzten Horas immer wieder aufs Neue gebildet hatten und die Schriftzeichen vor seinen Augen verschwimmen ließen. Die Luft in der Kammer war schlecht. Stickig stellte einen zu milden Ausdruck dar; es roch nach Zerfall, muffigen Stoffen und alten Schriften. Diffus flackerte das Licht zweier links und rechts des Stehpults rußender Kerzen. Sie schienen die einzige Ursache, die für Bewegung in der Kammer sorgte. In ihrem Schein huschten Schatten an den feuchten Wänden des Gemäuers entlang, vereinten sich mit den von der Decke hängenden, mit Staub bedeckten Spinnweben und verschwanden nur Augenblicke später auf Nimmerwiedersehen in den dunkelsten Ecken der Kammer.

Er wagte kaum sich zu bewegen, geschweige denn tief Luft zu holen, um die umliegenden Staubschichten nicht aufzuwirbeln. Das war eine lästige Ablenkung, denn die vor ihm liegenden Schriftrollen erforderten seine ganze Aufmerksamkeit sowie das geschulte Auge und die Erfahrung eines Atramentors, eines Schriftenmeisters der Sonnenreiter. Immerhin hatte er eine wichtige Aufgabe im Verlies des hohen Vaters zu erledigen. Selbst für einen Meister der Schriftgelehrten bot sich eine Gelegenheit wie diese nur selten.

Mehr als dreißig Sonnenwenden hatte er nach Abschluss seiner Adeptenzeit in den Verliesen des hohen Vaters verbracht. Kaum ein anderer Ordensbruder kannte sich im Labyrinth so gut aus wie der Atramentor. Ohnehin waren sie nur noch wenige Brüder, die sich dieser für den Orden doch so entscheidenden Aufgabe, der Pflege der Schriften, widmeten und damit – so nahm er an – der eigentlichen Wahrung des Erbes Ulljans am nächsten standen.

Die Zeiten auf Ell hatten sich geändert. Sehr sogar. Seit Ende des Krieges und den immer noch spürbaren Folgen der Zeit der Dämmerung war der Nachschub an geeigneten Schülern knapp geworden. Der Zulauf war zu keiner Zeit sonderlich hoch gewesen, aber in diesen Sonnenwenden hatte es die Atramentoren besonders schlimm getroffen. Die Bereitschaft der Nno-bei-Klan, sich dem Orden anzuschließen und einem Leben im Labyrinth und dem geschriebenen Wort zu widmen, war noch weiter als bisher gesunken. Dabei war es für einen Klan höchst ehrenwert, zu den Atramentoren zu gehören, die von jeher für ihre Kunstfertigkeit, ihre Bildung und das Wissen allerorts bewundert wurden. Sie mischten ihre Tinkturen selbst, die sie für das Anfertigen der Schriften brauchten. Aber die Atramentoren schrieben nicht nur, beherrschten die alten Sprachen oder übersetzten die Werke, sie zeichneten auch und malten und hielten so die Ereignisse nicht nur im Wort, sondern auch im Bild fest. Der eine mehr, der andere weniger, je nach persönlichem Talent und Neigung.

Ihr Rat war gefragt. Niemand – außer dem Rat der Alten vielleicht – kannte sich in der Geschichte des Kontinents Ell besser aus als ein Atramentor, denn sie hatten Zugang zu einer schier unermesslich großen Anzahl an Schriften in den Archiven des Ordens. Die Behauptung, der Orden habe an Bedeutung und Einfluss verloren, war gewiss von unterschiedlichen Interessen und falschen Wahrnehmungen fehlgeleitet. Dennoch hatten viele Klan während des Krieges ihr Leben gelassen oder waren von der Seuche dahingerafft worden. Zu viele, wenn es nach dem Meister der Schriften ging. Andere Dinge waren wichtiger geworden und bestimmten ihr Leben. Die meisten Überlebenden hatten vor vielen Sonnenwenden begonnen, sich ein neues Leben aufzubauen. Fern der Dörfer und Städte, aus denen sie ursprünglich stammten. Sie waren durch die Klanlande gezogen und hatten sich an neuen Orten angesiedelt. An Orten, von denen sie sich ein besseres Leben erhofften und vor allen Dingen wo sie die Vergangenheit vergessen wollten.

