7

Darryl und Jesse waren bei mir. Das bedauere ich. Von allen Dingen, die ich an diesem verfluchten Schlamassel bedauere, gehört das zu den größten Brocken. Wären sie nicht bei mir gewesen, wäre die Scheiße vielleicht nie passiert. Sie wären nicht mit hineingezogen worden. Womöglich wäre ich dann in jener Nacht gar nicht im Odessa gewesen.

Ach, wem will ich etwas vormachen? Natürlich wäre ich hingefahren. Sondra arbeitete, wie jede zweite Nacht. Also war ich dort, wie jede zweite Nacht.

Und die Dinge liefen aus dem Ruder.

Jesse war bereits im Lokal. Er hatte einen Tisch in der Nähe der Bühne ergattert und Plätze für Darryl und mich reserviert. Als wir eintraten, bekam er gerade einen Lapdance von einer dürren Stripperin namens Natalia, die mir wenig zusagte. In Wahrheit empfand ich sie sogar als abstoßend. Sie hatte kurz gestutztes schwarzes Haar und viel zu viel Tinte am Körper. Sogar ihre Tätowierungen waren übertätowiert. Dämonen, Blumen und Stammessymbole. Ich hasse diesen Mist. Natalia hatte immer dunkle Ringe unter den Augen, und für gewöhnlich übersäten schwarze und gelbe Flecken ihre Arme und Beine. Gerüchten zufolge war sie auf Heroin. Angeblich spritzte sie sich zwischen den Zehen, damit die Gäste die Einstiche nicht sahen. Um ihre Sucht zu finanzieren, bot sie harte Behandlungen in den Separees oben an – SM-Kram. War nicht mein Ding. Ich habe nie verstanden, wie man sich durch Schmerzen gut fühlen sollte. Ob man mit jemandem Liebe machte oder bloß fickte, das Letzte, was man wollte, war, den Partner zu verletzen. Irgendwie erschien es mir falsch, widersinnig. Vor Jahren hatte ich in der Gießerei in Hanover gearbeitet. Dort gab es einen Kerl namens Sherm, der auf so etwas stand. Er polierte Mädchen während des Sex die Fresse und würgte sie, wenn sie kamen. Er behauptete, es helfe ihm abzuspritzen. Er behauptete auch, die Mädchen fuhren ebenfalls darauf ab. Die Bullen haben ihn bei einem schiefgelaufenen Banküberfall erschossen. Das wiederum hatte ich immer irgendwie als richtig empfunden.

Vielleicht hätten Sherm und Natalia gut zusammengepasst, vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich hätte ihr Schlampenhintern sogar ihm Muffensausen beschert.

Trotz allem schien Jesse auf sie zu stehen. Über Geschmack lässt sich eben nicht streiten. Vielleicht war er betrunken. Jedenfalls nahm er Darryl und mich kaum zur Kenntnis, als wir uns an den Tisch setzten. Stattdessen starrte er mit halb geschlossenen Lidern weiter in ihre Augen. Sein Körper wirkte angespannt, seine Arme waren steif. Natalia rieb sich an ihm. Jesses Atem ging schneller, dann begann er zu stöhnen. Mit einem Abschiedslächeln, das einen eher aufgesetzten als innigen Eindruck vermittelte, schnappte sich Natalia einen zusammengerollten Zwanziger aus seiner Hand und zog von dannen. Jesse drehte uns den Kopf zu. Er wirkte erschöpft, was er vermutlich auch war. Auf seiner Jeans prangte ein feuchter Fleck.

»Kumpel«, meinte Darryl, »du bist ein echt krankes Weißbrot.«

»Was? Warum?«

»Deshalb, Jesse.« Darryl nickte in Natalias Richtung. »Die Schnalle ist verseucht.«

Jesse zuckte mit den Schultern. »Muschi ist Muschi.«

Ich lachte. »Du würdest einen Gartenschlauch pimpern, wenn genug Druck drauf ist.«

»Genau«, pflichtete Darryl mir bei. »Er würde ‘nen Busch knattern, wenn er wüsste, dass ‘ne Schlange drin ist.«

»Ach, leckt mich doch beide.«

»Nein, danke.«

Wir hatten einen Sechserpack Miller Lite mitgebracht. Darryl bot Jesse ein Bier an. Anscheinend hatte es ihn müde gemacht, seine Ladung abzuschießen. Seine Lider hingen ebenso schwer herab wie seine Schultern. Wir öffneten die noch kalten Biere und tranken einen Schluck, was Jesse ein wenig zu erfrischen schien.

»Geht es dir gut?«, fragte ihn Darryl.

Jesse lächelte. »Und ob.«

Er hatte die Nacht bei GPS frei und war in Partystimmung. Darryl und ich mussten später zur Arbeit. Unserem Ladebereich stand eine anstrengende Nacht bevor. Jesse wollte uns überreden, im Odessa zu bleiben. Er meinte, wir sollten uns krank melden. Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken.

