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Titel Seite

Susanne Rauchhaus

Schatten
wesen

Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: Sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.

Friedrich Nietzsche
in »Menschliches, Allzumenschliches«

Kira

Seele zu verkaufen!

Das hätte über der Garage stehen sollen, als ich fast unseren gesamten Hausstand darin und davor anbot. Farben und Leinwände meines Vaters, das Puppenbett, das er mir vor einer halben Ewigkeit gebaut hatte, seine Videokamera, das Grammofon meines Urgroßvaters und Schmuck meiner Mutter. Für all das war in meinem zukünftigen Zimmer in der WG kein Platz mehr. Unsere Wohnung musste in einer Woche leer sein – ich hatte endlich einen Käufer gefunden.

Höflich lächelnd beobachtete ich, wie wildfremde Leute in unseren Sachen kramten und versuchten ihren Wert abzuschätzen.

»Kann ich das nicht etwas günstiger haben?«, fragte mich ein Mann mit einem strengen Blick und deutete auf das Grammofon.

»Was würden Sie denn dafür bieten?«, hörte ich mich fragen.

Mit einer großzügigen Geste zog er einen Schein aus seinem Portemonnaie und legte ihn auf den wackeligen Balkontisch, auf dem ich meine Kasse aufgebaut hatte. Es war knapp die Hälfte von dem, was ich dafür haben wollte. Aber was sollte ich tun?

Frustriert steckte ich den Schein ein und dachte an die letzten Tage, die ich zwischen Umzugskartons verbracht hatte. Beim Sortieren unserer Sachen hatte ich versucht mir klarzumachen, dass mir niemand meine Erinnerungen abkaufen konnte – auch wenn mir das angesichts mancher Teile schwerfiel. Andererseits: Was konnte mir eine Cartier-Armbanduhr geben, die mein Vater mir in einem Anfall von Großzügigkeit vor zwei Jahren gekauft hatte? Der Ausdruck in seinen Augen würde mir bleiben. Und die Uhr brachte mir jetzt das Geld, das ich dringend benötigte. Dafür behielt ich unsere Fotos und einige Bilder, die Paps gemalt hatte. Und meine Schatzdose aus Kinderzeiten. Bei dem Gedanken daran musste ich lächeln. Damals war ich jeden Tag mit Freunden durch den Wald gestreift und in dieser roten Dose befanden sich meine wahren Schätze: Gold und Diamanten aus alten Piraten- und Räuberzeiten. Hauptsächlich ungewöhnliche Steine und Glassplitter.

Das Lächeln verging mir, als fünf Minuten später tatsächlich eine Frau meine Cartier-Uhr kaufte. Nun, sollte sie glücklich damit werden. Von dem Erlös konnte ich eine Weile die Miete bezahlen.

Ein kühler Wind streifte mein Gesicht und ich zog mir meine Strickjacke über. Der April hatte bis jetzt noch nicht sehr viele warme Tage gebracht. Aber vielleicht fröstelte ich auch nicht wegen der Temperaturen.

Ich musste wohl in Gedanken gewesen sein, denn als plötzlich ein Schatten über meinen Tisch fiel, zuckte ich zusammen. Zumindest hatte ich niemanden kommen hören. Vor mir stand ein großer, etwa sechzigjähriger Mann in einem hellen Trenchcoat, der mich freundlich musterte. Mit seinem dichten, langen grauweißen Haar und der kräftigen Statur erinnerte er mich sofort an einen Bären – einen Eisbären.

»Sind Sie Kira Tressler?«

Auf mein Nicken hin reichte er mir die Hand.

»Ich kannte Ihren Vater nur flüchtig. Trotzdem ist mir sein Tod sehr nahegegangen«, sagte er mit einer angenehm sanften Stimme.

Mir auch, dachte ich – sagte aber nichts.

»Als ich von dem Garagenverkauf hörte, musste ich unbedingt vorbeikommen. Er hat mir erzählt, dass er neben seiner Arbeit als Restaurator zur Entspannung gern malte. Falls er Bilder hinterlassen hat, würde es Ihnen doch sicher helfen, wenn sie Ihnen jemand abkauft?«

Ich nickte. Es gab eine Menge Bilder – mehr, als ich behalten konnte. Und die Galerie, die interessiert gewesen war, hatte mir heute Morgen abgesagt. Noch wusste ich nicht, wie ich über zwanzig Leinwände in meinem neuen Zimmer aufbewahren sollte.

»Die Bilder sind nichts für einen Garagenverkauf, deshalb stehen sie alle noch oben in seinem Atelier. Können wir vielleicht einen Termin ausmachen? Ich kann hier jetzt nicht weg.«

»Heute Abend? Um acht?«

Ich nickte, und als er ging, wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte.



Pünktlich um acht klingelte es an der Tür. Ein ungewohnt schrilles Geräusch. Seit die Wohnung so leer war, kam sie mir fremd vor. Als ich die Tür öffnete, war ich froh, nicht mehr allein zu sein – obwohl ich von diesem Mann rein gar nichts wusste. Nur dass er Charisma hatte. Sein selbstsicheres Auftreten, wie er seinen Mantel nachlässig über die Umzugskartons warf, sein entschlossener Gang, seine wachen Augen, während er sich forschend umsah und sich dann langsam zu mir umdrehte – das alles rief in mir wieder das Wort »Eisbär« hervor. Aber ich empfand es nicht als bedrohlich, sondern beruhigend. So als wäre dieser Fremde gekommen, um mich zu beschützen.

»Ich freue mich, dass Sie kommen konnten«, sagte ich ganz ehrlich. »Möchten Sie etwas trinken?«

Sein Blick wanderte in den Raum vor uns – die ehemalige Küche. Kahle Wände mit nackten Rohren. Amüsiert wandte er sich mir zu.

»Ihre Gastfreundschaft ist vorbildlich, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie etwas anzubieten haben.«

Mein Lachen hatte etwas Fatalistisches und hallte von den nackten Wänden wider – aber es tat gut.