Der Orden hatte die Wünsche der überlebenden Nno-bei-Klan früh erkannt und respektierte diese. Alles andere wäre ein Fehler gewesen. Insbesondere deshalb hatte das Werben neuer Ordensbrüder und -schwestern in den vergangenen Sonnenwenden nachgelassen, und wenn die Sonnenreiter und Bewahrer vor die Tore der Häuser getreten waren, dann hatten sie sich im Wesentlichen darauf besonnen, die kämpfende Truppe zu verstärken und vornehmlich den Bestand an Bewahrern zu sichern. Die wenigen Talente, die eine Befähigung zum Bewahrer aufwiesen, waren mittlerweile ohnehin nur noch rar gesät. Das allerdings war aus der Sicht des Overlords weit wichtiger als die Suche nach Schriftgelehrten mit der besonderen Eignung eines Atramentors.

»Pydhrab, Pydhrab ... das ist deine Gelegenheit, deinem Namen endlich Ehre zu bereiten«, murmelte der Kaptan bei sich, als ihn sein einziger Schüler Gayol geholt hatte, um ihm den so wichtigen Fund in den Archiven zu zeigen. »Vielleicht gelingt es dir, eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten fünftausend Sonnenwenden ans Licht des Tages zu bringen. Das Glück des Tüchtigen ist auf deiner Seite. Ein Platz an der Seite deines Herrn ist dir damit sicher.«

Pydhrab wusste, dass die dreißig Sonnenwenden in der Dunkelheit des Verlieses Spuren bei ihm hinterlassen hatten. Aber dieser Fund spornte seinen längst verloren geglaubten Ehrgeiz wieder an. Er war ein Mann mittleren Alters, der – im Gegensatz zu den meisten anderen Ordensbrüdern – sein wahres Alter ungefähr kannte oder zumindest sehr gut schätzen konnte, auch wenn er tatsächlich viel älter aussah und neben einer enormen Blässe, die ihn vollkommen blutleer erscheinen ließ, bereits schneeweißes, jedoch immer noch volles Haar und einen ebenso weißen wie auch langen Vollbart aufwies, der einen Großteil seines Gesichtes verdeckte und ihm bis zum Bauch reichte.

Zu seinem Bedauern erinnerte sich Pydhrab weder an seine leibliche Mutter noch an seinen Erzeuger. Das wenige, was er über beide wusste, hatte er von den Praistern erfahren, die ihn bis zu seiner fünfzehnten Sonnenwende aufgezogen und ihm Lesen und Schreiben beigebracht hatten. Sie waren es auch, die ihm den Zeitpunkt seiner Geburt offenbart hatten. In seiner Zeit bei den Sonnenreitern war er oft gefragt worden, wie es denn möglich gewesen sei, sich von den Praistern zu lösen und den Sonnenreitern beizutreten. Dieser Wandel erwies sich auf Ell als ungewöhnlich und hatte meist nichts anderes als höchstes Erstaunen hervorgerufen. Aber Pydrhab hatte sich zeit seines Lebens nie mit den Lehren der Praister anfreunden können. Sie besaßen nichts Greifbares für ihn und entfernten sich in seinen Augen zu weit von der Wirklichkeit der Lebenden. Die Praister waren ihm bis zu seinem Weggang stets unheimlich geblieben, obwohl sie ihn im Grunde gut und als einen der ihren behandelt hatten.