Einige Male hatte ich das schon gemacht, um Sondra tanzen zu sehen. Darryl jedoch wollte davon nichts wissen. Er brauchte seinen Lohnscheck – seine Alimente gingen direkt davon ab, und wenn er auf zu wenige Stunden kam, blieb kaum etwas übrig. Und da ich uns zum Odessa gefahren hatte, verkörperte ich seine Mitfahrgelegenheit zur Arbeit. Er würde mich unter keinen Umständen aus der Pflicht entlassen, und ich würde ihm unter keinen Umständen den Cherokee anvertrauen. Darryl hatte in den vergangenen zweieinhalb Jahren drei Unfälle mit Totalschaden gebaut.

Es war kurz nach zehn. Wir riefen Yul an und lachten über ihn. Er befand sich gerade auf dem Nachhauseweg von einer Blumenausstellung auf dem Messegelände von York. Kim hatte ihn gezwungen, sie zu begleiten. Dabei musste der arme Kerl um drei Uhr aufstehen und zur Arbeit.

Wir tranken Bier, sahen den Tänzerinnen dabei zu, wie sie die Tangas abstreiften, und vergnügten uns. Zunächst schien alles normal zu sein, aber nach der ersten Stunde fiel uns auf, dass etwas nicht stimmte.

Das erste Anzeichen darauf war, dass Sondra ihren Auftritt verpasste. Der DJ kündigte sie an und legte ihren Song auf – wieder Gwen Stefani. Die Lichter wurden gedämpft. Der rote Spot schwenkte auf die Bühne – doch die blieb leer. Keine Sondra. Der DJ rief erneut ihren Namen, aber sie tauchte nicht auf. Aus dem Publikum ertönten einige Buhrufe und etwas Jubel. Die Rausschmeißer schauten verärgert drein. Ich setzte mich aufrecht hin und sah mich verwirrt um. Der DJ rief Sondra ein drittes Mal, und als sie die Bühne immer noch nicht betrat, improvisierte er rasch.

»Planänderung, Leute. Sondra kommt etwas später zu uns. Bestimmt wollt ihr sie nicht verpassen. In der Zwischenzeit bitte Applaus für die liebreizende, sinnliche Lakita! Lasst sie uns nach Odessa-Manier begrüßen. Klatscht alle tüchtig in die Hände!«

Eine junge Schwarze eilte auf die Bühne. Im Gegensatz zu den anderen Tänzerinnen war sie vollständig bekleidet, als wäre sie hinter der Bühne überrascht worden. Sie wirkte verwirrt, und es war offensichtlich, dass sie nicht daran gewöhnt war, zu diesem Lied zu tanzen. Aber sie fing sich rasch, begann, sich zu rekeln, und streifte mit jeder Strophe mehr Kleidung ab.

Tonya ging auf dem Weg zu einem Lapdance für einen Gast zwei Tische weiter an uns vorbei. Ich hielt sie an.

»Wie geht’s euch, Jungs?«

»Gut«, antwortete ich. »Aber was ist mit Sondra? Ist sie krank oder so?«

»Oooh«, zog mich Jesse auf. »Larry vermisst seine Freundin. Ist das nicht süß?«

Er und Darryl rempelten einander kichernd mit den Ellbogen.

Tonya ignorierte sie. »Keine Ahnung. Sie war früher hier. Aber ich bin die ganze Nacht noch nicht hinten gewesen. Vielleicht ist sie auf der Toilette.«

Ich nickte. Es hörte sich einleuchtend an.

»Ich muss weiter«, sagte Tonya und eilte von dannen. Die Gäste an dem anderen Tisch stießen Pfiffe aus, als sie sich ihnen näherte. Ich wandte mich an Darryl und Jesse.

»Vielleicht hat sie die Regel«, meinte Jesse. »Wenn sie ihre Blutung hat, kann sie nicht tanzen.«

Ich erwiderte nichts. Stattdessen stand ich auf und wollte mich in Bewegung setzen. Darryl hielt mich am Ellbogen zurück.

»Wo willst du denn hin?«

»Pinkeln. Bin gleich zurück. Hebt mir ein Bier auf.«

Nickend richtete er die Aufmerksamkeit wieder auf Lakita, der es mittlerweile gelungen war, das Publikum für sich zu gewinnen. Ich steuerte auf die Toiletten zu.

Das Herrenklo im Odessa war dreckig, und ich hasste es. Nachdem ich es zum ersten Mal benutzt hatte, fiel es mir leicht zu verstehen, warum wir Leute auf dem Parkplatz pinkeln gesehen hatten – dort war es nicht nur angenehmer, sondern auch sauberer.