»Ehrlich gesagt nein. Die Küche samt Kühlschrank wurde gestern abgeholt. Leitungswasser und ein sauberes Glas gibt es aber noch.«

Er wehrte ab. »Machen Sie sich keine Umstände. Schließlich ist ein Glas in der Hand ein Zeichen der Unsicherheit. Ein Halt für Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen.«

Etwas, was er nicht brauchte. Das war eindeutig.

Lächelnd führte ich ihn in das Atelier, einen Raum, der in meiner Erinnerung immer vollgestellt und bunt gewesen war. Jetzt herrschten weiße Regale an weißen Wänden vor. Nur ein paar Farbkleckse auf dem Boden deuteten noch darauf hin, dass hier einmal jemand gearbeitet hatte.

Die Bilder hatte ich im Kreis an die Wände gelehnt, etwa zwanzig Stück, und von keinem trennte ich mich gern.

»Sind das alle?«, fragte der Eisbär.

»Nein«, gab ich zu. »Ein paar behalte ich für mich. Sie sind das, was mir von meinem Vater bleibt.«

»Kann ich die auch sehen?« Seine Stimme klang sehr freundlich, trotzdem sperrte sich etwas in mir.

»Nein, wirklich …«

»Nur ansehen? Ich will sie Ihnen ja nicht wegnehmen«, lächelte der Fremde.

Aber ich schüttelte den Kopf. Instinktiv trat ich vor die Nische, in der die Leinwände mit dem Gesicht zur Wand standen. Meine Lieblingsstücke. Und ein paar von den schrecklichen Bildern, die vermutlich ein Hinweis auf seinen Geisteszustand kurz vor dem Ende waren. Immer wieder das gleiche Motiv: dieser grauenvolle schwarze Klecks in der Mitte, der keine Form und keine Anmut hatte. Ich hatte noch nicht den Mut gefunden, sie zu zerstören, aber ich fand, ich war es Paps schuldig, das irgendwann zu tun. Diese Bilder waren nicht er.

»Nun … vielleicht könnten Sie auch alle Bilder behalten.«

Die Stimme des Mannes riss mich aus meinen Gedanken. Was meinte er?

»Lassen Sie uns über den Auftrag sprechen, den Ihr Vater für mich übernehmen sollte. Ich habe gehört, Sie haben ihm in den letzten Jahren beim Restaurieren geholfen?«

Ich nickte nervös.

»Und Sie sollen angeblich fast so gut sein wie er?«

Kopfschütteln. Nein, das konnte ich mir nun wirklich nicht auf die Fahnen schreiben. Wer mochte das behauptet haben?

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte ich verwirrt.

Der Eisbär lächelte verständnisvoll. »Ich möchte Ihnen eine Möglichkeit bieten, Ihr Studium zu finanzieren.«

Das versuchte ich bereits selbst. Ich schob abends Paletten durch den Baumarkt und half am Wochenende im Eiscafé aus. Aber das ging auf Dauer ganz schön an die Kondition und ich ahnte, dass es trotzdem niemals reichen würde.

»Ich möchte Ihnen den Auftrag erteilen, ein Fresko zu restaurieren«, fuhr er mit verschränkten Armen fort. »Ein sehr altes Fresko. Und weil es eine Arbeit für einen Profi ist, möchte ich Ihnen den Preis zahlen, den Ihr Vater dafür bekommen hätte. Fünfundzwanzigtausend Euro.«

Das Atmen fiel mir plötzlich so schwer, als drückte eine Eisenspange auf meine Brust. Ich musste mich verhört haben. Niemand zahlte einer Abiturientin ohne Ausbildung so viel Geld! So viel Geld … womit ich mir eine eigene kleine Wohnung mieten könnte, in die alles passen würde, was ich nicht verkauft hatte. Geld, womit ich locker studieren könnte. Schuldenfrei und sorgenfrei!

»Wann und wo?«, fragte ich mit rauer Stimme.

»Sobald Sie alles geregelt haben. Sagen wir ab dem ersten Juni? Sie können für ein paar Wochen bei mir und meiner Familie einziehen; solange Sie eben für die Arbeit brauchen. Sie hätten dort ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Hier ist die Adresse und die Telefonnummer. Sie können es sich gern noch eine Weile überlegen und mich dann anrufen.«

Als er mir seine Visitenkarte gab, begegnete ich seinem gespannten Blick.

»Nein«, sagte ich leise.

»Warum nicht?«

»Ich meine, ich muss es mir nicht überlegen. Ich nehme den Auftrag an.«

In seinen Augen glitzerte es, als hätte er sich große Sorgen gemacht, ich könnte ablehnen.

»Tun Sie mir nur einen Gefallen: Sprechen Sie mit niemandem über den Auftrag«, sagte er. Mit einem sehr zufriedenen Lächeln schüttelte er meine Hand.

Als er gegangen war, fiel mir auf, dass ich immer noch nicht wusste, wie er hieß. Die Visitenkarte verriet es mir: Ruben Nachtmann. Chemiker. Wo hatte ein Privatmann wohl ein Fresko? Ob er in einem Schloss wohnte? Oder in einer umgebauten Kirche? Nun, ich würde es schon sehr bald herausfinden.



In Gedanken versunken ging ich in den Keller, um einen von den größeren Umzugskartons zu holen. Luftpolsterfolie zum Verpacken der Bilder hatte ich noch oben. Ich fand, es war an der Zeit, das Atelier endlich ganz zu räumen, ich brauchte es schließlich nicht mehr. An der Türschwelle erstarrte ich – und wich ein paar Schritte zurück. Das Bild mit dem schwarzen Fleck stand auf der Staffelei. Ich konnte mich nicht erinnern, es daraufgestellt zu haben. Oder hatte ich? In den letzten Monaten, seit dem Tod meines Vaters, hatte es manche »Zeitlöcher« gegeben, in denen ich vermutlich geistig abwesend war – und über Paps nachdachte. Darüber, ob er wirklich den Verstand verloren hatte. Darüber, ob die Leidenschaft für seine Arbeit ihn so weit getrieben hatte. Aber Blackouts waren normal, wenn man einen solchen Verlust zu verarbeiten hatte, oder? Manchmal müssen Erinnerungen einfach stärker sein dürfen als die Realität. Nun gut, dann würde dieses Bild eben als Erstes in den Tiefen des Kartons verschwinden! Ich bückte mich, um die Folie auseinanderzurollen.