Den Erzählungen der Praister zufolge hatte ihn vor genau fünfundvierzig Sonnenwenden eine Hafendirne in einer Seitengasse Tut-El-Bayas nach Kryson gebracht und unmittelbar nach der Geburt in den Gärten des Kristallpalastes auf der Terrassenebene der Praister ausgesetzt. Der Vater war trotz eigener Nachforschungen unbekannt geblieben. Jedermann kam im Grunde als sein Erzeuger infrage. Ein Seemann, ein Freier, ein Händler, ein Höfling, vielleicht ein gegen die Regeln verstoßender Praister oder am Ende gar ein Bewahrer. Letzteres wäre Pydhrab in der Zeit seiner Jugend am liebsten gewesen. Obwohl er unter den Praistern aufgewachsen war, hatte er, seit er denken konnte, davon geträumt, dem Orden der Sonnenreiter anzugehören. Allerdings hatte er sich das Ordensleben damals in den Sonnenwenden seiner Kindheit und frühen Jugend noch völlig anders vorgestellt. Wie das Herz vieler anderer junger Frauen und Männer hatte auch er die großen Bewahrer – und vor allem die Krieger unter ihnen – bewundert. Madhrab, Lordmaster und Bewahrer des Nordens, den hohen Vater, Overlord Boijakmar, den eitlen Lordmaster Chromlion, der gemeinhin als schön, aber unbeherrscht gegolten hatte, und den Letztgänger Zachykaheira. Diese Namen und die sich dahinter verborgenen Geschicke würden nicht so schnell in Vergessenheit geraten, wie es bei vielen anderen Dingen auf Ell geschah. Dafür wollte Pydhrab sorgen, wenn er Gelegenheit dazu fand, die Geschichten der namhaften Sonnenreiter endlich aufzuschreiben. Die meisten von ihnen hatte er mehr oder weniger noch persönlich gekannt.

Seit Tagen schon hatte der Atramentor in einer viel zu engen, bislang unbekannten Kammer des Labyrinthes verbracht und angestrengt versucht, die vor ihm liegenden Schriften zu entziffern. Nicht nur das Kerzenlicht bereitete ihm Schwierigkeiten. Die alte, ungleichmäßige Handschrift war schwer zu entziffern, und auch die an einigen Stellen bereits verblassenden Buchstaben stellten den Schriftenmeister vor eine große Herausforderung. Vielleicht die größte seines Lebens. Die Schriften erwiesen sich als uralt, und er wagte kaum, ihnen mit den Fingern nahe zu kommen, fürchtete er doch, sie könnten unter seiner Berührung zu Staub zerfallen.

Was blieb ihm anderes übrig, als diese an Ort und Stelle zu lesen und in mühsamer Arbeit mit den eigenen Händen abzuschreiben, wollte er den Text für nachfolgende Generationen retten. Er hegte keinen Zweifel daran, dass es sich um eine wichtige Entdeckung handelte. Bereits die ersten Zeilen hatten in ihm den Verdacht geweckt, eine von Ulljans ureigenen Schriften vor ihm liegen zu haben.

Sein beinahe allzu neugieriger Schüler hatte in den Archiven in einer geheimen Kammer alte Schriftrollen entdeckt, die längst als verschollen gegolten hatten. Auf welche Weise auch immer Gayol es angestellt und die Kammer gefunden hatte, Pydhrab zog es vor, es nicht wissen, und hatte deshalb nicht nachgefragt. Denn mit Sicherheit hatte der Adept bei seiner Suche einige Ordensregeln verletzt und wäre einer offiziellen Bestrafung nicht entgangen. Pydhrab hasste Bestrafungen. Er war der festen Überzeugung, dass sie nichts einbrachten. Strafe führte in den seltensten Fällen zu tieferer Einsicht. Gewiss war die Angst vor Bestrafung in manchen Fällen dazu geeignet, unerwünschte Handlungen zu vermeiden. Zeitweise. Aber oft bewirkte Strafe das Gegenteil, und das Verbotene lockte neugierige Geister geradezu, dieses auszuprobieren. Züchtigung zerbrach meist nur den Willen des Missetäters und die gezeigte Reue war nicht echt. Der Durst nach Wissen und die Neugier waren zu groß. Pydhrab konnte Gayol nicht böse sein. Der Atramentor erinnerte sich daran, wie er selbst einst gewesen war, und musste sich eingestehen, dass er selbst nicht anders gehandelt hätte. Er nannte das »den Dingen auf den Grund gehen, die Geheimnisse aufspüren und enträtseln, bevor es ein anderer tut.« Pydhrab wäre nicht so weit gekommen, hätte er diese Eigenschaft nicht selbst aufzuweisen, und er schätzte es sehr, dass Gayol ihm in so mancherlei Hinsicht ähnlich war.