Die Toilette verfügte über zwei Pissoirs, drei Kabinen und zwei Waschbecken. Alle waren mit Dreck und Flecken übersät. Die Toilettensitze waren rissig und lose. Sie wackelten, wenn man sich daraufsetzte. Bei einem der Pissoirs hatte ein Rohr ein Leck, weshalb sich für gewöhnlich auf dem Boden darunter eine Lache befand. An der Wand hingen neben einem gesprungenen Spiegel ein Papierhandtuchspender und ein Kondomautomat. Der Linoleumboden war erbsengrün, und meine Schuhe blieben daran kleben. Die Kabinen und die Wände wiesen dieselbe kränkliche Farbe wie der Boden auf.

Das Pissoir zur Linken benutzte ein alter Bursche. Er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und schwankte betrunken hin und her. Etwa jeder vierte Tropfen seines Pinkelstrahls traf den Boden statt des beabsichtigten Ziels. Er pfiff durch die Nase, als er atmete. Ich schenkte ihm keine Beachtung, ließ ein Pissoir Abstand zwischen uns und stellte mich vor jenes rechts, wo ich mich eilig daran machte, mein Geschäft zu erledigen. Dabei versuchte ich, nicht in die Pfütze unter dem Pinkelbecken zu treten. Erneut fragte ich mich, wo Sondra stecken mochte und weshalb sie ihren Auftritt versäumt hatte.

Graffiti übersäten die Wand. Die Leuten hatten sie mit Schlüsseln oder Messern in die Farbe geritzt oder mit allem Möglichem an die Wand gekritzelt, von schwarzen Stiften bis hin zu Scheiße. Ein Teil davon schien sehr alt – antike Hieroglyphen aus den 1990ern. Andere wirkten noch frisch. Nichts davon war je übermalt worden, soweit ich es beurteilen konnte. Vielleicht wollte man sie für die Nachwelt erhalten.

Der alte Bursche spülte und verließ die Toilette, ohne sich die Hände zu waschen. Woraus ich ihm keinen Vorwurf machen konnte. Die Pissoirs waren wahrscheinlich sauberer als die Waschbecken.

Während ich pinkelte, betrachtete ich die Wand. Einige der Graffiti sahen wie Russisch aus. Manche Buchstaben waren rückwärts geschrieben. ›Chobo Meptbbin.‹ Ich fragte mich, was das bedeuten mochte. ›Ctopoha cnhrk aeno 555-0673.‹ Kauderwelsch. Ich las stattdessen jene Graffiti, die ich verstand. ›Das ist Scheiße.‹ ›Ich habe Aids.‹ ›Legalisiert es.‹ ›Wer hat gefurzt?‹ ›Was starrst du so?‹ ›Tony war hier.‹ ›Willst du gut geblasen werden, ruf 555-9081 an.‹ Und allzeit beliebt: ›Hier sitz ich nun, bin neben der Spur, wollt’ scheißen, konnt’ aber furzen nur.‹ Auch einen Dialog zwischen Leuten gab es: ›Ich liebe diese Nutten.‹ ›Deine Mama ist ‘ne Nutte.‹ ›Deine auch, Wichser.‹ ›Hast du seine Mutter auch gefickt?‹ ›Ich bin seine Mama.‹ Einige waren entweder kryptisch oder derb – oder beides. ›Hast du Teddy und Frankie gesehen ... ruf 555-6667 an ... frag nach Kaine ... Belohnung.‹ ›Meine Muschi hat meinen Tanga gefressen.‹ ›Jesus rettet, aber Ob herrscht.‹ Und natürlich gab es Bilder – einen Kilroy mit großer Nase, der über eine Mauer lugte, den Präsidenten mit einem zahnlückigen Grinsen und riesigen Ohren, einen lächelnden Hund, sonderbare okkulte Symbole wie von einem Slayer-Album, eine rauchende Wasserpfeife und massenhaft männliche und weibliche Geschlechtsteile, alle überlebensgroß. Einige brachten mich zum Lachen, andere ließen mich zusammenzucken; manche bewirkten beides.

Als ich fertig war, schüttelte ich ab, zog den Reißverschluss zu und drehte mit dem Ellbogen den Wasserhahn des Waschbeckens auf. Ich scheute mich davor, den Griff mit der Hand anzufassen. Eine dicke Schicht aus schwarzem Dreck und rosa Seife klebte daran. Ich spülte mir die Hände ab, dann benutzte ich erneut den Ellbogen, um den Hebel des Papierhandtuchspenders zu bedienen. Er war leer, also wischte ich mir die Hände an meiner Jeans ab.

Als ich zur Tür hinausging, drängte sich ein Rausschmeißer an mir vorbei in die Toilette. Ich musste mich an die Wand pressen, um nicht plattgewalzt zu werden. Er hielt inne, drehte sich um und sah mich an.

»Du hier Mädchen gesehen?«

Sein Akzent war teigig, und zunächst hatte ich Mühe, ihn zu verstehen. Er beugte sich näher. Ich konnte sein Duftwasser riechen.