Später konnte ich nicht mehr genau sagen, was ich wirklich gesehen hatte und was Einbildung gewesen war. Aus dem Augenwinkel meinte ich eine Bewegung wahrzunehmen. Etwas Dunkles – als wäre das Schwarz des Bildes zum Leben erwacht und hätte die Leinwand wie eine Rauchwolke verlassen. Als ich hochfuhr, um das Bild zu betrachten, sah es aus wie zuvor. Ganz harmlos. Dafür huschte in der hintersten linken Ecke des Raums – noch immer außerhalb meines Gesichtsfelds – ein Schatten dicht über den Boden. Sobald ich den Kopf wandte, war auch dort nichts Besonderes mehr zu sehen. Die Gardinen blähten sich vor dem gekippten Fenster und das Mondlicht ließ die Schatten in den Ecken des Raums tanzen. Und doch sagte mir mein wild pochendes Herz, dass ich etwas gesehen hatte. Wann hatte ich eigentlich das Fenster geöffnet? Mit Sicherheit hatte ich es geschlossen, bevor mein Gast kam.

Schreckliche Sekunden lang blieb ich wie steif gefroren stehen. Ich hatte das Gefühl, wenn ich mich bewegte, würde etwas Grauenvolles passieren. Aber in diesen Sekunden hörte ich nur meinen eigenen Atem, der mir selbst immer lauter zu werden schien. Mein Vater hatte kurz vor seinem Tod oft schlecht geträumt und manchmal hatte er im Schlaf von Schatten gesprochen. Aber ich … war nicht mein Vater!

Schwungvoll griff ich nach dem Bild auf der Staffelei und packte es ohne Luftpolsterung direkt in den Karton. Dann stopfte ich eilig die anderen Bilder daneben, nur leicht abgetrennt durch eine Lage Folie. Als der Raum endlich leer und unbenutzt aussah, warf ich die Tür mit einem endgültigen Knall zu, schloss sie ab und öffnete sie bis zum Tag des Umzugs nicht mehr.

Jessy

Sie konnte sich nicht genau erinnern, wie sie hierhergekommen war. Ihre Schritte hallten von den nackten Wänden wider, während sie sich mit ihrem Langstock vorwärtstastete. Wohin würde der Gang sie führen? Ihr Unterbewusstsein flüsterte, dass sie dort etwas wiederfinden würde, was sie erst vor Kurzem verloren hatte. Aber was? Und warum waren die letzten Minuten aus ihrem Kopf verschwunden – als würde die Erinnerung von einem schwarzen Fleck überdeckt? Da war so etwas wie eine Stimme, die sie lockte. Sie versuchte dagegen anzukämpfen und zu überlegen, was mit ihr geschah.

Zuletzt war sie im Park gewesen. Auf dem Weg nach Hause. Obwohl ihre Mutter und auch die Lehrer gemeint hatten, der Park sei nicht mehr sicher. Dabei war es doch nur ein kurzes Stück! Natürlich war es schon spät, aber die Dunkelheit war nicht ihr Feind. Ihre Welt war immer dunkel.

Sie drängte die Lücke in ihrem Gedächtnis weiter zurück und jetzt erinnerte sie sich wieder an den Ball. Er hatte sie hart an der Schulter getroffen, war dann noch ein paarmal auf dem Weg aufgekommen und schließlich im Gras liegen geblieben. Sie hatte sich entsetzlich erschrocken. Vor allem weil sie niemanden gehört hatte. Und weil doch niemand im Dunkeln Ball spielte. Plötzlich hatte ein Mann vor ihr gestanden. Wie aus dem Boden gewachsen. Seltsam, sonst hörte sie Schritte bereits von Weitem, auch wenn sie leise waren. In der Stille des Parks hätte sie sie hören müssen! Der Mann hatte sich bei ihr entschuldigt, sich nach dem Ball gebückt und dabei etwas über den Asphalt gezogen. Etwas unangenehm Kratzendes! Gleichzeitig hatte sie etwas Kühles auf der Haut gespürt. Wie Wind, der in die Richtung des Mannes wehte. Nur lebendiger. Noch bevor Jessy ihn fragen konnte, was das gewesen sei, war er schon wieder verschwunden. Lautlos.

Seit er weg war, hatte sie dieses kribbelnde Ziehen. Eine Unruhe, die sie lockte. Querfeldein. Jessy konnte es sich nicht recht erklären und es ergab auch keinen Sinn. Warum sollte ausgerechnet sie den Weg verlassen? Dennoch hatte sie sich nicht orientierungslos gefühlt. Es war … wie die Sehnsucht nach einem Glas Wasser, wenn man sehr, sehr durstig ist. Sie – sie! – war durch Gestrüpp geklettert. Vorsichtig. Tastend. Bis ihre Finger auf einmal gegen eine steinerne Kante stießen, genau in Kopfhöhe. Spätestens hier hätte sie umkehren müssen. Aber sie hatte sich gebückt und war weitergegangen. In einen Gang aus Stein. Eine Höhle mitten im Park? Träumte sie?

Ihre Gedanken wurden langsam wieder klarer. Sie würde umkehren! Was hatte sie so verwirrt? Sie blieb stehen. Lauschte in die Stille und auf ihren eigenen Atem. Und plötzlich wusste sie, dass sie nicht allein war.

Jessy unterdrückte einen Aufschrei und flüsterte: »Wer sind Sie?«

Niemand antwortete. Aber der Jemand war hinter ihr und er kam näher. Sie spürte ihn, obwohl er sich vollkommen lautlos bewegte. Ohne Schritte. Ohne Atem.

Jessy stolperte weiter. Nun nicht mehr gezogen, sondern vorwärtsgepeitscht von ihrer eigenen Panik. Bis ihr Stock gegen etwas Hartes schlug. Eine Sackgasse? Das durfte nicht sein! Hektisch betastete sie das Hindernis vor ihr. Und keuchte erleichtert auf. Es war eine Tür! Und sie ließ sich öffnen! Jessy riss sie auf und schlug sie sofort wieder hinter sich zu. Lauschte.