Nachdem der Meister der Schriften allerdings die ersten Worte des Fundes entziffert hatte, musste er Strenge walten lassen und seinen Schüler fortschicken. Es wäre unverantwortlich gewesen, Gayol eine Schrift des letzten Lesvaraq zu überlassen. Die Schriftrollen des Großmagiers waren gewiss nicht für die Augen eines Adepten bestimmt. Pydhrab wusste selbst nicht, was ihn erwartete und ob er den Inhalt würde verkraften können. Soweit ihn seine Erinnerung nicht täuschte, waren Ulljans Schriften durchaus als gefährlich einzustufen. Kein Atramentor konnte vorher wissen, welche Geheimnisse er während der Lektüre erfahren würde. Ulljan war selbst nach seinem Tod für mancherlei Überraschung gut gewesen. Der Schriftenmeister hatte sich Tinte, Feder und Schriftrollen zurechtgelegt. Während er las, schrieb er das Gelesene zugleich auf.



»In schöner Regelmäßigkeit suchte ich auf meinen Reisen die bekannten magischen Völker auf. Alle bis auf eines: das Volk der Nno-bei-Maya. Von jeher leisten mir die Maya Widerstand. Unergründlich scheint mir, warum sie den Lesvaraq auf diese Weise ablehnen. Gewiss, sie stehen Pavijur näher und geben vor, dem Licht dienen zu wollen. Doch gilt dies in gleichem Maße für die Naiki, die mich immerhin zur letzten Sonnenwende einmal empfingen und ihre Geheimnisse mit mir teilten. Die Maya hingegen zeigten sich bis heute uneinsichtig. Jeder Versuch, ihre Abwehr zu überwinden, wäre fruchtlos geblieben, hätte ich ernsthaft versucht, sie mit Gewalt zu erreichen. Die mir verliehene Macht mag den Willen der Maya brechen und den Geist zerstören. Aber sie reißt nicht den unsichtbaren Schild nieder, den das Volk um seine Insel gelegt hat. Aber nun weiß ich endlich, wie der Vorstoß erfolgen muss und die Barriere zerbrochen wird. Mein treuer Freund Kallahan – Meister und zugleich Schüler – wird mir bei meinen Plänen behilflich sein. Die Maya werden den Lesvaraq endlich willkommen heißen, ob sie wollen oder nicht.

Jedes der magisch begabten Völker verriet – während ich einige Monde unter ihnen verweilte – eines ihrer am besten gehüteten Geheimnisse. Meist aus freien Stücken. Oder sagen wir, mehr oder minder freiwillig. In manchen Fällen des Starrsinns musste ich ein wenig nachhelfen.

Bei den Tartyk befragte ich den Rat der Alten. Aber der Rat verriet nichts, was ich nicht schon zuvor geahnt hätte. Und doch war es eine Erfahrung der besonderen Art, mit den Drachen höchstselbst im reinen Gedankenaustausch zu plaudern. Nahm ich während meiner ersten Begegnung noch an, der Rat der Alten sei tatsächlich mit Tartyk besetzt, so wurde ich rasch eines Besseren belehrt. Die Drachen stellten den Rat der Alten. In den Stallungen war es still um mich herum, und doch dröhnten die Stimmen der fliegenden Echsen in meinem Kopf, als sprächen sie laut und unmittelbar in mein Ohr: Das Geheimnis der Flugdrachen und der Langlebigkeit der Tartyk gaben sie preis.

Jede Wette wäre ich mit Kallahan eingegangen, dass erst die Verbindung der Drachen mit den Seelen ihrer Drachenreiter zu einer solch deutlich verlängerten Lebensdauer führt. Eine erstaunliche Erscheinung, die den Gelehrten zu bedenken gibt, wie schwer es der wahren Magie fällt, die Folgen des Alterns zu verhindern oder diese wenigstens zu unterdrücken, wohingegen die Unsterblichkeit erheblich einfacher erreichbar scheint. Vielleicht lässt sich dieses Wissen eines Tages nutzen. Doch Kallahan wollte nicht gegen mich wetten. Bedauerlich, nachdem mir der Rat der Alten das Geheimnis freimütig offenbart hatte, hätte ich gewonnen.