»Mädchen«, wiederholte er. »Du gesehen?«

»Hier drin?« Ich schüttelte den Kopf. »Hier waren nur ich und ein alter Kerl. Vielleicht ist sie in einer der Kabinen.«

»Da.« Er wandte sich ab.

»Nach wem suchst du denn?«, fragte ich.

»Niemand. Du geh zurück zu Tisch. Genieß Show. Schau Muschis an. Keine Sorge.«

Damit stapfte er auf die Kabinen zu. Ich ließ schulterzuckend die Tür hinter mir zufallen und bahnte mir einen Weg durch die Menge. Es herrschte Tumult. Die meisten Rausschmeißer waren verschwunden; ich fragte mich, wohin. Whitey stand vor seinem Büro und redete mit Otar. Die beiden beugten sich dicht zueinander. Whitey stieß dem größeren Mann unablässig den Finger in die Brust und brüllte etwas auf Russisch. Obwohl Otar beinah doppelt so groß wirkte, schien er Whitey zu fürchten. Der Rausschmeißer steuerte auf die Eingangstür zu. Er schien besorgt zu sein – der erste Gesichtsausdruck, den ich in seinen steinernen Zügen je gesehen hatte. Whitey ließ den Blick durch den Raum wandern und kurz auf mir verweilen. Mir gefiel nicht, was für ein Gefühl er mir vermittelte. Ich eilte zurück zum Tisch und setzte mich. Lakita war mittlerweile zu ihrem zweiten Tanz übergegangen und rekelte sich zum neuesten Song von Fergie.

»Was ist denn los?«, fragte ich Darryl und Jesse.

»Keine Ahnung«, gab Jesse zurück. »Aber es muss etwas Wichtiges sein. Die Rausschmeißer sind hinter die Bühne verschwunden, und Whitey sieht stinksauer aus.«

»Wieso? Gab es eine Keilerei?«

»Ne.« Jesse schüttelte den Kopf. »Wer weiß? Vielleicht hat eines der Mädchen Geld gestohlen oder so.«

»Da muss er mit starker Zuhälterhand durchgreifen«, meinte Darryl, ohne den Blick von Lakita zu lösen.

»Gefällt dir die Show?«, erkundigte sich Jesse.

Darryl grinste. »Ich hasse diesen miesen Song, aber verdammt, Lakita macht ihn so viel besser.«

Die beiden lachten. Ich wollte mit einstimmen, stellte jedoch fest, dass ich nicht konnte. Mir tat der Magen weh. Ich fühlte mich angespannt. Zuerst war Sondra nicht auf die Bühne gekommen, dann der Zwischenfall mit dem Rausschmeißer auf der Toilette. Es musste ein Zusammenhang bestehen ... aber welcher? Sogar die anderen Stripperinnen wirkten nervös. Unablässig ließen sie die Blicke durch das Lokal wandern, schauten über die Schultern, wirkten zerstreut. Eingeschüchtert. Es ging eindeutig etwas Ernstes vor sich. Etwas Schlimmes.

Danach ging der Spaß verloren. Die Atmosphäre im Odessa wurde gedrückt, die knisternde Energie floss ab. Die Gäste applaudierten nicht mehr so laut und gaben weniger Trinkgeld. Die Tänzerinnen bewegten sich träger. Sogar der DJ schien neben der Spur zu sein, vertauschte Songs, machte Fehler. Darryl und ich tranken unsere Biere aus und überließen Jesse den Rest.

»Geht ihr?« Aus seiner Stimme sprach Enttäuschung.

»Tut mir leid, Mann«, entschuldigte ich mich. »Ich kann nicht bleiben. Darryl muss zur Arbeit.«

»Verdammt richtig«, bestätigte Darryl. »Und du auch, Larry. Wenn du weiterhin blau machst, um dir Titten anzusehen, feuert dich GPS. Außerdem ist dein Mädel ohnehin nicht hier.«

Jesse schraubte den Deckel eines weiteren Biers auf. »Wahrscheinlich hatte sie genug davon, dass du ihr nachstellst, und hat sich aus dem Staub gemacht.«

»Leckt mich doch alle beide. Am besten kreuzweise.«

Wir verabschiedeten uns von Jesse, forderten ihn auf, bei der Heimfahrt vorsichtig zu sein, und gingen. Otar stand nicht an seinem üblichen Platz. Tatsächlich bewachte niemand die Eingangstür. Ein weiterer Beweis dafür, dass etwas nicht stimmte; im Augenblick konnten die Leute herein, ohne Eintritt zu bezahlen. Definitiv ungewöhnlich. Als wir draußen anlangten, sahen wir den Grund.

Der Mond war aufgegangen, und die Natriumlampen summten. Trotz der Beleuchtung war es dunkel, und zwischen den Autos herrschten Schatten vor. Whitey, Otar und die anderen Rausschmeißer schritten den Parkplatz ab. Einige von ihnen hatten Taschenlampen, deren Strahlen sie auf den Boden richteten. Offenbar suchten sie jemanden. Ein Rausschmeißer sah uns kurz an, schenkte uns jedoch keine weitere Beachtung. Ich hörte, wie Whitey etwas auf Russisch brummte. Seine Laune schien sich verschlechtert zu haben.