Dem Luftzug nach zu urteilen stand sie in einem großen Raum. Auch hier war sie nicht allein, vor ihr murmelten Menschen, ihre Schuhe knirschten auf steinernem Boden. Im Gegensatz zu dem Jemand, der hinter ihr her gewesen war, schienen sie sich nicht verstecken zu wollen. Ein paar von ihnen näherten sich. Im gleichen Moment hörte Jessy ein metallisches Geräusch hinter sich. Einen Schlüssel in einem sehr alten Schloss.

Kira

Das Haus hockte auf dem Hügel wie ein Raubtier über seiner Beute: abweisend und kalt, mit blitzenden Fenster-Augen, die mich warnten, bloß nicht näher zu kommen.

Vielleicht hätte mich dieser Anblick abschrecken können, wenn ich zu Fuß unterwegs gewesen wäre, aber da ich im Taxi saß und der Fahrer diese Fuhre nur hinter sich bringen wollte, näherte ich mich unaufhaltsam.

Als wir anhielten, meinte ich eine Bewegung hinter einem der Fenster im ersten Stock gesehen zu haben, doch niemand öffnete. Entweder ich hatte mich getäuscht oder man wartete darauf, dass ich klingelte. Ich sah mich um und begegnete dem bösen Blick des Taxifahrers. Wahrscheinlich verfluchte er gerade das Mädchen mit dem Gepäck voller Pflastersteine. Er tat mir ja leid, aber immerhin hatte ich es schon geschafft, das ganze Zeug mit dem Zug hierherzubringen.

»Bitte vorsichtig!«, sagte ich betont höflich, als er den ersten Koffer grob aus dem Kofferraum schwang. »Das ist alles Material für meine Arbeit.«

Arbeit! Wie sich mein Leben doch verändert hatte! Bisher hatte der Sommer für mich immer nach Sonne, Salz und toskanischer Macchia geduftet. Und nach alter Farbe, alten Museen und jungem Wein. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich das Ferienhaus in den Hügeln in der Nähe von Massa Marittima sehen und einen Garten, der in allen Farben des Sommers zu explodieren schien. Mich selbst sah ich im Schatten einer großen Pinie sitzen, neben mir auf der Bank einen Bücherstapel und eine Schüssel mit selbst gepflückten Orangen. Irgendwo weiter hinten im Garten stand mein Vater vor seiner Staffelei und blinzelte in die Sonne. So sollten Sommerferien sein!

Doch früher oder später musste ich die Augen wieder öffnen und mich diesem Sommer stellen. Wie sollte ich diese Aufgabe nur allein bewältigen? Hatte ich mich übernommen? Hatte mein Auftraggeber mich überschätzt?

Das Haus war alt, vielleicht zweihundert Jahre oder älter. Eine dreistöckige Villa, die auf den ersten Blick ehrwürdig wirkte. Und auf den zweiten Blick ein bisschen zu grau und vernachlässigt. Sie hatte den Charme einer verarmten Adligen, vor der man sich verbeugen wollte – bis man die heraushängenden Fäden an ihrer Kleidung und die wackelnden Zähne in ihrem Mund bemerkte.

Meine Finger strichen über den verschnörkelten Türklopfer auf dem schweren, schwarz gestrichenen Holz. Früher war er vermutlich einmal golden gewesen. Da ich vergeblich nach einer Klingel suchte, probierte ich den Klopfer einfach mal aus. Umgehend öffnete sich die Tür und ein äußerst trauriges Gesicht starrte durch den Spalt. Als es mich gemustert hatte, verzog es sich zu einem bemühten Lächeln und die Tür wurde ganz geöffnet. Die ältere Dame trat einen Schritt zurück, was wohl bedeuten sollte, dass ich hineinkommen durfte. Seltsame Begrüßung!

»Sie sind bestimmt Kira«, kam es sehr zögernd über ihre Lippen.

»Ich glaube, sie weiß, wie sie heißt!«, ertönte eine polternde Stimme aus dem Hintergrund.

Die Frau zuckte zusammen.

Warum konnte sie über die Bemerkung nicht einfach lächeln oder Kontra geben? Ob sie eine Dienstbotin war? Gab es so etwas noch?

Aus einer zweiflügeligen Tür gegenüber der Haustür trat Ruben Nachtmann und kam mit strahlendem Lächeln auf mich zu. Hinter ihm aus dem Raum waren Stimmen zu vernehmen.

»Sie müssen sie entschuldigen«, sagte Herr Nachtmann, während er meine Hand schüttelte.

Seine Hand fühlte sich ganz weich und erstaunlich faltenlos an.

»Sie ist immer ganz durcheinander, wenn wir Gäste bekommen! Darf ich vorstellen – meine Schwägerin Antonia. Und dies ist Kira Tressler, in die ich große Hoffnungen setze.«

Die Frau nickte mir höflich zu und nahm mir schweigend die Jacke ab.

Ebenso schweigend sah ich mich um. Die Wände der großen Halle waren bis auf Kopfhöhe mit dunklem Holz vertäfelt, an der Decke, weit über uns, hing ein Kronleuchter. Rechter Hand führte eine Treppe aus poliertem Holz in den ersten Stock, links gab es eine elegante Sitzecke mit unbequem aussehenden antiken Möbeln vor einem wunderschönen Fenster, das von dunklen Holzstreben unterbrochen wurde.

»Richard!«, rief Herr Nachtmann mit einer Stimme, die jeden Theatersaal hätte füllen können, ohne laut zu wirken.

Ein älterer Mann mit einem weichen, leicht aufgedunsenen Gesicht trat durch die Flügeltür.

»Mein Bruder Richard«, wurde er mir vorgestellt.

Etwas knapp, wie ich fand, und das Lächeln des Mannes wirkte kalt. Ob sie sich gerade gestritten hatten?

»Bring bitte die Koffer nach oben.«

Ich winkte ab. »Nur die Reisetasche und der braune Koffer sollen ins Gästezimmer, die eckigen schwarzen brauche ich dort, wo ich arbeiten soll.«

Richard nickte mir zu, sodass es wie eine leichte Verbeugung aussah.