Von den Felsgeborenen lernte ich das Flüstern der Steine. Eine äußerst hilfreiche Fähigkeit, die es mir fortan ermöglicht, an jeden beliebigen Ort auf Kryson zu schauen, sollte er denn auf irgendeine Art und Weise mit den Felsen verbunden sein. Die Steine besitzen großes Wissen. Uraltes Wissen, das ich mir nur allzu gern aneignen will. Ärgerlich nur, dass das Flüstern nicht leicht auszulegen ist. Die Behauptung, die Steine seien in ihrer Art zu träge, um alle notwendigen Informationen rechtzeitig zu transportieren, teile ich ohne Widerspruch. Aber vielleicht lässt sich die grundlegende Eigenschaft der Steine auf andere Weise nutzen und auf einen schnelleren und zuverlässigeren Stoff übertragen. Eisenerz wäre eine Möglichkeit. Kristall oder gar Gold und Silber. Ich muss es versuchen. Sollte es mir gelingen, die Eigenschaft der unbeschränkten Beweglichkeit des Geistes auf das Körperliche zu übertragen und die in dieser Hinsicht hinderlichen Beschränkungen unserer Hülle aufzuheben ermöglicht dies zu jeder Zeit Reisen an jeden beliebigen mit den Steinen verbundenen Ort auf Kryson. Eine interessante und zeitsparende Vorstellung, die aber vor allen Dingen Macht bedeutet. Wer Zeit und Raum beherrscht, überragt alle übrigen Dimensionen und wird der Herr über Licht und Schatten sowie am Ende über Leben und Tod sein.

Die Naiki zeigten mir sowohl die Zubereitung eines hochwirksamen Pfeilgiftes als auch die eines Heilmittels gegen die Geißel der Schatten. Letzteres allerdings nahm ich mir ohne ihre Zustimmung. Der Diebstahl blieb unbemerkt. Wenigstens ließen sie mich in diesem Glauben und zeigten keinerlei Empörung, so sie denn den Frevel entdeckt haben sollten. Zum Glück, denn die junge Magierin an der Seite Pavijurs ist – neben ihrer umwerfenden Schönheit – sehr mächtig und talentiert. Metaha ist der Name der bezaubernden Naiki-Hexe. Gegen sie anzutreten könnte schmerzhaft und verlustreich sein. Ihren Namen werde ich mir merken müssen. Ihre Stärke könnte meinen Zielen eines Tages gefährlich werden.

Neben allen anderen sind die Maya jedoch etwas Besonderes. Selten setzen sie einen Fuß auf Ell. Ihr Zentrum liegt auf einer Vulkaninsel im südlichsten Osten unseres Kontinents. Kartak nennen sie ihr Zuhause mitten im Meer des Ostens. Ein schönes und starkes Volk, heißt es anerkennend unter den Reihen der anderen Völker. Doch gleichzeitig stellt es ein nicht minder kriegerisches Volk dar, dem nachgesagt wird, es besitze die Gabe des Kriegers und gelte daher als nahezu unbesiegbar. Dies war ein Geschenk der Kojos, wie es den übrigen Völkern nicht gewährt wurde. Die Götter verliehen es dem Liebreiz der Maya und für deren Treue. Nur alle eintausend Sonnenwenden soll die Gabe einem einzigen Krieger aus dem Geschlecht der Maya-Könige gewährt werden. Gibt der auf diese Weise durch die Kojos Bevorzugte das Geschenk binnen der Dauer seines Lebens nicht an einen direkten Nachkommen weiter, ist sie für immer verloren.

Die Neugier treibt mich in den Wahnsinn. Ich muss wissen, ob die Geschichten wahr sind und was es mit der Gabe auf sich hat. Wir werden ihre Unbesiegbarkeit auf eine harte Probe stellen.