Darryl beugte sich zu mir und flüsterte: »Vielleicht war jemand hier draußen und ist in Autos eingebrochen.«

»Ich hoffe nicht.« Sofort dachte ich an meinen iPod. Ich hatte ihn ins Handschuhfach gelegt, aber falls ein Dieb in den Cherokee eingebrochen war, hatte er ihn vermtulich mühelos gefunden. »Scheiße.«

Als wir uns dem Jeep näherten, seufzte ich vor Erleichterung. Keines der Fenster war aufgebrochen, keine der Türen stand offen. Auch die Reifen waren nicht aufgeschlitzt. Keinerlei Anzeichen darauf, dass Vandalen mit einem Schlüssel oder dergleichen den Lack zerkratzt hatten. Auch keines der anderen Fahrzeuge sah so aus, als wäre darin eingebrochen worden. Die Russen suchten den Parkplatz weiter ab, gingen langsam zwischen den Autoreihen auf und ab und leuchteten mit den Taschenlampen den Boden entlang. Sie sprachen kein Wort. Nur Whitey blieb reglos mitten auf dem Parkplatz stehen und beobachtete die anderen. Das Mondlicht glitzerte in seinem weißen Haar. Als wir auf den Cherokee zustapften, bedachte er uns mit einem finsteren Blick. Ich nickte ihm zu und versuchte zu lächeln. Statt die Geste zu erwidern, wandte sich Whitey ab.

Mein Magen krampfte sich zusammen, und ich wusste nicht, weshalb. Es fühlte sich grässlich an. Ich schaute zum Himmel. Darryl folgte meinem Blick.

»Vollmond«, murmelte er. »Da sind bestimmt ein paar Durchgeknallte unterwegs.«

»Ja«, pflichtete ich ihm bei.

Ich richtete meinen Schlüsselbund auf den Wagen und drückte den Knopf zum Entriegeln der Türen. Während Darryl einstieg, ging ich vorne herum und überprüfte die Motorhaube und den Kühlergrill auf Schäden. Es gab keine. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, welche zu entdecken. Wonach Whitey und seine Leute auch suchten, es waren keine Vandalen. Nicht so, wie sie ihre Suche gestalteten.

Darryl beugte sich herüber und öffnete meine Tür. Ich hob das Bein, um einzusteigen. Etwas packte mich am Fußgelenk. Ich erschrak, schrie aber nicht auf. Jedenfalls nicht laut. Stattdessen gab ich tief in der Kehle einen erstickten Laut von mir. Die Russen befanden sich zu weit entfernt, um ihn zu hören.

Ich schaute hinab. Eine Hand hielt mein Fußgelenk. Die Finger hatten sich fest darum geschlungen. Es war eine hübsche Hand. Zierlich und hellhäutig, mit langen, roten Fingernägeln. Die Hand gehörte zu einem Arm, der wiederum wohl zu jemandem gehörte, der sich unter meinem Wagen versteckte.

Ich erkannte die Fingernägel und die Hand, hatte sie etliche Nächte ebenso betrachtet wie den Rest ihrer Besitzerin.

Es war Sondra. Ich war überzeugt davon. Aus irgendeinem Grund versteckte sich Sondra Belov unter meinem Cherokee. Und plötzlich war ich ziemlich sicher, wen die Russen suchten. Ich hatte bloß keine Ahnung, weshalb.

Ich holte tief Luft und hielt den Atem an.

»Was machst du denn?«, brüllte Darryl. »Wir kommen zu spät zur Arbeit.«

Die Rausschmeißer schauten in unsere Richtung. Die Hand an meinem Fußgelenk drückte fester zu.

»Ich bin in einen Kaugummi getreten«, sagte ich laut genug, um von den Russen gehört zu werden. »Warte kurz. Ich will ihn erst abkratzen. Den möchte ich nicht auf die Polsterung kriegen.«

»Mann, beeil dich.«

Ich kniete mich auf den Asphalt und spähte unter den Jeep. Der Atem stockte mir in der Brust. Sondra starrte mich an.

Ihre Augen waren geweitet; Angst sprach aus ihnen. Schwarze Schlieren überzogen ihr Gesicht. Nach einem Moment wurde mir klar, dass es sich um verschmierte Wimperntusche handelte. Ihre Lippe war geschwollen und blutete. Auch unter ihrer Nase klebte Blut. Sie setzte zum Reden an, doch ich hob einen Finger an die Lippen und bedeutete ihr zu schweigen. Dann richtete ich mich auf und öffnete langsam die Tür. Das Knacken meiner Knie ließ mich zusammenzucken.