»Vielen Dank!«, sagte ich und nickte zurück. »Das ist sehr lieb von Ihnen!«

»Wir warten im Salon«, fügte mein Gastgeber hinzu und nahm gleichzeitig meinen Arm wie der Herr in der Tanzstunde. Allein durch das Wort »Salon« fühlte ich mich ein bisschen wie in einem Jane-Austen-Roman. Allerdings nur einen Herzschlag lang. Als ich den Raum überblickt hatte, empfand ich ihn als überladen. Der gewaltige Kamin, den ein größenwahnsinniger Architekt hier platziert hatte, hätte gut in ein Schloss gepasst. Ebenso die goldenen Kerzenhalter auf dem Kaminsims. Der orientalische Teppich erinnerte hingegen eher an eine Opiumhöhle. Immerhin gefielen mir die Regale aus dunklem Holz, die links und rechts in die Wände eingelassen waren. Sie waren voller Bücher, die meisten davon dick und in Leder gebunden. Gern hätte ich mehr Zeit gehabt, sie anzusehen, aber vor mir, in einer schweren Sitzgruppe am Fenster, saßen vier Menschen, die mir mit höflichem Interesse entgegenblickten.

»Ich habe alle hergebeten, damit ich Ihnen meine Familie vorstellen kann«, erklärte Herr Nachtmann. »Das ist Kira Tressler, die schon erstaunlich viel Erfahrung im Restaurieren von alten Gemälden sammeln konnte.«

Ich lächelte irritiert in die Runde, während mein Gastgeber auf ein Mädchen in meinem Alter deutete.

»Das ist Jolanda, die Tochter meines Bruders.«

Jolanda hatte einen etwas dumpfen Blick. Klamotten waren mir ja sonst egal, aber ich fand, dass ihr Rüschenkleid perfekt mit den geblümten Vorhängen harmonierte. Selbst die etwa sechzigjährige Dame neben ihr hatte etwas Fetzigeres an. Gut, es handelte sich um ein einfaches schwarzes Kleid, verlieh ihr aber eine elegante Würde, die den anderen fehlte. Unterstrichen wurde diese Würde dadurch, dass sie mich bei der Vorstellung vollkommen ignorierte.

»Meine Cousine Katharina.«

Während die Cousine weiter elegant ins Nichts starrte, wandten wir uns einem etwa zwanzigjährigen schlaksigen Blonden zu, der sofort aufsprang und mir die Hand reichte. Als er die zwei Schritte auf mich zumachte, fiel mir auf, dass er leicht humpelte.

»Gabriel, der Sohn«, sagte er selbst, bevor sein Vater ihn vorstellen konnte. »Und machen Sie sich keine Hoffnungen, wir sind immer so«, ergänzte er mit einem schrägen Lächeln.

Ruben warf ihm einen Blick zu, der ihn zum Schweigen brachte.

»Und diese junge Dame ist genau wie Sie unser Gast: Anna Lorenz.«

Das dunkelhaarige Mädchen in dem teuer aussehenden Outfit war mir gleich beim Hereinkommen aufgefallen. Annas Augen funkelten, während die anderen mich eher gelassen betrachteten. In ihrem braunen High-Waist-Rock und den farblich passenden Römersandalen mit Nieten hatte sie keinerlei Ähnlichkeit mit den anderen. Viel zu stylish! Sogar ihre klappernden Armreifen und ihre Clutch passten exakt zum Rock.

Höflich schüttelten wir uns die Hände.

»Sie ist zwar noch jung, aber eine erstaunliche Malerin«, ergänzte Nachtmann. »Besonders hervorstechend ist ihre Technik bei der Darstellung von Gesichtern. Ihre Figuren zeichnet ein inneres Leuchten aus, als wären sie lebendig. Einfach großartig!«

Anna strahlte und ich ließ ihre Hand los, als hätte ich mir die Finger verbrannt. Malerin? Ganz dunkel ahnte ich, warum sie mich so angefunkelt hatte. Gelegentlich übernahmen Maler die Aufgaben eines Restaurators. Auch wenn ein Maler, der etwas auf sich hielt, immer an einen Restaurator verweisen würde. Stand vielleicht noch gar nicht fest, wer von uns beiden den Auftrag bekommen sollte? Oder noch schlimmer – wurden noch mehr Kandidaten erwartet? War das eine Art Wettbewerb? Ich bemühte mich, mir meine Überlegungen nicht ansehen zu lassen. Mit dem Geld hatte ich fest gerechnet! Und ich brauchte es dringend!

»Sind wir für die gleiche Aufgabe hier?«, wagte ich zu fragen.

Ruben Nachtmann schenkte mir ein Eisbär-Lächeln und ich hatte das Gefühl, es mache ihm Spaß, uns auf die Folter zu spannen.

»Nicht so ungeduldig! Aber wenn Sie mehr erfahren wollen, folgen Sie mir doch bitte einfach in den Keller.«

»In den Keller?« Anna sah Ruben erstaunt an.

»Unbedingt! Wir haben einen sehr exklusiven Keller«, lächelte Gabriel, der als einziges Familienmitglied mitkam.



Ein schmaler Treppenabgang aus dunklem, knarrendem Holz führte hinab. Ruben Nachtmann ging vor und wartete unten neben dem Treppenabsatz, bis alle da waren. Dann bückte er sich und hob eine hölzerne Falltür hoch. Darunter gähnte uns tiefes Schwarz entgegen. Inzwischen hatte Gabriel drei Fackeln von einem Stapel genommen und zündete sie an.

»Noch tiefer? Da sollen wir alle runter?«, fragte Anna überrascht.

»Keine Sorge«, lächelte Herr Nachtmann ihr zu. »Wenn wir die Leiter hinter uns haben, ist es sehr geräumig da unten.«

Bei dem Wort »Leiter« fiel mein Blick auf Annas Schuhe und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie damit klettern konnte. Aber ich hatte sie unterschätzt. Sie zog die hippen Sandalen einfach aus und klemmte sie unter den Arm. Dann folgte sie unserem Gastgeber in die Tiefe.