Eine weitere Eigenschaft reizt mich nicht weniger. Die angeblich angeborene Fähigkeit der Nno-bei-Maya mit Pferden zu reden und viele der auf Ell heimischen Tierarten zu verstehen, gilt es zu erforschen.

Die See war ruhig, als wir die Überfahrt nach Kartak wagen wollten. Kallahan hatte ein Segelboot und ein paar Ruder zusätzlich besorgt, falls die Flaute anhalten und uns die Winde nicht gehorchen wollten. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich die bessere Nussschale am Strand erblickte. Gewiss, der Boden war aus gutem Holz gebaut und würde in ruhigen Gewässern dicht halten. Für die hohe See war das Boot jedoch nicht geeignet. Ein Sturm oder hohe Wellen und das Boot wäre gewiss gekentert und gesunken. Der gute Kallahan. Stets war er um unser beider Wohlergehen besorgt und musste unsere nächsten Schritte planen. Doch manchmal wunderte ich mich, wie wenig Vertrauen er in seine eigenen Fähigkeiten besaß. Er war mehr als begabt und mit meiner Unterstützung im Lauf der Sonnenwenden ein ausgezeichneter Magier geworden. Wozu das Segelboot?, fragte ich mich. Wir hätten uns in die Lüfte erheben und nach Kartak fliegen können. Aber er hatte eingewandt, das sei zu gefährlich. Wir wüssten nicht, was uns dort erwarte und von welchem Zauber die unsichtbare Barriere vor der Insel sei. Von einem Boot aus könnten wir vorsichtig über das Meer bis zur Grenze herangleiten und uns ein sicheres Bild von den Gefahren und der verwendeten Magie des von den Maya errichteten Schutzwalls machen. Erst als ich Kallahan darauf hinwies, dass die Gewässer vor Kartak nur so von Moldawars wimmelten, zögerte er plötzlich und zweifelte an seiner ursprünglich für gut befundenen Idee, die Überfahrt mit dem Segelboot zu wagen.

›Vielleicht ist es für unsere Zwecke doch zu klein‹, hatte er nachdenklich geäußert.

›Vertraue mir, Kallahan. Und vergiss nicht, ich bin ein Lesvaraq und du ein höchst fähiger Magier‹, versuchte ich, meinen Fehler erkennend, ihn rasch wieder zu beruhigen, ›wir werden das Boot nehmen. Die Moldawars sind nicht dumm. Sie spüren unsere Macht. Sieh einem Moldawar tief in die Augen und du wirst die uralte Intelligenz dieser Raubfische erkennen. Älter als die Drachen sind die Schrecken des Meeres. Und sie wissen genau, wer ein leichtes Opfer für ihren Hunger sein mag und von wem sie besser ablassen sollten. Sie mögen Fischer abschrecken, Boote mit in die Tiefe ziehen und sich sogar von weit größeren Schiffen ihren Happen holen. Uns jedoch werden sie meiden, als trügen wir die alles vernichtende Geißel der Schatten in uns.‹

›Dein Wort in ihren Ohren, sofern sie denn welche haben‹, antwortete Kallahan wenig überzeugt.

Untertrieben wäre es, ihm lediglich zu unterstellen, Kallahan möge die Moldawar nicht. O nein, das war bei Weitem nicht genug. Kallahan hatte Angst vor den Schrecken des Meeres. Eine tiefe Furcht, die ich in all den Sonnenwenden, die er treu an meiner Seite gestanden hatte, noch nie an meinem Gefährten beobachtet hatte. Und ich kannte wirklich jeden seiner Wesenszüge gut. Dennoch war er ein Mann, der in der Lage war, seine Angst zu überwinden. Das wusste ich aus zahlreichen Abenteuern, die wir gemeinsam bestritten und wohlbehalten überstanden hatten.

Wir quetschten uns gemeinsam in das Boot und saßen uns, die Knie – obwohl eng an den Körper gezogen – aneinanderanstoßend, von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Kallahan wirkte angespannt und blass, nachdem wir abgelegt hatten und mit der selbst bei schwächstem Wellengang stark schaukelnden Nussschale in See stachen. Was hatten wir zu befürchten?