»Darryl«, flüsterte ich. »Bleib ruhig.«

»Ich soll ruhig bleiben?« Seine Stimme hörte sich ungemein laut an. »Was kümmert’s mich, Larry? Es ist dein Auto. Wenn du keinen Kaugummi darin haben willst, kratzt mich das wenig.«

»Bleib, verdammt noch mal, ruhig.« Ich starrte ihn an, so eindringlich ich konnte, und versuchte, ihm die Ernsthaftigkeit der Lage zu vermitteln. Er musste erkannt haben, dass etwas nicht stimmte, denn er nickte.

»Also gut. Ich bin die Ruhe selbst.«

Aus dem Augenwinkel nahm ich die Rausschmeißer wahr. Sie scharten sich wieder und steuerten zurück zu Whitey. Offenbar stellten sie die Suche ein. Keiner von ihnen schaute zu uns.

»Also gut, Sondra«, flüsterte ich. »Rein in den Jeep, so schnell du kannst. Bleib außer Sicht, behalt Kopf und Schultern unten. Kriech zwischen den Sitzen durch nach hinten. Lass sie dich nicht sehen. Verstanden?«

»Sondra?«, murmelte Darryl.

Ich schleuderte ihm einen ernsten Blick zu und schüttelte leicht den Kopf.

Sondra schob den Oberkörper unter dem Cherokee hervor, kletterte in den Wagen und zwängte sich zwischen den Fahrersitz und das Gaspedal, ehe sie den restlichen Körper nachzog. Sie war spärlich bekleidet – eine knappe, blaue Seidenunterhose und ein dazu passender Seidenmorgenrock. Es war überaus offensichtlich, dass sie keinen Büstenhalter trug. An den Füßen hatte sie babyblaue Stöckelschuhe. Darryl starrte sie verwirrt an. Sondra schob sich weiter, und er drehte sich mir zu. Ich zuckte mit den Schultern. Sondra kroch zwischen den Sitzen hindurch nach hinten, kauerte sich auf den Boden und duckte den Kopf. Mein Herz schlug schneller. Erneut sah ich mich um. Die Russen hatten sie nicht bemerkt.

Darryl zeigte sich nervös. »Was, um alles in der Welt, ist hier los, Larry?«

»Still«, raunte ich. »Nicht jetzt, Mann. Lass uns erst von hier verschwinden.«

Damit nahm ich auf dem Fahrersitz Platz und zog die Tür hinter mir zu. Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Der Motor erwachte zum Leben. Ich legte den Rückwärtsgang ein und setzte langsam aus der Parklücke zurück, wobei ich versuchte, normal zu fahren und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Wir hielten auf die Ausfahrt zu. Sondra hyperventilierte.

Ich spähte in den Innenspiegel, um mich zu vergewissern, ob es ihr gut ging. Ihr Morgenrock hatte sich gelöst, sodass ihre Brüste daraus hervorlugten. Ich bemühte mich, sie zu ignorieren. Obwohl ich sie auf der Bühne Dutzende Male angestarrt hatte, erschien es mir irgendwie falsch, es in diesem Moment zu tun. Stattdessen richtete ich den Blick wieder geradeaus.

»He, du!«

»O Scheiße.« Darryl schaute über die Schulter zurück. »Du hast die Russen verärgert, Larry.«

Erneut sah ich in den Innenspiegel. Otar rannte hinter uns her, schwenkte die Hände und brüllte etwas. Sein Gesicht war gerötet.

»Was machen wir jetzt?«, stieß ich hervor.

»Hau verdammt noch mal ab!« Darryl schlug mit der Handfläche auf das Armaturenbrett.

Hinten ertönte von Sondra ein Wimmern.

Otar kam näher. Ich verstand einen Teil dessen, was er brüllte. Es klang wie ›Licht‹. Ich trat auf die Bremse.

»Fahr weiter, du Trottel!«

»Entspann dich. Er ist nicht hinter uns her, Darryl.«

»Warum rennt er uns dann nach? Und was brüllt er da?«

»Die Scheinwerfer«, gab ich zurück. »Ich habe vergessen, sie einzuschalten.«

Als ich nach dem Knopf griff, traf Otar neben dem Cherokee ein. Er keuchte heftig. Von meinem Sitz aus konnte ich sehen, dass sich seine Wangen wie bei einem Kugelfisch blähten. Bevor ich wieder anrollen konnte, fiel sein Blick hinten in den Wagen. Er verengte die Augen, schrie etwas auf Russisch und streckte die Hand nach dem Türgriff aus.

»Mist!«

Ich trat auf das Gaspedal, und wir schossen vorwärts. Otar hielt den Türgriff noch kurz fest, dann stolperte er mit dem Gesicht voraus auf den Asphalt. Als wir auf die Straße rasten, sah ich, wie er auf die Beine sprang, auf uns deutete und brüllte. Die anderen Russen rannten zu ihm. Dann blitzte etwas auf, gefolgt von einem lauten Knall.