Kindheitserinnerungen überfielen mich, als ich in das Loch sah: ein Keller unter dem Keller! Was mochte uns dort unten erwarten? Abenteuer hatten mich schon immer magisch angezogen und meine Fantasie machte sich ein paar Herzschläge lang selbstständig, erzählte Geschichten von Mumien, Piratenhöhlen und geheimen Wegen zum Mittelpunkt der Erde. Aber mein Verstand bremste mich und sagte klar an, dass ich hier war, um zu arbeiten. Sachlich bleiben! Hier gab es keine Wunder!

Kaum stand ich auf der Leiter, schlug mir kühle, abgestandene Luft entgegen. Der Abstieg war tiefer, als ich gedacht hatte. Endlich unten angekommen blickte ich mich staunend um: Wir befanden uns in einem Gang, der aus dem rohen Fels herausgehauen war und der im Licht der Fackeln rötlich braun leuchtete, während Rubens und Annas Gesichter plötzlich fremd wirkten. Natürlich nur durch die Spiegelung des Feuers!

Wo waren wir? Mit Sicherheit nicht in einem gewöhnlichen Vorratskeller!

Als auch Gabriel da war, schritt Ruben Nachtmann forsch voran. Das Echo unserer Schritte hallte von den Wänden und niemand sprach. Der Gang wurde breiter und der Fels ging in eine aus groben Steinen gemauerte Wand über. Kurz darauf erreichten wir drei hölzerne Türen, zwei links, eine rechts. Ruben blieb vor der ersten Tür auf der linken Seite stehen und klopfte kurz an, bevor er sie öffnete. Ich drängte mich in seine Nähe, um hineinzuspähen. Auch hier waren die Fackeln die einzige Lichtquelle – drei davon steckten in Halterungen an den Wänden zwischen Regalen voller Bücher, bunter Flaschen und bizarrer Einmachgläser. In einem glaubte ich eine Schlange zu erkennen, in einem anderen einen Tintenfisch. Und inmitten all dieser Kuriositäten auf einem Schreibtisch aus so dunklem und unebenem Holz, dass er schon von Weitem als Antiquität erkennbar war, standen einträchtig nebeneinander ein Tintenfass mit einer Feder und ein Laptop!

Am Tisch saß ein schmaler, hochgewachsener Mann mit fast schwarzem Haar, dem beim Arbeiten eine Locke in die Stirn fiel, als säße er schon seit Wochen hier und hätte das Haareschneiden schlicht vergessen. Die düstere Umgebung, seine helle Haut und die schmalen Finger, die in einem beinahe hypnotischen Rhythmus über die Tastatur flogen, ließen auf einen Workaholic schließen. Doch ich bemerkte auch die ungewöhnliche Spannung in seiner Haltung, als wäre der Stuhl ein sehr lästiges Möbelstück für ihn. Und als er aufsah, funkelten seine Augen im Widerschein des Monitors wie die eines aufgescheuchten Wolfs. Allerdings hatten Wölfe meines Wissens keine so tiefgrünen Augen wie er.

»Cyriel de Vries, mein Assistent«, stellte Ruben vor.

Überrascht musterte ich ihn. Assistent? Wohl eher ein Student, denn der Typ sah nicht viel älter aus als ich, vielleicht Anfang zwanzig.

»Komm! Es ist Zeit, unser Meisterwerk zu zeigen.«

Schweigend und in aller Seelenruhe beugte der Angesprochene sich erneut über seine Tastatur und tippte weiter, als wären wir nicht vorhanden.

Anna drängte sich an mir vorbei und lehnte sich gegen den Türrahmen.

»Ein Büro im Tiefkeller – ist das nicht unheimlich? Und ungemütlich?«, fragte sie mit einem herausfordernden Lächeln.

»Nein«, sagte Cyriel und klappte seinen Laptop endlich zu. Mit raubtierhafter Lautlosigkeit stand er auf und ging an uns vorbei. Wortlos. Was für ein unfreundlicher Mensch!

Ruben zuckte mit den Schultern und erwiderte Annas Lächeln an Cyriels Stelle. »Auch ich arbeite im Tiefkeller.« Er deutete auf die nächste Tür. »Das ist mein Labor. Hier verbringen Cyriel und ich viel Zeit und hier haben wir weit mehr Platz, als das ganze Haus uns oben bieten würde.«

Vor der letzten Tür hielt Herr Nachtmann Cyriel an der Schulter fest und zwang ihn so, vor uns stehen zu bleiben.

»Dies sind Kira Tressler und Anna Lorenz.«

Cyriel steckte einen großen, leicht verrosteten Schlüssel ins Schloss. Dann zögerte er, als hätte er Ruben erst jetzt verstanden. Trotz des flackernden Lichts konnte ich jetzt sehen, dass über seiner rechten Augenbraue eine tiefe Narbe verlief. Er sah Anna an, als wäre sie ein Kunstwerk, das er erst verstehen müsste. Seine Mundwinkel zuckten und vielleicht sollte das ein Lächeln sein. Als sein Blick zu mir wanderte, machte mich das nervös. War mein Kajal verwischt? Hatte er den kleinen angeborenen Fleck in meinem rechten Auge entdeckt? Bei mir kam jedenfalls kein Lächeln und aus irgendeinem Grund fand ich das unfair.

Das Knarren der Tür schien aus den Eingeweiden der Erde zu kommen, und ich war erstaunt, als ich die Wand betrachtete. Sie war etwa einen Meter dick! Eine Außenwand?

Anna zögerte vor der Schwelle und sah mich fragend an. Als ich ihr folgte, konnte ich ihr Zögern verstehen. Raum? Das war ein Schacht. Ein hoher, runder Schacht mit einem Durchmesser von etwa vier Metern. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und als ich den Kopf in den Nacken legte, war das ein Gefühl, als würde mein Blick wie Kaugummi auseinandergezogen, die Perspektive stimmte einfach nicht mehr und meine Knie wurden weich. Was war das für ein Ort? Die runde Wand wuchs etwa zehn Meter in die Höhe und ich fühlte mich wie eine Maus in einem Rohr. Der gemauerte Schacht wurde nach oben immer schmaler und ganz oben, vor einem Klecks Licht, lag ein rostiges Eisengitter. Ich musste wieder nach unten sehen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als ich mich mit der Hand abstützen wollte, rief Ruben Nachtmanns donnernde Stimme: »Halt! Nicht!«

Mit einem entschuldigenden Lächeln wies er in Richtung Wand. Und ich konnte kaum glauben, dass ich es nicht gleich beim Eintreten bemerkt hatte: Sieben Personen standen im Kreis um uns herum. Sie trugen mittelalterliche Kleidung und hinter ihnen blickte man durch gotische Bogenfenster auf eine wundervolle Landschaft und in einen blauen Himmel – absolut unmöglich, so tief unter der Erde! Erst ganz langsam begriff ich: Das gesamte Rund der Wand war bedeckt von einem Fresko! An dem ungewöhnlichsten Ort, an dem ich je eines gesehen hatte.