»Die Stinker schießen auf uns!«, schrie Darryl. »Gib Gas, Mann, gib Gas!«

Zum ersten Mal meldete sich Sondra zu Wort. »Sie werden euch töten, wenn sie euch kriegen. Uns alle. Bitte fahr. Schneller. Sofort.«

»Hör auf die Lady«, bedrängte mich Darryl. »Nichts wie weg von hier.«

Ich tat, wie mir geheißen. Die Reifen des Jeeps quietschten, und das Fahrzeug erzitterte, als wolle der Motor unter der Haube hervorspringen. Die Nadeln des Drehzahlmessers und Tachometers zuckten hin und her.

Wir rasten die Straße hinab und bogen auf die Auffahrt zur Interstate 81. Es herrschte wenig Verkehr, der nur aus einigen Sattelschleppern bestand.

Ich schwenkte zwischen ihnen hin und her und hielt Ausschau nach Anzeichen auf Verfolger, aber sofern uns Whiteys Männer nachgefahren waren, hatten wir sie abgeschüttelt.

»Warum, zum Teufel, hast du den Kerl an den Wagen kommen lassen?«, brüllte Darryl. »Hast du gedacht, er sieht die blutige Schlampe auf dem Rücksitz nicht?«

»Ich weiß, ich weiß. Ich habe nicht klar gedacht.«

»Das kannst du laut sagen. Herrgott, Larry!«

Sondra setzte sich auf, und ich sah, dass sie weinte. Ich ergriff einige Taschentücher von der Mittelkonsole und reichte sie ihr.

»Da, nimm.«

»Danke. Du bist nett, dass du mir hilfst.«

Darryl schüttelte den Kopf. »Verfluchter Mist ...«

Sondra wischte sich die Augen ab und putzte sich die Nase, dann sah sie sich nach etwas um, wo sie die Taschentücher entsorgen konnte.

»Ich nehme sie«, sagte ich leise. »Gib her.«

»Da ist ... wie sagt man? Rotz? Da ist Rotz drin.«

»Schon in Ordnung. Ehrlich, das macht mir nichts.«

Sie reichte sie mir. Ich ließ sie neben meine Füße auf den Boden fallen.

»Woher kennst du meinen Namen?«, wollte sie wissen.

»Was?«

»Meinen Namen. Du hast ihn gesagt zu deinem Freund, als du mir geholfen hast. Du hast gesagt ›Sondra‹. Wieso du kennst meinen Namen?«

»Oh ...« Nervös lachte ich. Der Schuss und unsere Flucht erschienen mir bereits weit entfernt und unbedeutend. Dass ich das Mädchen meiner Träume auf dem Rücksitz hatte, erschien mir wesentlich wichtiger.

»Mein Name ist Larry Gibson. Ich sehe dir regelmäßig beim Tanzen zu.«

»Ja.« Sie nickte und musterte uns beide aufmerksam. »Ja, ich euch beide schon gesehen im Lokal. Du redest mit den anderen Mädchen, aber du beobachtest mich lange.«

»Na ja«, meinte ich. »Das kommst schon hin. Mir gefällt deine Aufführung.«

»Mir auch«, meldete sich Darryl zu Wort. »Und ich bin Darryl Moore. Da wir einander jetzt vorgestellt haben, Freunde sind und so weiter, wie wär’s damit, wenn du uns verdammt noch mal erzählst, was zum Henker los ist, warum zum Teufel du dich unter Larrys Jeep versteckt hast und wieso zum Geier diese Mistkerle auf uns geschossen haben?«

Sondra schürzte die Lippen. »Du fluchst sehr viel.«

»Da hast du verdammt noch mal recht«, gab Darryl zurück. »Und jetzt rede.«

Bevor sie etwas erwidern konnte, wurden meine Hände taub, und ich begann zu zittern. Es gelang mir, das Fenster runterzukurbeln, dann schaltete ich die Heizung ein. Mir wurde plötzlich eiskalt, dabei schwitzte ich wie ein Schwein. Die Straße verschwamm vor meinen Augen. Darryl sagte etwas zu mir, doch ich konnte ihn nicht verstehen. Seine Stimme klang weit entfernt. Er ergriff das Lenkrad, und ich versuchte, mich auf ihn zu konzentrieren.

»Fahr rechts ran, verflucht«, sagte er. »Du hast einen Schock.«

Ich gehorchte. Ich fühlte mich schwach, müde und außer Atem. Darryl und ich tauschten die Plätze. Ich machte mir keine Sorgen darum, dass er den Cherokee zu Schrott fahren könnte. Nicht mehr. Derlei Dinge erschienen mir mit einem Mal albern und belanglos. Schließlich versucht nicht jeden Tag jemand, einen umzubringen. Die hatten auf uns geschossen. Sie hatten tatsächlich auf uns geschossen. Dies war kein Film und keine Fernsehserie – dies war das verdammte echte Leben.