»Das ist ja der Hammer!«, sagte Anna leise und ging näher an das Bild heran. Dann sah sie sich noch einmal um und ihre Stimme bekam einen verzweifelten Unterton: »Das ist es? Hier sollen wir arbeiten?«

Cyriels Gesichtsausdruck war unergründlich, Gabriel verkniff sich ein Grinsen und Ruben Nachtmann wirkte ernst.

»Dieses Fresko liegt unserer Familie sehr am Herzen und wir haben versucht, es so gut wie möglich vor dem Verfall zu schützen. Aber jetzt muss es dringend restauriert werden.«

Sosehr mich das Angebot vor ein paar Wochen schon gewundert hatte – hier und heute konnte ich überhaupt nicht fassen, wie Herr Nachtmann auf die Idee gekommen war, diese Arbeit an Laien zu vergeben. Gut, ich hatte mit meinem Vater zusammen viele Bilder restauriert – aber diese Erfahrungen waren kein Hochschulabschluss.

»Wer malt ein Fresko in solch einem Keller?«, fragte Anna irritiert.

»Spielt das eine Rolle?«, fragte Ruben Nachtmann und betrachtete sie eingehend.

Anna wich seinem Blick aus und gab vor, sich intensiver mit dem Bild zu beschäftigen.

Ich wusste nicht, ob sie verstand, was er meinte: Sein Honorar deckte alle Fragen ab. Wem das Fresko gehörte; ob wir nicht verpflichtet wären, diese Arbeit Profis zu überlassen. Aber damit durfte und konnte ich kein Problem haben. Für das Geld würde ich auch Bilder an der Innenwand einer Kühltruhe restaurieren … dann würde ich mich eben warm anziehen. Nun ja, ein Problem gab es dennoch.

»Die Qualität der Arbeit kann nur so gut sein wie die Qualität des Lichts«, wandte ich mich an Nachtmann. »In einem meiner Koffer habe ich zwar eine Tageslichtlampe, aber ich habe keine Steckdose gesehen. Meinen Sie, man könnte …?«

Unser Gastgeber schmunzelte und legte seine Hand auf eine Kante, die oberhalb des Freskos verlief und es optisch begrenzte. Sie war mir zunächst nicht aufgefallen. Noch erstaunter war ich, als plötzlich warmes Licht unter der Kante aufflammte.

»Es gibt Strom?«, staunte ich mit einem Lachen und entdeckte nun auch das graue Kabel, das gut getarnt an der Wand empor bis ganz nach oben durch das Gitter führte.

»Natürlich. Glauben Sie, in meinem Labor könnte ich ohne Strom arbeiten?«

»Ich dachte, weil im Arbeitszimmer Ihres Assistenten Fackeln an der Wand steckten …«

Ruben warf Cyriel einen spöttischen Blick zu. »Er ist der Meinung, dass Licht eine Frage der Stimmung ist und dass Technik die Kreativität bremst. Andererseits benutzt er einen Laptop. Vor manchen genialen Erfindungen kann ein Wissenschaftler sich eben nicht verschließen«, lächelte er.

Cyriel zuckte scheinbar ungerührt mit den Schultern.

Fasziniert wandte ich mich wieder dem Gemälde zu. Das Licht veränderte alles und ich konnte gut verstehen, warum Cyriel Fackeln bevorzugte – obwohl sie natürlich Gift für jede Wandmalerei waren. Die Figuren wirkten jetzt weniger … magisch. Und das Bild gab Geheimnisse preis, die ich im Halbdunkel nur vermuten konnte.

»Die Gesichter!«, stieß ich erschrocken hervor und schluckte. Das konnte nicht wahr sein, was sich da im Licht präsentierte!

Nachtmann schmunzelte und deutete auf die Person direkt vor ihm – die sein Spiegelbild zu sein schien, abgesehen von der Kleidung.

»Wir haben uns schon vor längerer Zeit den Spaß gemacht, den Figuren unsere Gesichter zu geben. Sehen Sie sich um! Das hier ist mein Bruder Richard mit seiner Frau Antonia und seiner Tochter Jolanda. Hier ist Gabriel, da meine Cousine Katharina. Und dort drüben ist sogar Cyriel.«

Seine lässige Bestätigung war eine Dreistigkeit! Mein Herzschlag galoppierte meinen Gedanken davon, während ich mich weiterhin über das Bild beugte. Nachtmann durfte mein Gesicht nicht sehen! Dass ihm das Bild nicht gehörte, damit hätte ich leben können. Aber es einfach übermalen zu lassen – das war Mord an der Kunst! Restaurieren bedeutete zu bewahren und nicht zu zerstören. Mein Vater hatte bestimmt nicht geahnt, was hinter diesem Auftrag steckte. Er wäre ausgeflippt, wenn er es gesehen hätte. Leider konnte ich mir das nicht leisten.

»Sie sagten, Sie schützen das Bild vor dem Verfall«, wechselte ich zu einem anderen, unverfänglicheren Thema.

Nachtmann nickte und deutete auf zwei graue Kästen, die ich für vorstehende Steine gehalten hatte. »Eine spezielle Klimaanlage, die Luftfeuchtigkeit und Temperatur regelt.«

Auch Anna schritt die Wand ab, doch ihrem Gesichtsausdruck konnte ich nicht entnehmen, ob sie geschockt war. Immerhin war sie sehr blass. Oder lag das am Licht?