Während Darryl den Sitz auf sich einstellte und sich mit dem Jeep vertraut machte, lehnte ich mich auf dem Beifahrersitz zurück und versuchte, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Sondra beugte sich vor und starrte mich an. Es fühlte sich gut an, die Besorgnis in ihren Augen zu sehen. Sie streckte die Hand aus und berührte meine Stirn.

»Danke noch mal«, sagte sie. »Für die Hilfe. Ihr seid gute Menschen. Alle beide.«

Langsam strichen ihre Finger über meine Haut. Sie fühlten sich kühl an. Ich schloss die Augen und seufzte. Dann entfernte sich ihre Hand wieder.

Darryl rollte auf die Interstate und kramte sein Mobiltelefon hervor. Er klappte es auf. Die Tastatur schimmerte in der Dunkelheit grün.

»Wen rufst du an?«, fragte ich.

»Na, die Bullen, Mann. Was denkst du denn?«

»Njet!«, rief Sondra. »Nicht Polizei anrufen. Ganz schlecht. Viel Ärger, wenn du sie anrufst.«

Darryl schenkte ihr keine Beachtung und begann, mit dem Daumen zu wählen. Sondra beugte sich weiter vor und entriss ihm das Handy. Der Cherokee schwenkte auf die Überholspur. Ein Sattelschlepper von GPS hupte uns an. Ruckartig lenkte Darryl den Jeep zurück auf unsere Spur. Bevor wir reagieren konnten, kurbelte Sondra das Fenster auf und warf das Telefon hinaus. Es prallte gegen eine Baustellenabsperrung aus Beton. Der Lastwagenfahrer hupte erneut.

Darryl umklammerte krampfhaft das Lenkrad. »Larry, ich werde deine neue Freundin umbringen.«

»Sie ist nicht meine Freundin ...«

»Halt die Klappe.« Er schleuderte ihr über den Innenspiegel einen wütenden Blick zu. »Wieso, zum Teufel, hast du das gemacht? Das verfluchte Ding hat mich einen ganzen Lohnscheck gekostet. Dir ist schon klar, dass du dafür bezahlen wirst, oder?«

Sondras Unterlippe zitterte. »Bitte, nicht schlagen. Nicht mehr. Es tut mir leid. Ich dir kaufe neues Telefon. Nur nicht schlagen.«

»Dich schlagen?« Sofort wurde Darryls Stimme sanfter. »Aber nein. Entspann dich. Keiner von uns wird dich schlagen. Wir verprügeln keine Frauen. Solche Penner sind wir nicht. Es ist alles in Ordnung. Dir passiert nichts. Sag uns nur, was los ist, und warum du die Bullen nicht anrufen willst.«

»Lass uns erst von der Straße runter«, schlug ich vor. Allmählich ging es mir wieder etwas besser. »Mir gefällt es hier nicht. Wenn die bei den Bullen angerufen und ihnen mein Kennzeichen durchgegeben haben, könnte man bereits nach uns suchen.«

»Warum sollten die bei den Bullen anrufen? Haben die Mistkerle nicht auf uns geschossen? Das würde ich nicht unbedingt als das Verhalten gesetzestreuer Bürger werten, du etwa?«

»Nein«, pflichtete ich ihm bei.

»Verdammt richtig, ist es auch nicht. Diese Kerle sind Mafiosi. Die werden nicht bei den Bullen anrufen.«

»Das wissen wir doch nicht mit Sicherheit.«

»Jesse und Tonya haben gesagt ...«

»Pfeif auf Jesse und Tonya«, fiel ich ihm ins Wort. »Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob sie zur Russenmafia gehören.«

»Ja«, sagte Sondra. »Tun sie.«

»Oh ...«

Darryl kicherte. »Tja, das ist doch einfach wunderbar, oder?«

Wir schwiegen einige Minuten. Darryl fuhr von der Interstate ab, und wir steuerten zurück nach York.

»Lass uns von der Straße verschwinden«, wiederholte ich. »Wir müssen irgendwohin, um nachzudenken.«

»Und wohin?«

»Zu mir. Sofern die Polizei nicht nach uns sucht, sind wir dort sicher. Die Russen kennen weder unsere Namen noch unsere Adressen.«

Darryl zog eine Augenbraue hoch. »Zu dir?«

»Ja. In meine Wohnung. Sondra kann sich dort etwas frisch machen und uns dann alles erklären.«

Sondra lächelte.

Ich errötete. Meine Ohren und Wangen fühlten sich heiß an. Ihr Lächeln wurde breiter, und meine Verlegenheit wuchs.

Darryls sah erst mich, dann Sondra an. Seufzend schüttelte er den Kopf.

»Da haben wir’s, du denkst mit deiner verfluchten Nudel.«

»Halt’s Maul, Darryl.«

Und so lernte ich Sondra letztlich kennen.

Es war das letzte Mal, dass ich mich je richtig glücklich fühlte.

Danach wurde alles nur schlimmer.