»Großartig«, flüsterte sie. »Diese vollendete Harmonie der Farben! Diese italienisch anmutende Leichtigkeit!«

Okay, sie war vermutlich die bessere Schauspielerin von uns beiden! Cyriel trat neben sie und musterte ihr Profil interessiert, während sie mit eindrucksvoller Gestik die Linienführung des Bildes nachfuhr wie eine große Kunstkennerin – oder eine Aufschneiderin.

»Sie meinen also, dass die Details im Hintergrund italienisch wirken?«, fragte er.

Anna lächelte ihn so verführerisch an, dass ich ihr insgeheim wünschte, sie möge in seine Falle tappen. Aber ich hatte sie unterschätzt. Entweder hatte sie Ahnung oder sie war vorsichtig.

»Manches wirkt italienisch.« Sie wandte den Blick nicht von Cyriels Augen. »Aber Sie sind Ihrem Namen nach Holländer, also werden Sie mich jetzt bestimmt davon überzeugen, dass ein flämischer Meister dieses Fresko geschaffen hat?«

Ihre Baggerversuche und ihre offensichtliche Unkenntnis machten mich unruhig. Ich musste mich beherrschen, den Mund zu halten.

»Es ist hier nicht wie beim Fußball, wo man immer für die Mannschaft seines Landes jubelt«, murmelte ich dann doch.

Anna warf mir einen vernichtenden Blick zu, während Cyriel sich abwandte.

»Was denken Sie denn über das Fresko?«, fragte Nachtmann mich, und als ich den Kopf hob, hatte ich den Eindruck, dass er meine Zweifel an diesem Auftrag durchaus bemerkt hatte.

»Ungewöhnlich«, gab ich zurück und hoffte, dass mein Lächeln nicht allzu aufgesetzt wirkte. »Wer ist der Maler?«

»Das haben wir leider nicht in Erfahrung bringen können.«

»Ungewöhnlich schön!«, brachte Anna sich wieder ins Spiel. »Vielleicht das Werk eines Holländers, der eine Reise nach Italien gemacht hat? Vielleicht ein Schüler Tiepolos?«

»Interessante Theorie«, rutschte es mir heraus, »aber falsches Jahrhundert.«

»Und welche Theorie haben Sie über den Maler?«, wollte Cyriel von mir wissen.

»Der Künstler war ein Niemand«, stellte ich sachlich fest.

Anna huschte ein hämisches Lächeln über das Gesicht. Vermutlich hatte sie recht – ich machte mich bei unserem Gastgeber damit bestimmt nicht beliebter.

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Cyriel mit rauer Stimme.

»Erstens weil er das Bild nicht signiert hat, weder mit seinem Namen noch mit einer Jahreszahl. Und zweitens weil er an diesem Ort gemalt hat. Warum nicht in einer Kirche oder in einer Burg? Seltsam ist allerdings, dass ihm jemand teure Farben und Pinsel zur Verfügung gestellt hat, außerdem vermutlich ein paar Hilfskräfte, denn ein so großes Fresko kann ein Maler nicht allein malen. Also viel Aufwand, wenig Ehre. Ich vermute mal, dass der arme Hund hier gestorben ist, zusammen mit seinem letzten und vermutlich größten Werk.«

Anna sah mich spöttisch an. »Woher willst du das wissen? Hast du Blutspuren gefunden?«

»Das nicht, aber was glaubst du eigentlich, wo wir hier sind?«, gab ich zurück und ein Schauder rann mir über den Rücken, bevor ich aussprach, was mir mein Verstand schon längst geflüstert hatte. »Hast du so was noch nie gesehen? Das ist ein Verlies! Eine Gefängniszelle, zu der man keinen Schlüssel mehr braucht.«

Annas Gesichtszüge entgleisten.

»Das Gitter da oben nannte man auch das Angstloch«, bestätigte Herr Nachtmann. »Früher war es der einzige Zugang zu einem Verlies. Der zweite Eingang durch die Außenwand ist wohl erst viel später entstanden.«

Ich bemerkte, dass Cyriel mir neugierige Blicke zuwarf. »Wie sieht es denn mit der kunstgeschichtlichen Zuordnung aus? Welches Jahrhundert?«

Ich ließ mir Zeit, noch einmal alle Details des Freskos zu betrachten. Mein Vater hätte diese Antwort vermutlich viel schneller geben können, aber eine Schätzung konnte ich allemal abgeben. Nur dass mich immer noch etwas an dem Bild störte …

»Vierzehntes oder fünfzehntes Jahrhundert!«, ließ sich Anna vernehmen und deutete auf die Kleidung. »Und der Zustand ist bedenklich, wir müssten sofort anfangen, damit es nicht völlig verfällt.«

Nun, damit übertrieb sie aber dicke. Offensichtlich hatte auch sie sich mit den Tatsachen abgefunden. Brauchte auch sie Geld? Sie sah gar nicht so aus.

Fasziniert besah ich die Hände der Figuren genauer. Interessante Motive für einen Schüler Tiepolos! Unter einem Ärmel gut versteckt erkannte ich eine kaum sichtbare Armbanduhr. Ob der letzte Restaurator sie hinzugefügt hatte? In dem Fall musste er ein Komiker gewesen sein.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Ende des fünfzehnten Jahrhunderts gemalt wurde«, erwiderte ich stattdessen. »Und ich denke, der Zustand des Gemäldes ist dank der Klimaanlage recht gut. Wie lange wir etwa brauchen werden, kann ich allerdings erst nach einer genauen Befunderhebung sagen.«

»Heißt das, Sie nehmen den Auftrag an?«, fragte Nachtmann Anna und mich.

Wir nickten beide. In ihren Augen glaubte ich die gleiche Frage lesen zu können, die auch mich beschäftigte.

»Heißt das, dass wir das Honorar teilen müssen?«, sprach ich sie ganz dreist aus.

Cyriel lachte mit einem bitteren Unterton auf. »Hauptsache, das Geld stimmt, nicht wahr?«

Ruben Nachtmann lächelte, als hätte er es nicht gehört. »Nein, das ausgemachte Honorar bekommt jede von Ihnen, wenn sie den Auftrag zu Ende führt.«

Anna und ich ließen uns die Erleichterung nicht ansehen. Stattdessen taxierten wir uns – mit dem wachen Blick zweier Raubkatzen, kurz bevor sie übereinander herfallen.

Kira